Ethik, Existenzialismus, Politik

Über Freundschaft. Polyphilotesie und Monovenusie

Freundschaft

Was ist Freundschaft? Freundschaft ist Heimat beieinander, miteinander. Freundschaft ist Scherenhändelosigkeit, Freundschaft sind offene Arme, Freundschaft ist Können-Können, Dürfen-Dürfen, Freundschaft ist Bewegungsfreiheit in Hirn und Herz. In der Freundschaft darf ich ich sein, es bedarf keiner Verstellung, keiner Künstlichkeiten, keiner Zensuren, keiner Umwege. Die Freundin verletzt nicht, weil sie nicht verletzen will: Freundinnen wollen einander, sie sind interessiert, sie bejahen sich, sie sagen: ich will, dass du wächst, will, dass du größer wirst. Bei der Freundin darf gefallen werden – keiner muss hier gefallen. Was teilen Freundinnen? Ihr Wohin. Keine Identitäten, sondern die Möglichkeiten zu mehr, zu sich: hier darf die neue Praxis leichter werden, sich einüben, solche, die außerorts unmöglich wäre: hier darf Überwindung überführt werden ins Handeln, aus dem Tun des Denkens heraus ins Gefühl, ins Umsetzen selbst. Weil hier Können-dürfen ist, Dürfen-können, denn Können ist Dürfen, da Dürfen Können ist. Weil hier Jasagen ist zu allem Wohin, das uns näher kommt, zum Ausprobieren, Scheitern, Wagen, zur Konfrontation, zum Verlust, zum Weitermachen: darüber hinaus. Freundschaft ist Praxis zum Selbst. Freundschaft ist Analyse des Systems rings, der Gewalt, der Verunmöglichung, der Feindschaft, und damit ist sie: konsequenter werden, authentischer, trotziger, selbst-bewusster, erfahrender. Freundschaft ist der einzige unmetaphysische Ort der Gewissheit: „ich weiß, dass du darfst bei mir; ich weiß, wie viel du willst, und dass du gut sein willst; ich weiß, dass du stark bist und schön; ich weiß, dass wir mehr können als wir sind, und dass wir also mehr sein können; ich weiß um Möglichkeiten; ich weiß, dass ich dir vertrauen kann; du weißt, dass du mir vertrauen kannst.“ Freundschaft ist die Basis, die selbst Schlachtfeld sein kann, ohne dass sie berührt wird, ohne dass es je um sie ginge im Streit: Freundschaft ist der einzig sichere Boden. Die Epistemologie der Freundschaft ist die einzige, die kein Wille zum Wissen ist, sondern die Wille ist zueinander, zu sich, zum Potenzial, zu mehr, zum Darüberhinaus, zur Utopie. Freundschaft und ihre Epistemologie sind das Fundament, auf dem das Leben seinen wackligen Turm errichten kann, von dem es ins Mehr aufbricht, auf dem das Ich sein Wagnis schichten darf. Mit ihnen ist keine „Philosophie“, keine Liebe zur Wahrheit mehr nötig: mit ihnen als Grund kann sich den Zwangsneurosen und Konditionierungen und Phobien gestellt werden. Mit ihnen als Grund sind alle hoffnungslosen Kämpfe, alle Ent-Täuschungen, alle Absurdismen überlebbar. In Freundschaft lässt sich leben: Freundschaft ermöglicht, so viel richtig zu leben wie irgend möglich im falschen. Doch Freundschaft ist Exil, ohne flüchten zu können. Freundschaft richtet sich durchgängig, durchtränkt gegen das falsche Leben: gegen System (Totalität), Verunmöglichung (Prinzip), Xenophobie (Strategie) und Scherenhandlung (Methode). Freundschaft ist – ohne Taktik zu sein, wesentlich – Anti-Gewalt. Freundschaft ist auch Politik. Nur Elternliebe als Elternliebe ist bedingungslos. (Eltern können außerdem Freundinnen sein.) Die Klimax der Freundschaft aber ist grenzenlose Bejahung, grenzenloses Einander-Wollen. Der Körper wurde vom System zu einer Hauptgrenze deklariert. Freundschaft kennt keine Grenzen. Vielleicht bedeutet Freundschaft sogar, auf Liebe verzichten zu können, oder dahin zu gelangen, oder dahin wollen zu können: miteinander.

Polyphilotesie

Polyamorie, wie wir sie verstehen, ist die Konklusion klimaktischer Freundschaften. Ihr Amor hat nichts am Hut mit Pfeilen und anderen Gewaltmitteln. Er lässt frei, er legt Herzen offen, statt sie abzuschießen, festzupinnen. Selbstredend ist Amor geschlechtslos. Freundschaften wird ihre Klimax systematisch systemisch verhindert im Verunmöglichungskontext der Gesellschaften, wie alles jedem Selbst systematisch systemisch verunmöglicht wird. Weil Freundschaften nichts müssen, müssen sie auch nicht körperlich sein: aber sie dürfen indes alles, wenn sie wollen. Auch ist Körperlichkeit ein politisch kritischer Bereich für jedes Selbst, die Gefahr nämlich von Hierarchie, Spiel, Gesetz (: von Mechanik). Das Arreal des Wollenkönnens auszudehnen, ist andererseits eines der erklärten Ziele des Selbst und des wirlosen Wirs ichloser Iche, also der Freundschaft. Polyamorie hierbei ist wie Reisen: es lässt sich auch zu Hause bleiben, wenn man schon die Welt sah und weiterhin vorhat, sie zu sehen, das heißt wenn das Haus ein Hausboot ist und beweglich und wenn sein Anker lösbar ist und meist nicht im Grund stakt. Die Polyamorie fragt nicht nur „wie“, nicht nur „was“, sondern auch „ob“ – Liebe. „Ob Liebe“ ist eine der wichtigsten politischen Fragen der Moderne (und wir befinden uns in der Moderne, wer anderes behauptet, versteht den Begriff nicht). Das Poly der Polyamorie zerreißt den alten Amor, sie tötet ihn schmerzlos, und der neue ist ungewiss, mehr ungeboren als Gespenst, gänzlich Kind der jeweiligen Beziehung, gänzlich individuell, so individuell wie die zwei Individuen der Beziehung. Dergestalt ist wenigstens das Ideal, und Freundschaften als Dürfen-Dürfen, Können-Können sind eben gerade nicht Idealisierung der Realität, sondern Realisierung der Ideale, womit Amor neu wird, also ein anderer. Freilich muss Polyamorie auch nicht stets Polyamorien sein; sie ist lediglich die Offenheit dazu.

So viel, so vieles scheint außer-ordentlich sicher. Nun zurück in die Normalität der Fraglichkeit. (Die Sicherheit lässt übrigens oft dann nach, wenn einem durch sie paradoxerweise Gefahr drohte. Das ist vielleicht ein Gesetz, also bleiben wir hier unsicher…)
Vielleicht aber ist auch die Fraglichkeit des Folgenden dem Bisherigen äquivalent, jedoch die Sophisterei häufiger, womöglich bloß offensichtlicher, wahrscheinlich lediglich neuer, erfinderischer oder aber schematischer, was nichts einen Abbruch täte, vielleicht vielmehr Anfang wäre. In jedem Falle: gegen Sophisterei ist weniger einzuwenden als gegen Fakten, und es stellt sich nur die Frage, wohin sie uns führt – nicht, ob sie stimmt.

Auf der Straße nun mögen sich Heteros und Homos antreffen lassen, aber keine Polyamorien: in der Tat ist der neue Amor, wenn, so weiblich, denn schließlich ist sie Amicitia oder Philotes, und Polyamorie ist eigentlich, wenn wir so wollen, Polyphilotesie. Dass der Gott der Liebe männlich, während die Göttin der Freundschaft weiblich ist, sollte allen Männerfreundschaften zu denken geben, gleichermaßen allen, die in klassischer Liebe oder ihrer Befreiung einen Angriff auf das System sehen. Polyamorie dagegen garantiert, dass nichts in der Nähe der neuen Liebe ist, das nicht grenzenlos ist: vielleicht ist Liebe intern gerechtigskeitsfanatischer als Freundschaft? Polyphilotesie zumindest lässt uns an dieser Stelle mit oder ohne Hausboot zurückrudern dahin, dass die einzigen Grenzen der Freundschaft die Horizonte hinter den Grenzen der Freundinnen sind, und Freundeshorizonte bewegen sich, denn Freundinnen bewegen sich, denn Freundschaften sind Bewegungsfreiheit, und Selbste sind bewegt.

Monovenusie

Das verheißt: Freundschaft ist Politik, und in Freundschaft ist Politik möglich. Was ist Politik? Politik ist, wenn Bedürfnisse, Interessen, Dringlichkeiten, Prioritäten, Entscheidungen, Positionen sich absprechen, sich Wege schaffend im Lichte dessen, die Bedingungen der Politik zu wahren bzw. zu schaffen: Gewalt zu minimieren, zu beseitigen, zu bekämpfen. Dieses Licht ist der Wille und der Wille zum Wille, also zum Wollenkönnen und Könnenwollen; ohne ihn ist Politik nicht möglich. Wenn wir so wollen: er ist die Rationalität des Lebens oder das Axiom der Politik des Selbst; von ihm leiten sich alle Politiken ab. Politische Entscheidungen werden politisch somit in Freundschaften entschieden. Außerhalb ihrer kämpft man um die Ermöglichung zur Politik: dieser Kampf freilich ist damit politisch im stärksten Sinne; in Freundschaften findet Politik statt, denn nur in ihnen und als sie hat sie gesiegt. Als sie beginnt die Drastik der Sensibilität, d.h. die Kommunikation, aus der Sprachlosigkeit, gen Selbst-Redendes, gen Selbstbe-Stimmung. Weil hier Politik stattfindet, sind die Ergebnisse offen – mit Ausnahme des „Lichtes“, mit Ausnahme der Bedingungen zur Politik, die stets aufrechterhalten werden.
Damit widerspricht Monovenusie der Polyphilotesie nicht, sondern ist die Ernstart einer ihrer Freundschaften. Sich auf die Freundinnen und vor allem auf sich und sich mit ihnen beziehend mag es keine oder eine oder vielerlei gelebte Sexualität(en) geben. So oder so oder so, das Individuum, mit dem keine körperlichen Grenzen gewollt sind, und mit dem es daher keine gibt – mit ihm bewegt man sich auf die neue Liebe zu: diesen Amor gebiert man zu zweit, und jener Amor entscheidet, wie Venus gelebt wird, solange besagter Amor lebt. Im übrigen ist Polyamorie stets Zweisamkeit, eben meist mehrfache Zweisamkeit, und die Möglichkeit zu mehr Lieben als einem. Polyamorie wiederum geschieht in der Polyphilotesie – doch Liebe kommt und geht durchaus, falls nicht institutionalisiert: sie ist eher an den Moment gebunden als ans Individuum, sie ist euphorisches Moment, und nur selten ident mit Beziehungen. Grund und Boden auch hier, auch bzw. gerade der Monovenusie, ist die Freundschaft, sind Freundschaft, Selbste, Wollen, Politik. Selbst-redend kann Venus nur in der Heimat einziehen.

Monovenusie zur Liebe hin

Monovenusie zur Liebe hin ist ein Zusammensein, in dem alle Schwierigkeiten sofort angegangen werden müssen, wo absolute Ehrlichkeit notwendig ist, damit das Zusammen nicht auseinandergeht. Man lernt also, dass Probleme keine sind, sondern dass sie Schwierigkeiten heißen, und dass jede Schwierigkeit augenblicklich Beachtung verdient, und dass alles Hinauszögern nur weiteres Beschweren der Schwierigkeit wäre: man muss das Wegsehen, Ignorieren, Aushalten verlernen – ein auch politisch essentieller Prozess. Weil Sexualität eine Schwierigkeit ist fürs Selbst (da die Gesellschaft so schwer zu verbannen ist aus ihr) und weil Schwierigkeiten einem undurchführbar werden in einem Kontext, in dem von einem weggesehen, in dem man ignoriert wird, weil dergestaltes Aushalten kurzum zusammenbricht im Selbste-Sexuellen, deshalb zusätzlich ist Angehen der Schwierigkeit unumgänglich für Monovenusinnen. Es erübrigt sich von selbst, dass Intuitionismus und Instinktismus somit verbannt sein müssen aus allem gen Liebe, doch schon für jedes Selbst; und damit aus aller Freundschaft. Da die Grenzenlosigkeit der Monovenusinnen weiterhin keine Illusion ist – denn nichts anderes als die Grenzenlosigkeit rechtfertigt im Polyphilotesischen, monovenusisch zu leben – wird auch das Vermissen ein gesundes, nämlich eines des autonomen Brauchens, der Freundschaft selbst, der Freundschaft von Selbsten, was der Beweis gegen die Projektion ist, falls es dergleichen gibt. Gesundes Genießen aber ist entscheidend für die Möglichkeit zur Einsamkeit. Und indem Heimat gefunden wurde für Körper und Hirn und Herz, für Trieb und Wille und Bedürfnis, so wird Einsamkeit überall sonst möglich, so wird ihr die vielleicht meistmögliche Zeit zugeschrieben: schließlich, ohne Selbst kein Zusammensein; Zusammensein nämlich erfordert zwei; und ohne Einsamkeit kein Selbst. (Fortsetzung folgt.)

Freundschaft
Polyphilothesie und Monovenusie

Damit überwindet sich Geist auf Basis der Freundschaft und ihres Fallendürfens im Überall, und seine Umsetzung findet er in den Freundschaften selbst, körperlich aber am tiefsten und wichtigsten in der Monovenusie. Insofern diese wiederum auf Freundschaft fußt, fußt sie auf der einzig unmetaphysischen Gewissheit, und fußt sie als Politik, in Theorie (eigener Kopf) wie in Praxis (Handeln vor- und miteinander). Sie darf dieses Fundament nie vergessen oder verleugnen: denn ohne es fällt sie zurück ins heterosexistische Patriarchat des Monogamismus. Das heißt, sie muss täglich um dieses Fundament kämpfen: die Arbeit im Verunmöglichungskontext des Systems heißt Kampf. Die Schwerkraft zurück in die alten Mechanismen und so unterhalb ins Jenseits der Bedingungen zur Freundschaft nämlich ist der leichteste Köder fürs unbewusste Sein. Dagegen der Wille zum Wille, die Selbstbe-Stimmung – und das Dürfen des Bedürfens, die Heimat namens Freundschaft: diese zwei Exilitäten sind in zwei Selbsten, aus ihnen und für sie. Das Selbst ist Kampf, weil es kämpfen muss, um Selbst zu werden und um es bleiben zu können, also mehr Selbst zu werden. Kurz, das jeweilige Selbst ist es, das gestärkt werden muss, damit Beziehungen keine Faschismen werden – der Kampf ist es. Genau solches Beziehen aufeinander und solcher Kampf nach außen, solche Arbeit nach innen sollen Freundschaft, Polyphilotesie und auch Monovenusie sein. Letztere scheint hier gewiss am gefährlichsten; aber damit ineins auch am hoffnungsvollsten für die hartnäckigste Systemheit in uns, die kein Selbst allein brechen kann, die Kampf des Selbst auch nach innen erfordert: gegen die Mechanisierung des Körpers, gegen die Konditionierung der Lust und des Verlusts, des Versagens, Verstoßenwerdens und der Isolation – gegen die Konditionerung auf Angst, die Konditionierung der Anerkennung. Erst, wenn Monovenusinnen Freundinnen sind und ganz Dürfen und sich vertrauen und keine Furcht vor Fehltritt, Verrat, Tun oder Handeln, schwindet damit die Gesellschaftlichkeit des Monogamismus. Erst, wenn die Einsicht gereift ist, dass Verlustangst außer gegenüber Thanatos nicht berechtigt ist unter Freundinnen, erst dann ist Freundschaft ganz angekommen im neuen Amor, und erst dann wird Venus nicht mehr vom System zerschattet. Dahin zu arbeiten, überhaupt zu arbeiten gegen die Entfremdung, ist Politik im emphatischen Sinn. Und nichts ist Arbeit im Entfremdeten als Arbeit gegen das Entfremdete; nichts ist Arbeit im falschen Leben als die Arbeit hin zum richtigen; nichts ist Arbeit außerhalb der Freundschaft, innerhalb der Verunmöglichung, als Kampf. „Gen Liebe“ zu sein bedeutet insofern nicht zuletzt, wegzukommen vom Ideal klassischer Liebe. „Ich liebe dich“ zwischen Freundinnen kann neben Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit nur heißen: ich sage dir meinen Willen und ein Wohin meiner, und zwar jenes einzige Wohin, das in meinem Testament nichts zu tun hat, weil es nur uns gehört und nicht dem Rest der Menschheit, im Gegensatz zu meinem ganzen Rest, und zu deinem. Freundschaft also ist nicht zuletzt, vielleicht zuerst ein Kampfbegriff, weil sie Gewaltlosigkeit bedeutet in einem System systematischen Gewalttätertums, und weil sie dessen Verunmöglichungskontext bekämpft und die Bedingungen schafft, die jedem Kampf unterliegen – ohne die also jeder Kampf bereits ein Unterliegen wäre: die Bedingungen durchhandelter Überwindung, die Bedingungen des Selbst, die Bedingungen der Heimat, in der Trieb, Wille und Bedürfnis einen gemeinsamen Weg finden können, der so ihrer wird, und sie mit sich vermählt, womit erstmals Selbstbejahung in Selbstliebe übergehen darf. Die völlige Realisierung dieses Ideals und der übrigen freilich steht unter Vorbehalt des Systems: so lange es ist, wird sie nicht sein. So lange das System bleibt, wird auch oder vor allem Selbstliebe eine falsche sein müssen, eine falsche im Falschen. Nicht nur Selbste, selbst Egoisten aller Länder folglich: vereinigt euch dagegen, vereinigt euch gegen die Vereinheitlichung.

Standard
ENTSCHIEDEN, Ethik, Existenzialismus, Not-wendiger Schrei, Philosophie, Politik

ERSTES MANIFEST EINES PHILOSOPHIAL-UTOPISCHEN KOMMUNISMUS

Alles Folgende sind dezidierte Vorläufigkeiten, doch zentrale. Also sollte ihnen nachgestellt werden, um gewissen Zerrbildern die Gewissheit ihrer Selbst- und Fremdidentität zu nehmen.

I Politischer Absurdismus
„Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Ob diese Inversion nun auf einen Psychonalytiker zurückgeht oder auf eine Psychopathin, auf uns trifft sie zu. In ihr fasst sich zusammen, was zum mehrteiligen Paradox gemacht wurde: der politische Absurdismus. Dass wir glauben, dass alles möglich wäre, v.a. das Beste; aber dies gleichsam im Wissen (die epistemische Situation unverändert) dass der Untergang ist: dass nächsthin Fortsein nur noch werdungslos bleibt – dies Spagat meinen wir, wenn wir vom politischen Absurdismus sprechen. Den Spagat zwischen dem Glauben an alles und dem Wissen ums kommende Nichts.
Unsere Hoffnung ist da minimal, aber nicht nicht: sie ist wir, unseresgleichen, Proto-Utopia. Und wir sind selten, aber zu selten, und daher hoffnungsnah, doch hoffnungsverlassen: „die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Jene Inversion drückt die Renitenz unseres Humors aus und sein Votieren für jenen der zwei Pole, der sich nur negativ entbilden kann. Er ist die herbe Frucht einer Philosophie des Kommunismus, die von den Pestiziden des Wirklichen zerspritzt ist. Zuletzt stirbt also bekanntlich die Hoffnung. Wir aber mussten diagnostizieren: sie ist schon tot. Und es bleibt fraglich, ob sie je geboren wurde. Darin also, in diesem Grab liegt der worst case und frisst Maden: made in Germany, too. Woran also haben wir zu fressen? Daran, dass uns nichts sättigt, was schon gewachsen ist oder gezüchtet wurde.
An der Wirklichkeit.

II Wirklichkeit
Nicht weil es falsch ist (oder Lüge oder Schein oder deriviert oder unqualifiziert oder unschlüssig, unfügig, Unfug), nicht weil es falsch ist, sind wir gegen das Wirkliche. Sondern weil es schlecht ist, d.h. weil es verwirkt, entwirklicht, weil es uns Wirkmächtigkeit stiehlt. Schlecht ist nicht das Unstimmige, sondern das Stimmenraubende. Wirklichkeit wirkt auf uns, und ist gewirkt von uns. Sie bewirkt, verwirkt, verwirklicht, entwirklicht – verleiht die Macht und die Ohnmacht zu wirken. Wer Wirklichkeit Realität nennt, ist damit schon Ideologe. Denn realistisch („pragmatisch“) sein bedeutet, anti-utopisch zu handeln. Realismus ist nicht frei von Utopischem, sondern die Bastion gegen es, gegen emphatische Zukunft herum um das Jetzt des Status Quo, mit dem die Vergangenheit uns angeht. Was kann da Utopie sein bei einer Wirklichkeit voll Realisten?

III Utopie
Utopie ist nicht; sie wird. Und sie wird nie perfekt sein, sondern immer nur am optimalsten. Utopie ist bloß insofern, als sie Motiv ist zur Überwindung: nächstes Ideal, nächster Horizont, nächster Breitengrad. Utopie ist das Beste des Nächstvorstellbaren. Utopie bleibt also nie und immer: als Konzept ist sie stete Devise, als Inhalt ständig im Wandel. Sie ist interessiert an dem hinter den Grenzen: sie ist zwischen hier und allem, was über dort hinaus ist, zwischen jetzt und nach diesem. Kurz, Utopie ist die Öffnung der Zukunft. Utopie ist nie „die Utopie“, sondern immer Utopien, ein heterogenes Sukzessive an Fortschritt (und es gibt Fortschritt, gerade und nur als unentfremdete Kategorie, als Ametaphysikum): sie akzeptiert die Kurzsichtigkeit des Menschen und bereitet erneut den nächsten Horizont. Utopie ist kein Paradies und nicht „das Ideal“, sondern die ständige Problematisierung gerade dieser beiden. Utopie ist keine neu eroberte Stufe, sondern die Kritik dieser, um abzusehen von ihr – um weiterzusehen, weiterzugehen.

Im Verunmöglichungskontext
Wir entschuldigen die nächsten paar Sätze Sprache. Jedoch, wir sind geworfen: in einen Verunmöglichungskontext – und verschränken so unsere als dessen Arme gegenüber dem Fremdem, unsere Arme aus Rahmen geschreinert, die Bedingungen erdrücken für das, was noch nicht ist, und so auch nie wird. Je mehr Utopie wir werden, desto mehr verstößt uns der Aus-Wurf, in dem wir uns vorfinden. Erfindungen aber finden wir vor in der Welt des Möglichen, und in sie gestoßen wird man nur von einem Wurf, der unentworfen ist, un-unterworfen, ent-wegt – zufällig. Dieser Wurf aber, sein Name: Zufall, ist der Verworfene, von allem Geworfenen Verstoßene: er ist Gefahr für die Reinheit des Verunmöglichungskontexts, für den Wurfmonismus.
Derweil, während das Verfahrene der Gefahr zerfahren und zerfahren wird vom Verfahren des Verstoßens, entfährt der Gefahr Utopie: die Erfahrung des Zerfahrenwerdens maximiert die Gegnerschaft zum Wurfmonismus. Sie erst stößt das Verstoßene weiter an gegen die Geworfenheit: sie perpetuiert die Kritik, sie entäußert-erinnert das Verstoßensein hinaus in die Möglichkeit. Utopie mag heißen, Geworfenheiten zu pluralisieren, sie auszuweiten, zu vermischen: sich verwerfend weiterwerfend. Diese Geworfenheitspluralität dehnt sich aus, bis alle anderswohin geworfen fallen. Deren Zu-Fall, der Zufall der Koinzidenzien mit Anderen ent-wirft heraus aus dem eigenen Wurf: um-werfend diesen selbst. Der Zufall fällt ein in die „Geworfenheit nach“, und zersplittert so das Geworfensein in eine weitere Weite.
Denn ja, nur durch Geworfensein, so scheint es, lässt sich sein, seiend sein, entscheidend. Aber das Sein der Utopie ist bereichert von Wurfmannigfaltigkeit und von ihrem Überdeterminiertsein. Der Zufall ist die Koinzidenz, welcher der Wurf verfallen kann. Durch ihn erst werden Offenheit und die Bewegung des Öffnens; die Zufallsinclusio, die nunmehr qua Verworfenwerden zum Willen wird, ist Xenophilie. So ist Utopie das Gegenteil einer Diktatur der Wahrheit: sie kann sich nur bauen in Agnostizismus, und in seine Vorsicht, sein Interesse, seine Freiheitlichkeit.

Utopisten als Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens
Wir sind geworfen in einen Verunmöglichungskontext; wir sind immer schon verworfen. Je offensichtlicher uns wird, wie verstoßen wir sind, sobald wir nicht mehr bleiben im Wurfmonismus, desto mehr werden wir Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens. Das Problem – seine Namen: Ideologie, Status Quo, Faschismus und deren Gewalten und Spielarten, heute v.a. der Kapitalismus – stellt nur auf die Probe, was selbst nicht Problem ist. Dem Problem sind wir solange Proben für seine Laboratorien der Selbst-Perfektion, als wir ihm nicht zur Gefahr werden – d.h. zur Lösung.

Problemanalyse, Dringlichkeit, Anti
Woher, wie dahin? Erst, wenn uns die Gewalt mit angetan wird? Der Wille dagegen hört sich nicht, bevor er die Ausmaße, die Dimensionen des Problems zu erahnen beginnt. Erst über die Analyse von Problemen aber schafft sich das Bedürfnis dagegen, gegen das Problem, und erst daraus entsteht ein Bewusstsein für Probleme, das tief genug ist, bedürftig zu sein nach Alternativen, und also anders zu werden, anders zu denken, zu fühlen, zu handeln, zu sein – die Dringlichkeit des Dagegen, die Dringlichkeit des ersten und vielleicht einzigen gewollten Willens, des Dagegen, das Darüberhinaus bedarf. In ein erstes Anti gerät man also per Zu-Fall oder per strukturelle Gewalt, die plötzlich auch einen selbst trifft, per Trauma, per Krisis. Das viel verschrieene, verstoßene Anti ist dem Pro immer überlegen, sofern jedes klassische Pro das betrifft, was schon ist. Denn das Anti – es geht aus, fort von Verunmöglichung – schafft Möglichkeit, und es schafft das Bedürfnis nach Differenz: es startet die gerechte Beziehung zwischen Zukunft und Jetzt – es beginnt die Utopie. Utopie ist damit: Anti-Realismus, Anti-Wirklichkeit, Anti-Status-Quo, Anti-„Sein“; Pro-Möglichkeit, Pro-Können, Pro-Dürfen, Pro-„Werden“.
Doch wie Pro sein, wie ohne ein Wort, ohne Wirkung, ohne Anker eine Entität bergen, nur eine Emergenz provozieren? Wie etwas sagen, das es nicht gibt, oder wozu wir keinen Zugang haben? Wie ein neues Gefühl kennenlernen, das noch keiner kennt, ein neues Denken, Wollen, Bedürfen, Wünschen, Handeln …? Im klassischen Sinn ist dergleichen unvorstellbar: und in der Tat, ableiten lässt es sich nicht. Aber die Wechselwirkungen der Einsamkeiten, des Wehrens, der eigenen Stimmen, des eigenen Stils, der Ohnmacht, des Angreifens, des Zweifelns, der Akkumulationen des Unverstandenen, der polemischen Affirmationen, der schäumendendsten „Leugnungen“, des ewigen Dennoch: sie alle, aus dem pubertären Mischmasch von Zu-Fall und Verfall geboren, das Alte hierin zerfallend, hieraus entfallend, sind Potenziale, Mixturen, Unfälle, Bausteine: wenn zwei Dinge, die sich noch nicht begegneten, sich treffen, entsteht etwas Neues (Kontakt, Symbiose, Diebstahl, Vermischung, Aufbruch, Ästhetik – und anders weiter). Wir wollen dergleichen nicht Dialektik nennen, weil uns der Begriff faschistisch anmutet dank seines Populisten, dem rechtshegelianischsten der Rechtshegelianer: dank Hegel selbst. Vielmehr, wenn Zufall einfällt und im Verfallen Gefallen entfällt, wenn Verstoßenheit und Verworfenheit uns anfallen, dann implodiert daraus der Unfall des Neuen, des Wehrens, des Willens.

Utopie: Wirklichkeit aus Möglichkeiten
Und warum das Neue? Warum weiter, warum fort, warum Utopie? Für ein bereichertes, erfülltes, bejahtes Sein für jeden: gegen Entwirklichung, Verwirkung, Wirkohnmacht. Für Selbsterwirklichung. Für Erwirklichung. Für eine Wirklichkeit aus Möglichkeiten. Der Common-Sense-Glaube, dass Revolution gewalttätig sei oder aber unmöglich – beweist nur den Terror, die Gewalt des Unumstößlichen, des Herrschenden: des common sense selbst also; des Glaubens. Kurz, er beweist die Not-Wendigkeit der Revolution.
Utopie ist, was wir nie erreichen, wohin wir aber streben, um unser Erreichen zu bereichern. Utopie ist nicht, sie wird; wir werden sie; sie lässt uns weiter vor in uns, aus uns, vor uns, über uns hinaus. Das Mittel zu ihrem Zweck aber ist Philosophie.

IV Philosophie
Philosophie ist so wenig oder so sehr Elfenbeinturm wie einkaufen gehen, Hitlergruß zeigen, Fußball schauen. Philosophie ist nicht bodenlos, nicht realitätsfern, nicht unpragmatisch: sie ist Praxis, der Realität am nähesten, Praxis, die Boden um Boden exkaviert.
Philosophie ist Realität aber nicht nur nahe – sie durchforstet sie: ihre Konditionen, Organe, Strukturen, Mechanismen. Sie zeigt, demonstriert, verweist, dass alles Elfenbeinturm ist, weil alles eigentlich Bodenlosigkeit, und das meiste dessen realitätsidentisch ist.
Philosophie ist Subversion. Sie zeigt Alternativen auf, indem sie die Grenzen (weiter weg) verschiebt. Mit ihrem Angriff auf Notwendigkeit, Sachzwang, Gesetz; Faktum, Wahrheit, Realität; Sicherheit, Gewissheit, Zweifellosigkeit – eröffnet sie Möglichkeiten. Philosophie ist die Subversion, die eröffnet. Vor der Philosophie lässt sich nicht beginnen außer wiederholend, kopierend, reproduzierend. Nur mit ihr und durch sie eröffnet sich neues Land für Herz, Hirn und Hand: Philosophie ist die Bedingung der politischen Handlung; und sie ist schon die politischste Tat. Die meiste Akademie ist anti-philosophisch. Denn Philosophie ist Anti-Akademie.
Philosophie ist Nicht-Wissen, Philosophie glaubt nicht ans Wissen, und bringt zur Erfahrung die Gewalt des Wissens: intelektuell, und indem sie die Philosophin verändert. Doch ist sie nicht nur Fragen – das wäre das Wundern des Kindes, der Infantilismus der Antiken –, eher schon „nur Fragen“, aber am meisten Hinter-fragen. Radikalstmögliches Hinterfragen; so die Rahmen des Möglichen dehnend; d.h. immer radikalstmöglicher Hinterfragen. Kurzum, Hinterfragen der Realität – nicht nur der „Herangehens“weisen zu ihr, Interpretationen von ihr, Konzeptionen ihrer – sondern Hinterfragen ihrer selbst.
Philosophie ist so Utopiegeneratorin. Die Liebe zur Weisheit hinterfragte, als sie sich selbst erkennen wollte, und fand weder in sich noch dahinter etwas auf; noch wen. Seither wurde sie Denken: Reise ohne Ziel. Doch ziellos Reisende haben den stärksten Willen. Sie gehen weiter weil sie glauben, nie anzukommen: des Weiters wegen, d.h. des Besten wegen, als Bessern. Philosophie ist Entfernen – von common sense, Plausibilität, Evidenz. Sie ist den Grenzziehungen, Einkerkerungen, Umfriedungen des Möglichen entgegen – sie sprengend, sie hinter sich lassend als Trümmer. Philosophie zeugt Radikalität: sie zeugt in die Wurzeln hinein die Nager der Skepsis.
Philosophie ist Bewegung mehr als Teleologie, Bewegung vor allem weg, wegloses „weg!“, anti-eskapistische Flucht, Wille zum Können, Bedürfnis nach Dürfen. Diese Bewegung aber heißt Denken, und Sophia liebt es, zu denken, die Liebe zu ihr ist es, zu denken, und Denken ist freiestmögliche Bewegung, also: Ermöglichung. An Sophias Hand erkunden wir: die Welt der Möglichkeiten – Potenzia.

V Renitenter Humor
Es gibt keine Philosophie ohne Humor (als Überlebensinstinkt), und keinen renitenten Humor ohne Absurdismus (als Konsequenz). Der renitente nun, der so-nicht-Humor besteht aus dreien: Ironie, Sarkasmus, Zynismus. (Nicht Zynik, sondern Zynismus, weil sie eine „Ideo-logie“, ein Bildwort ist und keine Handlung – vielmehr ein Tun.) Dieser renitente Humor lacht nicht nur im Hoffnungslosen, nicht nur hoffnungslos. Er ist auch anti-synthetische Kontemplation, Position, Tätigkeit. Es geht in ihm nicht nur um Verneinung, sondern um die Potenz, „ja“ zu sagen trotz allem, „ja“ zu Momenten zu sagen, ohne dies Ja je allem, sich, der Umwelt zuzugestehen: nur den Moment bejahend, und keinen seiner Kontexte, nur das Ergebnis, und keine seiner Ursachen, nur das Lachen, und nicht dessen Bedingungen. Ohne die Negativität des renitenten Humors wäre kein Bejahen möglich jenseits Potenzias. Aber wir müssen auch Schreien und Schreiten für Utopia: viele große Schreie stoßen, kleine Schritte setzen. Wir müssen auch Ja-Sagen können, und Kraft schöpfen. Ohne gespaltenes Lachen kein Luftholen. Ohne Luft kein Schreiten – kein Schreien. Luft holen jedoch lässt sich nicht erst in Potenzia – nur von hier schon. Utopia steht zwischen Potenzia und Hier. Wir müssen auch schreiten.

VI Kommunismus
Kommunismus kann nicht wissenschaftlich sein, denn Wissenschaft ist nur möglich in Ständegesellschaften, Feudalismen, Kapitalismen – nur mit dem Bürger. Wissenschaft fördert nur zweierlei: den Trieb zum Wissen (der Realismus ist, also Anti-Utopia, also konservativ bis reaktionär); und das Wohlwollen gegenüber den Autoritäten (welche per definitionem konservativ sein müssen, um Autoritäten zu bleiben). Wissen aber ist Herrschaft. Doch Kommunismus ist Herrschaftsfreiheit, und Herrschaftsfreiheit bedeutet, dass Freiheit herrscht statt Wissen. Wissen setzt fest, Freiheit löst auf: Wissen ist Sein, Notwendigkeit, Manifestation, Definitives; Freiheit ist Undefiniert-Indefinites, Gelöstes, Möglichkeit, Werden.
Kommunismus ist keine „hegelsche“ Fortsetzung des Kapitalismus. Er ist nicht und war nie in letzteren schon eingeschrieben. Er ist kein ökonomisch-technisches Resultat und keine Fatalität. Vielmehr, er stammt aus dem philosophisch-utopischen Denken, das diskriminiert wird im „Kommunistischen Manifest“.
Kommunismus ist keine Doxa und kein Dogma. Das Proletariat muss, will es radikal (verstanden) sein, Utopia werden, ein Verein Freier, das heißt Freiheitlicher, sich Befreiender. Kommunismus ist Anti-Totalität und nicht-absolut, und beides entschiedenermaßen, entschieden, also entscheidungsgemäß. Er ist der Beginn, nicht das Ende von Politik, der Beginn der selbstvollen Arbeit an sich, am anderen, an der Gesellschaft und an allem sonstigen. Kommunismus ist der Beginn. Der Beginn des gleichberechtigten, gleichwertigen, gemeinsamen Kampfes gegen Dominanz, Suprematie, Hegemonie. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, weil er als erster, durch sein ökonomisches Privileg aller, fähig ist, Macht zu problematisieren. Kommunismus besteht aus Individuen, deren Basis das gemeinsame Wohl ist. Theorie und Praxis, Form und Inhalt, Idealismus und Materialismus, Denken und Handeln, all jene Dualismen der Metaphysik, von Aristoteles über Descartes bis zu Kant, die Aufklärung und ihr Dunkel inklusive, lösen sich auf in seiner Öffnung der Charaktere, die keine Identitäten mehr sind, sondern Selbste.
Gegen den Faschismus, das Grundproblem, die Grundkonstitution, lässt sich nur sein, indem gegen ihn geworden wird. Kommunismus ist Anti-Faschismus. Im Kommunismus lässt sich erstmals kommunizieren (qua hermeneutisches Präkariat). Was ist kommunal am Kommunismus, was allgemein? Es ist das Brauchen, das uns vereint. Und er, Kommunismus, ist das Brauchen, das uns vereint. Wir brauchen alle zu essen, zu trinken, ein Dach und eine Heimat. Ohne sie gibt es keine Politik. Kommunal, gemeinschaftlich sind die Früchte unserer Arbeit. Kommunismus damit ist der Raum, in dem die Politik beginnt. Erstmals ist sie nicht mehr entfremdet von sich selbst und an die Macht überantwortet; erstmals behandelt sie Interessen, das Sein dazwischen, zwischeneinander, Werden. Denn erstmals sind die Gründe des Bedürfens angefüllt mit Erfüllung – und es gibt keine Kartelle, Parteien, Kirchen, Staaten, Nationen, Klassen, Schichten, Milieus mehr. Jeder ist endlich dazu befähigt, seine Fähigkeiten auszubilden, sein Wollen zu bestimmen, Heimat zu beheimaten. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, und wo Politik beginnt, da schafft dessen Willen das Dürfen, und jenes das Können.
Alles wäre also möglich. Nur: es gibt kaum einen einzigen Kommunisten auf dieser Welt: bislang. Wie damit umgehen? Der renitente Humor des politischen Absurdismus hält uns in uns am Leben –  neben Kommunistinnen und unserer Arbeit außer uns –, und dieser Humor ist der einzige, der keine Konterrevolution startet.
Verworfen, verstoßen, verwirkt und ent-wirklicht stehen wir mit ihm vor den unabsehbar hohen Mauern. Doch sind wir Gespenster. Wir können durch sie hindurch: Philo-Sophia ist Ermöglichung; und Kommunismus wird Erwirklichung. Die Lage also ist nicht gänzlich hoffnungslos.
Wenn auch unendlich ernst. Und bitter ironisch.

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Existenzialismus

Grauer Star

Grau-sam vergrault im Erwachen. Ich sehe mich um. Pans Gel verschachtelt die Räume, verschachtelt kahle Gedärme grauen Betons, Panel um Panel achteln wir Bäume, zimmern uns Wärme, dort in den Rauten, wo man einst fror. Ich trete zum Fenster, sehe hinaus, plädiere – weiß, unweiß, weiß nicht, an wen: „vergesst mir das Essen des Lichts nicht, wenn den Morgen das Grauen befällt, vorm aschgrauen Grinsen der Sonne. Öffnet mein Wehr vorm chromgrauen Meer, denn nicht umsonst, Freunde, machte ich kehrt in der Kerze.“ Ich träume: wo Mehl mir noch Zier ist, da tiefen die Falten das Alter, da schlafen die Schläfen meliert. Altern ist grau. Asche ist grau. Doch fahren wir fort. Wohin?, weit weg nur, in Regen vielleicht, ich mag ihn ja sehr, in Wolken hinein, hinein in ihr Grau, weg aus dem Schlafsaal des Hostels, weg nur vom grauen Gebäck. Ich sehe mich spiegeln. Die Rüstung aus Knochen unter der Haut deiner Stirn will nicht mehr Christ sein, sage ich mir, die Lampionaugen des Jungen aus Sommer träumen von Räumen, wo Mühlen grauesten Pfeffers das Nießen ins Hirn hineinmahlen – wo sich bretonisch das Astloch einhölt. Doch immer noch kriechen von Böden die Schatten wie Würmer aus Äpfeln mir in den Mund, und ich denke, ich singe, vertone den Staub, köpfe die Knospen vom klebrigen Kleeblatt und juck mir den Kopf voll kratziger Haare. Denn das Hirn schlief mir ein.
Ein Bild an der Wand. Rothkos Lungen aus Farbe im Dunkel der Körbe. Ich weoß: wir Eingesperrten. Wir Gefängnisse. Und immer noch atmen wir, die Grenzen sind hingeschmiert, wir dürfen immer noch leben, gegen das Grau – sind immer im Dürfen. Aber –
Water, Lou. I need water! Ich lausche: „Wir kennen einander“, sagt der Ast zum gemahlenen Stein in den Häusern, „was alles täte ich bloß, dich wieder zu sehn!“. – Doch ein Sakko weht, verlassen, dort, beim Ballustradengemeißel darunter, jenseits des frierenden Flusses. Flugzeug an Flugzeug verbirgt sich, stählern im Stahlgrau des Himmels, und Hupen wellen den Tag. Depression ist im Winter ein Park, ein Park im Winter ist sie. Und ich sehe da Möwen ohne das Meer, ein Meer an Möwen ohne die See, ein Meer aus Möwen in Luft, ohne ihr Salz – eine siedende Siedlung im Himmel. Und ich streichle mir meinen Brustkorb, den man mir mitgab zum tödlichen Picknick des Lebens – und gebe mich auf.
keine wende also am ende, gefangenheit bloß, wer fängt hier wen, wer fing mich denn bloß, wer fing mich an, wann fing ich an, fing ich denn an? – das grauen des schreibens zwischen tintenzerklecksen und blancopapier, worein nun noch schreiben, schreiben in hitzige wüsten, schreiben in körnigen sand – wer ist der wind? ES GIBT KEINEN WIND, ES GIBT KEINEN HIMMEL, ES GIBT KEIN KIND, die wüsten sind fern. und grau steh ich hier im fenster des morgens, weiß nicht, ob ich sehne, und nag mir am nagel, suchend nach resten von essen aus anderen leben, essen, das mehr als graues gebäck ist.

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Existenzialismus, Uncategorized

Kyra

[aus einem alten Jungen, das sich gerade gen Zukunft entschält: mein Entscheidendes seit Jahren]

 

Hinter jedem Fortschritt zerbricht die neue Welt; hinter mir bröckelt schon, was ich eben erkämpfte; die Massen unterwandern, unterspülen es, und ein Riss ist das „Hinter mir“ – aber ich muss weiter; es gibt kein Zurück (worauf man zurückblicken kann), noch Richtung, nur: immer vor, von Hoffnungslosem zu verlorenem Posten, zwischen Trümmern, Wracks, Brandfeuer hindurch, eingepfercht – nur weiter, den Rücken nie gedeckt, ein einziges Stolpern in die Frage „wohin“?, immer mit dem Ziel: „fort!“, fort, denn „ich darf hier nicht sein!“ – nie durfte ich – und nirgends – und keine Pause wird vergönnt, ohne Kampf fällt man zusammen, doch nicht als Mensch, als – Asche –

Was man mir vorwirft – wie Lumpen vor eine Aussätzige: „du kannst nicht mehr unbeschwert sein.“ Der Vorwurf, die Frage: „wohin soll das Ganze noch führen? Du wirst doch unglücklich bleiben.“ Als Nachwurf die Antwort: „denk doch mal nicht so viel nach!“

Was ich zurückwerfe: ihr, eure Welt, euer Handeln beschwert mich, lädt meine Schultern voll Schuld! Nirgendwohin soll etwas führen; stattdessen: dahin will ich gehen, dass, wo ich sein darf. Meine Antwort: dessentwegen muss ich denken: weil ich heraus will ohne Konformismus, weil ich glücklich sein will und trotzdem frei.

(Weil ich wollen dürfen will, und Willen will für jeden.)

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Ästhetik, Existenzialismus, Inspirierendes, Literatur, Lust(-iges) & eROTik, Politik, Postmodrig

Fragmentchen

Eine komische Nase, die Asymmetrie der Flügel, ein komischer Mund … und deine Stirne erst! Wie das passt, wie das nicht passt! Wer hat denn da das Muttermal … ? Du siehst komisch aus. – Ich muss dich mal nackt sehen.

Sie reißt ihn aus der Gesellschaft und der Kleine steht im Atelier. – Wie die Fahne draußen! Wenn der Wind weht: an; wenn Gleichdruck herrscht – aus. Bitte.
Er zieht sich an, aus, an, aus, gelinde wie ein Reißverschluss. – Du bist noch keine was? – 18. – Was? – 18. – Was? – Er schweigt. – Dafür kleidest du dich aber schon tüchtig in Narben. Dein Oberschenkel, … wie? Dein Oberarm, dort! – Mein Selbstwert ist eine geritzte Sache. – Wie tüchtig! Wie wichtig, wie fein … Nimm dir ruhig ein Buch aus dem Regal und lies‘. Ich zeichne. Ziehst du nun die Uniform an? – Nein. – Nein? So muss ich sie mir also denken? – Auch in Ihren Gedanken werde ich keine tragen können. – Wie tüchtig! Wie fein! Unter Tolstoi schmilzt Zartbitterschokolade. Die magst du? – Ja. – Dann nimm sie dir. Vielleicht schmilzt sie gar nicht. Ich halte das Atelier auch im Frühling ziemlich kühl. Schäm dich gar nicht, wegen deines geschrumpelten Geschlechts. – Wie käme ich darauf! – Wie … schön.

(*)

Victoria

N: Du sahst so harmlos aus, als ich dich erst erblickte!

Victoria: Wissen tat ichs, daß du so sahst. Alles schaut sich schwierig an, doch das Schaun des Meisten bleibt einfach zu durchschaun.

N: Und nun blute ich!

V: Führwahr, du blutest … das ist gut.

N: Du findest’s gut? Du siehst’s und findest’s gut?

V: Wie sonst.

N: Das ich getroffen werden konnte, wo du trafst, das wusst ich nicht! Und daß da soviel Rotes quellen kann, das macht mich ohnmächtig.

V: Nun sprichst du besser als zuvor.

N: … Hilf mir!

V: Forderst du wirklich meine Hilfe oder Hilfe bloß? – Ich kann nur sorgen für, daß es am Bluten bleibt.

N: Das will ich nicht!

V: Ich weiß.

(Pause)

N: Hilf mir!

V: Hilf dir selbst.

N: Schlaf mit mir?

V: In hundert Jahren. Missversteh‘ mich nicht! Dies ist ein Versprechen. Gefühlt müssen diese Hundert Dir vergehen.

N: Nun sprich nicht mehr!

V: Wie du willst.

N: Brauchst du denn keine Hilf‘?

V: Die deine lang noch nicht.

N: Ach, du bist grausig! Hast so ein lieb‘ Gesicht.

V: Jetzt wirst du rückfällig. Halte still und Dummes Dir zurück; dann tut das Blut vielleicht schon wenig weh.

(*)

B: Ach! Mein Wunsch! Mein Wunsch!

Y: Dein Wunsch?

B: Meinen Wunsch, du erfüllst ihn. Ihn erfüllst Du, ich will gleich den Artikel ändern. Die Wunsch, denn dein ist er und an Dir ertrag‘ ich ihn.

Y: So lang gleich die Freude?

B: So lang gleich die Freude.

Y: … So wird es eine grammatikalische Beziehung?

B: So wird es. So wird es eine Beziehung?

Y: So wird es eine Beziehung. Das ist was?

B: Das ist …

Y: / … Das ist –

B: Das ist wenn wir uns alles geben wollen, was uns möglich heißt.

Y: Heißt? Heißen wir Möglichkeit? Wo heißt du mich willkommen?

B: – Bei meinem Verb, bei meinem Adverb, in den meisten meiner Adjektive, in der Armut meiner Substantive.

Y: Substantiell! Substantiell will ich Dir sein.

B: Das ist aber schön. Darf ich über dein Gesicht nachdenken?

Y: Nur zu! Ich bin vorsichtig …

B: Das bist Du! – fürwahr. Dir entfährt nichts, was du nicht meinst.

Y: Nun überschätz mich nicht. Schätz weniger, Schatz. Schall ist Dir der Klang meiner Brille, das Zittern meines Shawls.

B: Wie wenig Worte! Mittels deines Gesichts, meinte ich deine Haut. Ich weiß, daß sie heiß ist, am Hals, kühl im Zeigefingerglied. –

Y: Weißt Du, wie ich vor vielen Wochen meine Clitoris sah?

B: Vor vielen Wochen?

Y: Da hatte ich keine.

B: Ich ahne, doch ich will nie meine Erzählung zu dem Deinen. Ich muss wählen und wähle meine Erzählungen ab.

Y: Da hatte ich keine. Ich nahm einen Mundspiegel, Zahnarztbesteck. Ich machte mir meine Erzählungen fremd. In Mikrochirurgie fragte ich nach der Meinung, die ich hatte, von dem kleinen Klüftchen, ja, von dem schmalen Glöckchen. Ich fand, es war ein dünner Albtraum, der mich zungenzarte Venustrassen wäscheklammer-kalt zerfurchen ließ. Hör zu: ich bin nicht zungenzart! ich führe keine Venustrassen! Ich hasse den, der Furchen hasst und ich hasse den, der selbst nicht hasst und weint, während er Umklammernswertes langsam zwischen Lippen nimmt! – Will sagen, B., will sagen: willst Du, daß ich sagen kann? – Sag nichts, ich weiß doch wie Du willst. Und sei vorsichtig, mit Allem hier und ich schwöre Dir! – – hörst Du?

B: Ich denke, ich höre. Ich hoffe, daß Du es nicht wissen kannst, ob ich denn … –

Y: Ich weiß nicht. Hör zu, ich schwöre Dir! Hasst Du nicht und willst nicht weinen, wegen dem, was meiner schwarzen Schwester und meinem bronz’nen Bruder angetan wird, von Menschen, weiß wie Dir, mit einem Konto, reich wie meinem, einem Hasspfahl zwischen den Beinen, wie Du den Deinen tragen musst, – hasst Du nicht und weinst Du nicht deshalb, hin zum tiefsten Herz – so will ich, daß du mir die Lippen reißt mit deinen Zähnen, das Glöckchen pflückst, mit Fingernägeln und du fällst, vor Gericht und deinen Freunden: dreizehn Jahre ins Gefängnis! – für Gewalt von einem Mann an einer Frau, du weißt, ich erfände, log und zeigte Dich an, sagte: du warst der, der mir die Unschuld brach! Ich nützte jedes einzelne Ideologem, stündest du nicht aus Traurigkeit und Einsamkeit, weil alle Dich alleine ließen, wegen deines Wunschs nach keiner Grausamkeit, – ganz im Blute, zitternd-arm vor meinem armen Schritt.

B: Ich weiß kaum, was ich sagen will … Ich will Dich, Y., das hörst Du? Ich will Dich, weil ich keinem, Deinem Herzen nicht vertraue. Weil ich weine, weil mein Trauen streng vertaut. In der Hitze meines Hasses schmilzt mein kühles Sehnen hin. Y., ich will Dich eisig, will Dich zitternd, mein Finger trifft Dich ohne Blut.

Y: Ah! Ich dachte, ich fände keinen mehr, keinen Mann, der keiner sein will: hielt es Frauen zugeteilt: die Fähigkeit, sich ganz zu lösen, Geschlechter mit der Heckenschere fetzen. Doch, kaltes Herz, so will ich dich an meinem Glöckchen. Jetzt hör weiter: vor vielen Wochen war ein Trauma, bitterheiß in dieser Gegend. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr: lange fing ich Blicke an. Den Mundspiegel kreisrund auf das meine Klüftchen: ich erfand mir einen armen Mut. Keine meine Stunde musste ich masturbieren; ach, B., ich wollte es so sehr! Ich war so glücklich, dann am Ende und sah auf meinen schwitzigen Fuß. Ich dachte, rutschend gehen nun neue Wege: kalt fände ich endlich einen Mann, der am Bauche gleich empfindlich wär wie ich, – mit einen Sturzstab, daran gleich zwei Tauchgewichte, außerdem auch noch ein Löchchen, in daß sich wieder bohren ließe, kalt, mit allen klammen Fingern.

B: Du sagst nun also, von ganz in der Mitte unten, von dem wunden Zunder drunten, von da aus willst Du nun das Kühle drüber? Das was keinen Gedanken zweimal sieht?

Y: Von Dir verlangte ich doch das Umgekehrte! Dummerchen, du darfst mit mir scherzen, mich berühren … Sprach ich nicht davon, wie leicht’s mir ist: nackt gefläzt der Deine weite Himmel sein, in dem sich deine Äste dehnen?, – nur! weil kein Gedanke hilft, Dein Allesgrab ganz auszugraben, zuallerletzt die Füllung Sinn und dummer Zweck sein kann? Weil Du dreißig Jahre in der Gewerkschaft in der Ecke standest, – weil ein Sturz dich jeher schweigend an den Rollstuhl fesselt? Wie lange sitzt du da schon und hast zweifach alles aufgegeben! Wie zärtlich, vorsichtig hörst Du den Wahnsinn deiner Nächsten? – Ich will Dir alles tun und nun kann ich auch meinen, daß meine Klüftchen, Glöckchen zehnmal arme Geschenke seien.

B: … Ich hoffe, wir müssen nie nichts vergessen … –

Y: Jedesmale will ich in Dir kommen!

B: … Atemnot durch Dich macht atmen. Wenn mir zu heiß wird, machst du mich kalt, und nüchtern vice versa. – Wollen wir zurück zum Lesen?

Y: Ja … das war schön, doch mit Dir ists schwierig. Weil neu, kann ich nicht warten.

B: Ich kann auch nur nicht Bilder zimmern können wollen; – ich mag Dich, Y.! Jetzt finden wir zurück zum Thema.

Y: Ja, B. … Zurück zum Thema!

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Ethik, Existenzialismus, Literatur, Politik

Die Bären

Unter uns waren einige, die etwas bereuten; deshalb hatten sie den Rest in den Wald gezerrt. Die ersten Minuten sind angenehm; alle unter uns haben beim Laubstapfen schleichend die plötzliche Wiederkehr des Herbstes gefühlt. Ich gehe einsam unter allen; schaue meinen Gummistiefeln zu, wie sie perlende Striemen Wasser aus dem Laub sammeln und eine stechende Kälte aus dem klammen Waldgrund. Hinter mir haben einige angefangen, mit der Taschenlampe zu scherzen; die vor uns gehen gebuckelt und werden von der Waldnacht verschluckt. Keiner von uns kannte diese Route! Ich breche immer mehr Äste und meine Anderen ebenso. Vereinzelt beginnen wir zu fluchen, wo immer uns eine fremde Angst packt – die Nadelbäume gliedern Reihen, machen Leere zwischen sich. Wir fühlen uns alle eng, ein paar von uns begrüßen die niederdrückende Finsternis: die Flure werden immer diffuser. Dann stehen wir plötzlich im Saal. Von oben fällt haltlos ein dünnes Weiß und zerstaubt einige Meter über unseren Köpfen – auch wenn die Baumkrone offen sein muss, bleibt uns etwas wie Himmel versperrt, durch das weiße moosgrüne Licht. Besonders die unter uns mit Blusen und Filzjacken beginnen zu schlottern; gefällte Baumstämme liegen im Halbkreis auf der Lichtung. Die eine Hälfte setzt sich und verschnauft. Weiß einer wie weit zur Herberge – ? Einer will ahnen hier schonmal gewesen zu sein; ich frage ihn, meint er ein Deja – vu? Nein, nicht so stark! Wir schlottern … Ich beginne zu begreifen, daß ich uns jetzt tief im Wald nennen muss. Um uns breiten sich die Flure endlos aus; das Unterholz geht keinen Meter neben dem Baumstamm, auf dem ich sitze, kopfhoch in eine Hecke. Ich taste mit den Augen nach Nischen im dünnen Geäst. Wir sind alle müde, doch die Kälte hält uns steif. Einige spüren schon ein Loch im Bauch. Durch das Loch in der Hecke erkenne ich etwas gelbliches. Ich sehe die anderen an; sehe ihre ernsten Gesichter und bittere Furchen um die Nasen. Dieser Wald drückt so fest – ich möchte protestieren; fange an zu lächeln und fühle mich verspielt. Ich bitte die anderen darum, mir durch die Schwellen im Dickicht zu folgen. Wir verlassen den Saal und gehen durch eine nacht-graugrüne Straße. Eine beginnt ihrem Bruder mit ihren Gummistiefeln in die Kniekehlen zu treten. Der reagiert nicht – immer gereizter – und klopft nur nach dem Dreck, den sie auf der Hose hinterlässt. Magenta oder graue Dornenblüten nadeln sich ins enge Gestrick unserer Kleidung – ein überschlafener Nachtschatten beginnt sich auf den Gesichtern der Meisten breit zu machen. Der dünne Korridor durch die Dornen gleicht vielen einem Weg; ich spüre es. Alle werden munterer – das sieht absichtlich geschlagen aus! Hektisch gräbt man sich durch den Korridor. Als wir dann aus dem Gestrüpp speien – die Geschwister besuchen sich hinter den Ohren nach Zecken –, werden wir alle wach: es ist als zöge uns jemand wie Rinde ab und stellte den feuchtnackten Stamm den Kiefern und Fichten, den Nadelbäumen zur Inspektion bereit. – jene spannen die Stille; antworten nicht, zur Antwort, und – spannen ihre gestreckten Äste; ziehen ihre Ausstreckung zurück; klammern Zapfen und Nadeln so dicht wie möglich zum Stammherz hin. Jetzt jagt der Wind durch breitere Flure; auf uns, die feuchten Holzwände. Alles scheint weiter als vorher; die dunklen Pinien stehen dünn und mächtig. Was uns den Sand aus den Augen reibt: da steht eine gelbe Rutsche aus Blech. Die Böden sind nicht frei von Gestrüpp; es langt uns bloß an die Kniekehlen. Da liegen auch noch andere rostige Dinger, stecken im Unterholz – Artefakte? Rostartefakte? Einige von uns meinen, gewisse Formen wiederzuerkennen, – ein Sägeblatt? – zu groß, Idiot. – Heee! rufe ich matt zwischen die Geschwister. Jetzt sind wir verunsichert; alle, würde ich sagen, denn alle rücken ein bisschen näher zusammen und ich spüre eine Hand auf meinem Schritt. Vaness … Tess … Ti … ich kenne keines der Mädchen und sie bemerkt gar nicht, was sie tut, da, in der Filzjacke. Sie möchte ein Stück Körper unter Stoff greifen, deshalb fährt sie mit entfernterem Blick mit den Händen an den anderen Menschen entlang. Jetzt muss ich meinen Schritt spüren, wie einen Wurm, ein Würstchen, ein Stück Kordel und ein rissiges Ei, dumpf und süß. Mir wird ein bisschen schlecht und ich schubse sie weg, und, – Rost! stolpere über Stacheldraht und direkt neben sie auf Rinde und dichtes Gras. Geht es dir gut? Au. Ich helfe dir hoch. Was war denn da passiert? Was war denn – . Sie weiß es auch nicht und klopft sich ab und beginnt ein bisschen zu weinen und flieht an eine fremde Schulter. Einer singt penetrant: Empfang! Empfang! Er ist die glitschigen Stufen auf die Blechrutsche gestiegen und jubiliert und lässt ein Lied auf youtube laufen. Jetzt ist warm, jetzt ist Stimmung, Scheiß-Wald, bald draußen. Navi? GPS? ADAC? Ich brülle verzweifelt, oder jemand anderes brüllt, ein Freund? Hier? Da beginnt es zu graulen. Hier gibt es keine Bären. Hier gibt es keine Bären, das ist Süd – … Ost … Germany. Und Jäger kümmern sich um uns. Ich war Dritter bei den Waldjugendspielen. Das Mädchen von eben kreischt! Kann das Mädchen aufhören? Es hat gekreischt, aber leise, jetzt verstehe ich es. Wir werden beobachtet und jeder hat angefangen den Gruß des Bären mit Starre, Angst und einer Preisgabe der Haut dem Wind zu entlohnen; der Wind schickt uns die Gänse, wir beginnen vereinzelt zu zittern und ich weiß, wie leicht ich sterben kann. Ich blute; mein Körper drängt sich mir auf. Ich blute an vier Punkten durch die Jeans, dort wo ich mit dem Mädchen über den Draht stolperte. Ist ihr vielleicht doch etwas passiert? Ich will zu ihr – doch werde des Bären gewahr und stoppe meinen Schritt. Viele fangen an zu heulen und einer glaubt, er kannte die Wahrheit darüber, wie jetzt umzugehen sei, mit Bär, mit Verlorenheit, mit Kälte, Blut und dem dichten Unterholz, daß uns die Turnschuhe einsperrt. – Wir rennen, dort die Böschung, – kennen denn alle das Wort Böschung, muss ich mich schnell fragen. – dort die Böschung, und es geht steil runter, ich seh’s selbst im Zwielicht: das gibt uns Anlauf, dann versuchen wir mit dem Schuh fest den Stamm zu treffen, halten uns fest und klettern in die Kronen. Braunbären – das ist unsere Lösung; die klettern nicht! Das können nur wir. – Ich habe das Gefühl, er geht durch die Reihen, um uns Mut zuzusprechen, wie man es mit Soldaten tut, an matschigen alten Fronten, im Graben, „gleich geht’s los! jetzt näss‘ dich nochmal ein –“. – die klettern nicht! Wer fällt – die Böschung ist genickbrechend steil! – steht auf und rennt weiter, oder kann sich hinlegen und fest ans Sterben denken. Manchmal gibt der Körper nach und stirbt freiwillig und schlummerhaft: es ist wie im Traum! Wünscht euch dann einfach ganz fest, alles wäre ganz anders geschehen und ihr werdet sehen: es wird schwarz vor den Augen werden. Ihr sterbt. … Doch – an die, die Leben wollen gerichtet: ich hab nichts gesagt.

Wir keuchen und rennen; wer war das alles? Ist da wer auf dem Baum? Drei Bären rennen uns hinterher und fauchen. Ich habe einen in der Peripherie: er bewegt sich zuckhaft und ruckhaft und irre schnell. Langsam verstehe ich, wie langsam ich bin. Ich keuche; mein Knöchel tut so weh; wie blutig ist mein Hosenbein? Wie blutig das Ihrige? Wo ist sie? Ihr muss ich doch helfen? War da nicht auch noch ein Freund? Vielleicht sind sie in der Krone, vielleicht – vielleicht sind sie in der Gruppe keine vierzig Meter rechts von mir! Da sind welche und sehen auch, daß sich unten der Weg gabelt, den wir oben verpasst haben und auf den wir jetzt querfeldein zujagen. Markerschütterndes Graulen ertönt und vielleicht werden so Tiere gerufen, die noch viel schlimmer sind, als Bären. Mir gefriert das Blut in Adern und Venen. Die zwei! Ja, ja! sie sind in der Gruppe! Das Mädchen humpelt schnell. Ich winsele ein bisschen und der Gegenwind wird immer dichter, mein Mund ist ausgetrocknet. So kann ich kaum rufen und bringe nur Schwächliches hervor. Es ist fast ganz dunkel. Sie sind an der Gabel; sie zögern und zucken; sie wollen nach rechts. – Da werden Bären sein, ich bin mir sicher! Ich rutsche auf nassem schwarzen Laub aus und schreie leise. Sie hören mich und wollen zu mir rennen und mich hochziehen; ich erinnere mich an die Lehre dessen, der eben die Wahrheit wusste. Aber sterben kann und will ich nicht. Ich spüre einen festen Griff um meinen Ärmel und werde halb am Stoff, halb am Fleisch hochgezogen. Ein paar Nachtvögel stürzen sich dicht über unseren Köpfen hinauf in die Luft. Fliehen! Rechts? Oder links? Links, links, bitte geht links! flehe ich den Retter an. Er starrt ein bisschen, mit einem festen forschenden Augenpaar. Glaubt er, ich lüge ihn an? – Oder … oder … runter! Weiter die Böschung. Ich glaube, da ist ein Bach, dem kann man folgen, wieso auch nicht. Alles … Hör … Alles nur nicht rechts!

Er geht zum Mädchen und berät sich; deutet immer wieder mit dem Finger auf mich. Einmal muss das Mädchen ein bisschen auflachen. Nach kurzer Zeit nicken sie einander befriedet zu: Okay. Okaaay. Ja, ja; – so, oder? Warum nicht? Sie umarmen sich. Mich sticht das ein bisschen; ich stehe ein bisschen peinlich da, fehl am Platz und weiß nicht mehr ganz, wo die Bären bleiben. Der Dritte kommt zu mir und sagt: Also ich hätte ja für dich … – aber du verstehst, bist darin ja schnell – die anderen wollen nicht. Es ist jetzt sechs Uhr und da macht mir die Demokratie am meisten Spaß. Wir gehen rechts und du gehst links? Deal, oder? An der Herberge erzählen wir dann einander die guten neuen Geschichten! Viel Glück! – Und du blutest am Bein. Ich weiß nicht ganz, was ich sagen soll und blicke den Dreien nur tieferschrocken hinterher. Der Dritte war der gewesen, der oberhalb der Böschung die Wahrheit wusste und jetzt geht er demokratisch den Weg mit den Bären. Die Drei sind kaum aus meiner Sichtweite gejoggt, da beginne ich, jetzt alleine, panisch hin- und herzulaufen; so schnell ich kann. Es kreischt sehr sehr laut jemand oder etwas irgendwo auf der rechten Straße und ich fahre mir mit der Zunge über den Oberarm, was nicht so einfach ist, und lecke da wo ich blute meine Wunden. Meine Augen peitschen auf meinen Wangen Tränen hinunter. Ich schließe die Augen und es wird schwarz. Ich springe – wo sind die anderen? – ich springe, es ist schwarz, die schwarze Böschung hinunter, nicht rechts, nicht links, geradeaus, und falle. Und ich lande hart, hart, und spüre eine Dorne, eine Pranke.

(*)

Zur Interpretationsfrage ein Streckchen meines eigenen Wanderns auf der hermeneutischen Spirale:

Was tritt in der Erzählung auf?:
Die Faktizität und das Gefühl, das Vereinzelung Terror am Selbst bedeutet. Am Schluss erkennt das Ich es richtig: der Terror, die Gewalttäter, das sind die Menschen des Kollektivs. Die, die glücklich den gemeingefährlichsten Weg gehen. Wo die Systemideologie eingehalten wird, stoppen die Bären ihr Scharfrichten. Doch letzten Endes wird natürlicherweise doch gestorben, an der Systemideologie, denn, trotz selbstauslöschenden Glaubens & Vertrauens in das Fremdbestimmende, ist auch sein willigster Untertan nicht sicher vor dessen kopflosem Terrorismus in hydraischer Ausführung, siehe bspw. Hitlers Vorhaben anstelle von Kapitulation eher noch die deutsche Bevölkerung auszulöschen oder, daß KZ-Häftlingskonformisten vor Kriegsende doch noch das Emordetwerden ereilte (; ereilen sollte, siehe dazu bspw. die Biographie Arthur Dietzschs).

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Autoparodie, Existenzialismus, Kunst, Philosophie

Kreis, Wüste, Schale

Es gibt Mauern, die konnte ich nie überwinden. Ich bleibe drin – lasse das gute Wetter draußen. Die Größe der Stadt hat mich nervös gemacht, zusammen mit meinem Überschuss an Energie. Energie! Nach der Scheidung, vor Zuleika hatte ich sie im Kreis laufen lassen, und niemanden in diesen hineingelassen. Das war erwachsen, das war Ansprüche aufheben, allen Mut verabschieden: totale Kapitulation. Wo es schon keine Ausgänge gibt und keinen Ertrag auf irgendeinem Fleckchen – wieso nicht gleich stehen bleiben? In den Sterbestuhl legen, etwas Morphium in die Venen und – ruhig werden. Die Verliebtheit hat diesem Kreis ein Leck verpasst. Jetzt braucht Energie wieder eine Richtung. Sie will, dass ich ihr einen Kanal baue, um wieder so intensiv, so extrem, so implosiv zu werden wie früher. Ich war nie ganz kompromisslos, doch gab es immer Stellen, an denen ich nicht locker ließ – ganz fest saß oder hing oder klammerte ich in deren Schluchten.

Indes, die Scheidung hatte ihre Gründe.

Sagte ich es schon? Mir fehlte es nie an Energie – nur daran, sie sinnvoll zu investieren. Sie in ein Ziel zu stecken und zu stecken, bis es platze, wäre ein Leichtes gewesen, hätte ich an eins glauben können. Aber ich kann nicht. Es gibt kein Exil. Es gibt nur die Wüste und die Fata Morgana. Sie im Blick, lässt sich hoffen, morden und glücklich sein – im trauten Heim. Aber für die Spiegelungen des Nichts bin ich erblindet; Halluzinationen hat man mir verweigert. Dabei bräuchte ich nur irgendeine Schale, in die ich mein Blut nicht umsonst werfen muss.

Früher waren es die Körper von Frauen: war es die gesellschaftlich bezeugte, gezeugte Liebe. Das Blut war mein Ernst und mein Sperma und meine Zärtlichkeit. Es war mein sexistisches Geben. Aber so einfach ist es nicht und nicht mehr. Schon vor der Scheidung nicht. Ich wüsste weder, wie noch einmal lieben, noch, wen ernsthaft ernst nehmen. Und obwohl beide mir fast identisch sind, fehlen sie mir doch unabhängig voneinander: die Liebe und die Kompetenz, die Kapazität, die Fähigkeit, nicht nur ernst zu sein, sondern ernst zu nehmen. Dass mir das Nehmen derart verwehrt ist, liegt am Diebstahl, den man beging an mir.

Ich sage: kein All, kein Meer, kein See – kein Teich, kein Eimer – eine Schale reichte mir! (Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich glaube es. Wie wissen, was nie eintrat? Wie es schon vorher des Raumes verweisen?

– – Nie.) Eine Schale, nicht einmal gefüllt – ich bin kein Verdurstender, ich muss nichts in mich reinzwingen – nur raus aus mir!

– Nein. Das alles ist nicht dramatisch. Bloß nicht leicht. Und nicht kleidbar in dieses Sprachkostüm, das immer nach nichts aussieht oder zu bunt ist und zu antiquiert.

Und doch, es muss sein: wenn wenigstens die Nähte der Narben platzen könnten, um mich zu entlassen in etwas, das bedeutend war, vielleicht wieder werden kann. Aber was einmal verspielt ist, holt der Ernst nicht mehr ein. Herr Ernst, seine Miene eine Mine, die nie hochgeht.

Wo waren wir? Bei der Schale. Eine leere Schale. Man muss sie mir nicht schenken, nicht hinhalten, ich kann um sie kämpfen oder nach ihr jagen. Doch bräuchte ich eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sie gibt – irgendwo. Und die habe ich nicht. Nur Wüste.

Ob ich mir aus dem Sand und meinem Speichel eine töpfern könne? Das ist es ja, was Schreiben versucht. Wir scheitern immer nur die längste Zeit.

(Liegend in der Schale unsres Horizonts.

Es gibt Mauern, die kann kaum wer überwinden.)

 

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Aus der Erzählung Scheidung.

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Ästhetik, Existenzialismus, Literatur

Gewalt

Ich spüre meinen Schädel. Meinen Kiefer. Die knöchernen Platten, die sich seit dem Kindheitsalter verhärteten. (Darin seither die Erhöhung der Temperatur für mein köchelndes Hirn. Liquidierung.) Den Zusammenfall der Wangenhaut. Das Versteck der Augen. Das Versteck, das Besteck ist, Verstecke zu entstecken und getrennt voneinander aufzustellen: ins Gesicht der Sonne. Nur die Ohren sind fort in unserem Spüren: wir sind ohrenlos. Der Eingang der Trommelfelle ist vernäht. Unsere Lider hängen taub umher. Die Haare liegen trocken, fremd. Unsere Schläfen sind verkeilt, aber sie schmerzen noch nicht. Der Nacken zittert immer. Kurz: unser Kopf ist verkopft. Wir sind Existenzialisten. Wir glauben nicht ans Phänomen. Wir müssten trotz allem schwindeln – hielten wir uns für fest. Wir halten uns nicht. Wir hielten nie – nichts zurück. Wir sind Aufgehende, unser Fleisch eine Blüte. So fühlt es sich an im Rücken. Aber wir sehen nicht hinter uns: wir wissen, dass dort der Abgrund gründelt. Wir sind zu grundlos, um noch den Abgrund zu spüren. Wir spüren nicht, wir spuren nicht, wir sind zu zergangen, um je zu vergehen. Wir sterben schon. Immer. Wir sterben zu Staub, doch sterben wir stets über Asche hinaus. Wir sind grau und das Grauen. Wir sind die Morgen aus Gräue. Wir haben keine Heimat. Wir kamen nach der Fäulnis. Nur unsere Stimmen sind sehmig geblieben. Wir nagen am Knust unsres Körpers, der leer ist. Hunger war uns die Fremde. Nur Freunde kannten wir nicht, sonst alles. Heute ist Freundschaft uns Brandmal und Gastmahl des Herzens. Und wir sind herzlos. Ein Loch haust uns unter den Rippen. Wir füllen nicht länger das Fass ohne Boden. Wir sind wie Trinker trocknen Humors. Bloß trinken wir nicht. Bloß Blöße blasiert uns. Kommt mit uns – oder bleibt in den Höhlen. Doch glaubt nicht an Licht. Es gibt es nicht. Uns gibt es.

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