Ethik, Inspirierendes, Pamphlete, Politik, Religion, Skeptizismen

Weiße Rosen. (Lesbare Denkmäler)

Sophie Scholl

„Nach einer längeren Debatte waren wir schließlich der übereinstimmenden Meinung, daß der christliche Mensch Gott mehr als dem Staate verpflichtet sei.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

„Beim Anblick der stillen Großartigkeit dieser Berge und ihrer Schönheit wollen einem die Gründe, die die Menschen für ihre unheilvollen Taten vorbringen, lächerlich und verrückt erscheinen, und man bekommt den Eindruck, sie wären gar nicht mehr Herr über sich und ihre Taten, sondern würden von einer bösen Macht getrieben. Denselben Eindruck hatte ich, wenn ich den großen Fabriksaal überblickte und die hundert Menschen an den Maschinen stehen sah, als gehorchten sie, selbst ahnungslos und unbewußt darunter leidend, einer Macht, die sie zwar selbst erschaffen, dann aber zu ihrem Tyrannen erhoben hatten.“

Brief an den Vater, 22. September 1942

„ (…) immer wieder schwankend, müder werdend, nicht mehr sein wollend, so daß ich mir nichts anderes wünsche als Nicht-Sein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stückchen einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch  ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit.“

Brief an Fritz Hartnagel, 22. Mai 1940

„Es ist der Kampf, den ich selbst führe, den Du auch haben wirst, nicht zurückzusinken ins Wohlbehagen, in Herdenwärme, ins Spießbürgertum.“

Brief an Fritz Hartnagel, 10. November 1940

„Ich wünsche Dir sehr, daß Du diesen Krieg und diese Zeit überstehst, ohne ihr Geschöpf zu werden. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Brief an Fritz Hartnagel, 16. Mai 1940

„Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute nacht alle vernichten. Und dann würde meine Schuld nicht kleiner, als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde. – Das weiß ich alles.“

Tagebucheintrag, 9. August 1942

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Hans Scholl

„Ich muß meinen Weg gehen und gehe ihn gerne. Denn es kommt mir ja nicht darauf an, vielen Gefahren und Verlockungen aus dem Weg zu gehen, sondern es soll mir wahrhaftig nur darauf ankommen, die Dinge richtig und in aller Ruhe richtig zu erkennen. Doch bis dahin werden noch viele Stürme über das Dach meines Hauses brausen und es erschüttern. Ich will indessen meine Lampe anzünden, und wenn sie auch flackert und auszulöschen droht, so wird doch ihr Licht rot und warm und manchem einsamen Wanderer ein Wegweiser sein.“

Brief an Rose Nägele, 8. August 1941

„Ihr glaubt vielleicht, man müßte weiser und reifer aus dem Kriege zurückkehren. Dies ist nur bei ganz wenigen Menschen der Fall. Ich glaube, ich war vor diesem Wahnsinn innerlicher und aufnahmebereiter. Der Krieg wirft uns weit zurück. Man glaubt es nicht, wie lächerlich der Mensch geworden ist. Wir verlassen den Operationssaal, drinnen stirbt einer, und wir rauchen eine Zigarette.“

Brief an Inge, 1. August 1940

„Unsere Kompanie wurde vom Kriegsgericht dem OKW der Meuterei wegen gemeldet. Es entwickelt sich in unseren Reihe ein Denunziantentum abscheulichster Art. (…) Ich hatte nicht erwartet, daß die Masse auf die geringsten Drohungen so reagiert. Aber ich habe vieles gelernt.“

Brief an die Eltern, 12. Februar 1941

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Christoph Probst

„Mein Leben war in der letzten Zeit recht doppelseitig, ich hatte einerseits unter einer geradezu beängstigenden wochenlangen Müdigkeitswelle zu leiden, so daß die wachen Stunden recht beschränkt waren. Dazwischen aber war ich recht tätig – medizinisch, russisch, lesenderweise, einkaufenderweise u.s.w. Es war dies geradezu notwendig, da mir in Mußestunden eine stille Verzweiflung ans Herz kroch. Aber eben eine „positive“ Verzweiflung, wenn man das sagen kann, denn sie erzeugte nicht Resignation, sondern Tätigkeit und Intensität.“

Brief an die Schwester Angelika, 4. Juli 1942 (95)

„Einmal muß das Menschliche hoch emporgehalten werden, dann wird es eines Tages wieder zum Durchbruch kommen. Wir müssen dieses Nein riskieren gegen eine Macht, die nicht nur alles Andersdenkende ausrotten will, die sich anmaßend über das Innerste und Heiligste des Menschen stellt. Wir müssen es tun um des Lebens willen, diese Verantwortung kann uns keiner abnehmen.“

1942, zit. n. Bernhard Knoop

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Willi Graf

„Schwer ist es, daß man solchen Problemen immer allein gegenüber steht, kein anderer Mensch kann einem die Last von den Schultern nehmen. Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung. Für uns aber ist die Pflicht, dem Zweifel zu begegnen und irgendwann eine eindeutige Richtung einzuschlagen. (…)“

Brief an Anneliese, 6. Juni 1942

„Hast du schon einmal gesehen und verglichen, daß für viele Menschen diese Probleme, die uns bewegen, so gar nicht erregend wirken? Es gibt zwar Unterschiede in dieser Stabilität: Die einen besitzen tatsächlich die Weisheit, die ihnen Ruhe bringt, die anderen aber finden es zu anstrengend, sich damit herumzuschlagen und geben sich mit kleinen Fortschritten in ihrem persönlichen Leben zufrieden. Oft kann man sich wünschen, doch zu diesen „Zufriedenen“ gezählt zu werden, es wäre doch so einfach. Aber wir finden diesen Weg nicht, wenn wir uns auch noch so unempfindlich machen.“

Brief an Anneliese 25. Juni 1942

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Alexander Schmorell

„Mein Haß gegen diese Menschen, und mit ihnen auch gegen dieses Land, wächst von Tag zu Tag. Wenn das so weiter geht, bin ich doch neugierig, wohin das kommen soll.“

Brief an Angelika Probst, 13.Juni 1937

„Sie sind froh und glücklich, wenn sie nach fremden Regeln leben dürfen, auf fremde Befehle gehorchen dürfen, um selber nicht denken zu brauchen, der Masse nachzugehen, folgend, ihrem Herdentrieb, um nicht zu irren.“ Die zweite, sehr viel kleinere Gruppe von Menschen nannte Alexander Schmorell die „Auserwählten,  (…) die es können, Neues uns Eigenartiges zu schaffen, die sich die Lebensregeln selbst zusammenstellen können und auch tapfer genug sind nach ihnen zu leben und die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937, zit. n. Christiane Moll

„Denn nichts ist schöner, als die Freiheit des Gedankens und die Selbständigkeit des eigenen Willens, wenn man sie nicht fürchtet. Hier versucht man, uns sie zu rauben und sie uns vergessen zu machen oder sich von ihr zu trennen, aber das wird ihnen nicht gelingen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937

„Wie schön ist es dann, sich in ein solches Blütenmeer zu werfen, den dahin ziehenden Wolken nachzuschauen und von Vergangenheit und Zukunft träumen zu können. Aber solche Schönheiten verstehen die Menschen hier gar nicht; bei ihnen heißt es Tempo, Tempo, schuften, schuften, um einige Habseligkeiten zu erwerben, um nicht zuspät zu kommen. Ist das der Sinn des Lebens? Hier in Deutschland scheinbar schon, und deshalb hat hier das Leben auch keinen Sinn.“

Brief an Angelika Probst, 27. Juni 1937

„Was ich getan habe, habe ich nicht unbewußt getan, sondern ich habe sogar damit gerechnet, daß ich im Ermittlungsfalle mein Leben verlieren könnte. Über das alles habe ich mich einfach hinweggesetzt, weil mir meine innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat höher gestanden ist.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

Standard
Autoparodie, Literatur, Pamphlete

Wrackmente.

Im Weinen liegt die Wahrheit – ja, ihr Krapfen, wir möchten – was zum Denunzieren geben: „jugendlich!, expressionistisch!“, etc. (darf dann gesagt werden):

Blanc: Ich habe Hass geerntet. Das soll heißen: bei den anderen; das soll heißen: ich bin die Hassende. (Sieht ins Publikum.) Sie sind die Plantagen. Hass zu ernten heißt, Liebe säen zu können. Ich kann wieder lieben. (Geht zum Zuschauer von vorhin.) Ich hasse Sie. (Geht zum Nächsten im Publikum.) Ich hasse Sie. (Sieht zum Nächsten.) Und Sie. (Tritt einen Schritt zurück. Macht umfassende Geste.) Jeden Einzelnen. (Geht nahe an den ersten Adressierten.) Sie verstehen doch? – Sie, selbst Sie können ihrer Einzelheit nicht entfliehen. Sie mögen noch so identisch sein; sie mögen ein Klon sein – eine Kopie vom Meister Gesellschaft – ein fehlerloses Duplikat. Sie bleiben ein Einer. Sie bleiben vereinzelt. Sie bleiben ihre Verantwortung. Sie bleiben allein gelassen – mit sich. (Pause.) Ihr Konformismus ist ein Abstraktum. Ihre Gemeinschaft ist eine Fiktion. Sie unterwerfen sich nur dem Gleichen. Doch jeder für sich; – jeder allein. Sie sind deckungsgleich – aber das deckt Sie nicht. Es fällt auf sie zurück. Und nie berührten Sie jemanden. (Pause.) Sie stimmen überein mit allen. Aber Ihre Stimme schallt allein. Sie verweht so ungehört wie alles andere. Kein Geschrei überdauert die Zeit. Kein Kollektiv rettet vor dem Tod. (Lehnt sich zurück.) Aber das ist noch nicht alles. Ihr Abstraktum, Ihre Fiktion ist nicht bloß falsch; nicht bloß leer. – Sie hat auch Sie entleert. Was wollen Sie jetzt noch teilen? Und mit wem – wo es doch keinen Anderen mehr gibt? (Pause.) Sie teilen nichts; mit niemandem; niemals. (Pause. Schnaubt.) Doch selbst wenn! Etwas teilen ist bedeutungslos – sofern man nicht sich teilt. Sich teilen aber – ist schmerzhaft; ist Schmerz. Sich teilen ist: sich zerteilen; sich zersplittern; zerfasern; zerbrechen. Und es ist mehr als das. Sobald es zum Andren kommt – wird es Wagnis; wird es Vertrauen; wird es Kontakt. Doch Sie sind mit keinem verbunden. Ja, niemals trafen sie wen – und keiner traf sie. Treffen ist Getroffenwerden. – Waren Sie denn je betroffen? (Pause. Kopfschütteln.) Sie sind mir keine Begegnung. Kein – Gegen. Kein Gegnen. Begegnen setzt zwei voraus: zwei Individuen. Nicht ein riesiges, endloses Abstraktum. – Ich hasse Sie. Ich liebe.“

[aus Der Mäzen, Drama]

„Ist es nicht ulkig, dass unser Suchen keinerlei Einfluss hat auf das Finden? Wie auch immer! (Pause) Ich gehe nun. Das Sein der Träume ist Werden. Ich gehe! (Pause) Hier mein Text: Ich gehe… (Pause) Ich gehe zur Einsamkeit in die Lehre, um mich selbst lieben zu lernen. Ich merke schon jetzt, dass ich vergesse. Denn Zeit heilt überhaupt nichts. Zeit tötet. Aber das kommt letztlich… aufs Selbe heraus. Und nichts anderes brauche ich – um zu entfliehen – meinem… Abhang Abhängigkeit. Um zu wachsen! Mögen ist stärker als Lieben – und Freunde sind seltener als Geliebte. (Er wendet sich ans Publikum) Wissen Sie, warum ich nicht glaube an die Freundschaft? Weil ich nie einen einzigen „Feind“ verstand! Ich verstehe das Wort nicht – „Feind“. (Pause) Es gab letztlich keinen, der mich nicht immer ein Stück weit einsam zurückließ – den so Bedürftigen, Wollenden, das heißt: den auf der Strecke Bleibenden. (Pause. Fest) Diese Strecke aber heißt: Einsamkeit. (Pause) Und ich werde jenen Weg lieben lernen. (Pause) Am Ziel stehe ich. (Pause) Den Startpunkt aber mäht von nun das Vergessen – mit Wurzeln. (Pause) Nichts wird bleiben. (Pause) Vielleicht brauche ich ein Jahr, vielleicht zehn. Es wird mich vieles ablenken. Doch die Einsamkeit wird mich wieder konzentrieren. (Pause. Er denkt laut) Wenn wir einsam sind… – so vieles macht uns dann nichts mehr aus! Dann… haben wir die Bedeutung betäubt; das Netz zerrissen; seinen Umfang vergessen. Wir sind dort, in unserer Mitte, an Peripherien glauben wir nicht mehr. (Er lächelt) Heilsamer Solipsismus. … so schaut Silvester doch immer wieder vorbei. (Fasst einen Beschluss) Insofern: mein Name sei Silvester von nun an! Ich werde ein Waldmensch sein! Ein Eremit in mir. Ich werde ein Abendmensch sein für den Morgen. (Er lächelt sich selbst im Spiegel an) Liebe ist auch, dass du mich inspirierst, dich zu inspirieren. (Er nickt, bekräftigt sich) Nie mehr Small Talk, nie wieder. Selten lachen, aber wenn, dann richtig. Viel schlafen, langsam essen. Immer nur eines von beidem: Tiefgründigkeit oder Gedankenlosigkeit. Vielleicht auch einmal ernst sein und ganz. Keine Gewichte mehr, die nicht meine sind. Kaffee trinken und etwas nervös sein – in der Öffentlichkeit. Einzig und allein Gespräche führen und verführen, die sich lohnen. Kurz, mein Leben mit mir. (Er stützt die Hände in die Hüften) Sonst sind wir dazu konditioniert, uns gut, bejaht, schön, gewollt zu fühlen, wenn uns jemand… außerhalb der Kodexe berührt. Nun! Wo dem schon so ist, beschloss ich, meine eigene Berührung sei mir fortan liebevoll, angenehm und bedeutsam. Denn (er löst nur einen Arm von seiner Hüfte, und zeigt auf die Tafel LOVE THYSELF, die über ihm hängt) … wenn es um Liebe geht… – ich mach’s mir selber!

[aus Liebe, Drama]

„Musik, die sich in mich zieht, in mir auszieht, die sich nackt herauszieht, die sich aus sich selbst zieht, die matruschka aus glas ist, die sand rieseln lässt in 1000 meter höhe, die mit flugzeugen kuschelt, die jede miene verzieht, die meine minen entert, die meine minen entleert, die meine minen entehrt, die mich besuchen kommt, die mich suchen kommt, die mich auffindet, die mich aufrecht findet, die mir das herz schüttelt statt die hand, die mir das herz ausschüttet, die niemanden bittet, die ihre haut ablegt, die ableger pflanzt in meinem ohr, die sich ganz vor mir auszieht, der nacktheit nicht genug ist, die immer weiter gehen muss, immer zu weit, immer weiter, weiter als zu weit, musik!, die mich meinen minen entleert, die mich den minen entbehrt, die bären jagt im geiste und sich mit ihren tatzen in den schritt fährt, die mit bären schläft, die mit bären wacht, die aufsieht in ihren gottlosen himmel voll stolz, die groß genug ist, die sich hisst in der höhe, die masturbiert auf den masten über dem mark meines daseins, die masturbiert, die lust hat, die lust ist, die lust hat auf lust, die voll stolz masturbiert, die groß genug ist, die ist, die ist, der nacktheit nicht genug ist, die jede mine verzieht, die mit tatzen in ihren schritt fährt, die schreit, wenn lust ihren hügel erklimmt, die klimt liebt, die klimt glimmt, die schreit, die weint vor glück, die lust ist, die voll stolz masturbiert auf den masten über dem mark meines daseins, die will!

[aus NUR LEBEN, Roman]

„… bis

im sonnenfinstern des lidsenkens, wo das mögliche aus verkrampftem zittern aufklappt in die innereien des außen; die welt sich in ihren kern schält: man sich aus sich selbst zusammenzieht; der wasserfall züngeln um uns zusammenbricht, wärme im nacken aufgeht; sich zitternd die lücken des realen dehnen: wir uns multiplizieren hinein in ein irren aus drang; – wo der nacken die flügel der lunge schlägt und der atem ins nicht-ich sich hebelt – da hat sich der körper entblößt aus der schranke kontrolle – und die freiheit flaggt sich: auf dem hügel der lust.“

[aus dem Fragment Mein Meer mehr/ Taste: Fall & Spring/ Das schöne Buch]

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