Autoparodie, Existenzialismus, Kunst, Philosophie

Kreis, Wüste, Schale

Es gibt Mauern, die konnte ich nie überwinden. Ich bleibe drin – lasse das gute Wetter draußen. Die Größe der Stadt hat mich nervös gemacht, zusammen mit meinem Überschuss an Energie. Energie! Nach der Scheidung, vor Zuleika hatte ich sie im Kreis laufen lassen, und niemanden in diesen hineingelassen. Das war erwachsen, das war Ansprüche aufheben, allen Mut verabschieden: totale Kapitulation. Wo es schon keine Ausgänge gibt und keinen Ertrag auf irgendeinem Fleckchen – wieso nicht gleich stehen bleiben? In den Sterbestuhl legen, etwas Morphium in die Venen und – ruhig werden. Die Verliebtheit hat diesem Kreis ein Leck verpasst. Jetzt braucht Energie wieder eine Richtung. Sie will, dass ich ihr einen Kanal baue, um wieder so intensiv, so extrem, so implosiv zu werden wie früher. Ich war nie ganz kompromisslos, doch gab es immer Stellen, an denen ich nicht locker ließ – ganz fest saß oder hing oder klammerte ich in deren Schluchten.

Indes, die Scheidung hatte ihre Gründe.

Sagte ich es schon? Mir fehlte es nie an Energie – nur daran, sie sinnvoll zu investieren. Sie in ein Ziel zu stecken und zu stecken, bis es platze, wäre ein Leichtes gewesen, hätte ich an eins glauben können. Aber ich kann nicht. Es gibt kein Exil. Es gibt nur die Wüste und die Fata Morgana. Sie im Blick, lässt sich hoffen, morden und glücklich sein – im trauten Heim. Aber für die Spiegelungen des Nichts bin ich erblindet; Halluzinationen hat man mir verweigert. Dabei bräuchte ich nur irgendeine Schale, in die ich mein Blut nicht umsonst werfen muss.

Früher waren es die Körper von Frauen: war es die gesellschaftlich bezeugte, gezeugte Liebe. Das Blut war mein Ernst und mein Sperma und meine Zärtlichkeit. Es war mein sexistisches Geben. Aber so einfach ist es nicht und nicht mehr. Schon vor der Scheidung nicht. Ich wüsste weder, wie noch einmal lieben, noch, wen ernsthaft ernst nehmen. Und obwohl beide mir fast identisch sind, fehlen sie mir doch unabhängig voneinander: die Liebe und die Kompetenz, die Kapazität, die Fähigkeit, nicht nur ernst zu sein, sondern ernst zu nehmen. Dass mir das Nehmen derart verwehrt ist, liegt am Diebstahl, den man beging an mir.

Ich sage: kein All, kein Meer, kein See – kein Teich, kein Eimer – eine Schale reichte mir! (Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich glaube es. Wie wissen, was nie eintrat? Wie es schon vorher des Raumes verweisen?

– – Nie.) Eine Schale, nicht einmal gefüllt – ich bin kein Verdurstender, ich muss nichts in mich reinzwingen – nur raus aus mir!

– Nein. Das alles ist nicht dramatisch. Bloß nicht leicht. Und nicht kleidbar in dieses Sprachkostüm, das immer nach nichts aussieht oder zu bunt ist und zu antiquiert.

Und doch, es muss sein: wenn wenigstens die Nähte der Narben platzen könnten, um mich zu entlassen in etwas, das bedeutend war, vielleicht wieder werden kann. Aber was einmal verspielt ist, holt der Ernst nicht mehr ein. Herr Ernst, seine Miene eine Mine, die nie hochgeht.

Wo waren wir? Bei der Schale. Eine leere Schale. Man muss sie mir nicht schenken, nicht hinhalten, ich kann um sie kämpfen oder nach ihr jagen. Doch bräuchte ich eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sie gibt – irgendwo. Und die habe ich nicht. Nur Wüste.

Ob ich mir aus dem Sand und meinem Speichel eine töpfern könne? Das ist es ja, was Schreiben versucht. Wir scheitern immer nur die längste Zeit.

(Liegend in der Schale unsres Horizonts.

Es gibt Mauern, die kann kaum wer überwinden.)

 

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Aus der Erzählung Scheidung.

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Autoparodie, Inspirierendes, Ironismus, Literatur, Lust(-iges) & eROTik

aus „Meinen Einsamkeiten“

Es ist ein schöner Herbstabend im Frühling, wir haben es Winter, und der Schnee, der dieses Jahr nicht fiel, schmilzt noch immer, hört ihm also nicht zu. Es ist, es ist, es ist, außerdem, es ist ein rotes Restaurant, um mich herum, sozusagen. Aber es isr, es ist eine Brasserie. Vielleicht korrigiere ich mich auch in Zukunft. Um mich: die Wände gepolstert mit dem Licht der Straßenlaternen, kein Klischeelicht (deshalb behaglich, sagten Augen einmal). Ich bin mit einem Menschen, ich scheine ihn sehr tollwütig zu lieben, weshalb ich ruhig bin, sein kann, jetzt, wo er hier ist. Er, dieser Mensch, er hat die einzige Nase dieser Welt, die keine Lächerlichkeit ist, ich finde vieles lächerlich, eben aß ich die erste, und es wird sich herausstellen, ich tue es jetzt schon, die einzig schmackhafte Olive. Das fesche Mediteranenbukett, ein wenig bitter, etwas salzig, mit Nusspartien im Hintergrund, steht vor uns. Die Geschichte beginnt schon, mich zu langweilen, aber ich bin stärker als das Lustprinzip, ich bin stärker als das, was ich nicht will, ich schreibe fürder, noch eine Weile, so soll es sein. Die Olive war überdurchschnittlich nur in dem Bukett vor mir, genereller gesprochen indes mäßig, so ist es mit dem meisten. Hingegen, Nase und Olive haben eine ähnliche Farbe, vor allem im Wein, der unter den Kinnladen zweifelt. Meiner ist delikat, nicht so jener, der mir gegenüber auf einem Bein steht. Ähnlich die Nase dessen, unter dem er liegt im Glas, Mensch, meine Grammatik, ich durfte sie zwei Mal probieren, also, die Nase, und ich zähle nur bis jetzt, wer weiß, was noch passiert heute abend, ich greife vor, das geschah schon. Jenes Teelicht vor uns, vor Nasen und Kinnen, ist ein wenig ein Feigling, das haben wir gemein, ich meine uns alle, mit der Ausnahme des Lesers. Der kann keiner sein, und strengte er sich noch so an, denn er existiert nicht für mich. Während die Leserin durchaus als Feigling fungieren kann, sonst hätten die anderen Oliven vielleicht geschmeckt, aber über Geschmack sollte man sich streiten, das ist köstlich, köstlich wie nur eine Nase in der Welt. Vor dem Fenster laufen ulkige Figuren, sagen die Leute draußen, sie sprechen ein wenig anders, und müssen wohl die Kellner meinen, ich fühle mich nicht angesprochen, sitzend. Soeben habe ich mir den Kern der Ausnahmeolive ins Knopfloch gesteckt, das ich lange suchen musste, bevor ich es nicht fand. Der Mensch mir gegenüber hat auch ein Loch, eines, das ihn unterscheidet, meine ich, ich meine, manche glauben das. Dies nur, weil manche Leser, nichtexistierend, kein Detail verpassen wollen. Ich kann solche nicht ausstehen, sie seien unmöglich, hätten nun andere geschrieben, aber nein, Sie sind wunderbar möglich, ohne Wunder, und das ist ein Verbrechen in dieser Welt, Sie, Leser. Die letzte Olive, kommt mir in den apprehensiven Sinn, könnte ein Popel sein in der Ausnahmenase, ein Ausnahmepopel. Ich war schon satt, aber das macht mir wieder Appettit, mir geht es immer so, ich weiß nicht, weshalb, welch kümmerliche Frage, nur Geranien mögen sie winseln, und andere Unterblumen, doch sie stinken, wie der Rotwein vor mir, er ist delikat, das ist ihr Privileg. Um genau zu sein, jeder Rotwein stinkt, aber dafür kann ich auch nichts, wie für so manches, na ja, „na ja“ hat der Mund unter der Ausnahmenase jetzt gesagt, das bezieht sich wohl auf die Geschichte, die ich ihm, oder vielmehr, den Ohren etwas weiter oben erzähle. Ich weiß nicht, ob er unsere Geschichte hier meinte, ich bin da skeptisch, vermutlich eher deren Subtext, oder wie man dergleichen nennt, fragt mich. Das Wachs im Feiglingswindlicht zischt, ich rate, es will uns etwas sagen, es beleuchtet die Nüstern der Olivennase, und meine, jener gegenüber, sie ist ein besonders ästhetischer Knubbel, und beherbergt meine größten Schätze, ich hatte noch keine Gelegenheit, sie zu ergründen. „Na ja“, sagt der Mund erneut, oder ich wiederhole es nur, dergleichen kann man nie wissen, Derrida, der Geschichtsonkel, packt die Gespenster aus, während jener na-ja-Mund wirkt wie eine beschämte Kaffeebohne, „unerhörte Metapher“, sagt er nun, aber das stimmt nicht, die Ohren hören gut, in ihnen stecken wenig wunderliche Hörgeräte, sie hören nämlich gut, denn sie hören gut, das war dreifache Bejahung, jetzt wird’s kompliziert, also fahren wir fort. Die Ohren können nicht gut hören, wegen den Hörgerätschaften. Als werde er geröstet, verzieht sich der Kaffeebohnenmund, als Rost dient das Feiglingsteelicht, ich hasse lange Worte, aber nur, wenn ich ein kaugummikauendes Känguru bin, was andauernd vorkommt. Wie schade. Ferner, ich hasse Hüpfen, der Alliteration wegen, Weitsprung. Es ist aber auch möglich, dass ich alles, was ich liebe, hasse, mindestens ebenso sehr, denn 34 ist eine magische Hängebrücke, zwischen dem Festland 33 und der Insel 35, wie ich einst herausfand, dabei suchte ich gar nicht, das ist ein alter Trick, ich weiß nicht. Die Ausnahmenase rümpft sich, eine athletische Hochleistung, solch Sonderliches sah ich nie, vor allem freitags, die Nase bleibt indes anders, deshalb liebe ich sie, das war ein schwerer Wert mit viel Bouket, wir brauchen eine Karaffe. „Na ja“, spricht die Kaffeebohne, das heißt, ich glaube, ich bin da stehen geblieben, war ja auch Zeit, um eine Pause einzulegen, dabei sitze ich, derselbe Witz, und wieder nicht gemerkt, Sie?, nun, was entscheidend ist, wie ich schon beschrieb, dergleichen nenne ich von nun an ein schlechtes Wortspiel, „mir wird auch schon schlecht, ich glaube, die Oliven waren es, schlecht eben, und die Welt ist es sowieso“, sagt ein Mund, ihr könnt euch aussuchen, welcher, das Gesagte passt zu uns beiden, ich meine, der Sonne und dem Mond, das war etwas hoch gegriffen, schlechtes Wortspiel, „erzähl was Neues“, ergänzt die Kaffeebohne, sie ist gut darin. Der Feigling zittert wie eh und je, was, wer, wo, wann sind denn eh und je, das ist wichtig, ich schweige dazu, sollen sie sich selbst erklären, wieso auch. Ein Deshalbdessert gäbe mir jetzt nämlich den Rest, wie immer, wovon den Rest, Fragen sind langweilig, wie ein Stein im Auge des Gesteinigten, streichen wir das wie, und das wir gleich mit, Streichen ist Konzeptkunst. „Wie viele Schichten hat eine Geschichte?“, frage ich plötzlich, aber nicht mich, das hat mich jetzt aber gar nicht überrascht, vielleicht, weil es eine neue Frage ist; das war, was man arrogant nennt. Die Bohne lispelt übrigens ein bisschen, schön, ein wenig wie Gischt, venusesk, ich schließe darin, in dem Lispeln die Augen und vergesse meine eigenen Lider, was schließlich so ist, als sähe ich wieder, man kann nie entkommen, wieso auch. In der Bohne mahlen die Zähne, nur ihr Gehäuse ist braun, ich meine die Lippen, weiches Gehäuse, entschuldigung, das war erotisch, ich muss kurz aufs Klo, man darf das ja nicht in der Öffentlichkeit machen. Ich freue mich schon auf den Sex in der Kirche, lasst uns den Lendenschurz heben, ich meine den Jesu, dann haben wir eine Orthogonale vom Kreuz weg, einen Kreuzweg, seit Christus. Die Ausnahmenase schnaubt, ich esse die zweite Olive, die schmeckt, sie schoss aus den Nüstern, wie in einem Actionfilm, nur weniger realistisch. Über der Bohne, irgendwo, sitzen die Augen, deren Weiß bei meinem Gegenüber, er ist ein Mensch, das könnte sich als fundamental erweisen, aus Versehen beige ist, eine französische Farbe. Man kennt sie, man erkennt sie, wenn man ein teigiges Baguette aus dem Ofen zieht, und es bricht, in dessen Mitte, da, da, da, da, da, da griemt lüstern das Beige. Ja, ich weiß, langsam nimmt der Mensch, dessen Knie an meinen reiben wie mein Herz an meinen Rippen, nur ohne den Schmerz, Gestalt an, hätte er sie nicht längst, ihr Tölpel, oder wie man das schreibt. Selbiges tut mir freilich auch leid, selbstverständlich, was, weiß ich auch nicht so genau, welch eine Frage, vielleicht mehrere. Ich habe für dergleichen nur Kopfschütteln übrig, meine Nase Verachtung, dann wölbt sie sich bedrohlich, Häretikerin, fast wäre sie mir abgefallen, das war knapp, ich muss in Zukunft schlechter aufpassen, auch hasse ich Oliven, außer Popel. „Sie gleichen Indonesen!“, schreit ein Rassist neben uns, wo kam der denn her?, saß wohl schon ewig dort und tat so, als sei er zivilisiert, welch ein Normalfall, ich sah ihn bis jetzt nicht, so gehe ich seit heute mit ihnen um, denn das hilft in der Tat genauso wenig. Wie in der Theorie! Ich nicke negierend und spucke ihm einen Kern ins Auge, er schreit schon wieder, man kann es welchen wie ihm auch nicht recht machen, so rechts man schon zu sein versucht, dabei versuchte ich nichts, und alles, bis morgen. An dieser Stelle will ich vorschlagen, man setze den Rassisten in meine Metapher mit dem Sehorgan der Gesteinigten, das gibt ein Bild! Aber zurück, zurück von den Zurückgebliebenen. Der Wein ist ausgetrunken, müffelt nur noch ein wenig vor sich her, ich will ihm sein eines Bein absägen, das erinnert mich an Otto Dix, „mir fehlen die Worte“, sage ich, „Fehlen ist ein Euphemismus“. Die Kaffeebohne spielt mit dem Feuer, doch der Feigling geht, er geht aus, er zieht sich aus, aus dem Raum, fort, als Rauch, oder Diskonebel, der Club ist im zweiten Stock, der an unserem Tisch lehnt, wie der erste, wir humpeln beide, das erinnert an den Einen, kennt ihr nicht. Ein Tropfen war doch noch im Glas, ein Widerling, ich habe ihn gerade wieder ausgespuckt, zusammen mit dem Kern, das waren anderthalb Referenzen, den Rest vergaß ich, vorgestern vielleicht. Dieses Grün in dem Beige gegenüber!, es gruselt wie die Sonne durch die Wasseralgen der Karibik, wo ich nie war, also was ich sagen will die ganze Zeit, das alles, das alles ist unbeschreiblich. Schade, jetzt habe ich die Pointe verraten, ich bin aber auch ungeschickt, so lange schon kannte ich sie nicht, und dann platze ich einfach so heraus damit, das ist widerwertig, ja, wie mein Herz, aua, es rächt sich, das meinte ich, nein, Fehlinterpretation, es war der Rassist, wir befinden uns in einer Straßenschlacht, das ging ja schnell, ich habe also gewonnen, aus Glück natürlich, nein, danke, keinen Wein mehr, Betrunkene können nicht laufen. Die Haare neben den Algen sind ganz hervorragend, ich meine hinter den Ohren, und kurz wie ein kleiner Finger beim Schlafwandeln, warum auch nicht, ich weiß nicht, ich bin kein Friseur und schlafe schlecht, wie die durchschnittliche Olive, ganz genau, wir liegen immer daneben, selbst beim Sex, ein schlechtes Wortspiel schon wieder, „schlecht wie die Welt“, und da zittert die Kaffeebohne wie bislang der Feigling, vielleicht war das Teelicht auch wütend, ich würde ihm alles zutrauen, wie niemandem, dafür unterschätze ich jeden genug, außer mich, ich, ich, ich, ich bin Genie, die Knie an meinen malmen, es ist Zeit für die Kirche, warum lassen sie die nachts nicht offen, nun werden wir einbrechen müssen, das gefällt mir, das ist Anstiftung zum Gesetzesbruch. Vielleicht sollten wir auch hier, am Tisch Liebe machen, aber das tue ich ja schon andauernd mit der Hand am Stift auf dem Block. Wir rufen den Kellner, bezahlen nicht, und gehen.

Hörgeräte fallen aus Ohren, Algen brennen im Wasser, Bohnen platzen Schreie heraus in die Hitze, Knie reiben weniger, erschöpftes Zittern, Beige verblasst. Zuletzt atmet nur noch die Ausnahmenase. In der Kirche, nach dem Sex, löst sich Jesus vom Kreuz, um den Lendenschurz zu wechseln, morgen könnte Sonntag sein, da macht das Leiden wieder Spaß. Oder er kommt auf uns zu; umarmt uns; und verlässt das untergehende Kirchenschiff: ein Traum wird wahr. Wir schlafen auf dem Altar, als der Dämmer beginnt.

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Autoparodie, Literatur, Pamphlete

Wrackmente.

Im Weinen liegt die Wahrheit – ja, ihr Krapfen, wir möchten – was zum Denunzieren geben: „jugendlich!, expressionistisch!“, etc. (darf dann gesagt werden):

Blanc: Ich habe Hass geerntet. Das soll heißen: bei den anderen; das soll heißen: ich bin die Hassende. (Sieht ins Publikum.) Sie sind die Plantagen. Hass zu ernten heißt, Liebe säen zu können. Ich kann wieder lieben. (Geht zum Zuschauer von vorhin.) Ich hasse Sie. (Geht zum Nächsten im Publikum.) Ich hasse Sie. (Sieht zum Nächsten.) Und Sie. (Tritt einen Schritt zurück. Macht umfassende Geste.) Jeden Einzelnen. (Geht nahe an den ersten Adressierten.) Sie verstehen doch? – Sie, selbst Sie können ihrer Einzelheit nicht entfliehen. Sie mögen noch so identisch sein; sie mögen ein Klon sein – eine Kopie vom Meister Gesellschaft – ein fehlerloses Duplikat. Sie bleiben ein Einer. Sie bleiben vereinzelt. Sie bleiben ihre Verantwortung. Sie bleiben allein gelassen – mit sich. (Pause.) Ihr Konformismus ist ein Abstraktum. Ihre Gemeinschaft ist eine Fiktion. Sie unterwerfen sich nur dem Gleichen. Doch jeder für sich; – jeder allein. Sie sind deckungsgleich – aber das deckt Sie nicht. Es fällt auf sie zurück. Und nie berührten Sie jemanden. (Pause.) Sie stimmen überein mit allen. Aber Ihre Stimme schallt allein. Sie verweht so ungehört wie alles andere. Kein Geschrei überdauert die Zeit. Kein Kollektiv rettet vor dem Tod. (Lehnt sich zurück.) Aber das ist noch nicht alles. Ihr Abstraktum, Ihre Fiktion ist nicht bloß falsch; nicht bloß leer. – Sie hat auch Sie entleert. Was wollen Sie jetzt noch teilen? Und mit wem – wo es doch keinen Anderen mehr gibt? (Pause.) Sie teilen nichts; mit niemandem; niemals. (Pause. Schnaubt.) Doch selbst wenn! Etwas teilen ist bedeutungslos – sofern man nicht sich teilt. Sich teilen aber – ist schmerzhaft; ist Schmerz. Sich teilen ist: sich zerteilen; sich zersplittern; zerfasern; zerbrechen. Und es ist mehr als das. Sobald es zum Andren kommt – wird es Wagnis; wird es Vertrauen; wird es Kontakt. Doch Sie sind mit keinem verbunden. Ja, niemals trafen sie wen – und keiner traf sie. Treffen ist Getroffenwerden. – Waren Sie denn je betroffen? (Pause. Kopfschütteln.) Sie sind mir keine Begegnung. Kein – Gegen. Kein Gegnen. Begegnen setzt zwei voraus: zwei Individuen. Nicht ein riesiges, endloses Abstraktum. – Ich hasse Sie. Ich liebe.“

[aus Der Mäzen, Drama]

„Ist es nicht ulkig, dass unser Suchen keinerlei Einfluss hat auf das Finden? Wie auch immer! (Pause) Ich gehe nun. Das Sein der Träume ist Werden. Ich gehe! (Pause) Hier mein Text: Ich gehe… (Pause) Ich gehe zur Einsamkeit in die Lehre, um mich selbst lieben zu lernen. Ich merke schon jetzt, dass ich vergesse. Denn Zeit heilt überhaupt nichts. Zeit tötet. Aber das kommt letztlich… aufs Selbe heraus. Und nichts anderes brauche ich – um zu entfliehen – meinem… Abhang Abhängigkeit. Um zu wachsen! Mögen ist stärker als Lieben – und Freunde sind seltener als Geliebte. (Er wendet sich ans Publikum) Wissen Sie, warum ich nicht glaube an die Freundschaft? Weil ich nie einen einzigen „Feind“ verstand! Ich verstehe das Wort nicht – „Feind“. (Pause) Es gab letztlich keinen, der mich nicht immer ein Stück weit einsam zurückließ – den so Bedürftigen, Wollenden, das heißt: den auf der Strecke Bleibenden. (Pause. Fest) Diese Strecke aber heißt: Einsamkeit. (Pause) Und ich werde jenen Weg lieben lernen. (Pause) Am Ziel stehe ich. (Pause) Den Startpunkt aber mäht von nun das Vergessen – mit Wurzeln. (Pause) Nichts wird bleiben. (Pause) Vielleicht brauche ich ein Jahr, vielleicht zehn. Es wird mich vieles ablenken. Doch die Einsamkeit wird mich wieder konzentrieren. (Pause. Er denkt laut) Wenn wir einsam sind… – so vieles macht uns dann nichts mehr aus! Dann… haben wir die Bedeutung betäubt; das Netz zerrissen; seinen Umfang vergessen. Wir sind dort, in unserer Mitte, an Peripherien glauben wir nicht mehr. (Er lächelt) Heilsamer Solipsismus. … so schaut Silvester doch immer wieder vorbei. (Fasst einen Beschluss) Insofern: mein Name sei Silvester von nun an! Ich werde ein Waldmensch sein! Ein Eremit in mir. Ich werde ein Abendmensch sein für den Morgen. (Er lächelt sich selbst im Spiegel an) Liebe ist auch, dass du mich inspirierst, dich zu inspirieren. (Er nickt, bekräftigt sich) Nie mehr Small Talk, nie wieder. Selten lachen, aber wenn, dann richtig. Viel schlafen, langsam essen. Immer nur eines von beidem: Tiefgründigkeit oder Gedankenlosigkeit. Vielleicht auch einmal ernst sein und ganz. Keine Gewichte mehr, die nicht meine sind. Kaffee trinken und etwas nervös sein – in der Öffentlichkeit. Einzig und allein Gespräche führen und verführen, die sich lohnen. Kurz, mein Leben mit mir. (Er stützt die Hände in die Hüften) Sonst sind wir dazu konditioniert, uns gut, bejaht, schön, gewollt zu fühlen, wenn uns jemand… außerhalb der Kodexe berührt. Nun! Wo dem schon so ist, beschloss ich, meine eigene Berührung sei mir fortan liebevoll, angenehm und bedeutsam. Denn (er löst nur einen Arm von seiner Hüfte, und zeigt auf die Tafel LOVE THYSELF, die über ihm hängt) … wenn es um Liebe geht… – ich mach’s mir selber!

[aus Liebe, Drama]

„Musik, die sich in mich zieht, in mir auszieht, die sich nackt herauszieht, die sich aus sich selbst zieht, die matruschka aus glas ist, die sand rieseln lässt in 1000 meter höhe, die mit flugzeugen kuschelt, die jede miene verzieht, die meine minen entert, die meine minen entleert, die meine minen entehrt, die mich besuchen kommt, die mich suchen kommt, die mich auffindet, die mich aufrecht findet, die mir das herz schüttelt statt die hand, die mir das herz ausschüttet, die niemanden bittet, die ihre haut ablegt, die ableger pflanzt in meinem ohr, die sich ganz vor mir auszieht, der nacktheit nicht genug ist, die immer weiter gehen muss, immer zu weit, immer weiter, weiter als zu weit, musik!, die mich meinen minen entleert, die mich den minen entbehrt, die bären jagt im geiste und sich mit ihren tatzen in den schritt fährt, die mit bären schläft, die mit bären wacht, die aufsieht in ihren gottlosen himmel voll stolz, die groß genug ist, die sich hisst in der höhe, die masturbiert auf den masten über dem mark meines daseins, die masturbiert, die lust hat, die lust ist, die lust hat auf lust, die voll stolz masturbiert, die groß genug ist, die ist, die ist, der nacktheit nicht genug ist, die jede mine verzieht, die mit tatzen in ihren schritt fährt, die schreit, wenn lust ihren hügel erklimmt, die klimt liebt, die klimt glimmt, die schreit, die weint vor glück, die lust ist, die voll stolz masturbiert auf den masten über dem mark meines daseins, die will!

[aus NUR LEBEN, Roman]

„… bis

im sonnenfinstern des lidsenkens, wo das mögliche aus verkrampftem zittern aufklappt in die innereien des außen; die welt sich in ihren kern schält: man sich aus sich selbst zusammenzieht; der wasserfall züngeln um uns zusammenbricht, wärme im nacken aufgeht; sich zitternd die lücken des realen dehnen: wir uns multiplizieren hinein in ein irren aus drang; – wo der nacken die flügel der lunge schlägt und der atem ins nicht-ich sich hebelt – da hat sich der körper entblößt aus der schranke kontrolle – und die freiheit flaggt sich: auf dem hügel der lust.“

[aus dem Fragment Mein Meer mehr/ Taste: Fall & Spring/ Das schöne Buch]

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