ENTSCHIEDEN, Politik

Manifest einer Dissidenz im 21. Jahrhundert

von Rob Stirner

Der einzige Grund für die folgende „Theorie“ ist die Unaushaltbarkeit der alltäglichen globalen Praxis sowie die Notwendigkeit, sie hinter uns zu lassen.

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Die Ideologie der Ideologie ist, dass es keine Ideologien mehr gebe. Sie ist stets älter als angenommen. Konditional für sie bleibt die Dämonisierung bestimmter Vergangenheiten (oder überhaupt die Behauptung, sie seien schon vergangen) sowie der Glaube an stattgefundenen Fortschritt. Letzterer ist spätestens seit dem vorläufigen Sieg des Kapitalismus dort angelangt, dass er die beste aller möglichen Welten für bereits erreicht hält. Dieses Erreichen ist das behauptete Anlangen in einem Bestehenden, welches das Offene oder die Öffnung selbst sei – in einer toleranten liberalen freiheitlichen dynamischen pluralistischen etc. Gesellschaft, die nun nur noch verteidigt werden müsse gegen Feinde von außen und innen. Die Ideologie der Ideologie ist die wesentliche Ideologie des Kapitalismus seit dem Schwarzen Freitag und ineins übersetzbar mit der Proklamation von Alternativlosigkeit.

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Einige Beispiele aus Deutschland zu geben ist hier angeraten, weil besagte Ideologie der Ideologie ihre narrative Wiege von den Alliierten gezimmert bekam aus der teutonischen Eiche der Nazis. So ist es zum Beispiel einzig mit dem Selbstverständnis, in der besten aller möglichen Welten angekommen zu sein, möglich, vom Fall „der Mauer“ und von selbigem Geschehen als von einer „Wende“ zu sprechen; auch kann nur so jede frühere Verstrickung in Stasi-Aktivitäten zelebrös-drakonisch geahndet werden, während zeitgenössischen Geheimdiensten die Stasi als mitleiderregend schlecht ausgerüsteter Dilettantenverein ohne nennenswerte Befugnisse erscheinen muss. Darüber hinaus ist es nur mittels desselben Selbstverständnisses möglich, Nazideutschland, den Holocaust oder Hitler zum absoluten Ausnahmefall zu deklarieren und sich so von diesem scheinzudistanzieren – in einer Zeit, die den industriellen Massenmord, den Weltkrieg gegen den Terrorismus oder die für die Banalität des Bösen unhintergehbare division of responsibilities täglich aufs Neue planetar reproduziert.

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Der Kapitalismus hat also vorläufig gesiegt, und der Sieger schreibt die Geschichte. Historisch bestätigt zu werden bedeutet nichts anderes, als von Herrschaft sein Führungs-Zeugnis entgegenzunehmen. Was historisch siegt ist bislang stets das Mächtigste, d.h. die effizienteste systematische Gewalt oder die neueste Kriegführung. So und nur so ist zu verstehen, dass der Kapitalismus vorläufig gesiegt hat. Er ist allerdings nicht nur die neueste Kriegführung, sondern ein Krieg, der geführt wird, um Krieg weiter zu effizialisieren, und damit ist er per definitionem une guerre pour la guerre, also Krieg für die Ausdehnung, Vertiefung und Beschleunigung des Kriegswesens. Vornehmlich ist er deshalb zuständig für die Totalisierung des Totums Kapital und für den Totalitarismus seiner selbst. Der Krieg gegen Bedürfnis, Körper, Leben und Möglichkeit ist jedoch keine Erfindung des Kapitalismus, sondern vielmehr ist Kapitalismus Erfindung jenes Krieges. Kapitalismus scheint derweil nicht nur dessen aktuelles Stadium, sondern auch sein letztes. Wie nahe wir damit schon am oder wie sehr im Spätkapitalismus sind, ist nicht mit Gewissheit sagbar. Sagbar ist lediglich, dass nach dem Spätkapitalismus wenige (wenn überhaupt irgendwelche) menschlichen Bedürfnisse, Körper, Leben und Möglichkeiten übrigbleiben. Die postmoderne Rede vom Transhumanen findet darin ihre irdische Wurzel. Die Erde wird transhumanisiert sein ab dem Moment, in dem der Mensch sie genug kapitalistisch bearbeitet hat, um selbst nicht mehr auf ihr leben zu können.

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Der Krieg, von dem hier die Rede ist, der Krieg, der letztlich den Kapitalismus erfand, begann laut Überlieferung mit dem, was wir Kultur zu taufen erzogen sind.[1] Jener Krieg oder Kriegszustand nun, den die Archäologie, zurecht oder zu Unrecht, bis auf die Grundsteine der Zivilisation zurückführt, wird im Folgenden schlicht System genannt und als solches expliziert. Um vom System zu sprechen, ist zwar eine gewisse Abstraktion zu leisten, dies aber lediglich, weil das System selbst als abstrahierende Aktivität gefasst werden muss. All dies klingt genauso mystisch, wie es auch funktioniert: unter dem System wird der Mensch zum hypnotisierten Tier. Ja, „der Mensch“ wäre, falls von Interesse, in vielerlei Hinsicht definierbar gerade als „hypnotisiertes Tier“ – weshalb es u.U. auch gerechtfertigt sein kann, über einen solchen Menschen hinauszukommen. Dafür wiederum müsste das System überwunden werden, das sich zwar trans-subjektiv und trans-personal selbst perpetuiert, aber deshalb noch nicht „das Subjekt“ oder „die Person“, geschweigedenn „das Individuum“ oder „das Einzelne“ fundiert.[2] Denn es gibt durchaus Nicht-System, und dieses ist gerade oder ausschließlich in Persönlichkeit, Individuum, Einzelnem, nämlich in Bewusstheit, Entschiedenheit und Willen zu finden, die womöglich auf den Körper und seine Bedürfnisse zurückgehen, jedenfalls kaum auf Sprache, Logik, Idealismus, Geist(-eswissenschaft) usw.

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Das System lässt sich als herrschende Herrschaft beschreiben. Als solche ist es ein wirkliches, d.h. bewirktes, bewirkendes und verwirkendes Perpetuum Mobile. Seitdem es geworden ist, hält es sich selbst weiter am Laufen, sich um sich selber drehend, sich selbst verifizierend, indem es sein Außerhalb mehr und mehr beseitigt und sich selbst damit necessitiert. Es ist daher ein Totalitarismus – was überhaupt synonym ist zum Begriff herrschender Herrschaft. Totalitarismen leugnen, was sie nicht sind und/ oder expandieren in es hinein, um uneingeschränkte Hegemonien zu werden. Was Totalitarismen anstreben, ist Alleingewalt über die Welten, also Ausmerzung ihres Außerhalb. Totalitarismen sind insofern die Verabsolutierungstendenz von Immanenz. Dass Philosophen ihre größten Freunde sind sowie ihre tiefsten Ideologen, kann insofern nicht weiter überraschen.[3]

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Das System ist zwar ein Abstraktum, aber ein wirkliches: eines, das in der Welt ist und sie formt sowie be-inhaltet. Es ist trans-personal, weil sein Personal die Menschheit ist, und nicht nur ein einzelnes Wesen. Wäre dieses Manifest offen für naturalisierende Metaphern und ihre Dualismen, ließe sich das System auch zu einem künstlichen Körper oder zu einem Organ aus Stammzellen poetisieren. (Dieses Manifest ist allerdings nicht offen für dergleichen.) Dass „die Menschheit“ das Personal des Systems ist, besagt nunmehr nicht, dass alle, die heute Menschen genannt werden, ständig Personal des Systems wären oder als es agierten. Sondern es besagt, dass es ein Personalmanagement des Systems gibt, welches jene, die – ob im Schlaf und seinen Träumen oder im Wachen mit dessen Träumen, ob im Intimen oder im Öffentlichen, ob mit sich, mit Familie, Freunden oder Fremden – nicht hinreichend als Personal arbeiten, aus seiner Welt verbannt, d.h. in die eine oder andere Art von Tod schickt (beispielsweise in einen der Tode des Menschen und all seine Spielarten eines Verlusts von Wert, Lebenswert und Leben). In dieser Situation aber befinden sich alle Menschen, also alle kultivierten Tiere. Durch sie setzt sich das System um, hält es sich aufrecht und führt es sich fort. Wer sich seinem Personalstatus nicht verweigert, ist dabei notwendig Funktionär des Systems, weil er sich für es auf eine funktionierende Funktion reduziert, um partizipierend, um Partizip zu bleiben. Wer ferner nicht einmal mitbekommen hat, dass er Funktionär ist, wird sein Funktionieren selbstverständlich als Freiheit wahrnehmen und die Funktion, mit der er sich identifiziert, als Axiom seiner Entscheidungen. Diese Selbst- und Fremdreduktion auf eine funktionierende Funktion oder auf systemische Medialität ist bekannt unter dem Namen der Identifikation. Sobald Identifikation geschieht, wird das Personalsein zur Persona, wird eine Selbstontologisierung betrieben, nach welcher davon gesprochen werden kann, dass der entsprechende Mensch System ist. Von außen ist solche Beurteilung auf eine jeweilige Handlung bezogen durchaus treffbar, und vornehmlich auf den Akt der Identifizierung. Dieser Akt jedoch, indem er selbige Handlung als Identität projiziert, verwandelt die Analyse seiner in die Analyse einer Person.

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Indem Menschen sich mit dem System identifizieren, werden sie also zu ihm: noch nicht, weil sie mitunter oder auch andauernd systemisch handelten, sondern erst, seit sie ihr diesbezügliches Handeln für sich selbst halten. Das System ist also nicht einfach ein mystisches Programm, das sich selbst geschrieben hat und selbst am Laufen hält, sondern ein verselbstständigtes Oeuvre, das laut System-Überlieferung so alt ist wie die Menschheit und ihre Geschichte – wobei diese Geschichte selbst die Verfasserin seiner ist. Auch in diesem jetzigen Moment ist dieses Oeuvre dabei, sich fortzuschreiben: dafür ist sein Personal als Partizipialkonstruktion des Funktionierens, dafür sind seine ontologisierten Funktionäre, d.h. seine Identitäten ihrerseits geschrieben worden. Nun sind diese aber nicht gänzlich fassbar als „Hypnotisierungen“ des Menschen (oder als Kreation des Menschen als metaphysisches Tier), sondern in erster Linie als positive sowie negative Reaktionen auf die identitäre Welt, in welcher sie leben. Denn keine Identität fängt bei Null an oder mit dem Nichts, sondern stets bereits als das Identitätenarrangement, als welches es sich selbst erstmals wahrnimmt – d.h., beispielsweise, als Teil seines Elternhauses. Damit ist das System nicht nur ein Programm, das abgespielt wird; sein Personal, das meist kein Außerhalb seiner kennt, wird von ihm nicht einfach geschrieben, sondern an selbige identitäre, also systemische Welt ausgeliefert, um sich mit dieser identifizieren zu müssen oder unterzugehen: um System zu werden. Somit ist jede Identität Bestätigung des Identifizierens mit der identitären Welt und der identitären Welt selbst sowie damit Verunmöglichung einer Weigerung dessen, d.h. Verunmöglichung alles Nicht-Identitären. Hierin liegt der logische Sinn der anarchischen Idee, dass niemand frei sein könne, bevor alle frei würden.

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Das System automatisiert also, aber vornehmlich mittels des Zwanges, dass dem Menschen, der kein Automat ist, auch keine menschlichen Bedürfnisse zugestanden werden. Insofern ist es ein materialisierter Idealismus. Wer dagegen den Einflussbereich des „Idealen“ (also von Metaphysik) überhaupt leugnen will, der muss den Menschen leugnen, also das dressierte, hypnotisierte, identitäre Tier sowie dessen Kultur, Zivilisation und Geschichte. Diese dürfen für alles über sie hinaus allerdings nicht geleugnet, sondern müssen im Gegenteil für es bekämpft werden.

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Das System perpetuiert sich also, indem es jenem außerhalb seiner selbst keine Überlebenschancen übriglässt. Deshalb muss die Materialisierung seiner absoluten Immanenz auch totalitär sein; anders überlebte es nicht als System, wäre es nicht System. Es funktioniert damit so gut, weil die Identifikation mit ihm, seitdem es ist, d.h. herrscht, innerhalb seiner immer schon hegemonialen Immanenz die einzig rationale Option ist. Resistenz gegen den Sieger (den schon Gesiegten, die Definitionshoheit übers Siegen, das System) ist daher nicht nur von Seiten der Ideologie, sondern auch von Seiten der Wirklichkeit aus betrachtet „Pubertät“, „Punk“, Unvernunft oder Überschuss an Lebensenergie, nämlich: Streben, Darüberhinaus, Noch-Nicht, Zukunft – Transzendenz statt Religion; statt religio.[4] Gegen das System zu argumentieren ist demgemäß Kassandrie; gegen es anzukämpfen Don-Quixoterie.

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Sich sein kurzes Leben mittels eines „Gegen-Idealismus“ zu verderben, ist folglich, gerade seitdem Himmel und Hölle im Außerhalb abgeschafft sind, geradezu eitel: bedenke, dass du sterblich bist und lebe, d.h. mache mit statt dich querzustellen. So wirst du anerkannt und dafür entlohnt, kommst überall durch und hast ein angenehmes Dasein. Alles andere hilft dir so wenig wie allen sonst und verändert genauso wenig wie sein Gegenteil. – So der Gospel der Servilität, des Opportunismus, der Heteronimität, des Identitären. Er ist rational, weil das System ihn und damit sich rationalisiert hat. Als Herrschaft und expandierender Totalitarismus nämlich sorgt es sekündlich dafür, dass es rechtbehält. Das System versichert, verabsolutiert seine Immanenz, indem es sich als Alternativlosigkeit schon fürs Überleben perpetuiert. Wohin es sich aber bewegt, und erfolgreicher denn je seit seinen neuesten Techniken, das ist nach außen und nach vorn, also als Expansion, in die Totalisierung seiner Totalität, mit der einzig möglichen Verlangsamung seiner im absoluten Totalitarismus als gänzlich totalitär gewordener Immanenz.[5]

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Alles nun, was das Außerhalb theoretisch zu verunmöglichen versucht, ist Ideologie. Ideologie also ist die Theoretisierung systemischer Praxis. Die fortgeschrittenste, zeitgenössische Ideologie ist die postmoderne Theorie: sie verleugnet praktisch das Außerhalb, indem sie alles Außerhalb außerhalb des Innerhalb theoretisch leugnet. Damit verabsolutiert sie die Immanenz als Bestehende im Bestehenden. Während die Leugnung des Außerhalb die Theoretisierung des Systems ist (oder Ideologie), ist die Verleugnung des Außerhalb die Praxis des Systems. Die beiden wären ohne einander weder denk- noch umsetzbar.[6]

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Das Außerhalb des Systems dagegen ist jenes Potenzial, das Immanenz transzendiert und somit den Totalitarismus herrschender Herrschaft zu beschneiden trachtet. Um dieses Potenzial zu befördern, bedarf es jedoch der Resistenz und Renitenz, des Dissenses und der Dissidenz, kurzum des Kampfes gegen das System. Es bedarf des systematisch Diffamierten, des Trotzes, des Versagens, Verneinens und Verweigerns von Identität. Diss-idenz ist also die einzig hinreichende Gegnerschaft zum personalisierten System, nämlich zu seinen Ident-itäten. Solche kann sich aber nur entwickeln aufgrund der bewussten, erfahrenen, durchwollten statt willigen Entschiedenheit des Einzelnen – welche das System zur Gefahr und also zum Feind erklärt. Sein Personal wird demgemäß, wann immer es solchem Einzelnen begegnet, die eigene Arbeit darin sehen, seinen Arbeit- und Lohngeber zu beschützen, also das Einzelne zu tilgen und es bestenfalls zu liquidieren, d.h. es zu verflüssigen in den eigenen blutigen Blutkreislauf, in das planetare Delta seines Mainstream. Widerstände auszulöschen, Immanenz zu immunisieren, ist damit die negative Beschäftigung der Systemfunktionäre; die positive ist, Immanenz weiterhin am Laufen zu halten sowie intern zu perfektionieren.

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Dissidenz indessen muss Widerstand sein gegen die weitere Evolution des Systems: nicht zuletzt gegen die Polis-, d.h. Identitäts-Politiken, welche makroskopisch v.a. als Märkte und Nationalstaaten institutionalisiert sind und mikroskopisch als verschiedentlich konkretisierte Kollektivitäten. Dissidenz aber ist nicht Pubertät als prinzipieller oder gar identitätsbildender und damit rasch verendender Trotz, sondern vielmehr endloser Trotz aufgrund der Hoffnungslosigkeit des Kampfes, also die ständige Pubertät der Aufklärung gegen die ewige Unmündigkeits(v)erklärung des Systems. Dissidenz ist dabei utopisch, weil sie in ihrem nächsten Umfeld erlebt, dass utopische, nämlich utopisierende Zweisamkeiten bereits möglich sind. Deren Ausleben als transzendierendes Leben allerdings wird von totalitaristischer Immanenz konstant verunmöglicht – weshalb Utopia heute auch nur als Fluchtpunkt, Exilität und Asyl, als Höhle, Insel und Burg fortbestehen kann. Selbst als solche, als besagtes Umfeld, ist Utopia aber nur erreichbar mittels eines utopischen Willens und seiner entschiedenen Taten, d.h. mittels Dissidenz, welche eine Ethik des Körpers und eine Politik der Bedürfnisse ist. Utopia wäre demgemäß eine Welt, welche – statt tiefe, volle, offene, inspirative, starke und sensible Individuen wie überhaupt Lebewesen zu eliminieren – diesen vielmehr die Macht über sich selbst und ihr Miteinander überließe; eine Welt also, in welcher das Emanzipieren vom System weiter und weiter, eigens und kooperativ, im Größten wie im Kleinsten betrieben würde. Utopie, kurzum, wäre letztlich die radikale Alternative einer Befreiung zu sich und zu einem freundlichen und freundschaftlich verbundenen endlich bejahbaren vielfältigen Dasein. Dessen Gegenteil aber ist die sich selbst verabsolutierende Immanenz, ist der egoistisch-kollektivistische, kompetitiv-antagonistische, agonistisch-gleichschaltende, mörderische, verunmöglichende, vollends entfremdete Totalitarismus des Systems, welcher im Kapitalismus seine effizienteste Methode gefunden hat.

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Das System ist ein Kriegszustand und der Kapitalismus sein dynamischer, beschleunigender, asymmetrischer guerre pour la guerre. Damit ist Kapitalismus das Entwicklungsmoment, das sich selbst weiterentwickelt, die effizialisierteste Methodik des Systems, weil die stete Effizialisierung noch seiner Effizialisierungen. Der Kapitalismus ist folglich die bislang höchste Form des Totalitarismus, weil er in alle Richtungen und alle Dimensionen zugleich expandiert: aus diesem Grund auch lautet sein Leitmotto Wachstum. Der Kapitalismus aber muss wachsen, weil sein Kapital akkumulieren muss: Kapital ist das vermutlich erste Mittel des Totalitarismus, das nicht nur so blind und abstrakt, sondern auch so universal und unlimitiert ist wie dieser selbst. Mit dem Kapitalismus ist das System nicht mehr nur ein Perpetuum Mobile, nicht mehr nur durch sich selbst beweglich, sondern gleichsam in der Notwendigkeit, sich auszudehnen und sich selbst zu überholen. Die Techniken des Systems sowie seine Technologien wurden demgemäß erst mit dem Kapitalismus radikal weiterentwickelt. Die Reduktion der Distanzen, welcher der Handel bedarf und welche vom Schiffsbau (Conquista, Kolonialismus und Merkantilismus) über die Eisenbahn (Industrialisierung und KZ, go west und go east) bis in die zeitgenössischen Explosionen von Kommunikation und Information (Neokolonialismus und Outsourcing) führt, wären undenkbar gewesen ohne das Wachstumsprinzip des Kapitalismus und die Effizialisierungsimperative des Kapitals. Das Ausmaß des kapitalistischen Totalitarisierungsgrades ist damit angedeutet schon im allgemein verwendeten Wort Globalisierung.

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Es gibt daher kein Exil mehr außer das innere: nicht zuletzt deshalb liegt die letzte Hoffnung im anti-identitären, dissidenten Individuum. Es gibt überhaupt keine Fluchtmöglichkeiten mehr, nur noch Migrationen von einem Gesamtkapitalisten (Engels) zum nächsten. Dieser globalisierte, also planetare Totalitarismus, diese systematisch verabsolutierte Immanenz des Systems nun ist bekannt unter dem Namen Markt. Es ist der Markt, der entscheidet, unter welchen Umständen ein jedes Lebewesen sich sein Leben zu verdienen hat. So verdienen sich manche Lebewesen – beispielsweise sogenannte „Nutztiere“ – ihre Lebensspanne einzig damit, dass sie zuletzt geschlachtet, d.h. ermordet werden. Mit 1989 als narrativem Endpunkt der Geschichte (als finalem Spektakel) ist allerdings nicht „nur“ die Welt, ihr Leben und ihre Natur ans Kapital verpachtet, sondern auch deren gemeinsame Zukunft. Apokalpyse wird damit zum Modus Vivendi einer ökonomistisch diktierten Politik kurzfristiger exzessiver Profite. Das System war nie so effizient totalitär wie im globalen Markt des zeitgenössischen Kapitalismus. Die monotheistischen Religionen versuchten, ihre Macht auf das Nachleben auszudehnen, um ihre Herrschaft zu sichern, blieben aber verunsichert, weil ihre Metaphysiken auf der Erde nicht verwirklichbar sind. Der Kapitalismus dagegen ist bereits die Versicherung des Systems als systematische Praxis seiner Verleugnung der Zukunft: Umweltzerstörung ist nur eine dieser verleugnenden Praxen. Dass sich durch sie das System versichert, zeigt nicht nur auf, wohin wir uns alle auf dem Weg befinden, sondern v.a. wer und was wir bereits geworden sind.

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Totalitarismus könnte beschrieben werden als Versuch, sich alternativlos zu machen. Dass sich in Deutschland, dem heutigen EU-Imperialisten, ausgerechnet die erstarkende Rechte als Alternative bezeichnen kann, ist damit augenfälliger Beweis für das Ausmaß des kapitalistisch Totalitären, das planetar ist. Es hätte Nazideutschland und den Holocaust ohne die Reduktion der Distanzen und die gleichzeitige Zentralisierung der Herrschaft, d.h. ohne Markt und Staat, ohne Kapital, ohne den Fortschritt der Technologien und Techniken des Systems, ohne den Volksempfänger und die neuesten Logistiken des Fordismus usw. nicht gegeben. Insofern dürfte es nicht übertrieben sein – selbst nur mit Blick auf die kapitalistischen Nebenprodukte (vom Internet bis zu den Waffensystemen, gemeinsam vom Militär entwickelt) –, unsere Dekaden nach dem „Ende der Geschichte“ als solche zu begreifen, die erstmals wirklich gen Apokalypse steuern. Fukushima dient Fukuyama somit als Bestätigung: was inzwischen zur Enthüllung (ápokálypsis) voranschreitet ist, was das System von Anbeginn antrieb.

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Dass die ganze Menschheit in Richtung ihrer eigenen Verunmöglichung wirkt ist nur zu verstehen dadurch, dass sie als Totalität wenig mehr ist als die totalitäre Gesamtheit an Zahnrädern, welche ihrerseits das Produkt des selbstperpetuierenden Systems ist. Dessen verabsolutierte Immanenz herrschender Herrschaft wird von keinem Personal und keiner Funktion jemals mehr transzendiert. Die bestehende Tendenz ist unwidersprüchlich, weil unwidersprochen: der Kapitalismus wird das System in den Abgrund hinein beschleunigen, bis das System, mystisch wie es ist, in seine Ursprünge zurückfindet, also in den Anfang oder eher in das Ende von Zivilisation überhaupt. Die Postmoderne war insofern womöglich nur der hilflose Versuch, sich vor diesem verwirklichten Wahnsinn ohne Fluchtmöglichkeit in eine idealistische Welt zu flüchten, in welcher vom Overkill nur noch ein Symbol, ein Simulacrum übrigbleibt, und in welcher der Totalitarismus in sich bereits die Utopie bereithält für jene, die Texte lesen und Sprache verstehen können – in welcher die verabsolutierte Immanenz kurzum bereits das Transzendieren selbst ist. Dies aber war das wohl letzte Refugium der Linken, doch jedenfalls eines, in welchem sie sich bereitwillig verlor.

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Damit ist nachvollziehbar, warum im Besonderen die Identitäten jener Generationen, welche nach 1989 geboren sind, in der Identifikation mit dem Aggressor aufgehen (und untergehen): die Linke selbst existiert kaum mehr jenseits des Systems – wenn sie es denn je tat. Sie ist mit Sicherheit keine Alternative zur proklamierten Alternativlosigkeit des Bestehenden; sie selbst ist Bestand, und vielleicht sein wichtigstes Standbein. Anders gesagt: sie hat ihre Prüfung bestanden und ist indifferent geworden, also gleichgültig sowie unterschiedlos gegenüber dem Rest. Es bleibt damit allen, die ihr Leben nicht als Kampf und beinahe Opfer, zumindest nicht als selten glückliche, isolierte, ständig unterwanderte Überanstrengung erleiden möchten, wenig anderes übrig, als sich restlos mit dem System zu identifizieren und zu seinem Personal zu werden. Dies ist die für Identitäten rationale Vorgehensweise, welche die meisten demgemäß auch praktizieren – die kapitalistische Ökonomie legt nichts näher als das. Kurz: wer anerkannt werden und erfolgreich sein möchte, wer ein angenehmes und positives Leben leben will, das befördert statt verhindert wird, der muss zum Funktionär des Systems werden. Wer Anteil haben will an seinen Reichtümern, der muss teilhaben an seiner totalitären Totalität, der muss deren Immanenz weiter verabsolutieren und sie als einzige und beste Erde für sein Wachstum und seine Arbeit wahrnehmen: sonst wird er niemals auch nur eine Frucht seines Säens ernten können. Dies freilich ist nichts Neues; es ist das System. Der Kapitalismus ist lediglich effizienter darin, es umzusetzen.

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Folglich ist, was als die große Entdeckung Foucaults gilt, ebenso steinalt: dass Herrschaft nicht nur beschränke, sondern auch instandsetze, dass sie nicht nur restriktiv sei, sondern auch konstruktiv – kurz: dass sie konstitutiv sei. Auch nun wenn Theorie, dem System meist verschworen, es selten selbst verstand, funktionierte Herrschaft immer schon so: wer von ihr beherrscht ist, der darf herrschen. Wer nicht zu transzendieren versucht, sondern immanent bleibt, der wird von Immanenz dafür belohnt, der steigt innerhalb zu hohen Würden auf. Erneut, das System findet im Kapitalismus nur eine Effizialisierung dessen: wer im großen Trust des Kapitalismus, als Kompartiment seiner Kompanie, für die Profite des Kapitals, kurzum wer immanent neuert, innovativ wird, kreativ, den empfängt man global mit offenen Armen: denn er bringt das System weiter, er verbessert es, konzentriert, expandiert und perfektioniert es.

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Die Effekte der entfremdeten Arbeit durch die früheren Stadien des Kapitalismus und deren ökonomische Umwälzungen müssen hier nicht nochmals aufgelistet werden; genügend Aufklärung ist über sie zu finden, sofern danach gesucht wird, v.a. dank den marxistischen Strömungen der Nachkriegszeit. Was hier näher in den Blickwinkel kommen soll, ist derweil die letzte der kapitalistischen Revolutionen, die vierte, die digitale, die immaterielle, weil diese nicht nur neue Rekorde der Effizialisierung des Systems bricht, sondern weil in ihr die Differenz zwischen Person und Personal, Funktion und Funktionär, System und Mensch gänzlich ausgelöscht wird. Mit anderen Worten: die letzte politische, d.h. größer angelegte Hoffnung, die der Dissidenz, ist nun unter direktem Beschuss, weil nunmehr ganze Identitäten kapitalistisch produziert werden, die letzten Distanzen zum System sich also auflösen. Dass die Linke dies weiter mit Identitäts- und Polispolitik zu „bekämpfen“ versucht, ist hinreichendes Zeugnis ihres partizipativen Status, ja, ihrer nicht zu unterschätzenden Rolle fürs System.

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Resümieren wir zunächst, was vielerorts nachlesbar ist. Aufgrund der Sättigung in den bestehenden Kapitalakkumulationen des Industriellen musste der Kapitalismus in den 1970ern seine Ausbeutungsradien expandieren. Weil die Staaten des Zentrums zu dieser Zeit keynesianisch geprägt waren, musste durch sie, mit Umweg über die höheren Bildungsanstalten, die ökonomische Expansion ausgeübt werden: bekannt ist die hierfür verbreitete ökonomistische Ideologie unter dem Namen Neoliberalismus, welche man nach Experimenten in Südamerika und Asien auch in Europa umsetzte. In den Peripherien waren dafür neben der Regierung des militärisch am Leben gehaltenen Imperiums USA (Washington Consensus) vornehmlich die vormalig keynesianischen Institutionen Weltbank, WTO und IWF zuständig – letzterer spätestens seit der Finanzkrise dann auch direkt in und mit der EU. Der Neoliberalismus hat dabei nicht nur den Graben zwischen Zentrum und Peripherie vertieft (Strukturanpassungsprogramme im globalen Süden gen „Liberalisierung“), sondern – mit seiner Liquidierung des Sozialstaats, der Zerschlagung von Gewerkschaften und Betriebsräten, der Privatisierung der öffentlichen Hand, der Umverteilung von unten nach oben bzw. der Austrocknung der Mittelschichten – den Manchesterkapitalismus, d.h. die Prekarisierung und Pauperisierung wieder reimportiert in seine Heimat Europa. Dabei ist der Neoliberalismus, entgegen gewöhnlicher Interpretation, keine bloße Reaktion, die lediglich zurück vor die ökonomischen Einsichten der beiden Weltkriege führte – auch wenn er die Erstarkung der klassischen Rechten sowie allgemein Militarismus, Rassismus und Nationalismus begünstigt. Vielmehr ist er vor allem eine weitere kapitalistische Flucht nach vorn, nämlich eine Deregulierung der gesamten Gesellschaft – am Finanzsektor und seinem hemmungslosen Wachstum ist diese Deregulierung nur am deutlichsten ablesbar. Was dies bedeutet, ist eine allgemeine Ökonomisierung und Finanzialisierung des Sozialen, Alltäglichen und Intimen; es bedeutet die Ersetzung der Staaten als makropolitische organisatorische Mittelpunkte durch mikropolitische Logiken und Praktiken nicht nur der Märkte, sondern durchaus des (globalen) Marktes. Die damit einhergehende Horizontalisierung von Herrschaft, ihr Personalwerden noch der Person, die Funktionwerdung der Funktionäre, diese Übertragung des Politischen in die Hände des Marktes wurde allerdings von oben, d.h. klassisch hierarchisch, nämlich von Staaten, Medien, Bildung und ihren Institutionen eingeleitet.

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Im Markt nun ist der Kriegszustand des Systems endgültig von der Gewalt in den Krieg aller gegen alle übergegangen – mit „Ausnahme“ alter metaphysischer und neuerer interessegeleiteter immanenter Kartellisierungen (welche nicht anders funktionieren). All dies musste geschehen, um dem System die Effizialisierung seiner Effizialisierung, um der Immanenz ihre Absolutheit, um dem Kapital seine Akkumulation aufrechtzuerhalten. Dergestalt nämlich ist Totalitarismus definierbar: um sich aufrechtzuerhalten, muss er expandieren. Entsprechend hat der Neoliberalismus nicht nur die aktuale Gefahr des Faschismus verschärft, sondern die Tiefenfaschisierung des Kapitalismus begonnen. Seit den 1990ern geht er demgemäß über in das Regime, das er vorbereitet hat: in eine Ökonomie der Kommunikation und Information, des Immateriellen und Digitalen, der Identitäten und der Schulden, kurz: in den postmodernen Kapitalismus, ins nächste Stadium des Systems, in einen totalen Totalitarismus.

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Heute ist nicht mehr nur von der Internalisierung des Systems zu sprechen, nicht mehr nur von seiner Sozialisation, sondern überhaupt von der Liquidierung der Distanzen zwischen ihm und seinen Funktionären: die Horizontalisierung der Hierarchien hat herrschende Herrschaft vollends austauschbar gemacht mit dem neuesten Personal, nicht nur mit Marktsubjekten, sondern mit Marktidentitäten. Der höchste Entwicklungsstand des zeitgenössischen Kapitalismus ist so zusammengefasst in dem Wort Identitätsökonomie. Dass dieses Wort in gewissem Sinn eine Generalbeschreibung des Systems liefert, ist schon ablesbar in den Etymologien seiner beiden Bestandteile, die von Anbeginn aufeinander verwiesen.[7]

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Die Identitätsökonomie steht zunächst in direktem Zusammenhang mit den angesprochenen Akkumulationsengpässen des Kapitals. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte sind nicht nur neue Ressourcen und Techniken für Kapital und den Kapitalismus emergiert, sondern v.a. neue Identifikationsobligationen gegenüber dem System von unten. Die absichtlich produzierte (äußerst lukrative) Krisenanfälligkeit sowie die Transformation von Schulden in handelbare Werte formt und formiert nicht nur die Arbeit der Menschen im Job, sondern ebenso ihre Arbeit an sich selbst, also ihre Identitäten auch jenseits offizieller Fabriken. Während Kapital angehäufte Arbeit ist, sind Schulden die künftig zu verrichtende Arbeit für Schuldner, oder Verträge über Arbeitsverhältnisse des Privaten und Öffentlichen der Zukunft. Damit wird die gesamte Persönlichkeit des Personals, mitsamt aller bewussten und unbewussten Reflexionen über Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten, über Hoffnungen und Befürchtungen von Systemimperativen durchfasert. Weil das Emphatische der Zukunft für die Person aber Offenheit statt Erwartbarkeit und Geschlossenheit bedeutet, Möglichkeit und Alternative, Befreiung und Veränderung, deshalb ist der Verkauf der Zukunft – den Schulden sowie die Angst vor Verschuldung und Krise beinhalten – der Verkauf überhaupt von eigenem Handlungsspielraum. Besagter Verkauf ist im Effekt somit jener von Entscheidungen und Initiative, von Person und Persönlichkeit und ihrer Wirklichkeits- und Ich-Konstruktion sowie allgemeiner von gesellschaftlicher Besserung und Utopie. Verkauft ist nämlich nicht nur die Zukunft einzelner Personen (sich nicht zuletzt verdeutlichend in der Obligation des „lebenslangen Lernens“, also des lebenslangen Justierens auf gesellschaftliche Nachfrage), sondern jene ganzer Völker, was spätestens offenkundig wurde mit den marktaffizierten Staatsschuldenkrisen in Südeuropa und ihrer Übernahme durch den Markt und seine Repräsentanten. Dass das Narrativ vom Ende der Geschichte und die Einführung der Schulden- und Krisendiktatur im identitätsökonomischen Kapitalismus des Immateriellen zusammenfallen, ist somit nur die zeitgenössische Zusammenführung von Überbau und Basis.

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Der Neoliberalismus enthob die Zentren also ihrer auf den Straßen erkämpften Sozialstandards und organisierte die Selbstüberantwortung der Gesellschaft an einen Markt, welcher aus Schulden mehr Schulden bzw. mehr Gewinne ausbeutet. Insbesondere dieser Markt, jener der Finanzen, hat die Welt bekanntlich global in eine extreme Konzentration von Kapital und damit von Macht geführt und dies nicht zuletzt, indem versplittertes Vermögen in Fonds monopolisiert und institutionalisiert wurde. Eine Rückkehr des Sozialstaats ist somit nicht möglich in den derzeitigen Verhältnissen; der Staat überhaupt ist wenig anderes als eine Vertretung der nationalen Wirtschaftszweige wie überregional der kapitalistisch-kompetitiven Logik eines raise to the bottom (Standortdebatte). Seine heute bestehende Konzentration von Macht kontrolliert aber nicht nur Staaten, sondern auch ihr verstreutes Personal noch effizienter als früher – u.a. wie gesagt, indem dafür gesorgt ist, dass Krisen, von den Mächtigen produziert (z.B. unter Mithilfe der FED), nicht diese selbst, sondern die bereits Ohnmächtigen konsumieren: nämlich deren Psychen, Beziehungen, Aktivititäten, Selbstverständnisse und Leben. Es ist also nicht nur so, dass neben Schulden und Krisen das wichtigste neue Akkumulationsmaterial jenes der Identitäten ist; sondern die drei sind erst zusammen die Postmodernisierung des Kapitalismus.

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Die Ausbeutung im identitären Sektor nun ist vielschichtig. Zunächst einmal beruhte das gesamte System schon immer auf ihm – mittlerweile ist er nur zusätzlich entdeckt worden auch als rentabler Zweig des Kapitalismus; und nicht mehr lediglich verstanden als Grund und Boden, in dem das System fundiert und aus dem es sich nährt. Als rentabler Zweig aber gehört er sogar zu den ertragreichsten (wenngleich nicht tragfähigsten) Sektoren, die der Kapitalismus jemals entwickelte. Die vierte kapitalistische Revolution wälzt das Bestehende heute dahingehend um, dass die immaterielle Arbeit der Identitäten die tiefste Ausbeutung erfährt – nämlich, indem sie nicht nur produziert, ohne dafür bezahlt zu werden, sondern indem sie in ihrer bisherigen Freizeit, in ihrem zu Hause, in ihrem Privatleben diese Produktion exorziert; indem sie nicht nur die PR, die Werbung, den Vertrieb ihrer Produkte übernimmt, sondern zugleich deren Konsumption. Diese Annäherung von Arbeit und Kapital, Käufer und Verkäufer, Angebot und Nachfrage etc. nun findet vollständig zu sich in der Produktivkraft-Kommodität der schon erwähnten Marktidentität. Dies ist der eigentliche Sinn der vierten kapitalistischen Revolution, der Mikropolitisierung von herrschender Herrschaft, des Personalwerdens der Personen: die nächste Vertiefung der Identifizierung mit dem System, die Totalisierung des Totalitarismus, die Verabsolutierung von Immanenz: die Tilgung des Transzendierens von innen, die Beseitigung der Dissidenz.

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Nicht umsonst also leben wir bereits in einer augmented reality: das Digitale beseitigt die letzten Hindernisse und setzt die Ideologie direkt ein in die Lücken der systemisch produzierten Wirklichkeit. Was mit dem Internet augenscheinlich wird ist die totale Entgrenzung von Immanenz: postmoderne Philosophen wie Deleuze gelten nicht von ungefähr als Pioniere von Hyperlink und Vernetzung. Je mehr aber alle angeschlossen sind, desto mehr auch eingeschlossen; desto weniger Außerhalb gibt es. Die Entfremdung der Menschen von sich selbst durch ihre eigenen Erfindungen, welche sich nach den offiziell religiösen Fetischen durch Geld und schließlich durch Kapital in Universalien materialisiert hat, findet im Digitalen ihre vorläufige Perfektion. Zugleich ist das Internet weniger eine inhaltliche als vor allem eine formale Ideologie: die totale Medialität ist zugleich die vollständige Negation von Distanz und die absolute Erfassung, die nächste totalitäre Inklusion in systemische Immanenz, das erste planetare Aufgehen in Totalität. Die utilitaristische Strategie einer zeitweisen Verdrängung älterer verwirklichter Metaphysiken (wie Herkunft, Abstammung, Geburt) ist dabei lediglich die Verdrängung von Faktoren, die nicht vollends in Totalität aufgehen, sondern in der Kirche der Immanenz eine Sekte der Sub-Immanenz bilden. Etwa die Legende vom Tellerwäscher zum Millionär dient damit nicht nur als Ideologie einer Wanderung von der Peripherie ins Zentrum, sondern vor allem als Köder des Zentrums, der die Grenzen der Peripherien ideologisch einbegreift. Gleichermaßen ist die proklamierte Alternativlosigkeit des Bestehenden (TINA) – zu welcher sowohl die Erzählung der besten aller möglichen Welten mitsamt Ende der Geschichte und Ideologie der Ideologie gehört wie auch die klassische Naturalisierung bestehender weiterhin nicht ausblendbarer struktureller Gewalten – eine theoretische Spur der praktizierten Instrumentalisierung von Vergangenheit und Zukunft für das totalitäre Jetzt der Immanenz. Was der Kapitalismus in Reinform beispielsweise nicht mehr erlaubt, ist den König von Gottes Gnaden, weil Kapital keinen Gott neben sich zulässt; was er nicht erlaubt, ist etwa den faulen Adeligen, den sozialen Parasiten, den verschwenderisch-dekadenten Erben. Kapital nämlich fordert nicht nur Loyalität ein, sondern Arbeit: Arbeit 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Die Purifikation des Funktionierens, des Leistens, von Opportunismus und Konformismus, geschah kurzum erst durch die „Rationalisierungen“ des Kapitals – d.h. durch seine Säuberungsaktionen all dem gegenüber, was den Dienst an ihm ablenkt. Jener Säuberungsaktion fiel zuletzt sogar der homo oeconomicus als zu starre, zu konservative, zu rationale und damit zu distanzierte, zu unproduktive, zu wenig immanente Illusion anheim: ersetzt wurde sie von der Marktidentität. Dies alles bedeutet aber nicht, dass es keine Nepotismen mehr gebe, keinen Aberglauben oder keine nicht-monetäre Autorität – sondern, ganz im Gegenteil, dass diese nichts länger sind als Personalstellen der Immanenz, dass sie ihres transzendierenden Moments bereinigt, dass sie von diesem in Funktion hinein abstrahiert wurden und werden: genau darin schließlich besteht der heutige Akkumulationsüberschuss der Identitätsökonomie. Und genau darin besteht der Profit der Vernetzung von Immanenz: in der Entgrenzung des Systems, des mikroskopisch und zugleich omnipräsent gewordenen Panopticons, der mikropolitischen Arbeit der Marktidentitäten.

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Die Immanenz muss totalitär werden, das ist ihre innere Selbstbewegung als Systemtotalität. Was ihr am meisten hilft, einschließender, umfassender, expandierender zu werden, sind die surplus values der Identitätsökonomie. Immanente Pluralität, immanente Heterogenität, immanente Idiosynkrasien, immanente Diversifikation sind ihr produktivstes Wachstumsrezept, um innerhalb, in sich selbst und für sich bunte Effekte zu erzielen, die sich gegenseitig stimulieren und immanente Synergien entwickeln. Dies endlich ist, wie das Perpetuum Mobile der Immanenz, des Systems funktioniert. Von oben, klassisch zur Beschleunigung gebracht, wurden dafür im späten Neoliberalismus flache Hierarchien, Flexibilität, „Eigenverantwortlichkeit“ (also verantwortliches Handeln im Sinne des Kapitals, d.h. Handeln gegen alle Eigenheit und Selbstständigkeit) und vor allem das Kreativmanagement und die immaterielle Arbeit eingeführt. Die Trennlinie zwischen Haushalt und Markt wurde, dem Begriff der Öko-nomie wieder gerecht werdend, so endlich aufgelöst: nicht nur lebt man heute dort, wo der Kapitalist einen hinbeordert, sondern die Ausbeutung findet nun primär zu Hause statt (home office), und zwar (im Gegensatz zur patriarchalen Hausarbeit) inbegriffen in die Bilanzen des Kapitals. Demgemäß werden die alten Diskriminierungen tendenziell umstrukturiert, sodass auch Frauen Geld verdienen, arbeiten, Karriere machen sollen (wobei die alten Aufgaben nicht gleichermaßen neuverteilt werden). Die Identitätspolitik der Linken ergänzt die immanente „Gleichstellung“ der Identitätsökonomie hier als eine ihrer innovativsten immanent-externen Dienstleister[8]: Frauen, Immigranten, Xenosexuelle etc. sollen in Vorstände, in Ministerien, ins Militär. Der Kapitalismus ist schließlich umso effizienter, je mehr er ausbeuten kann; Marktidentitäten sind ihm für Mehrwert schlichtweg hilfreicher als essentialistische; ganze Kollektive auszuschließen wäre ihm dagegen kontraproduktiv im wörtlichen Sinn. Die postmodern verabsolutierte Immanenz des Systems diskriminiert also mehr zwischen Funktion und Nicht-Funktion oder Identität und Dissidenz als zwischen verschiedenem Personal. Sofern die Differenz, die Heterogenität, die Devianz innerhalb bleibt, immanent stattfindet, befördert das System sie sogar, weil es nur so beschleunigt weiterentwickelt, perfektioniert, effizialisiert werden, weil es nur so die eigene Beschleunigung beschleunigen kann. Deutlich wird dies vor allem dort, wo der Kapitalismus diskriminiert: er diskriminiert nämlich allen voran Alte, Kranke, Behinderte sowie Frauen (weil sie Mütter werden können). Am allermeisten aber diskriminiert er solche, die sich gegen seine „Arbeitsethik“, gegen seinen Leistungsimperativ, gegen seine Chancen„gerechtigkeit“ wehren: die Dissidenzen und die unbeabsichtigt Dysfunktionalen also, zusammengefasst in den Armen. Was systemisch nämlich als Nicht-Leistung oder Anti-Leistung (Hinderung, Verlangsamung, Absenz, Widerstand usw.) interpretiert wird, ist ein Transzendieren totalitärer Immanenz: direkt bestraft mit dem Entzug der Lebensgrundlagen.

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Wer dagegen ein partizipierender Leistungsträger ist, produktives Personal, Humankapital, ein immanenter Neuerer, Kreativer, Künstler, Revolutionierer, Unternehm(end)er, der wird subventioniert, mit Mitteln versehen, befördert und gefördert. Die Horizontalisierung des Herrschens, die Postmodernisierung des Kapitalismus brachte dem System so eine Beschleunigungsbeschleunigung, die es nie zuvor erreichte. Seine „offene Gesellschaft“ ist insofern als inkludierende, integrierende, einschließende zu verstehen: als solche, die den Status der Ausnahme, der Exklusivität, der Distanz nicht mehr akzeptiert. Kapital als neurotisch akkumulatives Liquid, als perfekter Mechanismus, um das Perpetuum Mobile zu totalisieren, ist damit besonders gut geeignet, um die Fantasien und Ideologien der hyperaktiven Immanenz anzuzapfen, um also systemische Energien zu Synergien des Systems zu fusionieren. Kapitalismus als impliziter Totalitarismus, als dynamische Technik und Technologie der Beschleunigung des Perpetuums, als Expansion, Akkumulation, Wachstum der Immanenz, kann sich wie kein vorheriges System des Systems anschließen an die Stimmungen, an die Psychen und Herzen der Menschen: Todestrieb und Lustprinzip sind endlich vereint in ihm. Das Prinzip der Immanenz spricht dabei die ganze Zeit für sich selbst: wer nach ihm, wer immanent funktioniert, hat alle Freiheiten, alle Macht, alle Medien. Genauer: das Immanenzprinzip funktioniert durch den Einzelnen hindurch als eine Art Doublespeak – Zentralisierung ist immanente Dezentralisierung, Replikation ist immanenter Individualismus, Gleichschaltung ist immanente Pluralität, Beihilfe zur Euthanasie ist immanente Entwicklung (s. Entwicklungsländer), Krieg ist immanenter Frieden sowie die Befriedigung und Befriedung des Immanenten, Sklaverei ist immanente Freiheit usw. usf. Das systemische Perpetuum hat sich selbst immer schon nach diesem Prinzip in Bewegung gehalten, doch wird es seit dem Kapitalismus noch weiter und weiter beschleunigt – dies ist die Beschleunigung der Beschleunigung, die Effizialisierung der Effizialisierung, der guerre pour la guerre, welche abstrahiert verwirklicht werden durch Kapital, durch die abstrakte Leitwährung einer wirklichen Abstraktheit (des Systems), konkret mittlerweile durch das Humankapital von Marktidentitäten.

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Was dergestalt an- und eingeschlossen ist an und in der Immanenz ist nicht nur das Jetzt, sondern auch die Zukunft und die Vergangenheit von Einzelnen wie der Gesamtgesellschaft. Mit dem postmodernen Kapitalismus, dem Erzeugnis v.a. der neoliberalen Deregulierungen (als Krisen- und Schuldenmaximierern), ist die Arbeit der Identitäten, letztlich übereinstimmend mit der Funktionsweise des Systems, mit kapitalistischer Akkumulation gleichzusetzen. Die neue Identitätsökonomie besteht nun v.a. aus dem Informations-, Kreativitäts- und Kommunikationssektor. Das transkapitalistische Ergebnis dessen ist die Formierung und Neuformatierung des Systempersonals. Mit der wirtschaftlichen Postmoderne definiert der Informationssektor den Möglichkeitenhorizont des Personals, indem er das Rohmaterial der Wirklichkeitskonstruktion liefert; der Kreativitätssektor redekliniert Denken, Fühlen und Vorstellen desselben; während der Kommunikationssektor die Beziehungen der Personen reguliert, sowohl die zu sich selbst wie die zu anderen. Damit aber sind Identitäten vollständig angeschlossen; Differenz ist inkludiert und Distanz beseitigt; die Welt kapitalisiert. Was hierbei zu Produktivkräften des Systems wird sind die bislang aus kapitalistischer Perspektive unterausgebeuteten Vitalitäten des Menschen: d.h. Affekte, Spontanitäten, Intimitäten, überhaupt immanente Differenzierungen. Kurz, in der Identitätsökonomie des postmodernen Kapitalismus werden jene Reserven des Personals utilisiert, die bislang noch zu transzendieren vermochten: es geschieht die Instrumentalisierung selbst jener raren Vernunft und jenes Außervernünftigen, welche bislang nicht instrumentell waren. Die Inflation von Ich-AGs und Entrepreneurship markiert diese Wende: inkludiert wird nun all das, was bislang dagegen stand – Hipster, Retro, vegane Restaurants und Bioketten sind die Produkte solcher produktivitätssteigernder Integration. Die kapitalistischen Portfolios werden erweitert und die Kreation neuer Profitnischen ist den Profis überlassen, also jenen, die im Kreativen erfahren sind: den Künstlern, die, obzwar innovativstes Personal, bislang vom Kapitalismus marginalisiert worden waren. Absolute Immanenz, hiermit wahrhaft totalitär, wird sich solche groben Fehler, solche Ineffizienzen, solche Räume für Transzendenz von nun an nicht mehr leisten.

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Der postmoderne Kapitalismus wurde neben den Diktaten des Neoliberalismus durch Kolonialisierung, Imperialismus und Globalisierung sowie durch das kapitalistische Akkumulations-, also Beschleunigungs- und Wachstumsgesetz neuer Techniken und Technologien eingeleitet. Entscheidend für seine momentanen Effizialisierungen sind seine Fertigkeiten des Kopierens: der industrielle Sektor scheint in Zukunft von 3D-Druckern und anderen Maschinen ersetzt zu werden; das Internet mit seinen Netzwerken, auf denen man seine Inhalte teilen und vervielfältigen kann, wird womöglich der Arbeitsplatz der Zukunft. Gerade der Computer mit seiner Tastenkombination strg-c ist eine Abkürzung des Produktionsprozesses, die keine Automatisierung der Vergangenheit hervorbrachte. Die bisherigen Akteure, heute Funktionen – Marktidentitäten – sind inzwischen kaum mehr als Zugehörigkeiten zu verschiedenen Clouds und Crowds, als Kompartimente in einem Meer aus Strömungen und Schwärmen, als „liberalisiertes“, liquidiertes, dezentralisiertes, hochflexibles Humankapital. Insofern sind die herdeninstinktiven, computerisierten Finanzmärkte nicht länger, wenn sie es denn je waren, getrennt von der Realwirtschaft oder der Lebenswelt Einzelner; vielmehr ist auch die digitalisierte Privatwelt stets bereits veröffentlicht, ausgebeutet und geupgradet auf die neueste Immanenz. Der postmoderne, posthumane Traum vom Menschen ohne Geschichte, ohne Körper, ohne Autonomie oder gar Genie, ohne Bewusstsein und ohne Präsenz ist damit dabei, Wirklichkeit zu werden. Die Horizontalisierung der Herrschaft und ihre Gleichschaltung der Menschen ist bereits eine massive Wirklichkeit, womit sich endlich der in der Tat fließende Übergang von totalitär verabsolutierter Immanenz zum Faschismus offenbart – denn postmoderner Kapitalismus ist in sich schon faschistoid. Die Identitätsökonomie ist eine faschistoide Wirtschaftsweise, welche die Masse als Schwarm ausbeutet – über ihr omnipräsentes, alles-erreichendes digitales Netzwerk. Beispielsweise das Crowdfunding erlebt nicht von ungefähr, sondern abgedeckt von der systemischen Tendenz, gerade seine ganz und gar nicht schmerzhafte Geburt. Gleiches gilt für die mit ihm verbundenen Start-Ups wie für alle anderen Innovationen der vierten kapitalistischen Revolution. Der Finanzmarkt ist keine Ausnahme darin, Megaprofite und -effekte durch die Deregulierung der Massenpsychologie und ihrer Instrumente zu produzieren. Deren verwirklichte Metaphysiken sind derweil nicht nur toxische Papiere, sondern Performanzen, die andauernd kapitalistische Werte wie überhaupt systemischen Mehrwert erzeugen – der Markt ist nicht beschränkt auf den stock market. Auch ist der Finanzmarkt nicht allein darin, allen seinen Atomen Zugang zu verschaffen zu Anhäufungen, Mehrungen, Konzentrationen von Liquidität, indem ein jedes immanentes Atom seinen Anteil hat (Aktie) und Teiler wird einer Summe an totalitärem Ganzen. Vielmehr ist dies die Funktionsweise nicht nur des Kapitalismus, dessen Angebot, Nachfrage und Werbung, dessen gesamte Warenwirtschaft stets auf Masse und nicht auf dem Individuum basierten, sondern überhaupt des Systems, d.h. der herrschenden Herrschaft als Integrale. Der postmoderne Kapitalismus ist damit eine Zusammenlegung faschistoider und kapitalistischer Logiken, einer monistischen Ideologie und einer immanenten Praxologie, die schließlich beschrieben werden kann als Metonymisierung des Einzelnen mit dem System. Der Mensch ist als Metonymie dazu aufgefordert, aufzugehen als Identität in der Masse, welche sich in Schwärmen organisiert. Die einzige Kraft, die sich dem verweigern kann, wäre nur noch das entschiedene, selbstbewusste, resistente Individuum, d.h. die Dissidenz.

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Der faschistoide Kapitalismus der Identitätsökonomie, welcher seine eigenen Grenzen liberalisiert und seine Regeln dereguliert hat, ist nicht mehr auf Nationalökonomien, Staaten oder einzelne Völker angewiesen. Daraus erst aber ergibt sich das Potenzial globaler Faschisierung. Der faschistoide Kapitalismus wird sich, nicht zuletzt zur kreativen Destruktion seiner eigenen Produktivkräfte, einen Pluralismus an Nationalismen, Nazismen und Chauvinismen durchaus leisten können – befreit vom eher hinderlichen Fixum des einzelnen Staates, so sehr ein jeder auch Imperium zu sein versucht. Die Auflösung der Distanzen gerade zwischen globalem Markt und lokalem Staat, welche sich aus einem globalen deregulierten Markt selbst ergeben musste und welche ihrerseits von Staaten exorziert wurde, wird exemplarisch greifbar in der Zusammenarbeit von Privatwirtschaft (Suchmaschinen, sozialen Netzwerken sowie weiteren medialen Dienstleistern) und Geheimdiensten insbesondere im Internet. Die Zukunft des Modells Staat ist insofern vorgezeichnet: wenn er in seiner Ausdehnung fortexistiert, dann vor allem als Polizist und Nachtwächter des Kapitals. Für den Faschismus bedeutet dies allerdings nicht die Lösung von seinen Bünden (fascio), sondern die Erlösung von deren Restriktion durch tradierte Horizonte. Der neue Bund schließlich ist eine Multitude, ein sich spontan konzentrierender Mob, ein Schwarm der Masse, der seine neuen Technologien zu nutzen weiß. Die alten Medien übrigens spielen in der Fütterung solcher postmoderner Bünde nach wie vor und trotz neuer Informations- und Kommunikationspfade die entscheidende Rolle: das Kapital hält seine Fasci so wie früher zusammen im Sinne seiner Entwicklungsrichtungen.

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Die erneut exponentiell wachsende klassische Rechte ist neben den von der bestehenden Immanenz abgeleiteten Symptomen Presse und Parlament (Selbstauslieferung der Sozialdemokratie/ „dritter Weg“) also den analysierten Prozessen des postmodernen Kapitalismus zu verdanken sowie den Folgen des Neoliberalismus (Prekarisierung mitsamt Krisen- und Schuldenökonomie). Zu letzteren führte nicht zuletzt die Spekulation mit Zukünften, aus welchen der Finanzmarkt sein Wachstum bezieht. Erneut muss hier allerdings betont werden, dass dies inhärent war bereits im Kapitalismus und damit in der bislang effizientesten Avantgarde des Systems: Kapital agiert per definitionem nicht nachhaltig, sondern der maximalen Profitrate gemäß. Anders gesagt: die kurzfristigen überausbeuterischen Gewinnspannen, die auf dem Altar des totalitären, immanenten Jetzt alle Zukunft opfern, sind nicht erst dem deregulierten Finanzsektor, sondern den wesentlich allgemeineren Mechanismen des Kapitalismus zu verdanken. Der Finanzsektor ist nur aggressiver und offener in seinen Taktiken und spekuliert demgemäß direkt auf die Katastrophe, womit er sein nicht nur metaphysisches, sondern auch apokalyptisches und damit chiliastisches Erbe bereits heute demaskiert. Dieser Chiliasmus gehört nämlich selbst zur Verabsolutierung von Immanenz und zu ihrem Totalitarismus. Was die Konsequenzen sind, ist dabei vollständig einerlei. Zukunft, gerade als Transzendenz, gibt es nicht mehr – sie ist bereits verkauft und damit immanent. Das System ist ein Perpetuum Mobile, dessen Expansionsmuster eine Beschleunigung ist, welche in sich selbst keine Limits kennt. Das einzige Limit für sie wird somit der Planet sein oder die Menschheit, sofern nicht eine radikale, globale sowie hinreichend einflussreiche Unterminierung des Systems stattfindet. Von dieser aber fehlt bis zum jetzigen Zeitpunkt jedes auch nur geringste Anzeichen.

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Denn die Dissidenzen sind kaum und zudem isoliert. Die Linke selbst trägt die Hauptverantwortung für die Abstumpfung aller Waffen gegen das System. Der Westen ferner hat dafür gesorgt, dass der Osten, wie fern er auch sei, seine Modelle der Effizialisierung weiter effizialisiert, wenn er selbst es nicht mehr kann. Politische Zuversicht ist seither nur zugänglich für eine der Spielarten linker Dogmen-Anachronismen, z.B. für den Marxisten – oder aber für jene, die sich offen als kapitalistisch, als liberalistisch oder als rechts bekennen (bzw., im Unverständnis der eigentlichen Bedeutung des eigenen Labels, als „konservativ“). Die einzige Zuflucht für echte Alternativen ist inzwischen deshalb der Rückzug in mikroskopische Versuche von Utopie. Nur sind wir Dissidenzen zu wenige, oder, besser gesagt: wir sind allein und ohnmächtig.

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Die letzte Aussicht politischer Radikalität wäre somit zwar ein Angriff auf systemische Immanenz, v.a. auf die bestehenden Marktpolitiken und ihre chiliastisch-totalitären Evidenzen. Doch die allerletzte nüchterne, entzauberte Hoffnung dessen liegt de facto kaum noch woanders als in Manifesten wie dem vorliegenden und ist demgemäß nicht vorhanden in den Augen der Welt.

Quellen

Für ein Verständnis der Basis waren entscheidend:
Das Werk von Robert Kurz und von Maurizio Lazzarato sowie John Grays False Dawn: The Delusions of Global Capitalism und insbesondere Detlef Hartmann: Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht.

Für ein Verständnis des Überbaus waren wichtig:

Neben Marxismus, Kritischer Theorie und Poststrukturalismus (hier v.a. der Prä-Poststrukturalist Nietzsche für Metaphysik; Vulgär-Marx für die Reziprozitäts-Relation Basis – Überbau; Adorno für die Beschädigung, das falsche und Integrale der Gesellschaft; Foucault für Mikropolitik und Macht) Jaron Lanier: Who owns the future? sowie, ausschlaggebend, Camille de Toledo: Archimondain Jolipunk; confessions d’un jeune homme à contretemps.

Guy Debords La société du Spectacle ist zwar nicht in den vorliegenden Text eingeflossen, beinhaltet aber zahlreiche parallele Analysen und ist eines der wenigen (marxistischen) Werke, welches Dissidenz nicht die Freude am Lesen verdirbt.

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[1] Damit wird sich an keinerlei Vorstellung von Natur oder Naturrecht angeschlossen, auch nicht ans Oxymoron einer „menschlichen Natur“, sondern explizit nur über das gesprochen, was innerhalb des Menschlichen ist: also als Gedächtnis, Erinnerung, Geschichte (d.h. als notwendiger „Zirkelschluss“). Derweil das sogenannte Tierreich, das Anorganische und alles andere, das aus Menschenperspektive, sobald es über diese hinaus ausgedehnt wird, Ursprungsmetaphysik ist, soll hier keinerlei Behandlung finden. Dergleichen wäre, wenn überhaupt, so der Stoff solcher Kunst, die im vollständig Ungewissen lebt. „Das Menschliche“ als etymologische Generalrelativierung wird weiter unten insofern verstanden als Reduktion des Metaphysischen auf die Beschränktheit des Menschen oder als Verbleiben in menschlichen Horizonten. Die Tötung von Menschen wie der mögliche Tod des Menschen dagegen finden ihre theoretische Parallele in einer aggressiven wie illusionären Auflösung menschlicher Beschränktheiten: in metaphysischer Ideologie.

[2] Überhaupt sind dergleichen „Fundierungs“aussagen prinzipiell metaphysisch und daher fern von hier vertretenen Positionen.

[3] Philosophie ist – verschwistert mit Polis-Politik; die gemeinsame Mutter: Athen – die Sublimierung von Religion bzw. deren Rückübersetzung in den Mythos, welcher die erste metaphysische Ideologie war: Philosophie ist Rationalisierung von Mythos. Es ist nun nicht so, dass Philosophie heutzutage tot wäre oder nicht mehr die Königin der Wissenschaften oder gar gänzlich aus der Welt geschafft. Vielmehr setzt sie sich derart uneingeschränkt in den Leben um, dass sie gänzliche Praxis geworden ist, eine Theorie also, die keinen Abstand mehr zu sich selbst kennt. Das System ist somit „Weltgeist“; die Philosophie nur dessen Enzyklopädie.

[4] Das lateinische religio (Bindung einer Sache) hat insofern nicht ohne semantischen Hintergrund eine aktuale Verbindung zum italienischen fascio (Bund/ Bündel). Wogegen die Aufklärung als „Religion“ anschrieb war stets die Verabsolutierung von Immanenz und die absolute Bindung oder der Distanzverlust als größte Gefahren für alles Transzendieren – nicht-dialektische Aufklärung war, so verstanden, bereits anti-faschistische Theorie.

[5] Wo wir das Telos, das Ende oder die Ewigkeit des Systems schon skizziert haben, welche in ihm angelegt sind, dies noch ein letztes Mal als abermalige Notiz zu seiner Emergenz: es soll keine Aussage darüber getroffen werden, wie es von der „Natur“ zum System oder zum Menschen kam, noch wer oder was dafür verantwortlich sei, noch (ob) was aus wem entstanden ist, z.B. das System aus einem „ersten“ Widerstand oder der „erste“ Widerstand aus dem System oder beide gleichzeitig oder vollends anderes. Darüber ist keine Aussage zu treffen, weil es außerhalb des Menschlichen liegt. Innerhalb des Menschlichen aber liegen sowohl das System wie der Widerstand gegen es – davon einzig wird hier ausgegangen. (Logisch derweil, also naheliegend für den menschlichen Geist – innerhalb des menschlichen Horizontes von Erkenntnisfähigkeit – wäre zum Beispiel, dass mit der Routine werdenden Wiederholung des Angleichens als leichtestem Widerstand der Zug des Opportunismus entstand, welcher, als Geburt von Kultur, kultiviert, eingesickert, bleibend und Beziehung geworden, nunmehr zur Identität mit ihrer Lebensphilosophie des Heteronomismus wurde; die zunächst unfreiwilligen Nicht-Funktionierenden bildeten mit der Zeit eine interne Gegenkultur und bald bewusste Widerstände und Transzendenzmomente. So könnte eine Hypothese lauten.

[6] Idealismus und Materialismus als immanente Philosophien sind daher zweimal dieselbe Theorie: dies als kürzest mögliche Erwiderung auf die Kritiken der antiquierten Linken an der postmodernisierten – beide denken monistisch, beide f.g. „hegelianisch“.

[7] Vgl. Identität (lat. idem) als Distanzverlust – Familie (lat. famulus) – Gesetz des Hauses (altgr. oikos und nómos), s. R. Stirner: Erster Versuch von Radikalverantwortlichkeit, v.a. E.I.3. Wie unausweichlich daher die Bekämpfung des Patriarchats wäre für die Bekämpfung des Systems und seiner Identitäten ist kurzum unbestreitbar.

[8] Die zeitgenössische Linke kann überhaupt als externe Dienstleisterin des postmodernen Kapitalismus oder der vierten kapitalistischen Revolution beschrieben werden; so wie die marxistisch-leninistisch-stalinistische Linke ihrer Zeit der zweiten industriellen Revolution auch in „rückständigen“ „unterentwickelten“ Ländern zur Vormacht verhalf.

Standard
ENTSCHIEDEN, Not-wendiger Schrei

Nathans zweiter Traum

[aus Schöpferblut]

 

Wir sind Sklaven. Sklaven der Gravitation.

Die Stimme des Vaters drang aus dem Dunkel. Sie umgab alles. Nur ein einzelner Lichtkegel unterbrach sie. Er kam aus dem Nichts. Erst im Fernen flog eine Plattform. Unerreichbar, vor ihm, im Spot des Strahls. Sie drehte sich um die eigene Achse. Eine verlassene Bühne? Ihre Ränder glänzten wie Messer.

Wir sind Sklaven. Sklaven der Gravitation.

Manche zerschellen am Boden. Andere lernen fliegen.

Das ist nebensächlich.

Nur eines ist wichtig.

Wer – bestimmt es?

Die Frage hatte keinen Ursprung. Nichts und alles wurden eins. Es gab kein Panorama – nur diese Bühne. Sie drehte sich um die eigen Achse. Als einziges mit Form.

Beantworte die Frage! Selbst die Stimme wirkte amorph – selbst ihr Klang.

Wer, Sohn? Wer hat die Macht, zu Fall zu bringen?

Nathan versuchte ein Schlucken. Wo… ist mein Hals? Er wollte sich abtasten. Doch er fand… keine Arme. Keine Finger. Keinen Torso. Kein Herz. Kein Gesicht.

Er existierte nicht.

Sohn! Das Licht wurde greller. Es verfärbte sich – blieb gleich. Wer sagt, ob du stirbst oder lebst? Was du wirst, wie du bist, was du machst?

Ob du fällst oder fliegst?

Nathan versuchte ein Räuspern. Es misslang. Schmerzhaft blieb die Luft stecken. Er wusste, er musste antworten. Das.. das… das Schicksal?

Der Vater nickte. Irgendwo nickte er. Ganz bestimmt! Nicht falsch, Sohn. Also richtig. Doch zu ungenau.

Sag mir: hast du aufgepasst in der Schule?

Nathan dachte nach – fieberhaft. Was sollte er entgegnen? War es eine Falle? Ob er lügen konnte, ohne aufzufliegen?

Ja. Ich… glaube schon, Vater.

Eine gute Antwort, wurde er gelobt. Die Plattform drehte sich schneller. Sie kam näher. Du weißt nichts – glaubst alles!

Nathan, das schwarze Schaf, wehrte sich. Es sollte zurückkehren, verlangte der Vater. Um auf die Arche zu klettern. Das Verlorene. Als Auslöser der Sintflut. Es wehrte sich gegen seinen Schäfer. Gegen den Sog – der es hinabzog. Hinab in den Bug. In den verlagerten Schlachthof.

Es wollte widersprechen: es glaube nicht alles. Nathan wollte sich wehren. Doch er tat es nicht. Er ließ seinem Hirten, dem Lehrer, dem Vater den Vorzug.

Du hast aufgepasst, Sohn? Immer zugehört, alles gelernt – was du lernen sollst? Nun.

Dann sag es! Was ist die Ursache? Ursache der Gravitation?

Es ist Masse, sagte Nathan: plötzlich. Ohne Zögern. Sicher, mechanisch.

Er rezitierte Wissen. Nichts sonst. Es ist Masse, wiederholte er. Laut. Fest. Unsicherheit verflog. Die Bühne bewegte sich zu ihm – mit jedem Wort schneller und schneller. Es ist die Masse, die bestimmt – wer fällt und wer fliegt, rief er.

Sie kennt nur eines.

Nur eine Richtung.

Sie zieht an – sie neigt. Sie krümmt!

Er wurde größer: die Welt um ihn schrumpfte. Sein Arm konnte die Plattform berühren. Wie im Rausch fuhr er fort: Die Masse!

Ihr – widersetzt sich – niemand!

Es ist stets Masse – die uns bestimmt!

Seine Füße berührte etwas. – Die Plattform. Der Scheinwerfer kroch, warm: auf seinen Körper.

Nathan begann, sich zu drehen. Wie eine Spieluhr. Die Masse!, schrie er.

Sie saugt alles auf.

Die Masse:

Das schwarze Loch!

Es verschlingt jeden.

Selbst Licht kann es beugen.

Es ist wie Gott!

Es schafft, es vernichtet.

Im Schlucken geblendet!

Es ist Masse.

Nichts als die Masse!

Plötzlich lüftete sich der Nebel. Im Lodern, unter Nathan, pferchten sich tausende Menschen: unter ihm. Scheu blickten sie auf. In schwarz-weißen Kleidern, gebeugt, mit Orden behängt. Als Gefangene stierten sie, zueinander. Und platzten vor Neid. Wörtlich. Sie streuten Würmer auf den Boden, die nicht vergingen. Die verkrochen. Sie wärmten sich die Hände: am Feuer der Hölle – indem sie mit den Fingern zeigten. Sie schlugen Kreuze, das Zeitliche segnend.

Überall ragten Spiegel in die Höhe – matt und flüssig. Zuschauer, die außen standen, nickten wütend. Sie rissen ihre Münder auf: voll Lust und Verlangen. Diese groben, blutigen Löcher, ohne Lippen, ohne Zähne. Entzückt blickten sie in die Spiegel. Das Metall küsste sie. Immer wieder begannen sie von Neuem, als Alte.

Marionetten hoben die Arme. Wie um sich zu ergeben. Wehende Fahnen griffen in windstille Himmel. Bis zu den Knöcheln klebten sie im Schlamm. Mancherorts brach seine Oberfläche auf, entließ einen Schwall Pech. Es hielt zusammen, worauf alle standen. Es brachte der Masse das Glück. Es nahm die mit sich, die nicht funktionierten. Nur die Pechmarie blieb oben: ihre Nägel in einen Baum gerammt. Das Gewächs löste sie auf, verwand sie als Dünger; benötigte sie. Es blühte und brachte den Frühling. Saure Äpfel hingen an schmalen Zweigen. Das Blätterdach teilte sich in seiner Krone – um unten zusammenzuwachsen. Aus unwirtlichem Boden entstand eine Herzform.

Der Baum der Erkenntnis blühte. Jener des Lebens. Die Sünden, die Religion auslöschte, auslöschten. Die des Eigenen.

Eine Sonne ertrank im Meer der Masse. Bevor sie zugrunde ging, wurde sie zu einem Menschen. Barthaare wuchsen ihm, rasend, wie ein Teppich über den Mund.

Ein verwahrloster Nietzsche ging unter. Er schrie einen Satz. Noch einen letzten:

Wer aber gehorcht,

der hört sich selber nicht!

Allein ließ man keinen zubeißen, zuschlagen. Es gab keinen Sünder im Kollektiv; es gab keinen Einen. Es gab nichts Böses. Das Viele, Nathan sah es, es wurde ihm bewiesen in seinem Traum, konnte nur gut sein. Es definierte die Welt. Da blieb nichts Fremdes, nichts Anderes – in der Masse. Das Pech selbst sorgte dafür.

Nathan wandte sich ab. Sicher steuerte er die Bühne. Er suchte nach bekannten Gesichtern. Keines fand er. Nur einen Strom von Schemen und Schatten. Von Muskeln und Masken. Sie bewegten sich gemeinsam, wie entstellte Gliedmaßen eines Tieres.

Doch eine Gestalt erkannte er. Nicht ihre Mimik verriet sie. Sondern die Statur. Peter Millers starke Oberarme… Seine männliche Pose. Ein ausgebeultes T-Shirt.

In Nathan zündete der Hass. Er warf seinen Arm in Millers Richtung. Die Menschen unter der Plattform trugen ihn. Dorthin, wohin er wollte. Um in die Knie zu gehen – um wen zu töten. Einen von ihnen – ein plötzlich anderer. Der scharfe Rand der Bühne schnitt ihm den Kopf ab. Wie durch Butter glitten die Messer. Durch Butter, wie Nathan es wollte.

Tief unten tauchte sein Herz auf. Ruckartig drang es ihm in die Brust. Eisige Hände umschlangen es. Nathan zitterte, schauderte. Doch nicht wegen der Maske auf Millers Gesicht. Nicht, weil sie schwand. Nicht wegen dem Anonymen. Nicht, weil es sich entpuppte – als Mensch. Nicht, weil kein Blut aus dem Hals floss.

Nicht, weil er getötet hatte.

Nein.

Es war die Plattform.

Seine Bühne.

Sie sah aus wie ein gewölbtes, rundes Schild.

Ein Wappen prangte darauf.

Ein riesiges Symbol.

Die dreizackige Krone.

Entsetzt sah er auf. Masken schälten sich ab. Unter jeder erschien der Kopf seines Vaters. Zerfleischt, deformiert. Der nach dem Unfall. Er nickte. Das Loch seines Mundes öffnete sich. Mal links, mal rechts von ihm. Es waren alles dieselben.

Durchschnittsgesichter. In der Hälfte zerschnitten.

Mein Sohn.

Verstehst du jetzt? Schau unter dich!

Sein Blick folgte.

Millers Züge verwandelten sich. Bis sein Vater stattdessen da lag. Tot. Mit entglittener Mimik. Abgetrennte Adern füllten sich plötzlich mit Leben. Blut lief vom Schild, vom Symbol wie von einem Dach.

Du!, schrie sein Vater.

Du hast mich getötet.

Mein Sohn!

Er hat mich ermordet!

Die Stimme veränderte sich.

Doch – siehst du mich sterben?

Siehst du mich leiden?

Nur einen Funken Schmerz?

Siehst du mich brechen?

Nein, Sohn! Ich bin unsterblich! Ich bin Teil der Masse.

Teiler der Masse!

Ich BIN, BIN, BIN Masse!

Kein Grund, sich zu fürchten.

Oder bin ich gefährlich?

Ich bin nicht gefährlich!

Ich bin am Leben!

Nathan wurde übel. Alles drehte sich. Von Neuem, das schwarze Schaf wollte sich wehren. Es war nicht weiß, es glaubte nicht alles. Jeden Funken Kraft nahm es in die Stimme, schmetterte sie, in die Menge:

Manche, Vater – manche sind tot, ohne es zu merken!

Der Ruf verpuffte. Sinnlos verhallte seine Anschuldigung. Weit, bevor sie sich breitmachen konnte.

Wer von euch… aß vom Baum des Lebens?, fragte Nathan.

Keiner sah ihn noch an. Sie alle drehten sich um, zum Galgen. Er fuhr hölzern, in Kreuzform, aus brodelndem Boden. Hufeisenförmig umstand man ihn.

In den Stützbalken brannte ein Satz. Der Scheinwerfer huschte hinüber. Er legte sich auf ihn, auf dunkel leuchtende Lettern:

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Regungslos schwebte sein Hesse-Mädchen auf Golgotha. Eingeklemmt zwischen Balken – in den Augen anderer. Gleicher.

Erhoben, kalkig, hing Lia. Der Strick um ihren Hals bewegte sich wie eine Schlange. Ihr Kopf schaute zu ihm: aus weichem Gips. Er erschreckte, erschreckte wirklich noch: ihr Kopf war skalpiert. Sonst märchenhaft, makellos. Das schwarze Haar versank im Boden. Risse durchzogen die Haut. Purpurfarben umwehte ein Kleid ihre Knie. Farbe schrie auf im Uniformierten. Ihre Hand ruhte hinter dem Rücken. Zart. Die zweite hielt ein Buch.

Lachen kam von den Löchern des Vaters.

Du bist jung, Sohn.

Eines Tages wirst du verstehen.

Da wirst du mich – und diese Welt verstehen.

Genau wie dein Mädchen.

Er blickte zu ihr – schüttelte den Kopf. Bedauernd.

Für manche aber… kommt Rettung zu spät.

Nathan wollte ausbrechen. Er wollte von der Bühne springen, zu Lia hechten. Doch Arme hielten ihn fest. Dutzende, Hunderte. All jene, die ihn getragen hatten. Bis eben.

Er musste kämpfen! Es gab nichts Gegebenes. Keine Tatsachen. Doch ein Knebel erstickte ihn, bis hinab in die Lunge. Mühsam presste er Worte hervor. Leise, abgestoßen, zersplittert zwar – doch sie kamen. Gen Himmel:

Wer – von euch… von euch… ist… ohne Sünde… Vater?

Alles kicherte – noch inmitten der Frage. Jede Marionette zuckte die Schultern. Ein Kabinett aus Grinsern schaute auf: zu einem Führer. Zum Vater.

Sünden, mein Sohn…

Sünden lassen sich ertränken! In Stille.

Darum geht es nicht.

Wir steinigen nicht.

Nicht mehr. Nicht wir.

Kollektiv legte man den Kopf in den Nacken. Das Lachen stieß gegen ihn – wie… wie… wie ein Rammbock aus Nichts. Die Risse der Tonfigur wurden tiefer.

Wir steinigen nicht.

Wir kreuzigen sie!

Kreuzigen sie alle, allesamt! – Kreuzigen und hängen sie!, schrie der Vater.

Es gibt immer Ersatz!

Immer Ersatz in der Masse!

Bröckeln erfüllte den Raum. Nathan wusste, von wo es kam. Sofort. Sein Blick folgte einer Gewissheit.

Lia. Lia verlor Schicht um Schicht. Sie schlug eine Seite des Steppenwolfs auf. Die Zeilen passten zu ihrer Stimme.

Aus der Tiefe, aus dem Feuer – aus all dem Unterhalb – drang Gesang. Er begleitete sie, klar, fast himmlisch. Fremde Stimmen trieben zur Flucht. Man reichte sich Wasser, um die Hölle zu löschen. Um den Chor zu ertränken.

Doch er sang weiter. Er trug Lia. Sie erstickte nicht mehr.

Nathan… zwischen uns… hier zwischen uns und in uns ist mehr… geht es tiefer, als… in den Menschen ringsum.

Sanft machte sie eine Geste. Weiß regnete die Hand. Ihr Finger zeigte auf jeden einzelnen. Alle bedrängten sie.

Allen schlug sie den Kopf ab. Bei jedem wuchsen zwei nach.

Es ist hier nicht die Rede von diesem Menschen, den die Schule, die Nationalökonomie, die Statistik kennt… nicht vom Menschen, wie er zu Millionen auf den Straßen herumläuft!

Sie wiederholte die Bewegung. Versuchte es. Doch die Hand brach ab: mitsamt dem Steppenwolf. Sie zerplatzte im fest gebackenen Teer. Das Gesicht verzog sich nicht. Es rezitierte weiter, Schmerz in der Stimme. Sonst unberührt:

Von diesem Menschen… wie er… zu Millionen auf den Straßen herumläuft und… von dem nichts… nichts! Andres zu halten ist als vom Sand… am Meer oder von den Spritzern… einer Brandung!

Sie ballte eine Faust. Ihr Kleid fing Feuer. Die Schlange um den Hals zog sich zusammen. Noch fester. Sein Vater, Pilatus, die Menge schrie: übertönte. Man stampfte mit lahmen Füßen. Man spuckte ihr ins Gesicht.

Es schmeckte – nach Weihwasser.

Und Lia, sein Hesse-Mädchen, eine Tonfigur am Strick – wurde poröser. Rissiger. Glanzloser. Sie vertrug das Heil der Masse nicht.

Bald – irgendwann – schließlich zersprang sie. Vor lauter Druck und Lärm in sich zerrissen. Ihr letzter Blick galt Nathan…

Er schrie. Ihr könnt sie nicht zu Fall bringen! Er schrie sich die Seele aus dem Leib. Doch die Stimme verrauchte. Noch vor seinem Kehlkopf.

Ihr habt sie erhöht –!

Es half nichts.

Schutt und Asche lagen unter dem Galgen. Nur ein Finger stach aus dem Anblick. Lias Hand, die hinter dem Rücken geruht hatte.

Eine kohlige Blüte versteckte sich darin. Eine schwarze Sandrose:

wurde gestern begraben …

in der Hand eine Rose …

Es ertönte ein Dröhnen. Markerschütternd. Das Symbol, die Krone – verwandelte sich: in eine Membran. Bei jedem Schlag vibrierte sie. Visagen schmolzen. Wie Schokolade unter dem Föhn. Helle Schokolade. Zuckrige, süße Schokolade. Die Köpfe seines Vaters wurden lang. Sie bekamen krumme Hörner – weißes, das reinste weiße Fell.

Die Plattform begann die Bewegung. Bald trampelten Schafe, im Kreis, auf zwei Beinen. Sie salutierten und applaudierten und nickten – in lautlosem Takt.

Ihre Prozession begann. Hinter der Plattform her. Am Horizont tat sich ein Abgrund auf. Alle strebten zu ihm.

hinter der Trommel her …

trotten die Kälber …

das Fell für die Trommel …

liefern sie selber …

Die Trümmer des Hesse-Mädchens sprachen mit ihm. Sie verformten sich zu einem Mund. Am Ende ihrer Verwandlung lag Bertolt Brecht vor ihm. Und erstmals merkte Nathan: er träumte.

Er musste hier fort. Es gab eine Welt – vor oder hinter dem Unbewussten. Er hatte sich verstanden. Die Überreste nähme er mit. Lias Sand im Getriebe nähme er mit, den seltenen Sand – den kein Strand der Welt bot.

Dann zerqualmte sein Sichtfeld. Geruchloser Rauch zog auf. Die Gefüge zerrissen. Alles expandierte und brach zusammen und sein Gesicht explodierte vor Schmerz.

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ENTSCHIEDEN, Ethik, Existenzialismus, Not-wendiger Schrei, Philosophie, Politik

ERSTES MANIFEST EINES PHILOSOPHIAL-UTOPISCHEN KOMMUNISMUS

Alles Folgende sind dezidierte Vorläufigkeiten, doch zentrale. Also sollte ihnen nachgestellt werden, um gewissen Zerrbildern die Gewissheit ihrer Selbst- und Fremdidentität zu nehmen.

I Politischer Absurdismus
„Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Ob diese Inversion nun auf einen Psychonalytiker zurückgeht oder auf eine Psychopathin, auf uns trifft sie zu. In ihr fasst sich zusammen, was zum mehrteiligen Paradox gemacht wurde: der politische Absurdismus. Dass wir glauben, dass alles möglich wäre, v.a. das Beste; aber dies gleichsam im Wissen (die epistemische Situation unverändert) dass der Untergang ist: dass nächsthin Fortsein nur noch werdungslos bleibt – dies Spagat meinen wir, wenn wir vom politischen Absurdismus sprechen. Den Spagat zwischen dem Glauben an alles und dem Wissen ums kommende Nichts.
Unsere Hoffnung ist da minimal, aber nicht nicht: sie ist wir, unseresgleichen, Proto-Utopia. Und wir sind selten, aber zu selten, und daher hoffnungsnah, doch hoffnungsverlassen: „die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Jene Inversion drückt die Renitenz unseres Humors aus und sein Votieren für jenen der zwei Pole, der sich nur negativ entbilden kann. Er ist die herbe Frucht einer Philosophie des Kommunismus, die von den Pestiziden des Wirklichen zerspritzt ist. Zuletzt stirbt also bekanntlich die Hoffnung. Wir aber mussten diagnostizieren: sie ist schon tot. Und es bleibt fraglich, ob sie je geboren wurde. Darin also, in diesem Grab liegt der worst case und frisst Maden: made in Germany, too. Woran also haben wir zu fressen? Daran, dass uns nichts sättigt, was schon gewachsen ist oder gezüchtet wurde.
An der Wirklichkeit.

II Wirklichkeit
Nicht weil es falsch ist (oder Lüge oder Schein oder deriviert oder unqualifiziert oder unschlüssig, unfügig, Unfug), nicht weil es falsch ist, sind wir gegen das Wirkliche. Sondern weil es schlecht ist, d.h. weil es verwirkt, entwirklicht, weil es uns Wirkmächtigkeit stiehlt. Schlecht ist nicht das Unstimmige, sondern das Stimmenraubende. Wirklichkeit wirkt auf uns, und ist gewirkt von uns. Sie bewirkt, verwirkt, verwirklicht, entwirklicht – verleiht die Macht und die Ohnmacht zu wirken. Wer Wirklichkeit Realität nennt, ist damit schon Ideologe. Denn realistisch („pragmatisch“) sein bedeutet, anti-utopisch zu handeln. Realismus ist nicht frei von Utopischem, sondern die Bastion gegen es, gegen emphatische Zukunft herum um das Jetzt des Status Quo, mit dem die Vergangenheit uns angeht. Was kann da Utopie sein bei einer Wirklichkeit voll Realisten?

III Utopie
Utopie ist nicht; sie wird. Und sie wird nie perfekt sein, sondern immer nur am optimalsten. Utopie ist bloß insofern, als sie Motiv ist zur Überwindung: nächstes Ideal, nächster Horizont, nächster Breitengrad. Utopie ist das Beste des Nächstvorstellbaren. Utopie bleibt also nie und immer: als Konzept ist sie stete Devise, als Inhalt ständig im Wandel. Sie ist interessiert an dem hinter den Grenzen: sie ist zwischen hier und allem, was über dort hinaus ist, zwischen jetzt und nach diesem. Kurz, Utopie ist die Öffnung der Zukunft. Utopie ist nie „die Utopie“, sondern immer Utopien, ein heterogenes Sukzessive an Fortschritt (und es gibt Fortschritt, gerade und nur als unentfremdete Kategorie, als Ametaphysikum): sie akzeptiert die Kurzsichtigkeit des Menschen und bereitet erneut den nächsten Horizont. Utopie ist kein Paradies und nicht „das Ideal“, sondern die ständige Problematisierung gerade dieser beiden. Utopie ist keine neu eroberte Stufe, sondern die Kritik dieser, um abzusehen von ihr – um weiterzusehen, weiterzugehen.

Im Verunmöglichungskontext
Wir entschuldigen die nächsten paar Sätze Sprache. Jedoch, wir sind geworfen: in einen Verunmöglichungskontext – und verschränken so unsere als dessen Arme gegenüber dem Fremdem, unsere Arme aus Rahmen geschreinert, die Bedingungen erdrücken für das, was noch nicht ist, und so auch nie wird. Je mehr Utopie wir werden, desto mehr verstößt uns der Aus-Wurf, in dem wir uns vorfinden. Erfindungen aber finden wir vor in der Welt des Möglichen, und in sie gestoßen wird man nur von einem Wurf, der unentworfen ist, un-unterworfen, ent-wegt – zufällig. Dieser Wurf aber, sein Name: Zufall, ist der Verworfene, von allem Geworfenen Verstoßene: er ist Gefahr für die Reinheit des Verunmöglichungskontexts, für den Wurfmonismus.
Derweil, während das Verfahrene der Gefahr zerfahren und zerfahren wird vom Verfahren des Verstoßens, entfährt der Gefahr Utopie: die Erfahrung des Zerfahrenwerdens maximiert die Gegnerschaft zum Wurfmonismus. Sie erst stößt das Verstoßene weiter an gegen die Geworfenheit: sie perpetuiert die Kritik, sie entäußert-erinnert das Verstoßensein hinaus in die Möglichkeit. Utopie mag heißen, Geworfenheiten zu pluralisieren, sie auszuweiten, zu vermischen: sich verwerfend weiterwerfend. Diese Geworfenheitspluralität dehnt sich aus, bis alle anderswohin geworfen fallen. Deren Zu-Fall, der Zufall der Koinzidenzien mit Anderen ent-wirft heraus aus dem eigenen Wurf: um-werfend diesen selbst. Der Zufall fällt ein in die „Geworfenheit nach“, und zersplittert so das Geworfensein in eine weitere Weite.
Denn ja, nur durch Geworfensein, so scheint es, lässt sich sein, seiend sein, entscheidend. Aber das Sein der Utopie ist bereichert von Wurfmannigfaltigkeit und von ihrem Überdeterminiertsein. Der Zufall ist die Koinzidenz, welcher der Wurf verfallen kann. Durch ihn erst werden Offenheit und die Bewegung des Öffnens; die Zufallsinclusio, die nunmehr qua Verworfenwerden zum Willen wird, ist Xenophilie. So ist Utopie das Gegenteil einer Diktatur der Wahrheit: sie kann sich nur bauen in Agnostizismus, und in seine Vorsicht, sein Interesse, seine Freiheitlichkeit.

Utopisten als Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens
Wir sind geworfen in einen Verunmöglichungskontext; wir sind immer schon verworfen. Je offensichtlicher uns wird, wie verstoßen wir sind, sobald wir nicht mehr bleiben im Wurfmonismus, desto mehr werden wir Maschinenstürmerinnen auf die Räderwerke des Zerfahrens. Das Problem – seine Namen: Ideologie, Status Quo, Faschismus und deren Gewalten und Spielarten, heute v.a. der Kapitalismus – stellt nur auf die Probe, was selbst nicht Problem ist. Dem Problem sind wir solange Proben für seine Laboratorien der Selbst-Perfektion, als wir ihm nicht zur Gefahr werden – d.h. zur Lösung.

Problemanalyse, Dringlichkeit, Anti
Woher, wie dahin? Erst, wenn uns die Gewalt mit angetan wird? Der Wille dagegen hört sich nicht, bevor er die Ausmaße, die Dimensionen des Problems zu erahnen beginnt. Erst über die Analyse von Problemen aber schafft sich das Bedürfnis dagegen, gegen das Problem, und erst daraus entsteht ein Bewusstsein für Probleme, das tief genug ist, bedürftig zu sein nach Alternativen, und also anders zu werden, anders zu denken, zu fühlen, zu handeln, zu sein – die Dringlichkeit des Dagegen, die Dringlichkeit des ersten und vielleicht einzigen gewollten Willens, des Dagegen, das Darüberhinaus bedarf. In ein erstes Anti gerät man also per Zu-Fall oder per strukturelle Gewalt, die plötzlich auch einen selbst trifft, per Trauma, per Krisis. Das viel verschrieene, verstoßene Anti ist dem Pro immer überlegen, sofern jedes klassische Pro das betrifft, was schon ist. Denn das Anti – es geht aus, fort von Verunmöglichung – schafft Möglichkeit, und es schafft das Bedürfnis nach Differenz: es startet die gerechte Beziehung zwischen Zukunft und Jetzt – es beginnt die Utopie. Utopie ist damit: Anti-Realismus, Anti-Wirklichkeit, Anti-Status-Quo, Anti-„Sein“; Pro-Möglichkeit, Pro-Können, Pro-Dürfen, Pro-„Werden“.
Doch wie Pro sein, wie ohne ein Wort, ohne Wirkung, ohne Anker eine Entität bergen, nur eine Emergenz provozieren? Wie etwas sagen, das es nicht gibt, oder wozu wir keinen Zugang haben? Wie ein neues Gefühl kennenlernen, das noch keiner kennt, ein neues Denken, Wollen, Bedürfen, Wünschen, Handeln …? Im klassischen Sinn ist dergleichen unvorstellbar: und in der Tat, ableiten lässt es sich nicht. Aber die Wechselwirkungen der Einsamkeiten, des Wehrens, der eigenen Stimmen, des eigenen Stils, der Ohnmacht, des Angreifens, des Zweifelns, der Akkumulationen des Unverstandenen, der polemischen Affirmationen, der schäumendendsten „Leugnungen“, des ewigen Dennoch: sie alle, aus dem pubertären Mischmasch von Zu-Fall und Verfall geboren, das Alte hierin zerfallend, hieraus entfallend, sind Potenziale, Mixturen, Unfälle, Bausteine: wenn zwei Dinge, die sich noch nicht begegneten, sich treffen, entsteht etwas Neues (Kontakt, Symbiose, Diebstahl, Vermischung, Aufbruch, Ästhetik – und anders weiter). Wir wollen dergleichen nicht Dialektik nennen, weil uns der Begriff faschistisch anmutet dank seines Populisten, dem rechtshegelianischsten der Rechtshegelianer: dank Hegel selbst. Vielmehr, wenn Zufall einfällt und im Verfallen Gefallen entfällt, wenn Verstoßenheit und Verworfenheit uns anfallen, dann implodiert daraus der Unfall des Neuen, des Wehrens, des Willens.

Utopie: Wirklichkeit aus Möglichkeiten
Und warum das Neue? Warum weiter, warum fort, warum Utopie? Für ein bereichertes, erfülltes, bejahtes Sein für jeden: gegen Entwirklichung, Verwirkung, Wirkohnmacht. Für Selbsterwirklichung. Für Erwirklichung. Für eine Wirklichkeit aus Möglichkeiten. Der Common-Sense-Glaube, dass Revolution gewalttätig sei oder aber unmöglich – beweist nur den Terror, die Gewalt des Unumstößlichen, des Herrschenden: des common sense selbst also; des Glaubens. Kurz, er beweist die Not-Wendigkeit der Revolution.
Utopie ist, was wir nie erreichen, wohin wir aber streben, um unser Erreichen zu bereichern. Utopie ist nicht, sie wird; wir werden sie; sie lässt uns weiter vor in uns, aus uns, vor uns, über uns hinaus. Das Mittel zu ihrem Zweck aber ist Philosophie.

IV Philosophie
Philosophie ist so wenig oder so sehr Elfenbeinturm wie einkaufen gehen, Hitlergruß zeigen, Fußball schauen. Philosophie ist nicht bodenlos, nicht realitätsfern, nicht unpragmatisch: sie ist Praxis, der Realität am nähesten, Praxis, die Boden um Boden exkaviert.
Philosophie ist Realität aber nicht nur nahe – sie durchforstet sie: ihre Konditionen, Organe, Strukturen, Mechanismen. Sie zeigt, demonstriert, verweist, dass alles Elfenbeinturm ist, weil alles eigentlich Bodenlosigkeit, und das meiste dessen realitätsidentisch ist.
Philosophie ist Subversion. Sie zeigt Alternativen auf, indem sie die Grenzen (weiter weg) verschiebt. Mit ihrem Angriff auf Notwendigkeit, Sachzwang, Gesetz; Faktum, Wahrheit, Realität; Sicherheit, Gewissheit, Zweifellosigkeit – eröffnet sie Möglichkeiten. Philosophie ist die Subversion, die eröffnet. Vor der Philosophie lässt sich nicht beginnen außer wiederholend, kopierend, reproduzierend. Nur mit ihr und durch sie eröffnet sich neues Land für Herz, Hirn und Hand: Philosophie ist die Bedingung der politischen Handlung; und sie ist schon die politischste Tat. Die meiste Akademie ist anti-philosophisch. Denn Philosophie ist Anti-Akademie.
Philosophie ist Nicht-Wissen, Philosophie glaubt nicht ans Wissen, und bringt zur Erfahrung die Gewalt des Wissens: intelektuell, und indem sie die Philosophin verändert. Doch ist sie nicht nur Fragen – das wäre das Wundern des Kindes, der Infantilismus der Antiken –, eher schon „nur Fragen“, aber am meisten Hinter-fragen. Radikalstmögliches Hinterfragen; so die Rahmen des Möglichen dehnend; d.h. immer radikalstmöglicher Hinterfragen. Kurzum, Hinterfragen der Realität – nicht nur der „Herangehens“weisen zu ihr, Interpretationen von ihr, Konzeptionen ihrer – sondern Hinterfragen ihrer selbst.
Philosophie ist so Utopiegeneratorin. Die Liebe zur Weisheit hinterfragte, als sie sich selbst erkennen wollte, und fand weder in sich noch dahinter etwas auf; noch wen. Seither wurde sie Denken: Reise ohne Ziel. Doch ziellos Reisende haben den stärksten Willen. Sie gehen weiter weil sie glauben, nie anzukommen: des Weiters wegen, d.h. des Besten wegen, als Bessern. Philosophie ist Entfernen – von common sense, Plausibilität, Evidenz. Sie ist den Grenzziehungen, Einkerkerungen, Umfriedungen des Möglichen entgegen – sie sprengend, sie hinter sich lassend als Trümmer. Philosophie zeugt Radikalität: sie zeugt in die Wurzeln hinein die Nager der Skepsis.
Philosophie ist Bewegung mehr als Teleologie, Bewegung vor allem weg, wegloses „weg!“, anti-eskapistische Flucht, Wille zum Können, Bedürfnis nach Dürfen. Diese Bewegung aber heißt Denken, und Sophia liebt es, zu denken, die Liebe zu ihr ist es, zu denken, und Denken ist freiestmögliche Bewegung, also: Ermöglichung. An Sophias Hand erkunden wir: die Welt der Möglichkeiten – Potenzia.

V Renitenter Humor
Es gibt keine Philosophie ohne Humor (als Überlebensinstinkt), und keinen renitenten Humor ohne Absurdismus (als Konsequenz). Der renitente nun, der so-nicht-Humor besteht aus dreien: Ironie, Sarkasmus, Zynismus. (Nicht Zynik, sondern Zynismus, weil sie eine „Ideo-logie“, ein Bildwort ist und keine Handlung – vielmehr ein Tun.) Dieser renitente Humor lacht nicht nur im Hoffnungslosen, nicht nur hoffnungslos. Er ist auch anti-synthetische Kontemplation, Position, Tätigkeit. Es geht in ihm nicht nur um Verneinung, sondern um die Potenz, „ja“ zu sagen trotz allem, „ja“ zu Momenten zu sagen, ohne dies Ja je allem, sich, der Umwelt zuzugestehen: nur den Moment bejahend, und keinen seiner Kontexte, nur das Ergebnis, und keine seiner Ursachen, nur das Lachen, und nicht dessen Bedingungen. Ohne die Negativität des renitenten Humors wäre kein Bejahen möglich jenseits Potenzias. Aber wir müssen auch Schreien und Schreiten für Utopia: viele große Schreie stoßen, kleine Schritte setzen. Wir müssen auch Ja-Sagen können, und Kraft schöpfen. Ohne gespaltenes Lachen kein Luftholen. Ohne Luft kein Schreiten – kein Schreien. Luft holen jedoch lässt sich nicht erst in Potenzia – nur von hier schon. Utopia steht zwischen Potenzia und Hier. Wir müssen auch schreiten.

VI Kommunismus
Kommunismus kann nicht wissenschaftlich sein, denn Wissenschaft ist nur möglich in Ständegesellschaften, Feudalismen, Kapitalismen – nur mit dem Bürger. Wissenschaft fördert nur zweierlei: den Trieb zum Wissen (der Realismus ist, also Anti-Utopia, also konservativ bis reaktionär); und das Wohlwollen gegenüber den Autoritäten (welche per definitionem konservativ sein müssen, um Autoritäten zu bleiben). Wissen aber ist Herrschaft. Doch Kommunismus ist Herrschaftsfreiheit, und Herrschaftsfreiheit bedeutet, dass Freiheit herrscht statt Wissen. Wissen setzt fest, Freiheit löst auf: Wissen ist Sein, Notwendigkeit, Manifestation, Definitives; Freiheit ist Undefiniert-Indefinites, Gelöstes, Möglichkeit, Werden.
Kommunismus ist keine „hegelsche“ Fortsetzung des Kapitalismus. Er ist nicht und war nie in letzteren schon eingeschrieben. Er ist kein ökonomisch-technisches Resultat und keine Fatalität. Vielmehr, er stammt aus dem philosophisch-utopischen Denken, das diskriminiert wird im „Kommunistischen Manifest“.
Kommunismus ist keine Doxa und kein Dogma. Das Proletariat muss, will es radikal (verstanden) sein, Utopia werden, ein Verein Freier, das heißt Freiheitlicher, sich Befreiender. Kommunismus ist Anti-Totalität und nicht-absolut, und beides entschiedenermaßen, entschieden, also entscheidungsgemäß. Er ist der Beginn, nicht das Ende von Politik, der Beginn der selbstvollen Arbeit an sich, am anderen, an der Gesellschaft und an allem sonstigen. Kommunismus ist der Beginn. Der Beginn des gleichberechtigten, gleichwertigen, gemeinsamen Kampfes gegen Dominanz, Suprematie, Hegemonie. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, weil er als erster, durch sein ökonomisches Privileg aller, fähig ist, Macht zu problematisieren. Kommunismus besteht aus Individuen, deren Basis das gemeinsame Wohl ist. Theorie und Praxis, Form und Inhalt, Idealismus und Materialismus, Denken und Handeln, all jene Dualismen der Metaphysik, von Aristoteles über Descartes bis zu Kant, die Aufklärung und ihr Dunkel inklusive, lösen sich auf in seiner Öffnung der Charaktere, die keine Identitäten mehr sind, sondern Selbste.
Gegen den Faschismus, das Grundproblem, die Grundkonstitution, lässt sich nur sein, indem gegen ihn geworden wird. Kommunismus ist Anti-Faschismus. Im Kommunismus lässt sich erstmals kommunizieren (qua hermeneutisches Präkariat). Was ist kommunal am Kommunismus, was allgemein? Es ist das Brauchen, das uns vereint. Und er, Kommunismus, ist das Brauchen, das uns vereint. Wir brauchen alle zu essen, zu trinken, ein Dach und eine Heimat. Ohne sie gibt es keine Politik. Kommunal, gemeinschaftlich sind die Früchte unserer Arbeit. Kommunismus damit ist der Raum, in dem die Politik beginnt. Erstmals ist sie nicht mehr entfremdet von sich selbst und an die Macht überantwortet; erstmals behandelt sie Interessen, das Sein dazwischen, zwischeneinander, Werden. Denn erstmals sind die Gründe des Bedürfens angefüllt mit Erfüllung – und es gibt keine Kartelle, Parteien, Kirchen, Staaten, Nationen, Klassen, Schichten, Milieus mehr. Jeder ist endlich dazu befähigt, seine Fähigkeiten auszubilden, sein Wollen zu bestimmen, Heimat zu beheimaten. Kommunismus ist, wo Politik beginnt, und wo Politik beginnt, da schafft dessen Willen das Dürfen, und jenes das Können.
Alles wäre also möglich. Nur: es gibt kaum einen einzigen Kommunisten auf dieser Welt: bislang. Wie damit umgehen? Der renitente Humor des politischen Absurdismus hält uns in uns am Leben –  neben Kommunistinnen und unserer Arbeit außer uns –, und dieser Humor ist der einzige, der keine Konterrevolution startet.
Verworfen, verstoßen, verwirkt und ent-wirklicht stehen wir mit ihm vor den unabsehbar hohen Mauern. Doch sind wir Gespenster. Wir können durch sie hindurch: Philo-Sophia ist Ermöglichung; und Kommunismus wird Erwirklichung. Die Lage also ist nicht gänzlich hoffnungslos.
Wenn auch unendlich ernst. Und bitter ironisch.

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