Ästhetik, Existenzialismus, Inspirierendes, Literatur, Lust(-iges) & eROTik, Politik, Postmodrig

Fragmentchen

Eine komische Nase, die Asymmetrie der Flügel, ein komischer Mund … und deine Stirne erst! Wie das passt, wie das nicht passt! Wer hat denn da das Muttermal … ? Du siehst komisch aus. – Ich muss dich mal nackt sehen.

Sie reißt ihn aus der Gesellschaft und der Kleine steht im Atelier. – Wie die Fahne draußen! Wenn der Wind weht: an; wenn Gleichdruck herrscht – aus. Bitte.
Er zieht sich an, aus, an, aus, gelinde wie ein Reißverschluss. – Du bist noch keine was? – 18. – Was? – 18. – Was? – Er schweigt. – Dafür kleidest du dich aber schon tüchtig in Narben. Dein Oberschenkel, … wie? Dein Oberarm, dort! – Mein Selbstwert ist eine geritzte Sache. – Wie tüchtig! Wie wichtig, wie fein … Nimm dir ruhig ein Buch aus dem Regal und lies‘. Ich zeichne. Ziehst du nun die Uniform an? – Nein. – Nein? So muss ich sie mir also denken? – Auch in Ihren Gedanken werde ich keine tragen können. – Wie tüchtig! Wie fein! Unter Tolstoi schmilzt Zartbitterschokolade. Die magst du? – Ja. – Dann nimm sie dir. Vielleicht schmilzt sie gar nicht. Ich halte das Atelier auch im Frühling ziemlich kühl. Schäm dich gar nicht, wegen deines geschrumpelten Geschlechts. – Wie käme ich darauf! – Wie … schön.

(*)

Victoria

N: Du sahst so harmlos aus, als ich dich erst erblickte!

Victoria: Wissen tat ichs, daß du so sahst. Alles schaut sich schwierig an, doch das Schaun des Meisten bleibt einfach zu durchschaun.

N: Und nun blute ich!

V: Führwahr, du blutest … das ist gut.

N: Du findest’s gut? Du siehst’s und findest’s gut?

V: Wie sonst.

N: Das ich getroffen werden konnte, wo du trafst, das wusst ich nicht! Und daß da soviel Rotes quellen kann, das macht mich ohnmächtig.

V: Nun sprichst du besser als zuvor.

N: … Hilf mir!

V: Forderst du wirklich meine Hilfe oder Hilfe bloß? – Ich kann nur sorgen für, daß es am Bluten bleibt.

N: Das will ich nicht!

V: Ich weiß.

(Pause)

N: Hilf mir!

V: Hilf dir selbst.

N: Schlaf mit mir?

V: In hundert Jahren. Missversteh‘ mich nicht! Dies ist ein Versprechen. Gefühlt müssen diese Hundert Dir vergehen.

N: Nun sprich nicht mehr!

V: Wie du willst.

N: Brauchst du denn keine Hilf‘?

V: Die deine lang noch nicht.

N: Ach, du bist grausig! Hast so ein lieb‘ Gesicht.

V: Jetzt wirst du rückfällig. Halte still und Dummes Dir zurück; dann tut das Blut vielleicht schon wenig weh.

(*)

B: Ach! Mein Wunsch! Mein Wunsch!

Y: Dein Wunsch?

B: Meinen Wunsch, du erfüllst ihn. Ihn erfüllst Du, ich will gleich den Artikel ändern. Die Wunsch, denn dein ist er und an Dir ertrag‘ ich ihn.

Y: So lang gleich die Freude?

B: So lang gleich die Freude.

Y: … So wird es eine grammatikalische Beziehung?

B: So wird es. So wird es eine Beziehung?

Y: So wird es eine Beziehung. Das ist was?

B: Das ist …

Y: / … Das ist –

B: Das ist wenn wir uns alles geben wollen, was uns möglich heißt.

Y: Heißt? Heißen wir Möglichkeit? Wo heißt du mich willkommen?

B: – Bei meinem Verb, bei meinem Adverb, in den meisten meiner Adjektive, in der Armut meiner Substantive.

Y: Substantiell! Substantiell will ich Dir sein.

B: Das ist aber schön. Darf ich über dein Gesicht nachdenken?

Y: Nur zu! Ich bin vorsichtig …

B: Das bist Du! – fürwahr. Dir entfährt nichts, was du nicht meinst.

Y: Nun überschätz mich nicht. Schätz weniger, Schatz. Schall ist Dir der Klang meiner Brille, das Zittern meines Shawls.

B: Wie wenig Worte! Mittels deines Gesichts, meinte ich deine Haut. Ich weiß, daß sie heiß ist, am Hals, kühl im Zeigefingerglied. –

Y: Weißt Du, wie ich vor vielen Wochen meine Clitoris sah?

B: Vor vielen Wochen?

Y: Da hatte ich keine.

B: Ich ahne, doch ich will nie meine Erzählung zu dem Deinen. Ich muss wählen und wähle meine Erzählungen ab.

Y: Da hatte ich keine. Ich nahm einen Mundspiegel, Zahnarztbesteck. Ich machte mir meine Erzählungen fremd. In Mikrochirurgie fragte ich nach der Meinung, die ich hatte, von dem kleinen Klüftchen, ja, von dem schmalen Glöckchen. Ich fand, es war ein dünner Albtraum, der mich zungenzarte Venustrassen wäscheklammer-kalt zerfurchen ließ. Hör zu: ich bin nicht zungenzart! ich führe keine Venustrassen! Ich hasse den, der Furchen hasst und ich hasse den, der selbst nicht hasst und weint, während er Umklammernswertes langsam zwischen Lippen nimmt! – Will sagen, B., will sagen: willst Du, daß ich sagen kann? – Sag nichts, ich weiß doch wie Du willst. Und sei vorsichtig, mit Allem hier und ich schwöre Dir! – – hörst Du?

B: Ich denke, ich höre. Ich hoffe, daß Du es nicht wissen kannst, ob ich denn … –

Y: Ich weiß nicht. Hör zu, ich schwöre Dir! Hasst Du nicht und willst nicht weinen, wegen dem, was meiner schwarzen Schwester und meinem bronz’nen Bruder angetan wird, von Menschen, weiß wie Dir, mit einem Konto, reich wie meinem, einem Hasspfahl zwischen den Beinen, wie Du den Deinen tragen musst, – hasst Du nicht und weinst Du nicht deshalb, hin zum tiefsten Herz – so will ich, daß du mir die Lippen reißt mit deinen Zähnen, das Glöckchen pflückst, mit Fingernägeln und du fällst, vor Gericht und deinen Freunden: dreizehn Jahre ins Gefängnis! – für Gewalt von einem Mann an einer Frau, du weißt, ich erfände, log und zeigte Dich an, sagte: du warst der, der mir die Unschuld brach! Ich nützte jedes einzelne Ideologem, stündest du nicht aus Traurigkeit und Einsamkeit, weil alle Dich alleine ließen, wegen deines Wunschs nach keiner Grausamkeit, – ganz im Blute, zitternd-arm vor meinem armen Schritt.

B: Ich weiß kaum, was ich sagen will … Ich will Dich, Y., das hörst Du? Ich will Dich, weil ich keinem, Deinem Herzen nicht vertraue. Weil ich weine, weil mein Trauen streng vertaut. In der Hitze meines Hasses schmilzt mein kühles Sehnen hin. Y., ich will Dich eisig, will Dich zitternd, mein Finger trifft Dich ohne Blut.

Y: Ah! Ich dachte, ich fände keinen mehr, keinen Mann, der keiner sein will: hielt es Frauen zugeteilt: die Fähigkeit, sich ganz zu lösen, Geschlechter mit der Heckenschere fetzen. Doch, kaltes Herz, so will ich dich an meinem Glöckchen. Jetzt hör weiter: vor vielen Wochen war ein Trauma, bitterheiß in dieser Gegend. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr: lange fing ich Blicke an. Den Mundspiegel kreisrund auf das meine Klüftchen: ich erfand mir einen armen Mut. Keine meine Stunde musste ich masturbieren; ach, B., ich wollte es so sehr! Ich war so glücklich, dann am Ende und sah auf meinen schwitzigen Fuß. Ich dachte, rutschend gehen nun neue Wege: kalt fände ich endlich einen Mann, der am Bauche gleich empfindlich wär wie ich, – mit einen Sturzstab, daran gleich zwei Tauchgewichte, außerdem auch noch ein Löchchen, in daß sich wieder bohren ließe, kalt, mit allen klammen Fingern.

B: Du sagst nun also, von ganz in der Mitte unten, von dem wunden Zunder drunten, von da aus willst Du nun das Kühle drüber? Das was keinen Gedanken zweimal sieht?

Y: Von Dir verlangte ich doch das Umgekehrte! Dummerchen, du darfst mit mir scherzen, mich berühren … Sprach ich nicht davon, wie leicht’s mir ist: nackt gefläzt der Deine weite Himmel sein, in dem sich deine Äste dehnen?, – nur! weil kein Gedanke hilft, Dein Allesgrab ganz auszugraben, zuallerletzt die Füllung Sinn und dummer Zweck sein kann? Weil Du dreißig Jahre in der Gewerkschaft in der Ecke standest, – weil ein Sturz dich jeher schweigend an den Rollstuhl fesselt? Wie lange sitzt du da schon und hast zweifach alles aufgegeben! Wie zärtlich, vorsichtig hörst Du den Wahnsinn deiner Nächsten? – Ich will Dir alles tun und nun kann ich auch meinen, daß meine Klüftchen, Glöckchen zehnmal arme Geschenke seien.

B: … Ich hoffe, wir müssen nie nichts vergessen … –

Y: Jedesmale will ich in Dir kommen!

B: … Atemnot durch Dich macht atmen. Wenn mir zu heiß wird, machst du mich kalt, und nüchtern vice versa. – Wollen wir zurück zum Lesen?

Y: Ja … das war schön, doch mit Dir ists schwierig. Weil neu, kann ich nicht warten.

B: Ich kann auch nur nicht Bilder zimmern können wollen; – ich mag Dich, Y.! Jetzt finden wir zurück zum Thema.

Y: Ja, B. … Zurück zum Thema!

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Ethik, Existenzialismus, Literatur, Politik

Die Bären

Unter uns waren einige, die etwas bereuten; deshalb hatten sie den Rest in den Wald gezerrt. Die ersten Minuten sind angenehm; alle unter uns haben beim Laubstapfen schleichend die plötzliche Wiederkehr des Herbstes gefühlt. Ich gehe einsam unter allen; schaue meinen Gummistiefeln zu, wie sie perlende Striemen Wasser aus dem Laub sammeln und eine stechende Kälte aus dem klammen Waldgrund. Hinter mir haben einige angefangen, mit der Taschenlampe zu scherzen; die vor uns gehen gebuckelt und werden von der Waldnacht verschluckt. Keiner von uns kannte diese Route! Ich breche immer mehr Äste und meine Anderen ebenso. Vereinzelt beginnen wir zu fluchen, wo immer uns eine fremde Angst packt – die Nadelbäume gliedern Reihen, machen Leere zwischen sich. Wir fühlen uns alle eng, ein paar von uns begrüßen die niederdrückende Finsternis: die Flure werden immer diffuser. Dann stehen wir plötzlich im Saal. Von oben fällt haltlos ein dünnes Weiß und zerstaubt einige Meter über unseren Köpfen – auch wenn die Baumkrone offen sein muss, bleibt uns etwas wie Himmel versperrt, durch das weiße moosgrüne Licht. Besonders die unter uns mit Blusen und Filzjacken beginnen zu schlottern; gefällte Baumstämme liegen im Halbkreis auf der Lichtung. Die eine Hälfte setzt sich und verschnauft. Weiß einer wie weit zur Herberge – ? Einer will ahnen hier schonmal gewesen zu sein; ich frage ihn, meint er ein Deja – vu? Nein, nicht so stark! Wir schlottern … Ich beginne zu begreifen, daß ich uns jetzt tief im Wald nennen muss. Um uns breiten sich die Flure endlos aus; das Unterholz geht keinen Meter neben dem Baumstamm, auf dem ich sitze, kopfhoch in eine Hecke. Ich taste mit den Augen nach Nischen im dünnen Geäst. Wir sind alle müde, doch die Kälte hält uns steif. Einige spüren schon ein Loch im Bauch. Durch das Loch in der Hecke erkenne ich etwas gelbliches. Ich sehe die anderen an; sehe ihre ernsten Gesichter und bittere Furchen um die Nasen. Dieser Wald drückt so fest – ich möchte protestieren; fange an zu lächeln und fühle mich verspielt. Ich bitte die anderen darum, mir durch die Schwellen im Dickicht zu folgen. Wir verlassen den Saal und gehen durch eine nacht-graugrüne Straße. Eine beginnt ihrem Bruder mit ihren Gummistiefeln in die Kniekehlen zu treten. Der reagiert nicht – immer gereizter – und klopft nur nach dem Dreck, den sie auf der Hose hinterlässt. Magenta oder graue Dornenblüten nadeln sich ins enge Gestrick unserer Kleidung – ein überschlafener Nachtschatten beginnt sich auf den Gesichtern der Meisten breit zu machen. Der dünne Korridor durch die Dornen gleicht vielen einem Weg; ich spüre es. Alle werden munterer – das sieht absichtlich geschlagen aus! Hektisch gräbt man sich durch den Korridor. Als wir dann aus dem Gestrüpp speien – die Geschwister besuchen sich hinter den Ohren nach Zecken –, werden wir alle wach: es ist als zöge uns jemand wie Rinde ab und stellte den feuchtnackten Stamm den Kiefern und Fichten, den Nadelbäumen zur Inspektion bereit. – jene spannen die Stille; antworten nicht, zur Antwort, und – spannen ihre gestreckten Äste; ziehen ihre Ausstreckung zurück; klammern Zapfen und Nadeln so dicht wie möglich zum Stammherz hin. Jetzt jagt der Wind durch breitere Flure; auf uns, die feuchten Holzwände. Alles scheint weiter als vorher; die dunklen Pinien stehen dünn und mächtig. Was uns den Sand aus den Augen reibt: da steht eine gelbe Rutsche aus Blech. Die Böden sind nicht frei von Gestrüpp; es langt uns bloß an die Kniekehlen. Da liegen auch noch andere rostige Dinger, stecken im Unterholz – Artefakte? Rostartefakte? Einige von uns meinen, gewisse Formen wiederzuerkennen, – ein Sägeblatt? – zu groß, Idiot. – Heee! rufe ich matt zwischen die Geschwister. Jetzt sind wir verunsichert; alle, würde ich sagen, denn alle rücken ein bisschen näher zusammen und ich spüre eine Hand auf meinem Schritt. Vaness … Tess … Ti … ich kenne keines der Mädchen und sie bemerkt gar nicht, was sie tut, da, in der Filzjacke. Sie möchte ein Stück Körper unter Stoff greifen, deshalb fährt sie mit entfernterem Blick mit den Händen an den anderen Menschen entlang. Jetzt muss ich meinen Schritt spüren, wie einen Wurm, ein Würstchen, ein Stück Kordel und ein rissiges Ei, dumpf und süß. Mir wird ein bisschen schlecht und ich schubse sie weg, und, – Rost! stolpere über Stacheldraht und direkt neben sie auf Rinde und dichtes Gras. Geht es dir gut? Au. Ich helfe dir hoch. Was war denn da passiert? Was war denn – . Sie weiß es auch nicht und klopft sich ab und beginnt ein bisschen zu weinen und flieht an eine fremde Schulter. Einer singt penetrant: Empfang! Empfang! Er ist die glitschigen Stufen auf die Blechrutsche gestiegen und jubiliert und lässt ein Lied auf youtube laufen. Jetzt ist warm, jetzt ist Stimmung, Scheiß-Wald, bald draußen. Navi? GPS? ADAC? Ich brülle verzweifelt, oder jemand anderes brüllt, ein Freund? Hier? Da beginnt es zu graulen. Hier gibt es keine Bären. Hier gibt es keine Bären, das ist Süd – … Ost … Germany. Und Jäger kümmern sich um uns. Ich war Dritter bei den Waldjugendspielen. Das Mädchen von eben kreischt! Kann das Mädchen aufhören? Es hat gekreischt, aber leise, jetzt verstehe ich es. Wir werden beobachtet und jeder hat angefangen den Gruß des Bären mit Starre, Angst und einer Preisgabe der Haut dem Wind zu entlohnen; der Wind schickt uns die Gänse, wir beginnen vereinzelt zu zittern und ich weiß, wie leicht ich sterben kann. Ich blute; mein Körper drängt sich mir auf. Ich blute an vier Punkten durch die Jeans, dort wo ich mit dem Mädchen über den Draht stolperte. Ist ihr vielleicht doch etwas passiert? Ich will zu ihr – doch werde des Bären gewahr und stoppe meinen Schritt. Viele fangen an zu heulen und einer glaubt, er kannte die Wahrheit darüber, wie jetzt umzugehen sei, mit Bär, mit Verlorenheit, mit Kälte, Blut und dem dichten Unterholz, daß uns die Turnschuhe einsperrt. – Wir rennen, dort die Böschung, – kennen denn alle das Wort Böschung, muss ich mich schnell fragen. – dort die Böschung, und es geht steil runter, ich seh’s selbst im Zwielicht: das gibt uns Anlauf, dann versuchen wir mit dem Schuh fest den Stamm zu treffen, halten uns fest und klettern in die Kronen. Braunbären – das ist unsere Lösung; die klettern nicht! Das können nur wir. – Ich habe das Gefühl, er geht durch die Reihen, um uns Mut zuzusprechen, wie man es mit Soldaten tut, an matschigen alten Fronten, im Graben, „gleich geht’s los! jetzt näss‘ dich nochmal ein –“. – die klettern nicht! Wer fällt – die Böschung ist genickbrechend steil! – steht auf und rennt weiter, oder kann sich hinlegen und fest ans Sterben denken. Manchmal gibt der Körper nach und stirbt freiwillig und schlummerhaft: es ist wie im Traum! Wünscht euch dann einfach ganz fest, alles wäre ganz anders geschehen und ihr werdet sehen: es wird schwarz vor den Augen werden. Ihr sterbt. … Doch – an die, die Leben wollen gerichtet: ich hab nichts gesagt.

Wir keuchen und rennen; wer war das alles? Ist da wer auf dem Baum? Drei Bären rennen uns hinterher und fauchen. Ich habe einen in der Peripherie: er bewegt sich zuckhaft und ruckhaft und irre schnell. Langsam verstehe ich, wie langsam ich bin. Ich keuche; mein Knöchel tut so weh; wie blutig ist mein Hosenbein? Wie blutig das Ihrige? Wo ist sie? Ihr muss ich doch helfen? War da nicht auch noch ein Freund? Vielleicht sind sie in der Krone, vielleicht – vielleicht sind sie in der Gruppe keine vierzig Meter rechts von mir! Da sind welche und sehen auch, daß sich unten der Weg gabelt, den wir oben verpasst haben und auf den wir jetzt querfeldein zujagen. Markerschütterndes Graulen ertönt und vielleicht werden so Tiere gerufen, die noch viel schlimmer sind, als Bären. Mir gefriert das Blut in Adern und Venen. Die zwei! Ja, ja! sie sind in der Gruppe! Das Mädchen humpelt schnell. Ich winsele ein bisschen und der Gegenwind wird immer dichter, mein Mund ist ausgetrocknet. So kann ich kaum rufen und bringe nur Schwächliches hervor. Es ist fast ganz dunkel. Sie sind an der Gabel; sie zögern und zucken; sie wollen nach rechts. – Da werden Bären sein, ich bin mir sicher! Ich rutsche auf nassem schwarzen Laub aus und schreie leise. Sie hören mich und wollen zu mir rennen und mich hochziehen; ich erinnere mich an die Lehre dessen, der eben die Wahrheit wusste. Aber sterben kann und will ich nicht. Ich spüre einen festen Griff um meinen Ärmel und werde halb am Stoff, halb am Fleisch hochgezogen. Ein paar Nachtvögel stürzen sich dicht über unseren Köpfen hinauf in die Luft. Fliehen! Rechts? Oder links? Links, links, bitte geht links! flehe ich den Retter an. Er starrt ein bisschen, mit einem festen forschenden Augenpaar. Glaubt er, ich lüge ihn an? – Oder … oder … runter! Weiter die Böschung. Ich glaube, da ist ein Bach, dem kann man folgen, wieso auch nicht. Alles … Hör … Alles nur nicht rechts!

Er geht zum Mädchen und berät sich; deutet immer wieder mit dem Finger auf mich. Einmal muss das Mädchen ein bisschen auflachen. Nach kurzer Zeit nicken sie einander befriedet zu: Okay. Okaaay. Ja, ja; – so, oder? Warum nicht? Sie umarmen sich. Mich sticht das ein bisschen; ich stehe ein bisschen peinlich da, fehl am Platz und weiß nicht mehr ganz, wo die Bären bleiben. Der Dritte kommt zu mir und sagt: Also ich hätte ja für dich … – aber du verstehst, bist darin ja schnell – die anderen wollen nicht. Es ist jetzt sechs Uhr und da macht mir die Demokratie am meisten Spaß. Wir gehen rechts und du gehst links? Deal, oder? An der Herberge erzählen wir dann einander die guten neuen Geschichten! Viel Glück! – Und du blutest am Bein. Ich weiß nicht ganz, was ich sagen soll und blicke den Dreien nur tieferschrocken hinterher. Der Dritte war der gewesen, der oberhalb der Böschung die Wahrheit wusste und jetzt geht er demokratisch den Weg mit den Bären. Die Drei sind kaum aus meiner Sichtweite gejoggt, da beginne ich, jetzt alleine, panisch hin- und herzulaufen; so schnell ich kann. Es kreischt sehr sehr laut jemand oder etwas irgendwo auf der rechten Straße und ich fahre mir mit der Zunge über den Oberarm, was nicht so einfach ist, und lecke da wo ich blute meine Wunden. Meine Augen peitschen auf meinen Wangen Tränen hinunter. Ich schließe die Augen und es wird schwarz. Ich springe – wo sind die anderen? – ich springe, es ist schwarz, die schwarze Böschung hinunter, nicht rechts, nicht links, geradeaus, und falle. Und ich lande hart, hart, und spüre eine Dorne, eine Pranke.

(*)

Zur Interpretationsfrage ein Streckchen meines eigenen Wanderns auf der hermeneutischen Spirale:

Was tritt in der Erzählung auf?:
Die Faktizität und das Gefühl, das Vereinzelung Terror am Selbst bedeutet. Am Schluss erkennt das Ich es richtig: der Terror, die Gewalttäter, das sind die Menschen des Kollektivs. Die, die glücklich den gemeingefährlichsten Weg gehen. Wo die Systemideologie eingehalten wird, stoppen die Bären ihr Scharfrichten. Doch letzten Endes wird natürlicherweise doch gestorben, an der Systemideologie, denn, trotz selbstauslöschenden Glaubens & Vertrauens in das Fremdbestimmende, ist auch sein willigster Untertan nicht sicher vor dessen kopflosem Terrorismus in hydraischer Ausführung, siehe bspw. Hitlers Vorhaben anstelle von Kapitulation eher noch die deutsche Bevölkerung auszulöschen oder, daß KZ-Häftlingskonformisten vor Kriegsende doch noch das Emordetwerden ereilte (; ereilen sollte, siehe dazu bspw. die Biographie Arthur Dietzschs).

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Autoparodie, Existenzialismus, Kunst, Philosophie

Kreis, Wüste, Schale

Es gibt Mauern, die konnte ich nie überwinden. Ich bleibe drin – lasse das gute Wetter draußen. Die Größe der Stadt hat mich nervös gemacht, zusammen mit meinem Überschuss an Energie. Energie! Nach der Scheidung, vor Zuleika hatte ich sie im Kreis laufen lassen, und niemanden in diesen hineingelassen. Das war erwachsen, das war Ansprüche aufheben, allen Mut verabschieden: totale Kapitulation. Wo es schon keine Ausgänge gibt und keinen Ertrag auf irgendeinem Fleckchen – wieso nicht gleich stehen bleiben? In den Sterbestuhl legen, etwas Morphium in die Venen und – ruhig werden. Die Verliebtheit hat diesem Kreis ein Leck verpasst. Jetzt braucht Energie wieder eine Richtung. Sie will, dass ich ihr einen Kanal baue, um wieder so intensiv, so extrem, so implosiv zu werden wie früher. Ich war nie ganz kompromisslos, doch gab es immer Stellen, an denen ich nicht locker ließ – ganz fest saß oder hing oder klammerte ich in deren Schluchten.

Indes, die Scheidung hatte ihre Gründe.

Sagte ich es schon? Mir fehlte es nie an Energie – nur daran, sie sinnvoll zu investieren. Sie in ein Ziel zu stecken und zu stecken, bis es platze, wäre ein Leichtes gewesen, hätte ich an eins glauben können. Aber ich kann nicht. Es gibt kein Exil. Es gibt nur die Wüste und die Fata Morgana. Sie im Blick, lässt sich hoffen, morden und glücklich sein – im trauten Heim. Aber für die Spiegelungen des Nichts bin ich erblindet; Halluzinationen hat man mir verweigert. Dabei bräuchte ich nur irgendeine Schale, in die ich mein Blut nicht umsonst werfen muss.

Früher waren es die Körper von Frauen: war es die gesellschaftlich bezeugte, gezeugte Liebe. Das Blut war mein Ernst und mein Sperma und meine Zärtlichkeit. Es war mein sexistisches Geben. Aber so einfach ist es nicht und nicht mehr. Schon vor der Scheidung nicht. Ich wüsste weder, wie noch einmal lieben, noch, wen ernsthaft ernst nehmen. Und obwohl beide mir fast identisch sind, fehlen sie mir doch unabhängig voneinander: die Liebe und die Kompetenz, die Kapazität, die Fähigkeit, nicht nur ernst zu sein, sondern ernst zu nehmen. Dass mir das Nehmen derart verwehrt ist, liegt am Diebstahl, den man beging an mir.

Ich sage: kein All, kein Meer, kein See – kein Teich, kein Eimer – eine Schale reichte mir! (Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich glaube es. Wie wissen, was nie eintrat? Wie es schon vorher des Raumes verweisen?

– – Nie.) Eine Schale, nicht einmal gefüllt – ich bin kein Verdurstender, ich muss nichts in mich reinzwingen – nur raus aus mir!

– Nein. Das alles ist nicht dramatisch. Bloß nicht leicht. Und nicht kleidbar in dieses Sprachkostüm, das immer nach nichts aussieht oder zu bunt ist und zu antiquiert.

Und doch, es muss sein: wenn wenigstens die Nähte der Narben platzen könnten, um mich zu entlassen in etwas, das bedeutend war, vielleicht wieder werden kann. Aber was einmal verspielt ist, holt der Ernst nicht mehr ein. Herr Ernst, seine Miene eine Mine, die nie hochgeht.

Wo waren wir? Bei der Schale. Eine leere Schale. Man muss sie mir nicht schenken, nicht hinhalten, ich kann um sie kämpfen oder nach ihr jagen. Doch bräuchte ich eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sie gibt – irgendwo. Und die habe ich nicht. Nur Wüste.

Ob ich mir aus dem Sand und meinem Speichel eine töpfern könne? Das ist es ja, was Schreiben versucht. Wir scheitern immer nur die längste Zeit.

(Liegend in der Schale unsres Horizonts.

Es gibt Mauern, die kann kaum wer überwinden.)

 

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Aus der Erzählung Scheidung.

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Ästhetik, Existenzialismus, Literatur

Gewalt

Ich spüre meinen Schädel. Meinen Kiefer. Die knöchernen Platten, die sich seit dem Kindheitsalter verhärteten. (Darin seither die Erhöhung der Temperatur für mein köchelndes Hirn. Liquidierung.) Den Zusammenfall der Wangenhaut. Das Versteck der Augen. Das Versteck, das Besteck ist, Verstecke zu entstecken und getrennt voneinander aufzustellen: ins Gesicht der Sonne. Nur die Ohren sind fort in unserem Spüren: wir sind ohrenlos. Der Eingang der Trommelfelle ist vernäht. Unsere Lider hängen taub umher. Die Haare liegen trocken, fremd. Unsere Schläfen sind verkeilt, aber sie schmerzen noch nicht. Der Nacken zittert immer. Kurz: unser Kopf ist verkopft. Wir sind Existenzialisten. Wir glauben nicht ans Phänomen. Wir müssten trotz allem schwindeln – hielten wir uns für fest. Wir halten uns nicht. Wir hielten nie – nichts zurück. Wir sind Aufgehende, unser Fleisch eine Blüte. So fühlt es sich an im Rücken. Aber wir sehen nicht hinter uns: wir wissen, dass dort der Abgrund gründelt. Wir sind zu grundlos, um noch den Abgrund zu spüren. Wir spüren nicht, wir spuren nicht, wir sind zu zergangen, um je zu vergehen. Wir sterben schon. Immer. Wir sterben zu Staub, doch sterben wir stets über Asche hinaus. Wir sind grau und das Grauen. Wir sind die Morgen aus Gräue. Wir haben keine Heimat. Wir kamen nach der Fäulnis. Nur unsere Stimmen sind sehmig geblieben. Wir nagen am Knust unsres Körpers, der leer ist. Hunger war uns die Fremde. Nur Freunde kannten wir nicht, sonst alles. Heute ist Freundschaft uns Brandmal und Gastmahl des Herzens. Und wir sind herzlos. Ein Loch haust uns unter den Rippen. Wir füllen nicht länger das Fass ohne Boden. Wir sind wie Trinker trocknen Humors. Bloß trinken wir nicht. Bloß Blöße blasiert uns. Kommt mit uns – oder bleibt in den Höhlen. Doch glaubt nicht an Licht. Es gibt es nicht. Uns gibt es.

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Kunst, Literatur, Postmodrig

Im Norden des Körpers

Schüttelfrost als Suche im nähesten Umkreis, immer noch trockenere Eishände, den Kopf zwischen den Scheuklappenschultern, weiter durch die Grelle des Morgens. (Warum sind die Straßen sandig?) Die Schritte stumm stellen, dem Konzert aus schmerzenden Muskeln lauschen (der Bauch so voll: woher?), die blaublütigen Fingerspitzen zucken in Zeitlupe, während der Ellbogen eine Tür aufdrückt, Cafégeruch lädt ein?, stößt fort?, keine Kraft zur Entscheidung. Ein Getränk bestellen im Vorbeigehen (sind Beine Fluch oder Segen, die Fernhalter vom nassen, vom rauen, vom wärmenden Boden?), Bohrinsel Bistrotisch ignorieren, Inselsuche.

Sitzend.

Dieses Café: Heimat – Rettung – Grab – Pause – Schicksal – Zögern. Jedenfalls: kein Schritt wagbar im Grellen: nicht mehr. Das Tütchen aufreißen, den Zucker verfolgen im Schlitz, verfolgen mit Augen. Raffinerie auf der Insel, dann Pompeji, Tee sabbert aus seiner Tasse. Die Kellnerin nuschelt, es tut ihr irgendwie leid, Zucken schultert mir Mut. Schultern Zucken über dem Zucker, es sind meine. Verteilter Schmerz, jede Zelle streckt eine Hand aus ihrer Membran, auf der Suche nach Schlaf, Schlaf… Schlaf. „Wo bleibt der Regen, der mir mit Unsicht die Brille verhügelt?“ Doch – nicht allein im Café; nicht umzingelt; zu kleine Scheiben verbannen die Grelle. Zwei ältere Damen, die Falten im Kaffee gespiegelt, das Alter, geröstet, gemahlen, – hängen geblieben: im Filter der Haut. „Die Adern in meinen Händen dünn geworden, magersüchtig, versteckt in ihren Betten, unter organischen Decken.“ (Das Hirn klopft nur sacht an meinen Schädel.) Der Tisch wackelt, die Insel, ihr Himmel wäre mein Kopf. Warum, wohin, seit wann deportieren wir unsere Hoffnung? (Ängste sind kurzsichtig.) Hätte ich einen Stift zur Hand, ich lackierte mir die Nägel. Sand, Zucker zwischen den Fugen: das knistert. (Wie kommt mir mein Stonehengegebiss in den Sinn, in den Mund?) Die Zeit zieht jedem die Zähne. „Ein Nagel, der aufwachte, der aus dem Bett stieg, der demonstrierte“ – alles drückt man zurück in die Federn, die nicht mehr fliegen können. Und im Bett liegt der Sand zerstreut… (ANGST) Womit noch zudecken? Mit Blumen. Die Erde ist nicht einmal nass hier, wann regnet es? Bedenken, die Zunge zu verbrennen, am – Tee? (Ist das da Tee? Er ist so kalt.) Wie kann der Knöchel des Daumens derart stehen bleiben in Luft? (Wie kann irgendetwas stehen?) Ich sitze im Café, ich liege im Bett, in Sand, Zucker, Asche, Grelle, Risse: wohin? (Eine Scherzfrage des Geistes, der Geist wurde, Gespenst, der Witze nicht mehr versteht, der Sprache davonrinnt.) Zermahlene Zähne, gesiebt durch den Filter der Häute, gezuckerte Venen, blutlos, ganz Insel geworden –. Zögern, Schicksal, Pause, Grab, Rettung, Heimat, Zögern, Schicksal, Pause, Grab. Gezuckerte Venen.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Postmodrig

9. Januar (2014) […]

Morgennacht

du solltest immer genau das tun, was du gerade kannst; du weißt es nicht; du solltest immer genau das tun, was du gerade willst; du weißt es nicht; du solltest immer genau irgendetwas tun; du kannst es nicht; du solltest versuchen; du kannst es nicht; du darfst auch nichts tun; du kannst nicht dürfen; ich liebe dich; – danke

müde rasseln die leiber, vorzüglich schachmatt gesetzt, gelegt, gestellt, ist da eine stelle frei in dem amerikanischen vollwertrestaurant?, doch kalt ist mein zimmer, ich sollte mir danken für den quadratmeter luft, den ich mir baggerte, danke, kafkas schloss ist aufzuschließen, ich habe die schlüssel, doch welcher?, eine heizung allein inmitten der kälte, nicht einmal wände, die ihr in den rücken fallen, eine heizung allein inmitten der weite des raumes, eine heizung, die heizt, ein mensch, müde rasseln die leiber.

Scheiben sind angelaufen, ich lief sie an, schlafwandelnd, und küsste den tauwind direkt vor dem glas, synekdochen als denkmittel, das buch über der kante, mein selbstporträt, nur darum ernst genug, nietzsche mit partyhut, daten sind abgelaufen, ich lief sie ab, staffellauf pflicht, dauerlauf vorsicht, es geht weiter, es muss weiter gehen, „es“ ist der name des lebens, „es“ muss gar nichts, „es“ regnet und „es“ ist gut, aber „es“ muss nichts, wir sind nur manchmal aufgelaufen, ich lief uns auf, die wunden und löcher und maschen, ich lief mich auf, schlafwandelnd, küssend den tauwind, nur indirekt, der vor dem glas ein pendel anleint, das schwindelt, hin und wieder und her, und die ärmel sind immer zu kurz für das mondbein, hände zittern mir aus dem futter, futter ist nie genug da, kein vorrat reichte je aus, winterschlaf ist zu teuer, und weiter, es war lange keine leichtigkeit im sein, und weiter, und weiter auf dem pendel das gleichgewicht halten, das gewicht halten, das gewicht spüren, es ist wieder leichtigkeit im sein, hin und wieder und her, „es“ ist der name des lebens.

Es ist gut, dass schuhe keine augen haben?, es ist gut, „es“ ist der name des webens, das sohle und quartier wieder ineinander quartiert: schnürsenkel die enkel des klettverschlusses in den augen der kinder, die wachsen, die ihr klettensein verlieren oder verteilen, transferieren, die ihre widerhaken verhärten, nicht mehr kleben, die zu heften beginnen, zu bohren beginnen, die mit dem gin trinken anfangen, wenn sie nicht ganz verderben, die derb werden, wenn sie nicht ganz verderben, die das fangen lernen anfangen und sich fangen lassen, wenn sie nicht ganz verderben, die das „wenn“ lernen, die das weben als schmerz kennen, die sich fortquartieren, die sich in ihr quantum einquartieren, die den schmerz lernen, die sich falsche geschichten erzählen, die noch immer kinder sind, es ist ok, schuhe als augen, die uns die füße schonen, augen behindern das fortkommen, fortkommen wovon?, vom verderben, es ist ok, „es“ ist der name des webens.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Literatur, Politik

Wohin, w/Weg?

Ich rieche die Seife, die zwischen meinen Fingern sitzt, blasig. Wer wäscht sich gründlich die Hände? Wir sind immer nur voll von Gestern. Damit soll Schluss sein.

Kaum sind die Äcker bedeckt. Schwarz liegen sie da, als absorbierten sie den Himmel. Himmel, Vögel, Bäume, Böden, Horizonte – Landschaft und graue Stadt: was soll noch darüber geschrieben werden? Den Bestsellern gehöre Fantasia. Marktwirtschaft! Lass dir Utopia schmecken. Ich bin auch nicht mehr sauer. Selbst bitter kaum mehr.

Ich habe Kippen gekauft – zünde mir zwei an. Zum ersten Mal ein gutes Gewissen. Ich fahr mir durchs Haar und tätschel den Funken Stolz, der sich der Schläfe entwindet.

Eine Raststätte später. Ich halte erneut an, schlafe zwei Stunden. Nackenschmerzen wecken mich auf. Es ist kalt. Kristalle bedecken die Scheiben. Als ich mir einen Kaffee hole, sehe ich, dass Flocken fallen. Es dämmert.

Ich „hole“ mir nicht bloß den Kaffee. Das ist euphemistisch. Ich muss ihn auch bezahlen. Ich brauche Geld. Unterstützung oder Erbe oder „Arbeit“.

Ich brauche meinen Pass und meinen Führerschein.

Ich kann genau so viel hinter mir lassen, wie man mir erlaubt. Der Umfang der Polterkugel steht in ihren Büchern. Nur Luke war je lucky. Frei sein wie ein Vogel? Vogelfreiheit. Ich zerquetsche die Glut auf der Karosserie, sobald der nächste Stängel brennt.

Wer hat mir das Feuer geklaut? Ich wende den Blick ab von der Werbetafel.

(Ich hab es nicht verloren.)

Ein Auto zerfährt meine Spuren. Ich folge ihm mit den Augen, nicke ein. Winterschlaf der Gerechten.

Manchmal, wenn es die Nacht durch schneit, sieht man keine Straßen mehr am nächsten Morgen. Frühaufsteher und Räumfahrzeuge sind nötig, um an Ziele zu erinnern. Ewig-alte Routen durchstoßen Jungfräulichkeit. Ich hasse das Wort. In wessen Dienst steht die Dämmerung?

(So viele etwas schwachsinnige Fragen, ja, was kann ich dafür, dass mir die Sinne geschwächt wurden? Man erzog mich katholisch.)

Die Lichter sind glitschig auf der ängstlichen Fahrbahn. Wie entkommt man der Sprache seiner Mutter?

Wie entkommt man?

Will ich es?

Wenn mein Hass nur so konstant, so durchfühlt wäre wie gerade.

Vielleicht wollte ich wieder leben?

Vielleicht wollte ich wieder lieben, mein Gott. Vielleicht auch endlich nicht mehr. Vielleicht könnte ich wollen, ohne zu brauchen.

Ampel. Alles rot ringsher. Ich fahre die Scheibe herunter; sie klemmt erst. Mein Finger knipst einen Zapfen vom Außenspiegel. Könnten wir auch Bräuche so abbrechen. Alles Gebrauchte. Alles Brauchen.

Könnten wir?

Hinter mir hupt es. Die Ampel steht grell im eigenen Grün.

 

[aus WEG – ein Abreisetagebuch]

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Autoparodie, Inspirierendes, Ironismus, Literatur, Lust(-iges) & eROTik

aus „Meinen Einsamkeiten“

Es ist ein schöner Herbstabend im Frühling, wir haben es Winter, und der Schnee, der dieses Jahr nicht fiel, schmilzt noch immer, hört ihm also nicht zu. Es ist, es ist, es ist, außerdem, es ist ein rotes Restaurant, um mich herum, sozusagen. Aber es isr, es ist eine Brasserie. Vielleicht korrigiere ich mich auch in Zukunft. Um mich: die Wände gepolstert mit dem Licht der Straßenlaternen, kein Klischeelicht (deshalb behaglich, sagten Augen einmal). Ich bin mit einem Menschen, ich scheine ihn sehr tollwütig zu lieben, weshalb ich ruhig bin, sein kann, jetzt, wo er hier ist. Er, dieser Mensch, er hat die einzige Nase dieser Welt, die keine Lächerlichkeit ist, ich finde vieles lächerlich, eben aß ich die erste, und es wird sich herausstellen, ich tue es jetzt schon, die einzig schmackhafte Olive. Das fesche Mediteranenbukett, ein wenig bitter, etwas salzig, mit Nusspartien im Hintergrund, steht vor uns. Die Geschichte beginnt schon, mich zu langweilen, aber ich bin stärker als das Lustprinzip, ich bin stärker als das, was ich nicht will, ich schreibe fürder, noch eine Weile, so soll es sein. Die Olive war überdurchschnittlich nur in dem Bukett vor mir, genereller gesprochen indes mäßig, so ist es mit dem meisten. Hingegen, Nase und Olive haben eine ähnliche Farbe, vor allem im Wein, der unter den Kinnladen zweifelt. Meiner ist delikat, nicht so jener, der mir gegenüber auf einem Bein steht. Ähnlich die Nase dessen, unter dem er liegt im Glas, Mensch, meine Grammatik, ich durfte sie zwei Mal probieren, also, die Nase, und ich zähle nur bis jetzt, wer weiß, was noch passiert heute abend, ich greife vor, das geschah schon. Jenes Teelicht vor uns, vor Nasen und Kinnen, ist ein wenig ein Feigling, das haben wir gemein, ich meine uns alle, mit der Ausnahme des Lesers. Der kann keiner sein, und strengte er sich noch so an, denn er existiert nicht für mich. Während die Leserin durchaus als Feigling fungieren kann, sonst hätten die anderen Oliven vielleicht geschmeckt, aber über Geschmack sollte man sich streiten, das ist köstlich, köstlich wie nur eine Nase in der Welt. Vor dem Fenster laufen ulkige Figuren, sagen die Leute draußen, sie sprechen ein wenig anders, und müssen wohl die Kellner meinen, ich fühle mich nicht angesprochen, sitzend. Soeben habe ich mir den Kern der Ausnahmeolive ins Knopfloch gesteckt, das ich lange suchen musste, bevor ich es nicht fand. Der Mensch mir gegenüber hat auch ein Loch, eines, das ihn unterscheidet, meine ich, ich meine, manche glauben das. Dies nur, weil manche Leser, nichtexistierend, kein Detail verpassen wollen. Ich kann solche nicht ausstehen, sie seien unmöglich, hätten nun andere geschrieben, aber nein, Sie sind wunderbar möglich, ohne Wunder, und das ist ein Verbrechen in dieser Welt, Sie, Leser. Die letzte Olive, kommt mir in den apprehensiven Sinn, könnte ein Popel sein in der Ausnahmenase, ein Ausnahmepopel. Ich war schon satt, aber das macht mir wieder Appettit, mir geht es immer so, ich weiß nicht, weshalb, welch kümmerliche Frage, nur Geranien mögen sie winseln, und andere Unterblumen, doch sie stinken, wie der Rotwein vor mir, er ist delikat, das ist ihr Privileg. Um genau zu sein, jeder Rotwein stinkt, aber dafür kann ich auch nichts, wie für so manches, na ja, „na ja“ hat der Mund unter der Ausnahmenase jetzt gesagt, das bezieht sich wohl auf die Geschichte, die ich ihm, oder vielmehr, den Ohren etwas weiter oben erzähle. Ich weiß nicht, ob er unsere Geschichte hier meinte, ich bin da skeptisch, vermutlich eher deren Subtext, oder wie man dergleichen nennt, fragt mich. Das Wachs im Feiglingswindlicht zischt, ich rate, es will uns etwas sagen, es beleuchtet die Nüstern der Olivennase, und meine, jener gegenüber, sie ist ein besonders ästhetischer Knubbel, und beherbergt meine größten Schätze, ich hatte noch keine Gelegenheit, sie zu ergründen. „Na ja“, sagt der Mund erneut, oder ich wiederhole es nur, dergleichen kann man nie wissen, Derrida, der Geschichtsonkel, packt die Gespenster aus, während jener na-ja-Mund wirkt wie eine beschämte Kaffeebohne, „unerhörte Metapher“, sagt er nun, aber das stimmt nicht, die Ohren hören gut, in ihnen stecken wenig wunderliche Hörgeräte, sie hören nämlich gut, denn sie hören gut, das war dreifache Bejahung, jetzt wird’s kompliziert, also fahren wir fort. Die Ohren können nicht gut hören, wegen den Hörgerätschaften. Als werde er geröstet, verzieht sich der Kaffeebohnenmund, als Rost dient das Feiglingsteelicht, ich hasse lange Worte, aber nur, wenn ich ein kaugummikauendes Känguru bin, was andauernd vorkommt. Wie schade. Ferner, ich hasse Hüpfen, der Alliteration wegen, Weitsprung. Es ist aber auch möglich, dass ich alles, was ich liebe, hasse, mindestens ebenso sehr, denn 34 ist eine magische Hängebrücke, zwischen dem Festland 33 und der Insel 35, wie ich einst herausfand, dabei suchte ich gar nicht, das ist ein alter Trick, ich weiß nicht. Die Ausnahmenase rümpft sich, eine athletische Hochleistung, solch Sonderliches sah ich nie, vor allem freitags, die Nase bleibt indes anders, deshalb liebe ich sie, das war ein schwerer Wert mit viel Bouket, wir brauchen eine Karaffe. „Na ja“, spricht die Kaffeebohne, das heißt, ich glaube, ich bin da stehen geblieben, war ja auch Zeit, um eine Pause einzulegen, dabei sitze ich, derselbe Witz, und wieder nicht gemerkt, Sie?, nun, was entscheidend ist, wie ich schon beschrieb, dergleichen nenne ich von nun an ein schlechtes Wortspiel, „mir wird auch schon schlecht, ich glaube, die Oliven waren es, schlecht eben, und die Welt ist es sowieso“, sagt ein Mund, ihr könnt euch aussuchen, welcher, das Gesagte passt zu uns beiden, ich meine, der Sonne und dem Mond, das war etwas hoch gegriffen, schlechtes Wortspiel, „erzähl was Neues“, ergänzt die Kaffeebohne, sie ist gut darin. Der Feigling zittert wie eh und je, was, wer, wo, wann sind denn eh und je, das ist wichtig, ich schweige dazu, sollen sie sich selbst erklären, wieso auch. Ein Deshalbdessert gäbe mir jetzt nämlich den Rest, wie immer, wovon den Rest, Fragen sind langweilig, wie ein Stein im Auge des Gesteinigten, streichen wir das wie, und das wir gleich mit, Streichen ist Konzeptkunst. „Wie viele Schichten hat eine Geschichte?“, frage ich plötzlich, aber nicht mich, das hat mich jetzt aber gar nicht überrascht, vielleicht, weil es eine neue Frage ist; das war, was man arrogant nennt. Die Bohne lispelt übrigens ein bisschen, schön, ein wenig wie Gischt, venusesk, ich schließe darin, in dem Lispeln die Augen und vergesse meine eigenen Lider, was schließlich so ist, als sähe ich wieder, man kann nie entkommen, wieso auch. In der Bohne mahlen die Zähne, nur ihr Gehäuse ist braun, ich meine die Lippen, weiches Gehäuse, entschuldigung, das war erotisch, ich muss kurz aufs Klo, man darf das ja nicht in der Öffentlichkeit machen. Ich freue mich schon auf den Sex in der Kirche, lasst uns den Lendenschurz heben, ich meine den Jesu, dann haben wir eine Orthogonale vom Kreuz weg, einen Kreuzweg, seit Christus. Die Ausnahmenase schnaubt, ich esse die zweite Olive, die schmeckt, sie schoss aus den Nüstern, wie in einem Actionfilm, nur weniger realistisch. Über der Bohne, irgendwo, sitzen die Augen, deren Weiß bei meinem Gegenüber, er ist ein Mensch, das könnte sich als fundamental erweisen, aus Versehen beige ist, eine französische Farbe. Man kennt sie, man erkennt sie, wenn man ein teigiges Baguette aus dem Ofen zieht, und es bricht, in dessen Mitte, da, da, da, da, da, da griemt lüstern das Beige. Ja, ich weiß, langsam nimmt der Mensch, dessen Knie an meinen reiben wie mein Herz an meinen Rippen, nur ohne den Schmerz, Gestalt an, hätte er sie nicht längst, ihr Tölpel, oder wie man das schreibt. Selbiges tut mir freilich auch leid, selbstverständlich, was, weiß ich auch nicht so genau, welch eine Frage, vielleicht mehrere. Ich habe für dergleichen nur Kopfschütteln übrig, meine Nase Verachtung, dann wölbt sie sich bedrohlich, Häretikerin, fast wäre sie mir abgefallen, das war knapp, ich muss in Zukunft schlechter aufpassen, auch hasse ich Oliven, außer Popel. „Sie gleichen Indonesen!“, schreit ein Rassist neben uns, wo kam der denn her?, saß wohl schon ewig dort und tat so, als sei er zivilisiert, welch ein Normalfall, ich sah ihn bis jetzt nicht, so gehe ich seit heute mit ihnen um, denn das hilft in der Tat genauso wenig. Wie in der Theorie! Ich nicke negierend und spucke ihm einen Kern ins Auge, er schreit schon wieder, man kann es welchen wie ihm auch nicht recht machen, so rechts man schon zu sein versucht, dabei versuchte ich nichts, und alles, bis morgen. An dieser Stelle will ich vorschlagen, man setze den Rassisten in meine Metapher mit dem Sehorgan der Gesteinigten, das gibt ein Bild! Aber zurück, zurück von den Zurückgebliebenen. Der Wein ist ausgetrunken, müffelt nur noch ein wenig vor sich her, ich will ihm sein eines Bein absägen, das erinnert mich an Otto Dix, „mir fehlen die Worte“, sage ich, „Fehlen ist ein Euphemismus“. Die Kaffeebohne spielt mit dem Feuer, doch der Feigling geht, er geht aus, er zieht sich aus, aus dem Raum, fort, als Rauch, oder Diskonebel, der Club ist im zweiten Stock, der an unserem Tisch lehnt, wie der erste, wir humpeln beide, das erinnert an den Einen, kennt ihr nicht. Ein Tropfen war doch noch im Glas, ein Widerling, ich habe ihn gerade wieder ausgespuckt, zusammen mit dem Kern, das waren anderthalb Referenzen, den Rest vergaß ich, vorgestern vielleicht. Dieses Grün in dem Beige gegenüber!, es gruselt wie die Sonne durch die Wasseralgen der Karibik, wo ich nie war, also was ich sagen will die ganze Zeit, das alles, das alles ist unbeschreiblich. Schade, jetzt habe ich die Pointe verraten, ich bin aber auch ungeschickt, so lange schon kannte ich sie nicht, und dann platze ich einfach so heraus damit, das ist widerwertig, ja, wie mein Herz, aua, es rächt sich, das meinte ich, nein, Fehlinterpretation, es war der Rassist, wir befinden uns in einer Straßenschlacht, das ging ja schnell, ich habe also gewonnen, aus Glück natürlich, nein, danke, keinen Wein mehr, Betrunkene können nicht laufen. Die Haare neben den Algen sind ganz hervorragend, ich meine hinter den Ohren, und kurz wie ein kleiner Finger beim Schlafwandeln, warum auch nicht, ich weiß nicht, ich bin kein Friseur und schlafe schlecht, wie die durchschnittliche Olive, ganz genau, wir liegen immer daneben, selbst beim Sex, ein schlechtes Wortspiel schon wieder, „schlecht wie die Welt“, und da zittert die Kaffeebohne wie bislang der Feigling, vielleicht war das Teelicht auch wütend, ich würde ihm alles zutrauen, wie niemandem, dafür unterschätze ich jeden genug, außer mich, ich, ich, ich, ich bin Genie, die Knie an meinen malmen, es ist Zeit für die Kirche, warum lassen sie die nachts nicht offen, nun werden wir einbrechen müssen, das gefällt mir, das ist Anstiftung zum Gesetzesbruch. Vielleicht sollten wir auch hier, am Tisch Liebe machen, aber das tue ich ja schon andauernd mit der Hand am Stift auf dem Block. Wir rufen den Kellner, bezahlen nicht, und gehen.

Hörgeräte fallen aus Ohren, Algen brennen im Wasser, Bohnen platzen Schreie heraus in die Hitze, Knie reiben weniger, erschöpftes Zittern, Beige verblasst. Zuletzt atmet nur noch die Ausnahmenase. In der Kirche, nach dem Sex, löst sich Jesus vom Kreuz, um den Lendenschurz zu wechseln, morgen könnte Sonntag sein, da macht das Leiden wieder Spaß. Oder er kommt auf uns zu; umarmt uns; und verlässt das untergehende Kirchenschiff: ein Traum wird wahr. Wir schlafen auf dem Altar, als der Dämmer beginnt.

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Ästhetik, Kunst, Literatur, Skeptizismen, Uncategorized

Zweifelszüngeln (1/2-heartedly deciphered)

Wir. Kunst. Wir.

Wir haben verstanden: Kunst ist nicht einmal das kleinere Übel (nur das abstraktere). Aber wir suchen Flucht im Museum. Wir sind Atheisten, weil wir um Gott wissen. Wir lächeln misanthropisch, seit unser Humor unter den Messern der heutig-ewigen Dystopie verblutet ist. Wir sind ehrlich ironisch. Wen wir mögen, den lieben wir auch: wir lieben und mögen viel, weil wir wenige, die Wenigen mögen und lieben. Uns ist kalt, da wir nur Fackeln sein können. Die Urnen sind voll von uns, doch wir gehen lebendig durchs Zombieland. Uns ist herbstlich zumute, wenn der Sommer uns einpfercht. Wir glauben nicht an die Schönheit der Blüten, und köpfen niemanden; haben keine Vasen. Unsere Archive sind leer: Kunst muss obdachlos sein, um Kunst zu bleiben, zu werden. Wir schlafen mit der Nacht statt während ihr. Wir kämpfen, rauchend, gegen die Geschwüre des Krebses (des Krebsens). Wir sind krebslos (unser Glaube), haben keine Scheren, kein Besteck, wir denken mit den Fingern: wir schreiben. Wir schreiben Bruch-Stücke.

Wir. Wir sind das salzige Krokant einer anderen Erde. Wir sind Poeten, ob ihr uns so nennen wollt oder nicht (auch, weil ihr uns nicht so nennen wollt). Wir sind über alle Ränder angefüllt mit Mangel: wir tragen an dieser Last nicht, wir fallen mit dem, was wir fallen lassen. Wir sind abgesägte Schienen, die glühen, wir sind verfahren, man verfährt sich mit uns. Wir sind aus gutem Grund; den kein Fundament betoniert. Wir horchen nicht, weil wir nicht ganz taub sind.

Wir. Wir sind restvoll rastlos. Wir setzen Punkte sarkastisch, hypotaktisch, wir sind zu bewegt fürs Setzen. Wir essen viel oder gar nicht, und beides; unsere Mitten sind extrem. Unsere Dichtung? Gespreizt. Unser Kern ist aufgesprungen, und springt nun umher, nicht konzentrisch – wir sind Ex-Zentriker. Wir sind zu sehr Literaten, um die Täuschung Wahrheit interessant zu finden (um zu finden. Wir sind zu interessant, keine Literaten zu sein. Wir –)

Kurz und böse: wir. Wir verlieren die Fäden nicht. Wir streifen sie von uns: wir ent-fesseln uns.

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