Ethik, Existenzialismus, Politik

Über Freundschaft. Polyphilotesie und Monovenusie

Freundschaft

Was ist Freundschaft? Freundschaft ist Heimat beieinander, miteinander. Freundschaft ist Scherenhändelosigkeit, Freundschaft sind offene Arme, Freundschaft ist Können-Können, Dürfen-Dürfen, Freundschaft ist Bewegungsfreiheit in Hirn und Herz. In der Freundschaft darf ich ich sein, es bedarf keiner Verstellung, keiner Künstlichkeiten, keiner Zensuren, keiner Umwege. Die Freundin verletzt nicht, weil sie nicht verletzen will: Freundinnen wollen einander, sie sind interessiert, sie bejahen sich, sie sagen: ich will, dass du wächst, will, dass du größer wirst. Bei der Freundin darf gefallen werden – keiner muss hier gefallen. Was teilen Freundinnen? Ihr Wohin. Keine Identitäten, sondern die Möglichkeiten zu mehr, zu sich: hier darf die neue Praxis leichter werden, sich einüben, solche, die außerorts unmöglich wäre: hier darf Überwindung überführt werden ins Handeln, aus dem Tun des Denkens heraus ins Gefühl, ins Umsetzen selbst. Weil hier Können-dürfen ist, Dürfen-können, denn Können ist Dürfen, da Dürfen Können ist. Weil hier Jasagen ist zu allem Wohin, das uns näher kommt, zum Ausprobieren, Scheitern, Wagen, zur Konfrontation, zum Verlust, zum Weitermachen: darüber hinaus. Freundschaft ist Praxis zum Selbst. Freundschaft ist Analyse des Systems rings, der Gewalt, der Verunmöglichung, der Feindschaft, und damit ist sie: konsequenter werden, authentischer, trotziger, selbst-bewusster, erfahrender. Freundschaft ist der einzige unmetaphysische Ort der Gewissheit: „ich weiß, dass du darfst bei mir; ich weiß, wie viel du willst, und dass du gut sein willst; ich weiß, dass du stark bist und schön; ich weiß, dass wir mehr können als wir sind, und dass wir also mehr sein können; ich weiß um Möglichkeiten; ich weiß, dass ich dir vertrauen kann; du weißt, dass du mir vertrauen kannst.“ Freundschaft ist die Basis, die selbst Schlachtfeld sein kann, ohne dass sie berührt wird, ohne dass es je um sie ginge im Streit: Freundschaft ist der einzig sichere Boden. Die Epistemologie der Freundschaft ist die einzige, die kein Wille zum Wissen ist, sondern die Wille ist zueinander, zu sich, zum Potenzial, zu mehr, zum Darüberhinaus, zur Utopie. Freundschaft und ihre Epistemologie sind das Fundament, auf dem das Leben seinen wackligen Turm errichten kann, von dem es ins Mehr aufbricht, auf dem das Ich sein Wagnis schichten darf. Mit ihnen ist keine „Philosophie“, keine Liebe zur Wahrheit mehr nötig: mit ihnen als Grund kann sich den Zwangsneurosen und Konditionierungen und Phobien gestellt werden. Mit ihnen als Grund sind alle hoffnungslosen Kämpfe, alle Ent-Täuschungen, alle Absurdismen überlebbar. In Freundschaft lässt sich leben: Freundschaft ermöglicht, so viel richtig zu leben wie irgend möglich im falschen. Doch Freundschaft ist Exil, ohne flüchten zu können. Freundschaft richtet sich durchgängig, durchtränkt gegen das falsche Leben: gegen System (Totalität), Verunmöglichung (Prinzip), Xenophobie (Strategie) und Scherenhandlung (Methode). Freundschaft ist – ohne Taktik zu sein, wesentlich – Anti-Gewalt. Freundschaft ist auch Politik. Nur Elternliebe als Elternliebe ist bedingungslos. (Eltern können außerdem Freundinnen sein.) Die Klimax der Freundschaft aber ist grenzenlose Bejahung, grenzenloses Einander-Wollen. Der Körper wurde vom System zu einer Hauptgrenze deklariert. Freundschaft kennt keine Grenzen. Vielleicht bedeutet Freundschaft sogar, auf Liebe verzichten zu können, oder dahin zu gelangen, oder dahin wollen zu können: miteinander.

Polyphilotesie

Polyamorie, wie wir sie verstehen, ist die Konklusion klimaktischer Freundschaften. Ihr Amor hat nichts am Hut mit Pfeilen und anderen Gewaltmitteln. Er lässt frei, er legt Herzen offen, statt sie abzuschießen, festzupinnen. Selbstredend ist Amor geschlechtslos. Freundschaften wird ihre Klimax systematisch systemisch verhindert im Verunmöglichungskontext der Gesellschaften, wie alles jedem Selbst systematisch systemisch verunmöglicht wird. Weil Freundschaften nichts müssen, müssen sie auch nicht körperlich sein: aber sie dürfen indes alles, wenn sie wollen. Auch ist Körperlichkeit ein politisch kritischer Bereich für jedes Selbst, die Gefahr nämlich von Hierarchie, Spiel, Gesetz (: von Mechanik). Das Arreal des Wollenkönnens auszudehnen, ist andererseits eines der erklärten Ziele des Selbst und des wirlosen Wirs ichloser Iche, also der Freundschaft. Polyamorie hierbei ist wie Reisen: es lässt sich auch zu Hause bleiben, wenn man schon die Welt sah und weiterhin vorhat, sie zu sehen, das heißt wenn das Haus ein Hausboot ist und beweglich und wenn sein Anker lösbar ist und meist nicht im Grund stakt. Die Polyamorie fragt nicht nur „wie“, nicht nur „was“, sondern auch „ob“ – Liebe. „Ob Liebe“ ist eine der wichtigsten politischen Fragen der Moderne (und wir befinden uns in der Moderne, wer anderes behauptet, versteht den Begriff nicht). Das Poly der Polyamorie zerreißt den alten Amor, sie tötet ihn schmerzlos, und der neue ist ungewiss, mehr ungeboren als Gespenst, gänzlich Kind der jeweiligen Beziehung, gänzlich individuell, so individuell wie die zwei Individuen der Beziehung. Dergestalt ist wenigstens das Ideal, und Freundschaften als Dürfen-Dürfen, Können-Können sind eben gerade nicht Idealisierung der Realität, sondern Realisierung der Ideale, womit Amor neu wird, also ein anderer. Freilich muss Polyamorie auch nicht stets Polyamorien sein; sie ist lediglich die Offenheit dazu.

So viel, so vieles scheint außer-ordentlich sicher. Nun zurück in die Normalität der Fraglichkeit. (Die Sicherheit lässt übrigens oft dann nach, wenn einem durch sie paradoxerweise Gefahr drohte. Das ist vielleicht ein Gesetz, also bleiben wir hier unsicher…)
Vielleicht aber ist auch die Fraglichkeit des Folgenden dem Bisherigen äquivalent, jedoch die Sophisterei häufiger, womöglich bloß offensichtlicher, wahrscheinlich lediglich neuer, erfinderischer oder aber schematischer, was nichts einen Abbruch täte, vielleicht vielmehr Anfang wäre. In jedem Falle: gegen Sophisterei ist weniger einzuwenden als gegen Fakten, und es stellt sich nur die Frage, wohin sie uns führt – nicht, ob sie stimmt.

Auf der Straße nun mögen sich Heteros und Homos antreffen lassen, aber keine Polyamorien: in der Tat ist der neue Amor, wenn, so weiblich, denn schließlich ist sie Amicitia oder Philotes, und Polyamorie ist eigentlich, wenn wir so wollen, Polyphilotesie. Dass der Gott der Liebe männlich, während die Göttin der Freundschaft weiblich ist, sollte allen Männerfreundschaften zu denken geben, gleichermaßen allen, die in klassischer Liebe oder ihrer Befreiung einen Angriff auf das System sehen. Polyamorie dagegen garantiert, dass nichts in der Nähe der neuen Liebe ist, das nicht grenzenlos ist: vielleicht ist Liebe intern gerechtigskeitsfanatischer als Freundschaft? Polyphilotesie zumindest lässt uns an dieser Stelle mit oder ohne Hausboot zurückrudern dahin, dass die einzigen Grenzen der Freundschaft die Horizonte hinter den Grenzen der Freundinnen sind, und Freundeshorizonte bewegen sich, denn Freundinnen bewegen sich, denn Freundschaften sind Bewegungsfreiheit, und Selbste sind bewegt.

Monovenusie

Das verheißt: Freundschaft ist Politik, und in Freundschaft ist Politik möglich. Was ist Politik? Politik ist, wenn Bedürfnisse, Interessen, Dringlichkeiten, Prioritäten, Entscheidungen, Positionen sich absprechen, sich Wege schaffend im Lichte dessen, die Bedingungen der Politik zu wahren bzw. zu schaffen: Gewalt zu minimieren, zu beseitigen, zu bekämpfen. Dieses Licht ist der Wille und der Wille zum Wille, also zum Wollenkönnen und Könnenwollen; ohne ihn ist Politik nicht möglich. Wenn wir so wollen: er ist die Rationalität des Lebens oder das Axiom der Politik des Selbst; von ihm leiten sich alle Politiken ab. Politische Entscheidungen werden politisch somit in Freundschaften entschieden. Außerhalb ihrer kämpft man um die Ermöglichung zur Politik: dieser Kampf freilich ist damit politisch im stärksten Sinne; in Freundschaften findet Politik statt, denn nur in ihnen und als sie hat sie gesiegt. Als sie beginnt die Drastik der Sensibilität, d.h. die Kommunikation, aus der Sprachlosigkeit, gen Selbst-Redendes, gen Selbstbe-Stimmung. Weil hier Politik stattfindet, sind die Ergebnisse offen – mit Ausnahme des „Lichtes“, mit Ausnahme der Bedingungen zur Politik, die stets aufrechterhalten werden.
Damit widerspricht Monovenusie der Polyphilotesie nicht, sondern ist die Ernstart einer ihrer Freundschaften. Sich auf die Freundinnen und vor allem auf sich und sich mit ihnen beziehend mag es keine oder eine oder vielerlei gelebte Sexualität(en) geben. So oder so oder so, das Individuum, mit dem keine körperlichen Grenzen gewollt sind, und mit dem es daher keine gibt – mit ihm bewegt man sich auf die neue Liebe zu: diesen Amor gebiert man zu zweit, und jener Amor entscheidet, wie Venus gelebt wird, solange besagter Amor lebt. Im übrigen ist Polyamorie stets Zweisamkeit, eben meist mehrfache Zweisamkeit, und die Möglichkeit zu mehr Lieben als einem. Polyamorie wiederum geschieht in der Polyphilotesie – doch Liebe kommt und geht durchaus, falls nicht institutionalisiert: sie ist eher an den Moment gebunden als ans Individuum, sie ist euphorisches Moment, und nur selten ident mit Beziehungen. Grund und Boden auch hier, auch bzw. gerade der Monovenusie, ist die Freundschaft, sind Freundschaft, Selbste, Wollen, Politik. Selbst-redend kann Venus nur in der Heimat einziehen.

Monovenusie zur Liebe hin

Monovenusie zur Liebe hin ist ein Zusammensein, in dem alle Schwierigkeiten sofort angegangen werden müssen, wo absolute Ehrlichkeit notwendig ist, damit das Zusammen nicht auseinandergeht. Man lernt also, dass Probleme keine sind, sondern dass sie Schwierigkeiten heißen, und dass jede Schwierigkeit augenblicklich Beachtung verdient, und dass alles Hinauszögern nur weiteres Beschweren der Schwierigkeit wäre: man muss das Wegsehen, Ignorieren, Aushalten verlernen – ein auch politisch essentieller Prozess. Weil Sexualität eine Schwierigkeit ist fürs Selbst (da die Gesellschaft so schwer zu verbannen ist aus ihr) und weil Schwierigkeiten einem undurchführbar werden in einem Kontext, in dem von einem weggesehen, in dem man ignoriert wird, weil dergestaltes Aushalten kurzum zusammenbricht im Selbste-Sexuellen, deshalb zusätzlich ist Angehen der Schwierigkeit unumgänglich für Monovenusinnen. Es erübrigt sich von selbst, dass Intuitionismus und Instinktismus somit verbannt sein müssen aus allem gen Liebe, doch schon für jedes Selbst; und damit aus aller Freundschaft. Da die Grenzenlosigkeit der Monovenusinnen weiterhin keine Illusion ist – denn nichts anderes als die Grenzenlosigkeit rechtfertigt im Polyphilotesischen, monovenusisch zu leben – wird auch das Vermissen ein gesundes, nämlich eines des autonomen Brauchens, der Freundschaft selbst, der Freundschaft von Selbsten, was der Beweis gegen die Projektion ist, falls es dergleichen gibt. Gesundes Genießen aber ist entscheidend für die Möglichkeit zur Einsamkeit. Und indem Heimat gefunden wurde für Körper und Hirn und Herz, für Trieb und Wille und Bedürfnis, so wird Einsamkeit überall sonst möglich, so wird ihr die vielleicht meistmögliche Zeit zugeschrieben: schließlich, ohne Selbst kein Zusammensein; Zusammensein nämlich erfordert zwei; und ohne Einsamkeit kein Selbst. (Fortsetzung folgt.)

Freundschaft
Polyphilothesie und Monovenusie

Damit überwindet sich Geist auf Basis der Freundschaft und ihres Fallendürfens im Überall, und seine Umsetzung findet er in den Freundschaften selbst, körperlich aber am tiefsten und wichtigsten in der Monovenusie. Insofern diese wiederum auf Freundschaft fußt, fußt sie auf der einzig unmetaphysischen Gewissheit, und fußt sie als Politik, in Theorie (eigener Kopf) wie in Praxis (Handeln vor- und miteinander). Sie darf dieses Fundament nie vergessen oder verleugnen: denn ohne es fällt sie zurück ins heterosexistische Patriarchat des Monogamismus. Das heißt, sie muss täglich um dieses Fundament kämpfen: die Arbeit im Verunmöglichungskontext des Systems heißt Kampf. Die Schwerkraft zurück in die alten Mechanismen und so unterhalb ins Jenseits der Bedingungen zur Freundschaft nämlich ist der leichteste Köder fürs unbewusste Sein. Dagegen der Wille zum Wille, die Selbstbe-Stimmung – und das Dürfen des Bedürfens, die Heimat namens Freundschaft: diese zwei Exilitäten sind in zwei Selbsten, aus ihnen und für sie. Das Selbst ist Kampf, weil es kämpfen muss, um Selbst zu werden und um es bleiben zu können, also mehr Selbst zu werden. Kurz, das jeweilige Selbst ist es, das gestärkt werden muss, damit Beziehungen keine Faschismen werden – der Kampf ist es. Genau solches Beziehen aufeinander und solcher Kampf nach außen, solche Arbeit nach innen sollen Freundschaft, Polyphilotesie und auch Monovenusie sein. Letztere scheint hier gewiss am gefährlichsten; aber damit ineins auch am hoffnungsvollsten für die hartnäckigste Systemheit in uns, die kein Selbst allein brechen kann, die Kampf des Selbst auch nach innen erfordert: gegen die Mechanisierung des Körpers, gegen die Konditionierung der Lust und des Verlusts, des Versagens, Verstoßenwerdens und der Isolation – gegen die Konditionerung auf Angst, die Konditionierung der Anerkennung. Erst, wenn Monovenusinnen Freundinnen sind und ganz Dürfen und sich vertrauen und keine Furcht vor Fehltritt, Verrat, Tun oder Handeln, schwindet damit die Gesellschaftlichkeit des Monogamismus. Erst, wenn die Einsicht gereift ist, dass Verlustangst außer gegenüber Thanatos nicht berechtigt ist unter Freundinnen, erst dann ist Freundschaft ganz angekommen im neuen Amor, und erst dann wird Venus nicht mehr vom System zerschattet. Dahin zu arbeiten, überhaupt zu arbeiten gegen die Entfremdung, ist Politik im emphatischen Sinn. Und nichts ist Arbeit im Entfremdeten als Arbeit gegen das Entfremdete; nichts ist Arbeit im falschen Leben als die Arbeit hin zum richtigen; nichts ist Arbeit außerhalb der Freundschaft, innerhalb der Verunmöglichung, als Kampf. „Gen Liebe“ zu sein bedeutet insofern nicht zuletzt, wegzukommen vom Ideal klassischer Liebe. „Ich liebe dich“ zwischen Freundinnen kann neben Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit nur heißen: ich sage dir meinen Willen und ein Wohin meiner, und zwar jenes einzige Wohin, das in meinem Testament nichts zu tun hat, weil es nur uns gehört und nicht dem Rest der Menschheit, im Gegensatz zu meinem ganzen Rest, und zu deinem. Freundschaft also ist nicht zuletzt, vielleicht zuerst ein Kampfbegriff, weil sie Gewaltlosigkeit bedeutet in einem System systematischen Gewalttätertums, und weil sie dessen Verunmöglichungskontext bekämpft und die Bedingungen schafft, die jedem Kampf unterliegen – ohne die also jeder Kampf bereits ein Unterliegen wäre: die Bedingungen durchhandelter Überwindung, die Bedingungen des Selbst, die Bedingungen der Heimat, in der Trieb, Wille und Bedürfnis einen gemeinsamen Weg finden können, der so ihrer wird, und sie mit sich vermählt, womit erstmals Selbstbejahung in Selbstliebe übergehen darf. Die völlige Realisierung dieses Ideals und der übrigen freilich steht unter Vorbehalt des Systems: so lange es ist, wird sie nicht sein. So lange das System bleibt, wird auch oder vor allem Selbstliebe eine falsche sein müssen, eine falsche im Falschen. Nicht nur Selbste, selbst Egoisten aller Länder folglich: vereinigt euch dagegen, vereinigt euch gegen die Vereinheitlichung.

Standard
ENTSCHIEDEN, Ethik, Existenzialismus, Not-wendiger Schrei, Philosophie, Politik

ERSTES MANIFEST EINES PHILOSOPHIAL-UTOPISCHEN KOMMUNISMUS

Alles Folgende sind dezidierte Vorläufigkeiten, doch zentrale. Also sollte ihnen nachgestellt werden, um gewissen Zerrbildern die Gewissheit ihrer Selbst- und Fremdidentität zu nehmen.

I Politischer Absurdismus
„Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Ob diese Inversion nun auf einen Psychonalytiker zurückgeht oder auf eine Psychopathin, auf uns trifft sie zu. In ihr fasst sich zusammen, was zum mehrteiligen Paradox gemacht wurde: der politische Absurdismus. Dass wir glauben, dass alles möglich wäre, v.a. das Beste; aber dies gleichsam im Wissen (die epistemische Situation unverändert) dass der Untergang ist: dass nächsthin Fortsein nur noch werdungslos bleibt – dies Spagat meinen wir, wenn wir vom politischen Absurdismus sprechen. Den Spagat zwischen dem Glauben an alles und dem Wissen ums kommende Nichts.
Unsere Hoffnung ist da minimal, aber nicht nicht: sie ist wir, unseresgleichen, Proto-Utopia. Und wir sind selten, aber zu selten, und daher hoffnungsnah, doch hoffnungsverlassen: „die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Jene Inversion drückt die Renitenz unseres Humors aus und sein Votieren für jenen der zwei Pole, der sich nur negativ entbilden kann. Er ist die herbe Frucht einer Philosophie des Kommunismus, die von den Pestiziden des Wirklichen zerspritzt ist. Zuletzt stirbt also bekanntlich die Hoffnung. Wir aber mussten diagnostizieren: sie ist schon tot. Und es bleibt fraglich, ob sie je geboren wurde. Darin also, in diesem Grab liegt der worst case und frisst Maden: made in Germany, too. Woran also haben wir zu fressen? Daran, dass uns nichts sättigt, was schon gewachsen ist oder gezüchtet wurde.
An der Wirklichkeit.

II Wirklichkeit
Nicht weil es falsch ist (oder Lüge oder Schein oder deriviert oder unqualifiziert oder unschlüssig, unfügig, Unfug), nicht weil es falsch ist, sind wir gegen das Wirkliche. Sondern weil es schlecht ist, d.h. weil es verwirkt, entwirklicht, weil es uns Wirkmächtigkeit stiehlt. Schlecht ist nicht das Unstimmige, sondern das Stimmenraubende. Wirklichkeit wirkt auf uns, und ist gewirkt von uns. Sie bewirkt, verwirkt, verwirklicht, entwirklicht – verleiht die Macht und die Ohnmacht zu wirken. Wer Wirklichkeit Realität nennt, ist damit schon Ideologe. Denn realistisch („pragmatisch“) sein bedeutet, anti-utopisch zu handeln. Realismus ist nicht frei von Utopischem, sondern die Bastion gegen es, gegen emphatische Zukunft herum um das Jetzt des Status Quo, mit dem die Vergangenheit uns angeht. Was kann da Utopie sein bei einer Wirklichkeit voll Realisten?

III Utopie
Utopie ist nicht; sie wird. Und sie wird nie perfekt sein, sondern immer nur am optimalsten. Utopie ist bloß insofern, als sie Motiv ist zur Überwindung: nächstes Ideal, nächster Horizont, nächster Breitengrad. Utopie ist das Beste des Nächstvorstellbaren. Utopie bleibt also nie und immer: als Konzept ist sie stete Devise, als Inhalt ständig im Wandel. Sie ist interessiert an dem hinter den Grenzen: sie ist zwischen hier und allem, was über dort hinaus ist, zwischen jetzt und nach diesem. Kurz, Utopie ist die Öffnung der Zukunft. Utopie ist nie „die Utopie“, sondern immer Utopien, ein heterogenes Sukzessive an Fortschritt (und es gibt Fortschritt, gerade und nur als unentfremdete Kategorie, als Ametaphysikum): sie akzeptiert die Kurzsichtigkeit des Menschen und bereitet erneut den nächsten Horizont. Utopie ist kein Paradies und nicht „das Ideal“, sondern die ständige Problematisierung gerade dieser beiden. Utopie ist keine neu eroberte Stufe, sondern die Kritik dieser, um abzusehen von ihr – um weiterzusehen, weiterzugehen.

Im Verunmöglichungskontext
Wir entschuldigen die nächsten paar Sätze Sprache. Jedoch, wir sind geworfen: in einen Verunmöglichungskontext – und verschränken so unsere als dessen Arme gegenüber dem Fremdem, unsere Arme aus Rahmen geschreinert, die Bedingungen erdrücken für das, was noch nicht ist, und so auch nie wird. Je mehr Utopie wir werden, desto mehr verstößt uns der Aus-Wurf, in dem wir uns vorfinden. Erfindungen aber finden wir vor in der Welt des Möglichen, und in sie gestoßen wird man nur von einem Wurf, der unentworfen ist, un-unterworfen, ent-wegt – zufällig. Dieser Wurf aber, sein Name: Zufall, ist der Verworfene, von allem Geworfenen Verstoßene: er ist Gefahr für die Reinheit des Verunmöglichungskontexts, für den Wurfmonismus.
Derweil, während das Verfahrene der Gefahr zerfahren und zerfahren wird vom Verfahren des Verstoßens, entfährt der Gefahr Utopie: die Erfahrung des Zerfahrenwerdens maximiert die Gegnerschaft zum Wurfmonismus. Sie erst stößt das Verstoßene weiter an gegen die Geworfenheit: sie perpetuiert die Kritik, sie entäußert-erinnert das Verstoßensein hinaus in die Möglichkeit. Utopie mag heißen, Geworfenheiten zu pluralisieren, sie auszuweiten, zu vermischen: sich verwerfend weiterwerfend. Diese Geworfenheitspluralität dehnt sich aus, bis alle anderswohin geworfen fallen. Deren Zu-Fall, der Zufall der Koinzidenzien mit Anderen ent-wirft heraus aus dem eigenen Wurf: um-werfend diesen selbst. Der Zufall fällt ein in die „Geworfenheit nach“, und zersplittert so das Geworfensein in eine weitere Weite.
Denn ja, nur durch Geworfensein, so scheint es, lässt sich sein, seiend sein, entscheidend. Aber das Sein der Utopie ist bereichert von Wurfmannigfaltigkeit und von ihrem Überdeterminiertsein. Der Zufall ist die Koinzidenz, welcher der Wurf verfallen kann. Durch ihn erst werden Offenheit und die Bewegung des Öffnens; die Zufallsinclusio, die nunmehr qua Verworfenwerden zum Willen wird, ist Xenophilie. So ist Utopie das Gegenteil einer Diktatur der Wahrheit: sie kann sich nur bauen in Agnostizismus, und in seine Vorsicht, sein Interesse, seine Freiheitlichkeit.

Utopisten als Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens
Wir sind geworfen in einen Verunmöglichungskontext; wir sind immer schon verworfen. Je offensichtlicher uns wird, wie verstoßen wir sind, sobald wir nicht mehr bleiben im Wurfmonismus, desto mehr werden wir Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens. Das Problem – seine Namen: Ideologie, Status Quo, Faschismus und deren Gewalten und Spielarten, heute v.a. der Kapitalismus – stellt nur auf die Probe, was selbst nicht Problem ist. Dem Problem sind wir solange Proben für seine Laboratorien der Selbst-Perfektion, als wir ihm nicht zur Gefahr werden – d.h. zur Lösung.

Problemanalyse, Dringlichkeit, Anti
Woher, wie dahin? Erst, wenn uns die Gewalt mit angetan wird? Der Wille dagegen hört sich nicht, bevor er die Ausmaße, die Dimensionen des Problems zu erahnen beginnt. Erst über die Analyse von Problemen aber schafft sich das Bedürfnis dagegen, gegen das Problem, und erst daraus entsteht ein Bewusstsein für Probleme, das tief genug ist, bedürftig zu sein nach Alternativen, und also anders zu werden, anders zu denken, zu fühlen, zu handeln, zu sein – die Dringlichkeit des Dagegen, die Dringlichkeit des ersten und vielleicht einzigen gewollten Willens, des Dagegen, das Darüberhinaus bedarf. In ein erstes Anti gerät man also per Zu-Fall oder per strukturelle Gewalt, die plötzlich auch einen selbst trifft, per Trauma, per Krisis. Das viel verschrieene, verstoßene Anti ist dem Pro immer überlegen, sofern jedes klassische Pro das betrifft, was schon ist. Denn das Anti – es geht aus, fort von Verunmöglichung – schafft Möglichkeit, und es schafft das Bedürfnis nach Differenz: es startet die gerechte Beziehung zwischen Zukunft und Jetzt – es beginnt die Utopie. Utopie ist damit: Anti-Realismus, Anti-Wirklichkeit, Anti-Status-Quo, Anti-„Sein“; Pro-Möglichkeit, Pro-Können, Pro-Dürfen, Pro-„Werden“.
Doch wie Pro sein, wie ohne ein Wort, ohne Wirkung, ohne Anker eine Entität bergen, nur eine Emergenz provozieren? Wie etwas sagen, das es nicht gibt, oder wozu wir keinen Zugang haben? Wie ein neues Gefühl kennenlernen, das noch keiner kennt, ein neues Denken, Wollen, Bedürfen, Wünschen, Handeln …? Im klassischen Sinn ist dergleichen unvorstellbar: und in der Tat, ableiten lässt es sich nicht. Aber die Wechselwirkungen der Einsamkeiten, des Wehrens, der eigenen Stimmen, des eigenen Stils, der Ohnmacht, des Angreifens, des Zweifelns, der Akkumulationen des Unverstandenen, der polemischen Affirmationen, der schäumendendsten „Leugnungen“, des ewigen Dennoch: sie alle, aus dem pubertären Mischmasch von Zu-Fall und Verfall geboren, das Alte hierin zerfallend, hieraus entfallend, sind Potenziale, Mixturen, Unfälle, Bausteine: wenn zwei Dinge, die sich noch nicht begegneten, sich treffen, entsteht etwas Neues (Kontakt, Symbiose, Diebstahl, Vermischung, Aufbruch, Ästhetik – und anders weiter). Wir wollen dergleichen nicht Dialektik nennen, weil uns der Begriff faschistisch anmutet dank seines Populisten, dem rechtshegelianischsten der Rechtshegelianer: dank Hegel selbst. Vielmehr, wenn Zufall einfällt und im Verfallen Gefallen entfällt, wenn Verstoßenheit und Verworfenheit uns anfallen, dann implodiert daraus der Unfall des Neuen, des Wehrens, des Willens.

Utopie: Wirklichkeit aus Möglichkeiten
Und warum das Neue? Warum weiter, warum fort, warum Utopie? Für ein bereichertes, erfülltes, bejahtes Sein für jeden: gegen Entwirklichung, Verwirkung, Wirkohnmacht. Für Selbsterwirklichung. Für Erwirklichung. Für eine Wirklichkeit aus Möglichkeiten. Der Common-Sense-Glaube, dass Revolution gewalttätig sei oder aber unmöglich – beweist nur den Terror, die Gewalt des Unumstößlichen, des Herrschenden: des common sense selbst also; des Glaubens. Kurz, er beweist die Not-Wendigkeit der Revolution.
Utopie ist, was wir nie erreichen, wohin wir aber streben, um unser Erreichen zu bereichern. Utopie ist nicht, sie wird; wir werden sie; sie lässt uns weiter vor in uns, aus uns, vor uns, über uns hinaus. Das Mittel zu ihrem Zweck aber ist Philosophie.

IV Philosophie
Philosophie ist so wenig oder so sehr Elfenbeinturm wie einkaufen gehen, Hitlergruß zeigen, Fußball schauen. Philosophie ist nicht bodenlos, nicht realitätsfern, nicht unpragmatisch: sie ist Praxis, der Realität am nähesten, Praxis, die Boden um Boden exkaviert.
Philosophie ist Realität aber nicht nur nahe – sie durchforstet sie: ihre Konditionen, Organe, Strukturen, Mechanismen. Sie zeigt, demonstriert, verweist, dass alles Elfenbeinturm ist, weil alles eigentlich Bodenlosigkeit, und das meiste dessen realitätsidentisch ist.
Philosophie ist Subversion. Sie zeigt Alternativen auf, indem sie die Grenzen (weiter weg) verschiebt. Mit ihrem Angriff auf Notwendigkeit, Sachzwang, Gesetz; Faktum, Wahrheit, Realität; Sicherheit, Gewissheit, Zweifellosigkeit – eröffnet sie Möglichkeiten. Philosophie ist die Subversion, die eröffnet. Vor der Philosophie lässt sich nicht beginnen außer wiederholend, kopierend, reproduzierend. Nur mit ihr und durch sie eröffnet sich neues Land für Herz, Hirn und Hand: Philosophie ist die Bedingung der politischen Handlung; und sie ist schon die politischste Tat. Die meiste Akademie ist anti-philosophisch. Denn Philosophie ist Anti-Akademie.
Philosophie ist Nicht-Wissen, Philosophie glaubt nicht ans Wissen, und bringt zur Erfahrung die Gewalt des Wissens: intelektuell, und indem sie die Philosophin verändert. Doch ist sie nicht nur Fragen – das wäre das Wundern des Kindes, der Infantilismus der Antiken –, eher schon „nur Fragen“, aber am meisten Hinter-fragen. Radikalstmögliches Hinterfragen; so die Rahmen des Möglichen dehnend; d.h. immer radikalstmöglicher Hinterfragen. Kurzum, Hinterfragen der Realität – nicht nur der „Herangehens“weisen zu ihr, Interpretationen von ihr, Konzeptionen ihrer – sondern Hinterfragen ihrer selbst.
Philosophie ist so Utopiegeneratorin. Die Liebe zur Weisheit hinterfragte, als sie sich selbst erkennen wollte, und fand weder in sich noch dahinter etwas auf; noch wen. Seither wurde sie Denken: Reise ohne Ziel. Doch ziellos Reisende haben den stärksten Willen. Sie gehen weiter weil sie glauben, nie anzukommen: des Weiters wegen, d.h. des Besten wegen, als Bessern. Philosophie ist Entfernen – von common sense, Plausibilität, Evidenz. Sie ist den Grenzziehungen, Einkerkerungen, Umfriedungen des Möglichen entgegen – sie sprengend, sie hinter sich lassend als Trümmer. Philosophie zeugt Radikalität: sie zeugt in die Wurzeln hinein die Nager der Skepsis.
Philosophie ist Bewegung mehr als Teleologie, Bewegung vor allem weg, wegloses „weg!“, anti-eskapistische Flucht, Wille zum Können, Bedürfnis nach Dürfen. Diese Bewegung aber heißt Denken, und Sophia liebt es, zu denken, die Liebe zu ihr ist es, zu denken, und Denken ist freiestmögliche Bewegung, also: Ermöglichung. An Sophias Hand erkunden wir: die Welt der Möglichkeiten – Potenzia.

V Renitenter Humor
Es gibt keine Philosophie ohne Humor (als Überlebensinstinkt), und keinen renitenten Humor ohne Absurdismus (als Konsequenz). Der renitente nun, der so-nicht-Humor besteht aus dreien: Ironie, Sarkasmus, Zynismus. (Nicht Zynik, sondern Zynismus, weil sie eine „Ideo-logie“, ein Bildwort ist und keine Handlung – vielmehr ein Tun.) Dieser renitente Humor lacht nicht nur im Hoffnungslosen, nicht nur hoffnungslos. Er ist auch anti-synthetische Kontemplation, Position, Tätigkeit. Es geht in ihm nicht nur um Verneinung, sondern um die Potenz, „ja“ zu sagen trotz allem, „ja“ zu Momenten zu sagen, ohne dies Ja je allem, sich, der Umwelt zuzugestehen: nur den Moment bejahend, und keinen seiner Kontexte, nur das Ergebnis, und keine seiner Ursachen, nur das Lachen, und nicht dessen Bedingungen. Ohne die Negativität des renitenten Humors wäre kein Bejahen möglich jenseits Potenzias. Aber wir müssen auch Schreien und Schreiten für Utopia: viele große Schreie stoßen, kleine Schritte setzen. Wir müssen auch Ja-Sagen können, und Kraft schöpfen. Ohne gespaltenes Lachen kein Luftholen. Ohne Luft kein Schreiten – kein Schreien. Luft holen jedoch lässt sich nicht erst in Potenzia – nur von hier schon. Utopia steht zwischen Potenzia und Hier. Wir müssen auch schreiten.

VI Kommunismus
Kommunismus kann nicht wissenschaftlich sein, denn Wissenschaft ist nur möglich in Ständegesellschaften, Feudalismen, Kapitalismen – nur mit dem Bürger. Wissenschaft fördert nur zweierlei: den Trieb zum Wissen (der Realismus ist, also Anti-Utopia, also konservativ bis reaktionär); und das Wohlwollen gegenüber den Autoritäten (welche per definitionem konservativ sein müssen, um Autoritäten zu bleiben). Wissen aber ist Herrschaft. Doch Kommunismus ist Herrschaftsfreiheit, und Herrschaftsfreiheit bedeutet, dass Freiheit herrscht statt Wissen. Wissen setzt fest, Freiheit löst auf: Wissen ist Sein, Notwendigkeit, Manifestation, Definitives; Freiheit ist Undefiniert-Indefinites, Gelöstes, Möglichkeit, Werden.
Kommunismus ist keine „hegelsche“ Fortsetzung des Kapitalismus. Er ist nicht und war nie in letzteren schon eingeschrieben. Er ist kein ökonomisch-technisches Resultat und keine Fatalität. Vielmehr, er stammt aus dem philosophisch-utopischen Denken, das diskriminiert wird im „Kommunistischen Manifest“.
Kommunismus ist keine Doxa und kein Dogma. Das Proletariat muss, will es radikal (verstanden) sein, Utopia werden, ein Verein Freier, das heißt Freiheitlicher, sich Befreiender. Kommunismus ist Anti-Totalität und nicht-absolut, und beides entschiedenermaßen, entschieden, also entscheidungsgemäß. Er ist der Beginn, nicht das Ende von Politik, der Beginn der selbstvollen Arbeit an sich, am anderen, an der Gesellschaft und an allem sonstigen. Kommunismus ist der Beginn. Der Beginn des gleichberechtigten, gleichwertigen, gemeinsamen Kampfes gegen Dominanz, Suprematie, Hegemonie. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, weil er als erster, durch sein ökonomisches Privileg aller, fähig ist, Macht zu problematisieren. Kommunismus besteht aus Individuen, deren Basis das gemeinsame Wohl ist. Theorie und Praxis, Form und Inhalt, Idealismus und Materialismus, Denken und Handeln, all jene Dualismen der Metaphysik, von Aristoteles über Descartes bis zu Kant, die Aufklärung und ihr Dunkel inklusive, lösen sich auf in seiner Öffnung der Charaktere, die keine Identitäten mehr sind, sondern Selbste.
Gegen den Faschismus, das Grundproblem, die Grundkonstitution, lässt sich nur sein, indem gegen ihn geworden wird. Kommunismus ist Anti-Faschismus. Im Kommunismus lässt sich erstmals kommunizieren (qua hermeneutisches Präkariat). Was ist kommunal am Kommunismus, was allgemein? Es ist das Brauchen, das uns vereint. Und er, Kommunismus, ist das Brauchen, das uns vereint. Wir brauchen alle zu essen, zu trinken, ein Dach und eine Heimat. Ohne sie gibt es keine Politik. Kommunal, gemeinschaftlich sind die Früchte unserer Arbeit. Kommunismus damit ist der Raum, in dem die Politik beginnt. Erstmals ist sie nicht mehr entfremdet von sich selbst und an die Macht überantwortet; erstmals behandelt sie Interessen, das Sein dazwischen, zwischeneinander, Werden. Denn erstmals sind die Gründe des Bedürfens angefüllt mit Erfüllung – und es gibt keine Kartelle, Parteien, Kirchen, Staaten, Nationen, Klassen, Schichten, Milieus mehr. Jeder ist endlich dazu befähigt, seine Fähigkeiten auszubilden, sein Wollen zu bestimmen, Heimat zu beheimaten. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, und wo Politik beginnt, da schafft dessen Willen das Dürfen, und jenes das Können.
Alles wäre also möglich. Nur: es gibt kaum einen einzigen Kommunisten auf dieser Welt: bislang. Wie damit umgehen? Der renitente Humor des politischen Absurdismus hält uns in uns am Leben –  neben Kommunistinnen und unserer Arbeit außer uns –, und dieser Humor ist der einzige, der keine Konterrevolution startet.
Verworfen, verstoßen, verwirkt und ent-wirklicht stehen wir mit ihm vor den unabsehbar hohen Mauern. Doch sind wir Gespenster. Wir können durch sie hindurch: Philo-Sophia ist Ermöglichung; und Kommunismus wird Erwirklichung. Die Lage also ist nicht gänzlich hoffnungslos.
Wenn auch unendlich ernst. Und bitter ironisch.

Standard
Ethik, Existenzialismus, Literatur, Politik

Die Bären

Unter uns waren einige, die etwas bereuten; deshalb hatten sie den Rest in den Wald gezerrt. Die ersten Minuten sind angenehm; alle unter uns haben beim Laubstapfen schleichend die plötzliche Wiederkehr des Herbstes gefühlt. Ich gehe einsam unter allen; schaue meinen Gummistiefeln zu, wie sie perlende Striemen Wasser aus dem Laub sammeln und eine stechende Kälte aus dem klammen Waldgrund. Hinter mir haben einige angefangen, mit der Taschenlampe zu scherzen; die vor uns gehen gebuckelt und werden von der Waldnacht verschluckt. Keiner von uns kannte diese Route! Ich breche immer mehr Äste und meine Anderen ebenso. Vereinzelt beginnen wir zu fluchen, wo immer uns eine fremde Angst packt – die Nadelbäume gliedern Reihen, machen Leere zwischen sich. Wir fühlen uns alle eng, ein paar von uns begrüßen die niederdrückende Finsternis: die Flure werden immer diffuser. Dann stehen wir plötzlich im Saal. Von oben fällt haltlos ein dünnes Weiß und zerstaubt einige Meter über unseren Köpfen – auch wenn die Baumkrone offen sein muss, bleibt uns etwas wie Himmel versperrt, durch das weiße moosgrüne Licht. Besonders die unter uns mit Blusen und Filzjacken beginnen zu schlottern; gefällte Baumstämme liegen im Halbkreis auf der Lichtung. Die eine Hälfte setzt sich und verschnauft. Weiß einer wie weit zur Herberge – ? Einer will ahnen hier schonmal gewesen zu sein; ich frage ihn, meint er ein Deja – vu? Nein, nicht so stark! Wir schlottern … Ich beginne zu begreifen, daß ich uns jetzt tief im Wald nennen muss. Um uns breiten sich die Flure endlos aus; das Unterholz geht keinen Meter neben dem Baumstamm, auf dem ich sitze, kopfhoch in eine Hecke. Ich taste mit den Augen nach Nischen im dünnen Geäst. Wir sind alle müde, doch die Kälte hält uns steif. Einige spüren schon ein Loch im Bauch. Durch das Loch in der Hecke erkenne ich etwas gelbliches. Ich sehe die anderen an; sehe ihre ernsten Gesichter und bittere Furchen um die Nasen. Dieser Wald drückt so fest – ich möchte protestieren; fange an zu lächeln und fühle mich verspielt. Ich bitte die anderen darum, mir durch die Schwellen im Dickicht zu folgen. Wir verlassen den Saal und gehen durch eine nacht-graugrüne Straße. Eine beginnt ihrem Bruder mit ihren Gummistiefeln in die Kniekehlen zu treten. Der reagiert nicht – immer gereizter – und klopft nur nach dem Dreck, den sie auf der Hose hinterlässt. Magenta oder graue Dornenblüten nadeln sich ins enge Gestrick unserer Kleidung – ein überschlafener Nachtschatten beginnt sich auf den Gesichtern der Meisten breit zu machen. Der dünne Korridor durch die Dornen gleicht vielen einem Weg; ich spüre es. Alle werden munterer – das sieht absichtlich geschlagen aus! Hektisch gräbt man sich durch den Korridor. Als wir dann aus dem Gestrüpp speien – die Geschwister besuchen sich hinter den Ohren nach Zecken –, werden wir alle wach: es ist als zöge uns jemand wie Rinde ab und stellte den feuchtnackten Stamm den Kiefern und Fichten, den Nadelbäumen zur Inspektion bereit. – jene spannen die Stille; antworten nicht, zur Antwort, und – spannen ihre gestreckten Äste; ziehen ihre Ausstreckung zurück; klammern Zapfen und Nadeln so dicht wie möglich zum Stammherz hin. Jetzt jagt der Wind durch breitere Flure; auf uns, die feuchten Holzwände. Alles scheint weiter als vorher; die dunklen Pinien stehen dünn und mächtig. Was uns den Sand aus den Augen reibt: da steht eine gelbe Rutsche aus Blech. Die Böden sind nicht frei von Gestrüpp; es langt uns bloß an die Kniekehlen. Da liegen auch noch andere rostige Dinger, stecken im Unterholz – Artefakte? Rostartefakte? Einige von uns meinen, gewisse Formen wiederzuerkennen, – ein Sägeblatt? – zu groß, Idiot. – Heee! rufe ich matt zwischen die Geschwister. Jetzt sind wir verunsichert; alle, würde ich sagen, denn alle rücken ein bisschen näher zusammen und ich spüre eine Hand auf meinem Schritt. Vaness … Tess … Ti … ich kenne keines der Mädchen und sie bemerkt gar nicht, was sie tut, da, in der Filzjacke. Sie möchte ein Stück Körper unter Stoff greifen, deshalb fährt sie mit entfernterem Blick mit den Händen an den anderen Menschen entlang. Jetzt muss ich meinen Schritt spüren, wie einen Wurm, ein Würstchen, ein Stück Kordel und ein rissiges Ei, dumpf und süß. Mir wird ein bisschen schlecht und ich schubse sie weg, und, – Rost! stolpere über Stacheldraht und direkt neben sie auf Rinde und dichtes Gras. Geht es dir gut? Au. Ich helfe dir hoch. Was war denn da passiert? Was war denn – . Sie weiß es auch nicht und klopft sich ab und beginnt ein bisschen zu weinen und flieht an eine fremde Schulter. Einer singt penetrant: Empfang! Empfang! Er ist die glitschigen Stufen auf die Blechrutsche gestiegen und jubiliert und lässt ein Lied auf youtube laufen. Jetzt ist warm, jetzt ist Stimmung, Scheiß-Wald, bald draußen. Navi? GPS? ADAC? Ich brülle verzweifelt, oder jemand anderes brüllt, ein Freund? Hier? Da beginnt es zu graulen. Hier gibt es keine Bären. Hier gibt es keine Bären, das ist Süd – … Ost … Germany. Und Jäger kümmern sich um uns. Ich war Dritter bei den Waldjugendspielen. Das Mädchen von eben kreischt! Kann das Mädchen aufhören? Es hat gekreischt, aber leise, jetzt verstehe ich es. Wir werden beobachtet und jeder hat angefangen den Gruß des Bären mit Starre, Angst und einer Preisgabe der Haut dem Wind zu entlohnen; der Wind schickt uns die Gänse, wir beginnen vereinzelt zu zittern und ich weiß, wie leicht ich sterben kann. Ich blute; mein Körper drängt sich mir auf. Ich blute an vier Punkten durch die Jeans, dort wo ich mit dem Mädchen über den Draht stolperte. Ist ihr vielleicht doch etwas passiert? Ich will zu ihr – doch werde des Bären gewahr und stoppe meinen Schritt. Viele fangen an zu heulen und einer glaubt, er kannte die Wahrheit darüber, wie jetzt umzugehen sei, mit Bär, mit Verlorenheit, mit Kälte, Blut und dem dichten Unterholz, daß uns die Turnschuhe einsperrt. – Wir rennen, dort die Böschung, – kennen denn alle das Wort Böschung, muss ich mich schnell fragen. – dort die Böschung, und es geht steil runter, ich seh’s selbst im Zwielicht: das gibt uns Anlauf, dann versuchen wir mit dem Schuh fest den Stamm zu treffen, halten uns fest und klettern in die Kronen. Braunbären – das ist unsere Lösung; die klettern nicht! Das können nur wir. – Ich habe das Gefühl, er geht durch die Reihen, um uns Mut zuzusprechen, wie man es mit Soldaten tut, an matschigen alten Fronten, im Graben, „gleich geht’s los! jetzt näss‘ dich nochmal ein –“. – die klettern nicht! Wer fällt – die Böschung ist genickbrechend steil! – steht auf und rennt weiter, oder kann sich hinlegen und fest ans Sterben denken. Manchmal gibt der Körper nach und stirbt freiwillig und schlummerhaft: es ist wie im Traum! Wünscht euch dann einfach ganz fest, alles wäre ganz anders geschehen und ihr werdet sehen: es wird schwarz vor den Augen werden. Ihr sterbt. … Doch – an die, die Leben wollen gerichtet: ich hab nichts gesagt.

Wir keuchen und rennen; wer war das alles? Ist da wer auf dem Baum? Drei Bären rennen uns hinterher und fauchen. Ich habe einen in der Peripherie: er bewegt sich zuckhaft und ruckhaft und irre schnell. Langsam verstehe ich, wie langsam ich bin. Ich keuche; mein Knöchel tut so weh; wie blutig ist mein Hosenbein? Wie blutig das Ihrige? Wo ist sie? Ihr muss ich doch helfen? War da nicht auch noch ein Freund? Vielleicht sind sie in der Krone, vielleicht – vielleicht sind sie in der Gruppe keine vierzig Meter rechts von mir! Da sind welche und sehen auch, daß sich unten der Weg gabelt, den wir oben verpasst haben und auf den wir jetzt querfeldein zujagen. Markerschütterndes Graulen ertönt und vielleicht werden so Tiere gerufen, die noch viel schlimmer sind, als Bären. Mir gefriert das Blut in Adern und Venen. Die zwei! Ja, ja! sie sind in der Gruppe! Das Mädchen humpelt schnell. Ich winsele ein bisschen und der Gegenwind wird immer dichter, mein Mund ist ausgetrocknet. So kann ich kaum rufen und bringe nur Schwächliches hervor. Es ist fast ganz dunkel. Sie sind an der Gabel; sie zögern und zucken; sie wollen nach rechts. – Da werden Bären sein, ich bin mir sicher! Ich rutsche auf nassem schwarzen Laub aus und schreie leise. Sie hören mich und wollen zu mir rennen und mich hochziehen; ich erinnere mich an die Lehre dessen, der eben die Wahrheit wusste. Aber sterben kann und will ich nicht. Ich spüre einen festen Griff um meinen Ärmel und werde halb am Stoff, halb am Fleisch hochgezogen. Ein paar Nachtvögel stürzen sich dicht über unseren Köpfen hinauf in die Luft. Fliehen! Rechts? Oder links? Links, links, bitte geht links! flehe ich den Retter an. Er starrt ein bisschen, mit einem festen forschenden Augenpaar. Glaubt er, ich lüge ihn an? – Oder … oder … runter! Weiter die Böschung. Ich glaube, da ist ein Bach, dem kann man folgen, wieso auch nicht. Alles … Hör … Alles nur nicht rechts!

Er geht zum Mädchen und berät sich; deutet immer wieder mit dem Finger auf mich. Einmal muss das Mädchen ein bisschen auflachen. Nach kurzer Zeit nicken sie einander befriedet zu: Okay. Okaaay. Ja, ja; – so, oder? Warum nicht? Sie umarmen sich. Mich sticht das ein bisschen; ich stehe ein bisschen peinlich da, fehl am Platz und weiß nicht mehr ganz, wo die Bären bleiben. Der Dritte kommt zu mir und sagt: Also ich hätte ja für dich … – aber du verstehst, bist darin ja schnell – die anderen wollen nicht. Es ist jetzt sechs Uhr und da macht mir die Demokratie am meisten Spaß. Wir gehen rechts und du gehst links? Deal, oder? An der Herberge erzählen wir dann einander die guten neuen Geschichten! Viel Glück! – Und du blutest am Bein. Ich weiß nicht ganz, was ich sagen soll und blicke den Dreien nur tieferschrocken hinterher. Der Dritte war der gewesen, der oberhalb der Böschung die Wahrheit wusste und jetzt geht er demokratisch den Weg mit den Bären. Die Drei sind kaum aus meiner Sichtweite gejoggt, da beginne ich, jetzt alleine, panisch hin- und herzulaufen; so schnell ich kann. Es kreischt sehr sehr laut jemand oder etwas irgendwo auf der rechten Straße und ich fahre mir mit der Zunge über den Oberarm, was nicht so einfach ist, und lecke da wo ich blute meine Wunden. Meine Augen peitschen auf meinen Wangen Tränen hinunter. Ich schließe die Augen und es wird schwarz. Ich springe – wo sind die anderen? – ich springe, es ist schwarz, die schwarze Böschung hinunter, nicht rechts, nicht links, geradeaus, und falle. Und ich lande hart, hart, und spüre eine Dorne, eine Pranke.

(*)

Zur Interpretationsfrage ein Streckchen meines eigenen Wanderns auf der hermeneutischen Spirale:

Was tritt in der Erzählung auf?:
Die Faktizität und das Gefühl, das Vereinzelung Terror am Selbst bedeutet. Am Schluss erkennt das Ich es richtig: der Terror, die Gewalttäter, das sind die Menschen des Kollektivs. Die, die glücklich den gemeingefährlichsten Weg gehen. Wo die Systemideologie eingehalten wird, stoppen die Bären ihr Scharfrichten. Doch letzten Endes wird natürlicherweise doch gestorben, an der Systemideologie, denn, trotz selbstauslöschenden Glaubens & Vertrauens in das Fremdbestimmende, ist auch sein willigster Untertan nicht sicher vor dessen kopflosem Terrorismus in hydraischer Ausführung, siehe bspw. Hitlers Vorhaben anstelle von Kapitulation eher noch die deutsche Bevölkerung auszulöschen oder, daß KZ-Häftlingskonformisten vor Kriegsende doch noch das Emordetwerden ereilte (; ereilen sollte, siehe dazu bspw. die Biographie Arthur Dietzschs).

Standard
Ethik, Ironismus

Ben.

[ein kurzer für mich witziger Entwurf eines fiktionalen Charakters, basierend auf einer „realen Person“ (das ist was?).]

Ben ist lang und sitzt immer mit einem Knick im Bauch krumm im Stuhl, mit den Händen im Schoß. Er hat einen milden fast bubenhaften Haarschnitt, ist 30 und hat schon graue Strähnen im braunen Haar und Bart. Er trägt Kapuzenpullis und hüftknochenlange Mäntel und gerne Komplementärfarben. Eigentlich sieht er aber recht durchschnittlich aus. Ben lebt in und pendelt zwischen Berlin und Wien ( – „der Hölle für Polys!“ (Polyamore)). Er lebt als freier Informatiker oft prekär. Er sucht sich seine Jobs nach ihrer Ethik aus und hat deswegen wenig Geld. Er wurde als Frau geboren und wird von seinen Eltern akzeptiert. Für seine finanzelle Lage suchte er jedoch nie Hilfe. In seiner Freizeit stellt er sich mit „Refugees welcome“ Schildern vor Asylbewerberheime; dort hat er ein breites Grinsen auf. Er wiederholt oft dasselbe Ideal: Wenn sich irgendwo hundert Menschen treffen würden, die wirklich etwas verändern wollen – dann wüssten wir doch davon und es würde sich etwas verändern! Wo finde ich diese Menschen? – Er hat einen leichten schwarzen Humor, der mit viel Lachen daherkommt: „For the second part of my life I want to be a dictator!“ Er hat einige wenige gute Freunde & eine Freundin, Amanda, in die er resigniert verliebt ist. Er möchte polyamor leben, sie sitzt in einer monogamen Beziehung. Wenn Ben diskutiert, so ist er manchmal ein sehr guter Zuhörer, dann wieder aber auch sehr unstet und reißt das Wort an sich; – das schwächt er dann ab, über einen Witz. So sagt er: „3 … 2 … 1 – it’s my turn!“ Neue Menschen lernt er zum einen mit Neugierde, zum Anderen mit Widerwillen kennen. Um nicht immer wieder dieselbe Geschichte wiederholen zu müssen, verschweigt er noch offenen Menschen oft seine Transsexualität. Sonst hat er sie oft schon fast vergessen. Auch für seinen Beruf muss er reisen – ethische Projekte (z.B. eine Internetplattform, über die man dafür sorgen kann, daß eine Idee unpatentierbar wird) sind selten und weit verteilt. Nach einer längeren Reise kommt er vielleicht zurück und Amanda erzählt ihm, sie habe da 100 denkende Menschen gefunden. Sie träfen sich in einem Festsaal. Endlos begeistert besucht Ben die Veranstaltung der 100; Amanda begleitet ihn. Doch er muss feststellen, dass binnen kürzester Zeit wieder Manifeste durch den Raum fliegen. Und nach einigen Stunden einigt man sich doch darauf, Repräsentanten zu wählen, die wiederum ihre eigene Meinung an der der Mehrheit glattschleifen. Wieder entstehen Machtspiele und alle Mechanismen der Massenpsychologie. Ben bleibt fast bis zum Schluss & versucht Räson in die Gruppe zu bekommen. Am Ausgang wird über Geschlechterrollen debattiert, nur über die Begriffe Mann/Frau. Ben fällt ein: Es gibt auch noch andere Geschlechter. Die Gruppe: Wie? Bist du etwa … umoperiert? Ben: … Zufälligerweise ja. Die Gruppe gluckst. Ben rennt wütend raus. Draußen küsst ihn Amanda und sagt: Du bist schön. Ich möchte eine Beziehung mit Dir. So wäre für Ben ein persönliches Ideal eingetreten, aber jedes Politische zerbrochen.

Standard
Ethik, Inspirierendes, Pamphlete, Politik, Religion, Skeptizismen

Weiße Rosen. (Lesbare Denkmäler)

Sophie Scholl

„Nach einer längeren Debatte waren wir schließlich der übereinstimmenden Meinung, daß der christliche Mensch Gott mehr als dem Staate verpflichtet sei.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

„Beim Anblick der stillen Großartigkeit dieser Berge und ihrer Schönheit wollen einem die Gründe, die die Menschen für ihre unheilvollen Taten vorbringen, lächerlich und verrückt erscheinen, und man bekommt den Eindruck, sie wären gar nicht mehr Herr über sich und ihre Taten, sondern würden von einer bösen Macht getrieben. Denselben Eindruck hatte ich, wenn ich den großen Fabriksaal überblickte und die hundert Menschen an den Maschinen stehen sah, als gehorchten sie, selbst ahnungslos und unbewußt darunter leidend, einer Macht, die sie zwar selbst erschaffen, dann aber zu ihrem Tyrannen erhoben hatten.“

Brief an den Vater, 22. September 1942

„ (…) immer wieder schwankend, müder werdend, nicht mehr sein wollend, so daß ich mir nichts anderes wünsche als Nicht-Sein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stückchen einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch  ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit.“

Brief an Fritz Hartnagel, 22. Mai 1940

„Es ist der Kampf, den ich selbst führe, den Du auch haben wirst, nicht zurückzusinken ins Wohlbehagen, in Herdenwärme, ins Spießbürgertum.“

Brief an Fritz Hartnagel, 10. November 1940

„Ich wünsche Dir sehr, daß Du diesen Krieg und diese Zeit überstehst, ohne ihr Geschöpf zu werden. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Brief an Fritz Hartnagel, 16. Mai 1940

„Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute nacht alle vernichten. Und dann würde meine Schuld nicht kleiner, als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde. – Das weiß ich alles.“

Tagebucheintrag, 9. August 1942

(*)

Hans Scholl

„Ich muß meinen Weg gehen und gehe ihn gerne. Denn es kommt mir ja nicht darauf an, vielen Gefahren und Verlockungen aus dem Weg zu gehen, sondern es soll mir wahrhaftig nur darauf ankommen, die Dinge richtig und in aller Ruhe richtig zu erkennen. Doch bis dahin werden noch viele Stürme über das Dach meines Hauses brausen und es erschüttern. Ich will indessen meine Lampe anzünden, und wenn sie auch flackert und auszulöschen droht, so wird doch ihr Licht rot und warm und manchem einsamen Wanderer ein Wegweiser sein.“

Brief an Rose Nägele, 8. August 1941

„Ihr glaubt vielleicht, man müßte weiser und reifer aus dem Kriege zurückkehren. Dies ist nur bei ganz wenigen Menschen der Fall. Ich glaube, ich war vor diesem Wahnsinn innerlicher und aufnahmebereiter. Der Krieg wirft uns weit zurück. Man glaubt es nicht, wie lächerlich der Mensch geworden ist. Wir verlassen den Operationssaal, drinnen stirbt einer, und wir rauchen eine Zigarette.“

Brief an Inge, 1. August 1940

„Unsere Kompanie wurde vom Kriegsgericht dem OKW der Meuterei wegen gemeldet. Es entwickelt sich in unseren Reihe ein Denunziantentum abscheulichster Art. (…) Ich hatte nicht erwartet, daß die Masse auf die geringsten Drohungen so reagiert. Aber ich habe vieles gelernt.“

Brief an die Eltern, 12. Februar 1941

(*)

Christoph Probst

„Mein Leben war in der letzten Zeit recht doppelseitig, ich hatte einerseits unter einer geradezu beängstigenden wochenlangen Müdigkeitswelle zu leiden, so daß die wachen Stunden recht beschränkt waren. Dazwischen aber war ich recht tätig – medizinisch, russisch, lesenderweise, einkaufenderweise u.s.w. Es war dies geradezu notwendig, da mir in Mußestunden eine stille Verzweiflung ans Herz kroch. Aber eben eine „positive“ Verzweiflung, wenn man das sagen kann, denn sie erzeugte nicht Resignation, sondern Tätigkeit und Intensität.“

Brief an die Schwester Angelika, 4. Juli 1942 (95)

„Einmal muß das Menschliche hoch emporgehalten werden, dann wird es eines Tages wieder zum Durchbruch kommen. Wir müssen dieses Nein riskieren gegen eine Macht, die nicht nur alles Andersdenkende ausrotten will, die sich anmaßend über das Innerste und Heiligste des Menschen stellt. Wir müssen es tun um des Lebens willen, diese Verantwortung kann uns keiner abnehmen.“

1942, zit. n. Bernhard Knoop

(*)

Willi Graf

„Schwer ist es, daß man solchen Problemen immer allein gegenüber steht, kein anderer Mensch kann einem die Last von den Schultern nehmen. Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung. Für uns aber ist die Pflicht, dem Zweifel zu begegnen und irgendwann eine eindeutige Richtung einzuschlagen. (…)“

Brief an Anneliese, 6. Juni 1942

„Hast du schon einmal gesehen und verglichen, daß für viele Menschen diese Probleme, die uns bewegen, so gar nicht erregend wirken? Es gibt zwar Unterschiede in dieser Stabilität: Die einen besitzen tatsächlich die Weisheit, die ihnen Ruhe bringt, die anderen aber finden es zu anstrengend, sich damit herumzuschlagen und geben sich mit kleinen Fortschritten in ihrem persönlichen Leben zufrieden. Oft kann man sich wünschen, doch zu diesen „Zufriedenen“ gezählt zu werden, es wäre doch so einfach. Aber wir finden diesen Weg nicht, wenn wir uns auch noch so unempfindlich machen.“

Brief an Anneliese 25. Juni 1942

(*)

Alexander Schmorell

„Mein Haß gegen diese Menschen, und mit ihnen auch gegen dieses Land, wächst von Tag zu Tag. Wenn das so weiter geht, bin ich doch neugierig, wohin das kommen soll.“

Brief an Angelika Probst, 13.Juni 1937

„Sie sind froh und glücklich, wenn sie nach fremden Regeln leben dürfen, auf fremde Befehle gehorchen dürfen, um selber nicht denken zu brauchen, der Masse nachzugehen, folgend, ihrem Herdentrieb, um nicht zu irren.“ Die zweite, sehr viel kleinere Gruppe von Menschen nannte Alexander Schmorell die „Auserwählten,  (…) die es können, Neues uns Eigenartiges zu schaffen, die sich die Lebensregeln selbst zusammenstellen können und auch tapfer genug sind nach ihnen zu leben und die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937, zit. n. Christiane Moll

„Denn nichts ist schöner, als die Freiheit des Gedankens und die Selbständigkeit des eigenen Willens, wenn man sie nicht fürchtet. Hier versucht man, uns sie zu rauben und sie uns vergessen zu machen oder sich von ihr zu trennen, aber das wird ihnen nicht gelingen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937

„Wie schön ist es dann, sich in ein solches Blütenmeer zu werfen, den dahin ziehenden Wolken nachzuschauen und von Vergangenheit und Zukunft träumen zu können. Aber solche Schönheiten verstehen die Menschen hier gar nicht; bei ihnen heißt es Tempo, Tempo, schuften, schuften, um einige Habseligkeiten zu erwerben, um nicht zuspät zu kommen. Ist das der Sinn des Lebens? Hier in Deutschland scheinbar schon, und deshalb hat hier das Leben auch keinen Sinn.“

Brief an Angelika Probst, 27. Juni 1937

„Was ich getan habe, habe ich nicht unbewußt getan, sondern ich habe sogar damit gerechnet, daß ich im Ermittlungsfalle mein Leben verlieren könnte. Über das alles habe ich mich einfach hinweggesetzt, weil mir meine innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat höher gestanden ist.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

Standard
Ethik, Ironismus, Literatur, Politik, Skeptizismen

Der Störenfried

Wir gaben ihm Stellung und feuerten ihn an. Das hätten wir nicht von ihm gedacht! Er war immer der alle Zurückhaltende gewesen: der, der Dich am Ärmel fasste und leise fest sagte:

Jetzt ist aber mal gut. Lass „gut“ sein (– du verstehst es nicht). Vom vielen Verstehen bei Kerzenlicht waren seine Äuglein schlecht und wir ihm mächtig und böse geworden! Da nahm uns einer den Frack, – nein schlimmer! – die Uniform ab! Da hielt uns einer zum Besten – verständig; verglich uns mit selbigem (gegen sein eigenes Licht); – hielt uns nicht offen, daß unter der Uniform noch etwas sei!

Das ging uns zu weit!

Wir wurden still. Akzeptierten; gaben Hoffnung. Einer fing an, seine Buchtipps zu lesen.

Doch einmal, – doch, doch, doch. Uns war es ja klar gewesen; – da stand er umzingelt; irgendwie hatten wir’s geschafft. Da zählte kein vorher. – Der Oberst hatte abgezählt, in der Umkleide: wer los müsse. Der Schwächste, der Hänfling – ein gewaltiger Mitläufer –, sollte an die Front. Wir nahmen den friedlichen Störenfried bei seiner Ethik. Von ihm verlangten wir das Volontariat, zum Schutze des Hänflings.

Und laut fiel er leise an der Front. Wir glaubten ihm im Graben und klaubten plappernd (und lachend und rauchend) seine klappernden Knochen in den Feuerpausen auf.

Standard
Ethik, Politik

Gut zu sein bedarf’s nicht wenig – vor allem Besserung.

„Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie.“

„Keine Schneeflocke in der Lawine wird sich je verantwortlich fühlen.“

– Stanislaw Jerzy Lec

Irgendwann, in jedem System, in dem man lebt, am Ende jedes Zusammenhangs, steht man selbst.

Ist man darin nun weniger Mörder, wenn man zusammen mit anderen gemordet hat? Kann man etwa Dreiviertel-Mörder sein? Ist man einer zu 20, zu 2, zu 0,2%? Zählt man Mörder in rationalen Zahlen oder gleich in reellen?

Ist man kein Mörder, wenn man mit einer Maschine tötet? Ist man keiner, wenn die Maschine kompliziert ist, wenn man sie nicht durchschaut, nie baute oder entworf, sie jedoch bedient wie im Schlaf, um das Resultat im Klaren? Ist man kein Mörder, wenn die Maschine so groß ist wie die ganze Welt, wenn sie jenseits des eigenen Blickfeldes den Mord ausübt, wenn mit jedem Mord ein Geldstück oder ein Lebens-Mittel aus ihr fällt, in den eigenen Schoß? Ist man keiner, wenn man die Maschine in die Wiege gelegt bekommt, wenn man mit ihr aufwächst, von Klein auf lernt, sie zu bedienen, wenn sie zur Gewöhnung wird, zur Normalität, zum Lebensunterhalt?

Ist man kein Mörder, wenn die Maschine Maschinerie ist, System, wenn die Maschine Kapitalismus heißt, wenn sie Angebot und Nachfrage, wenn sie Globalisierung oder Konsumgesellschaft oder Marktwirtschaft genannt wird?

Nun, die eigentliche Frage ist doch: wer von uns Mördern will noch Lügner werden?

Erst, wessen Gewissen eben nicht „gut“, da entfernt wirksam ist, erst bei jenem, der sich für Ehrlichkeit entscheidet, der vor Schmerz überläuft, fängt die Anstrengung an. (Doch auch bei ihm muss es vergebens bleiben, aufs Vergeben zu setzen, wenn das Opfer schon starb.) Wie also kann ich mein Gewissen, jetzt, wo es nicht mehr gut ist, sondern adäquat, aufrechterhalten?: Wie komme ich mit dem zurecht, was ich bislang war? Wie lässt sich das System beseitigen, sodass zumindest die Zukunft anders wird; wie besser? Letztlich: wie kann ich mich verhalten, bis es so weit ist?

Weder bin ich in der Lage, noch möchte ich die Denkarbeit abnehmen, weil ein jeder, der irgendeine Integrität besitzen will, sein Leben als ethisches an dieser Stelle von Grund auf überdenken muss. Meine Einstiegsüberlegungen sollen nur folgen, um zu zeigen, dass es nicht ausschließlich bei Fragezeichen bleiben darf.

Die Vergangenheit ist insofern eine tote Zeit, als sie absolut ist: gänzlich unabhängig von allen lebenden Entitäten, jenseits allen Werdens und Wandelns, nicht mehr veränderbar. Folglich lässt sich ihr logisch lediglich akzeptierend begegnen; Bereuen ist nur zu begrüßen, wenn es uns in der Gegenwart beeinflusst, als Flucht vor dem Geschehenen in den Fortschritt treibt. Damit das Sich-Stellen aber tatsächlich ein Nach-vorne-Drängen wird, muss Widerwillen gegen das entstehen, was man derzeit ist: an dieser Stelle kommen Selbstreflexion und ihr Selbsthass ins Spiel, der das in uns bekämpft, was nicht wir sein wollen, was uns abstößt, der also, trotz missverständlicher Wortwahl, das Selbst verteidigt gegen das im Ich, das gegen einen selbst wie andere steht, idealiter als treibende Kraft der ethischen Dialektik, des Progresses an sich.

Je ähnlicher wir unserer Vergangenheit sind, desto weniger haben wir uns bewegt in unserem Leben, desto weniger wurden wir, desto mehr sind wir noch unbewusst und unbedacht – Fremdeigentum, extern, heteronom, da jeder so beginnt. Je näher man an diesem Ausgangsstadium bleibt, desto unaushaltbarer ist das Sich-Stellen, desto unwahrscheinlicher, dass man erkennt, wie überholenswert „man“ ist – desto ferner strebt man, sofern man es doch tut; je größer der Abstand aber wird, desto leichter fällt das Akzeptieren, weil umso mehr Entwicklung stattfand. Dies ist der einzige Weg, mit der eigenen, schlechten Vergangenheit klar zu kommen, ohne vor dem Schlechten an sich oder dem eigenen Jetzt die Sinne zu verschließen oder sein Gewissen völlig über Bord zu werfen. Was getan ward, bleibt getan, wird nie legitimiert sein, ist Faktum; wir können es nur ertragen, da wir besser wurden, besser werden, ohne je damit aufhören zu dürfen. Und wahrhaftige Schuld, die wir auf uns laden, ist letztlich vor allem ein schweres Gewicht für die Entscheidungen unserer Zukunft.

Den gleichen Weg muss gehen, wer das System beseitigen will: es ist bloß dadurch, dass wir an ihm partizipieren, Teil sind und Profiteur, ja, dass wir zwischen uns und ihm nicht unterscheiden können: es ist nicht lediglich in uns – wir sind es. Die Zukunft aber kann nur besser werden, wenn wir in der Gegenwart die Vergangenheit hinter uns lassen; Zukunft hat nur, wer oder was fort schreitet aus dieser Vergangenheit. Aus unserem alten Ich muss ein neues Selbst werden, das vom System befreit wurde und nun gegen es arbeitet. Ersteres kann geschehen durch das Prinzip Zweifel, letzteres muss mit ihm fortgeführt werden. Nur er durchschaut das Opportunistische in uns, nur er legt es frei, obwohl bzw. weil dabei zutage tritt, dass wir weiter nicht viel sind. Aus dieser Erkenntnis entsteht Angst, Furcht vor dem Loch in uns, dem Toten, der Statik des Übernommenen, ein Verschließen, Verstecken davor, die Hast fort von sich, das Fortlaufen von den Spiegeln: diese existenzielle Angst kann einzig ignoriert werden vom Zweifel, der ohne Rücksicht bloßstellt, da er dazu fähig ist, unabhängig von uns zu werden. Wenn er sich einmal ernsthaft in einem Menschen eingenistet hat, entkommt ihm niemand mehr; keine Ausreden, keine Ablenkungen helfen, dem eigenen Nichts weiterhin nicht begegnen zu müssen. Die Aversion gegen alles Fremde in anderem Sinne, nämlich Unbekannte, Unsichere indes ist dabei der Mauerbau ums eigene Nichts, das man bedroht sieht, weil alles Externe, einmal eingelassen, man selbst würde, unverhinderbar, so wie es bislang auch geschah: je weniger man Eigenes ist, desto größer wird die Angst vor dem Fremden.

Nun hat man immer eine Wahl, so schlecht sie auch sein mag – z.B. nach Afrika auswandern und dort mitsterben, Eremit werden oder Suizid begehenen. Alles dies exkludiert uns als Schuldige aber nicht aus dem Ganzen, entzieht uns nicht unserer Verantwortung diesem gegenüber, denn nicht nur wir tun Schlechtes: die Aufgabe, den Zweifel zu streuen, hat jeder, der Maschinerie und Automatismus in sich, in allen und allem beseitigen möchte, sowohl, bis es so weit ist, als auch darüber hinaus: die Skepsis ist der chaotische Virus Freiheit im System. Er wird letztlich auch jede gewichtige Tat so verändern, dass sie nicht mehr zu bereinigen ist vom Gedanken: die ethische Kausalität lässt sich dadurch nicht länger übersehen. Erst mit der Bewusstwerdung dessen, was wir sind bzw. dass wir nicht(s) sind, vermögen wir das zu werden, was wir sein wollen. Empathie und Sensibilität nun können sich zu neuen Normen wandeln, sie erweitern uns zur Welt, wir werden sie, ihre Gefühle, ihr Schmerz – aus Kausalität folgt endlich wahrgenommene Schuld. Jene wiederum lässt den Selbsthass wachsen, dieses Gefühl der Schande: er ist absolut rational motiviert; er spürt, dass wir nicht gut sind, und er macht uns besser. Das Wissen um beides mag mit Arroganz verwechselt werden, doch es ist Faktum, es ist Schutzschild des Gewissens oder dessen Geburt; wenn man den Gedanken nicht zuließe, in der Lage zu sein, besser als andere zu werden, könnte man nicht mehr hinreichend gegen das vorgehen, was in einem und anderen, früher, heute und in Zukunft System ist, un-eigen, schlecht, kurzum: hassenswert, weil es keine bedeutende Unterscheidung mehr gäbe zwischen richtig und falsch – dieser Hass ist die Bedingung der folgerichtigen Liebe.

Zweifel, Selbsthass, Sensibilität, Empathie, Schmerz und Arroganz greifen also die Wurzeln an, sind radikal und folglich nachhaltig, flächendeckend, konsequent: falls zielgerichtet, so auch zum Handeln geeignet, als Ethos. Der Zweifel führt zu der Erkenntnis, dass man System ist und damit blind für dessen Schandtaten, er befreit ins Individuum, in die Freiheit der Möglichkeiten, ins Denken und in geweitete Horizonte; er ist Herausforderung des Verstandes und er übersieht nicht, er antizipiert noch die letzte detaillierte Unwahrscheinlichkeit. Der Selbsthass stachelt uns an zur Veränderung, kann nicht ertragen, dass man nichts, wenig, schlecht ist, bleibt Perfektionist, unzufrieden mit uns. Sensibilität und Empathie sind die stets beweglichen, wandelbaren, zukunftsfähigen, aber nie rückgratlosen, konformistischen, „flexibel-elastischen“ Normen, denn sie sind in uns, sie sind wir; sie erweitern zur Welt, lassen fühlen, was schlecht ist, dass in uns die Pflicht liegt, auch anderen ein Selbst zu ermöglichen. Der Schmerz als Reaktion lässt einen nicht mehr los, er nimmt einen mit, begleitet, überall hin, zu jeder (Schand-)Tat, die er zu verhindern trachtet. Die moralische „Arroganz“ letztlich bringt die notwendige Gewissheit mit sich, dass besser zu sein als andere nicht das (moralisch) Falsche, sondern genau das Richtige ist – wie überhaupt, dass wir es können, womit wir erst in der Lage sind, das Schlechte ihm gebührend zu behandeln: weil bessere Alternativen von ihm unterminiert werden. Die Götterdämmerung, das böse Schicksal der internalisierten Gottwesen, das Aufblühen des Individuums dieser Art hätte ergo, der nordischen Mythologie entlehnt (seien wir so absurd wie wir sein müssen), eine bessere Welt zur Folge. So ließe sich im Jetzt das ehemalige Ich ertragen, je mehr es vergangen wäre, eben durch Wachstum; das System unterminieren, indem wir zu uns würden; produktive Besserung herbeiführen, da unsere Normen uns weder in Gedanken, noch in der Tat verlassen könnten; und das Gewissen aufrechterhalten, weil es seine Arbeit zu verweigern nicht mehr fähig wäre.

Standard
Ethik, Politik

An DIE MÖRDER UNTER UNS, an – ALLE

„Wo wir uns finden, hat verkehrte Konjunktur

uns fett gemacht. Dank Leid und Kummer satt,

schlug mästend Elend an als freien Marktes Kur;

und selbst auf unsre Sünden gab’s Rabatt. (…)“

(aus „Das Unsre“ von Günter Grass)

„Our lives begin to end the day we become silent about things that matter.“

(Martin Luther King)

Einer von neun Menschen auf der Welt leidet an Unterernährung.

Im Jahr 2014.

Das sind 805 Millionen Menschen.1 Oder 10 Mal Deutschlands Bevölkerung – wäre Deutschland ein „Platz an der Sonne“2, wären „Deutsche“ nicht „implizit“ mehr wert.

Zwei Milliarden Menschen hungern weltweit „unerkannt“3 – d. h. auch oder insbesondere ignoriert. Und selbst, wer den Hunger seiner Jugend überlebt und keine irreversiblen Schäden davon trägt, wächst hinein in die Armut und die wirtschaftliche Stagnation seines Landes, die das Hungerproblem mitschafft, in beiden Sinnen4. Im Jahr 2006 starben jeden Tag 100.000 Menschen allein an Unterernährung und ihren Folgen5 – ein Tatbestand, für den wir nie Zeuge, aber stetig Täter waren. Die globale Situation hat sich die letzten acht Jahre nicht maßgeblich verändert6. 100.000 Menschen, seien es ein paar 1000 mehr oder weniger7, werden täglich von und für uns ermordet, genauer: von unserem und für unseren Gleichmut: für unseren Status Quo, für das System, in dem wir leben, an dem wir partizipieren, das wir verteidigen, von dem wir profitieren. 100.000 Menschen, das hieße: alle 60 Tage ein kapitalistischer Holocaust, was keine Polemik, sondern schlichte, bittere Realität ist. Welche Berechtigung hat der Konjunktiv, den wir eben verwendeten? Bloß eine, die das herrschende System mit legitimierte. Bloß die.

Massenmord bleibt Massenmord

Es gibt drei qualitative ethisch-moralische Unterschiede von Bedeutung zwischen den heutigen Deutschen und jenen zwischen 1933 und 45, und alle drei beweisen, dass wir in größerer Erklärungsnot sind, als unsere Urgroßväter aus Nazideutschland je waren – der einzigen Not, die wir (ich spreche hier von allen, die des Prekären hold sind) haben – ganz ohne sie zu kennen.

Zum Ersten nehmen heute alle an dieser Gesellschaft, am relativen Wohlstand, am Massenkonsummord teil, die meisten am Geld-für-sich-arbeiten-lassen ihrer Kreditinstitute, während damals zwar jeder (in gewissem Grade) Mitwisser, beinahe jeder Mitläufer, aber definitiv nicht jeder Täter war: wenigstens handelte man noch als Opportunist im Auftrag eines verbrecherischen Staates statt als Nutznießer eines solchen Wirtschaftssystems.

Zum Zweiten ist die Ausrede, welche sich während der Nürnberger Prozesse großer Beliebtheit erfreute – derzufolge die eigenen Verbrechen ein anderer tun würde, wenn nicht man selbst – in der Nachfragelogik unseres kapitalistischen Systems im Gegensatz zum Hierachieverständnis des Faschismus nicht mehr im Mindesten tragbar – so etwas wie „Unschuldige“ gibt es nicht.

Zum Dritten schließlich wäre in unseren Tagen ein Ausklinken aus dieser Gesellschaft oder ihr scharfes Kritisieren nicht halb so folgenreich und nachteilhaft wie zur Zeit des Dritten Reiches, was unsere Schuld, und dieser Begriff ist, wenn irgendwo, dann hier angebracht, ins wahrhaft Unermessliche steigert.

Das Neue am Holocaust war indes nicht etwa die „Qualität“ der Taten – denn bürokratistisch-administrativer, industrialisierter Massenmord ohne Gewissensregung hatte seine Ursprünge bereits im Kolonialismus –, sondern die pure Quantität, die unfassbare Menge ermordeter Menschen. Auch aus diesem Grund ist jeder Vergleich mit heutigen Verbrechen, die ähnlich viele Menschenleben kosten, nicht nur berechtigt, sondern eine ethische Pflicht, da man das Ausmaß des zeitgenössischen Schreckens wie der Schuld augenscheinlich nicht anders bewusst machen kann. Aimé Césaire schrieb jedoch außerdem, dass nicht in dieser Unvorstellbarkeit der „Quantität“ das Problem der Bewältigung der Shoah liegt und lag, sondern in einem anderen, einem normativen Umstand: „[Was man Hitler im Grunde nicht verzeiht ist] (…), dass [der Holocaust] nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass er das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass er die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa (…).“ Offensichtlich gilt diese Unterscheidung zwischen dem Wert des Weißen und jenem des Rests der Welt nach wie vor, nur interessieren sich derzeit noch weniger für „Farbige“ als damals für Juden – am allerwenigsten die „Alliierten“. Eine wortwörtlichere Umsetzung der „Blut-gegen-Ware-Verhandlungen“, ein produktiverer industrieller Massenmord lässt sich letztlich nur noch im Kapitalismus etablieren, wo der Ethos absolut unethisch ist, wo es tatsächlich um nichts anderes mehr geht als um das, was sich finanziell lohnt. Doch „keiner fällt den Mördern ins Wort“ (Celan, Wolfsbohne). Wieso nicht?

Wenn wir also heute, alle 60 Tage, ganz ohne Konzentrationslager, doch mit Hilfe der unsichtbaren Hand des Marktes, einen Leichenberg auftürmen, der Auschwitz noch übersteigt; und wenn der Vergleich zwischen einem Leichenberg aus Afrikanern, Lateinamerikanern und Asiaten mit einem aus Juden dank offensichtlichen Fundamentalrassismen kollektiv, aber vor allem elitär verurteilt, untersagt, zensiert und unter Strafe gestellt wird – wie können wir dann noch glauben, Kapitalismus sei eine gesellschaftliche Praxis, die gerechter oder gerechtfertigter sei als irgendeine Art des Faschismus?

Wir können daran glauben, denn:

Eichmanns gibt es viele.

Hannah Arendt attestierte Adolf Eichmann, womöglich der Schlüsselfigur des Holocaust, demjenigen, der die Deportationen kontrollierte, in ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“8 den „Schutzwall“ „mangelndes Vorstellungsvermögen“, „schiere Gedankenlosigkeit“ (nicht Dummheit!) und „Realitätsferne“ – gesammelte Merkmale, die auf alle mir heute bekannten Menschen ebenso zutreffen, denn Eichmanns gibt es viele. Es ist in der Tat die Unfähigkeit, sich mit den Resultaten der eigenen Handlungen in Verbindung zu setzen, zu kombinieren, ja, überhaupt zu realisieren, was man tut, die vor allen sogenannten „bösen Triebe[n]“ zum Unrecht auf der Welt führt.

Wenn man den Schweiß der Kinderarbeit in konventioneller Schokolade schmeckte, jene Bauern in seinem Schrank hängen sähe, die einem die Kleider strickten, oder beim Fleischessen den brennenden Durst erodierter Regionen erlitt – so wüsste man, wie viel Blut an den eigenen Händen klebt, was man anrichtet, welcher Mörder man ist. Doch haben wir die Folgen unseres Handelns, all die Agonie outgesourct. Wir hören noch Statistiken sterbender Menschen, doch fühlen wir nichts. Die geographische Trennung zwischen uns und unseren Opfern löst den Sichtkontakt auf, das ist gewollt. Aber nicht den Zusammenhang.

Immunität des gutbürgerlichen Mörders

Der einzige Grund, warum wir für all das nicht vor Gericht stehen, ist, dass es keine hörbare Klage gibt, da keine Kläger in unseren Breiten existieren – man lässt sie erst gar nicht über unsere Grenzen (mit Green Card fällt es schon schwerer, den Kapitalismus anzuprangern). Dennoch sind wir alle schuldig (ja, schuldig, wir sind es, sofern das Wort irgendeinen Sinn ergibt), weder besonders, noch zuletzt die Gesetzgebenden. Wir alle, wir Anonymen, „sie“ sagen nichts, „weil sie sich selbst belastet fühl(t)en“ (Arendt). Auch heute trägt „kein Faktor so wirksam zur Beruhigung [des] Gewissens bei[] wie die schlichte Tatsache“, dass sich „weit und breit niemand[], absolut niemand[] entdecken“ lässt, dem die allgemeine Tätermoral auf- oder missfiele oder der dagegen die Stimme erhöbe – obwohl das „bloße Wort bereits“ eine gute Tat wäre. Dieses Faktum mag daran liegen, dass „die Stimme des Gewissen in [uns] genauso [spricht] wie die Stimme der Gesellschaft, die uns [umgibt]“. Wie damals haben sich nur „Ausnahmen (…) so etwas wie ein normales Empfinden bewahrt“, welche sich, als die „sehr wenige[n] Menschen, die imstande sind, wirklich begangenes Unrecht einzusehen“, also sich „schuldig [] zu fühlen“, inzwischen „absolut darüber klar [sind], dass ihre eigene Schockreaktion von ihren Nachbarn nicht mehr geteilt [wird]“.

Wie damals wird man die Frage „Galgen oder Orden“ stellen, wenn die Nach-Dritte-Welt-Kriegszeit dämmert, was wohl nie der Fall sein wird – wenn doch, so gäbe es, gleich dem Nach-Hitler-Deutschland, keine Verhaftungen „mangels Bewusstseins der Gesetzwidrigkeit“. Noch in der Tat: wir können der Wirklichkeit nicht „ins Gesicht (…) sehen, weil das eigene Verbrechen aus ihm nicht mehr wegzudenken ist“. So trainiert man uns von klein auf, die Realität nicht zu realisieren, den industriellen Massenmord für Normalität zu halten, an ihm teilzunehmen. Und genau dies ist der Grund, weshalb wir es tun.

Auch dass die „moralische Verantwortung desjenigen, der das Opfer dem Tode ausliefert, (…) nicht geringer ist und sogar größer sein kann als die Verantwortung dessen, der das Opfer mit eigenen Händen tötet“, wie eine der Prämissen der Gerichtsbarkeit jedes Naziverbrechers lautete, ist exakt auf uns – die „gutbürgerliche[n] Mörder“, nämlich die „Helfershelfer“ (Konsumenten und Besitzende) „uniformierter [oder uniformer] Mörder“ (Unternehmen, Banken und Börsen) – anwendbar. Eine gerechte Gerichtsinstanz, uns betreffend, käme zum selben Schluss wie die Richter im Urteil Eichmanns über diesen, denn offensichtlich ist „jedermann geschehen“, was jenem im Dritten Reich „geschah“, nämlich anonymisiertes Mitmorden zum eigenen Vorteil, und zwar im Schutze und in den Grenzen des herrschenden Systems: „Die gegenständlichen Verbrechen sind (…) Massenverbrechen, nicht nur, was die Zahl der Opfer anlangt, sondern auch in bezug auf die Anzahl der Mittäter, so dass die Nähe oder Entfernung des einen oder des anderen dieser vielen Verbrecher zu dem Manne [oder zum Um-/Zustand], der tatsächlich das Opfer tötet, überhaupt keinen Einfluss auf den Umfang der Verantwortlichkeit haben kann. Das Verantwortlichkeitsausmaß wächst vielmehr im allgemeinen, je mehr man sich von demjenigen [oder dem] entfernt, der die Mordwaffe mit seinen Händen in Bewegung setzt.“ Unsere Schuld nimmt demnach von Neuem an Dimension zu; ja, wir haben sogar noch die letzten „Hände des Mörders“ – die es im Nationalsozialismus noch gab – entfernt und durch die invisble hand, durch ein Dahinsiechen, durch Krankheit und Unterernährung und Ausbeutung, durch ein kannibalistisches System ersetzt.

Lösung der Gewissensfrage

Ein Naturgewissen existiert nicht. Wenn überhaupt, so verfügen wir bloß über ein gespaltenes, das Doppelmoral zur allgemeinen Ethik erklärt – die „Inkonsequenz“, die dabei zutage tritt, fällt niemandem auf, weil wir sie nicht sehen, nicht „sehen woll[]en“ (Arendt), weil wir blind sind. Es gibt keine Schuld bei uns zu erlösen, weil wir niemals welche fühlten – wir werden zur kollektiven Schuldunfähigkeit des Realen erzogen, sie ist per Normalisierung sozialisiert.

Dazu gehört ferner, dass man vor allem anderen Unrecht den Hunger in der Welt, den einer Milliarde Menschen, das Resultat der Ungleichverteilung, des eigenen Wohlstands als unausweichlich und alternativlos darstellt, als schon immer da gewesen. So leicht unterwirft man sich, wie Erich Fromm es formulierte9, einer anonymen, internalisierten Autorität, „der Geschichte“ oder „der Natur“, die einem die Verantwortung abnimmt. Dies aber ist die Bedingung, die es uns „beinahe unmöglich mach[t]“, uns unserer „Untaten bewusst zu werden“.

Es bedarf einer totalitären Doppelmoral, um als Mörder einen Diebstahl oder eine materielle Beschädigung, den zu tiefen Ausschnitt seiner Tochter oder die Befehlsverweigerung eines Schülers zu verurteilen (– und dennoch wird es gemacht). Denn wie sollte überhaupt irgendwer von uns (Partizipanten) urteilen dürfen, wenn noch der Richter schuldig ist – geschweigedenn über solche Kleingeistereien? Und wer will mir erzählen, er habe irgendeinen ernsthaften moralischen Wert, wenn ihm jene hier aufgezählten Gedanken noch nie gekommen sind, wenn moralische Integrität oder gar Authentizität unbekannt ist? Ja, wie soll man einer solchen Person irgendeine Art von Respekt zollen, völlig einerlei, in welcher Position sie sich befindet?

Nur durch das Fehlen jeglicher Empathie, jeglicher sogenannter Menschlichkeit, jegliches Verantwortungsbewusstseins ist es möglich, als Ausbeuter, Unterdrücker und Mörder (als Konsument, Teilhaber, Funktionierender) sein jetziges Leben unbedacht weiterzuleben. Tatsächlich kann lediglich, wer gewissenlos ist, sich noch für irgendetwas anderes interessieren, für anderes eintreten, beten, klagen, weinen, leiden als für dieses normalisierte Kollektivmassenmorden des Durchschnittsmenschen Ich, Du, meine Familie & Freunde. Gerade die Unfähigkeit, ethisch denken, handeln, leben zu wollen, gerade diese Unauffindbarkeit eines intakten Gewissens aber machen den Psychopathen aus, sie sind seine Definition. Selbst wenn wir uns also vor Gericht verantworten müssten: der psychologische Bericht lautete „nicht zurechnungsfähig“. Und wir landeten nicht im Gefängnis, sondern in der Psychatrie – wobei man sich fragen muss, wer uns behandeln sollte!

So stellt sich noch dem letzten übrig gebliebenen Ethikum, der über seinen „Mit“menschen zerbrochen ist, die Frage, wie man in einer, verzeiht mir das Wort, kranken Welt gesund bleiben will. Wie möchte man es, wenn noch das Lächeln der Freunde ungeachtet des Zustands dieser Erde, der Resultat ist, im Raum steht, ihn entzwei reißt, wie soll man nicht zwischen diesen Widersprüchen psychisch, moralisch, körperlich zerfleischt werden? Wie will man die Pflicht jedes Humanisten (und Antispeziesisten), das Mitleiden aufrechterhalten, wenn man allein steht und sich keiner interessiert, wenn einem die Kraft entzogen wird von Konformismus und Achselzucken rings umher? Kurz, wie will man diese „furchtbare[] Banalität des Bösen“ aushalten, geschweigedenn bekämpfen, „vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert“? – wie diese „Grausamkeit der Gedankenlosigkeit“ (Nietzsche)?

Wie also kommen oder kamen wir anderen – Gleichen –, die den Widerspruch und das unendliche Leid nicht fühlen, zur „Lösung des Gewissensproblems“, wie Arendt es ausdrückt? Sie selbst beantwortete diese Frage damit, dass es das eigentliche Kennzeichen industriellen Massenmordes sei, „dass diese Verbrechen sich innerhalb einer legalen Ordnung“ vollziehen. So war es damals: so ist es heute. Die Demokratie – zuallerletzt unsere Schönwetterdemokratie – wird nie dafür sorgen, dass sich an alldem irgendetwas ändert; ja, sie wird es immer legitimieren. Schließlich repräsentiert sie noch diesen Typen Mensch, diesen normalen Psychopathen und seine „Pilatussche Zufriedenheit“ (vgl. Arendt) – die eben von der Entscheidung des ganzen Volkes gedeckt ist. Selbst wenn man drückebergerisch, „systemimmanent“ an besseren Partizipationsmöglichkeiten herumdoktorte – nicht diese oder ihre Unauffindbarkeit sind das Problem, sondern die Menschen, die sie benutzen, wir, die (abendländischen, industrialisierten) Völker, unsere „Wertegemeinschaft“.

Wir sourcten also das Leid aus, damit es nicht mehr offen sichtlich war, sodass wir uns weigern konnten, zu realisieren. Gedanken- und Empathielosigkeit, Ursachen wie Folgen dieser Handlungen, führten zum vollständigen Verlust jedes Verantwortungsbewusstseins. Daraus entstand ein Gewissen, das mit der Stimme der Gesellschaft und mit zwei Zungen sprach, wobei diese von den Verbrechen profitierte. Eine Doppelmoral emergierte, die systemkonforme Prämissen als solche überhaupt nicht mehr durchschaute, die ihre Argumentation mitten auf der Strecke (bleibend) begann – statt zu Beginn. Unter Schuldigen schließlich, in der Situation, die wir zum Status Quo erklärten, deckte man sich gegenseitig, schon aus eigenem Interesse: keine der fadenscheinigen Ausreden, dieser schlechten Erfindungen, entlarvte man. Durch die Normalisierung, von Kind auf betrieben, und die Behauptung der Alternativlosigkeit des Grauens wurde die Schuldunfähigkeit (a-)sozialisiert, somit erblich und quasi unsterblich. Dies ist die traurige Kausalkette, welche – das ethische, denkende, fühlende Wesen Mensch liquidierend – die Lösung der Gewissensfrage resümiert.

Integrität fordert Radikalität

Wer aufhört, wer aufhorcht in dieser Welt, der muss aufhören, beenden, was bislang war, der kann die Schreie nicht länger ignorieren. Wie Gustav Landauer muss er ausrufen: „Die Welt ist ohne Sprache. Sprachlos würde auch, wer sie verstünde.“ Wir werden bis ans Ende unseres Lebens schuldig, Täter bleiben, daran ist nichts mehr zu ändern. Aber wer nicht weiter morden und dabei zusehen, wer kein Psychopath mehr sein will, wer für seine Kinder anderes vorhat, der muss jetzt beginnen, damit aufzuhören, der muss alle Energie, alles Geld, alle Ideen, alle Zeit, alle Kraft in dieses eine radikale Ziel der Beseitigung unseres Systems stecken und sich wie alle anderen als dessen funktionsfähigen Teil für immer abschaffen.

4http://de.wfp.org/hunger, entnommen am 12.12.2014

6 2006 waren es statt 805 856 Millionen Menschen, die permanent schwerstens unterernährt waren (vgl. ebd.). Diese leichte Verbesserung wird relativiert durch die massiven Hungerkrisen, die vor allem durch die Spekulation der Finanzmärkte und deren Kollaps ausgelöst wurden.

7Sprechen wir nicht erst von den betroffensten Regionen, für die keine (oder keine zuverlässigen) Daten bereit stehen.

8Wir werden im Folgenden aus diesem Werk zitieren. Für exakte Seitenangaben bestimmer Textstellen, auch der anderen Quellen, bitte nachfragen.

9In Fear of Freedom.

Standard