Ästhetik, Existenzialismus, Inspirierendes, Literatur, Lust(-iges) & eROTik, Politik, Postmodrig

Fragmentchen

Eine komische Nase, die Asymmetrie der Flügel, ein komischer Mund … und deine Stirne erst! Wie das passt, wie das nicht passt! Wer hat denn da das Muttermal … ? Du siehst komisch aus. – Ich muss dich mal nackt sehen.

Sie reißt ihn aus der Gesellschaft und der Kleine steht im Atelier. – Wie die Fahne draußen! Wenn der Wind weht: an; wenn Gleichdruck herrscht – aus. Bitte.
Er zieht sich an, aus, an, aus, gelinde wie ein Reißverschluss. – Du bist noch keine was? – 18. – Was? – 18. – Was? – Er schweigt. – Dafür kleidest du dich aber schon tüchtig in Narben. Dein Oberschenkel, … wie? Dein Oberarm, dort! – Mein Selbstwert ist eine geritzte Sache. – Wie tüchtig! Wie wichtig, wie fein … Nimm dir ruhig ein Buch aus dem Regal und lies‘. Ich zeichne. Ziehst du nun die Uniform an? – Nein. – Nein? So muss ich sie mir also denken? – Auch in Ihren Gedanken werde ich keine tragen können. – Wie tüchtig! Wie fein! Unter Tolstoi schmilzt Zartbitterschokolade. Die magst du? – Ja. – Dann nimm sie dir. Vielleicht schmilzt sie gar nicht. Ich halte das Atelier auch im Frühling ziemlich kühl. Schäm dich gar nicht, wegen deines geschrumpelten Geschlechts. – Wie käme ich darauf! – Wie … schön.

(*)

Victoria

N: Du sahst so harmlos aus, als ich dich erst erblickte!

Victoria: Wissen tat ichs, daß du so sahst. Alles schaut sich schwierig an, doch das Schaun des Meisten bleibt einfach zu durchschaun.

N: Und nun blute ich!

V: Führwahr, du blutest … das ist gut.

N: Du findest’s gut? Du siehst’s und findest’s gut?

V: Wie sonst.

N: Das ich getroffen werden konnte, wo du trafst, das wusst ich nicht! Und daß da soviel Rotes quellen kann, das macht mich ohnmächtig.

V: Nun sprichst du besser als zuvor.

N: … Hilf mir!

V: Forderst du wirklich meine Hilfe oder Hilfe bloß? – Ich kann nur sorgen für, daß es am Bluten bleibt.

N: Das will ich nicht!

V: Ich weiß.

(Pause)

N: Hilf mir!

V: Hilf dir selbst.

N: Schlaf mit mir?

V: In hundert Jahren. Missversteh‘ mich nicht! Dies ist ein Versprechen. Gefühlt müssen diese Hundert Dir vergehen.

N: Nun sprich nicht mehr!

V: Wie du willst.

N: Brauchst du denn keine Hilf‘?

V: Die deine lang noch nicht.

N: Ach, du bist grausig! Hast so ein lieb‘ Gesicht.

V: Jetzt wirst du rückfällig. Halte still und Dummes Dir zurück; dann tut das Blut vielleicht schon wenig weh.

(*)

B: Ach! Mein Wunsch! Mein Wunsch!

Y: Dein Wunsch?

B: Meinen Wunsch, du erfüllst ihn. Ihn erfüllst Du, ich will gleich den Artikel ändern. Die Wunsch, denn dein ist er und an Dir ertrag‘ ich ihn.

Y: So lang gleich die Freude?

B: So lang gleich die Freude.

Y: … So wird es eine grammatikalische Beziehung?

B: So wird es. So wird es eine Beziehung?

Y: So wird es eine Beziehung. Das ist was?

B: Das ist …

Y: / … Das ist –

B: Das ist wenn wir uns alles geben wollen, was uns möglich heißt.

Y: Heißt? Heißen wir Möglichkeit? Wo heißt du mich willkommen?

B: – Bei meinem Verb, bei meinem Adverb, in den meisten meiner Adjektive, in der Armut meiner Substantive.

Y: Substantiell! Substantiell will ich Dir sein.

B: Das ist aber schön. Darf ich über dein Gesicht nachdenken?

Y: Nur zu! Ich bin vorsichtig …

B: Das bist Du! – fürwahr. Dir entfährt nichts, was du nicht meinst.

Y: Nun überschätz mich nicht. Schätz weniger, Schatz. Schall ist Dir der Klang meiner Brille, das Zittern meines Shawls.

B: Wie wenig Worte! Mittels deines Gesichts, meinte ich deine Haut. Ich weiß, daß sie heiß ist, am Hals, kühl im Zeigefingerglied. –

Y: Weißt Du, wie ich vor vielen Wochen meine Clitoris sah?

B: Vor vielen Wochen?

Y: Da hatte ich keine.

B: Ich ahne, doch ich will nie meine Erzählung zu dem Deinen. Ich muss wählen und wähle meine Erzählungen ab.

Y: Da hatte ich keine. Ich nahm einen Mundspiegel, Zahnarztbesteck. Ich machte mir meine Erzählungen fremd. In Mikrochirurgie fragte ich nach der Meinung, die ich hatte, von dem kleinen Klüftchen, ja, von dem schmalen Glöckchen. Ich fand, es war ein dünner Albtraum, der mich zungenzarte Venustrassen wäscheklammer-kalt zerfurchen ließ. Hör zu: ich bin nicht zungenzart! ich führe keine Venustrassen! Ich hasse den, der Furchen hasst und ich hasse den, der selbst nicht hasst und weint, während er Umklammernswertes langsam zwischen Lippen nimmt! – Will sagen, B., will sagen: willst Du, daß ich sagen kann? – Sag nichts, ich weiß doch wie Du willst. Und sei vorsichtig, mit Allem hier und ich schwöre Dir! – – hörst Du?

B: Ich denke, ich höre. Ich hoffe, daß Du es nicht wissen kannst, ob ich denn … –

Y: Ich weiß nicht. Hör zu, ich schwöre Dir! Hasst Du nicht und willst nicht weinen, wegen dem, was meiner schwarzen Schwester und meinem bronz’nen Bruder angetan wird, von Menschen, weiß wie Dir, mit einem Konto, reich wie meinem, einem Hasspfahl zwischen den Beinen, wie Du den Deinen tragen musst, – hasst Du nicht und weinst Du nicht deshalb, hin zum tiefsten Herz – so will ich, daß du mir die Lippen reißt mit deinen Zähnen, das Glöckchen pflückst, mit Fingernägeln und du fällst, vor Gericht und deinen Freunden: dreizehn Jahre ins Gefängnis! – für Gewalt von einem Mann an einer Frau, du weißt, ich erfände, log und zeigte Dich an, sagte: du warst der, der mir die Unschuld brach! Ich nützte jedes einzelne Ideologem, stündest du nicht aus Traurigkeit und Einsamkeit, weil alle Dich alleine ließen, wegen deines Wunschs nach keiner Grausamkeit, – ganz im Blute, zitternd-arm vor meinem armen Schritt.

B: Ich weiß kaum, was ich sagen will … Ich will Dich, Y., das hörst Du? Ich will Dich, weil ich keinem, Deinem Herzen nicht vertraue. Weil ich weine, weil mein Trauen streng vertaut. In der Hitze meines Hasses schmilzt mein kühles Sehnen hin. Y., ich will Dich eisig, will Dich zitternd, mein Finger trifft Dich ohne Blut.

Y: Ah! Ich dachte, ich fände keinen mehr, keinen Mann, der keiner sein will: hielt es Frauen zugeteilt: die Fähigkeit, sich ganz zu lösen, Geschlechter mit der Heckenschere fetzen. Doch, kaltes Herz, so will ich dich an meinem Glöckchen. Jetzt hör weiter: vor vielen Wochen war ein Trauma, bitterheiß in dieser Gegend. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr: lange fing ich Blicke an. Den Mundspiegel kreisrund auf das meine Klüftchen: ich erfand mir einen armen Mut. Keine meine Stunde musste ich masturbieren; ach, B., ich wollte es so sehr! Ich war so glücklich, dann am Ende und sah auf meinen schwitzigen Fuß. Ich dachte, rutschend gehen nun neue Wege: kalt fände ich endlich einen Mann, der am Bauche gleich empfindlich wär wie ich, – mit einen Sturzstab, daran gleich zwei Tauchgewichte, außerdem auch noch ein Löchchen, in daß sich wieder bohren ließe, kalt, mit allen klammen Fingern.

B: Du sagst nun also, von ganz in der Mitte unten, von dem wunden Zunder drunten, von da aus willst Du nun das Kühle drüber? Das was keinen Gedanken zweimal sieht?

Y: Von Dir verlangte ich doch das Umgekehrte! Dummerchen, du darfst mit mir scherzen, mich berühren … Sprach ich nicht davon, wie leicht’s mir ist: nackt gefläzt der Deine weite Himmel sein, in dem sich deine Äste dehnen?, – nur! weil kein Gedanke hilft, Dein Allesgrab ganz auszugraben, zuallerletzt die Füllung Sinn und dummer Zweck sein kann? Weil Du dreißig Jahre in der Gewerkschaft in der Ecke standest, – weil ein Sturz dich jeher schweigend an den Rollstuhl fesselt? Wie lange sitzt du da schon und hast zweifach alles aufgegeben! Wie zärtlich, vorsichtig hörst Du den Wahnsinn deiner Nächsten? – Ich will Dir alles tun und nun kann ich auch meinen, daß meine Klüftchen, Glöckchen zehnmal arme Geschenke seien.

B: … Ich hoffe, wir müssen nie nichts vergessen … –

Y: Jedesmale will ich in Dir kommen!

B: … Atemnot durch Dich macht atmen. Wenn mir zu heiß wird, machst du mich kalt, und nüchtern vice versa. – Wollen wir zurück zum Lesen?

Y: Ja … das war schön, doch mit Dir ists schwierig. Weil neu, kann ich nicht warten.

B: Ich kann auch nur nicht Bilder zimmern können wollen; – ich mag Dich, Y.! Jetzt finden wir zurück zum Thema.

Y: Ja, B. … Zurück zum Thema!

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Kunst, Literatur, Postmodrig

Im Norden des Körpers

Schüttelfrost als Suche im nähesten Umkreis, immer noch trockenere Eishände, den Kopf zwischen den Scheuklappenschultern, weiter durch die Grelle des Morgens. (Warum sind die Straßen sandig?) Die Schritte stumm stellen, dem Konzert aus schmerzenden Muskeln lauschen (der Bauch so voll: woher?), die blaublütigen Fingerspitzen zucken in Zeitlupe, während der Ellbogen eine Tür aufdrückt, Cafégeruch lädt ein?, stößt fort?, keine Kraft zur Entscheidung. Ein Getränk bestellen im Vorbeigehen (sind Beine Fluch oder Segen, die Fernhalter vom nassen, vom rauen, vom wärmenden Boden?), Bohrinsel Bistrotisch ignorieren, Inselsuche.

Sitzend.

Dieses Café: Heimat – Rettung – Grab – Pause – Schicksal – Zögern. Jedenfalls: kein Schritt wagbar im Grellen: nicht mehr. Das Tütchen aufreißen, den Zucker verfolgen im Schlitz, verfolgen mit Augen. Raffinerie auf der Insel, dann Pompeji, Tee sabbert aus seiner Tasse. Die Kellnerin nuschelt, es tut ihr irgendwie leid, Zucken schultert mir Mut. Schultern Zucken über dem Zucker, es sind meine. Verteilter Schmerz, jede Zelle streckt eine Hand aus ihrer Membran, auf der Suche nach Schlaf, Schlaf… Schlaf. „Wo bleibt der Regen, der mir mit Unsicht die Brille verhügelt?“ Doch – nicht allein im Café; nicht umzingelt; zu kleine Scheiben verbannen die Grelle. Zwei ältere Damen, die Falten im Kaffee gespiegelt, das Alter, geröstet, gemahlen, – hängen geblieben: im Filter der Haut. „Die Adern in meinen Händen dünn geworden, magersüchtig, versteckt in ihren Betten, unter organischen Decken.“ (Das Hirn klopft nur sacht an meinen Schädel.) Der Tisch wackelt, die Insel, ihr Himmel wäre mein Kopf. Warum, wohin, seit wann deportieren wir unsere Hoffnung? (Ängste sind kurzsichtig.) Hätte ich einen Stift zur Hand, ich lackierte mir die Nägel. Sand, Zucker zwischen den Fugen: das knistert. (Wie kommt mir mein Stonehengegebiss in den Sinn, in den Mund?) Die Zeit zieht jedem die Zähne. „Ein Nagel, der aufwachte, der aus dem Bett stieg, der demonstrierte“ – alles drückt man zurück in die Federn, die nicht mehr fliegen können. Und im Bett liegt der Sand zerstreut… (ANGST) Womit noch zudecken? Mit Blumen. Die Erde ist nicht einmal nass hier, wann regnet es? Bedenken, die Zunge zu verbrennen, am – Tee? (Ist das da Tee? Er ist so kalt.) Wie kann der Knöchel des Daumens derart stehen bleiben in Luft? (Wie kann irgendetwas stehen?) Ich sitze im Café, ich liege im Bett, in Sand, Zucker, Asche, Grelle, Risse: wohin? (Eine Scherzfrage des Geistes, der Geist wurde, Gespenst, der Witze nicht mehr versteht, der Sprache davonrinnt.) Zermahlene Zähne, gesiebt durch den Filter der Häute, gezuckerte Venen, blutlos, ganz Insel geworden –. Zögern, Schicksal, Pause, Grab, Rettung, Heimat, Zögern, Schicksal, Pause, Grab. Gezuckerte Venen.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Postmodrig

9. Januar (2014) […]

Morgennacht

du solltest immer genau das tun, was du gerade kannst; du weißt es nicht; du solltest immer genau das tun, was du gerade willst; du weißt es nicht; du solltest immer genau irgendetwas tun; du kannst es nicht; du solltest versuchen; du kannst es nicht; du darfst auch nichts tun; du kannst nicht dürfen; ich liebe dich; – danke

müde rasseln die leiber, vorzüglich schachmatt gesetzt, gelegt, gestellt, ist da eine stelle frei in dem amerikanischen vollwertrestaurant?, doch kalt ist mein zimmer, ich sollte mir danken für den quadratmeter luft, den ich mir baggerte, danke, kafkas schloss ist aufzuschließen, ich habe die schlüssel, doch welcher?, eine heizung allein inmitten der kälte, nicht einmal wände, die ihr in den rücken fallen, eine heizung allein inmitten der weite des raumes, eine heizung, die heizt, ein mensch, müde rasseln die leiber.

Scheiben sind angelaufen, ich lief sie an, schlafwandelnd, und küsste den tauwind direkt vor dem glas, synekdochen als denkmittel, das buch über der kante, mein selbstporträt, nur darum ernst genug, nietzsche mit partyhut, daten sind abgelaufen, ich lief sie ab, staffellauf pflicht, dauerlauf vorsicht, es geht weiter, es muss weiter gehen, „es“ ist der name des lebens, „es“ muss gar nichts, „es“ regnet und „es“ ist gut, aber „es“ muss nichts, wir sind nur manchmal aufgelaufen, ich lief uns auf, die wunden und löcher und maschen, ich lief mich auf, schlafwandelnd, küssend den tauwind, nur indirekt, der vor dem glas ein pendel anleint, das schwindelt, hin und wieder und her, und die ärmel sind immer zu kurz für das mondbein, hände zittern mir aus dem futter, futter ist nie genug da, kein vorrat reichte je aus, winterschlaf ist zu teuer, und weiter, es war lange keine leichtigkeit im sein, und weiter, und weiter auf dem pendel das gleichgewicht halten, das gewicht halten, das gewicht spüren, es ist wieder leichtigkeit im sein, hin und wieder und her, „es“ ist der name des lebens.

Es ist gut, dass schuhe keine augen haben?, es ist gut, „es“ ist der name des webens, das sohle und quartier wieder ineinander quartiert: schnürsenkel die enkel des klettverschlusses in den augen der kinder, die wachsen, die ihr klettensein verlieren oder verteilen, transferieren, die ihre widerhaken verhärten, nicht mehr kleben, die zu heften beginnen, zu bohren beginnen, die mit dem gin trinken anfangen, wenn sie nicht ganz verderben, die derb werden, wenn sie nicht ganz verderben, die das fangen lernen anfangen und sich fangen lassen, wenn sie nicht ganz verderben, die das „wenn“ lernen, die das weben als schmerz kennen, die sich fortquartieren, die sich in ihr quantum einquartieren, die den schmerz lernen, die sich falsche geschichten erzählen, die noch immer kinder sind, es ist ok, schuhe als augen, die uns die füße schonen, augen behindern das fortkommen, fortkommen wovon?, vom verderben, es ist ok, „es“ ist der name des webens.

 

[aus NUR LEBEN]

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