Existenzialismus

Grauer Star

Grau-sam vergrault im Erwachen. Ich sehe mich um. Pans Gel verschachtelt die Räume, verschachtelt kahle Gedärme grauen Betons, Panel um Panel achteln wir Bäume, zimmern uns Wärme, dort in den Rauten, wo man einst fror. Ich trete zum Fenster, sehe hinaus, plädiere – weiß, unweiß, weiß nicht, an wen: „vergesst mir das Essen des Lichts nicht, wenn den Morgen das Grauen befällt, vorm aschgrauen Grinsen der Sonne. Öffnet mein Wehr vorm chromgrauen Meer, denn nicht umsonst, Freunde, machte ich kehrt in der Kerze.“ Ich träume: wo Mehl mir noch Zier ist, da tiefen die Falten das Alter, da schlafen die Schläfen meliert. Altern ist grau. Asche ist grau. Doch fahren wir fort. Wohin?, weit weg nur, in Regen vielleicht, ich mag ihn ja sehr, in Wolken hinein, hinein in ihr Grau, weg aus dem Schlafsaal des Hostels, weg nur vom grauen Gebäck. Ich sehe mich spiegeln. Die Rüstung aus Knochen unter der Haut deiner Stirn will nicht mehr Christ sein, sage ich mir, die Lampionaugen des Jungen aus Sommer träumen von Räumen, wo Mühlen grauesten Pfeffers das Nießen ins Hirn hineinmahlen – wo sich bretonisch das Astloch einhölt. Doch immer noch kriechen von Böden die Schatten wie Würmer aus Äpfeln mir in den Mund, und ich denke, ich singe, vertone den Staub, köpfe die Knospen vom klebrigen Kleeblatt und juck mir den Kopf voll kratziger Haare. Denn das Hirn schlief mir ein.
Ein Bild an der Wand. Rothkos Lungen aus Farbe im Dunkel der Körbe. Ich weoß: wir Eingesperrten. Wir Gefängnisse. Und immer noch atmen wir, die Grenzen sind hingeschmiert, wir dürfen immer noch leben, gegen das Grau – sind immer im Dürfen. Aber –
Water, Lou. I need water! Ich lausche: „Wir kennen einander“, sagt der Ast zum gemahlenen Stein in den Häusern, „was alles täte ich bloß, dich wieder zu sehn!“. – Doch ein Sakko weht, verlassen, dort, beim Ballustradengemeißel darunter, jenseits des frierenden Flusses. Flugzeug an Flugzeug verbirgt sich, stählern im Stahlgrau des Himmels, und Hupen wellen den Tag. Depression ist im Winter ein Park, ein Park im Winter ist sie. Und ich sehe da Möwen ohne das Meer, ein Meer an Möwen ohne die See, ein Meer aus Möwen in Luft, ohne ihr Salz – eine siedende Siedlung im Himmel. Und ich streichle mir meinen Brustkorb, den man mir mitgab zum tödlichen Picknick des Lebens – und gebe mich auf.
keine wende also am ende, gefangenheit bloß, wer fängt hier wen, wer fing mich denn bloß, wer fing mich an, wann fing ich an, fing ich denn an? – das grauen des schreibens zwischen tintenzerklecksen und blancopapier, worein nun noch schreiben, schreiben in hitzige wüsten, schreiben in körnigen sand – wer ist der wind? ES GIBT KEINEN WIND, ES GIBT KEINEN HIMMEL, ES GIBT KEIN KIND, die wüsten sind fern. und grau steh ich hier im fenster des morgens, weiß nicht, ob ich sehne, und nag mir am nagel, suchend nach resten von essen aus anderen leben, essen, das mehr als graues gebäck ist.

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Existenzialismus, Uncategorized

Kyra

[aus einem alten Jungen, das sich gerade gen Zukunft entschält: mein Entscheidendes seit Jahren]

 

Hinter jedem Fortschritt zerbricht die neue Welt; hinter mir bröckelt schon, was ich eben erkämpfte; die Massen unterwandern, unterspülen es, und ein Riss ist das „Hinter mir“ – aber ich muss weiter; es gibt kein Zurück (worauf man zurückblicken kann), noch Richtung, nur: immer vor, von Hoffnungslosem zu verlorenem Posten, zwischen Trümmern, Wracks, Brandfeuer hindurch, eingepfercht – nur weiter, den Rücken nie gedeckt, ein einziges Stolpern in die Frage „wohin“?, immer mit dem Ziel: „fort!“, fort, denn „ich darf hier nicht sein!“ – nie durfte ich – und nirgends – und keine Pause wird vergönnt, ohne Kampf fällt man zusammen, doch nicht als Mensch, als – Asche –

Was man mir vorwirft – wie Lumpen vor eine Aussätzige: „du kannst nicht mehr unbeschwert sein.“ Der Vorwurf, die Frage: „wohin soll das Ganze noch führen? Du wirst doch unglücklich bleiben.“ Als Nachwurf die Antwort: „denk doch mal nicht so viel nach!“

Was ich zurückwerfe: ihr, eure Welt, euer Handeln beschwert mich, lädt meine Schultern voll Schuld! Nirgendwohin soll etwas führen; stattdessen: dahin will ich gehen, dass, wo ich sein darf. Meine Antwort: dessentwegen muss ich denken: weil ich heraus will ohne Konformismus, weil ich glücklich sein will und trotzdem frei.

(Weil ich wollen dürfen will, und Willen will für jeden.)

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Not-wendiger Schrei, Uncategorized

Not-wendiger Schrei

Es ist immer wieder erschreckend, dass nicht jeder täglich schockiert ist, bezahlen, Geld haben zu müssen einzig dafür, überleben zu können: nicht bereits beseitigt zu sein in all der Zivilisation.

Denn ohne den Konformismus des Verdiensts ist man schon gestrichen als Leben, man braucht es gar nicht mehr zu werden – der sekündliche vorauseilende ausgetauschte Anteil aller an allem entlastet das System selbst davon, aktiv werden zu müssen. Strukturelle Gewalt wird täglich gegen jeden ausgeübt, und nur wer hinreichend liquide ist, nur der hinreichende Arschkriecher, nur die Gewalttäter selbst müssen aktualiter nicht darunter leiden – und nur aktualiter. Die Drohung steht hinter jedem Eck der Zeit, deren Ideologen sie als Linie aufzeichnen. Doch sind diese nichts mehr als die Verdränger des Körpers und seines gründlichen, seines gründigsten Bedürfens: daher ihre Religion. Denn Zeit ist kein Strahl und kein Fluss – unser Körper braucht von Stunde zu Stunde und von Woche zu Woche, er bricht andauernd den uns eingeredeten „Fluss“ und erhebt seine sprachlose Stimme – und wie viele sind beraubt selbst der sprachlosen Beantwortung seiner! Denn sie sind beraubt, wir alle, immer schon, es ist Raub, es ist Diebstahl, stets nur auf Kredit zu bleiben, am Leben bleiben zu können, und andauernd in Angst, es nicht bezahlen zu können, für seinen simpelsten Willen – zu sein – nicht genug Geld zu haben, sich ohne es, ohne diesen Gott, den Mammon, der über Leben und Sterben bestimmt, bereits postmortem zu fühlen. Wir sind immer schon des Lebens beraubt und gehen nur betteln in den Arbeitslagern unseres Landes, um Fortbestand zu erflehen, „Lohn“, für ein paar weitere Züge aus Atem. Und dafür blind und nicht der Struktur, sondern nur ihrer momentanen Gewalt entwichen zu sein geht nur, weil das Gewissen, der Wille, die Wahlfreiheit längst von einem beseitigt sind – von einem selbst – beseitigt werden mussten – Kollekten des Raubs. Es braucht keine Handlung des Systems mehr, nur eine Unterlassung des Systemkonformen (dessen erstmals entsetzter Insassen), um ausgelöscht zu sein – derart ist man gespannt in die Struktur, derart auf der Streckbank, dass man täglich bestechen muss, nicht zerrissen zu werden von der Maschine, der man den eigenen Körper verpachtet hat, an die man verpachtet wurde schon mit der Geburt, an die man verpachtet ist seither und für immer. Doch sobald man mit dem Kopf schüttelte, wäre einem das Wasser entzogen und der Stuhl unter dem Galgenstrick und man baumelte und durstete schon: es wäre eine Frage weniger Tage! Und all das, dieses eine wenige, jenes System steckt hinter allem Fair Trade und Bio noch – hinter allem, als nichts weiter denn Kapitalismus: im Zwang, seinem Mord vorzubeugen, sich zu versichern noch und nur, nur, ausschließlich mit dessen Mitteln. Denn selbst dieser wenigen Macht über das eigene Leben, der prinzipiellen Kompetenz, seinen Körper vorm Verenden zu schützen, selbst ihrer ist man privatisiert, beraubt – und ihrer als erstes, und ihrer radikal und ganz und von vorne und stets. Und so reduziert zum Mechanismus dieser Maschine, die augenblicklich Tötung einleitet, schon eingeleitet hat, bereits von Anfang an, dreht man sich nicht genug mit im Kreis als Rad und Räderer – so gehen wir durch die Straßen und lecken die nackten Models von den Litfaßsäulen und fressen die Wünsche der Leinwände in uns und wollen nichts sehnlicher als Werbung befriedigen mit unserem nächsten Konsum, der uns versklavt wie alle vorigen, der uns noch die ständige Drohung lieben, den Terror des Marktes vergöttern lässt.

Doch in aller Ideologie und wegen, bloß wegen ihr, nur minimalst entfernt – es bleibt: es ist erschreckend, es macht Angst, dass nicht jeder täglich bestürzt ist, bestürzt um sich selbst und den Rest, bezahlen, Geld haben zu müssen einzig dafür, überleben zu können: nur, um nicht bereits beseitigt zu sein – in all der „Zivilisation“.

von Lukas Meisner

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Ästhetik, Existenzialismus, Literatur

Gewalt

Ich spüre meinen Schädel. Meinen Kiefer. Die knöchernen Platten, die sich seit dem Kindheitsalter verhärteten. (Darin seither die Erhöhung der Temperatur für mein köchelndes Hirn. Liquidierung.) Den Zusammenfall der Wangenhaut. Das Versteck der Augen. Das Versteck, das Besteck ist, Verstecke zu entstecken und getrennt voneinander aufzustellen: ins Gesicht der Sonne. Nur die Ohren sind fort in unserem Spüren: wir sind ohrenlos. Der Eingang der Trommelfelle ist vernäht. Unsere Lider hängen taub umher. Die Haare liegen trocken, fremd. Unsere Schläfen sind verkeilt, aber sie schmerzen noch nicht. Der Nacken zittert immer. Kurz: unser Kopf ist verkopft. Wir sind Existenzialisten. Wir glauben nicht ans Phänomen. Wir müssten trotz allem schwindeln – hielten wir uns für fest. Wir halten uns nicht. Wir hielten nie – nichts zurück. Wir sind Aufgehende, unser Fleisch eine Blüte. So fühlt es sich an im Rücken. Aber wir sehen nicht hinter uns: wir wissen, dass dort der Abgrund gründelt. Wir sind zu grundlos, um noch den Abgrund zu spüren. Wir spüren nicht, wir spuren nicht, wir sind zu zergangen, um je zu vergehen. Wir sterben schon. Immer. Wir sterben zu Staub, doch sterben wir stets über Asche hinaus. Wir sind grau und das Grauen. Wir sind die Morgen aus Gräue. Wir haben keine Heimat. Wir kamen nach der Fäulnis. Nur unsere Stimmen sind sehmig geblieben. Wir nagen am Knust unsres Körpers, der leer ist. Hunger war uns die Fremde. Nur Freunde kannten wir nicht, sonst alles. Heute ist Freundschaft uns Brandmal und Gastmahl des Herzens. Und wir sind herzlos. Ein Loch haust uns unter den Rippen. Wir füllen nicht länger das Fass ohne Boden. Wir sind wie Trinker trocknen Humors. Bloß trinken wir nicht. Bloß Blöße blasiert uns. Kommt mit uns – oder bleibt in den Höhlen. Doch glaubt nicht an Licht. Es gibt es nicht. Uns gibt es.

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Kunst, Literatur, Postmodrig

Im Norden des Körpers

Schüttelfrost als Suche im nähesten Umkreis, immer noch trockenere Eishände, den Kopf zwischen den Scheuklappenschultern, weiter durch die Grelle des Morgens. (Warum sind die Straßen sandig?) Die Schritte stumm stellen, dem Konzert aus schmerzenden Muskeln lauschen (der Bauch so voll: woher?), die blaublütigen Fingerspitzen zucken in Zeitlupe, während der Ellbogen eine Tür aufdrückt, Cafégeruch lädt ein?, stößt fort?, keine Kraft zur Entscheidung. Ein Getränk bestellen im Vorbeigehen (sind Beine Fluch oder Segen, die Fernhalter vom nassen, vom rauen, vom wärmenden Boden?), Bohrinsel Bistrotisch ignorieren, Inselsuche.

Sitzend.

Dieses Café: Heimat – Rettung – Grab – Pause – Schicksal – Zögern. Jedenfalls: kein Schritt wagbar im Grellen: nicht mehr. Das Tütchen aufreißen, den Zucker verfolgen im Schlitz, verfolgen mit Augen. Raffinerie auf der Insel, dann Pompeji, Tee sabbert aus seiner Tasse. Die Kellnerin nuschelt, es tut ihr irgendwie leid, Zucken schultert mir Mut. Schultern Zucken über dem Zucker, es sind meine. Verteilter Schmerz, jede Zelle streckt eine Hand aus ihrer Membran, auf der Suche nach Schlaf, Schlaf… Schlaf. „Wo bleibt der Regen, der mir mit Unsicht die Brille verhügelt?“ Doch – nicht allein im Café; nicht umzingelt; zu kleine Scheiben verbannen die Grelle. Zwei ältere Damen, die Falten im Kaffee gespiegelt, das Alter, geröstet, gemahlen, – hängen geblieben: im Filter der Haut. „Die Adern in meinen Händen dünn geworden, magersüchtig, versteckt in ihren Betten, unter organischen Decken.“ (Das Hirn klopft nur sacht an meinen Schädel.) Der Tisch wackelt, die Insel, ihr Himmel wäre mein Kopf. Warum, wohin, seit wann deportieren wir unsere Hoffnung? (Ängste sind kurzsichtig.) Hätte ich einen Stift zur Hand, ich lackierte mir die Nägel. Sand, Zucker zwischen den Fugen: das knistert. (Wie kommt mir mein Stonehengegebiss in den Sinn, in den Mund?) Die Zeit zieht jedem die Zähne. „Ein Nagel, der aufwachte, der aus dem Bett stieg, der demonstrierte“ – alles drückt man zurück in die Federn, die nicht mehr fliegen können. Und im Bett liegt der Sand zerstreut… (ANGST) Womit noch zudecken? Mit Blumen. Die Erde ist nicht einmal nass hier, wann regnet es? Bedenken, die Zunge zu verbrennen, am – Tee? (Ist das da Tee? Er ist so kalt.) Wie kann der Knöchel des Daumens derart stehen bleiben in Luft? (Wie kann irgendetwas stehen?) Ich sitze im Café, ich liege im Bett, in Sand, Zucker, Asche, Grelle, Risse: wohin? (Eine Scherzfrage des Geistes, der Geist wurde, Gespenst, der Witze nicht mehr versteht, der Sprache davonrinnt.) Zermahlene Zähne, gesiebt durch den Filter der Häute, gezuckerte Venen, blutlos, ganz Insel geworden –. Zögern, Schicksal, Pause, Grab, Rettung, Heimat, Zögern, Schicksal, Pause, Grab. Gezuckerte Venen.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Postmodrig

9. Januar (2014) […]

Morgennacht

du solltest immer genau das tun, was du gerade kannst; du weißt es nicht; du solltest immer genau das tun, was du gerade willst; du weißt es nicht; du solltest immer genau irgendetwas tun; du kannst es nicht; du solltest versuchen; du kannst es nicht; du darfst auch nichts tun; du kannst nicht dürfen; ich liebe dich; – danke

müde rasseln die leiber, vorzüglich schachmatt gesetzt, gelegt, gestellt, ist da eine stelle frei in dem amerikanischen vollwertrestaurant?, doch kalt ist mein zimmer, ich sollte mir danken für den quadratmeter luft, den ich mir baggerte, danke, kafkas schloss ist aufzuschließen, ich habe die schlüssel, doch welcher?, eine heizung allein inmitten der kälte, nicht einmal wände, die ihr in den rücken fallen, eine heizung allein inmitten der weite des raumes, eine heizung, die heizt, ein mensch, müde rasseln die leiber.

Scheiben sind angelaufen, ich lief sie an, schlafwandelnd, und küsste den tauwind direkt vor dem glas, synekdochen als denkmittel, das buch über der kante, mein selbstporträt, nur darum ernst genug, nietzsche mit partyhut, daten sind abgelaufen, ich lief sie ab, staffellauf pflicht, dauerlauf vorsicht, es geht weiter, es muss weiter gehen, „es“ ist der name des lebens, „es“ muss gar nichts, „es“ regnet und „es“ ist gut, aber „es“ muss nichts, wir sind nur manchmal aufgelaufen, ich lief uns auf, die wunden und löcher und maschen, ich lief mich auf, schlafwandelnd, küssend den tauwind, nur indirekt, der vor dem glas ein pendel anleint, das schwindelt, hin und wieder und her, und die ärmel sind immer zu kurz für das mondbein, hände zittern mir aus dem futter, futter ist nie genug da, kein vorrat reichte je aus, winterschlaf ist zu teuer, und weiter, es war lange keine leichtigkeit im sein, und weiter, und weiter auf dem pendel das gleichgewicht halten, das gewicht halten, das gewicht spüren, es ist wieder leichtigkeit im sein, hin und wieder und her, „es“ ist der name des lebens.

Es ist gut, dass schuhe keine augen haben?, es ist gut, „es“ ist der name des webens, das sohle und quartier wieder ineinander quartiert: schnürsenkel die enkel des klettverschlusses in den augen der kinder, die wachsen, die ihr klettensein verlieren oder verteilen, transferieren, die ihre widerhaken verhärten, nicht mehr kleben, die zu heften beginnen, zu bohren beginnen, die mit dem gin trinken anfangen, wenn sie nicht ganz verderben, die derb werden, wenn sie nicht ganz verderben, die das fangen lernen anfangen und sich fangen lassen, wenn sie nicht ganz verderben, die das „wenn“ lernen, die das weben als schmerz kennen, die sich fortquartieren, die sich in ihr quantum einquartieren, die den schmerz lernen, die sich falsche geschichten erzählen, die noch immer kinder sind, es ist ok, schuhe als augen, die uns die füße schonen, augen behindern das fortkommen, fortkommen wovon?, vom verderben, es ist ok, „es“ ist der name des webens.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Literatur, Politik

Wohin, w/Weg?

Ich rieche die Seife, die zwischen meinen Fingern sitzt, blasig. Wer wäscht sich gründlich die Hände? Wir sind immer nur voll von Gestern. Damit soll Schluss sein.

Kaum sind die Äcker bedeckt. Schwarz liegen sie da, als absorbierten sie den Himmel. Himmel, Vögel, Bäume, Böden, Horizonte – Landschaft und graue Stadt: was soll noch darüber geschrieben werden? Den Bestsellern gehöre Fantasia. Marktwirtschaft! Lass dir Utopia schmecken. Ich bin auch nicht mehr sauer. Selbst bitter kaum mehr.

Ich habe Kippen gekauft – zünde mir zwei an. Zum ersten Mal ein gutes Gewissen. Ich fahr mir durchs Haar und tätschel den Funken Stolz, der sich der Schläfe entwindet.

Eine Raststätte später. Ich halte erneut an, schlafe zwei Stunden. Nackenschmerzen wecken mich auf. Es ist kalt. Kristalle bedecken die Scheiben. Als ich mir einen Kaffee hole, sehe ich, dass Flocken fallen. Es dämmert.

Ich „hole“ mir nicht bloß den Kaffee. Das ist euphemistisch. Ich muss ihn auch bezahlen. Ich brauche Geld. Unterstützung oder Erbe oder „Arbeit“.

Ich brauche meinen Pass und meinen Führerschein.

Ich kann genau so viel hinter mir lassen, wie man mir erlaubt. Der Umfang der Polterkugel steht in ihren Büchern. Nur Luke war je lucky. Frei sein wie ein Vogel? Vogelfreiheit. Ich zerquetsche die Glut auf der Karosserie, sobald der nächste Stängel brennt.

Wer hat mir das Feuer geklaut? Ich wende den Blick ab von der Werbetafel.

(Ich hab es nicht verloren.)

Ein Auto zerfährt meine Spuren. Ich folge ihm mit den Augen, nicke ein. Winterschlaf der Gerechten.

Manchmal, wenn es die Nacht durch schneit, sieht man keine Straßen mehr am nächsten Morgen. Frühaufsteher und Räumfahrzeuge sind nötig, um an Ziele zu erinnern. Ewig-alte Routen durchstoßen Jungfräulichkeit. Ich hasse das Wort. In wessen Dienst steht die Dämmerung?

(So viele etwas schwachsinnige Fragen, ja, was kann ich dafür, dass mir die Sinne geschwächt wurden? Man erzog mich katholisch.)

Die Lichter sind glitschig auf der ängstlichen Fahrbahn. Wie entkommt man der Sprache seiner Mutter?

Wie entkommt man?

Will ich es?

Wenn mein Hass nur so konstant, so durchfühlt wäre wie gerade.

Vielleicht wollte ich wieder leben?

Vielleicht wollte ich wieder lieben, mein Gott. Vielleicht auch endlich nicht mehr. Vielleicht könnte ich wollen, ohne zu brauchen.

Ampel. Alles rot ringsher. Ich fahre die Scheibe herunter; sie klemmt erst. Mein Finger knipst einen Zapfen vom Außenspiegel. Könnten wir auch Bräuche so abbrechen. Alles Gebrauchte. Alles Brauchen.

Könnten wir?

Hinter mir hupt es. Die Ampel steht grell im eigenen Grün.

 

[aus WEG – ein Abreisetagebuch]

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Autoparodie, Inspirierendes, Ironismus, Literatur, Lust(-iges) & eROTik

aus „Meinen Einsamkeiten“

Es ist ein schöner Herbstabend im Frühling, wir haben es Winter, und der Schnee, der dieses Jahr nicht fiel, schmilzt noch immer, hört ihm also nicht zu. Es ist, es ist, es ist, außerdem, es ist ein rotes Restaurant, um mich herum, sozusagen. Aber es isr, es ist eine Brasserie. Vielleicht korrigiere ich mich auch in Zukunft. Um mich: die Wände gepolstert mit dem Licht der Straßenlaternen, kein Klischeelicht (deshalb behaglich, sagten Augen einmal). Ich bin mit einem Menschen, ich scheine ihn sehr tollwütig zu lieben, weshalb ich ruhig bin, sein kann, jetzt, wo er hier ist. Er, dieser Mensch, er hat die einzige Nase dieser Welt, die keine Lächerlichkeit ist, ich finde vieles lächerlich, eben aß ich die erste, und es wird sich herausstellen, ich tue es jetzt schon, die einzig schmackhafte Olive. Das fesche Mediteranenbukett, ein wenig bitter, etwas salzig, mit Nusspartien im Hintergrund, steht vor uns. Die Geschichte beginnt schon, mich zu langweilen, aber ich bin stärker als das Lustprinzip, ich bin stärker als das, was ich nicht will, ich schreibe fürder, noch eine Weile, so soll es sein. Die Olive war überdurchschnittlich nur in dem Bukett vor mir, genereller gesprochen indes mäßig, so ist es mit dem meisten. Hingegen, Nase und Olive haben eine ähnliche Farbe, vor allem im Wein, der unter den Kinnladen zweifelt. Meiner ist delikat, nicht so jener, der mir gegenüber auf einem Bein steht. Ähnlich die Nase dessen, unter dem er liegt im Glas, Mensch, meine Grammatik, ich durfte sie zwei Mal probieren, also, die Nase, und ich zähle nur bis jetzt, wer weiß, was noch passiert heute abend, ich greife vor, das geschah schon. Jenes Teelicht vor uns, vor Nasen und Kinnen, ist ein wenig ein Feigling, das haben wir gemein, ich meine uns alle, mit der Ausnahme des Lesers. Der kann keiner sein, und strengte er sich noch so an, denn er existiert nicht für mich. Während die Leserin durchaus als Feigling fungieren kann, sonst hätten die anderen Oliven vielleicht geschmeckt, aber über Geschmack sollte man sich streiten, das ist köstlich, köstlich wie nur eine Nase in der Welt. Vor dem Fenster laufen ulkige Figuren, sagen die Leute draußen, sie sprechen ein wenig anders, und müssen wohl die Kellner meinen, ich fühle mich nicht angesprochen, sitzend. Soeben habe ich mir den Kern der Ausnahmeolive ins Knopfloch gesteckt, das ich lange suchen musste, bevor ich es nicht fand. Der Mensch mir gegenüber hat auch ein Loch, eines, das ihn unterscheidet, meine ich, ich meine, manche glauben das. Dies nur, weil manche Leser, nichtexistierend, kein Detail verpassen wollen. Ich kann solche nicht ausstehen, sie seien unmöglich, hätten nun andere geschrieben, aber nein, Sie sind wunderbar möglich, ohne Wunder, und das ist ein Verbrechen in dieser Welt, Sie, Leser. Die letzte Olive, kommt mir in den apprehensiven Sinn, könnte ein Popel sein in der Ausnahmenase, ein Ausnahmepopel. Ich war schon satt, aber das macht mir wieder Appettit, mir geht es immer so, ich weiß nicht, weshalb, welch kümmerliche Frage, nur Geranien mögen sie winseln, und andere Unterblumen, doch sie stinken, wie der Rotwein vor mir, er ist delikat, das ist ihr Privileg. Um genau zu sein, jeder Rotwein stinkt, aber dafür kann ich auch nichts, wie für so manches, na ja, „na ja“ hat der Mund unter der Ausnahmenase jetzt gesagt, das bezieht sich wohl auf die Geschichte, die ich ihm, oder vielmehr, den Ohren etwas weiter oben erzähle. Ich weiß nicht, ob er unsere Geschichte hier meinte, ich bin da skeptisch, vermutlich eher deren Subtext, oder wie man dergleichen nennt, fragt mich. Das Wachs im Feiglingswindlicht zischt, ich rate, es will uns etwas sagen, es beleuchtet die Nüstern der Olivennase, und meine, jener gegenüber, sie ist ein besonders ästhetischer Knubbel, und beherbergt meine größten Schätze, ich hatte noch keine Gelegenheit, sie zu ergründen. „Na ja“, sagt der Mund erneut, oder ich wiederhole es nur, dergleichen kann man nie wissen, Derrida, der Geschichtsonkel, packt die Gespenster aus, während jener na-ja-Mund wirkt wie eine beschämte Kaffeebohne, „unerhörte Metapher“, sagt er nun, aber das stimmt nicht, die Ohren hören gut, in ihnen stecken wenig wunderliche Hörgeräte, sie hören nämlich gut, denn sie hören gut, das war dreifache Bejahung, jetzt wird’s kompliziert, also fahren wir fort. Die Ohren können nicht gut hören, wegen den Hörgerätschaften. Als werde er geröstet, verzieht sich der Kaffeebohnenmund, als Rost dient das Feiglingsteelicht, ich hasse lange Worte, aber nur, wenn ich ein kaugummikauendes Känguru bin, was andauernd vorkommt. Wie schade. Ferner, ich hasse Hüpfen, der Alliteration wegen, Weitsprung. Es ist aber auch möglich, dass ich alles, was ich liebe, hasse, mindestens ebenso sehr, denn 34 ist eine magische Hängebrücke, zwischen dem Festland 33 und der Insel 35, wie ich einst herausfand, dabei suchte ich gar nicht, das ist ein alter Trick, ich weiß nicht. Die Ausnahmenase rümpft sich, eine athletische Hochleistung, solch Sonderliches sah ich nie, vor allem freitags, die Nase bleibt indes anders, deshalb liebe ich sie, das war ein schwerer Wert mit viel Bouket, wir brauchen eine Karaffe. „Na ja“, spricht die Kaffeebohne, das heißt, ich glaube, ich bin da stehen geblieben, war ja auch Zeit, um eine Pause einzulegen, dabei sitze ich, derselbe Witz, und wieder nicht gemerkt, Sie?, nun, was entscheidend ist, wie ich schon beschrieb, dergleichen nenne ich von nun an ein schlechtes Wortspiel, „mir wird auch schon schlecht, ich glaube, die Oliven waren es, schlecht eben, und die Welt ist es sowieso“, sagt ein Mund, ihr könnt euch aussuchen, welcher, das Gesagte passt zu uns beiden, ich meine, der Sonne und dem Mond, das war etwas hoch gegriffen, schlechtes Wortspiel, „erzähl was Neues“, ergänzt die Kaffeebohne, sie ist gut darin. Der Feigling zittert wie eh und je, was, wer, wo, wann sind denn eh und je, das ist wichtig, ich schweige dazu, sollen sie sich selbst erklären, wieso auch. Ein Deshalbdessert gäbe mir jetzt nämlich den Rest, wie immer, wovon den Rest, Fragen sind langweilig, wie ein Stein im Auge des Gesteinigten, streichen wir das wie, und das wir gleich mit, Streichen ist Konzeptkunst. „Wie viele Schichten hat eine Geschichte?“, frage ich plötzlich, aber nicht mich, das hat mich jetzt aber gar nicht überrascht, vielleicht, weil es eine neue Frage ist; das war, was man arrogant nennt. Die Bohne lispelt übrigens ein bisschen, schön, ein wenig wie Gischt, venusesk, ich schließe darin, in dem Lispeln die Augen und vergesse meine eigenen Lider, was schließlich so ist, als sähe ich wieder, man kann nie entkommen, wieso auch. In der Bohne mahlen die Zähne, nur ihr Gehäuse ist braun, ich meine die Lippen, weiches Gehäuse, entschuldigung, das war erotisch, ich muss kurz aufs Klo, man darf das ja nicht in der Öffentlichkeit machen. Ich freue mich schon auf den Sex in der Kirche, lasst uns den Lendenschurz heben, ich meine den Jesu, dann haben wir eine Orthogonale vom Kreuz weg, einen Kreuzweg, seit Christus. Die Ausnahmenase schnaubt, ich esse die zweite Olive, die schmeckt, sie schoss aus den Nüstern, wie in einem Actionfilm, nur weniger realistisch. Über der Bohne, irgendwo, sitzen die Augen, deren Weiß bei meinem Gegenüber, er ist ein Mensch, das könnte sich als fundamental erweisen, aus Versehen beige ist, eine französische Farbe. Man kennt sie, man erkennt sie, wenn man ein teigiges Baguette aus dem Ofen zieht, und es bricht, in dessen Mitte, da, da, da, da, da, da griemt lüstern das Beige. Ja, ich weiß, langsam nimmt der Mensch, dessen Knie an meinen reiben wie mein Herz an meinen Rippen, nur ohne den Schmerz, Gestalt an, hätte er sie nicht längst, ihr Tölpel, oder wie man das schreibt. Selbiges tut mir freilich auch leid, selbstverständlich, was, weiß ich auch nicht so genau, welch eine Frage, vielleicht mehrere. Ich habe für dergleichen nur Kopfschütteln übrig, meine Nase Verachtung, dann wölbt sie sich bedrohlich, Häretikerin, fast wäre sie mir abgefallen, das war knapp, ich muss in Zukunft schlechter aufpassen, auch hasse ich Oliven, außer Popel. „Sie gleichen Indonesen!“, schreit ein Rassist neben uns, wo kam der denn her?, saß wohl schon ewig dort und tat so, als sei er zivilisiert, welch ein Normalfall, ich sah ihn bis jetzt nicht, so gehe ich seit heute mit ihnen um, denn das hilft in der Tat genauso wenig. Wie in der Theorie! Ich nicke negierend und spucke ihm einen Kern ins Auge, er schreit schon wieder, man kann es welchen wie ihm auch nicht recht machen, so rechts man schon zu sein versucht, dabei versuchte ich nichts, und alles, bis morgen. An dieser Stelle will ich vorschlagen, man setze den Rassisten in meine Metapher mit dem Sehorgan der Gesteinigten, das gibt ein Bild! Aber zurück, zurück von den Zurückgebliebenen. Der Wein ist ausgetrunken, müffelt nur noch ein wenig vor sich her, ich will ihm sein eines Bein absägen, das erinnert mich an Otto Dix, „mir fehlen die Worte“, sage ich, „Fehlen ist ein Euphemismus“. Die Kaffeebohne spielt mit dem Feuer, doch der Feigling geht, er geht aus, er zieht sich aus, aus dem Raum, fort, als Rauch, oder Diskonebel, der Club ist im zweiten Stock, der an unserem Tisch lehnt, wie der erste, wir humpeln beide, das erinnert an den Einen, kennt ihr nicht. Ein Tropfen war doch noch im Glas, ein Widerling, ich habe ihn gerade wieder ausgespuckt, zusammen mit dem Kern, das waren anderthalb Referenzen, den Rest vergaß ich, vorgestern vielleicht. Dieses Grün in dem Beige gegenüber!, es gruselt wie die Sonne durch die Wasseralgen der Karibik, wo ich nie war, also was ich sagen will die ganze Zeit, das alles, das alles ist unbeschreiblich. Schade, jetzt habe ich die Pointe verraten, ich bin aber auch ungeschickt, so lange schon kannte ich sie nicht, und dann platze ich einfach so heraus damit, das ist widerwertig, ja, wie mein Herz, aua, es rächt sich, das meinte ich, nein, Fehlinterpretation, es war der Rassist, wir befinden uns in einer Straßenschlacht, das ging ja schnell, ich habe also gewonnen, aus Glück natürlich, nein, danke, keinen Wein mehr, Betrunkene können nicht laufen. Die Haare neben den Algen sind ganz hervorragend, ich meine hinter den Ohren, und kurz wie ein kleiner Finger beim Schlafwandeln, warum auch nicht, ich weiß nicht, ich bin kein Friseur und schlafe schlecht, wie die durchschnittliche Olive, ganz genau, wir liegen immer daneben, selbst beim Sex, ein schlechtes Wortspiel schon wieder, „schlecht wie die Welt“, und da zittert die Kaffeebohne wie bislang der Feigling, vielleicht war das Teelicht auch wütend, ich würde ihm alles zutrauen, wie niemandem, dafür unterschätze ich jeden genug, außer mich, ich, ich, ich, ich bin Genie, die Knie an meinen malmen, es ist Zeit für die Kirche, warum lassen sie die nachts nicht offen, nun werden wir einbrechen müssen, das gefällt mir, das ist Anstiftung zum Gesetzesbruch. Vielleicht sollten wir auch hier, am Tisch Liebe machen, aber das tue ich ja schon andauernd mit der Hand am Stift auf dem Block. Wir rufen den Kellner, bezahlen nicht, und gehen.

Hörgeräte fallen aus Ohren, Algen brennen im Wasser, Bohnen platzen Schreie heraus in die Hitze, Knie reiben weniger, erschöpftes Zittern, Beige verblasst. Zuletzt atmet nur noch die Ausnahmenase. In der Kirche, nach dem Sex, löst sich Jesus vom Kreuz, um den Lendenschurz zu wechseln, morgen könnte Sonntag sein, da macht das Leiden wieder Spaß. Oder er kommt auf uns zu; umarmt uns; und verlässt das untergehende Kirchenschiff: ein Traum wird wahr. Wir schlafen auf dem Altar, als der Dämmer beginnt.

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