Politik

Notizen gegen den Intersektionalismus

von Rob Stirner

  1. Der Intersektionalismus dreht sich – in den USA geboren, in seinen sich selbst disziplinierenden Spielarten auf Staaten wie die USA beschränkt (England, Südafrika, Frankreich usw.) –, bürger-rechtlich innerhalb der liberalistischen Ideologien des Pluralismus, Multikulturalismus, Kosmopolitismus, nur um Diskriminierung statt um die viel tiefergreifende, nämlich endgültige, irreversible, chiliastische kapitalistische Produktion der Konsumption der Lebewesen wie ihrer Grundbedingungen, insbesondere aber der identitätsfernen und hegemonial entwerteten.
  2. Selbst noch gegen Diskriminierung hat der Intersektionalismus nur falsche Problemlösungen: er reduziert Unterdrückte auf Identitäten, dabei war es stets das Identitäre, das die Unterdrückung bewerkstelligte.
  3. Damit invertiert er lediglich die Diskriminierung – und diskriminiert ausgerechnet gegen Aussagen des Leids, also gegen Verletzlichkeit (bestimmter Menschen der „falschen“ Identität).
  4. Dies tut er, indem er eine Hierarchie oder vielmehr eine Vergleichbarkeit und einen Wettbewerb des Leidens aufstellt: so gebe es „privilegiertes“ und „unprivilegiertes Leiden“. Die Sprachlosigkeit des Leidens, das zumeist ein politisch-ökonomisches ist, wird intersektional also weiter vertieft – das Leiden etwa eines „weißen heterosexuellen Mannes“, ob er sich so identifiziert oder nicht, wird schlicht verleugnet. Auf die Sprachlosigkeit des Leidens wird also zusätzlich seine Zensur gesattelt.
  5. Damit ist der Intersektionalismus nicht nur seinerseits diskriminierend, sondern auch seinerseits exklusiv: ausgerechnet die Leiden der Identitätslosen, d.h. vornehmlich der Tiere, der Psychopathologisierten und der Dissidenzen, werden ausgeschlossen.
  6. Seine spezifische Diskriminierung bestimmter Identitäten stattdessen fetischisiert der Intersektionalismus. Weil er eine nicht-konkrete ebenso wie nicht-betroffene Theorie ist, muss er sich, wie einst der Marxismus sein Proletariat, sein revolutionäres Subjekt außerhalb seiner selbst konstruieren; und weil er außerdem akademisch ist, muss er dieses Subjekt bürokratisieren und quantifizieren, d.h. des Individuellen entheben und zu einem Nenner in Statistik oder Wahrscheinlichkeit umdeklinieren. Im Unterschied zum Marxismus allerdings hat sein revolutionäres Subjekt schon in der Theorie nichts Revolutionäres, weil es – sogar betontermaßen – keinerlei Universalität hat, sondern nur die Borniertheit einer bestimmten Gruppe, die teilhaben will.
  7. Was so am explizitesten und gleichsam am schmerzlichsten ausgeschlossen wird, ist bewusste, entschiedene, autonome, moralische etc. Widerständigkeit, Gegenaktion, Transzendenz und Utopie, kurzum Dissidenz, also die einzige Größe, die über die Identitätspolitiken und -ökonomien hinausginge und damit die letzte antipolitische Hoffnung als letzte Radikalität – ein Ausschluss, der überall schon immer stattfand, von Mitte über Links bis Rechts, und der in die Resignation und Hoffnungslosigkeit aller politischen Veränderung geführt hat.
  8. Besagte Dissidenz wird zudem darauf reduziert, „Privileg“ zu sein, als sei etwa „eine schwarze Lesbe“ nicht dazu fähig, über die Bekämpfung von Rassismus und Homophobie hinaus eine universale Ethik und universal emanzipatorische Aktion zu vertreten; als sei, kurzum, niemand mehr als seine (oder ihre, etc.) jeweilige „Identität“. Streng genommen könnte so etwa kein Weißer gegen Rassismus sein, und die Unterdrückten wären auf sich selbst zurückgeworfen und wieder zum Verstummen gezwungen wie seit je.
  9. Der Intersektionalismus verleugnet dergestalt überhaupt Radikalität ebenso wie Solidarität (unter den Ausgebeuteten, Leidenden, Unterdrückten usw.), unterstützt stattdessen das Grundproblem des Identitären und will nur alle gleichermaßen partizipieren lassen, statt das, woran zu partizipieren sei, umzustürzen. Kurzum: der Intersektionalismus ist Teilgebiet des integralen Systems totalitärer Immanenz.
  10. Deutlich wird selbiges, erneut, gerade in der inflationären Verwendung der Diskreditierung „privilegiert“. Was der Intersektionalismus mit diesem Wort ironischerweise reproduziert, ist das Anschließen an die allgemeine liberalistische Zelebrierung des Westens, derzufolge es für die meisten im Westen selbst keine wirkliche Armut gebe (im Vergleich…) und kurzum kein wirkliches Leiden. (– Auf Postmodern-Links sagt man das so: „Du beschwerst dich? Das ist doch nichts, du bist privilegiert, sei still.“ Auf Mitte so: „Wir können dankbar sein, dass es uns derart gut geht, sieh dich doch andernorts um.“ Auf Rechts so: „Unsere Ökonomie ist besser, wir sind besser, die Anderen leben auf unsere Kosten.“ –) Das Grundproblem im Westen sei auch laut Intersektionalismus kurzum nicht das politisch-ökonomische, sich globalisiert habende System, sondern die Diskriminierung lediglich gegen Minderheiten. Was damit vollends seines Problemcharakters beraubt wird, ist die Ökonomie selbst oder der Kapitalismus. Wenn allgemein behauptet wird, das eigentlich Schrecklichste sei nicht die Totalität in ihrer umfassenden Gesamtheit, sondern spezifische Diskriminierungsformen, so wird dem Ganzen seine wichtigste Apologie geliefert: dass es im Grunde, von einigen internen Fehlern abgesehen, ganz gut sei.
  1. Dies wiederum unterstützt von Neuem die Diskriminierung gegen Dissidenz, d.h. gegen großflächigere Hoffnung selbst als Radikalität. Unter wessen Bann nämlich alle ausnahmslos stehen, ist der forcierte Opportunismus kapitalistischer Logik – jener Opportunismus, der alle Identitäten unter dem einen Dach kapitalistischer Totalität versammelt, d.h. sie in es hinein partikularisiert. Kapitalistischem Opportunismus allerdings sich möglichst zur Wehr zu setzen, ihn anzugreifen, wo es nur geht (statt integral zu verfahren), ist heute die wichtigste Aktion für alle Lebewesen wie ihre Grundbedingungen. Was somit ausstünde, stünde Besseres aus, wäre nicht eine Abschaffung des „Privilegs“, sondern seine Universalisierung. Erst unter seinem Vorzeichen nämlich lässt sich aufs Ganze konzentrieren, ohne welches keine Partikularisierung, vom Rassismus über den Antisemitismus bis zum Sexismus usf., verstanden werden kann. Das Ganze aber ist seit jeher die verselbstständigte Identitätspolitik des Gewaltkomplexes herrschender Herrschaft.

PS 1: Das Leiden der Dissidenz ist ein Leiden an jener Totalität – es ist ständig und allgegenwärtig. Wenn Dissidenz aber nicht ein Minimum an forciertem Opportunismus selbst praktiziert, wird sie, wie alle, ihr Privileg durchaus verlieren: wer nicht arbeitet, wer kein Geld hat, darf auch nichts essen, darf auch nicht leben, muss sterben. Nicht sterben zu müssen und doch ständig zu leiden, ist somit das gesellschaftlich verschickte Schicksal an Dissidenz. Es, das Leiden der Hoffnungen, zu verleugnen, kleinzureden oder zu belächeln, ist daher nicht nur bösartig, sondern Identifizierung mit dem Status Quo in seiner Gesamtheit. Dieser Schuld macht sich der Intersektionalismus schuldig – diesem Konformismus konformiert er sich. Zumindest, sofern er die Entscheidung zwischen Opportunismus (Identität) und Dissidenz nicht mit in sich aufnimmt – und wie sollte er, funktioniert er doch identitär statt dissident.

PS 2: Das Problem ist nicht nur der Weiße, sondern es ist Rasse, Ethnie, Volksgruppe. Das Problem ist nicht nur der Mann, sondern es ist das Patriarchat. Das Problem sind nicht einzelne Partikularisierungen der Arbeitsteilung von Totalität, sondern das Problem ist – die Totalität. Sie ist totalitär (total) und totalitaristisch (totalisierend). Das Problem kurzum ist Herrschaft, deren bislang effizientestes, weil zum Zweck an sich selbst gewordenes Mittel das Kapital ist. Mit ihm hat sich eine neue, wesentlich homogenisierte globale Totalität herausgebildet: der Kapitalismus. Dieser ist nicht der Grund allen Übels – aber die heute effizienteste und weiter expandierende Ausformung dessen.

PS 3: Ein nicht-identitärer Intersektionalismus müsste, weil er alle Diskriminierung wie Schlimmeres (Massenmord des Hungers, nicht zuletzt als kapitalistischer Rassismus) und damit auch deren wichtigste Ursachen zu behandeln hätte, selbst Totalität untersuchen – schon, um nicht in die Identitätsfalle mit ihr zu treten. Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Diskriminierung gegen Alter, Behinderung, Dissidenz, Tiere usw. könnten nur adäquat und damit radikal untersucht werden, wenn sie in den Kontext von a) Herrschaft (auch Gewalt und Ideologie) und b) Kapitalismus gestellt würden. Ohne diese Kontextualisierung kann keine dieser Kategorien oder ihre eigentliche Wirkungsweise wirklich verstanden werden; der liberalistisch-akademische „Differenzierungs“imperativ ist ein falsches Bewusstsein von Differenz (falscher Konkretion) in einer Totalität totalitärer Gleichschaltung. Es muss darum gehen, gemeinsam die gemeinsame Unterdrückung zu analysieren und zu bekämpfen – und wo sie nicht gemeinsam ist, sich miteinander zu solidarisieren.

Standard
Politik

Eine Polemik gegen Rechte wie Linke und für herrschaftsfeindliche Politik

von Rob Stirner

lichtung

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

Werch ein illtum

(Ernst Jandl)

 

„Unter den Bärten aber – und das war die eigentliche Entdeckung, die K. machte – schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig hinuntersah.“

(aus Franz Kafka, Der Proceß, Zweites Kapitel)

 

Dies ist eine Beendigung des Kadergewissens. Dies schreibt eine, die von Rechten und wohl auch vom kläglichen Rest „der Mitte“ als linksradikal bezeichnet würde. Dies schreibt eine, die Herrschaft und Gewalt bedingungslos bekämpft, d.h. im Speziellen heutzutage v.a. Kapitalismus und Faschismus mit ihren Staaten und Märkten; d.h. u.a. Sexismus, Speziesismus, Rassismus; d.h. die Figuren der Familie (famulus) und die Mechanismen transzendenter wie immanenter Religionen, also die Mechanismen des Verselbstständigten, der politischen Perseverationen, der ideologischen, doch handfesten Gespenster; d.h. letztlich die Bedingungen und Funktionsweisen von Poleis, von Gruppen, Klassen, Kulturen – in den direktesten wie in den abstraktesten Formen. Kurz, es ist ersichtlich: was bekämpft wird, ist in der Mehrzahl und kann nicht einfach „aufgezählt“ werden. Vielmehr muss die „Linksradikale“ sich, in ihrer notwendigen Radikalisierung, auch und vor allem gegen die Praxen, Theoreme und Theorien der Linken wehren, welche ihrerseits rechts sind, was hier so viel heißt wie: herrschaftlich, gewaltvoll, ideologisch. Die vorliegende Streitschrift begehrt daher auf insbesondere gegen die kollektivistisch-identitären, d.h. die heteronomistisch-opportunistischen gemeinsamen Nenner von Links wie Rechts – aufbegehrt wird dabei utopisch, gen Utopie, gen Dürfen und Können, als Utopisierungsversuch. Aufbegehrt wird somit, weil Herrschaft herrscht, und dies totaler denn je; aufbegehrt wird von Seiten der Dissidenz, der Paria, der Outcasts; von Seiten der Ohnmächtigen, der Flüchtenden[1], der verlorenen Posten – der entschieden Differenten und entschiedenen Differenzen. Das Bedürfnis und Ziel dieser Streitschrift ist derweil ein positives: sie will Schaffung von Diaspora, von Gastfreundschaft im Exil, von Freundschaft und Freundlichkeit trotz allem und gegen das meiste; Schaffung von Gründen fürs Weiter des Gegen, fürs Weiterkämpfen, von (auch sich selbst) aufklärendem Widerstand, von Radikalitäten. Ja, letztlich will dieses „Pamphlet“ und braucht seine Autorin nicht nur eine bessere Welt, sondern eine Welt, die so gut ist wie möglich. Alles andere, alles, das weniger will, wäre in der gegenwärtigen Tendenz des Systems auch weniger als hinreichend, nämlich mehr als tödlich.

Polemik als deskriptiver Stil

Dabei ist polemisch, was kommt, weil es adäquat ist mit dem, was es beschreibt. Zunächst polemisch nämlich ist die a- und antagonistische Welt, in welcher wir leben. Primär, weit diesem Text hier vorauseilend, ist der tägliche Kriegszustand der Leistungs- und Lohngesellschaft polemisch (kriegerisch), der Kriegszustand kapitalistischer Logik, welche ihre eigenen Prämissen täglich aufs Neue reproduziert. Ihre Konklusion war stets schon mörderisch, nimmt nunmehr aber zusätzlich immer sichtbarer global-suizidale Ausmaße an. Krieg (polemos) allerdings wurde nicht vom Kapitalismus erfunden. Dieser führte ihn nur, mit seiner mikro- und makroskopischen Behandlungsmethode, in jedes Atom gleichermaßen wie in den menschlichen Gesellschaftskörper als Totale ein, als Totale, welche alles durchzieht – vom abseitigsten Refugium bis in die „internationalen Beziehungen“, in die tiefste Tiefe und weiteste Weite also, von der privaten Intimität bis in die öffentlich zugängliche Wüste und Verwüstung. Kurzum, der Krieg wurde effizialisiert vom Kapitalismus, bis die beiden leistungsstark genug wurden, jeweils mit oder auch ohne den anderen die ganze Erde zu verschlingen. Dabei gab es Krieg selbst im Intimen der Personen und in den Wüsten des Planeten schon sehr lange bevor sich hinreichend entfremdet wurde, um eine fixe Idee wie das Kapital zum Universal-Diktator über Wert und Unwert zu machen. Nun soll hier keine Genealogie oder irgendeine anderweitige Ursprungsforschung folgen. Dass Krieg nicht auf Kapitalismus reduziert werden kann erklärt eher schon, warum das zu Kritisierende sich nicht derart einkreisen lässt, wie einige Linke das gerne vormachen. Es erklärt, dass besagter Kreis einer ist, in welchem die Linke selbst gefangen sitzt – ein Kreis kurzum, dessen Durchmesser linke Axiome so sehr durchschneidet wie rechte.

 „Die Mitte“ und die Kultur

Dass derweil jener, welcher sich scheinbar im Gegensatz dazu für unpolitisch hält, am tiefsten der flachsten Ideologie verfallen ist, schon mit seinem „Axiom“, es gäbe so etwas wie eine politikfreie Sphäre, muss nicht weiter elaboriert werden. Ebenso ist keine ausführliche Beschäftigung mehr nötig um festzustellen, dass „die Mitte“ so wenig unideologisch ist und so sehr rechts und extrem wie die wirtschaftliche Rechte – erstere als Grundlagenverteidigerin des Herrschenden, vom Patriarchat über die Kriege aller gegen alle bis zu ihren Institutionen der Toleranz (nur) gegenüber dem Bestehenden, welche „Diskriminierung“ im wörtlichen Sinn ausmerzen wollen, also Unterschiede jedweder Art; letztere als „libertäre“ Dammbrecherin für die nächste faschistische Flut. Vor allem aber soll sich hier nicht aufgehalten werden damit, mehr als zu erwähnen, dass „die Mitte“ zusammen mit den Marktfundamentalisten (Wirtschaftsrechten) das Todesurteil unseres Planeten oder zumindest jenes seiner menschenmöglichen Bewohnbarkeit unterschreibt, nämlich indem sie ihr gesamtes Selbstverständnis und damit sich selbst in den Kapitalismus legt – wodurch gerade besagte sich so extremfrei gebende „Mitte“ den endgültigen Verkauf von „Kultur“ und „Zivilisation“ fatalisiert, insbesondere aber die Verhöhnung ihrer eigenen Moral und aller Rechtsstandards mittels globalisierter Praxen: bei gleichzeitig wachsenden technischen Vernichtungspotenzialen. Kurz, die internationale Hypokrasie der Mitten, der totalitaristische Fundamentalismus der kapitalistischen Avantgarden und die strukturelle Fanatisierung der Peripherien (ihr Rückfall in Religion) sind ein und dasselbe Phänomen – ein Kampf nicht der Kulturen, sondern die Kapitulation emphatischer Kultur überhaupt, nämlich ihre Kapitalisierung und damit ihre Konfiszierung. Kultur ist in der Folge bestenfalls noch die zweite Seite der Doppelzüngigkeit, der Eskapismus vollends verkehrter Welt(-sicht), die ästhetisierend-anästhesierende Begleitmusik zur Apocalypse now, die systematische Unbedarftheit im Angesicht der mit Sicherheit kommenden, weil sich bereits auswirkenden Katastrophe. Im schlimmsten Fall aber ist Kultur außerdem Entwicklungshelfer statt Hemmnis der gesellschaftlichen Tendenz, die gruppennarzisstisch-todestriebliche Legitimation des vorwärtsschreitenden Chiliamus, der sich feuerfest glaubende Brandstifter in globalen Verhältnissen der Dürre. Doch hat diese „Mitte“ dergleichen und damit Verbundenes noch nie durchschaut, womit sie stets verliebt war in den Hofnarren der jeweiligen Tyrannis, heute aber in das Unterhaltungsprogramm der untergehenden Titanic. „Die Mitte“ ist und war stets nicht nur ein kapitalistisches Produkt, sondern zugleich das Fundament der kapitalistischen bzw. einer älteren (kulturidentitären) Rechten. Zu dieser „Mitte“ zählen, um endlich alle Missverständnisse auszuräumen, neben gemäßigten Christoblaten die ganze (einstmals existierende) Sozialdemokratie inklusive Gewerkschaften und Keynesianismus, die „Linksliberalen“, Parteiökologen sowie alle sonstigen „Reformer“ (wozu in Deutschland z.B. auch die Mitte-Fraktions-Parlamentarier „Der Linken“ zählen, wie spätestens auf Landesebene ersichtlich wird). Dass Wählen mitsamt der restlichen Republikformalia damit nicht als Politik im radikalen Sinn missverstanden werden sollte, liegt auf der Hand: das Urnenvotum wird allerhöchstens noch Reaktionäres verzögern, während die ökonomischen Beschleunigungen in den Abgrund überhaupt parallel zu demokratischen Kulten und demgemäß von ihnen unberührt vonstattengehen.

Die einzigartige Bedeutung der Linken[2] fürs System

Die Linke ist die fürs Gesamtsystem nicht unerlässliche, jedoch hilfreiche Ergänzung, zunächst als solche der Rechten sowie, wenn ihre Theorien durchgekommen und durchgesickert sind, als jene des restlichen Gesellschaftskörpers, nächstens aber der Mitte. Denn was weder die Rechte als mörderisches Feindbild haben kann[3] noch die Mitte[4], das ist der heimliche Sündenbock und das offene Angriffsziel der Linken. Zum einen ist es die irreduzible Andersartigkeit (beschrieben von ihr als „Individualismus“, „Monade“, „Eiland“, „Robinsonade“, „Bürgerlichkeit“), zum anderen die Dissidenz, d.h. der alleinstehende erfahrene selbstbewusste entschiedene unassimilierbare Widerstand (von ihr denunziert als „elitär“, „privilegiert“, auch als „unpolitisch“ oder gleich als verschiedentlich „Böses“). Nichts nämlich hasst die Linke (der Zoowärter bzw. Tierarzt des zoon politikon) so sehr wie Singularitäten, Ausnahmen, Einsamkeiten, Außenseiter, Privatpersonen, Eigenbrötler (idiotes). Das Feindbild der Linken ist demgemäß immer die Minderheit („we are the 99 %“). Dies entspringt theoretisch dem Grundirrtum, der Herrschaft personalisiert und die Mächtigsten für mächtiger als Herrschaft hält[5], praktisch aber dem Linken-Votum für die Polis, also für die Trägerin von Herrschaft selbst.

Damit wäre die Linke die perfide, die Mitte die naive, die Rechte die logisch-logistische Beseitigung der Dissidenz, des hartnäckigen Singulars, der renitenten Resistenz und radikalpolitischen Akteurin. Diese Rolle nimmt die Linke aber nicht ohne arbeitsteiligen Hintergrund ein; sie tut damit, was sie am besten kann, d.h. worauf sie sich spezialisiert hat. Die Rechten nämlich (und auch ihre Mitte-Stellvertreter) sind und können nur gegen Identitäten bzw. ihre Identitätsprojektionen eingestellt sein: sie vernichten, in jedem Sinne zwingend reduktionistisch, andere Ethnien, Geschlechter, Wirtschaftssubjekte, Lebensmodelle. Damit vernichten sie Dissidenz zwar gleichsam mörderisch, aber eben nur indirekt, nämlich nicht als Dissidenz, sondern z.B., im Falle von Wirtschaftsrechten, als nicht Zahlfähiges und damit zu beseitigendes Nicht-Wertes. Die Linken indessen sind die eigentlichen Revolutionierer der Ideologie: ihnen, als Intellektuelle, ist das bloße Umsetzen oder Wiederholen nicht genug. Sie müssen, was ist, vielmehr theoretisch verfeinern, vertiefen, verkomplizieren, sublimieren; sie müssen ihren Spaß daran haben; sie müssen sich ein Spiel daraus machen. Sie also sind es, die dazu dienen, die Anti-Identitäten, die Dissidenzen, die Gruppenlosigkeit, die überall Anderen als solche zu kennzeichnen und zum Verstummen zu bringen – etwa indem selbige ihrer Intelligibilität beraubt oder schlicht geleugnet werden (mehr dazu gleich). Beide aber, Linke wie Rechte, sind Kollektivisten; und beide sind sie nicht zuletzt dem Kapitalismus bedeutsam – die einen als Konservierer der Verhältnisse, die anderen als (zunächst theoretische) Weiterentwickler ihrer. Dank beider erst ist der Kapitalismus-Kollektivismus damit flexibel, nämlich identitär genug, um unaufhaltsam weiter zu expandieren; Links und Rechts sind dialektische Produkte, welche das Angebot an Identitäten gemeinsam einander vervollständigen. Die Rechten sind dabei einfach zu falsifizieren oder zu verneinen: es lässt sich schlicht abstreiten, dass die „menschliche Natur“ egoistisch sei oder dass Juden gierig oder Moslems faul bzw. islamistisch seien etc. etc. – Rechte stellen lediglich meist einseitige unterkomplexe nicht einmal alberne Thesen auf. Linke dagegen haben Theorie; sie haben Dialektik. Sie sind die Eingeschworenen, deren Dogmatik ein komplexes, lückenloses und allesbegründendes System bildet, das äußerst feinmaschig und intern interdependent ist: vollends eine komplette Identität eben. Kurz, Linke sind Kainsmalverteiler („du hast deine Schwester getötet, indem du desertiert bist!“). Sie suchen den Schuldigen am liebsten in den eigenen Reihen.

So werden, in neueren Perversionen der Macht von Links, Aussätzigen-Ausweise verteilt, die den Judenstern-Distributionen der Rechten nicht umsonst analog sind: z.B., indem die Kritikerin des US-Imperiums als Anti-Amerikanerin „entlarvt“ wird (vor Trump…); indem die Stellung gegen die gleichgeschaltete Medienlandschaft als Pegida-Populismus „aufgedeckt“ wird; indem die Antikapitalistin als Verschwörungstheoretikerin „durchschaut“ wird; indem Kritik sowohl am Monotheismus wie an Israel oder allgemein am Zionismus als antisemitisch „entpuppt“ wird; usw., usf. Es geht der Linken dabei stets um die generalisierend-essentialisierende Verunglimpfung jener, die sich nicht dem eigenen Weltbild zurechtschneidern. Anders gesagt: es geht immer darum, die heimliche Eigentlichkeit eines Bösen bloßzustellen, das seinerseits von böser Absicht verdeckt werde; es geht um „Psychoanalyse“, um Pathologisierung. Letztlich also geht es damit um Exorzismus. Die Linke Denunziationspraxis „Der da, das ist ein Kain!“ wird aber nicht nur willkürlich an Ausreißer oder Außenseiter verteilt, sondern auch strukturell denen aufgebürdet, die am radikalsten das Bestehende attackieren. Das Selbstverständnis des Linken nämlich ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – v.a. insofern er sich diese Geschichte selbst ausgedacht hat, während seine Geschichtsphilosophie doch von der Reaktion gestohlen ist. Besagte richtige Seite aber ist, gerade für die Linke, eben die Seite einer Polis, einer Mehrheit, einer Identität, womit das blutige Spiel der Rechten mitgespielt wird, nämlich als Spielpartner, als Antagonist auf dem Schlachtfeld, über welches seinerseits gegenseitiges Einvernehmen besteht – statt als Hinterfragung der Spielregeln oder von Regeln allgemein. Wer Kain ist, ist damit Kain für die Linke, weil er auf der falschen Seite steht, nämlich gegen die Geschichte, gegen die Gesellschaft, gegen die Tendenz und die Geschichte, gegen seine eigene Integration. Wer nicht nur marginalisiert wird, sondern wer nicht Teil werden will des Zentrums der Macht, gilt der Linken, die selbst Polis-Politikerin ist, sofort als verdächtig: „da muss etwas Anderes dahinterstecken; niemand würde auf Macht freiwillig verzichten; hier steckt doch das Rechte drin“, denkt der Linke übergangslos. Wer sich nicht integriert in den linken Himmel, kann kein anderer sein als der Teufel – und der Teufel ist allein, der Teufel ist ein Einzelgänger, ein Idiot, ein Individualist: das Schreckgespenst aller linken Gespenster, die international herumgehen.

Demgemäß wird auch (die Stimme der stimmenlosen Kollektive für sich in Anspruch nehmend, für die Ermächtigung der Subalternen, der Nur-Noch-Nicht-Mächtigen) das „identitär Privilegierte“ per se und ohne Differenzierung angegriffen, weil es am wenigsten in seinem spezifischen Identitätskampf und am ehesten universell, also radikal-ethisch, denken und handeln kann – d.h. weil es sich entscheiden kann zu seinem Kampf, weil es eine Entschiedenheit über Machtgewinnung hinaus ist. Die Linke wird damit die Verfolgung entschiedenen Widerstands und der Versuch, ihn zu zerschlagen – eben, indem sie nicht einmal das Gute, sondern schlicht das Ausstehende für sich annektiert hat und es seither theoretisch kolonisiert, elementar beanspruchend, ein Raubbau am Potenzial des Politischen.

Weniger scherzhaft gesagt als es klingt, und mehr schon schmerzhaft muss daher ergänzt werden: Linke sind Universitäter. Arbeiter*innen[6] können insofern, beim besten Willen, keine Linken sein – das ist eine simple, nicht nur faktische, sondern auch apriorische Feststellung.[7] Arbeiter*innen mögen die Reichen berechtigter-, „die Ausländer“ unberechtigerweise hassen, sie mögen irrational-thesenhaft oder rational-analytisch das System hassen, doch werden sie damit nicht zu kanonisch gebildeten Theoriekorpussen, was Linke stets sind. Vielmehr bleiben sie Erfahrende und daheraus Denkende, d.h. keine Belesenen, keine Fußnoten, sondern politische Empiriker. Aus selbigem Grund auch sind Arbeiter*innen weniger entfremdet als Intellektuelle[8] und damit offener für Neues, Anderes, Besonderes – wie im Extremfall für Dissidenz. Als selbst spürbar existenziell Betroffene sind sie empfänglicher für die existenzielle Not, zu der sich aus persönlicher (die Persönlichkeit betreffender) Notwendigkeit entschieden wurde. Worte wie Würde, Rückgrat, Stolz sind daher gemeinsamer Wortschatz von Arbeiter*innen und Dissidenz, während die Linke sich als wissenschaftliche Berührungslosigkeit mit sich selbst hütet, Gefühle, die keine Affekte sind, zu nahe an sich heranzulassen. „Idealismus“ denn hat sie gar gänzlich zur philosophischen Strömung banalisiert, „Authentizität“ als ontologische Unmöglichkeit stigmatisiert – um nur zwei Beispiele zu nennen. Überhaupt sind Arbeiter*innen und Dissidenz, ohne daher zwangsläufig metaphysisch zu werden, induktiver, als die ganze Gesellschafts- und Geisteswissenschaftlichkeit der Linken zusammengenommen. Die Linken wollen Philosophen, Theorien, Systeme verstehen, meist epistemologistisch, d.h. sie verstehen eben um des Verstehens selbst willen. Was aber derart lückenlos durchexerzierbar ist, dass es wirklich durch und durch als verstanden gefühlt werden kann, muss, und das ist eine hermeneutische Zwangssituation, seine besitzergreifenden Spuren hinterlassen: der Linke wird damit, was er liest: seine Identität ist die einer Philosophie, aus Theoremen; eine Systematik, die „objektiv“, wissbar, mitteilbar ist; die in Kollektiven verhandelt werden kann, zwischen Texten und Paraphrasen aus Mündern. Dissidenzen und Arbeiter*innen hingegen wollen verstehen, um das Verstandene nicht zu sein, um sich desto bewusster von ihm zu unterscheiden, abzuspalten; sie machen sich keinen Götzen aus dem Verstandenen, ja, sie sind gegen es, um Raum darüber hinaus zu haben für eigenes Tun, wozu auch Denken zählt, wie überhaupt Freizeit. Analyse und Abstraktion von Dissidenz und Arbeiter*in ist damit nicht Verstehen einer Quelle, sondern Verständnis einer Wirklichkeit, also eines Wirkzusammenhangs vor sich, in sich, um sich; es ist ein Verständnis davon, wie Gesellschaft funktioniert; und damit ein negatives und negierendes Verständnis. Während Arbeiter*innen, u.a. weil sie Zeitungen lesen und weitere Gottesdienste betreiben, derweil dennoch rechts sein können (thesenhaft), bleibt ihnen die Karriere als Kainsmalverteiler und Universitäter doch versperrt. Die Rolle, Dissidenz zu erspüren und auszuliefern liegt originär nicht bei ihnen, sondern bei den Linken. Rechte dann übernähmen, was f.g. nicht nötig ist, im Notfall auch die physische Ekrasierung dieser wirklich „absoluten“ (radikalen) Minderheit.

Linke und Rechte als Polis-Mehrheiten gegen die Entschiedenheit von Dissidenzen, Idiot*innen, Barbar*innen

„Links“ und „Rechts“ gehen bekanntlich schon historisch, nicht nur intrinsisch, gemeinsam auf die Verteilung, Aufteilung, Organisation von Mehrheiten zurück, nämlich auf das Parlament – Rechte sind konservativ, bewahrend; Linke sind progressiv, sie wollen fortschreiten (in denselben alten Bahnen, um sich nicht zu langweilen; sie wollen etwas sehen). Auch die offiziellen Minderheiten der Parlamente wie des Außerparlamentarischen nun sind eigentlich Mehrheiten, nämlich Gruppen, Identitäten, was allein daran schon ersichtlich wird, dass sie von herrschender Gewalt (z.B. Staaten) beschützt werden können. Radikale Minderheiten dagegen sind radikal „minder“, also quantitativ am wenigsten, genauer: sie sind jene vereinsamten Dissidenzen als entschiedenermaßen entschiedenes Gegnen zur Herrschaft, für welche sich keine Vertretung, keine Identitätspolitik, kein Minderheitenschutz, keine Diskriminierungsstelle einsetzt, noch weniger aber eine Schule wie der Poststrukturalismus oder der Postkolonialismus oder gar eines ihrer Fächer – etwa die Gender Studies.[9] Diese mögen Identitäten schützen (z.B., besonders intersektional, die schwarze Transgender mit Migrationshintergrund als working class heroine), aber niemals Dissidenzen, welche sich, wie immer sie auch gesellschaftlich essentialisiert werden mögen, stattdessen bewusst entscheiden, gegen diese und andere Gewalttaten und damit gegen Gewalt schlechthin, also Herrschaft vorzugehen – theoretisch und praktisch und ohne Lager-Gewissen, d.h. so umfassend wie möglich. Jene Dissidenzen nun sind die ersten und einzigen politischen Akteurinnen, d.h. sie sind politisches (Selbst-)Bewusstsein und (selbst-)bewusste Politik, während Gruppen per definitionem unbewusst bleiben müssen (auch Schwarmintelligenz ist kein Bewusstsein). Aus exakt diesem Grund wird Dissidenz vom linken wie rechten, kurzum vom rechtlichen Herrschaftlichen und den herrschaftlichen Rechtfertigungen als „unpolitisch“ gebrandmarkt, wovon schon die Rede war. Was dies aber besagt, ist wörtlich zu verstehen: Dissidenz gehört keiner Polis an, ergo sei sie unpolitisch. Daher übrigens sind Dissidenzen auch die „Idioten“ (idiotes) jener Gesellschaft (polis), in der sie zu leben gezwungen sind – als idiotes aber sind sie nur die innenpolitische Symmetrie zu den Barbaren (bárbaroi) „draußen vor der Tür“ (Borchert). Dies wiederum besagt nichts anderes als dass Dissidenzen die Barbaren (die Unverständlichen, die Stammler) des Inneren sind, oder eben: die Nestbeschmutzer, die relativ Vogelfreien. Ausgerechnet Dissidenz, d.i. die existenzielle Entschiedenheit für Utopie, kann also von der Rechten als links[10] und von der Linken als unpolitisch vergessen bzw. verdrängt werden – und dies, weil der Politikbegriff von Links wie von Rechts gleichermaßen entfremdet nicht einer der Einzelnen, sondern jener der Polis ist, der Metro-pole, der ummauerten Massen-Stadt, der Identitäts-Burg (polis). Liberalistisch-rechtstaatlich institutionalisiert wird selbige denn zum Parlamentarismus demokratistischer Wehrhaftigkeit. Exakt in der Polis als Politik aber liegt auch der historisch nachweisbare gewaltvolle und herrschaftliche Robespierrismus linker Bewegungen gegen diese. Das so oft beklagte Scheitern von Revolutionen ist hierin – im Revolutionsverständnis selbst – zu suchen und zu finden.

Demokratie – die Herrschaft der Zugehörigen zur Polis

Europa ist als befestigte Insel dem Ideal griechischer Demokratie-Stadtstaaten (poleis) damit näher als allgemein angenommen oder behauptet. Der demos seiner Demokratie ist so sehr priviligiertes, v.a. patriarchales (früher männliches) Bürgertum und so xenophob wie jener des klassischen Athen –  dem vielgerühmten kulturell-politischen Ursprung Europas. „Politik“ auch theoretisch auf Herrschaft, Gewalt, Macht und ihre Repräsentanzen herabzuinstitutionalisieren ist kurzum nur die Folge einer Politik einzig für die Polis, wie sie seit der Antike weltweit praktiziert wird. Diese Polis mag sich zunächst als Kaiser- und Königreiche sowie Kirchen abstrahiert haben und später, mit dem Kapitalismus, über Staaten, Märkte und ihre Bündnisse. Entscheidend ist und war für die Polis die Zugehörigkeit zu ihr, ob zur Scholle des Lehnsherrn oder zur Klasse der Besitzenden, ob zum deutschen Volk oder zur kapitalistischen Folklore – ob letzteres auf der Angebotsseite als Humankapital und Manager der eigenen Ressourcen, oder auf der Nachfrageseite als homo oeconomicus bzw. Marktidentität. Im Kapitalismus wird dabei nicht nur keine Differenz geduldet, sondern darüber hinaus einzig der Einsatz zusätzlich für das Bestehende und seine Weiterentwicklungen erlaubt. Anders gesagt: wer nichts im Sinne der Herrschaft leistet, wird im Kapitalismus zum Tode verurteilt – zum Tode v.a. durch Armut. Seine Demokratien teilen dabei nur noch seine Gewalten unter verschiedenen Funktionären und Posten auf, die allesamt depersonalisiert werden, sofern sie nicht als Demagogen (Volks-Führer) fungieren. Sie sind als nationalstaatliche Demokratien an ihre Nationalökonomien wie international ans konzentrierte Kapital gebunden und kümmern sich, damit Recht und Ordnung für die Verträge eben mit dem Kapital aufrechterhalten bleiben, wenn überhaupt, dann um Fleisch und Spiele – beispielsweise um die Stellvertreterspiele des Wahltheaters. Selbst aber wenn es jemals eine De-facto-Demokratie gegeben hätte (der Begriff Postdemokratie ist irreführend), sind Demokratien, von Anbeginn und bis heute unverändert, de jure nicht dazu da, alle Menschen oder auch nur alle Identitäten (von Tieren oder der Umwelt zu schweigen) zu vertreten. Noch im Idealfall, also im ernsthaft direktdemokratischen, ermächtigen sie, und das ist eben per definitionem ihre Aufgabe, nur den Demos, welcher sich seinerseits lediglich gegenüber seiner Polis verantwortlich zeigt; wenn denn überhaupt. Ein Beispiel hierzu. Wie im klassischen Athen, wo nie die Ekklesia, sondern immer der Rhetor letztlich haftbar gemacht werden konnte, haben so auch die demokratistischen Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg den Führer vom Himmel fallen lassen, um das Mitläufertum zum Bagatelldelikt zu euphemisieren (bzw. andersherum), womit sie die Banalität der Reichsgutbürger nicht im Ansatz begriffen – bzw. zu gut begriffen, um ihre Nürnberger Rechtsprechung gleichermaßen, wie nach den Maßgaben der Rechtstaatlichkeit billig gewesen wäre, auf die eigenen Vergehen anzuwenden. Die Nähe überhaupt nicht nur von Sparta und Rom, sondern auch des geschichtlichen Metanarrativs Athen (und damit z.B. der US-amerikanischen Demokratie) zum nationalsozialistischen Germania hätte so nicht derart leicht übergangen werden können. Denn Demokratien sind stets nepotistische Partikularismen, lediglich eine andere Form der Herrschaft als z.B. die Monarchie (weshalb es ganz selbstverständlich auch konstitutionelle Monarchien geben kann): noch liberalistische Idealisten sind damit nichts Anderes als (teils unbewusste) Ideologen. Während der Demos-Souverän zwar überall nur Dekoration ist – was spätestens offenkundig wird, wenn er sich ausnahmsweise einmal gegen den Marktwillen entscheidet –, hat er doch qua Souveränität die wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Klasse seiner Polis, weshalb die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Standorts nicht zuletzt verheißt, das eigene Votum gegen das anderer Demoi aufzuwerten. Dergleichen bedeutet schließlich konkret, dass der Arbeiter für seinen ganz persönlichen Ausbeuter und damit, agonistisch wie alles innerhalb und zwischen Demokratien, gegen die anderen bzw. gegen Internationalität stimmen muss, sofern er guter Demokrat und keine streikende Barrikade ist. Das „eigene“ Votum wird so zum Votum der speziellen Nationalökonomie jener Nation, welcher der Wähler angehört – worin das eigentliche Wahlgeheimnis besteht; nämlich das Wahlgeheimnis aller Wahlberechtigten einer jeden Polis. Wenn aber die Polis schwächelt, nicht zuletzt ihr „Sozial“produkt, dann wird auch ihr Demos von den Interessevertretern der Medien einvernehmlich zensiert. Die Reaktion darauf ist, was spätestens die „Ent“kolonisierungen des 20. Jahrhunderts bewiesen, die mediale Strategie des Terrorismus[11]: erst, wenn Mitglieder hegemonialer Poleis sterben, wird die sogenannte Öffentlichkeit auf sonst wettbewerbsunfähige, d.h. auf barbarische Demoi aufmerksam. Barbaren sind jene, die nicht gehört werden, und lediglich mit Gewalt kommen sie (wenngleich öffentlich anerkannt weiterhin nur als Unmenschen) ins phalanxbefestigte Polis-Bewusstsein westlicher Demokratien. Dass Demokratien freie und offene Gesellschaften seien, ist damit Grundideologem des Liberalismus – schon das Wort, seine Geschichte und Wirklichkeit widerlegen es. Demokratie ist nicht frei von Herrschaft, nicht offen für alle, nicht einmal intern durchlässig für ihre Tellerwäscher, sondern sie ist die Herrschaft des Demos, also die Gewalt der Polis (: demo-kratía).

Ob nun die Masse schlechthin, ob die Gemeinschaft der Leistungsträger, ob das Volk, die Arbeiter oder aber eine Arbeitsteilung verschiedener Identitäten, ob ein Pluralismus der Poleis die Polis darstellen soll – ob nun links oder rechts, ob der faschistische, der kapitalistische, der völkische, der marxistische oder der postmoderne (identitätspolitische) Zukunftswunsch: selbst die „Utopien“ verbleiben in Politikverständnissen der Polis sowie der Herrschaft. Polis und Herrschaft aber sind voneinander untrennbare Kategorien; Polis und Polemos gehören zusammen. Gewalt und Macht mögen noch, sehr beschränkt, vom Einzelnen ausgehen; Herrschaft und Krieg dagegen können nur durch eine Polis wirken.

Der neueste Anarchismus als Ausnahmefall der Linken und Alternative zur Demokratie? Oder als Verbannung der Distanz und identitäre Anonymität?

Herrschaft (archía) und Gewalt (kratós) sind als austauschbare Begriffe deutbar. Daraus könnte sich ergeben, dass An-archie eine Alternative zur Demo-kratie zu sein vermöchte. Hierfür wiederum müsste Anarchie aber auf den Demos und damit auf die Zugehörigkeit zur Polis verzichten können. Allerdings gehen Links und Rechts in ihrem Politikverständnis wie gesehen auf die jeweilige Polis zurück und damit auf politische Identitäten – und auch der Anarchismus gilt als linke Theorie. Auf der anderen Seite ist er die wohl einzige linke Theorie, die explizit anti-politisch ist, und, beispielsweise in seiner Vertreterin Emma Goldman, zudem gegen die Phänomene der Majorität. Als Alternative zum klassisch Politischen schlägt er jedoch kaum etwas vor, das über Polis hinausginge. Ohne ihn abschreiben zu wollen, muss dahingehend erläutert werden, inwiefern seine vitalistischen Masse-, Tat-, Bewegungs- und „Spontanitäts“lehren ebenso, wenn auch anders, ins Polis-Politische verflochten sind wie z.B. die Marxisten mit ihrem Proletariat. Gerade bezüglich Masse, Tat, Bewegung und Spontanität lässt sich mitunter sogar eine gewisse Nähe zur faschistischen Theorie konstatieren. Mit diesen „Vitalismen“ nämlich wird ein Distanzverlust eingeführt, der exemplarisch für faschistische Theorie ist und der seinerseits Widerstand, entschieden-kämpferische Differenz verunmöglicht, indem er das Identitäre nicht nur gegen außen (andere Poleis) absichert, sondern auch nach innen, d.h. gegenüber Reflexion, Zurücktreten, Abstand, Innehalten, Hinterfragung und Zweifel, kurz: gegenüber bewusster Resistenz und Renitenz.

Denn so wenig auch – im Gegensatz zu anderen – in den anarchistischen Poleis Dogmen die Hirne beherrschen, so sehr regiert doch der Kultus die Herzen. Er kann ein gefährlich inhaltsneutraler Aktivismus werden, ein Ismus der Aktivität, des bloßen z.B. sogenannten direkten Tuns (direct action), eine Propaganda der Tat und eine Tat der Propaganda, eine fetischisierte Praxis, eine Praxis „an sich“. Statt An-archie wäre solcher Anarchismus also eine Art kultische Herrschaft der Situation, und damit eine Herrschaft auch des gesellschaftlichen Fundiertseins von Situationen überhaupt (denn durchs Sich-Fallen-Lassen in eine Strömung entkommt noch niemand dem nur scheinbar hintergründigen Koordinatensystem, durch welches diese Strömung fließt). Mit der Auslöschung des Willens als Aufgehen im Tun, im Mittel als Selbstzweck (Gewalt), in der Bewegung als Bewegungspartikel, in der Masse, in ihrem Unbeschränkt-Hemmungslosen bezeugen die verwirklichten faschistischen „Revolutionen“ der Geschichte einen blinden Vitalismus und eine intuitionistische Spontanität, die nicht nur in den Begriffen Parallelen aufweisen zum Syndikalismus z.B. eines Georges Sorels, der sowohl Mussolinis wichtigster Lehrmeister war wie vielverehrter Theoretiker des Anarchismus. Die quasi-neurotische Fixierung einiger Anarchisten auf das offensichtlich Fixe, auf den Staat als regelrecht einzig vorstellbarer Herrscher, hat gewiss ihren Anteil an dieser Verehrung ebenso wie an libertären Ideologien, die mit der vermeintlichen Freiheit vom Staat und dem daheraus sogenannten freien Markt Freiheit selbst realisiert sehen wollen. Gerade der über plump „exegetischen Gehorsam“ hinausgehende, aus ihm in den eigenen, ebenso gesellschaftlich produzierten Affekt- und Expressionshaushalt entfliehende berüchtigte Sadismus etwa der Konzentrationslager (oder aber der Wehrmacht gegen den Osten) ist, was Tat um der Tat willen, ekstatisch in die Situation gesogen, von eigens formulierten willentlichen Zielen entbunden, umgesetzt potenziell darstellt: der Kultus schrankenloser Brutalität, der nur scheinbar Staat und Gesetz transzendiert, während er überhaupt bloß möglich ist in den Schattenregionen eben von Rechtssystemen. Gleichermaßen zu deuten ist, um bei Sorel zu bleiben, die Dramatisierung, also Literarisierung des Krieges, seine ideologische Transformation in eine Tragödie, in ein schicksalsbestimmtes Höchstes des Menschen, aus welcher die Heroisierung der Militanz wider die Dekadenz des fin de siècle folgte, der wiederum die Jugend Europas im Ersten Weltkrieg beinahe ausnahmslos von Rechts bis Links erlag – wortwörtlich. Solche Dramatisierung nämlich, die parallel geht mit jener von revolutionärer Gewalt, ist nur „auf die Bühne“ zu bringen mittels der Interessen der Rüstungsindustrie und anderer kapitalistisch exponierter Wirtschaftszweige, welche am effektivsten von ihren Staaten vertreten werden, die stets gleichsam Polizisten und Nachtwächter sind, wie sozial oder demokratisch sie sich auch geben.

Die Organisierung der Masse mittels ihrer eigenen Organhaftigkeit gewissermaßen „natur“wüchsig aus sich selbst zu verwirklichen jedenfalls – wie sowohl sogenannte (Post-)Anarchisten wie Faschisten es wünschen – ist mit Sicherheit die zeitweilige Löschung der Differenz zwischen Tun und Täter, zwischen Subjekt und Prädikat. Sie ist die Verbannung der Distanz selbst als Verbot einer Rückkehr aus der identitären Anonymität, die ihrerseits nichts Anderes amorph verkörpert als die Verbannung von Selbstverantwortlichkeit überhaupt. Diese Verbannung denn ist auch nicht von ungefähr die geteilte Symbolik des Uniformierens linker zeitgenössischer Bewegungen (die sich v.a. als Masken vereinen) sowie faschistischer Bünde der 1920er und 30er Jahre. Damit fehlt in beiden praktizistischen Praxen affektiver Identität mit den Scheuklappen und Determinismen systematisch-systemischer Lehre auch die Theorie als vor gleitendem Anschluss schützende Komplexität und als explizit renitenter Standpunkt mit seinen kämpferischen Konsequenzen.

Postmodernisierung des Kapitalismus – die Linke und die beweglichen Techniken

Derweil ausgerechnet die eben getätigte Aussage über Theorie kann von vielen Linkshegelianismen dank der „Synthese“ oder Identität von Subjekt und Objekt kaum mehr gelten; am wenigsten aber für ihre postmodernen und poststrukturalistischen Abwandlungen, welche zur Ontologisierung jener Identität auf die vitalistischen Philosophien Bergsons, Nietzsches und Heideggers zurückgreifen (wenn nicht gleich auf Sorel oder gar Carl Schmitt). Die Zusammenarbeit eines solchen Synthese-Faschistoids mit den neoliberalen und verhaltensökonomischen Effizialisierungen denn hat in die Postmodernisierung des Kapitalismus geführt: das Subjekt (homo oeconomicus) wurde dergestalt durch Identität ersetzt. Identität aber ist die Basis allen Kapitals (Anerkanntseins als Wert), die Leitwährung und damit die universelle Kommodifizierung des Lebens wie seiner Wesen – sie ist somit Entfremdung. Gesellschaftlich-historisch gesprochen: so wenig die „Klasse“ als Spezialfall ihrer zum Klassenlosen, so wenig deren Diktatur zum Verein freier Menschen, so wenig der Staat zum Anarchischen, so wenig Gewalt zum Frieden führen kann, so wenig ist Identität als ihr Oberbegriff eine Fakultät, die zur Emanzipation oder zum Herrschaftslosen überzuleiten vermag.[12]

Im postmodernisierten Kapitalismus nun wird der rationale egoistische Wirtschaftsakteur ausgetauscht mit der wesentlich lebensnaheren fluiden, flexiblen, deregulierten Aktivismus-Identität. Diese bewegt, dezentralisiert, abstrahiert das Kapital und seine Effekte über den Globus und verwandelt das Soziale vollends zur frei tauschbaren Währung, zur frei konvertierbaren Verwertungseinheit[13], zur gänzlich (zweck-)entfremdeten Perpetuierung in den Warenströmen, zum Kommerz-Kult des Events, Spektakels und Happenings – welches den Massen die Affekte konditioniert durch pseudo-spontane Kollektivausbrüche, durch Aktivierung der passiven Zustände und durch „Frei“setzung unterdrückt-verdrängter Reservate. Die Aktivismus-Identität als postmodernes Mikrokapital aber leitet als besonders funktionierende Einheit des hypermobilen (Finanz-)Kapitals ihre kreativen und emotionalen Ressourcen in die Adrenalin-Schmelztiegel herdeninstinktiver Risiko-Ekstasen um, welche Blasen aufblasen mit Lebensluft, mit Atem, der nicht ihr eigener ist, selbst wenn er ihnen, den institutionell rauschhaften Anlegern, z.B. als Schuldpapierschein, mit angehört. Besagte Parallelwelt des hypermobilen Finanzkapitals wiederum wäre undenkbar ohne vermeintlich horizontale, „rhizomatische“ (Deleuze/ Guattari), hierarchisch flache Internet- und IT-Strukturen, welche ihrerseits, ähnlich der kultischen Herrschaft der Situation und ihres Koordinatensystems, zumindest jenseits der Geldgeber auch nur Medien, Transportwege, „natur“wüchsige Formen, Verteilungsapparate, Vermittler und Mittel, kurz: neutral ob des jeweiligen Inhalts sind. Die Hoffnung der Linken, v.a. der für das Kreativmanagement und das kapitalistische Design so wichtigen Hippiekultur (wozu Yoga, Zen, mehrstellige Logik, Selbstfindung usw. gehören), ging hier also zweifach ins Netz, nämlich ins Netz der Herrschaft: zum einen kann die Linke, solange sie sich als Polis-Politikerin begreift, d.h. als Bewegungs-, Massen-, Identitäts- und Aktivismus-Theorie und -Praxis, vom Internet zwar die „situationistische“ Diktatur ihres jeweiligen Demos erwarten, nicht aber irgendeine herrschaftsfreie Gesellschaft; zum anderen ist die bloße Vorstellung, mit einer neuen Technik (wozu nicht nur Technologien zählen, sondern z.B. auch innovative Organisationsmodi), ohne Veränderung des Bewusstseins, welche ihrerseits nie indirekt wie nebenbei erfolgen wird, die Welt radikal zu verändern, Beihilfe zum Selbstmord nicht zuletzt durch den Kapitalismus und seinen Hauptabsorptionsmechanismus der Verwertungen des Werts, deren erste stets die Verwertbarkeit des Werts ist.

Der Kapitalismus muss schließlich nur verwerten, was Neues an Technik sich nützlich machen will (er sponsort auch die meiste) – und schon ist sie assimiliert. Das Nützliche überhaupt ist leicht verkäuflich. Technischer Widerstand ist zwecklos, denn er ist kommerzialisierbar, insofern er sich an eine Kaufkraft anschließen kann, d.h. an ein Sozialprodukt, an die Rohstoffe einer Menge, an ihre Identität und deren Arbeit. Theorien der Bewegung der Bewegung willen derweil kommen der Selbstperpetuierung des herrschenden Systems sehr gelegen; daher auch sind sie so in Mode.

Identität – die theologische Abstraktion der Polis

Dabei sind die spontanen inhaltsneutralen Aktivismen nicht identitätslos, im Gegenteil: die jeweilige Masse ist ihr Tun innerhalb der entsprechenden Situation mit deren Koordinatensystem als Identität, welche damit so abstrakt ist wie jede Identität, ob Nation, Rasse, Geschlecht etc. Sie ist eben nur anonyme Identität oder, besser, identitäre Anonymität (d.h.: Schwarm, Menge – durchaus mathematisch verstandene Menge).[14] Der marxistische Versuch der wissenschaftlichen Objektivierung von Identität hat daran selbstverständlich nichts verändert – der Versuch blieb Versuch und linke, also Universitäter-Theorie. Das Proletariat als revolutionäre Klasse ist ein Heilskonzept, das geschichtlich widerlegt werden musste durch den Faschismus, und zwar gerade weil es nicht nur auf dieselbe Fraktion setzte wie dieser, sondern weil es überhaupt auf eine Fraktion setzte, auf eine Bewegung, auf Masse. Schließlich bedarf es keines Tyrannen, um die Masse zu „unterdrücken“; vielmehr ist Masse selbst schon Tyrannis, Entfremdung von Utopie, herrschaftliche Fundierung: sie im Eigentlichen ist stets in power – wer immer auch gerade in charge ist. Die Verelendung der Arbeiter hat demgemäß in ihr verelendetes Gemüt geführt und jeder Zusammenbruch der Wirtschaft in eine Expansion kapitalistischer Ratio bei gleichzeitiger auch anderweitiger Rechtsextremisierung, während der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital sich längst entlarvt hat als bloßes nicht einmal dialektisches Vexierbild kapitalistischer Akkumulation. Kapital ist bekanntlich die Anhäufung von Arbeit, doch das Proletariat andersherum ist auch nicht mehr als Humankapital (angebotsorientiert) und ein durch Werbung, Medien, Job, Schule, Eltern, kurz: ein im und als Apparat konstituiertes Subjektkapital (nachfrageorientiert). Der Arbeiter arbeitet für den Kapitalisten, der Kapitalist fürs Kapital, das Kapital für den Kapitalismus; sie alle haben im Effekt denselben abstrakten theologisch angehauchten (omnipräsenten, omnipotenten, unsichtbaren) „Chef“. Identität also ist überall leer, irrational, reine Zugehörigkeit, tiefste Sklaverei und gerade als verwissenschaftlichte stets die Ideologie einer Polis wie ihres Schlachtrufs: TINA!

Anarchokapitalismus als postmoderner Faschismus

Wenn die kapitalistisch qua Konkurrenz militarisierten Massen, die stets Angehörige einer Polis sind, ihre „situationale“ Diktatur nicht nur gegen die Nachbarpolis, sondern gegen die Differenz selbst starten, dann haben wir den Umschwung von Rechts nach Rechts, vom rechtstaatlich fixierten in den aktivistisch verflüssigten Totalitarismus, wobei letzterer den Kapitalismus noch organischer, „natur“wüchsiger, lebendig-mörderischer, vitalistisch-genozidaler umsetzt als ersterer. Es wird zu schnell gehen, um die Frage noch beantworten zu können, doch stellen wir sie trotzdem: wie schnell wird ein Flash-Mob (der Mob mobbt) zu einer Bewegung; wie schnell steckt eine Bewegung ein Land, einen Kontinent an; wie schnell wird der Flash des Mobs zum postmodernen Blitzkrieg? Die technischen Mittel des Managements, der Identitätspolitik, der universellen Medien wie der explizit herrschaftlichen sind mittlerweile grenzenlos. Es gab nie einen so massiven Distanzverlust wie das Internet, nie eine so globalisierte und zugleich mikroskopische (kundenorientierte) „Liberalisierung“ und „Deregulierung“ der Grenzen zwischen den Differenzen; auch keine tiefere Auflösung von Differenz zwischen Herrschaft und Beherrschten. Die faschistoide Potenz unserer Zeit, ihrer Willenlosigkeit der Macht gemäß, in der alle Herrschende sind, also von Herrschaft Instrumentalisierte, Unterworfene, ist somit ins Unermessliche gesteigert. Dass die kulturidentitäre Rechte im Wachsen begriffen ist, darf da nicht weiter verwundern – die Mittel dazu hat sie in der Hand, nicht zuletzt von der Linken wie überhaupt von den Innovativen, Kreativen, „Revolutionären“, den Künstlern und Wissenschaftlern beschenkt. Die Vermassung der Menschheit ist als Internet also bereits installiert; es kann schon länger eine beliebige Software eingesetzt werden. Momentan ist es die der emotionalen Identifizierung mit dem System, in deren Taskleiste das Programm des vorauseilenden Gehorsams aktiviert ist (indem mittels Massenspeicherungen der kommunikativen Identitätsprodukte sowohl der Überwachungsstaat wie die Humankapital-Akkreditierungsstellen ganz offiziell mit den Portfolios besonders verdienstvoller oder aber zu disziplinierender immaterieller Arbeiter beliefert werden – Lieferungen, die zu den profitabelsten Gütern der Informationsökonomie gehören). Ein Anarchismus der vitalistischen Massen-, Tat-, Bewegungs- und Spontanitätslehren darf und muss also getrost als Anarchokapitalismus bezeichnet werden, der unter dem Begriff des postmodernen Faschismus treffend analysiert wäre. Auch solche linke Theorie muss damit als (besonders postmoderne) Polis-Politik zurückgewiesen werden – ein Identitäts-Demos ist und bleibt Problem, nicht Lösung für herrschaftsfeindliche Aspirationen.

Denn keine Identitätspolitik kann hier eine Ausnahme bilden. Das postmodernisierte kapitalistische System ist auch nicht bedroht, sondern vor allem gefestigt gerade von Partizipationsbewegungen der Benachteiligten: hier erst gibt es Expansion, nämlich Innovation, neuen Markt. Was endlich verstanden werden muss ist, dass der Kapitalismus ebenso wie der Faschismus – und die Vermengung dieser beiden ist die Integrale unserer Gesellschaftsordnung – Systeme sind, die sich über das bloße Mitmachen primär konstituieren. Gerade im postmodernisierten Faschismus spielt der Einzelne mit seinen Hintergründen (im Gegensatz gerade zum Nationalsozialismus) idealiter keine Rolle mehr; vielmehr ist exakt die Auslöschung von Separation gerade sein Telos (was durchaus mit immanenten Idiosynkrasien einhergehen kann). Der Kapitalismus selbst hat keinerlei Problem mit der Frau in Führungspositionen, der selbstorganisierten Bürgerlichkeit schwarzer Communities, der Schwulenbar oder dem veganen Café – ganz im Gegenteil sind sie intern bleibende Amplifizierungen, die dem Kapital erst Nische um Nische kreieren, damit es sich akkumuliere; sie sind es, die seinen Vormarsch in die Outskirts, die die Bewegungslinien seines Totalitarismus überhaupt erst ermöglichen.

Identitätspolitik war schon immer das Problem statt die Lösung. Inzwischen aber, wo das System ein global-integrales wurde, ist sie mehr als das: sie ist die Beschleunigung des Apparats durch Erfindung neuer Zahnradarten. Schließlich ist Kapitalismus selbst (auch wenn er nie ohne Archaismen funktionieren könnte) die Perfektion, weil stetige Perfektionierung des Opportunismus- und Konformismusprinzips: wer kapitalistischer Funktionär ist (ob einfacher Produzent, PR-Experte, BWL-Professor, Start-Up-Artist, Medienmogul, Manager, Spekulant oder Aktionär), d.h. wer funktioniert, der wird dafür belohnt (an unterster Stelle: mit Lohn). Wer hingegen nicht Teil ist und gar wer nicht Teil sein will dieser abstrakten Familie, welche sich ums Wachstum ihrer selbst kümmert, der muss im Endeffekt – schlicht verhungern. Dies ist das erste und wichtigste aller Marktgesetze, die selbstverständlich allesamt vom Menschen geschrieben wurden: wie alle Gesetze.

Zur Alternative jenseits von Links und Rechts – anarchische Politik der Dissidenz

Was gebraucht würde, wäre damit, wie gesehen, ein existenziell verändertes Bewusstsein über einen Demos hinaus, der an seiner Polis klebt. Alles sonst wäre keine Alternative, sondern Kollaboration nicht zuletzt der praktischen Enthüllung, Entschleierung, Offenbarung des Kapitalismus, welche, wörtlich genommen, apokalyptische sind. Ein Demos über Polis hinaus aber, radikal politisches Selbstbewusstsein, kann in der totalitären Dystopie unserer Zeit kaum etwas anderes sein als Dissidenz. Dissidenz, der Barbarin des Innern, ist – im Gegensatz zu hegemonialen[15] ebenso wie subalternen Poleis[16] – Herrschaft unerträglich, während jede Polis mindestens intern herrschaftlich funktionieren muss, selbst als „diskriminierte“, marginalisierte oder auch als „spontane“ „direkter Tat“. Dissidente Utopie ist damit, nicht zuletzt aufgrund ihrer Hypersensibilität gegen Gewalt, eine Anti-Polis; dissidente Utopie ist Anarchie (nicht Anarchismus), Herrschaftslosigkeit ohne z.B. Bakunins Rückfälle oder andere Effekte von Ismen. Sie will daher auch keine „Bewegungen“, sondern eher schon Kooperation als Mittel sowie Freundschaft als Zweck, die zusammen v.a. eins tun: Widerstand leisten. Die einzige Autorität in ihr aber darf – gegen alle neolinken Morde des Autors – je die Autorin selbst sein, also die Autorität über sich selbst und die eigenen Erzeugnisse. Dissidenzen sind folglich, im Gegensatz zur Linken, keine Wissenschaftler*innen und keine kulturisierbaren Künstler*innen, noch weniger aber Führerfiguren und Funktionär*innen, auch nicht uniforme Atome gesichtsloser identitärer Anonymitäten (und selbstredend am wenigsten selbstoptimierende ICH-AGs oder Manager ihrer eigenen Kreativitätsressourcen) – oder gar eine besonders dialektische Mixtur all dessen. Auch äußern Dissidenzen nichts so Indifferentes wie „politische Meinungen“ oder andere variable Display-Performanzen. Vielmehr schon sind sie jeweils politische Existenz, welche nicht angelesen, sondern analytisch abgeleitet ist aus dem eigens Erlittenen. Deshalb bleiben sie auch im Widerstand ihr ganzes Leben lang: der Widerstand sind sie; sie müssen Widerstand leisten, um nicht liquidiert zu werden; ihre Radikalisierung ist die Konsequenz der aus der ständigen Frontstellung wachsenden, sich emanzipierenden Persönlichkeit (und vice versa). Sie sind damit entschiedenermaßen im strukturellen „Nachteil“, im allerorten allzeit Verunmöglichtwerden, in der radikalen Minderheit. Anders gesagt: sie sind Märtyrer schon, um als sie selbst am Leben zu bleiben. Die Distanz nicht nur zur hegemonialen Polis, sondern zum Prinzip Polis selbst, ist dem System aber am gefährlichsten und deshalb von ihm am radikalsten bekämpft, was allein daran schon ersichtlich wird, dass Dissidenz kaum irgendwo existiert.

Aus diesen Gründen, eben als politische Existenzialistinnen, können Dissidenzen ferner nur eine fundierte Furcht bekommen nicht nur vor der physisch-praktischen Gewalt der Rechten, sondern insbesondere vor der psychologisch-theoretischen der Linken, d.h. vor der gleichgeschalteten Szene der Akademiker, um es auszusprechen: vor Poststrukturalisten, Postkolonialisten, (Post-)Marxisten, „kritischen“ Theoretikern (1.-3. Generation, to be continued) usw. usf. Dessentwegen auch sind Dissidenzen voller Negativurteil und gleichermaßen voller Fluchtimpuls, wenn sie die ewig wiederkehrenden ideologischen Thesen aus allen Mündern hören, die sich gegenseitig demokratistisch absichern, während selbige Hegemonie eine jede ahndet und verfolgt, die nicht ins geschlossene Weltbild passt. Denn von niemandem wird Dissidenz so in die Flucht gebannt wie von den anstudierten Zensurmechanismen, von höheren Dogmenwürden, stipulierten Notwendigkeiten bzw. Unmöglichkeiten, wie vom Hoheitsgebiet des in Lesekreisen konform angelesenen guten Gewissens, kurz: wie von „den Linken“ (die sich selbst so betiteln) – welche, bevor sie Hegel oder Marx oder Adorno oder Foucault oder Butler etc. geworden sind, übrigens meist keinerlei Interesse oder Verständnis von bzw. für Politik hatten.[17]

Gegen Rechte wie Linke zu sein also ist notwendige Folge jener Radikalisierung gegen Herrschaft, welche Dissidenz existenziell bestimmt – solche Radikalisierung ist gleichermaßen Verantwortung Utopia gegenüber. Einen Beitrag zur Entwicklung eines dissidenten „Demos“ aber versuchte dieses Pamphlet, diese Polemik gegen den Blitzkriegszustand des Bestehenden zu erarbeiten – eine Arbeit gegen Entfremdung, die als Politik gegen die Antipolitik der Polis zu verstehen ist, als polemischer Pazifismus gegen deren systematisch-systemische Gewalten.

Die wichtigsten weiterhelfenden Hintergründe für diese Polemik lieferten:

Grubel, Alexander (2012) Die Griechen. Kultur und Geschichte in archaischer und klassischer Zeit, Wiesbaden: marixverlag.

Hartmann, Detlef (2015) Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans endloser „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht, Berlin: Assoziation A.

Kurz, Robert (2002) Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, München: Ullstein Verlag.

Lanier, Jaron (2014) Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt, Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.

Newman, Saul (2016) Postanarchism, Cambridge: Polity Press.

Rancière, Jacques (2012) La haine de la démocratie, Berlin: August Verlag.

Sternhell, Zeev (u.a.) (1999) Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburg: Hamburger Edition.

Stirner, Max (2011) Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart: Reclam.

Toledo, Camille de (2005) Goodbye Tristesse. Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen, Berlin: Tropen Verlag.

***

[1] Die Reduktion des öffentlich anerkannten Flüchtlingsstatus auf geographische Migration ist bezeichnendes Ideologem auch der linken Verharmlosung insbesondere der westlichen Misere.

[2] Die Linke, gegen die zu schreiben sein wird, ist untrennbar verbunden mit dem akademischen System, mit dessen Systematismus sowie Systemismus. Pazifistische, altruistische, utopische etc. frühere politische Idealismen werden von solcher Linken bekämpft und sind andersherum nicht oder nur teilweise getroffen von der harschen Kritik des Vorliegenden; überhaupt kommen sie verschiedentlich diachron vor oder synchron neben (den übrigens parlamentarischen Separationsvorstellungen von) Links und Rechts. Deshalb auch ist es angebracht, gegen „die Linke“ überhaupt zu schreiben: sie identifiziert sich gerade als Linke unbedingt mit dem Linkssein und ist damit ein und dieselbe Kirche wie die Rechte, lediglich mit mehr oder weniger verschiedenen Päpsten, Kirchen, Heiligtümern, Dogmen und Göttern.

[3] Außer essentialisiert z.B. als „Jude“, „Zigeuner“, fahrendes Volkloses, Migrant, Schmarotzer, Überflüssiger, Armer usw.

[4] Außer personalisiert und damit verharmlost als schwarzes Schaf, verlorener Sohn, Freak, Exzentriker; oder eben als Unruhestifter, Wutbürger, Extremist, Fanatiker, Sektierer, Krimineller usw.

[5] Dieser Irrtum ist nicht aufhebbar, indem Herrschaft postmodernisiert, poststrukturalisiert oder, besonders „dialektisch“, anarchisiert wird. (Es ist weiterhin kaum nötig zu erwähnen, dass selbigem Irrtum die gewöhnliche Verschwörungstheorie im Extrem verfällt – womit ihre Schreckgespenster der Wirklichkeit diese tatsächlich verniedlichen. – „Lügenpresse“ ist exakt deshalb ein Unwort, weil es ein Pleonasmus bleibt. „Fake news“ und co. dagegen sind nur die von der „Lügenpresse“ verbreitete Inversion ihrer selbst, also letztlich derselbe Pleonasmus.)

[6] Unter Arbeiter*innen werden hier auch Angestellte, Beamte, blue und white collar workers etc. verstanden; darüber hinaus ist es heute möglich, prekarisierte Selbstständige mit einzubeziehen in den Begriff. Z.B. Sozialarbeiter oder Ärzte ohne Grenzen könnten außerdem als Arbeiter gezählt werden: im Gegensatz zur Linken geht es ihnen durchaus um das Einzelschicksal, welches stets (nicht als Schicksal, sondern als Einzelnes) der Boden von Politik über Polis hinaus bleiben muss.

[7] Z.B. wenn Arbeiter*innen anfingen, Marxist*innen zu sein, hörten sie damit auf, Arbeiter*innen zu sein; „poststrukturalistische Arbeiter*innen“ gar klängen vollends wie satirische Parodien, von ahnungslosen Linken zur Hoffnung gemacht auf endlich-unendliche Totalentlassung der eigenen Verantwortung.

[8] Intellektuelle sind links oder dissident, f.g. ersteres. Rechte dagegen können der Definition der Autorin nach nie Intellektuelle sein, auch wenn sie libertäre allgemeingebildete wissbegierige „kosmopolitische“ hochintelligente Elitestudenten aus Harvard oder sonstwoher sind. Denn das Intellektuelle hat mit einem Umgehen mit Komplexität zu tun, was mehr ist als die Kompliziertheiten der Mathematik, des Managements, der Finanzbranche, der „analytischen Philosophie“ usw., welche durchaus von Rechten, v.a. von Unternehmern, Wirtschaftsrechten und klügeren Kulturidentitären bearbeitet werden.

Die tiefste Entfremdung aber ist immer eine intellektuelle; die Entfremdung der Rechten bleibt damit so eindimensional wie die rechten Lehren selbst. Derweil der Unterschied zwischen einem unpolitischen Akademiker und einem Linken ist lediglich, dass Letzterer immerhin ein ansatzweises Bewusstsein für Herrschaft hat, wenn auch nur ein angelesenes und damit kanonisches, also herrschaftliches sowie herrschendes. Als Fußnoten (Akademiker) stützen sich Linke andersherum auf Bestehendes, womit dieses sie andersherum auch unterstützt: so sind sie nie allein, andauernd eingespannt, immer Teil einer Community, stets Universitäter.

[9] Diese Fußnote braucht nicht gelesen zu werden. – Der Poststrukturalismus könnte in zwei Hauptrichtungen aufgegliedert werden, die letztlich insofern ein Kreis bleiben, als sie aus denselben Axiomen erwachsen und ins Becken des Anti-Utopischen münden, das der Status Quo ist: in die sekundärliterarischen Mythiker der Identitätspolitik, die hegelianisch-anerkennungstheoretisch orientiert sind, und in die eigentlichen Pioniere, die Mystiker eines (Diskursgott-)Monismus, deren prominentester Vertreter Derrida ist, welcher mit seiner Écriture, Différance, Spur usw. die Saussuresche anti-metaphysische Sprachwissenschaft in Philosophie zurückgezwängt hat. (Indem darin Bedeutung nicht per se nur ein Verweis fort von seiner Leerstelle ist, sondern in sich die ganze „Schrift“ berge, das ganze Universum geradezu, sind auch die Postmodernen, die schließlich von Anbeginn Hegelianer waren, mit der dialektischen Methode auf Umwegen beglückt, um so die beste aller möglichen Welten schon jetzt anwesend zu wissen – womit sie nur noch „entdeckt“, dekonstruiert und performiert werden müsse innerhalb ihres und durch ihren eigenen Widerspruch; ganz, als müssten nur die Augen aufgemacht, die Perspektiven verändert werden. – So wenig, so viel zu viel als hoffentlich harmloser Parenthesenbeitrag zum Universitäter-Geplänkel; verzeihung!)

[10] Das „Linke“ als „Unpolitisches“ wird dabei von Rechten gerne als jenseits der „Realpolitik“ aufgefasst.

[11] Dieser Gedanke ist u.a. entnommen Bruce Hoffman (2001).

[12] An dieser Stelle ist ein Wort zum „Privileg“ der Identitätslosen angebracht, ein Wort also zum Begriff Privileg selbst, zu einem der Diskriminierungsmodelle neuerer Linker, die dekonstruiert gehören. Es soll nun nicht gesagt sein, dass ein identitäres Privileg Dissidenz nicht verhältnismäßig schützen könnte (z.B. wenn Dissidenz (noch) nicht pauperisiert oder psychopathologisiert usw. wäre). Sondern was gesagt sein soll ist, dass Privilegien, die stets an Identitäten geknüpft sind, nicht durch affirmative Identitätspolitik bekämpft werden können, sondern nur durch entschiedenen Kampf gerade gegen eine solche Politik – welcher denn bald existenzielle Betroffenheit würde. Dass es womöglich erst Parvenues des Privilegs ermöglicht ist, sich auch gegen die eigene Identität zu entscheiden, würde erklären, weshalb neuere Linke den Verunglimpfungs-Term „Privileg“ so inflationär und omnipräsent gebrauchen: eben um radikale Entschiedenheit gegen das System zu zensieren.

[13] Diesen und nur diesen Sinn hat das Wort „Freiheit“ im Liberalismus – durchaus „Freiheit zu“: Freiheit zur Partizipation, Freiheit zur Funktion, Freiheit fürs System.

[14] Besagtes Koordinatensystem derweil, dies nur am Rande, wird in der Tat meist justiert von den Mächtigen zu ihrem Nutzen.

[15] Für welche de facto Rechte sind und der rechte Flügel der Mitte.

[16] Für welche Linke sind und der linke Flügel der Mitte.

[17] Dass kaum, dass die Universität beginnt, die Anfälligen links werden, sich anders kleiden, einen neuen Duktus zulegen, ist schon genug Beweis des intellektualisierten Opportunismus der Akademikerkaste; mit dem Arbeitsleben (statt Arbeiterleben) denn werden die einst so Linken allesamt wieder zu auch offiziell Bürgerlichen, zu Eltern der nächsten Akademikerkinder usw., und der Kreis schließt sich.

Von Rob Stirner

Standard
ENTSCHIEDEN, Politik

Manifest einer Dissidenz im 21. Jahrhundert

von Rob Stirner

Der einzige Grund für die folgende „Theorie“ ist die Unaushaltbarkeit der alltäglichen globalen Praxis sowie die Notwendigkeit, sie hinter uns zu lassen.

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Die Ideologie der Ideologie ist, dass es keine Ideologien mehr gebe. Sie ist stets älter als angenommen. Konditional für sie bleibt die Dämonisierung bestimmter Vergangenheiten (oder überhaupt die Behauptung, sie seien schon vergangen) sowie der Glaube an stattgefundenen Fortschritt. Letzterer ist spätestens seit dem vorläufigen Sieg des Kapitalismus dort angelangt, dass er die beste aller möglichen Welten für bereits erreicht hält. Dieses Erreichen ist das behauptete Anlangen in einem Bestehenden, welches das Offene oder die Öffnung selbst sei – in einer toleranten liberalen freiheitlichen dynamischen pluralistischen etc. Gesellschaft, die nun nur noch verteidigt werden müsse gegen Feinde von außen und innen. Die Ideologie der Ideologie ist die wesentliche Ideologie des Kapitalismus seit dem Schwarzen Freitag und ineins übersetzbar mit der Proklamation von Alternativlosigkeit.

2

Einige Beispiele aus Deutschland zu geben ist hier angeraten, weil besagte Ideologie der Ideologie ihre narrative Wiege von den Alliierten gezimmert bekam aus der teutonischen Eiche der Nazis. So ist es zum Beispiel einzig mit dem Selbstverständnis, in der besten aller möglichen Welten angekommen zu sein, möglich, vom Fall „der Mauer“ und von selbigem Geschehen als von einer „Wende“ zu sprechen; auch kann nur so jede frühere Verstrickung in Stasi-Aktivitäten zelebrös-drakonisch geahndet werden, während zeitgenössischen Geheimdiensten die Stasi als mitleiderregend schlecht ausgerüsteter Dilettantenverein ohne nennenswerte Befugnisse erscheinen muss. Darüber hinaus ist es nur mittels desselben Selbstverständnisses möglich, Nazideutschland, den Holocaust oder Hitler zum absoluten Ausnahmefall zu deklarieren und sich so von diesem scheinzudistanzieren – in einer Zeit, die den industriellen Massenmord, den Weltkrieg gegen den Terrorismus oder die für die Banalität des Bösen unhintergehbare division of responsibilities täglich aufs Neue planetar reproduziert.

3

Der Kapitalismus hat also vorläufig gesiegt, und der Sieger schreibt die Geschichte. Historisch bestätigt zu werden bedeutet nichts anderes, als von Herrschaft sein Führungs-Zeugnis entgegenzunehmen. Was historisch siegt ist bislang stets das Mächtigste, d.h. die effizienteste systematische Gewalt oder die neueste Kriegführung. So und nur so ist zu verstehen, dass der Kapitalismus vorläufig gesiegt hat. Er ist allerdings nicht nur die neueste Kriegführung, sondern ein Krieg, der geführt wird, um Krieg weiter zu effizialisieren, und damit ist er per definitionem une guerre pour la guerre, also Krieg für die Ausdehnung, Vertiefung und Beschleunigung des Kriegswesens. Vornehmlich ist er deshalb zuständig für die Totalisierung des Totums Kapital und für den Totalitarismus seiner selbst. Der Krieg gegen Bedürfnis, Körper, Leben und Möglichkeit ist jedoch keine Erfindung des Kapitalismus, sondern vielmehr ist Kapitalismus Erfindung jenes Krieges. Kapitalismus scheint derweil nicht nur dessen aktuelles Stadium, sondern auch sein letztes. Wie nahe wir damit schon am oder wie sehr im Spätkapitalismus sind, ist nicht mit Gewissheit sagbar. Sagbar ist lediglich, dass nach dem Spätkapitalismus wenige (wenn überhaupt irgendwelche) menschlichen Bedürfnisse, Körper, Leben und Möglichkeiten übrigbleiben. Die postmoderne Rede vom Transhumanen findet darin ihre irdische Wurzel. Die Erde wird transhumanisiert sein ab dem Moment, in dem der Mensch sie genug kapitalistisch bearbeitet hat, um selbst nicht mehr auf ihr leben zu können.

4

Der Krieg, von dem hier die Rede ist, der Krieg, der letztlich den Kapitalismus erfand, begann laut Überlieferung mit dem, was wir Kultur zu taufen erzogen sind.[1] Jener Krieg oder Kriegszustand nun, den die Archäologie, zurecht oder zu Unrecht, bis auf die Grundsteine der Zivilisation zurückführt, wird im Folgenden schlicht System genannt und als solches expliziert. Um vom System zu sprechen, ist zwar eine gewisse Abstraktion zu leisten, dies aber lediglich, weil das System selbst als abstrahierende Aktivität gefasst werden muss. All dies klingt genauso mystisch, wie es auch funktioniert: unter dem System wird der Mensch zum hypnotisierten Tier. Ja, „der Mensch“ wäre, falls von Interesse, in vielerlei Hinsicht definierbar gerade als „hypnotisiertes Tier“ – weshalb es u.U. auch gerechtfertigt sein kann, über einen solchen Menschen hinauszukommen. Dafür wiederum müsste das System überwunden werden, das sich zwar trans-subjektiv und trans-personal selbst perpetuiert, aber deshalb noch nicht „das Subjekt“ oder „die Person“, geschweigedenn „das Individuum“ oder „das Einzelne“ fundiert.[2] Denn es gibt durchaus Nicht-System, und dieses ist gerade oder ausschließlich in Persönlichkeit, Individuum, Einzelnem, nämlich in Bewusstheit, Entschiedenheit und Willen zu finden, die womöglich auf den Körper und seine Bedürfnisse zurückgehen, jedenfalls kaum auf Sprache, Logik, Idealismus, Geist(-eswissenschaft) usw.

5

Das System lässt sich als herrschende Herrschaft beschreiben. Als solche ist es ein wirkliches, d.h. bewirktes, bewirkendes und verwirkendes Perpetuum Mobile. Seitdem es geworden ist, hält es sich selbst weiter am Laufen, sich um sich selber drehend, sich selbst verifizierend, indem es sein Außerhalb mehr und mehr beseitigt und sich selbst damit necessitiert. Es ist daher ein Totalitarismus – was überhaupt synonym ist zum Begriff herrschender Herrschaft. Totalitarismen leugnen, was sie nicht sind und/ oder expandieren in es hinein, um uneingeschränkte Hegemonien zu werden. Was Totalitarismen anstreben, ist Alleingewalt über die Welten, also Ausmerzung ihres Außerhalb. Totalitarismen sind insofern die Verabsolutierungstendenz von Immanenz. Dass Philosophen ihre größten Freunde sind sowie ihre tiefsten Ideologen, kann insofern nicht weiter überraschen.[3]

6

Das System ist zwar ein Abstraktum, aber ein wirkliches: eines, das in der Welt ist und sie formt sowie be-inhaltet. Es ist trans-personal, weil sein Personal die Menschheit ist, und nicht nur ein einzelnes Wesen. Wäre dieses Manifest offen für naturalisierende Metaphern und ihre Dualismen, ließe sich das System auch zu einem künstlichen Körper oder zu einem Organ aus Stammzellen poetisieren. (Dieses Manifest ist allerdings nicht offen für dergleichen.) Dass „die Menschheit“ das Personal des Systems ist, besagt nunmehr nicht, dass alle, die heute Menschen genannt werden, ständig Personal des Systems wären oder als es agierten. Sondern es besagt, dass es ein Personalmanagement des Systems gibt, welches jene, die – ob im Schlaf und seinen Träumen oder im Wachen mit dessen Träumen, ob im Intimen oder im Öffentlichen, ob mit sich, mit Familie, Freunden oder Fremden – nicht hinreichend als Personal arbeiten, aus seiner Welt verbannt, d.h. in die eine oder andere Art von Tod schickt (beispielsweise in einen der Tode des Menschen und all seine Spielarten eines Verlusts von Wert, Lebenswert und Leben). In dieser Situation aber befinden sich alle Menschen, also alle kultivierten Tiere. Durch sie setzt sich das System um, hält es sich aufrecht und führt es sich fort. Wer sich seinem Personalstatus nicht verweigert, ist dabei notwendig Funktionär des Systems, weil er sich für es auf eine funktionierende Funktion reduziert, um partizipierend, um Partizip zu bleiben. Wer ferner nicht einmal mitbekommen hat, dass er Funktionär ist, wird sein Funktionieren selbstverständlich als Freiheit wahrnehmen und die Funktion, mit der er sich identifiziert, als Axiom seiner Entscheidungen. Diese Selbst- und Fremdreduktion auf eine funktionierende Funktion oder auf systemische Medialität ist bekannt unter dem Namen der Identifikation. Sobald Identifikation geschieht, wird das Personalsein zur Persona, wird eine Selbstontologisierung betrieben, nach welcher davon gesprochen werden kann, dass der entsprechende Mensch System ist. Von außen ist solche Beurteilung auf eine jeweilige Handlung bezogen durchaus treffbar, und vornehmlich auf den Akt der Identifizierung. Dieser Akt jedoch, indem er selbige Handlung als Identität projiziert, verwandelt die Analyse seiner in die Analyse einer Person.

7

Indem Menschen sich mit dem System identifizieren, werden sie also zu ihm: noch nicht, weil sie mitunter oder auch andauernd systemisch handelten, sondern erst, seit sie ihr diesbezügliches Handeln für sich selbst halten. Das System ist also nicht einfach ein mystisches Programm, das sich selbst geschrieben hat und selbst am Laufen hält, sondern ein verselbstständigtes Oeuvre, das laut System-Überlieferung so alt ist wie die Menschheit und ihre Geschichte – wobei diese Geschichte selbst die Verfasserin seiner ist. Auch in diesem jetzigen Moment ist dieses Oeuvre dabei, sich fortzuschreiben: dafür ist sein Personal als Partizipialkonstruktion des Funktionierens, dafür sind seine ontologisierten Funktionäre, d.h. seine Identitäten ihrerseits geschrieben worden. Nun sind diese aber nicht gänzlich fassbar als „Hypnotisierungen“ des Menschen (oder als Kreation des Menschen als metaphysisches Tier), sondern in erster Linie als positive sowie negative Reaktionen auf die identitäre Welt, in welcher sie leben. Denn keine Identität fängt bei Null an oder mit dem Nichts, sondern stets bereits als das Identitätenarrangement, als welches es sich selbst erstmals wahrnimmt – d.h., beispielsweise, als Teil seines Elternhauses. Damit ist das System nicht nur ein Programm, das abgespielt wird; sein Personal, das meist kein Außerhalb seiner kennt, wird von ihm nicht einfach geschrieben, sondern an selbige identitäre, also systemische Welt ausgeliefert, um sich mit dieser identifizieren zu müssen oder unterzugehen: um System zu werden. Somit ist jede Identität Bestätigung des Identifizierens mit der identitären Welt und der identitären Welt selbst sowie damit Verunmöglichung einer Weigerung dessen, d.h. Verunmöglichung alles Nicht-Identitären. Hierin liegt der logische Sinn der anarchischen Idee, dass niemand frei sein könne, bevor alle frei würden.

8

Das System automatisiert also, aber vornehmlich mittels des Zwanges, dass dem Menschen, der kein Automat ist, auch keine menschlichen Bedürfnisse zugestanden werden. Insofern ist es ein materialisierter Idealismus. Wer dagegen den Einflussbereich des „Idealen“ (also von Metaphysik) überhaupt leugnen will, der muss den Menschen leugnen, also das dressierte, hypnotisierte, identitäre Tier sowie dessen Kultur, Zivilisation und Geschichte. Diese dürfen für alles über sie hinaus allerdings nicht geleugnet, sondern müssen im Gegenteil für es bekämpft werden.

9

Das System perpetuiert sich also, indem es jenem außerhalb seiner selbst keine Überlebenschancen übriglässt. Deshalb muss die Materialisierung seiner absoluten Immanenz auch totalitär sein; anders überlebte es nicht als System, wäre es nicht System. Es funktioniert damit so gut, weil die Identifikation mit ihm, seitdem es ist, d.h. herrscht, innerhalb seiner immer schon hegemonialen Immanenz die einzig rationale Option ist. Resistenz gegen den Sieger (den schon Gesiegten, die Definitionshoheit übers Siegen, das System) ist daher nicht nur von Seiten der Ideologie, sondern auch von Seiten der Wirklichkeit aus betrachtet „Pubertät“, „Punk“, Unvernunft oder Überschuss an Lebensenergie, nämlich: Streben, Darüberhinaus, Noch-Nicht, Zukunft – Transzendenz statt Religion; statt religio.[4] Gegen das System zu argumentieren ist demgemäß Kassandrie; gegen es anzukämpfen Don-Quixoterie.

10

Sich sein kurzes Leben mittels eines „Gegen-Idealismus“ zu verderben, ist folglich, gerade seitdem Himmel und Hölle im Außerhalb abgeschafft sind, geradezu eitel: bedenke, dass du sterblich bist und lebe, d.h. mache mit statt dich querzustellen. So wirst du anerkannt und dafür entlohnt, kommst überall durch und hast ein angenehmes Dasein. Alles andere hilft dir so wenig wie allen sonst und verändert genauso wenig wie sein Gegenteil. – So der Gospel der Servilität, des Opportunismus, der Heteronimität, des Identitären. Er ist rational, weil das System ihn und damit sich rationalisiert hat. Als Herrschaft und expandierender Totalitarismus nämlich sorgt es sekündlich dafür, dass es rechtbehält. Das System versichert, verabsolutiert seine Immanenz, indem es sich als Alternativlosigkeit schon fürs Überleben perpetuiert. Wohin es sich aber bewegt, und erfolgreicher denn je seit seinen neuesten Techniken, das ist nach außen und nach vorn, also als Expansion, in die Totalisierung seiner Totalität, mit der einzig möglichen Verlangsamung seiner im absoluten Totalitarismus als gänzlich totalitär gewordener Immanenz.[5]

11

Alles nun, was das Außerhalb theoretisch zu verunmöglichen versucht, ist Ideologie. Ideologie also ist die Theoretisierung systemischer Praxis. Die fortgeschrittenste, zeitgenössische Ideologie ist die postmoderne Theorie: sie verleugnet praktisch das Außerhalb, indem sie alles Außerhalb außerhalb des Innerhalb theoretisch leugnet. Damit verabsolutiert sie die Immanenz als Bestehende im Bestehenden. Während die Leugnung des Außerhalb die Theoretisierung des Systems ist (oder Ideologie), ist die Verleugnung des Außerhalb die Praxis des Systems. Die beiden wären ohne einander weder denk- noch umsetzbar.[6]

12

Das Außerhalb des Systems dagegen ist jenes Potenzial, das Immanenz transzendiert und somit den Totalitarismus herrschender Herrschaft zu beschneiden trachtet. Um dieses Potenzial zu befördern, bedarf es jedoch der Resistenz und Renitenz, des Dissenses und der Dissidenz, kurzum des Kampfes gegen das System. Es bedarf des systematisch Diffamierten, des Trotzes, des Versagens, Verneinens und Verweigerns von Identität. Diss-idenz ist also die einzig hinreichende Gegnerschaft zum personalisierten System, nämlich zu seinen Ident-itäten. Solche kann sich aber nur entwickeln aufgrund der bewussten, erfahrenen, durchwollten statt willigen Entschiedenheit des Einzelnen – welche das System zur Gefahr und also zum Feind erklärt. Sein Personal wird demgemäß, wann immer es solchem Einzelnen begegnet, die eigene Arbeit darin sehen, seinen Arbeit- und Lohngeber zu beschützen, also das Einzelne zu tilgen und es bestenfalls zu liquidieren, d.h. es zu verflüssigen in den eigenen blutigen Blutkreislauf, in das planetare Delta seines Mainstream. Widerstände auszulöschen, Immanenz zu immunisieren, ist damit die negative Beschäftigung der Systemfunktionäre; die positive ist, Immanenz weiterhin am Laufen zu halten sowie intern zu perfektionieren.

13

Dissidenz indessen muss Widerstand sein gegen die weitere Evolution des Systems: nicht zuletzt gegen die Polis-, d.h. Identitäts-Politiken, welche makroskopisch v.a. als Märkte und Nationalstaaten institutionalisiert sind und mikroskopisch als verschiedentlich konkretisierte Kollektivitäten. Dissidenz aber ist nicht Pubertät als prinzipieller oder gar identitätsbildender und damit rasch verendender Trotz, sondern vielmehr endloser Trotz aufgrund der Hoffnungslosigkeit des Kampfes, also die ständige Pubertät der Aufklärung gegen die ewige Unmündigkeits(v)erklärung des Systems. Dissidenz ist dabei utopisch, weil sie in ihrem nächsten Umfeld erlebt, dass utopische, nämlich utopisierende Zweisamkeiten bereits möglich sind. Deren Ausleben als transzendierendes Leben allerdings wird von totalitaristischer Immanenz konstant verunmöglicht – weshalb Utopia heute auch nur als Fluchtpunkt, Exilität und Asyl, als Höhle, Insel und Burg fortbestehen kann. Selbst als solche, als besagtes Umfeld, ist Utopia aber nur erreichbar mittels eines utopischen Willens und seiner entschiedenen Taten, d.h. mittels Dissidenz, welche eine Ethik des Körpers und eine Politik der Bedürfnisse ist. Utopia wäre demgemäß eine Welt, welche – statt tiefe, volle, offene, inspirative, starke und sensible Individuen wie überhaupt Lebewesen zu eliminieren – diesen vielmehr die Macht über sich selbst und ihr Miteinander überließe; eine Welt also, in welcher das Emanzipieren vom System weiter und weiter, eigens und kooperativ, im Größten wie im Kleinsten betrieben würde. Utopie, kurzum, wäre letztlich die radikale Alternative einer Befreiung zu sich und zu einem freundlichen und freundschaftlich verbundenen endlich bejahbaren vielfältigen Dasein. Dessen Gegenteil aber ist die sich selbst verabsolutierende Immanenz, ist der egoistisch-kollektivistische, kompetitiv-antagonistische, agonistisch-gleichschaltende, mörderische, verunmöglichende, vollends entfremdete Totalitarismus des Systems, welcher im Kapitalismus seine effizienteste Methode gefunden hat.

14

Das System ist ein Kriegszustand und der Kapitalismus sein dynamischer, beschleunigender, asymmetrischer guerre pour la guerre. Damit ist Kapitalismus das Entwicklungsmoment, das sich selbst weiterentwickelt, die effizialisierteste Methodik des Systems, weil die stete Effizialisierung noch seiner Effizialisierungen. Der Kapitalismus ist folglich die bislang höchste Form des Totalitarismus, weil er in alle Richtungen und alle Dimensionen zugleich expandiert: aus diesem Grund auch lautet sein Leitmotto Wachstum. Der Kapitalismus aber muss wachsen, weil sein Kapital akkumulieren muss: Kapital ist das vermutlich erste Mittel des Totalitarismus, das nicht nur so blind und abstrakt, sondern auch so universal und unlimitiert ist wie dieser selbst. Mit dem Kapitalismus ist das System nicht mehr nur ein Perpetuum Mobile, nicht mehr nur durch sich selbst beweglich, sondern gleichsam in der Notwendigkeit, sich auszudehnen und sich selbst zu überholen. Die Techniken des Systems sowie seine Technologien wurden demgemäß erst mit dem Kapitalismus radikal weiterentwickelt. Die Reduktion der Distanzen, welcher der Handel bedarf und welche vom Schiffsbau (Conquista, Kolonialismus und Merkantilismus) über die Eisenbahn (Industrialisierung und KZ, go west und go east) bis in die zeitgenössischen Explosionen von Kommunikation und Information (Neokolonialismus und Outsourcing) führt, wären undenkbar gewesen ohne das Wachstumsprinzip des Kapitalismus und die Effizialisierungsimperative des Kapitals. Das Ausmaß des kapitalistischen Totalitarisierungsgrades ist damit angedeutet schon im allgemein verwendeten Wort Globalisierung.

15

Es gibt daher kein Exil mehr außer das innere: nicht zuletzt deshalb liegt die letzte Hoffnung im anti-identitären, dissidenten Individuum. Es gibt überhaupt keine Fluchtmöglichkeiten mehr, nur noch Migrationen von einem Gesamtkapitalisten (Engels) zum nächsten. Dieser globalisierte, also planetare Totalitarismus, diese systematisch verabsolutierte Immanenz des Systems nun ist bekannt unter dem Namen Markt. Es ist der Markt, der entscheidet, unter welchen Umständen ein jedes Lebewesen sich sein Leben zu verdienen hat. So verdienen sich manche Lebewesen – beispielsweise sogenannte „Nutztiere“ – ihre Lebensspanne einzig damit, dass sie zuletzt geschlachtet, d.h. ermordet werden. Mit 1989 als narrativem Endpunkt der Geschichte (als finalem Spektakel) ist allerdings nicht „nur“ die Welt, ihr Leben und ihre Natur ans Kapital verpachtet, sondern auch deren gemeinsame Zukunft. Apokalpyse wird damit zum Modus Vivendi einer ökonomistisch diktierten Politik kurzfristiger exzessiver Profite. Das System war nie so effizient totalitär wie im globalen Markt des zeitgenössischen Kapitalismus. Die monotheistischen Religionen versuchten, ihre Macht auf das Nachleben auszudehnen, um ihre Herrschaft zu sichern, blieben aber verunsichert, weil ihre Metaphysiken auf der Erde nicht verwirklichbar sind. Der Kapitalismus dagegen ist bereits die Versicherung des Systems als systematische Praxis seiner Verleugnung der Zukunft: Umweltzerstörung ist nur eine dieser verleugnenden Praxen. Dass sich durch sie das System versichert, zeigt nicht nur auf, wohin wir uns alle auf dem Weg befinden, sondern v.a. wer und was wir bereits geworden sind.

16

Totalitarismus könnte beschrieben werden als Versuch, sich alternativlos zu machen. Dass sich in Deutschland, dem heutigen EU-Imperialisten, ausgerechnet die erstarkende Rechte als Alternative bezeichnen kann, ist damit augenfälliger Beweis für das Ausmaß des kapitalistisch Totalitären, das planetar ist. Es hätte Nazideutschland und den Holocaust ohne die Reduktion der Distanzen und die gleichzeitige Zentralisierung der Herrschaft, d.h. ohne Markt und Staat, ohne Kapital, ohne den Fortschritt der Technologien und Techniken des Systems, ohne den Volksempfänger und die neuesten Logistiken des Fordismus usw. nicht gegeben. Insofern dürfte es nicht übertrieben sein – selbst nur mit Blick auf die kapitalistischen Nebenprodukte (vom Internet bis zu den Waffensystemen, gemeinsam vom Militär entwickelt) –, unsere Dekaden nach dem „Ende der Geschichte“ als solche zu begreifen, die erstmals wirklich gen Apokalypse steuern. Fukushima dient Fukuyama somit als Bestätigung: was inzwischen zur Enthüllung (ápokálypsis) voranschreitet ist, was das System von Anbeginn antrieb.

17

Dass die ganze Menschheit in Richtung ihrer eigenen Verunmöglichung wirkt ist nur zu verstehen dadurch, dass sie als Totalität wenig mehr ist als die totalitäre Gesamtheit an Zahnrädern, welche ihrerseits das Produkt des selbstperpetuierenden Systems ist. Dessen verabsolutierte Immanenz herrschender Herrschaft wird von keinem Personal und keiner Funktion jemals mehr transzendiert. Die bestehende Tendenz ist unwidersprüchlich, weil unwidersprochen: der Kapitalismus wird das System in den Abgrund hinein beschleunigen, bis das System, mystisch wie es ist, in seine Ursprünge zurückfindet, also in den Anfang oder eher in das Ende von Zivilisation überhaupt. Die Postmoderne war insofern womöglich nur der hilflose Versuch, sich vor diesem verwirklichten Wahnsinn ohne Fluchtmöglichkeit in eine idealistische Welt zu flüchten, in welcher vom Overkill nur noch ein Symbol, ein Simulacrum übrigbleibt, und in welcher der Totalitarismus in sich bereits die Utopie bereithält für jene, die Texte lesen und Sprache verstehen können – in welcher die verabsolutierte Immanenz kurzum bereits das Transzendieren selbst ist. Dies aber war das wohl letzte Refugium der Linken, doch jedenfalls eines, in welchem sie sich bereitwillig verlor.

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Damit ist nachvollziehbar, warum im Besonderen die Identitäten jener Generationen, welche nach 1989 geboren sind, in der Identifikation mit dem Aggressor aufgehen (und untergehen): die Linke selbst existiert kaum mehr jenseits des Systems – wenn sie es denn je tat. Sie ist mit Sicherheit keine Alternative zur proklamierten Alternativlosigkeit des Bestehenden; sie selbst ist Bestand, und vielleicht sein wichtigstes Standbein. Anders gesagt: sie hat ihre Prüfung bestanden und ist indifferent geworden, also gleichgültig sowie unterschiedlos gegenüber dem Rest. Es bleibt damit allen, die ihr Leben nicht als Kampf und beinahe Opfer, zumindest nicht als selten glückliche, isolierte, ständig unterwanderte Überanstrengung erleiden möchten, wenig anderes übrig, als sich restlos mit dem System zu identifizieren und zu seinem Personal zu werden. Dies ist die für Identitäten rationale Vorgehensweise, welche die meisten demgemäß auch praktizieren – die kapitalistische Ökonomie legt nichts näher als das. Kurz: wer anerkannt werden und erfolgreich sein möchte, wer ein angenehmes und positives Leben leben will, das befördert statt verhindert wird, der muss zum Funktionär des Systems werden. Wer Anteil haben will an seinen Reichtümern, der muss teilhaben an seiner totalitären Totalität, der muss deren Immanenz weiter verabsolutieren und sie als einzige und beste Erde für sein Wachstum und seine Arbeit wahrnehmen: sonst wird er niemals auch nur eine Frucht seines Säens ernten können. Dies freilich ist nichts Neues; es ist das System. Der Kapitalismus ist lediglich effizienter darin, es umzusetzen.

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Folglich ist, was als die große Entdeckung Foucaults gilt, ebenso steinalt: dass Herrschaft nicht nur beschränke, sondern auch instandsetze, dass sie nicht nur restriktiv sei, sondern auch konstruktiv – kurz: dass sie konstitutiv sei. Auch nun wenn Theorie, dem System meist verschworen, es selten selbst verstand, funktionierte Herrschaft immer schon so: wer von ihr beherrscht ist, der darf herrschen. Wer nicht zu transzendieren versucht, sondern immanent bleibt, der wird von Immanenz dafür belohnt, der steigt innerhalb zu hohen Würden auf. Erneut, das System findet im Kapitalismus nur eine Effizialisierung dessen: wer im großen Trust des Kapitalismus, als Kompartiment seiner Kompanie, für die Profite des Kapitals, kurzum wer immanent neuert, innovativ wird, kreativ, den empfängt man global mit offenen Armen: denn er bringt das System weiter, er verbessert es, konzentriert, expandiert und perfektioniert es.

20

Die Effekte der entfremdeten Arbeit durch die früheren Stadien des Kapitalismus und deren ökonomische Umwälzungen müssen hier nicht nochmals aufgelistet werden; genügend Aufklärung ist über sie zu finden, sofern danach gesucht wird, v.a. dank den marxistischen Strömungen der Nachkriegszeit. Was hier näher in den Blickwinkel kommen soll, ist derweil die letzte der kapitalistischen Revolutionen, die vierte, die digitale, die immaterielle, weil diese nicht nur neue Rekorde der Effizialisierung des Systems bricht, sondern weil in ihr die Differenz zwischen Person und Personal, Funktion und Funktionär, System und Mensch gänzlich ausgelöscht wird. Mit anderen Worten: die letzte politische, d.h. größer angelegte Hoffnung, die der Dissidenz, ist nun unter direktem Beschuss, weil nunmehr ganze Identitäten kapitalistisch produziert werden, die letzten Distanzen zum System sich also auflösen. Dass die Linke dies weiter mit Identitäts- und Polispolitik zu „bekämpfen“ versucht, ist hinreichendes Zeugnis ihres partizipativen Status, ja, ihrer nicht zu unterschätzenden Rolle fürs System.

21

Resümieren wir zunächst, was vielerorts nachlesbar ist. Aufgrund der Sättigung in den bestehenden Kapitalakkumulationen des Industriellen musste der Kapitalismus in den 1970ern seine Ausbeutungsradien expandieren. Weil die Staaten des Zentrums zu dieser Zeit keynesianisch geprägt waren, musste durch sie, mit Umweg über die höheren Bildungsanstalten, die ökonomische Expansion ausgeübt werden: bekannt ist die hierfür verbreitete ökonomistische Ideologie unter dem Namen Neoliberalismus, welche man nach Experimenten in Südamerika und Asien auch in Europa umsetzte. In den Peripherien waren dafür neben der Regierung des militärisch am Leben gehaltenen Imperiums USA (Washington Consensus) vornehmlich die vormalig keynesianischen Institutionen Weltbank, WTO und IWF zuständig – letzterer spätestens seit der Finanzkrise dann auch direkt in und mit der EU. Der Neoliberalismus hat dabei nicht nur den Graben zwischen Zentrum und Peripherie vertieft (Strukturanpassungsprogramme im globalen Süden gen „Liberalisierung“), sondern – mit seiner Liquidierung des Sozialstaats, der Zerschlagung von Gewerkschaften und Betriebsräten, der Privatisierung der öffentlichen Hand, der Umverteilung von unten nach oben bzw. der Austrocknung der Mittelschichten – den Manchesterkapitalismus, d.h. die Prekarisierung und Pauperisierung wieder reimportiert in seine Heimat Europa. Dabei ist der Neoliberalismus, entgegen gewöhnlicher Interpretation, keine bloße Reaktion, die lediglich zurück vor die ökonomischen Einsichten der beiden Weltkriege führte – auch wenn er die Erstarkung der klassischen Rechten sowie allgemein Militarismus, Rassismus und Nationalismus begünstigt. Vielmehr ist er vor allem eine weitere kapitalistische Flucht nach vorn, nämlich eine Deregulierung der gesamten Gesellschaft – am Finanzsektor und seinem hemmungslosen Wachstum ist diese Deregulierung nur am deutlichsten ablesbar. Was dies bedeutet, ist eine allgemeine Ökonomisierung und Finanzialisierung des Sozialen, Alltäglichen und Intimen; es bedeutet die Ersetzung der Staaten als makropolitische organisatorische Mittelpunkte durch mikropolitische Logiken und Praktiken nicht nur der Märkte, sondern durchaus des (globalen) Marktes. Die damit einhergehende Horizontalisierung von Herrschaft, ihr Personalwerden noch der Person, die Funktionwerdung der Funktionäre, diese Übertragung des Politischen in die Hände des Marktes wurde allerdings von oben, d.h. klassisch hierarchisch, nämlich von Staaten, Medien, Bildung und ihren Institutionen eingeleitet.

22

Im Markt nun ist der Kriegszustand des Systems endgültig von der Gewalt in den Krieg aller gegen alle übergegangen – mit „Ausnahme“ alter metaphysischer und neuerer interessegeleiteter immanenter Kartellisierungen (welche nicht anders funktionieren). All dies musste geschehen, um dem System die Effizialisierung seiner Effizialisierung, um der Immanenz ihre Absolutheit, um dem Kapital seine Akkumulation aufrechtzuerhalten. Dergestalt nämlich ist Totalitarismus definierbar: um sich aufrechtzuerhalten, muss er expandieren. Entsprechend hat der Neoliberalismus nicht nur die aktuale Gefahr des Faschismus verschärft, sondern die Tiefenfaschisierung des Kapitalismus begonnen. Seit den 1990ern geht er demgemäß über in das Regime, das er vorbereitet hat: in eine Ökonomie der Kommunikation und Information, des Immateriellen und Digitalen, der Identitäten und der Schulden, kurz: in den postmodernen Kapitalismus, ins nächste Stadium des Systems, in einen totalen Totalitarismus.

23

Heute ist nicht mehr nur von der Internalisierung des Systems zu sprechen, nicht mehr nur von seiner Sozialisation, sondern überhaupt von der Liquidierung der Distanzen zwischen ihm und seinen Funktionären: die Horizontalisierung der Hierarchien hat herrschende Herrschaft vollends austauschbar gemacht mit dem neuesten Personal, nicht nur mit Marktsubjekten, sondern mit Marktidentitäten. Der höchste Entwicklungsstand des zeitgenössischen Kapitalismus ist so zusammengefasst in dem Wort Identitätsökonomie. Dass dieses Wort in gewissem Sinn eine Generalbeschreibung des Systems liefert, ist schon ablesbar in den Etymologien seiner beiden Bestandteile, die von Anbeginn aufeinander verwiesen.[7]

24

Die Identitätsökonomie steht zunächst in direktem Zusammenhang mit den angesprochenen Akkumulationsengpässen des Kapitals. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte sind nicht nur neue Ressourcen und Techniken für Kapital und den Kapitalismus emergiert, sondern v.a. neue Identifikationsobligationen gegenüber dem System von unten. Die absichtlich produzierte (äußerst lukrative) Krisenanfälligkeit sowie die Transformation von Schulden in handelbare Werte formt und formiert nicht nur die Arbeit der Menschen im Job, sondern ebenso ihre Arbeit an sich selbst, also ihre Identitäten auch jenseits offizieller Fabriken. Während Kapital angehäufte Arbeit ist, sind Schulden die künftig zu verrichtende Arbeit für Schuldner, oder Verträge über Arbeitsverhältnisse des Privaten und Öffentlichen der Zukunft. Damit wird die gesamte Persönlichkeit des Personals, mitsamt aller bewussten und unbewussten Reflexionen über Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten, über Hoffnungen und Befürchtungen von Systemimperativen durchfasert. Weil das Emphatische der Zukunft für die Person aber Offenheit statt Erwartbarkeit und Geschlossenheit bedeutet, Möglichkeit und Alternative, Befreiung und Veränderung, deshalb ist der Verkauf der Zukunft – den Schulden sowie die Angst vor Verschuldung und Krise beinhalten – der Verkauf überhaupt von eigenem Handlungsspielraum. Besagter Verkauf ist im Effekt somit jener von Entscheidungen und Initiative, von Person und Persönlichkeit und ihrer Wirklichkeits- und Ich-Konstruktion sowie allgemeiner von gesellschaftlicher Besserung und Utopie. Verkauft ist nämlich nicht nur die Zukunft einzelner Personen (sich nicht zuletzt verdeutlichend in der Obligation des „lebenslangen Lernens“, also des lebenslangen Justierens auf gesellschaftliche Nachfrage), sondern jene ganzer Völker, was spätestens offenkundig wurde mit den marktaffizierten Staatsschuldenkrisen in Südeuropa und ihrer Übernahme durch den Markt und seine Repräsentanten. Dass das Narrativ vom Ende der Geschichte und die Einführung der Schulden- und Krisendiktatur im identitätsökonomischen Kapitalismus des Immateriellen zusammenfallen, ist somit nur die zeitgenössische Zusammenführung von Überbau und Basis.

25

Der Neoliberalismus enthob die Zentren also ihrer auf den Straßen erkämpften Sozialstandards und organisierte die Selbstüberantwortung der Gesellschaft an einen Markt, welcher aus Schulden mehr Schulden bzw. mehr Gewinne ausbeutet. Insbesondere dieser Markt, jener der Finanzen, hat die Welt bekanntlich global in eine extreme Konzentration von Kapital und damit von Macht geführt und dies nicht zuletzt, indem versplittertes Vermögen in Fonds monopolisiert und institutionalisiert wurde. Eine Rückkehr des Sozialstaats ist somit nicht möglich in den derzeitigen Verhältnissen; der Staat überhaupt ist wenig anderes als eine Vertretung der nationalen Wirtschaftszweige wie überregional der kapitalistisch-kompetitiven Logik eines raise to the bottom (Standortdebatte). Seine heute bestehende Konzentration von Macht kontrolliert aber nicht nur Staaten, sondern auch ihr verstreutes Personal noch effizienter als früher – u.a. wie gesagt, indem dafür gesorgt ist, dass Krisen, von den Mächtigen produziert (z.B. unter Mithilfe der FED), nicht diese selbst, sondern die bereits Ohnmächtigen konsumieren: nämlich deren Psychen, Beziehungen, Aktivititäten, Selbstverständnisse und Leben. Es ist also nicht nur so, dass neben Schulden und Krisen das wichtigste neue Akkumulationsmaterial jenes der Identitäten ist; sondern die drei sind erst zusammen die Postmodernisierung des Kapitalismus.

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Die Ausbeutung im identitären Sektor nun ist vielschichtig. Zunächst einmal beruhte das gesamte System schon immer auf ihm – mittlerweile ist er nur zusätzlich entdeckt worden auch als rentabler Zweig des Kapitalismus; und nicht mehr lediglich verstanden als Grund und Boden, in dem das System fundiert und aus dem es sich nährt. Als rentabler Zweig aber gehört er sogar zu den ertragreichsten (wenngleich nicht tragfähigsten) Sektoren, die der Kapitalismus jemals entwickelte. Die vierte kapitalistische Revolution wälzt das Bestehende heute dahingehend um, dass die immaterielle Arbeit der Identitäten die tiefste Ausbeutung erfährt – nämlich, indem sie nicht nur produziert, ohne dafür bezahlt zu werden, sondern indem sie in ihrer bisherigen Freizeit, in ihrem zu Hause, in ihrem Privatleben diese Produktion exorziert; indem sie nicht nur die PR, die Werbung, den Vertrieb ihrer Produkte übernimmt, sondern zugleich deren Konsumption. Diese Annäherung von Arbeit und Kapital, Käufer und Verkäufer, Angebot und Nachfrage etc. nun findet vollständig zu sich in der Produktivkraft-Kommodität der schon erwähnten Marktidentität. Dies ist der eigentliche Sinn der vierten kapitalistischen Revolution, der Mikropolitisierung von herrschender Herrschaft, des Personalwerdens der Personen: die nächste Vertiefung der Identifizierung mit dem System, die Totalisierung des Totalitarismus, die Verabsolutierung von Immanenz: die Tilgung des Transzendierens von innen, die Beseitigung der Dissidenz.

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Nicht umsonst also leben wir bereits in einer augmented reality: das Digitale beseitigt die letzten Hindernisse und setzt die Ideologie direkt ein in die Lücken der systemisch produzierten Wirklichkeit. Was mit dem Internet augenscheinlich wird ist die totale Entgrenzung von Immanenz: postmoderne Philosophen wie Deleuze gelten nicht von ungefähr als Pioniere von Hyperlink und Vernetzung. Je mehr aber alle angeschlossen sind, desto mehr auch eingeschlossen; desto weniger Außerhalb gibt es. Die Entfremdung der Menschen von sich selbst durch ihre eigenen Erfindungen, welche sich nach den offiziell religiösen Fetischen durch Geld und schließlich durch Kapital in Universalien materialisiert hat, findet im Digitalen ihre vorläufige Perfektion. Zugleich ist das Internet weniger eine inhaltliche als vor allem eine formale Ideologie: die totale Medialität ist zugleich die vollständige Negation von Distanz und die absolute Erfassung, die nächste totalitäre Inklusion in systemische Immanenz, das erste planetare Aufgehen in Totalität. Die utilitaristische Strategie einer zeitweisen Verdrängung älterer verwirklichter Metaphysiken (wie Herkunft, Abstammung, Geburt) ist dabei lediglich die Verdrängung von Faktoren, die nicht vollends in Totalität aufgehen, sondern in der Kirche der Immanenz eine Sekte der Sub-Immanenz bilden. Etwa die Legende vom Tellerwäscher zum Millionär dient damit nicht nur als Ideologie einer Wanderung von der Peripherie ins Zentrum, sondern vor allem als Köder des Zentrums, der die Grenzen der Peripherien ideologisch einbegreift. Gleichermaßen ist die proklamierte Alternativlosigkeit des Bestehenden (TINA) – zu welcher sowohl die Erzählung der besten aller möglichen Welten mitsamt Ende der Geschichte und Ideologie der Ideologie gehört wie auch die klassische Naturalisierung bestehender weiterhin nicht ausblendbarer struktureller Gewalten – eine theoretische Spur der praktizierten Instrumentalisierung von Vergangenheit und Zukunft für das totalitäre Jetzt der Immanenz. Was der Kapitalismus in Reinform beispielsweise nicht mehr erlaubt, ist den König von Gottes Gnaden, weil Kapital keinen Gott neben sich zulässt; was er nicht erlaubt, ist etwa den faulen Adeligen, den sozialen Parasiten, den verschwenderisch-dekadenten Erben. Kapital nämlich fordert nicht nur Loyalität ein, sondern Arbeit: Arbeit 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Die Purifikation des Funktionierens, des Leistens, von Opportunismus und Konformismus, geschah kurzum erst durch die „Rationalisierungen“ des Kapitals – d.h. durch seine Säuberungsaktionen all dem gegenüber, was den Dienst an ihm ablenkt. Jener Säuberungsaktion fiel zuletzt sogar der homo oeconomicus als zu starre, zu konservative, zu rationale und damit zu distanzierte, zu unproduktive, zu wenig immanente Illusion anheim: ersetzt wurde sie von der Marktidentität. Dies alles bedeutet aber nicht, dass es keine Nepotismen mehr gebe, keinen Aberglauben oder keine nicht-monetäre Autorität – sondern, ganz im Gegenteil, dass diese nichts länger sind als Personalstellen der Immanenz, dass sie ihres transzendierenden Moments bereinigt, dass sie von diesem in Funktion hinein abstrahiert wurden und werden: genau darin schließlich besteht der heutige Akkumulationsüberschuss der Identitätsökonomie. Und genau darin besteht der Profit der Vernetzung von Immanenz: in der Entgrenzung des Systems, des mikroskopisch und zugleich omnipräsent gewordenen Panopticons, der mikropolitischen Arbeit der Marktidentitäten.

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Die Immanenz muss totalitär werden, das ist ihre innere Selbstbewegung als Systemtotalität. Was ihr am meisten hilft, einschließender, umfassender, expandierender zu werden, sind die surplus values der Identitätsökonomie. Immanente Pluralität, immanente Heterogenität, immanente Idiosynkrasien, immanente Diversifikation sind ihr produktivstes Wachstumsrezept, um innerhalb, in sich selbst und für sich bunte Effekte zu erzielen, die sich gegenseitig stimulieren und immanente Synergien entwickeln. Dies endlich ist, wie das Perpetuum Mobile der Immanenz, des Systems funktioniert. Von oben, klassisch zur Beschleunigung gebracht, wurden dafür im späten Neoliberalismus flache Hierarchien, Flexibilität, „Eigenverantwortlichkeit“ (also verantwortliches Handeln im Sinne des Kapitals, d.h. Handeln gegen alle Eigenheit und Selbstständigkeit) und vor allem das Kreativmanagement und die immaterielle Arbeit eingeführt. Die Trennlinie zwischen Haushalt und Markt wurde, dem Begriff der Öko-nomie wieder gerecht werdend, so endlich aufgelöst: nicht nur lebt man heute dort, wo der Kapitalist einen hinbeordert, sondern die Ausbeutung findet nun primär zu Hause statt (home office), und zwar (im Gegensatz zur patriarchalen Hausarbeit) inbegriffen in die Bilanzen des Kapitals. Demgemäß werden die alten Diskriminierungen tendenziell umstrukturiert, sodass auch Frauen Geld verdienen, arbeiten, Karriere machen sollen (wobei die alten Aufgaben nicht gleichermaßen neuverteilt werden). Die Identitätspolitik der Linken ergänzt die immanente „Gleichstellung“ der Identitätsökonomie hier als eine ihrer innovativsten immanent-externen Dienstleister[8]: Frauen, Immigranten, Xenosexuelle etc. sollen in Vorstände, in Ministerien, ins Militär. Der Kapitalismus ist schließlich umso effizienter, je mehr er ausbeuten kann; Marktidentitäten sind ihm für Mehrwert schlichtweg hilfreicher als essentialistische; ganze Kollektive auszuschließen wäre ihm dagegen kontraproduktiv im wörtlichen Sinn. Die postmodern verabsolutierte Immanenz des Systems diskriminiert also mehr zwischen Funktion und Nicht-Funktion oder Identität und Dissidenz als zwischen verschiedenem Personal. Sofern die Differenz, die Heterogenität, die Devianz innerhalb bleibt, immanent stattfindet, befördert das System sie sogar, weil es nur so beschleunigt weiterentwickelt, perfektioniert, effizialisiert werden, weil es nur so die eigene Beschleunigung beschleunigen kann. Deutlich wird dies vor allem dort, wo der Kapitalismus diskriminiert: er diskriminiert nämlich allen voran Alte, Kranke, Behinderte sowie Frauen (weil sie Mütter werden können). Am allermeisten aber diskriminiert er solche, die sich gegen seine „Arbeitsethik“, gegen seinen Leistungsimperativ, gegen seine Chancen„gerechtigkeit“ wehren: die Dissidenzen und die unbeabsichtigt Dysfunktionalen also, zusammengefasst in den Armen. Was systemisch nämlich als Nicht-Leistung oder Anti-Leistung (Hinderung, Verlangsamung, Absenz, Widerstand usw.) interpretiert wird, ist ein Transzendieren totalitärer Immanenz: direkt bestraft mit dem Entzug der Lebensgrundlagen.

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Wer dagegen ein partizipierender Leistungsträger ist, produktives Personal, Humankapital, ein immanenter Neuerer, Kreativer, Künstler, Revolutionierer, Unternehm(end)er, der wird subventioniert, mit Mitteln versehen, befördert und gefördert. Die Horizontalisierung des Herrschens, die Postmodernisierung des Kapitalismus brachte dem System so eine Beschleunigungsbeschleunigung, die es nie zuvor erreichte. Seine „offene Gesellschaft“ ist insofern als inkludierende, integrierende, einschließende zu verstehen: als solche, die den Status der Ausnahme, der Exklusivität, der Distanz nicht mehr akzeptiert. Kapital als neurotisch akkumulatives Liquid, als perfekter Mechanismus, um das Perpetuum Mobile zu totalisieren, ist damit besonders gut geeignet, um die Fantasien und Ideologien der hyperaktiven Immanenz anzuzapfen, um also systemische Energien zu Synergien des Systems zu fusionieren. Kapitalismus als impliziter Totalitarismus, als dynamische Technik und Technologie der Beschleunigung des Perpetuums, als Expansion, Akkumulation, Wachstum der Immanenz, kann sich wie kein vorheriges System des Systems anschließen an die Stimmungen, an die Psychen und Herzen der Menschen: Todestrieb und Lustprinzip sind endlich vereint in ihm. Das Prinzip der Immanenz spricht dabei die ganze Zeit für sich selbst: wer nach ihm, wer immanent funktioniert, hat alle Freiheiten, alle Macht, alle Medien. Genauer: das Immanenzprinzip funktioniert durch den Einzelnen hindurch als eine Art Doublespeak – Zentralisierung ist immanente Dezentralisierung, Replikation ist immanenter Individualismus, Gleichschaltung ist immanente Pluralität, Beihilfe zur Euthanasie ist immanente Entwicklung (s. Entwicklungsländer), Krieg ist immanenter Frieden sowie die Befriedigung und Befriedung des Immanenten, Sklaverei ist immanente Freiheit usw. usf. Das systemische Perpetuum hat sich selbst immer schon nach diesem Prinzip in Bewegung gehalten, doch wird es seit dem Kapitalismus noch weiter und weiter beschleunigt – dies ist die Beschleunigung der Beschleunigung, die Effizialisierung der Effizialisierung, der guerre pour la guerre, welche abstrahiert verwirklicht werden durch Kapital, durch die abstrakte Leitwährung einer wirklichen Abstraktheit (des Systems), konkret mittlerweile durch das Humankapital von Marktidentitäten.

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Was dergestalt an- und eingeschlossen ist an und in der Immanenz ist nicht nur das Jetzt, sondern auch die Zukunft und die Vergangenheit von Einzelnen wie der Gesamtgesellschaft. Mit dem postmodernen Kapitalismus, dem Erzeugnis v.a. der neoliberalen Deregulierungen (als Krisen- und Schuldenmaximierern), ist die Arbeit der Identitäten, letztlich übereinstimmend mit der Funktionsweise des Systems, mit kapitalistischer Akkumulation gleichzusetzen. Die neue Identitätsökonomie besteht nun v.a. aus dem Informations-, Kreativitäts- und Kommunikationssektor. Das transkapitalistische Ergebnis dessen ist die Formierung und Neuformatierung des Systempersonals. Mit der wirtschaftlichen Postmoderne definiert der Informationssektor den Möglichkeitenhorizont des Personals, indem er das Rohmaterial der Wirklichkeitskonstruktion liefert; der Kreativitätssektor redekliniert Denken, Fühlen und Vorstellen desselben; während der Kommunikationssektor die Beziehungen der Personen reguliert, sowohl die zu sich selbst wie die zu anderen. Damit aber sind Identitäten vollständig angeschlossen; Differenz ist inkludiert und Distanz beseitigt; die Welt kapitalisiert. Was hierbei zu Produktivkräften des Systems wird sind die bislang aus kapitalistischer Perspektive unterausgebeuteten Vitalitäten des Menschen: d.h. Affekte, Spontanitäten, Intimitäten, überhaupt immanente Differenzierungen. Kurz, in der Identitätsökonomie des postmodernen Kapitalismus werden jene Reserven des Personals utilisiert, die bislang noch zu transzendieren vermochten: es geschieht die Instrumentalisierung selbst jener raren Vernunft und jenes Außervernünftigen, welche bislang nicht instrumentell waren. Die Inflation von Ich-AGs und Entrepreneurship markiert diese Wende: inkludiert wird nun all das, was bislang dagegen stand – Hipster, Retro, vegane Restaurants und Bioketten sind die Produkte solcher produktivitätssteigernder Integration. Die kapitalistischen Portfolios werden erweitert und die Kreation neuer Profitnischen ist den Profis überlassen, also jenen, die im Kreativen erfahren sind: den Künstlern, die, obzwar innovativstes Personal, bislang vom Kapitalismus marginalisiert worden waren. Absolute Immanenz, hiermit wahrhaft totalitär, wird sich solche groben Fehler, solche Ineffizienzen, solche Räume für Transzendenz von nun an nicht mehr leisten.

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Der postmoderne Kapitalismus wurde neben den Diktaten des Neoliberalismus durch Kolonialisierung, Imperialismus und Globalisierung sowie durch das kapitalistische Akkumulations-, also Beschleunigungs- und Wachstumsgesetz neuer Techniken und Technologien eingeleitet. Entscheidend für seine momentanen Effizialisierungen sind seine Fertigkeiten des Kopierens: der industrielle Sektor scheint in Zukunft von 3D-Druckern und anderen Maschinen ersetzt zu werden; das Internet mit seinen Netzwerken, auf denen man seine Inhalte teilen und vervielfältigen kann, wird womöglich der Arbeitsplatz der Zukunft. Gerade der Computer mit seiner Tastenkombination strg-c ist eine Abkürzung des Produktionsprozesses, die keine Automatisierung der Vergangenheit hervorbrachte. Die bisherigen Akteure, heute Funktionen – Marktidentitäten – sind inzwischen kaum mehr als Zugehörigkeiten zu verschiedenen Clouds und Crowds, als Kompartimente in einem Meer aus Strömungen und Schwärmen, als „liberalisiertes“, liquidiertes, dezentralisiertes, hochflexibles Humankapital. Insofern sind die herdeninstinktiven, computerisierten Finanzmärkte nicht länger, wenn sie es denn je waren, getrennt von der Realwirtschaft oder der Lebenswelt Einzelner; vielmehr ist auch die digitalisierte Privatwelt stets bereits veröffentlicht, ausgebeutet und geupgradet auf die neueste Immanenz. Der postmoderne, posthumane Traum vom Menschen ohne Geschichte, ohne Körper, ohne Autonomie oder gar Genie, ohne Bewusstsein und ohne Präsenz ist damit dabei, Wirklichkeit zu werden. Die Horizontalisierung der Herrschaft und ihre Gleichschaltung der Menschen ist bereits eine massive Wirklichkeit, womit sich endlich der in der Tat fließende Übergang von totalitär verabsolutierter Immanenz zum Faschismus offenbart – denn postmoderner Kapitalismus ist in sich schon faschistoid. Die Identitätsökonomie ist eine faschistoide Wirtschaftsweise, welche die Masse als Schwarm ausbeutet – über ihr omnipräsentes, alles-erreichendes digitales Netzwerk. Beispielsweise das Crowdfunding erlebt nicht von ungefähr, sondern abgedeckt von der systemischen Tendenz, gerade seine ganz und gar nicht schmerzhafte Geburt. Gleiches gilt für die mit ihm verbundenen Start-Ups wie für alle anderen Innovationen der vierten kapitalistischen Revolution. Der Finanzmarkt ist keine Ausnahme darin, Megaprofite und -effekte durch die Deregulierung der Massenpsychologie und ihrer Instrumente zu produzieren. Deren verwirklichte Metaphysiken sind derweil nicht nur toxische Papiere, sondern Performanzen, die andauernd kapitalistische Werte wie überhaupt systemischen Mehrwert erzeugen – der Markt ist nicht beschränkt auf den stock market. Auch ist der Finanzmarkt nicht allein darin, allen seinen Atomen Zugang zu verschaffen zu Anhäufungen, Mehrungen, Konzentrationen von Liquidität, indem ein jedes immanentes Atom seinen Anteil hat (Aktie) und Teiler wird einer Summe an totalitärem Ganzen. Vielmehr ist dies die Funktionsweise nicht nur des Kapitalismus, dessen Angebot, Nachfrage und Werbung, dessen gesamte Warenwirtschaft stets auf Masse und nicht auf dem Individuum basierten, sondern überhaupt des Systems, d.h. der herrschenden Herrschaft als Integrale. Der postmoderne Kapitalismus ist damit eine Zusammenlegung faschistoider und kapitalistischer Logiken, einer monistischen Ideologie und einer immanenten Praxologie, die schließlich beschrieben werden kann als Metonymisierung des Einzelnen mit dem System. Der Mensch ist als Metonymie dazu aufgefordert, aufzugehen als Identität in der Masse, welche sich in Schwärmen organisiert. Die einzige Kraft, die sich dem verweigern kann, wäre nur noch das entschiedene, selbstbewusste, resistente Individuum, d.h. die Dissidenz.

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Der faschistoide Kapitalismus der Identitätsökonomie, welcher seine eigenen Grenzen liberalisiert und seine Regeln dereguliert hat, ist nicht mehr auf Nationalökonomien, Staaten oder einzelne Völker angewiesen. Daraus erst aber ergibt sich das Potenzial globaler Faschisierung. Der faschistoide Kapitalismus wird sich, nicht zuletzt zur kreativen Destruktion seiner eigenen Produktivkräfte, einen Pluralismus an Nationalismen, Nazismen und Chauvinismen durchaus leisten können – befreit vom eher hinderlichen Fixum des einzelnen Staates, so sehr ein jeder auch Imperium zu sein versucht. Die Auflösung der Distanzen gerade zwischen globalem Markt und lokalem Staat, welche sich aus einem globalen deregulierten Markt selbst ergeben musste und welche ihrerseits von Staaten exorziert wurde, wird exemplarisch greifbar in der Zusammenarbeit von Privatwirtschaft (Suchmaschinen, sozialen Netzwerken sowie weiteren medialen Dienstleistern) und Geheimdiensten insbesondere im Internet. Die Zukunft des Modells Staat ist insofern vorgezeichnet: wenn er in seiner Ausdehnung fortexistiert, dann vor allem als Polizist und Nachtwächter des Kapitals. Für den Faschismus bedeutet dies allerdings nicht die Lösung von seinen Bünden (fascio), sondern die Erlösung von deren Restriktion durch tradierte Horizonte. Der neue Bund schließlich ist eine Multitude, ein sich spontan konzentrierender Mob, ein Schwarm der Masse, der seine neuen Technologien zu nutzen weiß. Die alten Medien übrigens spielen in der Fütterung solcher postmoderner Bünde nach wie vor und trotz neuer Informations- und Kommunikationspfade die entscheidende Rolle: das Kapital hält seine Fasci so wie früher zusammen im Sinne seiner Entwicklungsrichtungen.

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Die erneut exponentiell wachsende klassische Rechte ist neben den von der bestehenden Immanenz abgeleiteten Symptomen Presse und Parlament (Selbstauslieferung der Sozialdemokratie/ „dritter Weg“) also den analysierten Prozessen des postmodernen Kapitalismus zu verdanken sowie den Folgen des Neoliberalismus (Prekarisierung mitsamt Krisen- und Schuldenökonomie). Zu letzteren führte nicht zuletzt die Spekulation mit Zukünften, aus welchen der Finanzmarkt sein Wachstum bezieht. Erneut muss hier allerdings betont werden, dass dies inhärent war bereits im Kapitalismus und damit in der bislang effizientesten Avantgarde des Systems: Kapital agiert per definitionem nicht nachhaltig, sondern der maximalen Profitrate gemäß. Anders gesagt: die kurzfristigen überausbeuterischen Gewinnspannen, die auf dem Altar des totalitären, immanenten Jetzt alle Zukunft opfern, sind nicht erst dem deregulierten Finanzsektor, sondern den wesentlich allgemeineren Mechanismen des Kapitalismus zu verdanken. Der Finanzsektor ist nur aggressiver und offener in seinen Taktiken und spekuliert demgemäß direkt auf die Katastrophe, womit er sein nicht nur metaphysisches, sondern auch apokalyptisches und damit chiliastisches Erbe bereits heute demaskiert. Dieser Chiliasmus gehört nämlich selbst zur Verabsolutierung von Immanenz und zu ihrem Totalitarismus. Was die Konsequenzen sind, ist dabei vollständig einerlei. Zukunft, gerade als Transzendenz, gibt es nicht mehr – sie ist bereits verkauft und damit immanent. Das System ist ein Perpetuum Mobile, dessen Expansionsmuster eine Beschleunigung ist, welche in sich selbst keine Limits kennt. Das einzige Limit für sie wird somit der Planet sein oder die Menschheit, sofern nicht eine radikale, globale sowie hinreichend einflussreiche Unterminierung des Systems stattfindet. Von dieser aber fehlt bis zum jetzigen Zeitpunkt jedes auch nur geringste Anzeichen.

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Denn die Dissidenzen sind kaum und zudem isoliert. Die Linke selbst trägt die Hauptverantwortung für die Abstumpfung aller Waffen gegen das System. Der Westen ferner hat dafür gesorgt, dass der Osten, wie fern er auch sei, seine Modelle der Effizialisierung weiter effizialisiert, wenn er selbst es nicht mehr kann. Politische Zuversicht ist seither nur zugänglich für eine der Spielarten linker Dogmen-Anachronismen, z.B. für den Marxisten – oder aber für jene, die sich offen als kapitalistisch, als liberalistisch oder als rechts bekennen (bzw., im Unverständnis der eigentlichen Bedeutung des eigenen Labels, als „konservativ“). Die einzige Zuflucht für echte Alternativen ist inzwischen deshalb der Rückzug in mikroskopische Versuche von Utopie. Nur sind wir Dissidenzen zu wenige, oder, besser gesagt: wir sind allein und ohnmächtig.

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Die letzte Aussicht politischer Radikalität wäre somit zwar ein Angriff auf systemische Immanenz, v.a. auf die bestehenden Marktpolitiken und ihre chiliastisch-totalitären Evidenzen. Doch die allerletzte nüchterne, entzauberte Hoffnung dessen liegt de facto kaum noch woanders als in Manifesten wie dem vorliegenden und ist demgemäß nicht vorhanden in den Augen der Welt.

Quellen

Für ein Verständnis der Basis waren entscheidend:
Das Werk von Robert Kurz und von Maurizio Lazzarato sowie John Grays False Dawn: The Delusions of Global Capitalism und insbesondere Detlef Hartmann: Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht.

Für ein Verständnis des Überbaus waren wichtig:

Neben Marxismus, Kritischer Theorie und Poststrukturalismus (hier v.a. der Prä-Poststrukturalist Nietzsche für Metaphysik; Vulgär-Marx für die Reziprozitäts-Relation Basis – Überbau; Adorno für die Beschädigung, das falsche und Integrale der Gesellschaft; Foucault für Mikropolitik und Macht) Jaron Lanier: Who owns the future? sowie, ausschlaggebend, Camille de Toledo: Archimondain Jolipunk; confessions d’un jeune homme à contretemps.

Guy Debords La société du Spectacle ist zwar nicht in den vorliegenden Text eingeflossen, beinhaltet aber zahlreiche parallele Analysen und ist eines der wenigen (marxistischen) Werke, welches Dissidenz nicht die Freude am Lesen verdirbt.

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[1] Damit wird sich an keinerlei Vorstellung von Natur oder Naturrecht angeschlossen, auch nicht ans Oxymoron einer „menschlichen Natur“, sondern explizit nur über das gesprochen, was innerhalb des Menschlichen ist: also als Gedächtnis, Erinnerung, Geschichte (d.h. als notwendiger „Zirkelschluss“). Derweil das sogenannte Tierreich, das Anorganische und alles andere, das aus Menschenperspektive, sobald es über diese hinaus ausgedehnt wird, Ursprungsmetaphysik ist, soll hier keinerlei Behandlung finden. Dergleichen wäre, wenn überhaupt, so der Stoff solcher Kunst, die im vollständig Ungewissen lebt. „Das Menschliche“ als etymologische Generalrelativierung wird weiter unten insofern verstanden als Reduktion des Metaphysischen auf die Beschränktheit des Menschen oder als Verbleiben in menschlichen Horizonten. Die Tötung von Menschen wie der mögliche Tod des Menschen dagegen finden ihre theoretische Parallele in einer aggressiven wie illusionären Auflösung menschlicher Beschränktheiten: in metaphysischer Ideologie.

[2] Überhaupt sind dergleichen „Fundierungs“aussagen prinzipiell metaphysisch und daher fern von hier vertretenen Positionen.

[3] Philosophie ist – verschwistert mit Polis-Politik; die gemeinsame Mutter: Athen – die Sublimierung von Religion bzw. deren Rückübersetzung in den Mythos, welcher die erste metaphysische Ideologie war: Philosophie ist Rationalisierung von Mythos. Es ist nun nicht so, dass Philosophie heutzutage tot wäre oder nicht mehr die Königin der Wissenschaften oder gar gänzlich aus der Welt geschafft. Vielmehr setzt sie sich derart uneingeschränkt in den Leben um, dass sie gänzliche Praxis geworden ist, eine Theorie also, die keinen Abstand mehr zu sich selbst kennt. Das System ist somit „Weltgeist“; die Philosophie nur dessen Enzyklopädie.

[4] Das lateinische religio (Bindung einer Sache) hat insofern nicht ohne semantischen Hintergrund eine aktuale Verbindung zum italienischen fascio (Bund/ Bündel). Wogegen die Aufklärung als „Religion“ anschrieb war stets die Verabsolutierung von Immanenz und die absolute Bindung oder der Distanzverlust als größte Gefahren für alles Transzendieren – nicht-dialektische Aufklärung war, so verstanden, bereits anti-faschistische Theorie.

[5] Wo wir das Telos, das Ende oder die Ewigkeit des Systems schon skizziert haben, welche in ihm angelegt sind, dies noch ein letztes Mal als abermalige Notiz zu seiner Emergenz: es soll keine Aussage darüber getroffen werden, wie es von der „Natur“ zum System oder zum Menschen kam, noch wer oder was dafür verantwortlich sei, noch (ob) was aus wem entstanden ist, z.B. das System aus einem „ersten“ Widerstand oder der „erste“ Widerstand aus dem System oder beide gleichzeitig oder vollends anderes. Darüber ist keine Aussage zu treffen, weil es außerhalb des Menschlichen liegt. Innerhalb des Menschlichen aber liegen sowohl das System wie der Widerstand gegen es – davon einzig wird hier ausgegangen. (Logisch derweil, also naheliegend für den menschlichen Geist – innerhalb des menschlichen Horizontes von Erkenntnisfähigkeit – wäre zum Beispiel, dass mit der Routine werdenden Wiederholung des Angleichens als leichtestem Widerstand der Zug des Opportunismus entstand, welcher, als Geburt von Kultur, kultiviert, eingesickert, bleibend und Beziehung geworden, nunmehr zur Identität mit ihrer Lebensphilosophie des Heteronomismus wurde; die zunächst unfreiwilligen Nicht-Funktionierenden bildeten mit der Zeit eine interne Gegenkultur und bald bewusste Widerstände und Transzendenzmomente. So könnte eine Hypothese lauten.

[6] Idealismus und Materialismus als immanente Philosophien sind daher zweimal dieselbe Theorie: dies als kürzest mögliche Erwiderung auf die Kritiken der antiquierten Linken an der postmodernisierten – beide denken monistisch, beide f.g. „hegelianisch“.

[7] Vgl. Identität (lat. idem) als Distanzverlust – Familie (lat. famulus) – Gesetz des Hauses (altgr. oikos und nómos), s. R. Stirner: Erster Versuch von Radikalverantwortlichkeit, v.a. E.I.3. Wie unausweichlich daher die Bekämpfung des Patriarchats wäre für die Bekämpfung des Systems und seiner Identitäten ist kurzum unbestreitbar.

[8] Die zeitgenössische Linke kann überhaupt als externe Dienstleisterin des postmodernen Kapitalismus oder der vierten kapitalistischen Revolution beschrieben werden; so wie die marxistisch-leninistisch-stalinistische Linke ihrer Zeit der zweiten industriellen Revolution auch in „rückständigen“ „unterentwickelten“ Ländern zur Vormacht verhalf.

Standard
Ethik, Existenzialismus, Politik

Über Freundschaft. Polyphilotesie und Monovenusie

Freundschaft

Was ist Freundschaft? Freundschaft ist Heimat beieinander, miteinander. Freundschaft ist Scherenhändelosigkeit, Freundschaft sind offene Arme, Freundschaft ist Können-Können, Dürfen-Dürfen, Freundschaft ist Bewegungsfreiheit in Hirn und Herz. In der Freundschaft darf ich ich sein, es bedarf keiner Verstellung, keiner Künstlichkeiten, keiner Zensuren, keiner Umwege. Die Freundin verletzt nicht, weil sie nicht verletzen will: Freundinnen wollen einander, sie sind interessiert, sie bejahen sich, sie sagen: ich will, dass du wächst, will, dass du größer wirst. Bei der Freundin darf gefallen werden – keiner muss hier gefallen. Was teilen Freundinnen? Ihr Wohin. Keine Identitäten, sondern die Möglichkeiten zu mehr, zu sich: hier darf die neue Praxis leichter werden, sich einüben, solche, die außerorts unmöglich wäre: hier darf Überwindung überführt werden ins Handeln, aus dem Tun des Denkens heraus ins Gefühl, ins Umsetzen selbst. Weil hier Können-dürfen ist, Dürfen-können, denn Können ist Dürfen, da Dürfen Können ist. Weil hier Jasagen ist zu allem Wohin, das uns näher kommt, zum Ausprobieren, Scheitern, Wagen, zur Konfrontation, zum Verlust, zum Weitermachen: darüber hinaus. Freundschaft ist Praxis zum Selbst. Freundschaft ist Analyse des Systems rings, der Gewalt, der Verunmöglichung, der Feindschaft, und damit ist sie: konsequenter werden, authentischer, trotziger, selbst-bewusster, erfahrender. Freundschaft ist der einzige unmetaphysische Ort der Gewissheit: „ich weiß, dass du darfst bei mir; ich weiß, wie viel du willst, und dass du gut sein willst; ich weiß, dass du stark bist und schön; ich weiß, dass wir mehr können als wir sind, und dass wir also mehr sein können; ich weiß um Möglichkeiten; ich weiß, dass ich dir vertrauen kann; du weißt, dass du mir vertrauen kannst.“ Freundschaft ist die Basis, die selbst Schlachtfeld sein kann, ohne dass sie berührt wird, ohne dass es je um sie ginge im Streit: Freundschaft ist der einzig sichere Boden. Die Epistemologie der Freundschaft ist die einzige, die kein Wille zum Wissen ist, sondern die Wille ist zueinander, zu sich, zum Potenzial, zu mehr, zum Darüberhinaus, zur Utopie. Freundschaft und ihre Epistemologie sind das Fundament, auf dem das Leben seinen wackligen Turm errichten kann, von dem es ins Mehr aufbricht, auf dem das Ich sein Wagnis schichten darf. Mit ihnen ist keine „Philosophie“, keine Liebe zur Wahrheit mehr nötig: mit ihnen als Grund kann sich den Zwangsneurosen und Konditionierungen und Phobien gestellt werden. Mit ihnen als Grund sind alle hoffnungslosen Kämpfe, alle Ent-Täuschungen, alle Absurdismen überlebbar. In Freundschaft lässt sich leben: Freundschaft ermöglicht, so viel richtig zu leben wie irgend möglich im falschen. Doch Freundschaft ist Exil, ohne flüchten zu können. Freundschaft richtet sich durchgängig, durchtränkt gegen das falsche Leben: gegen System (Totalität), Verunmöglichung (Prinzip), Xenophobie (Strategie) und Scherenhandlung (Methode). Freundschaft ist – ohne Taktik zu sein, wesentlich – Anti-Gewalt. Freundschaft ist auch Politik. Nur Elternliebe als Elternliebe ist bedingungslos. (Eltern können außerdem Freundinnen sein.) Die Klimax der Freundschaft aber ist grenzenlose Bejahung, grenzenloses Einander-Wollen. Der Körper wurde vom System zu einer Hauptgrenze deklariert. Freundschaft kennt keine Grenzen. Vielleicht bedeutet Freundschaft sogar, auf Liebe verzichten zu können, oder dahin zu gelangen, oder dahin wollen zu können: miteinander.

Polyphilotesie

Polyamorie, wie wir sie verstehen, ist die Konklusion klimaktischer Freundschaften. Ihr Amor hat nichts am Hut mit Pfeilen und anderen Gewaltmitteln. Er lässt frei, er legt Herzen offen, statt sie abzuschießen, festzupinnen. Selbstredend ist Amor geschlechtslos. Freundschaften wird ihre Klimax systematisch systemisch verhindert im Verunmöglichungskontext der Gesellschaften, wie alles jedem Selbst systematisch systemisch verunmöglicht wird. Weil Freundschaften nichts müssen, müssen sie auch nicht körperlich sein: aber sie dürfen indes alles, wenn sie wollen. Auch ist Körperlichkeit ein politisch kritischer Bereich für jedes Selbst, die Gefahr nämlich von Hierarchie, Spiel, Gesetz (: von Mechanik). Das Arreal des Wollenkönnens auszudehnen, ist andererseits eines der erklärten Ziele des Selbst und des wirlosen Wirs ichloser Iche, also der Freundschaft. Polyamorie hierbei ist wie Reisen: es lässt sich auch zu Hause bleiben, wenn man schon die Welt sah und weiterhin vorhat, sie zu sehen, das heißt wenn das Haus ein Hausboot ist und beweglich und wenn sein Anker lösbar ist und meist nicht im Grund stakt. Die Polyamorie fragt nicht nur „wie“, nicht nur „was“, sondern auch „ob“ – Liebe. „Ob Liebe“ ist eine der wichtigsten politischen Fragen der Moderne (und wir befinden uns in der Moderne, wer anderes behauptet, versteht den Begriff nicht). Das Poly der Polyamorie zerreißt den alten Amor, sie tötet ihn schmerzlos, und der neue ist ungewiss, mehr ungeboren als Gespenst, gänzlich Kind der jeweiligen Beziehung, gänzlich individuell, so individuell wie die zwei Individuen der Beziehung. Dergestalt ist wenigstens das Ideal, und Freundschaften als Dürfen-Dürfen, Können-Können sind eben gerade nicht Idealisierung der Realität, sondern Realisierung der Ideale, womit Amor neu wird, also ein anderer. Freilich muss Polyamorie auch nicht stets Polyamorien sein; sie ist lediglich die Offenheit dazu.

So viel, so vieles scheint außer-ordentlich sicher. Nun zurück in die Normalität der Fraglichkeit. (Die Sicherheit lässt übrigens oft dann nach, wenn einem durch sie paradoxerweise Gefahr drohte. Das ist vielleicht ein Gesetz, also bleiben wir hier unsicher…)
Vielleicht aber ist auch die Fraglichkeit des Folgenden dem Bisherigen äquivalent, jedoch die Sophisterei häufiger, womöglich bloß offensichtlicher, wahrscheinlich lediglich neuer, erfinderischer oder aber schematischer, was nichts einen Abbruch täte, vielleicht vielmehr Anfang wäre. In jedem Falle: gegen Sophisterei ist weniger einzuwenden als gegen Fakten, und es stellt sich nur die Frage, wohin sie uns führt – nicht, ob sie stimmt.

Auf der Straße nun mögen sich Heteros und Homos antreffen lassen, aber keine Polyamorien: in der Tat ist der neue Amor, wenn, so weiblich, denn schließlich ist sie Amicitia oder Philotes, und Polyamorie ist eigentlich, wenn wir so wollen, Polyphilotesie. Dass der Gott der Liebe männlich, während die Göttin der Freundschaft weiblich ist, sollte allen Männerfreundschaften zu denken geben, gleichermaßen allen, die in klassischer Liebe oder ihrer Befreiung einen Angriff auf das System sehen. Polyamorie dagegen garantiert, dass nichts in der Nähe der neuen Liebe ist, das nicht grenzenlos ist: vielleicht ist Liebe intern gerechtigskeitsfanatischer als Freundschaft? Polyphilotesie zumindest lässt uns an dieser Stelle mit oder ohne Hausboot zurückrudern dahin, dass die einzigen Grenzen der Freundschaft die Horizonte hinter den Grenzen der Freundinnen sind, und Freundeshorizonte bewegen sich, denn Freundinnen bewegen sich, denn Freundschaften sind Bewegungsfreiheit, und Selbste sind bewegt.

Monovenusie

Das verheißt: Freundschaft ist Politik, und in Freundschaft ist Politik möglich. Was ist Politik? Politik ist, wenn Bedürfnisse, Interessen, Dringlichkeiten, Prioritäten, Entscheidungen, Positionen sich absprechen, sich Wege schaffend im Lichte dessen, die Bedingungen der Politik zu wahren bzw. zu schaffen: Gewalt zu minimieren, zu beseitigen, zu bekämpfen. Dieses Licht ist der Wille und der Wille zum Wille, also zum Wollenkönnen und Könnenwollen; ohne ihn ist Politik nicht möglich. Wenn wir so wollen: er ist die Rationalität des Lebens oder das Axiom der Politik des Selbst; von ihm leiten sich alle Politiken ab. Politische Entscheidungen werden politisch somit in Freundschaften entschieden. Außerhalb ihrer kämpft man um die Ermöglichung zur Politik: dieser Kampf freilich ist damit politisch im stärksten Sinne; in Freundschaften findet Politik statt, denn nur in ihnen und als sie hat sie gesiegt. Als sie beginnt die Drastik der Sensibilität, d.h. die Kommunikation, aus der Sprachlosigkeit, gen Selbst-Redendes, gen Selbstbe-Stimmung. Weil hier Politik stattfindet, sind die Ergebnisse offen – mit Ausnahme des „Lichtes“, mit Ausnahme der Bedingungen zur Politik, die stets aufrechterhalten werden.
Damit widerspricht Monovenusie der Polyphilotesie nicht, sondern ist die Ernstart einer ihrer Freundschaften. Sich auf die Freundinnen und vor allem auf sich und sich mit ihnen beziehend mag es keine oder eine oder vielerlei gelebte Sexualität(en) geben. So oder so oder so, das Individuum, mit dem keine körperlichen Grenzen gewollt sind, und mit dem es daher keine gibt – mit ihm bewegt man sich auf die neue Liebe zu: diesen Amor gebiert man zu zweit, und jener Amor entscheidet, wie Venus gelebt wird, solange besagter Amor lebt. Im übrigen ist Polyamorie stets Zweisamkeit, eben meist mehrfache Zweisamkeit, und die Möglichkeit zu mehr Lieben als einem. Polyamorie wiederum geschieht in der Polyphilotesie – doch Liebe kommt und geht durchaus, falls nicht institutionalisiert: sie ist eher an den Moment gebunden als ans Individuum, sie ist euphorisches Moment, und nur selten ident mit Beziehungen. Grund und Boden auch hier, auch bzw. gerade der Monovenusie, ist die Freundschaft, sind Freundschaft, Selbste, Wollen, Politik. Selbst-redend kann Venus nur in der Heimat einziehen.

Monovenusie zur Liebe hin

Monovenusie zur Liebe hin ist ein Zusammensein, in dem alle Schwierigkeiten sofort angegangen werden müssen, wo absolute Ehrlichkeit notwendig ist, damit das Zusammen nicht auseinandergeht. Man lernt also, dass Probleme keine sind, sondern dass sie Schwierigkeiten heißen, und dass jede Schwierigkeit augenblicklich Beachtung verdient, und dass alles Hinauszögern nur weiteres Beschweren der Schwierigkeit wäre: man muss das Wegsehen, Ignorieren, Aushalten verlernen – ein auch politisch essentieller Prozess. Weil Sexualität eine Schwierigkeit ist fürs Selbst (da die Gesellschaft so schwer zu verbannen ist aus ihr) und weil Schwierigkeiten einem undurchführbar werden in einem Kontext, in dem von einem weggesehen, in dem man ignoriert wird, weil dergestaltes Aushalten kurzum zusammenbricht im Selbste-Sexuellen, deshalb zusätzlich ist Angehen der Schwierigkeit unumgänglich für Monovenusinnen. Es erübrigt sich von selbst, dass Intuitionismus und Instinktismus somit verbannt sein müssen aus allem gen Liebe, doch schon für jedes Selbst; und damit aus aller Freundschaft. Da die Grenzenlosigkeit der Monovenusinnen weiterhin keine Illusion ist – denn nichts anderes als die Grenzenlosigkeit rechtfertigt im Polyphilotesischen, monovenusisch zu leben – wird auch das Vermissen ein gesundes, nämlich eines des autonomen Brauchens, der Freundschaft selbst, der Freundschaft von Selbsten, was der Beweis gegen die Projektion ist, falls es dergleichen gibt. Gesundes Genießen aber ist entscheidend für die Möglichkeit zur Einsamkeit. Und indem Heimat gefunden wurde für Körper und Hirn und Herz, für Trieb und Wille und Bedürfnis, so wird Einsamkeit überall sonst möglich, so wird ihr die vielleicht meistmögliche Zeit zugeschrieben: schließlich, ohne Selbst kein Zusammensein; Zusammensein nämlich erfordert zwei; und ohne Einsamkeit kein Selbst. (Fortsetzung folgt.)

Freundschaft
Polyphilothesie und Monovenusie

Damit überwindet sich Geist auf Basis der Freundschaft und ihres Fallendürfens im Überall, und seine Umsetzung findet er in den Freundschaften selbst, körperlich aber am tiefsten und wichtigsten in der Monovenusie. Insofern diese wiederum auf Freundschaft fußt, fußt sie auf der einzig unmetaphysischen Gewissheit, und fußt sie als Politik, in Theorie (eigener Kopf) wie in Praxis (Handeln vor- und miteinander). Sie darf dieses Fundament nie vergessen oder verleugnen: denn ohne es fällt sie zurück ins heterosexistische Patriarchat des Monogamismus. Das heißt, sie muss täglich um dieses Fundament kämpfen: die Arbeit im Verunmöglichungskontext des Systems heißt Kampf. Die Schwerkraft zurück in die alten Mechanismen und so unterhalb ins Jenseits der Bedingungen zur Freundschaft nämlich ist der leichteste Köder fürs unbewusste Sein. Dagegen der Wille zum Wille, die Selbstbe-Stimmung – und das Dürfen des Bedürfens, die Heimat namens Freundschaft: diese zwei Exilitäten sind in zwei Selbsten, aus ihnen und für sie. Das Selbst ist Kampf, weil es kämpfen muss, um Selbst zu werden und um es bleiben zu können, also mehr Selbst zu werden. Kurz, das jeweilige Selbst ist es, das gestärkt werden muss, damit Beziehungen keine Faschismen werden – der Kampf ist es. Genau solches Beziehen aufeinander und solcher Kampf nach außen, solche Arbeit nach innen sollen Freundschaft, Polyphilotesie und auch Monovenusie sein. Letztere scheint hier gewiss am gefährlichsten; aber damit ineins auch am hoffnungsvollsten für die hartnäckigste Systemheit in uns, die kein Selbst allein brechen kann, die Kampf des Selbst auch nach innen erfordert: gegen die Mechanisierung des Körpers, gegen die Konditionierung der Lust und des Verlusts, des Versagens, Verstoßenwerdens und der Isolation – gegen die Konditionerung auf Angst, die Konditionierung der Anerkennung. Erst, wenn Monovenusinnen Freundinnen sind und ganz Dürfen und sich vertrauen und keine Furcht vor Fehltritt, Verrat, Tun oder Handeln, schwindet damit die Gesellschaftlichkeit des Monogamismus. Erst, wenn die Einsicht gereift ist, dass Verlustangst außer gegenüber Thanatos nicht berechtigt ist unter Freundinnen, erst dann ist Freundschaft ganz angekommen im neuen Amor, und erst dann wird Venus nicht mehr vom System zerschattet. Dahin zu arbeiten, überhaupt zu arbeiten gegen die Entfremdung, ist Politik im emphatischen Sinn. Und nichts ist Arbeit im Entfremdeten als Arbeit gegen das Entfremdete; nichts ist Arbeit im falschen Leben als die Arbeit hin zum richtigen; nichts ist Arbeit außerhalb der Freundschaft, innerhalb der Verunmöglichung, als Kampf. „Gen Liebe“ zu sein bedeutet insofern nicht zuletzt, wegzukommen vom Ideal klassischer Liebe. „Ich liebe dich“ zwischen Freundinnen kann neben Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit nur heißen: ich sage dir meinen Willen und ein Wohin meiner, und zwar jenes einzige Wohin, das in meinem Testament nichts zu tun hat, weil es nur uns gehört und nicht dem Rest der Menschheit, im Gegensatz zu meinem ganzen Rest, und zu deinem. Freundschaft also ist nicht zuletzt, vielleicht zuerst ein Kampfbegriff, weil sie Gewaltlosigkeit bedeutet in einem System systematischen Gewalttätertums, und weil sie dessen Verunmöglichungskontext bekämpft und die Bedingungen schafft, die jedem Kampf unterliegen – ohne die also jeder Kampf bereits ein Unterliegen wäre: die Bedingungen durchhandelter Überwindung, die Bedingungen des Selbst, die Bedingungen der Heimat, in der Trieb, Wille und Bedürfnis einen gemeinsamen Weg finden können, der so ihrer wird, und sie mit sich vermählt, womit erstmals Selbstbejahung in Selbstliebe übergehen darf. Die völlige Realisierung dieses Ideals und der übrigen freilich steht unter Vorbehalt des Systems: so lange es ist, wird sie nicht sein. So lange das System bleibt, wird auch oder vor allem Selbstliebe eine falsche sein müssen, eine falsche im Falschen. Nicht nur Selbste, selbst Egoisten aller Länder folglich: vereinigt euch dagegen, vereinigt euch gegen die Vereinheitlichung.

Standard
ENTSCHIEDEN, Ethik, Existenzialismus, Not-wendiger Schrei, Philosophie, Politik

ERSTES MANIFEST EINES PHILOSOPHIAL-UTOPISCHEN KOMMUNISMUS

Alles Folgende sind dezidierte Vorläufigkeiten, doch zentrale. Also sollte ihnen nachgestellt werden, um gewissen Zerrbildern die Gewissheit ihrer Selbst- und Fremdidentität zu nehmen.

I Politischer Absurdismus
„Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Ob diese Inversion nun auf einen Psychonalytiker zurückgeht oder auf eine Psychopathin, auf uns trifft sie zu. In ihr fasst sich zusammen, was zum mehrteiligen Paradox gemacht wurde: der politische Absurdismus. Dass wir glauben, dass alles möglich wäre, v.a. das Beste; aber dies gleichsam im Wissen (die epistemische Situation unverändert) dass der Untergang ist: dass nächsthin Fortsein nur noch werdungslos bleibt – dies Spagat meinen wir, wenn wir vom politischen Absurdismus sprechen. Den Spagat zwischen dem Glauben an alles und dem Wissen ums kommende Nichts.
Unsere Hoffnung ist da minimal, aber nicht nicht: sie ist wir, unseresgleichen, Proto-Utopia. Und wir sind selten, aber zu selten, und daher hoffnungsnah, doch hoffnungsverlassen: „die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Jene Inversion drückt die Renitenz unseres Humors aus und sein Votieren für jenen der zwei Pole, der sich nur negativ entbilden kann. Er ist die herbe Frucht einer Philosophie des Kommunismus, die von den Pestiziden des Wirklichen zerspritzt ist. Zuletzt stirbt also bekanntlich die Hoffnung. Wir aber mussten diagnostizieren: sie ist schon tot. Und es bleibt fraglich, ob sie je geboren wurde. Darin also, in diesem Grab liegt der worst case und frisst Maden: made in Germany, too. Woran also haben wir zu fressen? Daran, dass uns nichts sättigt, was schon gewachsen ist oder gezüchtet wurde.
An der Wirklichkeit.

II Wirklichkeit
Nicht weil es falsch ist (oder Lüge oder Schein oder deriviert oder unqualifiziert oder unschlüssig, unfügig, Unfug), nicht weil es falsch ist, sind wir gegen das Wirkliche. Sondern weil es schlecht ist, d.h. weil es verwirkt, entwirklicht, weil es uns Wirkmächtigkeit stiehlt. Schlecht ist nicht das Unstimmige, sondern das Stimmenraubende. Wirklichkeit wirkt auf uns, und ist gewirkt von uns. Sie bewirkt, verwirkt, verwirklicht, entwirklicht – verleiht die Macht und die Ohnmacht zu wirken. Wer Wirklichkeit Realität nennt, ist damit schon Ideologe. Denn realistisch („pragmatisch“) sein bedeutet, anti-utopisch zu handeln. Realismus ist nicht frei von Utopischem, sondern die Bastion gegen es, gegen emphatische Zukunft herum um das Jetzt des Status Quo, mit dem die Vergangenheit uns angeht. Was kann da Utopie sein bei einer Wirklichkeit voll Realisten?

III Utopie
Utopie ist nicht; sie wird. Und sie wird nie perfekt sein, sondern immer nur am optimalsten. Utopie ist bloß insofern, als sie Motiv ist zur Überwindung: nächstes Ideal, nächster Horizont, nächster Breitengrad. Utopie ist das Beste des Nächstvorstellbaren. Utopie bleibt also nie und immer: als Konzept ist sie stete Devise, als Inhalt ständig im Wandel. Sie ist interessiert an dem hinter den Grenzen: sie ist zwischen hier und allem, was über dort hinaus ist, zwischen jetzt und nach diesem. Kurz, Utopie ist die Öffnung der Zukunft. Utopie ist nie „die Utopie“, sondern immer Utopien, ein heterogenes Sukzessive an Fortschritt (und es gibt Fortschritt, gerade und nur als unentfremdete Kategorie, als Ametaphysikum): sie akzeptiert die Kurzsichtigkeit des Menschen und bereitet erneut den nächsten Horizont. Utopie ist kein Paradies und nicht „das Ideal“, sondern die ständige Problematisierung gerade dieser beiden. Utopie ist keine neu eroberte Stufe, sondern die Kritik dieser, um abzusehen von ihr – um weiterzusehen, weiterzugehen.

Im Verunmöglichungskontext
Wir entschuldigen die nächsten paar Sätze Sprache. Jedoch, wir sind geworfen: in einen Verunmöglichungskontext – und verschränken so unsere als dessen Arme gegenüber dem Fremdem, unsere Arme aus Rahmen geschreinert, die Bedingungen erdrücken für das, was noch nicht ist, und so auch nie wird. Je mehr Utopie wir werden, desto mehr verstößt uns der Aus-Wurf, in dem wir uns vorfinden. Erfindungen aber finden wir vor in der Welt des Möglichen, und in sie gestoßen wird man nur von einem Wurf, der unentworfen ist, un-unterworfen, ent-wegt – zufällig. Dieser Wurf aber, sein Name: Zufall, ist der Verworfene, von allem Geworfenen Verstoßene: er ist Gefahr für die Reinheit des Verunmöglichungskontexts, für den Wurfmonismus.
Derweil, während das Verfahrene der Gefahr zerfahren und zerfahren wird vom Verfahren des Verstoßens, entfährt der Gefahr Utopie: die Erfahrung des Zerfahrenwerdens maximiert die Gegnerschaft zum Wurfmonismus. Sie erst stößt das Verstoßene weiter an gegen die Geworfenheit: sie perpetuiert die Kritik, sie entäußert-erinnert das Verstoßensein hinaus in die Möglichkeit. Utopie mag heißen, Geworfenheiten zu pluralisieren, sie auszuweiten, zu vermischen: sich verwerfend weiterwerfend. Diese Geworfenheitspluralität dehnt sich aus, bis alle anderswohin geworfen fallen. Deren Zu-Fall, der Zufall der Koinzidenzien mit Anderen ent-wirft heraus aus dem eigenen Wurf: um-werfend diesen selbst. Der Zufall fällt ein in die „Geworfenheit nach“, und zersplittert so das Geworfensein in eine weitere Weite.
Denn ja, nur durch Geworfensein, so scheint es, lässt sich sein, seiend sein, entscheidend. Aber das Sein der Utopie ist bereichert von Wurfmannigfaltigkeit und von ihrem Überdeterminiertsein. Der Zufall ist die Koinzidenz, welcher der Wurf verfallen kann. Durch ihn erst werden Offenheit und die Bewegung des Öffnens; die Zufallsinclusio, die nunmehr qua Verworfenwerden zum Willen wird, ist Xenophilie. So ist Utopie das Gegenteil einer Diktatur der Wahrheit: sie kann sich nur bauen in Agnostizismus, und in seine Vorsicht, sein Interesse, seine Freiheitlichkeit.

Utopisten als Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens
Wir sind geworfen in einen Verunmöglichungskontext; wir sind immer schon verworfen. Je offensichtlicher uns wird, wie verstoßen wir sind, sobald wir nicht mehr bleiben im Wurfmonismus, desto mehr werden wir Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens. Das Problem – seine Namen: Ideologie, Status Quo, Faschismus und deren Gewalten und Spielarten, heute v.a. der Kapitalismus – stellt nur auf die Probe, was selbst nicht Problem ist. Dem Problem sind wir solange Proben für seine Laboratorien der Selbst-Perfektion, als wir ihm nicht zur Gefahr werden – d.h. zur Lösung.

Problemanalyse, Dringlichkeit, Anti
Woher, wie dahin? Erst, wenn uns die Gewalt mit angetan wird? Der Wille dagegen hört sich nicht, bevor er die Ausmaße, die Dimensionen des Problems zu erahnen beginnt. Erst über die Analyse von Problemen aber schafft sich das Bedürfnis dagegen, gegen das Problem, und erst daraus entsteht ein Bewusstsein für Probleme, das tief genug ist, bedürftig zu sein nach Alternativen, und also anders zu werden, anders zu denken, zu fühlen, zu handeln, zu sein – die Dringlichkeit des Dagegen, die Dringlichkeit des ersten und vielleicht einzigen gewollten Willens, des Dagegen, das Darüberhinaus bedarf. In ein erstes Anti gerät man also per Zu-Fall oder per strukturelle Gewalt, die plötzlich auch einen selbst trifft, per Trauma, per Krisis. Das viel verschrieene, verstoßene Anti ist dem Pro immer überlegen, sofern jedes klassische Pro das betrifft, was schon ist. Denn das Anti – es geht aus, fort von Verunmöglichung – schafft Möglichkeit, und es schafft das Bedürfnis nach Differenz: es startet die gerechte Beziehung zwischen Zukunft und Jetzt – es beginnt die Utopie. Utopie ist damit: Anti-Realismus, Anti-Wirklichkeit, Anti-Status-Quo, Anti-„Sein“; Pro-Möglichkeit, Pro-Können, Pro-Dürfen, Pro-„Werden“.
Doch wie Pro sein, wie ohne ein Wort, ohne Wirkung, ohne Anker eine Entität bergen, nur eine Emergenz provozieren? Wie etwas sagen, das es nicht gibt, oder wozu wir keinen Zugang haben? Wie ein neues Gefühl kennenlernen, das noch keiner kennt, ein neues Denken, Wollen, Bedürfen, Wünschen, Handeln …? Im klassischen Sinn ist dergleichen unvorstellbar: und in der Tat, ableiten lässt es sich nicht. Aber die Wechselwirkungen der Einsamkeiten, des Wehrens, der eigenen Stimmen, des eigenen Stils, der Ohnmacht, des Angreifens, des Zweifelns, der Akkumulationen des Unverstandenen, der polemischen Affirmationen, der schäumendendsten „Leugnungen“, des ewigen Dennoch: sie alle, aus dem pubertären Mischmasch von Zu-Fall und Verfall geboren, das Alte hierin zerfallend, hieraus entfallend, sind Potenziale, Mixturen, Unfälle, Bausteine: wenn zwei Dinge, die sich noch nicht begegneten, sich treffen, entsteht etwas Neues (Kontakt, Symbiose, Diebstahl, Vermischung, Aufbruch, Ästhetik – und anders weiter). Wir wollen dergleichen nicht Dialektik nennen, weil uns der Begriff faschistisch anmutet dank seines Populisten, dem rechtshegelianischsten der Rechtshegelianer: dank Hegel selbst. Vielmehr, wenn Zufall einfällt und im Verfallen Gefallen entfällt, wenn Verstoßenheit und Verworfenheit uns anfallen, dann implodiert daraus der Unfall des Neuen, des Wehrens, des Willens.

Utopie: Wirklichkeit aus Möglichkeiten
Und warum das Neue? Warum weiter, warum fort, warum Utopie? Für ein bereichertes, erfülltes, bejahtes Sein für jeden: gegen Entwirklichung, Verwirkung, Wirkohnmacht. Für Selbsterwirklichung. Für Erwirklichung. Für eine Wirklichkeit aus Möglichkeiten. Der Common-Sense-Glaube, dass Revolution gewalttätig sei oder aber unmöglich – beweist nur den Terror, die Gewalt des Unumstößlichen, des Herrschenden: des common sense selbst also; des Glaubens. Kurz, er beweist die Not-Wendigkeit der Revolution.
Utopie ist, was wir nie erreichen, wohin wir aber streben, um unser Erreichen zu bereichern. Utopie ist nicht, sie wird; wir werden sie; sie lässt uns weiter vor in uns, aus uns, vor uns, über uns hinaus. Das Mittel zu ihrem Zweck aber ist Philosophie.

IV Philosophie
Philosophie ist so wenig oder so sehr Elfenbeinturm wie einkaufen gehen, Hitlergruß zeigen, Fußball schauen. Philosophie ist nicht bodenlos, nicht realitätsfern, nicht unpragmatisch: sie ist Praxis, der Realität am nähesten, Praxis, die Boden um Boden exkaviert.
Philosophie ist Realität aber nicht nur nahe – sie durchforstet sie: ihre Konditionen, Organe, Strukturen, Mechanismen. Sie zeigt, demonstriert, verweist, dass alles Elfenbeinturm ist, weil alles eigentlich Bodenlosigkeit, und das meiste dessen realitätsidentisch ist.
Philosophie ist Subversion. Sie zeigt Alternativen auf, indem sie die Grenzen (weiter weg) verschiebt. Mit ihrem Angriff auf Notwendigkeit, Sachzwang, Gesetz; Faktum, Wahrheit, Realität; Sicherheit, Gewissheit, Zweifellosigkeit – eröffnet sie Möglichkeiten. Philosophie ist die Subversion, die eröffnet. Vor der Philosophie lässt sich nicht beginnen außer wiederholend, kopierend, reproduzierend. Nur mit ihr und durch sie eröffnet sich neues Land für Herz, Hirn und Hand: Philosophie ist die Bedingung der politischen Handlung; und sie ist schon die politischste Tat. Die meiste Akademie ist anti-philosophisch. Denn Philosophie ist Anti-Akademie.
Philosophie ist Nicht-Wissen, Philosophie glaubt nicht ans Wissen, und bringt zur Erfahrung die Gewalt des Wissens: intelektuell, und indem sie die Philosophin verändert. Doch ist sie nicht nur Fragen – das wäre das Wundern des Kindes, der Infantilismus der Antiken –, eher schon „nur Fragen“, aber am meisten Hinter-fragen. Radikalstmögliches Hinterfragen; so die Rahmen des Möglichen dehnend; d.h. immer radikalstmöglicher Hinterfragen. Kurzum, Hinterfragen der Realität – nicht nur der „Herangehens“weisen zu ihr, Interpretationen von ihr, Konzeptionen ihrer – sondern Hinterfragen ihrer selbst.
Philosophie ist so Utopiegeneratorin. Die Liebe zur Weisheit hinterfragte, als sie sich selbst erkennen wollte, und fand weder in sich noch dahinter etwas auf; noch wen. Seither wurde sie Denken: Reise ohne Ziel. Doch ziellos Reisende haben den stärksten Willen. Sie gehen weiter weil sie glauben, nie anzukommen: des Weiters wegen, d.h. des Besten wegen, als Bessern. Philosophie ist Entfernen – von common sense, Plausibilität, Evidenz. Sie ist den Grenzziehungen, Einkerkerungen, Umfriedungen des Möglichen entgegen – sie sprengend, sie hinter sich lassend als Trümmer. Philosophie zeugt Radikalität: sie zeugt in die Wurzeln hinein die Nager der Skepsis.
Philosophie ist Bewegung mehr als Teleologie, Bewegung vor allem weg, wegloses „weg!“, anti-eskapistische Flucht, Wille zum Können, Bedürfnis nach Dürfen. Diese Bewegung aber heißt Denken, und Sophia liebt es, zu denken, die Liebe zu ihr ist es, zu denken, und Denken ist freiestmögliche Bewegung, also: Ermöglichung. An Sophias Hand erkunden wir: die Welt der Möglichkeiten – Potenzia.

V Renitenter Humor
Es gibt keine Philosophie ohne Humor (als Überlebensinstinkt), und keinen renitenten Humor ohne Absurdismus (als Konsequenz). Der renitente nun, der so-nicht-Humor besteht aus dreien: Ironie, Sarkasmus, Zynismus. (Nicht Zynik, sondern Zynismus, weil sie eine „Ideo-logie“, ein Bildwort ist und keine Handlung – vielmehr ein Tun.) Dieser renitente Humor lacht nicht nur im Hoffnungslosen, nicht nur hoffnungslos. Er ist auch anti-synthetische Kontemplation, Position, Tätigkeit. Es geht in ihm nicht nur um Verneinung, sondern um die Potenz, „ja“ zu sagen trotz allem, „ja“ zu Momenten zu sagen, ohne dies Ja je allem, sich, der Umwelt zuzugestehen: nur den Moment bejahend, und keinen seiner Kontexte, nur das Ergebnis, und keine seiner Ursachen, nur das Lachen, und nicht dessen Bedingungen. Ohne die Negativität des renitenten Humors wäre kein Bejahen möglich jenseits Potenzias. Aber wir müssen auch Schreien und Schreiten für Utopia: viele große Schreie stoßen, kleine Schritte setzen. Wir müssen auch Ja-Sagen können, und Kraft schöpfen. Ohne gespaltenes Lachen kein Luftholen. Ohne Luft kein Schreiten – kein Schreien. Luft holen jedoch lässt sich nicht erst in Potenzia – nur von hier schon. Utopia steht zwischen Potenzia und Hier. Wir müssen auch schreiten.

VI Kommunismus
Kommunismus kann nicht wissenschaftlich sein, denn Wissenschaft ist nur möglich in Ständegesellschaften, Feudalismen, Kapitalismen – nur mit dem Bürger. Wissenschaft fördert nur zweierlei: den Trieb zum Wissen (der Realismus ist, also Anti-Utopia, also konservativ bis reaktionär); und das Wohlwollen gegenüber den Autoritäten (welche per definitionem konservativ sein müssen, um Autoritäten zu bleiben). Wissen aber ist Herrschaft. Doch Kommunismus ist Herrschaftsfreiheit, und Herrschaftsfreiheit bedeutet, dass Freiheit herrscht statt Wissen. Wissen setzt fest, Freiheit löst auf: Wissen ist Sein, Notwendigkeit, Manifestation, Definitives; Freiheit ist Undefiniert-Indefinites, Gelöstes, Möglichkeit, Werden.
Kommunismus ist keine „hegelsche“ Fortsetzung des Kapitalismus. Er ist nicht und war nie in letzteren schon eingeschrieben. Er ist kein ökonomisch-technisches Resultat und keine Fatalität. Vielmehr, er stammt aus dem philosophisch-utopischen Denken, das diskriminiert wird im „Kommunistischen Manifest“.
Kommunismus ist keine Doxa und kein Dogma. Das Proletariat muss, will es radikal (verstanden) sein, Utopia werden, ein Verein Freier, das heißt Freiheitlicher, sich Befreiender. Kommunismus ist Anti-Totalität und nicht-absolut, und beides entschiedenermaßen, entschieden, also entscheidungsgemäß. Er ist der Beginn, nicht das Ende von Politik, der Beginn der selbstvollen Arbeit an sich, am anderen, an der Gesellschaft und an allem sonstigen. Kommunismus ist der Beginn. Der Beginn des gleichberechtigten, gleichwertigen, gemeinsamen Kampfes gegen Dominanz, Suprematie, Hegemonie. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, weil er als erster, durch sein ökonomisches Privileg aller, fähig ist, Macht zu problematisieren. Kommunismus besteht aus Individuen, deren Basis das gemeinsame Wohl ist. Theorie und Praxis, Form und Inhalt, Idealismus und Materialismus, Denken und Handeln, all jene Dualismen der Metaphysik, von Aristoteles über Descartes bis zu Kant, die Aufklärung und ihr Dunkel inklusive, lösen sich auf in seiner Öffnung der Charaktere, die keine Identitäten mehr sind, sondern Selbste.
Gegen den Faschismus, das Grundproblem, die Grundkonstitution, lässt sich nur sein, indem gegen ihn geworden wird. Kommunismus ist Anti-Faschismus. Im Kommunismus lässt sich erstmals kommunizieren (qua hermeneutisches Präkariat). Was ist kommunal am Kommunismus, was allgemein? Es ist das Brauchen, das uns vereint. Und er, Kommunismus, ist das Brauchen, das uns vereint. Wir brauchen alle zu essen, zu trinken, ein Dach und eine Heimat. Ohne sie gibt es keine Politik. Kommunal, gemeinschaftlich sind die Früchte unserer Arbeit. Kommunismus damit ist der Raum, in dem die Politik beginnt. Erstmals ist sie nicht mehr entfremdet von sich selbst und an die Macht überantwortet; erstmals behandelt sie Interessen, das Sein dazwischen, zwischeneinander, Werden. Denn erstmals sind die Gründe des Bedürfens angefüllt mit Erfüllung – und es gibt keine Kartelle, Parteien, Kirchen, Staaten, Nationen, Klassen, Schichten, Milieus mehr. Jeder ist endlich dazu befähigt, seine Fähigkeiten auszubilden, sein Wollen zu bestimmen, Heimat zu beheimaten. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, und wo Politik beginnt, da schafft dessen Willen das Dürfen, und jenes das Können.
Alles wäre also möglich. Nur: es gibt kaum einen einzigen Kommunisten auf dieser Welt: bislang. Wie damit umgehen? Der renitente Humor des politischen Absurdismus hält uns in uns am Leben –  neben Kommunistinnen und unserer Arbeit außer uns –, und dieser Humor ist der einzige, der keine Konterrevolution startet.
Verworfen, verstoßen, verwirkt und ent-wirklicht stehen wir mit ihm vor den unabsehbar hohen Mauern. Doch sind wir Gespenster. Wir können durch sie hindurch: Philo-Sophia ist Ermöglichung; und Kommunismus wird Erwirklichung. Die Lage also ist nicht gänzlich hoffnungslos.
Wenn auch unendlich ernst. Und bitter ironisch.

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Ästhetik, Existenzialismus, Inspirierendes, Literatur, Lust(-iges) & eROTik, Politik, Postmodrig

Fragmentchen

Eine komische Nase, die Asymmetrie der Flügel, ein komischer Mund … und deine Stirne erst! Wie das passt, wie das nicht passt! Wer hat denn da das Muttermal … ? Du siehst komisch aus. – Ich muss dich mal nackt sehen.

Sie reißt ihn aus der Gesellschaft und der Kleine steht im Atelier. – Wie die Fahne draußen! Wenn der Wind weht: an; wenn Gleichdruck herrscht – aus. Bitte.
Er zieht sich an, aus, an, aus, gelinde wie ein Reißverschluss. – Du bist noch keine was? – 18. – Was? – 18. – Was? – Er schweigt. – Dafür kleidest du dich aber schon tüchtig in Narben. Dein Oberschenkel, … wie? Dein Oberarm, dort! – Mein Selbstwert ist eine geritzte Sache. – Wie tüchtig! Wie wichtig, wie fein … Nimm dir ruhig ein Buch aus dem Regal und lies‘. Ich zeichne. Ziehst du nun die Uniform an? – Nein. – Nein? So muss ich sie mir also denken? – Auch in Ihren Gedanken werde ich keine tragen können. – Wie tüchtig! Wie fein! Unter Tolstoi schmilzt Zartbitterschokolade. Die magst du? – Ja. – Dann nimm sie dir. Vielleicht schmilzt sie gar nicht. Ich halte das Atelier auch im Frühling ziemlich kühl. Schäm dich gar nicht, wegen deines geschrumpelten Geschlechts. – Wie käme ich darauf! – Wie … schön.

(*)

Victoria

N: Du sahst so harmlos aus, als ich dich erst erblickte!

Victoria: Wissen tat ichs, daß du so sahst. Alles schaut sich schwierig an, doch das Schaun des Meisten bleibt einfach zu durchschaun.

N: Und nun blute ich!

V: Führwahr, du blutest … das ist gut.

N: Du findest’s gut? Du siehst’s und findest’s gut?

V: Wie sonst.

N: Das ich getroffen werden konnte, wo du trafst, das wusst ich nicht! Und daß da soviel Rotes quellen kann, das macht mich ohnmächtig.

V: Nun sprichst du besser als zuvor.

N: … Hilf mir!

V: Forderst du wirklich meine Hilfe oder Hilfe bloß? – Ich kann nur sorgen für, daß es am Bluten bleibt.

N: Das will ich nicht!

V: Ich weiß.

(Pause)

N: Hilf mir!

V: Hilf dir selbst.

N: Schlaf mit mir?

V: In hundert Jahren. Missversteh‘ mich nicht! Dies ist ein Versprechen. Gefühlt müssen diese Hundert Dir vergehen.

N: Nun sprich nicht mehr!

V: Wie du willst.

N: Brauchst du denn keine Hilf‘?

V: Die deine lang noch nicht.

N: Ach, du bist grausig! Hast so ein lieb‘ Gesicht.

V: Jetzt wirst du rückfällig. Halte still und Dummes Dir zurück; dann tut das Blut vielleicht schon wenig weh.

(*)

B: Ach! Mein Wunsch! Mein Wunsch!

Y: Dein Wunsch?

B: Meinen Wunsch, du erfüllst ihn. Ihn erfüllst Du, ich will gleich den Artikel ändern. Die Wunsch, denn dein ist er und an Dir ertrag‘ ich ihn.

Y: So lang gleich die Freude?

B: So lang gleich die Freude.

Y: … So wird es eine grammatikalische Beziehung?

B: So wird es. So wird es eine Beziehung?

Y: So wird es eine Beziehung. Das ist was?

B: Das ist …

Y: / … Das ist –

B: Das ist wenn wir uns alles geben wollen, was uns möglich heißt.

Y: Heißt? Heißen wir Möglichkeit? Wo heißt du mich willkommen?

B: – Bei meinem Verb, bei meinem Adverb, in den meisten meiner Adjektive, in der Armut meiner Substantive.

Y: Substantiell! Substantiell will ich Dir sein.

B: Das ist aber schön. Darf ich über dein Gesicht nachdenken?

Y: Nur zu! Ich bin vorsichtig …

B: Das bist Du! – fürwahr. Dir entfährt nichts, was du nicht meinst.

Y: Nun überschätz mich nicht. Schätz weniger, Schatz. Schall ist Dir der Klang meiner Brille, das Zittern meines Shawls.

B: Wie wenig Worte! Mittels deines Gesichts, meinte ich deine Haut. Ich weiß, daß sie heiß ist, am Hals, kühl im Zeigefingerglied. –

Y: Weißt Du, wie ich vor vielen Wochen meine Clitoris sah?

B: Vor vielen Wochen?

Y: Da hatte ich keine.

B: Ich ahne, doch ich will nie meine Erzählung zu dem Deinen. Ich muss wählen und wähle meine Erzählungen ab.

Y: Da hatte ich keine. Ich nahm einen Mundspiegel, Zahnarztbesteck. Ich machte mir meine Erzählungen fremd. In Mikrochirurgie fragte ich nach der Meinung, die ich hatte, von dem kleinen Klüftchen, ja, von dem schmalen Glöckchen. Ich fand, es war ein dünner Albtraum, der mich zungenzarte Venustrassen wäscheklammer-kalt zerfurchen ließ. Hör zu: ich bin nicht zungenzart! ich führe keine Venustrassen! Ich hasse den, der Furchen hasst und ich hasse den, der selbst nicht hasst und weint, während er Umklammernswertes langsam zwischen Lippen nimmt! – Will sagen, B., will sagen: willst Du, daß ich sagen kann? – Sag nichts, ich weiß doch wie Du willst. Und sei vorsichtig, mit Allem hier und ich schwöre Dir! – – hörst Du?

B: Ich denke, ich höre. Ich hoffe, daß Du es nicht wissen kannst, ob ich denn … –

Y: Ich weiß nicht. Hör zu, ich schwöre Dir! Hasst Du nicht und willst nicht weinen, wegen dem, was meiner schwarzen Schwester und meinem bronz’nen Bruder angetan wird, von Menschen, weiß wie Dir, mit einem Konto, reich wie meinem, einem Hasspfahl zwischen den Beinen, wie Du den Deinen tragen musst, – hasst Du nicht und weinst Du nicht deshalb, hin zum tiefsten Herz – so will ich, daß du mir die Lippen reißt mit deinen Zähnen, das Glöckchen pflückst, mit Fingernägeln und du fällst, vor Gericht und deinen Freunden: dreizehn Jahre ins Gefängnis! – für Gewalt von einem Mann an einer Frau, du weißt, ich erfände, log und zeigte Dich an, sagte: du warst der, der mir die Unschuld brach! Ich nützte jedes einzelne Ideologem, stündest du nicht aus Traurigkeit und Einsamkeit, weil alle Dich alleine ließen, wegen deines Wunschs nach keiner Grausamkeit, – ganz im Blute, zitternd-arm vor meinem armen Schritt.

B: Ich weiß kaum, was ich sagen will … Ich will Dich, Y., das hörst Du? Ich will Dich, weil ich keinem, Deinem Herzen nicht vertraue. Weil ich weine, weil mein Trauen streng vertaut. In der Hitze meines Hasses schmilzt mein kühles Sehnen hin. Y., ich will Dich eisig, will Dich zitternd, mein Finger trifft Dich ohne Blut.

Y: Ah! Ich dachte, ich fände keinen mehr, keinen Mann, der keiner sein will: hielt es Frauen zugeteilt: die Fähigkeit, sich ganz zu lösen, Geschlechter mit der Heckenschere fetzen. Doch, kaltes Herz, so will ich dich an meinem Glöckchen. Jetzt hör weiter: vor vielen Wochen war ein Trauma, bitterheiß in dieser Gegend. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr: lange fing ich Blicke an. Den Mundspiegel kreisrund auf das meine Klüftchen: ich erfand mir einen armen Mut. Keine meine Stunde musste ich masturbieren; ach, B., ich wollte es so sehr! Ich war so glücklich, dann am Ende und sah auf meinen schwitzigen Fuß. Ich dachte, rutschend gehen nun neue Wege: kalt fände ich endlich einen Mann, der am Bauche gleich empfindlich wär wie ich, – mit einen Sturzstab, daran gleich zwei Tauchgewichte, außerdem auch noch ein Löchchen, in daß sich wieder bohren ließe, kalt, mit allen klammen Fingern.

B: Du sagst nun also, von ganz in der Mitte unten, von dem wunden Zunder drunten, von da aus willst Du nun das Kühle drüber? Das was keinen Gedanken zweimal sieht?

Y: Von Dir verlangte ich doch das Umgekehrte! Dummerchen, du darfst mit mir scherzen, mich berühren … Sprach ich nicht davon, wie leicht’s mir ist: nackt gefläzt der Deine weite Himmel sein, in dem sich deine Äste dehnen?, – nur! weil kein Gedanke hilft, Dein Allesgrab ganz auszugraben, zuallerletzt die Füllung Sinn und dummer Zweck sein kann? Weil Du dreißig Jahre in der Gewerkschaft in der Ecke standest, – weil ein Sturz dich jeher schweigend an den Rollstuhl fesselt? Wie lange sitzt du da schon und hast zweifach alles aufgegeben! Wie zärtlich, vorsichtig hörst Du den Wahnsinn deiner Nächsten? – Ich will Dir alles tun und nun kann ich auch meinen, daß meine Klüftchen, Glöckchen zehnmal arme Geschenke seien.

B: … Ich hoffe, wir müssen nie nichts vergessen … –

Y: Jedesmale will ich in Dir kommen!

B: … Atemnot durch Dich macht atmen. Wenn mir zu heiß wird, machst du mich kalt, und nüchtern vice versa. – Wollen wir zurück zum Lesen?

Y: Ja … das war schön, doch mit Dir ists schwierig. Weil neu, kann ich nicht warten.

B: Ich kann auch nur nicht Bilder zimmern können wollen; – ich mag Dich, Y.! Jetzt finden wir zurück zum Thema.

Y: Ja, B. … Zurück zum Thema!

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Ethik, Existenzialismus, Literatur, Politik

Die Bären

Unter uns waren einige, die etwas bereuten; deshalb hatten sie den Rest in den Wald gezerrt. Die ersten Minuten sind angenehm; alle unter uns haben beim Laubstapfen schleichend die plötzliche Wiederkehr des Herbstes gefühlt. Ich gehe einsam unter allen; schaue meinen Gummistiefeln zu, wie sie perlende Striemen Wasser aus dem Laub sammeln und eine stechende Kälte aus dem klammen Waldgrund. Hinter mir haben einige angefangen, mit der Taschenlampe zu scherzen; die vor uns gehen gebuckelt und werden von der Waldnacht verschluckt. Keiner von uns kannte diese Route! Ich breche immer mehr Äste und meine Anderen ebenso. Vereinzelt beginnen wir zu fluchen, wo immer uns eine fremde Angst packt – die Nadelbäume gliedern Reihen, machen Leere zwischen sich. Wir fühlen uns alle eng, ein paar von uns begrüßen die niederdrückende Finsternis: die Flure werden immer diffuser. Dann stehen wir plötzlich im Saal. Von oben fällt haltlos ein dünnes Weiß und zerstaubt einige Meter über unseren Köpfen – auch wenn die Baumkrone offen sein muss, bleibt uns etwas wie Himmel versperrt, durch das weiße moosgrüne Licht. Besonders die unter uns mit Blusen und Filzjacken beginnen zu schlottern; gefällte Baumstämme liegen im Halbkreis auf der Lichtung. Die eine Hälfte setzt sich und verschnauft. Weiß einer wie weit zur Herberge – ? Einer will ahnen hier schonmal gewesen zu sein; ich frage ihn, meint er ein Deja – vu? Nein, nicht so stark! Wir schlottern … Ich beginne zu begreifen, daß ich uns jetzt tief im Wald nennen muss. Um uns breiten sich die Flure endlos aus; das Unterholz geht keinen Meter neben dem Baumstamm, auf dem ich sitze, kopfhoch in eine Hecke. Ich taste mit den Augen nach Nischen im dünnen Geäst. Wir sind alle müde, doch die Kälte hält uns steif. Einige spüren schon ein Loch im Bauch. Durch das Loch in der Hecke erkenne ich etwas gelbliches. Ich sehe die anderen an; sehe ihre ernsten Gesichter und bittere Furchen um die Nasen. Dieser Wald drückt so fest – ich möchte protestieren; fange an zu lächeln und fühle mich verspielt. Ich bitte die anderen darum, mir durch die Schwellen im Dickicht zu folgen. Wir verlassen den Saal und gehen durch eine nacht-graugrüne Straße. Eine beginnt ihrem Bruder mit ihren Gummistiefeln in die Kniekehlen zu treten. Der reagiert nicht – immer gereizter – und klopft nur nach dem Dreck, den sie auf der Hose hinterlässt. Magenta oder graue Dornenblüten nadeln sich ins enge Gestrick unserer Kleidung – ein überschlafener Nachtschatten beginnt sich auf den Gesichtern der Meisten breit zu machen. Der dünne Korridor durch die Dornen gleicht vielen einem Weg; ich spüre es. Alle werden munterer – das sieht absichtlich geschlagen aus! Hektisch gräbt man sich durch den Korridor. Als wir dann aus dem Gestrüpp speien – die Geschwister besuchen sich hinter den Ohren nach Zecken –, werden wir alle wach: es ist als zöge uns jemand wie Rinde ab und stellte den feuchtnackten Stamm den Kiefern und Fichten, den Nadelbäumen zur Inspektion bereit. – jene spannen die Stille; antworten nicht, zur Antwort, und – spannen ihre gestreckten Äste; ziehen ihre Ausstreckung zurück; klammern Zapfen und Nadeln so dicht wie möglich zum Stammherz hin. Jetzt jagt der Wind durch breitere Flure; auf uns, die feuchten Holzwände. Alles scheint weiter als vorher; die dunklen Pinien stehen dünn und mächtig. Was uns den Sand aus den Augen reibt: da steht eine gelbe Rutsche aus Blech. Die Böden sind nicht frei von Gestrüpp; es langt uns bloß an die Kniekehlen. Da liegen auch noch andere rostige Dinger, stecken im Unterholz – Artefakte? Rostartefakte? Einige von uns meinen, gewisse Formen wiederzuerkennen, – ein Sägeblatt? – zu groß, Idiot. – Heee! rufe ich matt zwischen die Geschwister. Jetzt sind wir verunsichert; alle, würde ich sagen, denn alle rücken ein bisschen näher zusammen und ich spüre eine Hand auf meinem Schritt. Vaness … Tess … Ti … ich kenne keines der Mädchen und sie bemerkt gar nicht, was sie tut, da, in der Filzjacke. Sie möchte ein Stück Körper unter Stoff greifen, deshalb fährt sie mit entfernterem Blick mit den Händen an den anderen Menschen entlang. Jetzt muss ich meinen Schritt spüren, wie einen Wurm, ein Würstchen, ein Stück Kordel und ein rissiges Ei, dumpf und süß. Mir wird ein bisschen schlecht und ich schubse sie weg, und, – Rost! stolpere über Stacheldraht und direkt neben sie auf Rinde und dichtes Gras. Geht es dir gut? Au. Ich helfe dir hoch. Was war denn da passiert? Was war denn – . Sie weiß es auch nicht und klopft sich ab und beginnt ein bisschen zu weinen und flieht an eine fremde Schulter. Einer singt penetrant: Empfang! Empfang! Er ist die glitschigen Stufen auf die Blechrutsche gestiegen und jubiliert und lässt ein Lied auf youtube laufen. Jetzt ist warm, jetzt ist Stimmung, Scheiß-Wald, bald draußen. Navi? GPS? ADAC? Ich brülle verzweifelt, oder jemand anderes brüllt, ein Freund? Hier? Da beginnt es zu graulen. Hier gibt es keine Bären. Hier gibt es keine Bären, das ist Süd – … Ost … Germany. Und Jäger kümmern sich um uns. Ich war Dritter bei den Waldjugendspielen. Das Mädchen von eben kreischt! Kann das Mädchen aufhören? Es hat gekreischt, aber leise, jetzt verstehe ich es. Wir werden beobachtet und jeder hat angefangen den Gruß des Bären mit Starre, Angst und einer Preisgabe der Haut dem Wind zu entlohnen; der Wind schickt uns die Gänse, wir beginnen vereinzelt zu zittern und ich weiß, wie leicht ich sterben kann. Ich blute; mein Körper drängt sich mir auf. Ich blute an vier Punkten durch die Jeans, dort wo ich mit dem Mädchen über den Draht stolperte. Ist ihr vielleicht doch etwas passiert? Ich will zu ihr – doch werde des Bären gewahr und stoppe meinen Schritt. Viele fangen an zu heulen und einer glaubt, er kannte die Wahrheit darüber, wie jetzt umzugehen sei, mit Bär, mit Verlorenheit, mit Kälte, Blut und dem dichten Unterholz, daß uns die Turnschuhe einsperrt. – Wir rennen, dort die Böschung, – kennen denn alle das Wort Böschung, muss ich mich schnell fragen. – dort die Böschung, und es geht steil runter, ich seh’s selbst im Zwielicht: das gibt uns Anlauf, dann versuchen wir mit dem Schuh fest den Stamm zu treffen, halten uns fest und klettern in die Kronen. Braunbären – das ist unsere Lösung; die klettern nicht! Das können nur wir. – Ich habe das Gefühl, er geht durch die Reihen, um uns Mut zuzusprechen, wie man es mit Soldaten tut, an matschigen alten Fronten, im Graben, „gleich geht’s los! jetzt näss‘ dich nochmal ein –“. – die klettern nicht! Wer fällt – die Böschung ist genickbrechend steil! – steht auf und rennt weiter, oder kann sich hinlegen und fest ans Sterben denken. Manchmal gibt der Körper nach und stirbt freiwillig und schlummerhaft: es ist wie im Traum! Wünscht euch dann einfach ganz fest, alles wäre ganz anders geschehen und ihr werdet sehen: es wird schwarz vor den Augen werden. Ihr sterbt. … Doch – an die, die Leben wollen gerichtet: ich hab nichts gesagt.

Wir keuchen und rennen; wer war das alles? Ist da wer auf dem Baum? Drei Bären rennen uns hinterher und fauchen. Ich habe einen in der Peripherie: er bewegt sich zuckhaft und ruckhaft und irre schnell. Langsam verstehe ich, wie langsam ich bin. Ich keuche; mein Knöchel tut so weh; wie blutig ist mein Hosenbein? Wie blutig das Ihrige? Wo ist sie? Ihr muss ich doch helfen? War da nicht auch noch ein Freund? Vielleicht sind sie in der Krone, vielleicht – vielleicht sind sie in der Gruppe keine vierzig Meter rechts von mir! Da sind welche und sehen auch, daß sich unten der Weg gabelt, den wir oben verpasst haben und auf den wir jetzt querfeldein zujagen. Markerschütterndes Graulen ertönt und vielleicht werden so Tiere gerufen, die noch viel schlimmer sind, als Bären. Mir gefriert das Blut in Adern und Venen. Die zwei! Ja, ja! sie sind in der Gruppe! Das Mädchen humpelt schnell. Ich winsele ein bisschen und der Gegenwind wird immer dichter, mein Mund ist ausgetrocknet. So kann ich kaum rufen und bringe nur Schwächliches hervor. Es ist fast ganz dunkel. Sie sind an der Gabel; sie zögern und zucken; sie wollen nach rechts. – Da werden Bären sein, ich bin mir sicher! Ich rutsche auf nassem schwarzen Laub aus und schreie leise. Sie hören mich und wollen zu mir rennen und mich hochziehen; ich erinnere mich an die Lehre dessen, der eben die Wahrheit wusste. Aber sterben kann und will ich nicht. Ich spüre einen festen Griff um meinen Ärmel und werde halb am Stoff, halb am Fleisch hochgezogen. Ein paar Nachtvögel stürzen sich dicht über unseren Köpfen hinauf in die Luft. Fliehen! Rechts? Oder links? Links, links, bitte geht links! flehe ich den Retter an. Er starrt ein bisschen, mit einem festen forschenden Augenpaar. Glaubt er, ich lüge ihn an? – Oder … oder … runter! Weiter die Böschung. Ich glaube, da ist ein Bach, dem kann man folgen, wieso auch nicht. Alles … Hör … Alles nur nicht rechts!

Er geht zum Mädchen und berät sich; deutet immer wieder mit dem Finger auf mich. Einmal muss das Mädchen ein bisschen auflachen. Nach kurzer Zeit nicken sie einander befriedet zu: Okay. Okaaay. Ja, ja; – so, oder? Warum nicht? Sie umarmen sich. Mich sticht das ein bisschen; ich stehe ein bisschen peinlich da, fehl am Platz und weiß nicht mehr ganz, wo die Bären bleiben. Der Dritte kommt zu mir und sagt: Also ich hätte ja für dich … – aber du verstehst, bist darin ja schnell – die anderen wollen nicht. Es ist jetzt sechs Uhr und da macht mir die Demokratie am meisten Spaß. Wir gehen rechts und du gehst links? Deal, oder? An der Herberge erzählen wir dann einander die guten neuen Geschichten! Viel Glück! – Und du blutest am Bein. Ich weiß nicht ganz, was ich sagen soll und blicke den Dreien nur tieferschrocken hinterher. Der Dritte war der gewesen, der oberhalb der Böschung die Wahrheit wusste und jetzt geht er demokratisch den Weg mit den Bären. Die Drei sind kaum aus meiner Sichtweite gejoggt, da beginne ich, jetzt alleine, panisch hin- und herzulaufen; so schnell ich kann. Es kreischt sehr sehr laut jemand oder etwas irgendwo auf der rechten Straße und ich fahre mir mit der Zunge über den Oberarm, was nicht so einfach ist, und lecke da wo ich blute meine Wunden. Meine Augen peitschen auf meinen Wangen Tränen hinunter. Ich schließe die Augen und es wird schwarz. Ich springe – wo sind die anderen? – ich springe, es ist schwarz, die schwarze Böschung hinunter, nicht rechts, nicht links, geradeaus, und falle. Und ich lande hart, hart, und spüre eine Dorne, eine Pranke.

(*)

Zur Interpretationsfrage ein Streckchen meines eigenen Wanderns auf der hermeneutischen Spirale:

Was tritt in der Erzählung auf?:
Die Faktizität und das Gefühl, das Vereinzelung Terror am Selbst bedeutet. Am Schluss erkennt das Ich es richtig: der Terror, die Gewalttäter, das sind die Menschen des Kollektivs. Die, die glücklich den gemeingefährlichsten Weg gehen. Wo die Systemideologie eingehalten wird, stoppen die Bären ihr Scharfrichten. Doch letzten Endes wird natürlicherweise doch gestorben, an der Systemideologie, denn, trotz selbstauslöschenden Glaubens & Vertrauens in das Fremdbestimmende, ist auch sein willigster Untertan nicht sicher vor dessen kopflosem Terrorismus in hydraischer Ausführung, siehe bspw. Hitlers Vorhaben anstelle von Kapitulation eher noch die deutsche Bevölkerung auszulöschen oder, daß KZ-Häftlingskonformisten vor Kriegsende doch noch das Emordetwerden ereilte (; ereilen sollte, siehe dazu bspw. die Biographie Arthur Dietzschs).

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Kunst, Literatur, Politik

Wohin, w/Weg?

Ich rieche die Seife, die zwischen meinen Fingern sitzt, blasig. Wer wäscht sich gründlich die Hände? Wir sind immer nur voll von Gestern. Damit soll Schluss sein.

Kaum sind die Äcker bedeckt. Schwarz liegen sie da, als absorbierten sie den Himmel. Himmel, Vögel, Bäume, Böden, Horizonte – Landschaft und graue Stadt: was soll noch darüber geschrieben werden? Den Bestsellern gehöre Fantasia. Marktwirtschaft! Lass dir Utopia schmecken. Ich bin auch nicht mehr sauer. Selbst bitter kaum mehr.

Ich habe Kippen gekauft – zünde mir zwei an. Zum ersten Mal ein gutes Gewissen. Ich fahr mir durchs Haar und tätschel den Funken Stolz, der sich der Schläfe entwindet.

Eine Raststätte später. Ich halte erneut an, schlafe zwei Stunden. Nackenschmerzen wecken mich auf. Es ist kalt. Kristalle bedecken die Scheiben. Als ich mir einen Kaffee hole, sehe ich, dass Flocken fallen. Es dämmert.

Ich „hole“ mir nicht bloß den Kaffee. Das ist euphemistisch. Ich muss ihn auch bezahlen. Ich brauche Geld. Unterstützung oder Erbe oder „Arbeit“.

Ich brauche meinen Pass und meinen Führerschein.

Ich kann genau so viel hinter mir lassen, wie man mir erlaubt. Der Umfang der Polterkugel steht in ihren Büchern. Nur Luke war je lucky. Frei sein wie ein Vogel? Vogelfreiheit. Ich zerquetsche die Glut auf der Karosserie, sobald der nächste Stängel brennt.

Wer hat mir das Feuer geklaut? Ich wende den Blick ab von der Werbetafel.

(Ich hab es nicht verloren.)

Ein Auto zerfährt meine Spuren. Ich folge ihm mit den Augen, nicke ein. Winterschlaf der Gerechten.

Manchmal, wenn es die Nacht durch schneit, sieht man keine Straßen mehr am nächsten Morgen. Frühaufsteher und Räumfahrzeuge sind nötig, um an Ziele zu erinnern. Ewig-alte Routen durchstoßen Jungfräulichkeit. Ich hasse das Wort. In wessen Dienst steht die Dämmerung?

(So viele etwas schwachsinnige Fragen, ja, was kann ich dafür, dass mir die Sinne geschwächt wurden? Man erzog mich katholisch.)

Die Lichter sind glitschig auf der ängstlichen Fahrbahn. Wie entkommt man der Sprache seiner Mutter?

Wie entkommt man?

Will ich es?

Wenn mein Hass nur so konstant, so durchfühlt wäre wie gerade.

Vielleicht wollte ich wieder leben?

Vielleicht wollte ich wieder lieben, mein Gott. Vielleicht auch endlich nicht mehr. Vielleicht könnte ich wollen, ohne zu brauchen.

Ampel. Alles rot ringsher. Ich fahre die Scheibe herunter; sie klemmt erst. Mein Finger knipst einen Zapfen vom Außenspiegel. Könnten wir auch Bräuche so abbrechen. Alles Gebrauchte. Alles Brauchen.

Könnten wir?

Hinter mir hupt es. Die Ampel steht grell im eigenen Grün.

 

[aus WEG – ein Abreisetagebuch]

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Ethik, Inspirierendes, Pamphlete, Politik, Religion, Skeptizismen

Weiße Rosen. (Lesbare Denkmäler)

Sophie Scholl

„Nach einer längeren Debatte waren wir schließlich der übereinstimmenden Meinung, daß der christliche Mensch Gott mehr als dem Staate verpflichtet sei.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

„Beim Anblick der stillen Großartigkeit dieser Berge und ihrer Schönheit wollen einem die Gründe, die die Menschen für ihre unheilvollen Taten vorbringen, lächerlich und verrückt erscheinen, und man bekommt den Eindruck, sie wären gar nicht mehr Herr über sich und ihre Taten, sondern würden von einer bösen Macht getrieben. Denselben Eindruck hatte ich, wenn ich den großen Fabriksaal überblickte und die hundert Menschen an den Maschinen stehen sah, als gehorchten sie, selbst ahnungslos und unbewußt darunter leidend, einer Macht, die sie zwar selbst erschaffen, dann aber zu ihrem Tyrannen erhoben hatten.“

Brief an den Vater, 22. September 1942

„ (…) immer wieder schwankend, müder werdend, nicht mehr sein wollend, so daß ich mir nichts anderes wünsche als Nicht-Sein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stückchen einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch  ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit.“

Brief an Fritz Hartnagel, 22. Mai 1940

„Es ist der Kampf, den ich selbst führe, den Du auch haben wirst, nicht zurückzusinken ins Wohlbehagen, in Herdenwärme, ins Spießbürgertum.“

Brief an Fritz Hartnagel, 10. November 1940

„Ich wünsche Dir sehr, daß Du diesen Krieg und diese Zeit überstehst, ohne ihr Geschöpf zu werden. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Brief an Fritz Hartnagel, 16. Mai 1940

„Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute nacht alle vernichten. Und dann würde meine Schuld nicht kleiner, als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde. – Das weiß ich alles.“

Tagebucheintrag, 9. August 1942

(*)

Hans Scholl

„Ich muß meinen Weg gehen und gehe ihn gerne. Denn es kommt mir ja nicht darauf an, vielen Gefahren und Verlockungen aus dem Weg zu gehen, sondern es soll mir wahrhaftig nur darauf ankommen, die Dinge richtig und in aller Ruhe richtig zu erkennen. Doch bis dahin werden noch viele Stürme über das Dach meines Hauses brausen und es erschüttern. Ich will indessen meine Lampe anzünden, und wenn sie auch flackert und auszulöschen droht, so wird doch ihr Licht rot und warm und manchem einsamen Wanderer ein Wegweiser sein.“

Brief an Rose Nägele, 8. August 1941

„Ihr glaubt vielleicht, man müßte weiser und reifer aus dem Kriege zurückkehren. Dies ist nur bei ganz wenigen Menschen der Fall. Ich glaube, ich war vor diesem Wahnsinn innerlicher und aufnahmebereiter. Der Krieg wirft uns weit zurück. Man glaubt es nicht, wie lächerlich der Mensch geworden ist. Wir verlassen den Operationssaal, drinnen stirbt einer, und wir rauchen eine Zigarette.“

Brief an Inge, 1. August 1940

„Unsere Kompanie wurde vom Kriegsgericht dem OKW der Meuterei wegen gemeldet. Es entwickelt sich in unseren Reihe ein Denunziantentum abscheulichster Art. (…) Ich hatte nicht erwartet, daß die Masse auf die geringsten Drohungen so reagiert. Aber ich habe vieles gelernt.“

Brief an die Eltern, 12. Februar 1941

(*)

Christoph Probst

„Mein Leben war in der letzten Zeit recht doppelseitig, ich hatte einerseits unter einer geradezu beängstigenden wochenlangen Müdigkeitswelle zu leiden, so daß die wachen Stunden recht beschränkt waren. Dazwischen aber war ich recht tätig – medizinisch, russisch, lesenderweise, einkaufenderweise u.s.w. Es war dies geradezu notwendig, da mir in Mußestunden eine stille Verzweiflung ans Herz kroch. Aber eben eine „positive“ Verzweiflung, wenn man das sagen kann, denn sie erzeugte nicht Resignation, sondern Tätigkeit und Intensität.“

Brief an die Schwester Angelika, 4. Juli 1942 (95)

„Einmal muß das Menschliche hoch emporgehalten werden, dann wird es eines Tages wieder zum Durchbruch kommen. Wir müssen dieses Nein riskieren gegen eine Macht, die nicht nur alles Andersdenkende ausrotten will, die sich anmaßend über das Innerste und Heiligste des Menschen stellt. Wir müssen es tun um des Lebens willen, diese Verantwortung kann uns keiner abnehmen.“

1942, zit. n. Bernhard Knoop

(*)

Willi Graf

„Schwer ist es, daß man solchen Problemen immer allein gegenüber steht, kein anderer Mensch kann einem die Last von den Schultern nehmen. Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung. Für uns aber ist die Pflicht, dem Zweifel zu begegnen und irgendwann eine eindeutige Richtung einzuschlagen. (…)“

Brief an Anneliese, 6. Juni 1942

„Hast du schon einmal gesehen und verglichen, daß für viele Menschen diese Probleme, die uns bewegen, so gar nicht erregend wirken? Es gibt zwar Unterschiede in dieser Stabilität: Die einen besitzen tatsächlich die Weisheit, die ihnen Ruhe bringt, die anderen aber finden es zu anstrengend, sich damit herumzuschlagen und geben sich mit kleinen Fortschritten in ihrem persönlichen Leben zufrieden. Oft kann man sich wünschen, doch zu diesen „Zufriedenen“ gezählt zu werden, es wäre doch so einfach. Aber wir finden diesen Weg nicht, wenn wir uns auch noch so unempfindlich machen.“

Brief an Anneliese 25. Juni 1942

(*)

Alexander Schmorell

„Mein Haß gegen diese Menschen, und mit ihnen auch gegen dieses Land, wächst von Tag zu Tag. Wenn das so weiter geht, bin ich doch neugierig, wohin das kommen soll.“

Brief an Angelika Probst, 13.Juni 1937

„Sie sind froh und glücklich, wenn sie nach fremden Regeln leben dürfen, auf fremde Befehle gehorchen dürfen, um selber nicht denken zu brauchen, der Masse nachzugehen, folgend, ihrem Herdentrieb, um nicht zu irren.“ Die zweite, sehr viel kleinere Gruppe von Menschen nannte Alexander Schmorell die „Auserwählten,  (…) die es können, Neues uns Eigenartiges zu schaffen, die sich die Lebensregeln selbst zusammenstellen können und auch tapfer genug sind nach ihnen zu leben und die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937, zit. n. Christiane Moll

„Denn nichts ist schöner, als die Freiheit des Gedankens und die Selbständigkeit des eigenen Willens, wenn man sie nicht fürchtet. Hier versucht man, uns sie zu rauben und sie uns vergessen zu machen oder sich von ihr zu trennen, aber das wird ihnen nicht gelingen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937

„Wie schön ist es dann, sich in ein solches Blütenmeer zu werfen, den dahin ziehenden Wolken nachzuschauen und von Vergangenheit und Zukunft träumen zu können. Aber solche Schönheiten verstehen die Menschen hier gar nicht; bei ihnen heißt es Tempo, Tempo, schuften, schuften, um einige Habseligkeiten zu erwerben, um nicht zuspät zu kommen. Ist das der Sinn des Lebens? Hier in Deutschland scheinbar schon, und deshalb hat hier das Leben auch keinen Sinn.“

Brief an Angelika Probst, 27. Juni 1937

„Was ich getan habe, habe ich nicht unbewußt getan, sondern ich habe sogar damit gerechnet, daß ich im Ermittlungsfalle mein Leben verlieren könnte. Über das alles habe ich mich einfach hinweggesetzt, weil mir meine innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat höher gestanden ist.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

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Ethik, Ironismus, Literatur, Politik, Skeptizismen

Der Störenfried

Wir gaben ihm Stellung und feuerten ihn an. Das hätten wir nicht von ihm gedacht! Er war immer der alle Zurückhaltende gewesen: der, der Dich am Ärmel fasste und leise fest sagte:

Jetzt ist aber mal gut. Lass „gut“ sein (– du verstehst es nicht). Vom vielen Verstehen bei Kerzenlicht waren seine Äuglein schlecht und wir ihm mächtig und böse geworden! Da nahm uns einer den Frack, – nein schlimmer! – die Uniform ab! Da hielt uns einer zum Besten – verständig; verglich uns mit selbigem (gegen sein eigenes Licht); – hielt uns nicht offen, daß unter der Uniform noch etwas sei!

Das ging uns zu weit!

Wir wurden still. Akzeptierten; gaben Hoffnung. Einer fing an, seine Buchtipps zu lesen.

Doch einmal, – doch, doch, doch. Uns war es ja klar gewesen; – da stand er umzingelt; irgendwie hatten wir’s geschafft. Da zählte kein vorher. – Der Oberst hatte abgezählt, in der Umkleide: wer los müsse. Der Schwächste, der Hänfling – ein gewaltiger Mitläufer –, sollte an die Front. Wir nahmen den friedlichen Störenfried bei seiner Ethik. Von ihm verlangten wir das Volontariat, zum Schutze des Hänflings.

Und laut fiel er leise an der Front. Wir glaubten ihm im Graben und klaubten plappernd (und lachend und rauchend) seine klappernden Knochen in den Feuerpausen auf.

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