Ethik, Ironismus

Ben.

[ein kurzer für mich witziger Entwurf eines fiktionalen Charakters, basierend auf einer „realen Person“ (das ist was?).]

Ben ist lang und sitzt immer mit einem Knick im Bauch krumm im Stuhl, mit den Händen im Schoß. Er hat einen milden fast bubenhaften Haarschnitt, ist 30 und hat schon graue Strähnen im braunen Haar und Bart. Er trägt Kapuzenpullis und hüftknochenlange Mäntel und gerne Komplementärfarben. Eigentlich sieht er aber recht durchschnittlich aus. Ben lebt in und pendelt zwischen Berlin und Wien ( – „der Hölle für Polys!“ (Polyamore)). Er lebt als freier Informatiker oft prekär. Er sucht sich seine Jobs nach ihrer Ethik aus und hat deswegen wenig Geld. Er wurde als Frau geboren und wird von seinen Eltern akzeptiert. Für seine finanzelle Lage suchte er jedoch nie Hilfe. In seiner Freizeit stellt er sich mit „Refugees welcome“ Schildern vor Asylbewerberheime; dort hat er ein breites Grinsen auf. Er wiederholt oft dasselbe Ideal: Wenn sich irgendwo hundert Menschen treffen würden, die wirklich etwas verändern wollen – dann wüssten wir doch davon und es würde sich etwas verändern! Wo finde ich diese Menschen? – Er hat einen leichten schwarzen Humor, der mit viel Lachen daherkommt: „For the second part of my life I want to be a dictator!“ Er hat einige wenige gute Freunde & eine Freundin, Amanda, in die er resigniert verliebt ist. Er möchte polyamor leben, sie sitzt in einer monogamen Beziehung. Wenn Ben diskutiert, so ist er manchmal ein sehr guter Zuhörer, dann wieder aber auch sehr unstet und reißt das Wort an sich; – das schwächt er dann ab, über einen Witz. So sagt er: „3 … 2 … 1 – it’s my turn!“ Neue Menschen lernt er zum einen mit Neugierde, zum Anderen mit Widerwillen kennen. Um nicht immer wieder dieselbe Geschichte wiederholen zu müssen, verschweigt er noch offenen Menschen oft seine Transsexualität. Sonst hat er sie oft schon fast vergessen. Auch für seinen Beruf muss er reisen – ethische Projekte (z.B. eine Internetplattform, über die man dafür sorgen kann, daß eine Idee unpatentierbar wird) sind selten und weit verteilt. Nach einer längeren Reise kommt er vielleicht zurück und Amanda erzählt ihm, sie habe da 100 denkende Menschen gefunden. Sie träfen sich in einem Festsaal. Endlos begeistert besucht Ben die Veranstaltung der 100; Amanda begleitet ihn. Doch er muss feststellen, dass binnen kürzester Zeit wieder Manifeste durch den Raum fliegen. Und nach einigen Stunden einigt man sich doch darauf, Repräsentanten zu wählen, die wiederum ihre eigene Meinung an der der Mehrheit glattschleifen. Wieder entstehen Machtspiele und alle Mechanismen der Massenpsychologie. Ben bleibt fast bis zum Schluss & versucht Räson in die Gruppe zu bekommen. Am Ausgang wird über Geschlechterrollen debattiert, nur über die Begriffe Mann/Frau. Ben fällt ein: Es gibt auch noch andere Geschlechter. Die Gruppe: Wie? Bist du etwa … umoperiert? Ben: … Zufälligerweise ja. Die Gruppe gluckst. Ben rennt wütend raus. Draußen küsst ihn Amanda und sagt: Du bist schön. Ich möchte eine Beziehung mit Dir. So wäre für Ben ein persönliches Ideal eingetreten, aber jedes Politische zerbrochen.

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Autoparodie, Inspirierendes, Ironismus, Literatur, Lust(-iges) & eROTik

aus „Meinen Einsamkeiten“

Es ist ein schöner Herbstabend im Frühling, wir haben es Winter, und der Schnee, der dieses Jahr nicht fiel, schmilzt noch immer, hört ihm also nicht zu. Es ist, es ist, es ist, außerdem, es ist ein rotes Restaurant, um mich herum, sozusagen. Aber es isr, es ist eine Brasserie. Vielleicht korrigiere ich mich auch in Zukunft. Um mich: die Wände gepolstert mit dem Licht der Straßenlaternen, kein Klischeelicht (deshalb behaglich, sagten Augen einmal). Ich bin mit einem Menschen, ich scheine ihn sehr tollwütig zu lieben, weshalb ich ruhig bin, sein kann, jetzt, wo er hier ist. Er, dieser Mensch, er hat die einzige Nase dieser Welt, die keine Lächerlichkeit ist, ich finde vieles lächerlich, eben aß ich die erste, und es wird sich herausstellen, ich tue es jetzt schon, die einzig schmackhafte Olive. Das fesche Mediteranenbukett, ein wenig bitter, etwas salzig, mit Nusspartien im Hintergrund, steht vor uns. Die Geschichte beginnt schon, mich zu langweilen, aber ich bin stärker als das Lustprinzip, ich bin stärker als das, was ich nicht will, ich schreibe fürder, noch eine Weile, so soll es sein. Die Olive war überdurchschnittlich nur in dem Bukett vor mir, genereller gesprochen indes mäßig, so ist es mit dem meisten. Hingegen, Nase und Olive haben eine ähnliche Farbe, vor allem im Wein, der unter den Kinnladen zweifelt. Meiner ist delikat, nicht so jener, der mir gegenüber auf einem Bein steht. Ähnlich die Nase dessen, unter dem er liegt im Glas, Mensch, meine Grammatik, ich durfte sie zwei Mal probieren, also, die Nase, und ich zähle nur bis jetzt, wer weiß, was noch passiert heute abend, ich greife vor, das geschah schon. Jenes Teelicht vor uns, vor Nasen und Kinnen, ist ein wenig ein Feigling, das haben wir gemein, ich meine uns alle, mit der Ausnahme des Lesers. Der kann keiner sein, und strengte er sich noch so an, denn er existiert nicht für mich. Während die Leserin durchaus als Feigling fungieren kann, sonst hätten die anderen Oliven vielleicht geschmeckt, aber über Geschmack sollte man sich streiten, das ist köstlich, köstlich wie nur eine Nase in der Welt. Vor dem Fenster laufen ulkige Figuren, sagen die Leute draußen, sie sprechen ein wenig anders, und müssen wohl die Kellner meinen, ich fühle mich nicht angesprochen, sitzend. Soeben habe ich mir den Kern der Ausnahmeolive ins Knopfloch gesteckt, das ich lange suchen musste, bevor ich es nicht fand. Der Mensch mir gegenüber hat auch ein Loch, eines, das ihn unterscheidet, meine ich, ich meine, manche glauben das. Dies nur, weil manche Leser, nichtexistierend, kein Detail verpassen wollen. Ich kann solche nicht ausstehen, sie seien unmöglich, hätten nun andere geschrieben, aber nein, Sie sind wunderbar möglich, ohne Wunder, und das ist ein Verbrechen in dieser Welt, Sie, Leser. Die letzte Olive, kommt mir in den apprehensiven Sinn, könnte ein Popel sein in der Ausnahmenase, ein Ausnahmepopel. Ich war schon satt, aber das macht mir wieder Appettit, mir geht es immer so, ich weiß nicht, weshalb, welch kümmerliche Frage, nur Geranien mögen sie winseln, und andere Unterblumen, doch sie stinken, wie der Rotwein vor mir, er ist delikat, das ist ihr Privileg. Um genau zu sein, jeder Rotwein stinkt, aber dafür kann ich auch nichts, wie für so manches, na ja, „na ja“ hat der Mund unter der Ausnahmenase jetzt gesagt, das bezieht sich wohl auf die Geschichte, die ich ihm, oder vielmehr, den Ohren etwas weiter oben erzähle. Ich weiß nicht, ob er unsere Geschichte hier meinte, ich bin da skeptisch, vermutlich eher deren Subtext, oder wie man dergleichen nennt, fragt mich. Das Wachs im Feiglingswindlicht zischt, ich rate, es will uns etwas sagen, es beleuchtet die Nüstern der Olivennase, und meine, jener gegenüber, sie ist ein besonders ästhetischer Knubbel, und beherbergt meine größten Schätze, ich hatte noch keine Gelegenheit, sie zu ergründen. „Na ja“, sagt der Mund erneut, oder ich wiederhole es nur, dergleichen kann man nie wissen, Derrida, der Geschichtsonkel, packt die Gespenster aus, während jener na-ja-Mund wirkt wie eine beschämte Kaffeebohne, „unerhörte Metapher“, sagt er nun, aber das stimmt nicht, die Ohren hören gut, in ihnen stecken wenig wunderliche Hörgeräte, sie hören nämlich gut, denn sie hören gut, das war dreifache Bejahung, jetzt wird’s kompliziert, also fahren wir fort. Die Ohren können nicht gut hören, wegen den Hörgerätschaften. Als werde er geröstet, verzieht sich der Kaffeebohnenmund, als Rost dient das Feiglingsteelicht, ich hasse lange Worte, aber nur, wenn ich ein kaugummikauendes Känguru bin, was andauernd vorkommt. Wie schade. Ferner, ich hasse Hüpfen, der Alliteration wegen, Weitsprung. Es ist aber auch möglich, dass ich alles, was ich liebe, hasse, mindestens ebenso sehr, denn 34 ist eine magische Hängebrücke, zwischen dem Festland 33 und der Insel 35, wie ich einst herausfand, dabei suchte ich gar nicht, das ist ein alter Trick, ich weiß nicht. Die Ausnahmenase rümpft sich, eine athletische Hochleistung, solch Sonderliches sah ich nie, vor allem freitags, die Nase bleibt indes anders, deshalb liebe ich sie, das war ein schwerer Wert mit viel Bouket, wir brauchen eine Karaffe. „Na ja“, spricht die Kaffeebohne, das heißt, ich glaube, ich bin da stehen geblieben, war ja auch Zeit, um eine Pause einzulegen, dabei sitze ich, derselbe Witz, und wieder nicht gemerkt, Sie?, nun, was entscheidend ist, wie ich schon beschrieb, dergleichen nenne ich von nun an ein schlechtes Wortspiel, „mir wird auch schon schlecht, ich glaube, die Oliven waren es, schlecht eben, und die Welt ist es sowieso“, sagt ein Mund, ihr könnt euch aussuchen, welcher, das Gesagte passt zu uns beiden, ich meine, der Sonne und dem Mond, das war etwas hoch gegriffen, schlechtes Wortspiel, „erzähl was Neues“, ergänzt die Kaffeebohne, sie ist gut darin. Der Feigling zittert wie eh und je, was, wer, wo, wann sind denn eh und je, das ist wichtig, ich schweige dazu, sollen sie sich selbst erklären, wieso auch. Ein Deshalbdessert gäbe mir jetzt nämlich den Rest, wie immer, wovon den Rest, Fragen sind langweilig, wie ein Stein im Auge des Gesteinigten, streichen wir das wie, und das wir gleich mit, Streichen ist Konzeptkunst. „Wie viele Schichten hat eine Geschichte?“, frage ich plötzlich, aber nicht mich, das hat mich jetzt aber gar nicht überrascht, vielleicht, weil es eine neue Frage ist; das war, was man arrogant nennt. Die Bohne lispelt übrigens ein bisschen, schön, ein wenig wie Gischt, venusesk, ich schließe darin, in dem Lispeln die Augen und vergesse meine eigenen Lider, was schließlich so ist, als sähe ich wieder, man kann nie entkommen, wieso auch. In der Bohne mahlen die Zähne, nur ihr Gehäuse ist braun, ich meine die Lippen, weiches Gehäuse, entschuldigung, das war erotisch, ich muss kurz aufs Klo, man darf das ja nicht in der Öffentlichkeit machen. Ich freue mich schon auf den Sex in der Kirche, lasst uns den Lendenschurz heben, ich meine den Jesu, dann haben wir eine Orthogonale vom Kreuz weg, einen Kreuzweg, seit Christus. Die Ausnahmenase schnaubt, ich esse die zweite Olive, die schmeckt, sie schoss aus den Nüstern, wie in einem Actionfilm, nur weniger realistisch. Über der Bohne, irgendwo, sitzen die Augen, deren Weiß bei meinem Gegenüber, er ist ein Mensch, das könnte sich als fundamental erweisen, aus Versehen beige ist, eine französische Farbe. Man kennt sie, man erkennt sie, wenn man ein teigiges Baguette aus dem Ofen zieht, und es bricht, in dessen Mitte, da, da, da, da, da, da griemt lüstern das Beige. Ja, ich weiß, langsam nimmt der Mensch, dessen Knie an meinen reiben wie mein Herz an meinen Rippen, nur ohne den Schmerz, Gestalt an, hätte er sie nicht längst, ihr Tölpel, oder wie man das schreibt. Selbiges tut mir freilich auch leid, selbstverständlich, was, weiß ich auch nicht so genau, welch eine Frage, vielleicht mehrere. Ich habe für dergleichen nur Kopfschütteln übrig, meine Nase Verachtung, dann wölbt sie sich bedrohlich, Häretikerin, fast wäre sie mir abgefallen, das war knapp, ich muss in Zukunft schlechter aufpassen, auch hasse ich Oliven, außer Popel. „Sie gleichen Indonesen!“, schreit ein Rassist neben uns, wo kam der denn her?, saß wohl schon ewig dort und tat so, als sei er zivilisiert, welch ein Normalfall, ich sah ihn bis jetzt nicht, so gehe ich seit heute mit ihnen um, denn das hilft in der Tat genauso wenig. Wie in der Theorie! Ich nicke negierend und spucke ihm einen Kern ins Auge, er schreit schon wieder, man kann es welchen wie ihm auch nicht recht machen, so rechts man schon zu sein versucht, dabei versuchte ich nichts, und alles, bis morgen. An dieser Stelle will ich vorschlagen, man setze den Rassisten in meine Metapher mit dem Sehorgan der Gesteinigten, das gibt ein Bild! Aber zurück, zurück von den Zurückgebliebenen. Der Wein ist ausgetrunken, müffelt nur noch ein wenig vor sich her, ich will ihm sein eines Bein absägen, das erinnert mich an Otto Dix, „mir fehlen die Worte“, sage ich, „Fehlen ist ein Euphemismus“. Die Kaffeebohne spielt mit dem Feuer, doch der Feigling geht, er geht aus, er zieht sich aus, aus dem Raum, fort, als Rauch, oder Diskonebel, der Club ist im zweiten Stock, der an unserem Tisch lehnt, wie der erste, wir humpeln beide, das erinnert an den Einen, kennt ihr nicht. Ein Tropfen war doch noch im Glas, ein Widerling, ich habe ihn gerade wieder ausgespuckt, zusammen mit dem Kern, das waren anderthalb Referenzen, den Rest vergaß ich, vorgestern vielleicht. Dieses Grün in dem Beige gegenüber!, es gruselt wie die Sonne durch die Wasseralgen der Karibik, wo ich nie war, also was ich sagen will die ganze Zeit, das alles, das alles ist unbeschreiblich. Schade, jetzt habe ich die Pointe verraten, ich bin aber auch ungeschickt, so lange schon kannte ich sie nicht, und dann platze ich einfach so heraus damit, das ist widerwertig, ja, wie mein Herz, aua, es rächt sich, das meinte ich, nein, Fehlinterpretation, es war der Rassist, wir befinden uns in einer Straßenschlacht, das ging ja schnell, ich habe also gewonnen, aus Glück natürlich, nein, danke, keinen Wein mehr, Betrunkene können nicht laufen. Die Haare neben den Algen sind ganz hervorragend, ich meine hinter den Ohren, und kurz wie ein kleiner Finger beim Schlafwandeln, warum auch nicht, ich weiß nicht, ich bin kein Friseur und schlafe schlecht, wie die durchschnittliche Olive, ganz genau, wir liegen immer daneben, selbst beim Sex, ein schlechtes Wortspiel schon wieder, „schlecht wie die Welt“, und da zittert die Kaffeebohne wie bislang der Feigling, vielleicht war das Teelicht auch wütend, ich würde ihm alles zutrauen, wie niemandem, dafür unterschätze ich jeden genug, außer mich, ich, ich, ich, ich bin Genie, die Knie an meinen malmen, es ist Zeit für die Kirche, warum lassen sie die nachts nicht offen, nun werden wir einbrechen müssen, das gefällt mir, das ist Anstiftung zum Gesetzesbruch. Vielleicht sollten wir auch hier, am Tisch Liebe machen, aber das tue ich ja schon andauernd mit der Hand am Stift auf dem Block. Wir rufen den Kellner, bezahlen nicht, und gehen.

Hörgeräte fallen aus Ohren, Algen brennen im Wasser, Bohnen platzen Schreie heraus in die Hitze, Knie reiben weniger, erschöpftes Zittern, Beige verblasst. Zuletzt atmet nur noch die Ausnahmenase. In der Kirche, nach dem Sex, löst sich Jesus vom Kreuz, um den Lendenschurz zu wechseln, morgen könnte Sonntag sein, da macht das Leiden wieder Spaß. Oder er kommt auf uns zu; umarmt uns; und verlässt das untergehende Kirchenschiff: ein Traum wird wahr. Wir schlafen auf dem Altar, als der Dämmer beginnt.

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Ethik, Ironismus, Literatur, Politik, Skeptizismen

Der Störenfried

Wir gaben ihm Stellung und feuerten ihn an. Das hätten wir nicht von ihm gedacht! Er war immer der alle Zurückhaltende gewesen: der, der Dich am Ärmel fasste und leise fest sagte:

Jetzt ist aber mal gut. Lass „gut“ sein (– du verstehst es nicht). Vom vielen Verstehen bei Kerzenlicht waren seine Äuglein schlecht und wir ihm mächtig und böse geworden! Da nahm uns einer den Frack, – nein schlimmer! – die Uniform ab! Da hielt uns einer zum Besten – verständig; verglich uns mit selbigem (gegen sein eigenes Licht); – hielt uns nicht offen, daß unter der Uniform noch etwas sei!

Das ging uns zu weit!

Wir wurden still. Akzeptierten; gaben Hoffnung. Einer fing an, seine Buchtipps zu lesen.

Doch einmal, – doch, doch, doch. Uns war es ja klar gewesen; – da stand er umzingelt; irgendwie hatten wir’s geschafft. Da zählte kein vorher. – Der Oberst hatte abgezählt, in der Umkleide: wer los müsse. Der Schwächste, der Hänfling – ein gewaltiger Mitläufer –, sollte an die Front. Wir nahmen den friedlichen Störenfried bei seiner Ethik. Von ihm verlangten wir das Volontariat, zum Schutze des Hänflings.

Und laut fiel er leise an der Front. Wir glaubten ihm im Graben und klaubten plappernd (und lachend und rauchend) seine klappernden Knochen in den Feuerpausen auf.

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Ironismus, Literatur, Philosophie, Religion

VII Sünden und Bibelstunden, oder Leichtigkeit und Gottesbeweise

Es wurde Weihnachten. Sie feierten, dass sie ihr Kreuzigen überlebten: diesmals das vierunddreißigste Jahr; und das achtundzwanzigste: Emma; und Kiri.
Aber das Christenheil, das sich in den Straßen erhängte und in Tannen, machte sie krank.
Kiri war gereizt. Uninspiriert ging er umher und räumte auf, obwohl Winter war.
Emma kochte Tee. Ihr wurde die Kunst wie zu einer Pflicht, die sie schon zu lange tat.
In der Mitte eines Nachmittags sprach sie sich an. (Sie versuchte es:) „Ich fühle mich“, sagte sie, zu laut für sich, in die Stille – auch gen Kiri, der las, „ich fühle mich verdrängt.“
Er antwortete sofort. Doch blind für sie. Schon lange trommelte er herum auf seinem Kopf unter den Armen. (Manchmal wunderte ihn das Wetterleuchten.) Er hetzte, mehr denn je, ohne zu wissen, wohin – oder weshalb – oder woher.
„Verdrängt!“, meinte er, „verdrängt –.“ Er schaute absichtlich nicht auf. „Vielleicht, wie wär’s, du siehst mal nach in deinem Unbewussten – nach dir. Oder frag Samuel. Oder… vielleicht Jasper.“
Er wusste selbst nicht, ob er im Scherz sprach.
Zumindest, halbwegs, im Schmerz: auf halbem Wege (in ihn hinein? Aus ihm heraus?). Vielleicht rannte er auch im Rand seines endlosen Echos, dessen Ursprung vergessen war. Vielleicht. Alles war vielleicht, und nichts genauso.

Doch nachdem Kiri die Worte verlassen hatten, konnte er nicht weiterlesen. Emmas Stimme hatte nach Hilfe gesucht (auch wenn sie nie nach Rettung Ausschau hielt – die Realistin).
Er spürte jetzt, was er eben ignoriert hatte – und wen – Emma – – und wie. Er hatte Ekel und Zorn schon seit Wochen gesammelt: es war der Dritte Advent.
Sein Blick blieb haften auf dem Buch. Er las die Bibel. Die Zeilen verschwammen erst, dann wurden sie weiß.

Emma hatte gezuckt. Kiri hatte sie angestoßen. Unter dem Tisch: nicht aus Versehen – aus Mangel an Sensiblem. Und sie war zusammengefahren. Verwundert, verwundet davon, wie erschreckt sie war wegen nichts, und nicht aus dem Nichts heraus.
Kiri kratzte sich das Knie. Dann stand er auf. Er vermied es, sie anzusehen – glotzte durch die Scheiben.
Er sah nur sich selbst.
Fadenscheinig standen die Bäume. Jemand erkältete sich gerade, dort draußen. Bestimmt. Vielleicht zum ersten Mal fühlte Kiri den Herbst (jetzt: im Winter). – Vielleicht zum letzten. Wer wusste das schon.
„Es gibt keine Ziele mehr“, sagte er, leise. „Denn wer sollte da Zielen?“ Er schüttelte etwas; wohl den Kopf. „Entschuldige. Das rechtfertigt… auch kein Fehlen.“
Sie brauchte eine Weile. Dann nickte sie (und brachte Harmonie in sein Schütteln. – In den Krampf seines Nackens). „Fehlen…“, wiederholte sie, nach einer Weile. „… daneben schießen.“
„Die Falschen treffen.“
„Es gibt nur die Falschen.“
Still stimmte er zu. (Kiri erwiderte nichts.) Er blickte noch immer den Baum an, den der Wind entlaubte.
(Immer noch?) „Fehlen.“
„Fehlen“, wiederholte Emma.
„Abwesend sein. In den Blättern hängen geblieben.“ Er wusste nicht, ob er nach draußen sah oder in sich. „Wo der Frost im Boden haust.“ Er schwieg.
„Mir ist kalt.“
„Mir… mir – mir ist auch kalt.“
„Komm zu mir.“ Sie gab sich einen Ruck – und einen zweiten – gegen alle Krämpfe. „Wir müssen nicht auch noch fehlen – ineinander.“
Er wandte sich um. Er blickte sie an. Er sprach ehrlich: „Ich will dich nicht verdrängen.“
Sie deutete ein Kopfschütteln an.
„Du bist bei mir. Mir wurde nur – von mir – aus mir selbst – das Ziel genommen. Nur.“ Sie schnaubte plötzlich – fast belustigt: „Die Realität ist ein Grammatikfehler.“
Kiri nickte. Sein Ernst wurde penetrant. „Motivik bleibt ausgesetzt. Kein Schütze hat überlebt.“
„Und also kein Schutz.“
„Es gibt… keinen Entwurf mehr.“
„Keinen Wurf“, meinte Emma.
„Ja.“ Er lehnte sich an den Rahmen des Fensters. „Ja. Ja.“
Es knarzte.
„Wir sind schon entworfen“, sagte Emma. „Jeder Drang, jedes… Zielstecken, jeder Wunsch, jedes Wollen ist nur… Verlängerung dieses Wurfs. Des Geworfenseins.“ Sie raunte plötzlich, ängstlich: „Alles ist passiv.“
Endlich trat er zu ihr. Er nahm sie in schmale Arme. Nichts bot so Schutz wie seine Haut und seine Knochen. Sie legten sich um einen, wenn nichts sonst half.
Emma kicherte ein wenig hinter seinem Ohr. „Ich pupse viel. – Ich will auch gleich wieder.“ Sie lachte sogar. „Denn ich esse. Doch… entschied ich mich nie für den Hunger.“ Sie holte tief Luft. „Wer entschied sich für all den Hunger? Was?“
Er seufzte, blieb ernst. Schon wieder. „Es gibt keine Entscheidung. Nur Gewordenheit.“
„Geworfenheit“, korrigierte sie. „Sie ist Unfreiheit.“ Ihr Gesicht wurde noch härter und dunkler als sonst. „Was ließ sich je verstehen?“
„Nun. Vielleicht… vielleicht ist Geworfenheit auch Freiheit. Oder ihr… Beginn zumindest. Wer weiß? Immerhin können wir eine Verbindung herstellen. Ha! – Mit unseren beschränkten Mitteln. Kontradiktion, Synonym, Tautologie, Kausalität. – Fremdworte. Alle Worte sind fremd. Und doch sind wir nichts als Worte. Es ist alles wenigstens – Korrelat. Freiheit, Unfreiheit – näher aneinander schon mal als… Freiheit und, meinetwegen – äh, Schuhbeläge.“
Sie lachten sehr kurz. „Wenn wir wollten“, sagte Emma, „könnten wir alles verbinden. Überall löten und schweißen und ineinander schmelzen und brennen. Doch… – alles Geworfenheit.“ Sie löste sich; begann, klein, ein Wandern. „Was immer das heißt. Es heißt jedenfalls, dass sich nichts je umwerfen lässt. Dass sich selbst nichts umwerfen kann. Dass alles umwerfend ist. Und dass nichts übrig bleibt, das sich verwerfen lässt. Nichts bleibt dem Willen. Alles ist Willkür.“
„Willkür.“ Kiris Blick wurde mit ihr unruhig. Er schweifte umher. „Es gibt keine Kur des Willens.“
„Verben haben sich verselbstständigt. Das sagtest du schon ganz am Anfang. Von uns, meine ich. Wir nehmen nun wahr. Wir können nicht mehr geben.“
Vor ihr lag die Bibel. Sie war zufällig vor ihr zum Stoppen gekommen. „Wenn du mich fragst, Gott ist eine scheiß Inspiration.“
„Gott ist das Wort. – Und mehr nicht.“ War er sich plötzlich einmal sicher? Natürlich, Kiri wusste es nicht. „Sprache ist religiös. Und Religion ist ein Zirkelschluss. Aus welcher Ecke soll da die Muße springen? Vier Mal dieselbe Story zeugt nicht von Beseelung durch Geist.“
„Vielleicht von heiligem.“ Fiel ab jetzt alles leicht. „Übersteigt uns schließlich. Gott ist unergründlich.“
„Nein. Wieder vice versa. Das Unergründliche tauften wir Gott.“
„Erster Gottesbeweis“, rief Emma plötzlich. „Es gibt das Unergründliche. Also gibt es Gott. Da wären wir! Warum weine ich Tränen, wo ich sie auch lachen kann?“ Emma lächelte. „Gott ist das Wort. Um genau zu sein: eines mit vier Buchstaben. Wird ausgesprochen: G-o-t-t. Und wir definierten es als das Unergründliche. Wer glaubt heute noch an Gott? Wir wissen, dass es… es gibt.“ Sie wurde wunderlich. Bald würde sie nach Spielzeughäusern fragen. Und schnell daraufhin: sie anmalen.
(Gerade konnte er es kaum erwarten.) „Ja, ja…?!“ Er schnippte. „Und der zweite Beweis? Nur Atheisten können Gott beweisen!“
Sie nickte. „Der zweite: wir fragen uns!: wer hat uns den metaphysischen Sinn einverleibt? Das heißt: den Wahn-Sinn? Antwort: Gott war es! Was für ein Teufel. Was für ein Fuchs!“
„Ja. – … einleuchtend. Illuminiert. Illuministisch. Gott hat uns mit dem Drang erschaffen, ihn zu erfinden. Zweiter Gottesbeweis!“
Emma lachte. (Sie lachte heute viel. Mehr als den restlichen Monat. Auch dies musste sich angestaut haben. Wie beruhigend.) „Und der dritte: Gott hat uns zu den zwei Beweisen seiner inspiriert. Es sind seine Beweise.“
„Ich kann dir noch folgen! Ein Geniestreich. Vierter Beweis also: er hat uns auch zum dritten inspiriert.“
Sie hob den Zeigefinger. „Fünfter! Er inspirierte uns zu einer Unendlichkeit an Beweisen.“
„Zu einem Perpetuum Mobile.“
„Zu einem ewigen Dominoeffekt.“
„Gott ist… einfach unglaublich.“
„Und doch ist er die Wahrheit! Ich meine – es. Es.“
„Es: das Verdrängte. Das ganze verdrängte Unverständliche.“
„Ein Über-Es.“
„Das Über-Es! Sublimiert. All der Haufen Unbeantwortbares ins… Kleid der einen Antwort. – Wer hat den Trichter erfunden? Wie hält die Dämmung? – Wo ist mein Spielzeughaus?“
„Keine Kirche in der Nähe.“
So belustigten sie sich.
Hinter jedem Lachen hauste der Weinkrampf. (Vor jeder Träne stand eine Mauer aus Gleichmut.)

*

„Das Suchen ist eine Sucht“, sagte Emma bald – unheilig –, am Heiligen Abend.
Kiri schmückte ihr gerade das Ohr mit Bio-Lametta. „Der Imperativ des Suchens“, nuschelte er. „–Sucht!“
„Tautologie, wohin das Auge blickt.“
„Wohin das Ohr horcht. Augen sehen nichts Gleiches.“
„Ich glaube, der Zufall ist schuld an allem“, – gähnte sie. Seit ein paar Wochen malten sie jeden Henker bunt an – und reichten ihm die Clownsnase.
War das alles ein Hoch oder ein Tief? Oder wie viele?
Zumindest würde der Gegenpart nicht lange auf sich warten lassen.
Emma schlug in die Hände. „Der schuldige Zufall! Ins Zuchthaus mit ihm! Kann sich auch an keine Regel halten!“
„Der Zufall! Er! – Ihm. … aus dem Missverständnis des Pronomens kam der Drang des Unterscheidens.“
„Und wie das Ganze ohne Ich?“
„Wir sehen es am Nichts, das heute Gott ausfüllt: es lässt sich alles zukleistern. Auch das Ich.“
„Nun?“
„Nun? Nun…“
„– Besitz! Objektbildung ans Subjekt, und schon ist das Ich ein Inhalt!“
„Wie gewichtig Phrasen werden können. Apropos Gottesbeweise. Das Unergründliche nannten wir Gott. Also kam das Unergründliche vor Gott.“ Er nickte überflüssig. „Es schuf Gott. Gott sei unverständlich? Aber freilich: dem Unverständlichen gaben wir ein Zeichen zur Hand: wir bezeichneten es – als – Gott. Wenn das Unverständliche existiert, existiert Gott. Also existiert Gott. Bewiesen. Nur woher kam das Unverständliche? Das heißt: woher kam das Warum? Und warum kam das Woher?“
„Worum? Wo herum?“ Sie küsste albern seine Hand.
„Woher kam der Wille zur Frage?“
„Um antworten zu können“ – antwortete sie. Sie lächelte – wie meist – heraus aus einer tiefen Verwirrung. (Verständnis war immer Oberfläche. In der Tiefe blieb alles dunkel. Quer und schief segelte ihr Mund durch das Unbegriffene; durch diese unverstandene Welt. Denn nur mit Gott wurde sie intelligibel.) Gerade aber hatte sich Emma dem Ziellosen anheimgegeben. Und also musste sie nirgends mehr suchen nach Unterschlupf. Ihr Lächeln – ein sehr seltener Anblick – war nicht einmal gebrochen. Nur fraglich. Es war nicht zurückhaltend und hilfesuchend. Es war bloß eine Wunde.
„Und die… Urfrage?“ – fragte Kiri.
„Der Tod!“
Kiri nickte. „Der Tod. Die Megametapher der Kausalität, die wir sind. Die Antwort, auf die man nie gewartet hatte. Noch immer nicht warten will. Sie kam vor allem anderen. – Welche Phrasen! Wie füllen wir sie?“
„Mit Hefe.“
„Wie viel davon… herumliegt im Metaphysischen.“
„Alles geht auf mit ihr.“ Emma grinste.
„Gott ist also… Nichts mit Hefe.“
„Das Nichts ist Hefe.“
„Gott ist Nichts und Struktur.“
„Wir glauben nicht. Wir wissen um sie beide. – Um es.“
„Das Nichts der Logik. Verdrängt. – All die Psychiatrien dank Logos!“
„Und nun?“
„Nun bin ich Gottesversteher.“
„Gottes Vorsteher.“
„Gottes Vorleger.“
„Keine Prostratio! Das gefährdet die Würde. Also – die menschliche.“
Sie besannen sich. Ironisch.

„Die Urfrage – der Tod“, griff Kiri wieder auf.
„Der Tod. Das heißt abstrahiert: der Wandel, den wir Zeit nennen.“
„Du abstrahierst den Tod! Die wie vielte Ableitung ist das jetzt?“
„Irgendwas im Negativen.“
„Der Wandel also der Ursprung?“
Er fuhr ihr über die Glatze. „Ja? Nein? Vielleicht?“
„Der Wandel zurück im Leben“, beharrte sie. „Er ist das, was wurde. Das, was ist. Die Manifestation. Das Anwesende. Das Gewordene. Das Sein.“ Sie wackelte mit dem Zeigefinger wie eine Lehrerin. Der Finger nahm sich selbst nicht ernst. „Das Sein aber ist der Grund dafür, dass Zeit stirbt und geboren wird: Werden und Vergehen. Und Werden und Vergehen sind beide nicht fassbar – nicht verständlich – nicht logisch. Wohin geht, was vergeht? Wie wird Werden und woraus?“
„Wir haben also neue Charakteristika Gottes. Neue… – oh. Das Nichts schon wieder!“
Emma nickte. „Was wohl Michael Ende gegen es hatte? Das Nichts ist der Grund der Fantasie! Ihre Motivation und ihr Fundament.“
„Gott ist die Negation – wie immer.“ Kiri resümierte: „Hier nun von Werden und Vergehen. Das heißt in diesem Fall, er ist ewig. Er setzt die Zeit Schach matt. Gott gibt es nicht nur schon ewig; er ist die Ewigkeit. Wenn er damit alleinsteht, ist er der Schöpfer. Wenn er kein Ausnahmefall ist, guten Tag Pantheismus. Oder… guten Tag Eternal Big Brother.“
Emma war müde geworden. „Gute Nacht, Kiri.“
Sie gingen zu Bett. Sie schwiegen für eine Weile.
„Andere lesen wohl gerade die Weihnachtsgeschichte.“
„Warum liegt hier Stroh rum?“
Nur zusammen konnten sie leicht sein.

Am nächsten Tag standen sie spät auf. Sie aßen altes Weißbrot mit zimtigem Quittengelee – und mit griechischem Öl. Aus großen Pötten tranken sie heißen grünen Tee. Draußen war es hell und kalt. Die Sonne schien weiter des Lichtes wegen, nicht der Wärme.
Kiri setzte mit vollem Mund an: „Ich habe nachgedacht.“
Er lachte.
Emma kümmerte sich heute nicht viel. Sie war einigermaßen ruhig; und genoss es.
„Der Zufall hat die Sprache erzeugt“, sagte Kiri. „Seither kriegt sie munter Kinder. Alles Inzest, also wenig Gesundes.“ Er schluckte. „Überall kommt der Mangel des Erstlings hervor. Meist nur genotypisch. So weit, so normal, die Krankheit. So weit so omnipräsent.“ Er schlug auf den Tisch. „Und schon wieder stimmt es, was sie über Gott sagen! Er ist nicht nur unergründlich und ewig, er ist auch allgegenwärtig!“
„Es.“
„Es“, pflichtete er bei. „– Marmelade und Öl, ein Genuss.“ Er schmatzte. „Was dichtet man Gott noch an?“
Sie zuckte die Schultern. „Dass er Dichter sei. Poet. – Allmächtiger.“
„Aber nein! – Nein. Nein, das können wir nicht machen, sie ist schon… zu gut“ – er spitze Finger zu Gänsefüßchen – „widerlegt. Der Allmächtige kann keinen Stein schaffen, der schwerer ist als der schwerste, den er heben kann: bla-bla. Mit anderen Worten: Gott ist hier zu gut bewiesen. Der Gegenbeweis vervollständigt das Wissen um Gott: jetzt kennen wir ihn ganz. Das Paradox ist eine 360-Grad-Perspektive. Quasi – objektiv.“
„Nein“, erwiderte Emma. „Wir brauchen nur 180: wir sind alle Dualisten. Insofern sind… 360 Grad Objektivität auch Allgegenwart.“
„Genau!“ Kiri nickte. „180!“ Kiri nickte von Neuem. „180…, – noch besser.“ (Kiri nickte heute viel.) „Das große all- und nirgends-, das immer- und nie- sind die ganze Metaphysik, die wir haben. Wir brauchen sie als Kit. Um uns ein Bild von der Welt zu machen: Raum und Zeit wären ohne sie undenkbar. Ohne Raum und Zeit aber können wir nicht denken, wie apriori es auch scheint. Drei plus fünf sind acht? Das ist ein Mechanismus, nämlich ein Schluss, aber wir sehen nichts vor uns dabei, wir verstehen nichts. Jedoch, wenn wir ihn lernen müssen, wenn wir verstehen wollen, fangen wir an mit dem Zahlenstrahl – mit Raum. Alles, was wir verstehen wollen und lernen müssen ist in Raum oder Zeit gebettet – jedes Bild der Welt. Die Ideen sind nicht im Urlaub auf Insel Transzendenz, Platon, sie sind näher an uns, als uns lieb ist. Um uns aber ein Bild von der Welt zu machen, dürfen wir uns kein Bild von Gott machen: denn sonst sähen wir, dass letzteres das Fundament des ersteren ist. Kurz, ohne Metaphysik keine Physik. Die Naturwissenschaften brauchen die Moral ihres Gottes. Denn, natürlich: sie sind nur Geästel; er ist die Wurzel.“
„Es.“
„Es! Und jetzt kommt der Gegenbeweis – Stein schaffen, Stein heben –, und zeigt uns, meta-metaphysisch, dass Gott alogisch ist. – Aber selbstredend ist er alogisch! Ja, – er ist die Alogik – innerhalb der Logik! Er ist Nichts, ganz und gar nichts für die Logik! Und daher ist er alles für sie! – Er ist, was sie ausschließt aus ihrer Betrachtung, um selbst weiter zu funktionieren. Also – mehr Beweis ist… endlich nicht mehr möglich, – – glaube ich.“
„– Unendlich.“
Kiri staunte sie an. Er machte sich nichts aus dem Desinteresse, das sie heute liebte. Er nickte und lachte noch einmal.
„Alles all- grenzt das all- zum nirgends aus, und, – und so weiter, alles in allem, Gott ist das ganze Alogische zusammengeworfen, und zusammen wird das Alogische dann ganz und alogisch zum Logischsten erklärt –“
„Wie in Mathe“, meinte Emma. „Minus und Minus –“
Kiri sprach weiter: „… und dieses Logischste“ (er malte erneut Anführungsstriche in die Luft) „– tauft man dann: Gott! Und – dieses Gott ist allgegenwärtig, allmächtig, und ewig. Es ist unergründlich. Und, freilich, wir sollen ihm bildnislos begegnen. Wir müssen ja auch! Gott existiert – als sprachliches Phänomen. Noch ein wenig Personifizierungen und Fantasy und Moral, und der graue Übermensch ist geboren: sein ganzes Reich ist unser Jenseits. Es ist weder größer noch kleiner. Gott ist dieses Reich. Gott füllt es aus und befreit uns so von der unvermeidlichen Lücke, der Leere, dem… Nichts der Semantik. Deshalb ist Gott auch allwissend: weil es ohne ihn kein Wissen gäbe! Er ist der Vermittler, der künstliche Klebstoff, der die zwei Teile des Wissens zusammenhält. Natürlich – anatürlich – ist er, was die Welt im innersten zusammenhält. Deshalb sei er auch die Liebe. Gott! Logik und Alogik, Schluss und Prämisse. Gott ist die hohle Brücke aus intellektuellem Pappmaché, die wir brauchen, um zu verstehen, um zu sprechen, um ans Wissen zu glauben. Und doch, je mehr Gott, desto weniger denken: Gott ist die Abwesenheit der Reflexion, er ist Maske, Fassade, Oberfläche – über dem logischen Abgrund. Logik überlebt nur schlüssig, als Logik, wenn man Gott nicht durchdenkt – und dahinter sieht: ins Nichts. Aber je größer Gott wird in uns und zwischeneinander, desto weniger Durchdachtes bleibt übrig. Daher die Warnung!: missbrauche nie den Namen Gottes! Lass ihn unberührt, lass ihn in den Grenzen der Lehrmeinung! Lass ihn in seinen Rahmen!“
„Es.“
„Mach dir kein Bildnis! Dein Weltbild würde sich auflösen, immer blasser werden, bald verschwinden!“
Emma schwieg.
Es muss berichtigt werden: sie war nicht desinteressiert. Sie genoss Monologe – sie genoss es, Kiri fließen zu lassen. Mit ihr als ironische Stromschnellen und Hindernisse.
„Gott ist eine prächtige Unterhalung“, sagte Kiri. „Eine lange Unterhaltung zwischen der unbeantwortbaren Frage und der universellen Antwort. Zu der er überleitet. Als die er sich gibt.“
Er nickte emphatisch – vor allem sich selbst zu. „Aber seien wir mal… nicht spaßig. Das Nichts der Logik ist Unsinn: Unsinn verstehen wir nicht. Ewigkeit und Unendlichkeit genauso wie ihre Antipode, die Begrenztheit – sind Unsinn. Sie sind nicht logisch erfassbar: Ewigkeit? Nein. Unendlichkeit? Nein. Eine Grenze von Zeit oder Raum? Nein. – Was wäre dahinter? Wo verliefe die Kante? Woraus bestünde sie? – Sie sind unbeantwortbare Fragen – alogisch. Denn jede Antwort auf sie wäre logisch unmöglich. Kurz, sie haben nicht zu viele mögliche Antworten, sondern zu wenige, und zwar genau genommen nicht eine. Nicht eine logische, nicht eine, die uns entfernt plausibel klingt. Nicht eine, die nicht sich selbst widerspricht. – Dagegen – Gott! – – ist nicht nur Unsinn. Er ist Irrsinn. Denn er ist das Wort: er ist G-o-t-t, er ist das Massenverkleiden des Unbeantwortbaren als Antwort. Er ist linguistischer Karneval. Aber das Unergründliche, das wir Gott tauften, ist auch das Grundlose. Kurz: wir wissen, es gibt Unergründliches! Es gibt Grundloses. Es gibt Alogik. Das heißt: es gibt Gott! Und zwar, nun, quasi nur einen – weil er die Summe des Unergründlichen ist.“ Er kicherte hysterisch. (Kiri? Gott?) „Gott ist alle Paradoxien in einem Paket. Und Paradoxien sind nicht Feinde, sondern Freunde der Logik. Hör sie dir mal an, die logischen Nichtse, und nimm Worte wörtlich: nirgend-wo. Nie-mals. Über-all. Aber – wo ist nirgends? Wann war das Mal, das nie ist? Und wo ist das, was über allem ist? – Wir haben, um die Sprache zu retten, allen internen Widerspruch zum… Scheinverständnis verwandelt. Zum Verstandenen umdefiniert. Es Gott genannt. Also ist Gott das Wort, freilich – ein Wort, so viel und so wenig wie jedes beliebige andere. Und wenn wir jemanden fragen: warum lebst du, und der andere antwortet: wegen Gott! – warum sagt er nicht – wegen Lampignon? Wegen Holzbein? Wegen Radieschen? Ein Wort ist keine Antwort! Ein Wort ist ein Wort, und damit – Punkt! Punkt. Gott aber, so lautet seine Ausrede, die, die… ins Aus hinein redet, – ist das Wort. Ob ich also an Gott glaube? Aber nein! Ich weiß um Gott! Allein, dass die Frage gestellt werden kann, ob ich an G-o-t-t glaube – beweist, dass G-o-t-t existiert. Als Sprachphänomen. Als Logikbehelf. Als Kommunikationsbasis. Als Physikfundament. Als… Stütze unserer Vorstellung des Realen als Raum-Zeit-Kontinuum.“ (Er schnaufte nur kurz durch, dann ginge es weiter:) „Denn individualempirisch gibt es Zeit nicht. Und Raum wirkt unendlich. Und Gott findet… da keinen Platz mehr. Wollen wir aber von Naturgesetzen und anderen Paragraphen und Verständnissen reden, von Begriffen und ihrem Begreifen, dann brauchen wir – Gott, dann existiert Gott deshalb. Er ist eine utilitaristische Unausweichlichkeit. Und also muss ich als Atheist gegen das… Jura der Naturalisten sein und gegen… die hermeneutischen Parameter und gegen Sprache als Funktion. Denn ich bin Atheist, weil ich Möglichkeiten will statt Gewissheiten, weil ich Demokrat bin statt Ochlokrat. Und deshalb lache ich die… Konklusionisten aus: weil Schlüsse nicht nur Enden des Denkens sind, sondern Gott brauchen zwischen sich und der Sprache, aus der sie kamen: sie brauchen Gott, um sich ins Verständnis umzudefinieren. Bis dahin waren sie nur – wie wir alle – du sagtest es – Gewordenheit. Kontingent. Dagegen!: Gott ist allgegenwärtig. Ewig. Unvorstellbar, allwissend, allmächtig, das heißt, kurz und gut: gut. Er ist gut, weil notwendig für unsere Logik, und also für unsere Identität: für unsere Existenz, unser Bewusstsein, unsere Anwesenheit. Sie alle wären undenkbar ohne Auffüllung des… semantischen Nichts, der Leere, der Lücke, der… Fundamentlosigkeit. Ohne Alogik undenkbar genauso, wie als Alogik undenkbar. Wir sehen, Logik kann sich selbst widerlegen – und damit ihre eigene Widerlegung. Somit: alles schwebt! Alles fällt. – Nihilismus ist Realismus!“ Er machte eine Pause für die Endsentenz. Er war ganz in seinem Tun. Dann sagte er: „Enden wir mit dem ersten Fehlschluss für heute. Gott ist ein Ideal. Ideale sind Illusionen. Ideale sind Schwachpunkte, ohne die wir keine Stärke kennen würden. Nur der Idealist kann konsequent sein – denn nur er hat etwas, worin, wofür er Konsequenz zeigen kann. Inkonsequenz stimmt überein mit der Basis unserer Reflexionen und Reflexe. Konsequenz wäre naiv. Ein Leben der Inkonsequenz ist richtig. Das sagt uns nichts und alles. Denn, wir sehen, richtig und wahr und gut basieren auf Logik. Aber Logik kann nicht ohne Alogik. Das heißt nicht, dass sie alogisch ist. Vielmehr, sie ist wie der Mensch – der nicht vom Affen abstammt, sondern den Vorfahren mit ihm teilt. Die Logik stammt aber nicht von der Alogik ab. Sondern von der Kontingenz. Wir brauchten die Alogik, um eine Logik aus dem Zufall zu formen.“ Er lachte. „Damit haben wir heute eine… darwinistische Wende für die Logik vollzogen.“ Er lachte absurder. „Wir haben die Logik aus dem Göttlichen zurückgewiesen, wo sie nichts verloren hat, und wieder menschlich gemacht, also nicht nur fehlbar, sondern – falsch. Denn darin ist das Menschliche. Im Falschen. Mit Gott stirbt auch der Menschensohn und damit der Mensch als Konzept. Gottes Tod aber lässt sich nur beweisen, indem man Gottes Existenz beweist – das heißt seine eigene Gewordenheit. Und das geht nur als Atheist, denn für den Gläubigen muss Gott etwas Ursprüngliches sein. Ohne Irrsinn hätte sich kein Sinn bilden können, der nicht unsinnig bleibt. Irrsinn ist Fantasie und Lüge und Sprache. Wir also sind… dahin zurückgeworfen. Und da müssen wir auch anfangen.“
„Wir?“
„Es?“
„Plural. Esse…“
Emma pupste. „Esse. Imperativ. Was entschied sich für den Hunger?“

Kiri las sein Tagebuch. Er lag ausgestreckt auf dem Bett – wie auf einem komfortablen Kreuz. (Er hing horizontal.) Er schrieb nur eine Zeile für heute:
So, we see. It was by accident that we proved God. (Everyone has his or her little pathetic obsession at times. Mine currently is – God…)
Emma las seine Notiz.
Sie lachten noch ein wenig, bevor sie einschliefen.
Aber nur ein wenig.
Sie waren gerade leichter, als sie es jemals hatten ahnen können.

Aus SIE TRUG IHN von Lukas Meisner

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