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On an autonomous enlightenment

Autonomy is at least as unsuccessful in the West as in the rest of the world, if not more: in fact, the West is the extreme of heteronomity, since it introduced capitalism to the world; hence, the pursuit of autonomy and self-determination, this is emancipation, is not restricted to some special version of Enlightenment, and of course not to the West. Even more, with the postmodern paradigm shift, we are in a counter-enlightenment period (against autonomy and self-determination, thus, against the self, even against critique in general) that has, arguably, started in France (next to Greece, Italy and England probably the “prime Western” country) as a neo-idealistic (techno-)philosophy undermining the materialist philosophies of Existentialism and Marxism. Generally, the question of the left should not be “Western or not Western?” (for both, dominion and its most abstracted reality, capital, are not only to be found in the West) but “emancipation-seeking or not?”. If one wants to get to a radical conception of enlightenment, thereby divorcing it from its sole connection to European, especially to liberal history, thereby also being able to state that Europe is not enlightened, and that “the enlightenment” was not an epoch (in this way deconstructing European ideology) but was and is a “political” practice (against the Polis), enlightenment could be understood as emancipation from tragedy, this is as a project of self-determination (auto-nomy). A trans-liberalist, trans-Western, trans-capitalist, trans-modernist conception of the enlightenment then would be the project, shared by millions around the globe not only today but for centuries, perhaps for millenia, and mainly by the minorities subjugated by their respective time and Zeitgeist, an autonomous project against fate, against pre-determination. In this understanding, the fight against capitalism, against the automatic subject of techno-productivity, against the blind tendency of accumulating further (perpetuum mobile), is the prime fight of an autonomous or emancipatory enlightenment, an enlightenment by all the resisting people around the world, uniting to “enlighten” their respective cultures, poleis, and economies that all are lost in pre-history, or heteronomity.

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Die Hitze steht, sie sitzt, sie griemt durch den Saal, ich spiele mit den Lippen, doch das Laken tropft, das um mich hängt, es tropft und die Kakteen schwitzen, während ich im Staub sieche, unabsehbar, wie, unverstehbar, seit wann. Wo bin ich, das ist eine Frage anderer Zeiten, das Laken ist noch nicht schmutzig, denke ich, und wird nie schmutzig werden, es hängt um mich und tropft, doch ich bin noch nicht vollends gefallen, der Staub hüllt nur meine Knie ein, es ist noch nicht so weit, während die Wüste vorbei ist, denn Sand hat sich zu Staub zermalmt vor einer Weile, vermutlich, in dem ich also nicht sitze, sondern knie, siechend, aber keine Agonie in Sicht, sage ich, seit ich mir die Augen ausschnitt, es sind Augen gewesen, höre ich manche sagen, die Blick waren, seltene Augen, aber ich höre niemanden, ich habe nichts geschnitten, ich knie. Das Laken ist mir um die Brust gewickelt, wo mein Herz mir fehlt, seitdem ich blute, dass das Laken schwer wird, aber ich versteh es nicht, ich höre nur, wie es tropft, ich müsste doch auch längst trocken sein, müsste ich nicht, der Saal griemt vor Staub, oft ist es mir, als wäre ich noch, aber kurz nur, und dann spiele ich mit den Lippen, wie wenn noch Feuchte sei in der Zunge, das Laken liegt schwer auf meinen Schultern, umspannt meine Rippen und tropft, zugegeben, es fließt nicht aus ihm, es tropft nur, doch ist es so schon lange, ich höre es, ich lausche meinem Tropfen, es beruhigt mich, dass ich noch etwas höre, und ich frage mich, ob das Tropfen mit dem Hören aufhört, oder ob eines zuerst ausbleibt, vermutlich das Hören, denn aus mir kommt es ja, also müsste ich doch zuerst, oder, falls es je aufhört, falls. Es ist nicht Agonie, noch nicht, es ist nur Siechen im Saal, sein Staub ist fein, er tut nicht weh in den Knien, er würde nicht an ihnen haften, könnte ich sie heben, ja, dessen habe ich mich vergewissert im Kopf, es kann nicht anders sein, so sanft, wie er sich anfühlt, wenn ich ihn noch fühle, wenn ich mich fühle, das Laken hängt herab an mir, von meinen Schultern und Rippen gehalten, herab über meinen Unterleib bis zu meinen Schenkeln, an denen allen es klebt, ich müsste nackt sein, so müsste sich Nacktheit anfühlen, an der ein Laken klebt, das tropft in den Staub, das mich austropft, das mich warm austropft in die Hitze, ja, so müsste. Nur die Kakteen schwitzen noch, haben noch Wasser um zu schwitzen, sie schwitzen und es perlt herab an ihren harten Häuten, durch ihre Stachel, von denen es fällt, manchmal, dann spiele ich mit den Lippen, das griemt im Saal, dann, aber das ist nun lange nicht passiert mehr, zu lange nicht, fast vergesse ich schon, dass es passiert war einmal, ist es denn passiert je, dass eine Schweißperle vom Stachel eines Kaktus fällt, ein gänzlich anderer Klang, als wenn ich aus dem Laken tropfe, es ist nicht zu vergleichen, ich glaube, ich knie, ich glaube, da ist Staub, oder ist da nicht Staub, aber gibt es die Kakteen denn noch, gibt es denn einen Saal, aber die Hitze steht, ja, und das Laken tropft, doch, ich höre es, und ich sehe, beigen, die Hitze durch, meine Ohren, ich knie, das Laken klebt an meiner Hüfte, ich tropfe, ich finde meine Lippen nicht, die trockenen, doch tropfe ich, ja, ist da nicht Staub in meinem Mund, aber ich tropfe, wenn es keinen Staub mehr gibt, was liegt dann zwischen meinen Zähnen, aber das Laken klebt, das Laken klebt an meiner Nacktheit, das tut es doch noch, oder, an meiner Nacktheit, die tropft, die hineintropft in Hitze durch ein Laken, das warm ist, das sauber ist, das tropft, das klebt, das ich nicht verstehe –

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Auf der Suche nach dem ertrunkenen Lot (I-III)

Auf der Suche nach dem ertrunkenen Lot (I)

Saurer Kitzel des Beils im Zenit. Die Granate perfektioniert sich im Staubland. Was sich da abzweigt war ein Gerinnsel. Was aber blitzt, ist Stachel im Glatteis. Im Sumpf wüstet Sonne. Einwärts ins wahnsinnige Brachland bricht Feld. Etwas hängt exakt in der Mitte. Wenn die Lähmung aussetzt, setz dich, verharre. Weide die Weide aus: es ist noch zu holen, wo gelassen wird. Dann erst atme Vakuum aus. Unsere Gangart scheint Bühne vor Hunden. Sich ergeben wäre ergiebig, doch Liebster! Scheitere lieber.

 

Auf der Suche nach dem ertrunkenen Lot (II)

Die unfassbare Erhabenheit des Hässlichen. Du Allumfassung des Ungeschickten: schicksallos, schrankenlos, ein Meer. Leben ist Zucken der letzten Kreatur. In wessen Ohr verenden die Rufe nach Anfang. Versandung der Augen nach urfasslicher Alterung von Asche. Ein Klecks aus Versehen: das Ende der Welt. Quellen sind unheimlich: kein Heim im Ursprung. Alles gewiss unendlich fragil: alles getaucht hinein in die schöne Hülle der Ungewissheit. Harnisch von Verharrung. Umgekehrtes Fallen. Doch trotz allem: im Monat Mohn pflückten wir uns.

 

Auf der Suche nach dem ertrunkenen Lot (III)

Abbruch des Lieds. Ziehen, an dem ein Strang hängt. Hinter den Ohren sitzt Schlaf. Trotzende Schläfenspanne. Tränenbeladener Jochbogen, arc de triomphe, Sternzusammenfuhr der Himmelswagen, regnerischer Abend. Wange wie Wasser, das tausendfach auf Abgrund liegt. Des Kiefers Schneide die Scherbe, die ankert über den Gründen der Schulter. So fortsprachbar. Doch zwischen den Kontintentalplattenbrauen Wachstum von Berg. Unverträgliches Tragen der Stirn. Klarsicht ist Folie aufs Schauen gelegt zur Verbindung. Das Auge die Wunde. Die Narbe der Durchblick. Die Blindheit nicht Heilung. Aufbruch von Lid.

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14.12.17 – 03:46

Zwischen Haut und Fingernagel wird das Getrocknete meines Rückens lagern. Ich musste bohren. Denn mein Rücken blutet schon wieder, unter die Nägel geschoben mal wieder, bis ich sie mir das nächste Mal schneide, und wann wird das sein, in einer Woche? Bohren mit den Nägeln, den kleinen Messern auf den Fingern. Bohren wie nach Öl, doch nach mir, im eigenen Körper, tiefer in ihn hinein, die Löcher werden wie Schwimmringe, Halt im eigenen Blut, ich zeige mit meinem Finger auf meine Wunden, in sie hinein, durchpule Oberfläche, Fläche um Fläche unter die Fingernägel, Inseln Bluts tauchen auf, Bohrinseln, und als tränken sie, saugen gierig meine Fingerspitzen. Bohren muss ich „in mich“, denn ist nicht so, dass ich einfach meine Haut abziehen könnte, als sei ein neuer Körper darunter schon gewachsen, und nur noch eingeschlossen in einem erstarrten Kokon, als sei da schon Zukunft, nein. Ich kann nicht den Vorhang fallen lassen meiner Haut, ich muss mich freibohren, punktuell, mühsam, wie ein Wurm durch einen Apfel auf der Suche nach dem Kern. Es gibt viele Oberflächen, ich habe schon viele passiert, sie kleben nun, unterm Nagelbett, schlafen in Ruhe, die Nägel-Messer sind Decken, und die Oberflächen, sie fangen immer schon zu stinken an, zwischen Händewaschneurose und Händewaschritus, da stinkt es schon, bereits wenn ich die Hände trockne, und eigentlich vergeht er nie, der Gestank nach, vor, in der Oberfläche, den Oberflächen, die mich bevölkern wie Misteln einen Baum, und da denkt man noch, was für ein schöner Baum, wie schön er grünt, dabei ist er tot, das Grün ist Mord und türmt sich auf ihm, mörderisches Grün, türmender Mord, es hat ihn ausgezehrt, den Baum, die ganzen Oberflächen, das ganze Grün. Doch sind sie rot bei mir: und Misteln wachsen mir in den Fingern, doch die Finger sind Nägel, die bohren, sie wollen nichts befestigen und aufhängen, sie wollen wissen, ob da nicht doch noch was kommt, sie sind relativ unersättlich, relativ, eine rotgrüne, fast eine große Koalition, doch meine Hemden sind weiß. Sie bleiben weiß, weil mich niemand kennt, wie sollten sie auch, ich bin ja besser geworden, gut wollten sie mich nicht, „mich“ nahmen sie mir nicht ab, das wäre ihnen auch zu viel gewesen, oder zu schwer, oder zu wenig Abwechslung, das nervt sie schließlich, wenn Dinge gleich bleiben, Vertrauen, das nervt sie, wenn etwas ernst gemeint ist, das ganze Prinzipien-Konsequenz-Haltungs-Ding, das nervt sie einfach, oder nein, das langweilt sie, das finden sie ganz furchtbar unkreativ, da schwillt ihr scheiß Schwanz für eine Millisekunde zu lang ab, das ist ihnen nicht proaktiv genug, den Machos der Sublimation, das ekelt sie daher auch, denn sie ekelt an, was die Lust absinken lässt, und wenn es nur winzig kurz ist, aber das ekelt sie an, also spritzen sie auch nie ab, das würde die Lust regelrecht bis in Ewigkeit töten, da geht es nicht sofort weiter danach, es muss ein ständiges reguliertes Steifbleiben sein, dann grienen sie und erfreuen sich am Maschinengewehr, die Unterschwelligen. Sie riechen nicht! Doch auch mein Hemd ist selten in etwas gebadet, nur gewaschen, kein Schweiß, kein Blut kommt da dran, ich bohre und pule in „mich“ hinein nämlich nur nachts, während draußen der Lärm etwas abebbt, und überall die roten Augen aufscheinen, fiese Glühantennen zur Abschreckung in Höhen, die den Boden unter den Füßen entziehen wie einem Süchtigen, dann durchstoße ich meine Misteln und finde nicht einmal den toten Baumstamm, sondern nichts, nur immer weiter Blut, immer mehr dieses Wühlens in einem Kompartiment meiner selbst, schon schmerzhaft, aber das ist nicht der Punkt, es ist der Vektor, ich bin kein Masochist, ich kann mich nur nicht mehr herausziehen aus dem eigenen Körper mit dem Finger, weil ich nie im Eigenen ankam, ich kann mich nie ausziehen, das ist es, auch wenn ich ganz nackt dastehe, ich fühle mich immer noch so zugezogen, angezogen wie eine Mumie, im Sarg, gefertigt aus Misteln –

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Politik

Notizen gegen den Intersektionalismus

von Rob Stirner

  1. Der Intersektionalismus dreht sich – in den USA geboren, in seinen sich selbst disziplinierenden Spielarten auf Staaten wie die USA beschränkt (England, Südafrika, Frankreich usw.) –, bürger-rechtlich innerhalb der liberalistischen Ideologien des Pluralismus, Multikulturalismus, Kosmopolitismus, nur um Diskriminierung statt um die viel tiefergreifende, nämlich endgültige, irreversible, chiliastische kapitalistische Produktion der Konsumption der Lebewesen wie ihrer Grundbedingungen, insbesondere aber der identitätsfernen und hegemonial entwerteten.
  2. Selbst noch gegen Diskriminierung hat der Intersektionalismus nur falsche Problemlösungen: er reduziert Unterdrückte auf Identitäten, dabei war es stets das Identitäre, das die Unterdrückung bewerkstelligte.
  3. Damit invertiert er lediglich die Diskriminierung – und diskriminiert ausgerechnet gegen Aussagen des Leids, also gegen Verletzlichkeit (bestimmter Menschen der „falschen“ Identität).
  4. Dies tut er, indem er eine Hierarchie oder vielmehr eine Vergleichbarkeit und einen Wettbewerb des Leidens aufstellt: so gebe es „privilegiertes“ und „unprivilegiertes Leiden“. Die Sprachlosigkeit des Leidens, das zumeist ein politisch-ökonomisches ist, wird intersektional also weiter vertieft – das Leiden etwa eines „weißen heterosexuellen Mannes“, ob er sich so identifiziert oder nicht, wird schlicht verleugnet. Auf die Sprachlosigkeit des Leidens wird also zusätzlich seine Zensur gesattelt.
  5. Damit ist der Intersektionalismus nicht nur seinerseits diskriminierend, sondern auch seinerseits exklusiv: ausgerechnet die Leiden der Identitätslosen, d.h. vornehmlich der Tiere, der Psychopathologisierten und der Dissidenzen, werden ausgeschlossen.
  6. Seine spezifische Diskriminierung bestimmter Identitäten stattdessen fetischisiert der Intersektionalismus. Weil er eine nicht-konkrete ebenso wie nicht-betroffene Theorie ist, muss er sich, wie einst der Marxismus sein Proletariat, sein revolutionäres Subjekt außerhalb seiner selbst konstruieren; und weil er außerdem akademisch ist, muss er dieses Subjekt bürokratisieren und quantifizieren, d.h. des Individuellen entheben und zu einem Nenner in Statistik oder Wahrscheinlichkeit umdeklinieren. Im Unterschied zum Marxismus allerdings hat sein revolutionäres Subjekt schon in der Theorie nichts Revolutionäres, weil es – sogar betontermaßen – keinerlei Universalität hat, sondern nur die Borniertheit einer bestimmten Gruppe, die teilhaben will.
  7. Was so am explizitesten und gleichsam am schmerzlichsten ausgeschlossen wird, ist bewusste, entschiedene, autonome, moralische etc. Widerständigkeit, Gegenaktion, Transzendenz und Utopie, kurzum Dissidenz, also die einzige Größe, die über die Identitätspolitiken und -ökonomien hinausginge und damit die letzte antipolitische Hoffnung als letzte Radikalität – ein Ausschluss, der überall schon immer stattfand, von Mitte über Links bis Rechts, und der in die Resignation und Hoffnungslosigkeit aller politischen Veränderung geführt hat.
  8. Besagte Dissidenz wird zudem darauf reduziert, „Privileg“ zu sein, als sei etwa „eine schwarze Lesbe“ nicht dazu fähig, über die Bekämpfung von Rassismus und Homophobie hinaus eine universale Ethik und universal emanzipatorische Aktion zu vertreten; als sei, kurzum, niemand mehr als seine (oder ihre, etc.) jeweilige „Identität“. Streng genommen könnte so etwa kein Weißer gegen Rassismus sein, und die Unterdrückten wären auf sich selbst zurückgeworfen und wieder zum Verstummen gezwungen wie seit je.
  9. Der Intersektionalismus verleugnet dergestalt überhaupt Radikalität ebenso wie Solidarität (unter den Ausgebeuteten, Leidenden, Unterdrückten usw.), unterstützt stattdessen das Grundproblem des Identitären und will nur alle gleichermaßen partizipieren lassen, statt das, woran zu partizipieren sei, umzustürzen. Kurzum: der Intersektionalismus ist Teilgebiet des integralen Systems totalitärer Immanenz.
  10. Deutlich wird selbiges, erneut, gerade in der inflationären Verwendung der Diskreditierung „privilegiert“. Was der Intersektionalismus mit diesem Wort ironischerweise reproduziert, ist das Anschließen an die allgemeine liberalistische Zelebrierung des Westens, derzufolge es für die meisten im Westen selbst keine wirkliche Armut gebe (im Vergleich…) und kurzum kein wirkliches Leiden. (– Auf Postmodern-Links sagt man das so: „Du beschwerst dich? Das ist doch nichts, du bist privilegiert, sei still.“ Auf Mitte so: „Wir können dankbar sein, dass es uns derart gut geht, sieh dich doch andernorts um.“ Auf Rechts so: „Unsere Ökonomie ist besser, wir sind besser, die Anderen leben auf unsere Kosten.“ –) Das Grundproblem im Westen sei auch laut Intersektionalismus kurzum nicht das politisch-ökonomische, sich globalisiert habende System, sondern die Diskriminierung lediglich gegen Minderheiten. Was damit vollends seines Problemcharakters beraubt wird, ist die Ökonomie selbst oder der Kapitalismus. Wenn allgemein behauptet wird, das eigentlich Schrecklichste sei nicht die Totalität in ihrer umfassenden Gesamtheit, sondern spezifische Diskriminierungsformen, so wird dem Ganzen seine wichtigste Apologie geliefert: dass es im Grunde, von einigen internen Fehlern abgesehen, ganz gut sei.
  1. Dies wiederum unterstützt von Neuem die Diskriminierung gegen Dissidenz, d.h. gegen großflächigere Hoffnung selbst als Radikalität. Unter wessen Bann nämlich alle ausnahmslos stehen, ist der forcierte Opportunismus kapitalistischer Logik – jener Opportunismus, der alle Identitäten unter dem einen Dach kapitalistischer Totalität versammelt, d.h. sie in es hinein partikularisiert. Kapitalistischem Opportunismus allerdings sich möglichst zur Wehr zu setzen, ihn anzugreifen, wo es nur geht (statt integral zu verfahren), ist heute die wichtigste Aktion für alle Lebewesen wie ihre Grundbedingungen. Was somit ausstünde, stünde Besseres aus, wäre nicht eine Abschaffung des „Privilegs“, sondern seine Universalisierung. Erst unter seinem Vorzeichen nämlich lässt sich aufs Ganze konzentrieren, ohne welches keine Partikularisierung, vom Rassismus über den Antisemitismus bis zum Sexismus usf., verstanden werden kann. Das Ganze aber ist seit jeher die verselbstständigte Identitätspolitik des Gewaltkomplexes herrschender Herrschaft.

PS 1: Das Leiden der Dissidenz ist ein Leiden an jener Totalität – es ist ständig und allgegenwärtig. Wenn Dissidenz aber nicht ein Minimum an forciertem Opportunismus selbst praktiziert, wird sie, wie alle, ihr Privileg durchaus verlieren: wer nicht arbeitet, wer kein Geld hat, darf auch nichts essen, darf auch nicht leben, muss sterben. Nicht sterben zu müssen und doch ständig zu leiden, ist somit das gesellschaftlich verschickte Schicksal an Dissidenz. Es, das Leiden der Hoffnungen, zu verleugnen, kleinzureden oder zu belächeln, ist daher nicht nur bösartig, sondern Identifizierung mit dem Status Quo in seiner Gesamtheit. Dieser Schuld macht sich der Intersektionalismus schuldig – diesem Konformismus konformiert er sich. Zumindest, sofern er die Entscheidung zwischen Opportunismus (Identität) und Dissidenz nicht mit in sich aufnimmt – und wie sollte er, funktioniert er doch identitär statt dissident.

PS 2: Das Problem ist nicht nur der Weiße, sondern es ist Rasse, Ethnie, Volksgruppe. Das Problem ist nicht nur der Mann, sondern es ist das Patriarchat. Das Problem sind nicht einzelne Partikularisierungen der Arbeitsteilung von Totalität, sondern das Problem ist – die Totalität. Sie ist totalitär (total) und totalitaristisch (totalisierend). Das Problem kurzum ist Herrschaft, deren bislang effizientestes, weil zum Zweck an sich selbst gewordenes Mittel das Kapital ist. Mit ihm hat sich eine neue, wesentlich homogenisierte globale Totalität herausgebildet: der Kapitalismus. Dieser ist nicht der Grund allen Übels – aber die heute effizienteste und weiter expandierende Ausformung dessen.

PS 3: Ein nicht-identitärer Intersektionalismus müsste, weil er alle Diskriminierung wie Schlimmeres (Massenmord des Hungers, nicht zuletzt als kapitalistischer Rassismus) und damit auch deren wichtigste Ursachen zu behandeln hätte, selbst Totalität untersuchen – schon, um nicht in die Identitätsfalle mit ihr zu treten. Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Diskriminierung gegen Alter, Behinderung, Dissidenz, Tiere usw. könnten nur adäquat und damit radikal untersucht werden, wenn sie in den Kontext von a) Herrschaft (auch Gewalt und Ideologie) und b) Kapitalismus gestellt würden. Ohne diese Kontextualisierung kann keine dieser Kategorien oder ihre eigentliche Wirkungsweise wirklich verstanden werden; der liberalistisch-akademische „Differenzierungs“imperativ ist ein falsches Bewusstsein von Differenz (falscher Konkretion) in einer Totalität totalitärer Gleichschaltung. Es muss darum gehen, gemeinsam die gemeinsame Unterdrückung zu analysieren und zu bekämpfen – und wo sie nicht gemeinsam ist, sich miteinander zu solidarisieren.

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Politik

Eine Polemik gegen Rechte wie Linke und für herrschaftsfeindliche Politik

von Rob Stirner

lichtung

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

Werch ein illtum

(Ernst Jandl)

 

„Unter den Bärten aber – und das war die eigentliche Entdeckung, die K. machte – schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig hinuntersah.“

(aus Franz Kafka, Der Proceß, Zweites Kapitel)

 

Dies ist eine Beendigung des Kadergewissens. Dies schreibt eine, die von Rechten und wohl auch vom kläglichen Rest „der Mitte“ als linksradikal bezeichnet würde. Dies schreibt eine, die Herrschaft und Gewalt bedingungslos bekämpft, d.h. im Speziellen heutzutage v.a. Kapitalismus und Faschismus mit ihren Staaten und Märkten; d.h. u.a. Sexismus, Speziesismus, Rassismus; d.h. die Figuren der Familie (famulus) und die Mechanismen transzendenter wie immanenter Religionen, also die Mechanismen des Verselbstständigten, der politischen Perseverationen, der ideologischen, doch handfesten Gespenster; d.h. letztlich die Bedingungen und Funktionsweisen von Poleis, von Gruppen, Klassen, Kulturen – in den direktesten wie in den abstraktesten Formen. Kurz, es ist ersichtlich: was bekämpft wird, ist in der Mehrzahl und kann nicht einfach „aufgezählt“ werden. Vielmehr muss die „Linksradikale“ sich, in ihrer notwendigen Radikalisierung, auch und vor allem gegen die Praxen, Theoreme und Theorien der Linken wehren, welche ihrerseits rechts sind, was hier so viel heißt wie: herrschaftlich, gewaltvoll, ideologisch. Die vorliegende Streitschrift begehrt daher auf insbesondere gegen die kollektivistisch-identitären, d.h. die heteronomistisch-opportunistischen gemeinsamen Nenner von Links wie Rechts – aufbegehrt wird dabei utopisch, gen Utopie, gen Dürfen und Können, als Utopisierungsversuch. Aufbegehrt wird somit, weil Herrschaft herrscht, und dies totaler denn je; aufbegehrt wird von Seiten der Dissidenz, der Paria, der Outcasts; von Seiten der Ohnmächtigen, der Flüchtenden[1], der verlorenen Posten – der entschieden Differenten und entschiedenen Differenzen. Das Bedürfnis und Ziel dieser Streitschrift ist derweil ein positives: sie will Schaffung von Diaspora, von Gastfreundschaft im Exil, von Freundschaft und Freundlichkeit trotz allem und gegen das meiste; Schaffung von Gründen fürs Weiter des Gegen, fürs Weiterkämpfen, von (auch sich selbst) aufklärendem Widerstand, von Radikalitäten. Ja, letztlich will dieses „Pamphlet“ und braucht seine Autorin nicht nur eine bessere Welt, sondern eine Welt, die so gut ist wie möglich. Alles andere, alles, das weniger will, wäre in der gegenwärtigen Tendenz des Systems auch weniger als hinreichend, nämlich mehr als tödlich.

Polemik als deskriptiver Stil

Dabei ist polemisch, was kommt, weil es adäquat ist mit dem, was es beschreibt. Zunächst polemisch nämlich ist die a- und antagonistische Welt, in welcher wir leben. Primär, weit diesem Text hier vorauseilend, ist der tägliche Kriegszustand der Leistungs- und Lohngesellschaft polemisch (kriegerisch), der Kriegszustand kapitalistischer Logik, welche ihre eigenen Prämissen täglich aufs Neue reproduziert. Ihre Konklusion war stets schon mörderisch, nimmt nunmehr aber zusätzlich immer sichtbarer global-suizidale Ausmaße an. Krieg (polemos) allerdings wurde nicht vom Kapitalismus erfunden. Dieser führte ihn nur, mit seiner mikro- und makroskopischen Behandlungsmethode, in jedes Atom gleichermaßen wie in den menschlichen Gesellschaftskörper als Totale ein, als Totale, welche alles durchzieht – vom abseitigsten Refugium bis in die „internationalen Beziehungen“, in die tiefste Tiefe und weiteste Weite also, von der privaten Intimität bis in die öffentlich zugängliche Wüste und Verwüstung. Kurzum, der Krieg wurde effizialisiert vom Kapitalismus, bis die beiden leistungsstark genug wurden, jeweils mit oder auch ohne den anderen die ganze Erde zu verschlingen. Dabei gab es Krieg selbst im Intimen der Personen und in den Wüsten des Planeten schon sehr lange bevor sich hinreichend entfremdet wurde, um eine fixe Idee wie das Kapital zum Universal-Diktator über Wert und Unwert zu machen. Nun soll hier keine Genealogie oder irgendeine anderweitige Ursprungsforschung folgen. Dass Krieg nicht auf Kapitalismus reduziert werden kann erklärt eher schon, warum das zu Kritisierende sich nicht derart einkreisen lässt, wie einige Linke das gerne vormachen. Es erklärt, dass besagter Kreis einer ist, in welchem die Linke selbst gefangen sitzt – ein Kreis kurzum, dessen Durchmesser linke Axiome so sehr durchschneidet wie rechte.

 „Die Mitte“ und die Kultur

Dass derweil jener, welcher sich scheinbar im Gegensatz dazu für unpolitisch hält, am tiefsten der flachsten Ideologie verfallen ist, schon mit seinem „Axiom“, es gäbe so etwas wie eine politikfreie Sphäre, muss nicht weiter elaboriert werden. Ebenso ist keine ausführliche Beschäftigung mehr nötig um festzustellen, dass „die Mitte“ so wenig unideologisch ist und so sehr rechts und extrem wie die wirtschaftliche Rechte – erstere als Grundlagenverteidigerin des Herrschenden, vom Patriarchat über die Kriege aller gegen alle bis zu ihren Institutionen der Toleranz (nur) gegenüber dem Bestehenden, welche „Diskriminierung“ im wörtlichen Sinn ausmerzen wollen, also Unterschiede jedweder Art; letztere als „libertäre“ Dammbrecherin für die nächste faschistische Flut. Vor allem aber soll sich hier nicht aufgehalten werden damit, mehr als zu erwähnen, dass „die Mitte“ zusammen mit den Marktfundamentalisten (Wirtschaftsrechten) das Todesurteil unseres Planeten oder zumindest jenes seiner menschenmöglichen Bewohnbarkeit unterschreibt, nämlich indem sie ihr gesamtes Selbstverständnis und damit sich selbst in den Kapitalismus legt – wodurch gerade besagte sich so extremfrei gebende „Mitte“ den endgültigen Verkauf von „Kultur“ und „Zivilisation“ fatalisiert, insbesondere aber die Verhöhnung ihrer eigenen Moral und aller Rechtsstandards mittels globalisierter Praxen: bei gleichzeitig wachsenden technischen Vernichtungspotenzialen. Kurz, die internationale Hypokrasie der Mitten, der totalitaristische Fundamentalismus der kapitalistischen Avantgarden und die strukturelle Fanatisierung der Peripherien (ihr Rückfall in Religion) sind ein und dasselbe Phänomen – ein Kampf nicht der Kulturen, sondern die Kapitulation emphatischer Kultur überhaupt, nämlich ihre Kapitalisierung und damit ihre Konfiszierung. Kultur ist in der Folge bestenfalls noch die zweite Seite der Doppelzüngigkeit, der Eskapismus vollends verkehrter Welt(-sicht), die ästhetisierend-anästhesierende Begleitmusik zur Apocalypse now, die systematische Unbedarftheit im Angesicht der mit Sicherheit kommenden, weil sich bereits auswirkenden Katastrophe. Im schlimmsten Fall aber ist Kultur außerdem Entwicklungshelfer statt Hemmnis der gesellschaftlichen Tendenz, die gruppennarzisstisch-todestriebliche Legitimation des vorwärtsschreitenden Chiliamus, der sich feuerfest glaubende Brandstifter in globalen Verhältnissen der Dürre. Doch hat diese „Mitte“ dergleichen und damit Verbundenes noch nie durchschaut, womit sie stets verliebt war in den Hofnarren der jeweiligen Tyrannis, heute aber in das Unterhaltungsprogramm der untergehenden Titanic. „Die Mitte“ ist und war stets nicht nur ein kapitalistisches Produkt, sondern zugleich das Fundament der kapitalistischen bzw. einer älteren (kulturidentitären) Rechten. Zu dieser „Mitte“ zählen, um endlich alle Missverständnisse auszuräumen, neben gemäßigten Christoblaten die ganze (einstmals existierende) Sozialdemokratie inklusive Gewerkschaften und Keynesianismus, die „Linksliberalen“, Parteiökologen sowie alle sonstigen „Reformer“ (wozu in Deutschland z.B. auch die Mitte-Fraktions-Parlamentarier „Der Linken“ zählen, wie spätestens auf Landesebene ersichtlich wird). Dass Wählen mitsamt der restlichen Republikformalia damit nicht als Politik im radikalen Sinn missverstanden werden sollte, liegt auf der Hand: das Urnenvotum wird allerhöchstens noch Reaktionäres verzögern, während die ökonomischen Beschleunigungen in den Abgrund überhaupt parallel zu demokratischen Kulten und demgemäß von ihnen unberührt vonstattengehen.

Die einzigartige Bedeutung der Linken[2] fürs System

Die Linke ist die fürs Gesamtsystem nicht unerlässliche, jedoch hilfreiche Ergänzung, zunächst als solche der Rechten sowie, wenn ihre Theorien durchgekommen und durchgesickert sind, als jene des restlichen Gesellschaftskörpers, nächstens aber der Mitte. Denn was weder die Rechte als mörderisches Feindbild haben kann[3] noch die Mitte[4], das ist der heimliche Sündenbock und das offene Angriffsziel der Linken. Zum einen ist es die irreduzible Andersartigkeit (beschrieben von ihr als „Individualismus“, „Monade“, „Eiland“, „Robinsonade“, „Bürgerlichkeit“), zum anderen die Dissidenz, d.h. der alleinstehende erfahrene selbstbewusste entschiedene unassimilierbare Widerstand (von ihr denunziert als „elitär“, „privilegiert“, auch als „unpolitisch“ oder gleich als verschiedentlich „Böses“). Nichts nämlich hasst die Linke (der Zoowärter bzw. Tierarzt des zoon politikon) so sehr wie Singularitäten, Ausnahmen, Einsamkeiten, Außenseiter, Privatpersonen, Eigenbrötler (idiotes). Das Feindbild der Linken ist demgemäß immer die Minderheit („we are the 99 %“). Dies entspringt theoretisch dem Grundirrtum, der Herrschaft personalisiert und die Mächtigsten für mächtiger als Herrschaft hält[5], praktisch aber dem Linken-Votum für die Polis, also für die Trägerin von Herrschaft selbst.

Damit wäre die Linke die perfide, die Mitte die naive, die Rechte die logisch-logistische Beseitigung der Dissidenz, des hartnäckigen Singulars, der renitenten Resistenz und radikalpolitischen Akteurin. Diese Rolle nimmt die Linke aber nicht ohne arbeitsteiligen Hintergrund ein; sie tut damit, was sie am besten kann, d.h. worauf sie sich spezialisiert hat. Die Rechten nämlich (und auch ihre Mitte-Stellvertreter) sind und können nur gegen Identitäten bzw. ihre Identitätsprojektionen eingestellt sein: sie vernichten, in jedem Sinne zwingend reduktionistisch, andere Ethnien, Geschlechter, Wirtschaftssubjekte, Lebensmodelle. Damit vernichten sie Dissidenz zwar gleichsam mörderisch, aber eben nur indirekt, nämlich nicht als Dissidenz, sondern z.B., im Falle von Wirtschaftsrechten, als nicht Zahlfähiges und damit zu beseitigendes Nicht-Wertes. Die Linken indessen sind die eigentlichen Revolutionierer der Ideologie: ihnen, als Intellektuelle, ist das bloße Umsetzen oder Wiederholen nicht genug. Sie müssen, was ist, vielmehr theoretisch verfeinern, vertiefen, verkomplizieren, sublimieren; sie müssen ihren Spaß daran haben; sie müssen sich ein Spiel daraus machen. Sie also sind es, die dazu dienen, die Anti-Identitäten, die Dissidenzen, die Gruppenlosigkeit, die überall Anderen als solche zu kennzeichnen und zum Verstummen zu bringen – etwa indem selbige ihrer Intelligibilität beraubt oder schlicht geleugnet werden (mehr dazu gleich). Beide aber, Linke wie Rechte, sind Kollektivisten; und beide sind sie nicht zuletzt dem Kapitalismus bedeutsam – die einen als Konservierer der Verhältnisse, die anderen als (zunächst theoretische) Weiterentwickler ihrer. Dank beider erst ist der Kapitalismus-Kollektivismus damit flexibel, nämlich identitär genug, um unaufhaltsam weiter zu expandieren; Links und Rechts sind dialektische Produkte, welche das Angebot an Identitäten gemeinsam einander vervollständigen. Die Rechten sind dabei einfach zu falsifizieren oder zu verneinen: es lässt sich schlicht abstreiten, dass die „menschliche Natur“ egoistisch sei oder dass Juden gierig oder Moslems faul bzw. islamistisch seien etc. etc. – Rechte stellen lediglich meist einseitige unterkomplexe nicht einmal alberne Thesen auf. Linke dagegen haben Theorie; sie haben Dialektik. Sie sind die Eingeschworenen, deren Dogmatik ein komplexes, lückenloses und allesbegründendes System bildet, das äußerst feinmaschig und intern interdependent ist: vollends eine komplette Identität eben. Kurz, Linke sind Kainsmalverteiler („du hast deine Schwester getötet, indem du desertiert bist!“). Sie suchen den Schuldigen am liebsten in den eigenen Reihen.

So werden, in neueren Perversionen der Macht von Links, Aussätzigen-Ausweise verteilt, die den Judenstern-Distributionen der Rechten nicht umsonst analog sind: z.B., indem die Kritikerin des US-Imperiums als Anti-Amerikanerin „entlarvt“ wird (vor Trump…); indem die Stellung gegen die gleichgeschaltete Medienlandschaft als Pegida-Populismus „aufgedeckt“ wird; indem die Antikapitalistin als Verschwörungstheoretikerin „durchschaut“ wird; indem Kritik sowohl am Monotheismus wie an Israel oder allgemein am Zionismus als antisemitisch „entpuppt“ wird; usw., usf. Es geht der Linken dabei stets um die generalisierend-essentialisierende Verunglimpfung jener, die sich nicht dem eigenen Weltbild zurechtschneidern. Anders gesagt: es geht immer darum, die heimliche Eigentlichkeit eines Bösen bloßzustellen, das seinerseits von böser Absicht verdeckt werde; es geht um „Psychoanalyse“, um Pathologisierung. Letztlich also geht es damit um Exorzismus. Die Linke Denunziationspraxis „Der da, das ist ein Kain!“ wird aber nicht nur willkürlich an Ausreißer oder Außenseiter verteilt, sondern auch strukturell denen aufgebürdet, die am radikalsten das Bestehende attackieren. Das Selbstverständnis des Linken nämlich ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – v.a. insofern er sich diese Geschichte selbst ausgedacht hat, während seine Geschichtsphilosophie doch von der Reaktion gestohlen ist. Besagte richtige Seite aber ist, gerade für die Linke, eben die Seite einer Polis, einer Mehrheit, einer Identität, womit das blutige Spiel der Rechten mitgespielt wird, nämlich als Spielpartner, als Antagonist auf dem Schlachtfeld, über welches seinerseits gegenseitiges Einvernehmen besteht – statt als Hinterfragung der Spielregeln oder von Regeln allgemein. Wer Kain ist, ist damit Kain für die Linke, weil er auf der falschen Seite steht, nämlich gegen die Geschichte, gegen die Gesellschaft, gegen die Tendenz und die Geschichte, gegen seine eigene Integration. Wer nicht nur marginalisiert wird, sondern wer nicht Teil werden will des Zentrums der Macht, gilt der Linken, die selbst Polis-Politikerin ist, sofort als verdächtig: „da muss etwas Anderes dahinterstecken; niemand würde auf Macht freiwillig verzichten; hier steckt doch das Rechte drin“, denkt der Linke übergangslos. Wer sich nicht integriert in den linken Himmel, kann kein anderer sein als der Teufel – und der Teufel ist allein, der Teufel ist ein Einzelgänger, ein Idiot, ein Individualist: das Schreckgespenst aller linken Gespenster, die international herumgehen.

Demgemäß wird auch (die Stimme der stimmenlosen Kollektive für sich in Anspruch nehmend, für die Ermächtigung der Subalternen, der Nur-Noch-Nicht-Mächtigen) das „identitär Privilegierte“ per se und ohne Differenzierung angegriffen, weil es am wenigsten in seinem spezifischen Identitätskampf und am ehesten universell, also radikal-ethisch, denken und handeln kann – d.h. weil es sich entscheiden kann zu seinem Kampf, weil es eine Entschiedenheit über Machtgewinnung hinaus ist. Die Linke wird damit die Verfolgung entschiedenen Widerstands und der Versuch, ihn zu zerschlagen – eben, indem sie nicht einmal das Gute, sondern schlicht das Ausstehende für sich annektiert hat und es seither theoretisch kolonisiert, elementar beanspruchend, ein Raubbau am Potenzial des Politischen.

Weniger scherzhaft gesagt als es klingt, und mehr schon schmerzhaft muss daher ergänzt werden: Linke sind Universitäter. Arbeiter*innen[6] können insofern, beim besten Willen, keine Linken sein – das ist eine simple, nicht nur faktische, sondern auch apriorische Feststellung.[7] Arbeiter*innen mögen die Reichen berechtigter-, „die Ausländer“ unberechtigerweise hassen, sie mögen irrational-thesenhaft oder rational-analytisch das System hassen, doch werden sie damit nicht zu kanonisch gebildeten Theoriekorpussen, was Linke stets sind. Vielmehr bleiben sie Erfahrende und daheraus Denkende, d.h. keine Belesenen, keine Fußnoten, sondern politische Empiriker. Aus selbigem Grund auch sind Arbeiter*innen weniger entfremdet als Intellektuelle[8] und damit offener für Neues, Anderes, Besonderes – wie im Extremfall für Dissidenz. Als selbst spürbar existenziell Betroffene sind sie empfänglicher für die existenzielle Not, zu der sich aus persönlicher (die Persönlichkeit betreffender) Notwendigkeit entschieden wurde. Worte wie Würde, Rückgrat, Stolz sind daher gemeinsamer Wortschatz von Arbeiter*innen und Dissidenz, während die Linke sich als wissenschaftliche Berührungslosigkeit mit sich selbst hütet, Gefühle, die keine Affekte sind, zu nahe an sich heranzulassen. „Idealismus“ denn hat sie gar gänzlich zur philosophischen Strömung banalisiert, „Authentizität“ als ontologische Unmöglichkeit stigmatisiert – um nur zwei Beispiele zu nennen. Überhaupt sind Arbeiter*innen und Dissidenz, ohne daher zwangsläufig metaphysisch zu werden, induktiver, als die ganze Gesellschafts- und Geisteswissenschaftlichkeit der Linken zusammengenommen. Die Linken wollen Philosophen, Theorien, Systeme verstehen, meist epistemologistisch, d.h. sie verstehen eben um des Verstehens selbst willen. Was aber derart lückenlos durchexerzierbar ist, dass es wirklich durch und durch als verstanden gefühlt werden kann, muss, und das ist eine hermeneutische Zwangssituation, seine besitzergreifenden Spuren hinterlassen: der Linke wird damit, was er liest: seine Identität ist die einer Philosophie, aus Theoremen; eine Systematik, die „objektiv“, wissbar, mitteilbar ist; die in Kollektiven verhandelt werden kann, zwischen Texten und Paraphrasen aus Mündern. Dissidenzen und Arbeiter*innen hingegen wollen verstehen, um das Verstandene nicht zu sein, um sich desto bewusster von ihm zu unterscheiden, abzuspalten; sie machen sich keinen Götzen aus dem Verstandenen, ja, sie sind gegen es, um Raum darüber hinaus zu haben für eigenes Tun, wozu auch Denken zählt, wie überhaupt Freizeit. Analyse und Abstraktion von Dissidenz und Arbeiter*in ist damit nicht Verstehen einer Quelle, sondern Verständnis einer Wirklichkeit, also eines Wirkzusammenhangs vor sich, in sich, um sich; es ist ein Verständnis davon, wie Gesellschaft funktioniert; und damit ein negatives und negierendes Verständnis. Während Arbeiter*innen, u.a. weil sie Zeitungen lesen und weitere Gottesdienste betreiben, derweil dennoch rechts sein können (thesenhaft), bleibt ihnen die Karriere als Kainsmalverteiler und Universitäter doch versperrt. Die Rolle, Dissidenz zu erspüren und auszuliefern liegt originär nicht bei ihnen, sondern bei den Linken. Rechte dann übernähmen, was f.g. nicht nötig ist, im Notfall auch die physische Ekrasierung dieser wirklich „absoluten“ (radikalen) Minderheit.

Linke und Rechte als Polis-Mehrheiten gegen die Entschiedenheit von Dissidenzen, Idiot*innen, Barbar*innen

„Links“ und „Rechts“ gehen bekanntlich schon historisch, nicht nur intrinsisch, gemeinsam auf die Verteilung, Aufteilung, Organisation von Mehrheiten zurück, nämlich auf das Parlament – Rechte sind konservativ, bewahrend; Linke sind progressiv, sie wollen fortschreiten (in denselben alten Bahnen, um sich nicht zu langweilen; sie wollen etwas sehen). Auch die offiziellen Minderheiten der Parlamente wie des Außerparlamentarischen nun sind eigentlich Mehrheiten, nämlich Gruppen, Identitäten, was allein daran schon ersichtlich wird, dass sie von herrschender Gewalt (z.B. Staaten) beschützt werden können. Radikale Minderheiten dagegen sind radikal „minder“, also quantitativ am wenigsten, genauer: sie sind jene vereinsamten Dissidenzen als entschiedenermaßen entschiedenes Gegnen zur Herrschaft, für welche sich keine Vertretung, keine Identitätspolitik, kein Minderheitenschutz, keine Diskriminierungsstelle einsetzt, noch weniger aber eine Schule wie der Poststrukturalismus oder der Postkolonialismus oder gar eines ihrer Fächer – etwa die Gender Studies.[9] Diese mögen Identitäten schützen (z.B., besonders intersektional, die schwarze Transgender mit Migrationshintergrund als working class heroine), aber niemals Dissidenzen, welche sich, wie immer sie auch gesellschaftlich essentialisiert werden mögen, stattdessen bewusst entscheiden, gegen diese und andere Gewalttaten und damit gegen Gewalt schlechthin, also Herrschaft vorzugehen – theoretisch und praktisch und ohne Lager-Gewissen, d.h. so umfassend wie möglich. Jene Dissidenzen nun sind die ersten und einzigen politischen Akteurinnen, d.h. sie sind politisches (Selbst-)Bewusstsein und (selbst-)bewusste Politik, während Gruppen per definitionem unbewusst bleiben müssen (auch Schwarmintelligenz ist kein Bewusstsein). Aus exakt diesem Grund wird Dissidenz vom linken wie rechten, kurzum vom rechtlichen Herrschaftlichen und den herrschaftlichen Rechtfertigungen als „unpolitisch“ gebrandmarkt, wovon schon die Rede war. Was dies aber besagt, ist wörtlich zu verstehen: Dissidenz gehört keiner Polis an, ergo sei sie unpolitisch. Daher übrigens sind Dissidenzen auch die „Idioten“ (idiotes) jener Gesellschaft (polis), in der sie zu leben gezwungen sind – als idiotes aber sind sie nur die innenpolitische Symmetrie zu den Barbaren (bárbaroi) „draußen vor der Tür“ (Borchert). Dies wiederum besagt nichts anderes als dass Dissidenzen die Barbaren (die Unverständlichen, die Stammler) des Inneren sind, oder eben: die Nestbeschmutzer, die relativ Vogelfreien. Ausgerechnet Dissidenz, d.i. die existenzielle Entschiedenheit für Utopie, kann also von der Rechten als links[10] und von der Linken als unpolitisch vergessen bzw. verdrängt werden – und dies, weil der Politikbegriff von Links wie von Rechts gleichermaßen entfremdet nicht einer der Einzelnen, sondern jener der Polis ist, der Metro-pole, der ummauerten Massen-Stadt, der Identitäts-Burg (polis). Liberalistisch-rechtstaatlich institutionalisiert wird selbige denn zum Parlamentarismus demokratistischer Wehrhaftigkeit. Exakt in der Polis als Politik aber liegt auch der historisch nachweisbare gewaltvolle und herrschaftliche Robespierrismus linker Bewegungen gegen diese. Das so oft beklagte Scheitern von Revolutionen ist hierin – im Revolutionsverständnis selbst – zu suchen und zu finden.

Demokratie – die Herrschaft der Zugehörigen zur Polis

Europa ist als befestigte Insel dem Ideal griechischer Demokratie-Stadtstaaten (poleis) damit näher als allgemein angenommen oder behauptet. Der demos seiner Demokratie ist so sehr priviligiertes, v.a. patriarchales (früher männliches) Bürgertum und so xenophob wie jener des klassischen Athen –  dem vielgerühmten kulturell-politischen Ursprung Europas. „Politik“ auch theoretisch auf Herrschaft, Gewalt, Macht und ihre Repräsentanzen herabzuinstitutionalisieren ist kurzum nur die Folge einer Politik einzig für die Polis, wie sie seit der Antike weltweit praktiziert wird. Diese Polis mag sich zunächst als Kaiser- und Königreiche sowie Kirchen abstrahiert haben und später, mit dem Kapitalismus, über Staaten, Märkte und ihre Bündnisse. Entscheidend ist und war für die Polis die Zugehörigkeit zu ihr, ob zur Scholle des Lehnsherrn oder zur Klasse der Besitzenden, ob zum deutschen Volk oder zur kapitalistischen Folklore – ob letzteres auf der Angebotsseite als Humankapital und Manager der eigenen Ressourcen, oder auf der Nachfrageseite als homo oeconomicus bzw. Marktidentität. Im Kapitalismus wird dabei nicht nur keine Differenz geduldet, sondern darüber hinaus einzig der Einsatz zusätzlich für das Bestehende und seine Weiterentwicklungen erlaubt. Anders gesagt: wer nichts im Sinne der Herrschaft leistet, wird im Kapitalismus zum Tode verurteilt – zum Tode v.a. durch Armut. Seine Demokratien teilen dabei nur noch seine Gewalten unter verschiedenen Funktionären und Posten auf, die allesamt depersonalisiert werden, sofern sie nicht als Demagogen (Volks-Führer) fungieren. Sie sind als nationalstaatliche Demokratien an ihre Nationalökonomien wie international ans konzentrierte Kapital gebunden und kümmern sich, damit Recht und Ordnung für die Verträge eben mit dem Kapital aufrechterhalten bleiben, wenn überhaupt, dann um Fleisch und Spiele – beispielsweise um die Stellvertreterspiele des Wahltheaters. Selbst aber wenn es jemals eine De-facto-Demokratie gegeben hätte (der Begriff Postdemokratie ist irreführend), sind Demokratien, von Anbeginn und bis heute unverändert, de jure nicht dazu da, alle Menschen oder auch nur alle Identitäten (von Tieren oder der Umwelt zu schweigen) zu vertreten. Noch im Idealfall, also im ernsthaft direktdemokratischen, ermächtigen sie, und das ist eben per definitionem ihre Aufgabe, nur den Demos, welcher sich seinerseits lediglich gegenüber seiner Polis verantwortlich zeigt; wenn denn überhaupt. Ein Beispiel hierzu. Wie im klassischen Athen, wo nie die Ekklesia, sondern immer der Rhetor letztlich haftbar gemacht werden konnte, haben so auch die demokratistischen Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg den Führer vom Himmel fallen lassen, um das Mitläufertum zum Bagatelldelikt zu euphemisieren (bzw. andersherum), womit sie die Banalität der Reichsgutbürger nicht im Ansatz begriffen – bzw. zu gut begriffen, um ihre Nürnberger Rechtsprechung gleichermaßen, wie nach den Maßgaben der Rechtstaatlichkeit billig gewesen wäre, auf die eigenen Vergehen anzuwenden. Die Nähe überhaupt nicht nur von Sparta und Rom, sondern auch des geschichtlichen Metanarrativs Athen (und damit z.B. der US-amerikanischen Demokratie) zum nationalsozialistischen Germania hätte so nicht derart leicht übergangen werden können. Denn Demokratien sind stets nepotistische Partikularismen, lediglich eine andere Form der Herrschaft als z.B. die Monarchie (weshalb es ganz selbstverständlich auch konstitutionelle Monarchien geben kann): noch liberalistische Idealisten sind damit nichts Anderes als (teils unbewusste) Ideologen. Während der Demos-Souverän zwar überall nur Dekoration ist – was spätestens offenkundig wird, wenn er sich ausnahmsweise einmal gegen den Marktwillen entscheidet –, hat er doch qua Souveränität die wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Klasse seiner Polis, weshalb die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Standorts nicht zuletzt verheißt, das eigene Votum gegen das anderer Demoi aufzuwerten. Dergleichen bedeutet schließlich konkret, dass der Arbeiter für seinen ganz persönlichen Ausbeuter und damit, agonistisch wie alles innerhalb und zwischen Demokratien, gegen die anderen bzw. gegen Internationalität stimmen muss, sofern er guter Demokrat und keine streikende Barrikade ist. Das „eigene“ Votum wird so zum Votum der speziellen Nationalökonomie jener Nation, welcher der Wähler angehört – worin das eigentliche Wahlgeheimnis besteht; nämlich das Wahlgeheimnis aller Wahlberechtigten einer jeden Polis. Wenn aber die Polis schwächelt, nicht zuletzt ihr „Sozial“produkt, dann wird auch ihr Demos von den Interessevertretern der Medien einvernehmlich zensiert. Die Reaktion darauf ist, was spätestens die „Ent“kolonisierungen des 20. Jahrhunderts bewiesen, die mediale Strategie des Terrorismus[11]: erst, wenn Mitglieder hegemonialer Poleis sterben, wird die sogenannte Öffentlichkeit auf sonst wettbewerbsunfähige, d.h. auf barbarische Demoi aufmerksam. Barbaren sind jene, die nicht gehört werden, und lediglich mit Gewalt kommen sie (wenngleich öffentlich anerkannt weiterhin nur als Unmenschen) ins phalanxbefestigte Polis-Bewusstsein westlicher Demokratien. Dass Demokratien freie und offene Gesellschaften seien, ist damit Grundideologem des Liberalismus – schon das Wort, seine Geschichte und Wirklichkeit widerlegen es. Demokratie ist nicht frei von Herrschaft, nicht offen für alle, nicht einmal intern durchlässig für ihre Tellerwäscher, sondern sie ist die Herrschaft des Demos, also die Gewalt der Polis (: demo-kratía).

Ob nun die Masse schlechthin, ob die Gemeinschaft der Leistungsträger, ob das Volk, die Arbeiter oder aber eine Arbeitsteilung verschiedener Identitäten, ob ein Pluralismus der Poleis die Polis darstellen soll – ob nun links oder rechts, ob der faschistische, der kapitalistische, der völkische, der marxistische oder der postmoderne (identitätspolitische) Zukunftswunsch: selbst die „Utopien“ verbleiben in Politikverständnissen der Polis sowie der Herrschaft. Polis und Herrschaft aber sind voneinander untrennbare Kategorien; Polis und Polemos gehören zusammen. Gewalt und Macht mögen noch, sehr beschränkt, vom Einzelnen ausgehen; Herrschaft und Krieg dagegen können nur durch eine Polis wirken.

Der neueste Anarchismus als Ausnahmefall der Linken und Alternative zur Demokratie? Oder als Verbannung der Distanz und identitäre Anonymität?

Herrschaft (archía) und Gewalt (kratós) sind als austauschbare Begriffe deutbar. Daraus könnte sich ergeben, dass An-archie eine Alternative zur Demo-kratie zu sein vermöchte. Hierfür wiederum müsste Anarchie aber auf den Demos und damit auf die Zugehörigkeit zur Polis verzichten können. Allerdings gehen Links und Rechts in ihrem Politikverständnis wie gesehen auf die jeweilige Polis zurück und damit auf politische Identitäten – und auch der Anarchismus gilt als linke Theorie. Auf der anderen Seite ist er die wohl einzige linke Theorie, die explizit anti-politisch ist, und, beispielsweise in seiner Vertreterin Emma Goldman, zudem gegen die Phänomene der Majorität. Als Alternative zum klassisch Politischen schlägt er jedoch kaum etwas vor, das über Polis hinausginge. Ohne ihn abschreiben zu wollen, muss dahingehend erläutert werden, inwiefern seine vitalistischen Masse-, Tat-, Bewegungs- und „Spontanitäts“lehren ebenso, wenn auch anders, ins Polis-Politische verflochten sind wie z.B. die Marxisten mit ihrem Proletariat. Gerade bezüglich Masse, Tat, Bewegung und Spontanität lässt sich mitunter sogar eine gewisse Nähe zur faschistischen Theorie konstatieren. Mit diesen „Vitalismen“ nämlich wird ein Distanzverlust eingeführt, der exemplarisch für faschistische Theorie ist und der seinerseits Widerstand, entschieden-kämpferische Differenz verunmöglicht, indem er das Identitäre nicht nur gegen außen (andere Poleis) absichert, sondern auch nach innen, d.h. gegenüber Reflexion, Zurücktreten, Abstand, Innehalten, Hinterfragung und Zweifel, kurz: gegenüber bewusster Resistenz und Renitenz.

Denn so wenig auch – im Gegensatz zu anderen – in den anarchistischen Poleis Dogmen die Hirne beherrschen, so sehr regiert doch der Kultus die Herzen. Er kann ein gefährlich inhaltsneutraler Aktivismus werden, ein Ismus der Aktivität, des bloßen z.B. sogenannten direkten Tuns (direct action), eine Propaganda der Tat und eine Tat der Propaganda, eine fetischisierte Praxis, eine Praxis „an sich“. Statt An-archie wäre solcher Anarchismus also eine Art kultische Herrschaft der Situation, und damit eine Herrschaft auch des gesellschaftlichen Fundiertseins von Situationen überhaupt (denn durchs Sich-Fallen-Lassen in eine Strömung entkommt noch niemand dem nur scheinbar hintergründigen Koordinatensystem, durch welches diese Strömung fließt). Mit der Auslöschung des Willens als Aufgehen im Tun, im Mittel als Selbstzweck (Gewalt), in der Bewegung als Bewegungspartikel, in der Masse, in ihrem Unbeschränkt-Hemmungslosen bezeugen die verwirklichten faschistischen „Revolutionen“ der Geschichte einen blinden Vitalismus und eine intuitionistische Spontanität, die nicht nur in den Begriffen Parallelen aufweisen zum Syndikalismus z.B. eines Georges Sorels, der sowohl Mussolinis wichtigster Lehrmeister war wie vielverehrter Theoretiker des Anarchismus. Die quasi-neurotische Fixierung einiger Anarchisten auf das offensichtlich Fixe, auf den Staat als regelrecht einzig vorstellbarer Herrscher, hat gewiss ihren Anteil an dieser Verehrung ebenso wie an libertären Ideologien, die mit der vermeintlichen Freiheit vom Staat und dem daheraus sogenannten freien Markt Freiheit selbst realisiert sehen wollen. Gerade der über plump „exegetischen Gehorsam“ hinausgehende, aus ihm in den eigenen, ebenso gesellschaftlich produzierten Affekt- und Expressionshaushalt entfliehende berüchtigte Sadismus etwa der Konzentrationslager (oder aber der Wehrmacht gegen den Osten) ist, was Tat um der Tat willen, ekstatisch in die Situation gesogen, von eigens formulierten willentlichen Zielen entbunden, umgesetzt potenziell darstellt: der Kultus schrankenloser Brutalität, der nur scheinbar Staat und Gesetz transzendiert, während er überhaupt bloß möglich ist in den Schattenregionen eben von Rechtssystemen. Gleichermaßen zu deuten ist, um bei Sorel zu bleiben, die Dramatisierung, also Literarisierung des Krieges, seine ideologische Transformation in eine Tragödie, in ein schicksalsbestimmtes Höchstes des Menschen, aus welcher die Heroisierung der Militanz wider die Dekadenz des fin de siècle folgte, der wiederum die Jugend Europas im Ersten Weltkrieg beinahe ausnahmslos von Rechts bis Links erlag – wortwörtlich. Solche Dramatisierung nämlich, die parallel geht mit jener von revolutionärer Gewalt, ist nur „auf die Bühne“ zu bringen mittels der Interessen der Rüstungsindustrie und anderer kapitalistisch exponierter Wirtschaftszweige, welche am effektivsten von ihren Staaten vertreten werden, die stets gleichsam Polizisten und Nachtwächter sind, wie sozial oder demokratisch sie sich auch geben.

Die Organisierung der Masse mittels ihrer eigenen Organhaftigkeit gewissermaßen „natur“wüchsig aus sich selbst zu verwirklichen jedenfalls – wie sowohl sogenannte (Post-)Anarchisten wie Faschisten es wünschen – ist mit Sicherheit die zeitweilige Löschung der Differenz zwischen Tun und Täter, zwischen Subjekt und Prädikat. Sie ist die Verbannung der Distanz selbst als Verbot einer Rückkehr aus der identitären Anonymität, die ihrerseits nichts Anderes amorph verkörpert als die Verbannung von Selbstverantwortlichkeit überhaupt. Diese Verbannung denn ist auch nicht von ungefähr die geteilte Symbolik des Uniformierens linker zeitgenössischer Bewegungen (die sich v.a. als Masken vereinen) sowie faschistischer Bünde der 1920er und 30er Jahre. Damit fehlt in beiden praktizistischen Praxen affektiver Identität mit den Scheuklappen und Determinismen systematisch-systemischer Lehre auch die Theorie als vor gleitendem Anschluss schützende Komplexität und als explizit renitenter Standpunkt mit seinen kämpferischen Konsequenzen.

Postmodernisierung des Kapitalismus – die Linke und die beweglichen Techniken

Derweil ausgerechnet die eben getätigte Aussage über Theorie kann von vielen Linkshegelianismen dank der „Synthese“ oder Identität von Subjekt und Objekt kaum mehr gelten; am wenigsten aber für ihre postmodernen und poststrukturalistischen Abwandlungen, welche zur Ontologisierung jener Identität auf die vitalistischen Philosophien Bergsons, Nietzsches und Heideggers zurückgreifen (wenn nicht gleich auf Sorel oder gar Carl Schmitt). Die Zusammenarbeit eines solchen Synthese-Faschistoids mit den neoliberalen und verhaltensökonomischen Effizialisierungen denn hat in die Postmodernisierung des Kapitalismus geführt: das Subjekt (homo oeconomicus) wurde dergestalt durch Identität ersetzt. Identität aber ist die Basis allen Kapitals (Anerkanntseins als Wert), die Leitwährung und damit die universelle Kommodifizierung des Lebens wie seiner Wesen – sie ist somit Entfremdung. Gesellschaftlich-historisch gesprochen: so wenig die „Klasse“ als Spezialfall ihrer zum Klassenlosen, so wenig deren Diktatur zum Verein freier Menschen, so wenig der Staat zum Anarchischen, so wenig Gewalt zum Frieden führen kann, so wenig ist Identität als ihr Oberbegriff eine Fakultät, die zur Emanzipation oder zum Herrschaftslosen überzuleiten vermag.[12]

Im postmodernisierten Kapitalismus nun wird der rationale egoistische Wirtschaftsakteur ausgetauscht mit der wesentlich lebensnaheren fluiden, flexiblen, deregulierten Aktivismus-Identität. Diese bewegt, dezentralisiert, abstrahiert das Kapital und seine Effekte über den Globus und verwandelt das Soziale vollends zur frei tauschbaren Währung, zur frei konvertierbaren Verwertungseinheit[13], zur gänzlich (zweck-)entfremdeten Perpetuierung in den Warenströmen, zum Kommerz-Kult des Events, Spektakels und Happenings – welches den Massen die Affekte konditioniert durch pseudo-spontane Kollektivausbrüche, durch Aktivierung der passiven Zustände und durch „Frei“setzung unterdrückt-verdrängter Reservate. Die Aktivismus-Identität als postmodernes Mikrokapital aber leitet als besonders funktionierende Einheit des hypermobilen (Finanz-)Kapitals ihre kreativen und emotionalen Ressourcen in die Adrenalin-Schmelztiegel herdeninstinktiver Risiko-Ekstasen um, welche Blasen aufblasen mit Lebensluft, mit Atem, der nicht ihr eigener ist, selbst wenn er ihnen, den institutionell rauschhaften Anlegern, z.B. als Schuldpapierschein, mit angehört. Besagte Parallelwelt des hypermobilen Finanzkapitals wiederum wäre undenkbar ohne vermeintlich horizontale, „rhizomatische“ (Deleuze/ Guattari), hierarchisch flache Internet- und IT-Strukturen, welche ihrerseits, ähnlich der kultischen Herrschaft der Situation und ihres Koordinatensystems, zumindest jenseits der Geldgeber auch nur Medien, Transportwege, „natur“wüchsige Formen, Verteilungsapparate, Vermittler und Mittel, kurz: neutral ob des jeweiligen Inhalts sind. Die Hoffnung der Linken, v.a. der für das Kreativmanagement und das kapitalistische Design so wichtigen Hippiekultur (wozu Yoga, Zen, mehrstellige Logik, Selbstfindung usw. gehören), ging hier also zweifach ins Netz, nämlich ins Netz der Herrschaft: zum einen kann die Linke, solange sie sich als Polis-Politikerin begreift, d.h. als Bewegungs-, Massen-, Identitäts- und Aktivismus-Theorie und -Praxis, vom Internet zwar die „situationistische“ Diktatur ihres jeweiligen Demos erwarten, nicht aber irgendeine herrschaftsfreie Gesellschaft; zum anderen ist die bloße Vorstellung, mit einer neuen Technik (wozu nicht nur Technologien zählen, sondern z.B. auch innovative Organisationsmodi), ohne Veränderung des Bewusstseins, welche ihrerseits nie indirekt wie nebenbei erfolgen wird, die Welt radikal zu verändern, Beihilfe zum Selbstmord nicht zuletzt durch den Kapitalismus und seinen Hauptabsorptionsmechanismus der Verwertungen des Werts, deren erste stets die Verwertbarkeit des Werts ist.

Der Kapitalismus muss schließlich nur verwerten, was Neues an Technik sich nützlich machen will (er sponsort auch die meiste) – und schon ist sie assimiliert. Das Nützliche überhaupt ist leicht verkäuflich. Technischer Widerstand ist zwecklos, denn er ist kommerzialisierbar, insofern er sich an eine Kaufkraft anschließen kann, d.h. an ein Sozialprodukt, an die Rohstoffe einer Menge, an ihre Identität und deren Arbeit. Theorien der Bewegung der Bewegung willen derweil kommen der Selbstperpetuierung des herrschenden Systems sehr gelegen; daher auch sind sie so in Mode.

Identität – die theologische Abstraktion der Polis

Dabei sind die spontanen inhaltsneutralen Aktivismen nicht identitätslos, im Gegenteil: die jeweilige Masse ist ihr Tun innerhalb der entsprechenden Situation mit deren Koordinatensystem als Identität, welche damit so abstrakt ist wie jede Identität, ob Nation, Rasse, Geschlecht etc. Sie ist eben nur anonyme Identität oder, besser, identitäre Anonymität (d.h.: Schwarm, Menge – durchaus mathematisch verstandene Menge).[14] Der marxistische Versuch der wissenschaftlichen Objektivierung von Identität hat daran selbstverständlich nichts verändert – der Versuch blieb Versuch und linke, also Universitäter-Theorie. Das Proletariat als revolutionäre Klasse ist ein Heilskonzept, das geschichtlich widerlegt werden musste durch den Faschismus, und zwar gerade weil es nicht nur auf dieselbe Fraktion setzte wie dieser, sondern weil es überhaupt auf eine Fraktion setzte, auf eine Bewegung, auf Masse. Schließlich bedarf es keines Tyrannen, um die Masse zu „unterdrücken“; vielmehr ist Masse selbst schon Tyrannis, Entfremdung von Utopie, herrschaftliche Fundierung: sie im Eigentlichen ist stets in power – wer immer auch gerade in charge ist. Die Verelendung der Arbeiter hat demgemäß in ihr verelendetes Gemüt geführt und jeder Zusammenbruch der Wirtschaft in eine Expansion kapitalistischer Ratio bei gleichzeitiger auch anderweitiger Rechtsextremisierung, während der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital sich längst entlarvt hat als bloßes nicht einmal dialektisches Vexierbild kapitalistischer Akkumulation. Kapital ist bekanntlich die Anhäufung von Arbeit, doch das Proletariat andersherum ist auch nicht mehr als Humankapital (angebotsorientiert) und ein durch Werbung, Medien, Job, Schule, Eltern, kurz: ein im und als Apparat konstituiertes Subjektkapital (nachfrageorientiert). Der Arbeiter arbeitet für den Kapitalisten, der Kapitalist fürs Kapital, das Kapital für den Kapitalismus; sie alle haben im Effekt denselben abstrakten theologisch angehauchten (omnipräsenten, omnipotenten, unsichtbaren) „Chef“. Identität also ist überall leer, irrational, reine Zugehörigkeit, tiefste Sklaverei und gerade als verwissenschaftlichte stets die Ideologie einer Polis wie ihres Schlachtrufs: TINA!

Anarchokapitalismus als postmoderner Faschismus

Wenn die kapitalistisch qua Konkurrenz militarisierten Massen, die stets Angehörige einer Polis sind, ihre „situationale“ Diktatur nicht nur gegen die Nachbarpolis, sondern gegen die Differenz selbst starten, dann haben wir den Umschwung von Rechts nach Rechts, vom rechtstaatlich fixierten in den aktivistisch verflüssigten Totalitarismus, wobei letzterer den Kapitalismus noch organischer, „natur“wüchsiger, lebendig-mörderischer, vitalistisch-genozidaler umsetzt als ersterer. Es wird zu schnell gehen, um die Frage noch beantworten zu können, doch stellen wir sie trotzdem: wie schnell wird ein Flash-Mob (der Mob mobbt) zu einer Bewegung; wie schnell steckt eine Bewegung ein Land, einen Kontinent an; wie schnell wird der Flash des Mobs zum postmodernen Blitzkrieg? Die technischen Mittel des Managements, der Identitätspolitik, der universellen Medien wie der explizit herrschaftlichen sind mittlerweile grenzenlos. Es gab nie einen so massiven Distanzverlust wie das Internet, nie eine so globalisierte und zugleich mikroskopische (kundenorientierte) „Liberalisierung“ und „Deregulierung“ der Grenzen zwischen den Differenzen; auch keine tiefere Auflösung von Differenz zwischen Herrschaft und Beherrschten. Die faschistoide Potenz unserer Zeit, ihrer Willenlosigkeit der Macht gemäß, in der alle Herrschende sind, also von Herrschaft Instrumentalisierte, Unterworfene, ist somit ins Unermessliche gesteigert. Dass die kulturidentitäre Rechte im Wachsen begriffen ist, darf da nicht weiter verwundern – die Mittel dazu hat sie in der Hand, nicht zuletzt von der Linken wie überhaupt von den Innovativen, Kreativen, „Revolutionären“, den Künstlern und Wissenschaftlern beschenkt. Die Vermassung der Menschheit ist als Internet also bereits installiert; es kann schon länger eine beliebige Software eingesetzt werden. Momentan ist es die der emotionalen Identifizierung mit dem System, in deren Taskleiste das Programm des vorauseilenden Gehorsams aktiviert ist (indem mittels Massenspeicherungen der kommunikativen Identitätsprodukte sowohl der Überwachungsstaat wie die Humankapital-Akkreditierungsstellen ganz offiziell mit den Portfolios besonders verdienstvoller oder aber zu disziplinierender immaterieller Arbeiter beliefert werden – Lieferungen, die zu den profitabelsten Gütern der Informationsökonomie gehören). Ein Anarchismus der vitalistischen Massen-, Tat-, Bewegungs- und Spontanitätslehren darf und muss also getrost als Anarchokapitalismus bezeichnet werden, der unter dem Begriff des postmodernen Faschismus treffend analysiert wäre. Auch solche linke Theorie muss damit als (besonders postmoderne) Polis-Politik zurückgewiesen werden – ein Identitäts-Demos ist und bleibt Problem, nicht Lösung für herrschaftsfeindliche Aspirationen.

Denn keine Identitätspolitik kann hier eine Ausnahme bilden. Das postmodernisierte kapitalistische System ist auch nicht bedroht, sondern vor allem gefestigt gerade von Partizipationsbewegungen der Benachteiligten: hier erst gibt es Expansion, nämlich Innovation, neuen Markt. Was endlich verstanden werden muss ist, dass der Kapitalismus ebenso wie der Faschismus – und die Vermengung dieser beiden ist die Integrale unserer Gesellschaftsordnung – Systeme sind, die sich über das bloße Mitmachen primär konstituieren. Gerade im postmodernisierten Faschismus spielt der Einzelne mit seinen Hintergründen (im Gegensatz gerade zum Nationalsozialismus) idealiter keine Rolle mehr; vielmehr ist exakt die Auslöschung von Separation gerade sein Telos (was durchaus mit immanenten Idiosynkrasien einhergehen kann). Der Kapitalismus selbst hat keinerlei Problem mit der Frau in Führungspositionen, der selbstorganisierten Bürgerlichkeit schwarzer Communities, der Schwulenbar oder dem veganen Café – ganz im Gegenteil sind sie intern bleibende Amplifizierungen, die dem Kapital erst Nische um Nische kreieren, damit es sich akkumuliere; sie sind es, die seinen Vormarsch in die Outskirts, die die Bewegungslinien seines Totalitarismus überhaupt erst ermöglichen.

Identitätspolitik war schon immer das Problem statt die Lösung. Inzwischen aber, wo das System ein global-integrales wurde, ist sie mehr als das: sie ist die Beschleunigung des Apparats durch Erfindung neuer Zahnradarten. Schließlich ist Kapitalismus selbst (auch wenn er nie ohne Archaismen funktionieren könnte) die Perfektion, weil stetige Perfektionierung des Opportunismus- und Konformismusprinzips: wer kapitalistischer Funktionär ist (ob einfacher Produzent, PR-Experte, BWL-Professor, Start-Up-Artist, Medienmogul, Manager, Spekulant oder Aktionär), d.h. wer funktioniert, der wird dafür belohnt (an unterster Stelle: mit Lohn). Wer hingegen nicht Teil ist und gar wer nicht Teil sein will dieser abstrakten Familie, welche sich ums Wachstum ihrer selbst kümmert, der muss im Endeffekt – schlicht verhungern. Dies ist das erste und wichtigste aller Marktgesetze, die selbstverständlich allesamt vom Menschen geschrieben wurden: wie alle Gesetze.

Zur Alternative jenseits von Links und Rechts – anarchische Politik der Dissidenz

Was gebraucht würde, wäre damit, wie gesehen, ein existenziell verändertes Bewusstsein über einen Demos hinaus, der an seiner Polis klebt. Alles sonst wäre keine Alternative, sondern Kollaboration nicht zuletzt der praktischen Enthüllung, Entschleierung, Offenbarung des Kapitalismus, welche, wörtlich genommen, apokalyptische sind. Ein Demos über Polis hinaus aber, radikal politisches Selbstbewusstsein, kann in der totalitären Dystopie unserer Zeit kaum etwas anderes sein als Dissidenz. Dissidenz, der Barbarin des Innern, ist – im Gegensatz zu hegemonialen[15] ebenso wie subalternen Poleis[16] – Herrschaft unerträglich, während jede Polis mindestens intern herrschaftlich funktionieren muss, selbst als „diskriminierte“, marginalisierte oder auch als „spontane“ „direkter Tat“. Dissidente Utopie ist damit, nicht zuletzt aufgrund ihrer Hypersensibilität gegen Gewalt, eine Anti-Polis; dissidente Utopie ist Anarchie (nicht Anarchismus), Herrschaftslosigkeit ohne z.B. Bakunins Rückfälle oder andere Effekte von Ismen. Sie will daher auch keine „Bewegungen“, sondern eher schon Kooperation als Mittel sowie Freundschaft als Zweck, die zusammen v.a. eins tun: Widerstand leisten. Die einzige Autorität in ihr aber darf – gegen alle neolinken Morde des Autors – je die Autorin selbst sein, also die Autorität über sich selbst und die eigenen Erzeugnisse. Dissidenzen sind folglich, im Gegensatz zur Linken, keine Wissenschaftler*innen und keine kulturisierbaren Künstler*innen, noch weniger aber Führerfiguren und Funktionär*innen, auch nicht uniforme Atome gesichtsloser identitärer Anonymitäten (und selbstredend am wenigsten selbstoptimierende ICH-AGs oder Manager ihrer eigenen Kreativitätsressourcen) – oder gar eine besonders dialektische Mixtur all dessen. Auch äußern Dissidenzen nichts so Indifferentes wie „politische Meinungen“ oder andere variable Display-Performanzen. Vielmehr schon sind sie jeweils politische Existenz, welche nicht angelesen, sondern analytisch abgeleitet ist aus dem eigens Erlittenen. Deshalb bleiben sie auch im Widerstand ihr ganzes Leben lang: der Widerstand sind sie; sie müssen Widerstand leisten, um nicht liquidiert zu werden; ihre Radikalisierung ist die Konsequenz der aus der ständigen Frontstellung wachsenden, sich emanzipierenden Persönlichkeit (und vice versa). Sie sind damit entschiedenermaßen im strukturellen „Nachteil“, im allerorten allzeit Verunmöglichtwerden, in der radikalen Minderheit. Anders gesagt: sie sind Märtyrer schon, um als sie selbst am Leben zu bleiben. Die Distanz nicht nur zur hegemonialen Polis, sondern zum Prinzip Polis selbst, ist dem System aber am gefährlichsten und deshalb von ihm am radikalsten bekämpft, was allein daran schon ersichtlich wird, dass Dissidenz kaum irgendwo existiert.

Aus diesen Gründen, eben als politische Existenzialistinnen, können Dissidenzen ferner nur eine fundierte Furcht bekommen nicht nur vor der physisch-praktischen Gewalt der Rechten, sondern insbesondere vor der psychologisch-theoretischen der Linken, d.h. vor der gleichgeschalteten Szene der Akademiker, um es auszusprechen: vor Poststrukturalisten, Postkolonialisten, (Post-)Marxisten, „kritischen“ Theoretikern (1.-3. Generation, to be continued) usw. usf. Dessentwegen auch sind Dissidenzen voller Negativurteil und gleichermaßen voller Fluchtimpuls, wenn sie die ewig wiederkehrenden ideologischen Thesen aus allen Mündern hören, die sich gegenseitig demokratistisch absichern, während selbige Hegemonie eine jede ahndet und verfolgt, die nicht ins geschlossene Weltbild passt. Denn von niemandem wird Dissidenz so in die Flucht gebannt wie von den anstudierten Zensurmechanismen, von höheren Dogmenwürden, stipulierten Notwendigkeiten bzw. Unmöglichkeiten, wie vom Hoheitsgebiet des in Lesekreisen konform angelesenen guten Gewissens, kurz: wie von „den Linken“ (die sich selbst so betiteln) – welche, bevor sie Hegel oder Marx oder Adorno oder Foucault oder Butler etc. geworden sind, übrigens meist keinerlei Interesse oder Verständnis von bzw. für Politik hatten.[17]

Gegen Rechte wie Linke zu sein also ist notwendige Folge jener Radikalisierung gegen Herrschaft, welche Dissidenz existenziell bestimmt – solche Radikalisierung ist gleichermaßen Verantwortung Utopia gegenüber. Einen Beitrag zur Entwicklung eines dissidenten „Demos“ aber versuchte dieses Pamphlet, diese Polemik gegen den Blitzkriegszustand des Bestehenden zu erarbeiten – eine Arbeit gegen Entfremdung, die als Politik gegen die Antipolitik der Polis zu verstehen ist, als polemischer Pazifismus gegen deren systematisch-systemische Gewalten.

Die wichtigsten weiterhelfenden Hintergründe für diese Polemik lieferten:

Grubel, Alexander (2012) Die Griechen. Kultur und Geschichte in archaischer und klassischer Zeit, Wiesbaden: marixverlag.

Hartmann, Detlef (2015) Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans endloser „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht, Berlin: Assoziation A.

Kurz, Robert (2002) Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, München: Ullstein Verlag.

Lanier, Jaron (2014) Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt, Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.

Newman, Saul (2016) Postanarchism, Cambridge: Polity Press.

Rancière, Jacques (2012) La haine de la démocratie, Berlin: August Verlag.

Sternhell, Zeev (u.a.) (1999) Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburg: Hamburger Edition.

Stirner, Max (2011) Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart: Reclam.

Toledo, Camille de (2005) Goodbye Tristesse. Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen, Berlin: Tropen Verlag.

***

[1] Die Reduktion des öffentlich anerkannten Flüchtlingsstatus auf geographische Migration ist bezeichnendes Ideologem auch der linken Verharmlosung insbesondere der westlichen Misere.

[2] Die Linke, gegen die zu schreiben sein wird, ist untrennbar verbunden mit dem akademischen System, mit dessen Systematismus sowie Systemismus. Pazifistische, altruistische, utopische etc. frühere politische Idealismen werden von solcher Linken bekämpft und sind andersherum nicht oder nur teilweise getroffen von der harschen Kritik des Vorliegenden; überhaupt kommen sie verschiedentlich diachron vor oder synchron neben (den übrigens parlamentarischen Separationsvorstellungen von) Links und Rechts. Deshalb auch ist es angebracht, gegen „die Linke“ überhaupt zu schreiben: sie identifiziert sich gerade als Linke unbedingt mit dem Linkssein und ist damit ein und dieselbe Kirche wie die Rechte, lediglich mit mehr oder weniger verschiedenen Päpsten, Kirchen, Heiligtümern, Dogmen und Göttern.

[3] Außer essentialisiert z.B. als „Jude“, „Zigeuner“, fahrendes Volkloses, Migrant, Schmarotzer, Überflüssiger, Armer usw.

[4] Außer personalisiert und damit verharmlost als schwarzes Schaf, verlorener Sohn, Freak, Exzentriker; oder eben als Unruhestifter, Wutbürger, Extremist, Fanatiker, Sektierer, Krimineller usw.

[5] Dieser Irrtum ist nicht aufhebbar, indem Herrschaft postmodernisiert, poststrukturalisiert oder, besonders „dialektisch“, anarchisiert wird. (Es ist weiterhin kaum nötig zu erwähnen, dass selbigem Irrtum die gewöhnliche Verschwörungstheorie im Extrem verfällt – womit ihre Schreckgespenster der Wirklichkeit diese tatsächlich verniedlichen. – „Lügenpresse“ ist exakt deshalb ein Unwort, weil es ein Pleonasmus bleibt. „Fake news“ und co. dagegen sind nur die von der „Lügenpresse“ verbreitete Inversion ihrer selbst, also letztlich derselbe Pleonasmus.)

[6] Unter Arbeiter*innen werden hier auch Angestellte, Beamte, blue und white collar workers etc. verstanden; darüber hinaus ist es heute möglich, prekarisierte Selbstständige mit einzubeziehen in den Begriff. Z.B. Sozialarbeiter oder Ärzte ohne Grenzen könnten außerdem als Arbeiter gezählt werden: im Gegensatz zur Linken geht es ihnen durchaus um das Einzelschicksal, welches stets (nicht als Schicksal, sondern als Einzelnes) der Boden von Politik über Polis hinaus bleiben muss.

[7] Z.B. wenn Arbeiter*innen anfingen, Marxist*innen zu sein, hörten sie damit auf, Arbeiter*innen zu sein; „poststrukturalistische Arbeiter*innen“ gar klängen vollends wie satirische Parodien, von ahnungslosen Linken zur Hoffnung gemacht auf endlich-unendliche Totalentlassung der eigenen Verantwortung.

[8] Intellektuelle sind links oder dissident, f.g. ersteres. Rechte dagegen können der Definition der Autorin nach nie Intellektuelle sein, auch wenn sie libertäre allgemeingebildete wissbegierige „kosmopolitische“ hochintelligente Elitestudenten aus Harvard oder sonstwoher sind. Denn das Intellektuelle hat mit einem Umgehen mit Komplexität zu tun, was mehr ist als die Kompliziertheiten der Mathematik, des Managements, der Finanzbranche, der „analytischen Philosophie“ usw., welche durchaus von Rechten, v.a. von Unternehmern, Wirtschaftsrechten und klügeren Kulturidentitären bearbeitet werden.

Die tiefste Entfremdung aber ist immer eine intellektuelle; die Entfremdung der Rechten bleibt damit so eindimensional wie die rechten Lehren selbst. Derweil der Unterschied zwischen einem unpolitischen Akademiker und einem Linken ist lediglich, dass Letzterer immerhin ein ansatzweises Bewusstsein für Herrschaft hat, wenn auch nur ein angelesenes und damit kanonisches, also herrschaftliches sowie herrschendes. Als Fußnoten (Akademiker) stützen sich Linke andersherum auf Bestehendes, womit dieses sie andersherum auch unterstützt: so sind sie nie allein, andauernd eingespannt, immer Teil einer Community, stets Universitäter.

[9] Diese Fußnote braucht nicht gelesen zu werden. – Der Poststrukturalismus könnte in zwei Hauptrichtungen aufgegliedert werden, die letztlich insofern ein Kreis bleiben, als sie aus denselben Axiomen erwachsen und ins Becken des Anti-Utopischen münden, das der Status Quo ist: in die sekundärliterarischen Mythiker der Identitätspolitik, die hegelianisch-anerkennungstheoretisch orientiert sind, und in die eigentlichen Pioniere, die Mystiker eines (Diskursgott-)Monismus, deren prominentester Vertreter Derrida ist, welcher mit seiner Écriture, Différance, Spur usw. die Saussuresche anti-metaphysische Sprachwissenschaft in Philosophie zurückgezwängt hat. (Indem darin Bedeutung nicht per se nur ein Verweis fort von seiner Leerstelle ist, sondern in sich die ganze „Schrift“ berge, das ganze Universum geradezu, sind auch die Postmodernen, die schließlich von Anbeginn Hegelianer waren, mit der dialektischen Methode auf Umwegen beglückt, um so die beste aller möglichen Welten schon jetzt anwesend zu wissen – womit sie nur noch „entdeckt“, dekonstruiert und performiert werden müsse innerhalb ihres und durch ihren eigenen Widerspruch; ganz, als müssten nur die Augen aufgemacht, die Perspektiven verändert werden. – So wenig, so viel zu viel als hoffentlich harmloser Parenthesenbeitrag zum Universitäter-Geplänkel; verzeihung!)

[10] Das „Linke“ als „Unpolitisches“ wird dabei von Rechten gerne als jenseits der „Realpolitik“ aufgefasst.

[11] Dieser Gedanke ist u.a. entnommen Bruce Hoffman (2001).

[12] An dieser Stelle ist ein Wort zum „Privileg“ der Identitätslosen angebracht, ein Wort also zum Begriff Privileg selbst, zu einem der Diskriminierungsmodelle neuerer Linker, die dekonstruiert gehören. Es soll nun nicht gesagt sein, dass ein identitäres Privileg Dissidenz nicht verhältnismäßig schützen könnte (z.B. wenn Dissidenz (noch) nicht pauperisiert oder psychopathologisiert usw. wäre). Sondern was gesagt sein soll ist, dass Privilegien, die stets an Identitäten geknüpft sind, nicht durch affirmative Identitätspolitik bekämpft werden können, sondern nur durch entschiedenen Kampf gerade gegen eine solche Politik – welcher denn bald existenzielle Betroffenheit würde. Dass es womöglich erst Parvenues des Privilegs ermöglicht ist, sich auch gegen die eigene Identität zu entscheiden, würde erklären, weshalb neuere Linke den Verunglimpfungs-Term „Privileg“ so inflationär und omnipräsent gebrauchen: eben um radikale Entschiedenheit gegen das System zu zensieren.

[13] Diesen und nur diesen Sinn hat das Wort „Freiheit“ im Liberalismus – durchaus „Freiheit zu“: Freiheit zur Partizipation, Freiheit zur Funktion, Freiheit fürs System.

[14] Besagtes Koordinatensystem derweil, dies nur am Rande, wird in der Tat meist justiert von den Mächtigen zu ihrem Nutzen.

[15] Für welche de facto Rechte sind und der rechte Flügel der Mitte.

[16] Für welche Linke sind und der linke Flügel der Mitte.

[17] Dass kaum, dass die Universität beginnt, die Anfälligen links werden, sich anders kleiden, einen neuen Duktus zulegen, ist schon genug Beweis des intellektualisierten Opportunismus der Akademikerkaste; mit dem Arbeitsleben (statt Arbeiterleben) denn werden die einst so Linken allesamt wieder zu auch offiziell Bürgerlichen, zu Eltern der nächsten Akademikerkinder usw., und der Kreis schließt sich.

Von Rob Stirner

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Spiegelsturm

Die Zukunft muss befreit werden von diesem Spiegel, der vor sie gestellt wurde von der Vergangenheit.

Spiegel sind die Tafeln, die am vollsten beschrieben sind. Tabula rasa ist nur mit Tafeln möglich. Zukunft liegt hinter Tabula rasa, hinter den Tafeln, über die Spiegel hinaus. Zukunft ist der Frühling, der uns entgegenwuchert; wir sind das Licht ihrer grünen Explosion: wir sind die Orientierung der Hoffnung.

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ENTSCHIEDEN, Politik

Manifest einer Dissidenz im 21. Jahrhundert

von Rob Stirner

Der einzige Grund für die folgende „Theorie“ ist die Unaushaltbarkeit der alltäglichen globalen Praxis sowie die Notwendigkeit, sie hinter uns zu lassen.

1

Die Ideologie der Ideologie ist, dass es keine Ideologien mehr gebe. Sie ist stets älter als angenommen. Konditional für sie bleibt die Dämonisierung bestimmter Vergangenheiten (oder überhaupt die Behauptung, sie seien schon vergangen) sowie der Glaube an stattgefundenen Fortschritt. Letzterer ist spätestens seit dem vorläufigen Sieg des Kapitalismus dort angelangt, dass er die beste aller möglichen Welten für bereits erreicht hält. Dieses Erreichen ist das behauptete Anlangen in einem Bestehenden, welches das Offene oder die Öffnung selbst sei – in einer toleranten liberalen freiheitlichen dynamischen pluralistischen etc. Gesellschaft, die nun nur noch verteidigt werden müsse gegen Feinde von außen und innen. Die Ideologie der Ideologie ist die wesentliche Ideologie des Kapitalismus seit dem Schwarzen Freitag und ineins übersetzbar mit der Proklamation von Alternativlosigkeit.

2

Einige Beispiele aus Deutschland zu geben ist hier angeraten, weil besagte Ideologie der Ideologie ihre narrative Wiege von den Alliierten gezimmert bekam aus der teutonischen Eiche der Nazis. So ist es zum Beispiel einzig mit dem Selbstverständnis, in der besten aller möglichen Welten angekommen zu sein, möglich, vom Fall „der Mauer“ und von selbigem Geschehen als von einer „Wende“ zu sprechen; auch kann nur so jede frühere Verstrickung in Stasi-Aktivitäten zelebrös-drakonisch geahndet werden, während zeitgenössischen Geheimdiensten die Stasi als mitleiderregend schlecht ausgerüsteter Dilettantenverein ohne nennenswerte Befugnisse erscheinen muss. Darüber hinaus ist es nur mittels desselben Selbstverständnisses möglich, Nazideutschland, den Holocaust oder Hitler zum absoluten Ausnahmefall zu deklarieren und sich so von diesem scheinzudistanzieren – in einer Zeit, die den industriellen Massenmord, den Weltkrieg gegen den Terrorismus oder die für die Banalität des Bösen unhintergehbare division of responsibilities täglich aufs Neue planetar reproduziert.

3

Der Kapitalismus hat also vorläufig gesiegt, und der Sieger schreibt die Geschichte. Historisch bestätigt zu werden bedeutet nichts anderes, als von Herrschaft sein Führungs-Zeugnis entgegenzunehmen. Was historisch siegt ist bislang stets das Mächtigste, d.h. die effizienteste systematische Gewalt oder die neueste Kriegführung. So und nur so ist zu verstehen, dass der Kapitalismus vorläufig gesiegt hat. Er ist allerdings nicht nur die neueste Kriegführung, sondern ein Krieg, der geführt wird, um Krieg weiter zu effizialisieren, und damit ist er per definitionem une guerre pour la guerre, also Krieg für die Ausdehnung, Vertiefung und Beschleunigung des Kriegswesens. Vornehmlich ist er deshalb zuständig für die Totalisierung des Totums Kapital und für den Totalitarismus seiner selbst. Der Krieg gegen Bedürfnis, Körper, Leben und Möglichkeit ist jedoch keine Erfindung des Kapitalismus, sondern vielmehr ist Kapitalismus Erfindung jenes Krieges. Kapitalismus scheint derweil nicht nur dessen aktuelles Stadium, sondern auch sein letztes. Wie nahe wir damit schon am oder wie sehr im Spätkapitalismus sind, ist nicht mit Gewissheit sagbar. Sagbar ist lediglich, dass nach dem Spätkapitalismus wenige (wenn überhaupt irgendwelche) menschlichen Bedürfnisse, Körper, Leben und Möglichkeiten übrigbleiben. Die postmoderne Rede vom Transhumanen findet darin ihre irdische Wurzel. Die Erde wird transhumanisiert sein ab dem Moment, in dem der Mensch sie genug kapitalistisch bearbeitet hat, um selbst nicht mehr auf ihr leben zu können.

4

Der Krieg, von dem hier die Rede ist, der Krieg, der letztlich den Kapitalismus erfand, begann laut Überlieferung mit dem, was wir Kultur zu taufen erzogen sind.[1] Jener Krieg oder Kriegszustand nun, den die Archäologie, zurecht oder zu Unrecht, bis auf die Grundsteine der Zivilisation zurückführt, wird im Folgenden schlicht System genannt und als solches expliziert. Um vom System zu sprechen, ist zwar eine gewisse Abstraktion zu leisten, dies aber lediglich, weil das System selbst als abstrahierende Aktivität gefasst werden muss. All dies klingt genauso mystisch, wie es auch funktioniert: unter dem System wird der Mensch zum hypnotisierten Tier. Ja, „der Mensch“ wäre, falls von Interesse, in vielerlei Hinsicht definierbar gerade als „hypnotisiertes Tier“ – weshalb es u.U. auch gerechtfertigt sein kann, über einen solchen Menschen hinauszukommen. Dafür wiederum müsste das System überwunden werden, das sich zwar trans-subjektiv und trans-personal selbst perpetuiert, aber deshalb noch nicht „das Subjekt“ oder „die Person“, geschweigedenn „das Individuum“ oder „das Einzelne“ fundiert.[2] Denn es gibt durchaus Nicht-System, und dieses ist gerade oder ausschließlich in Persönlichkeit, Individuum, Einzelnem, nämlich in Bewusstheit, Entschiedenheit und Willen zu finden, die womöglich auf den Körper und seine Bedürfnisse zurückgehen, jedenfalls kaum auf Sprache, Logik, Idealismus, Geist(-eswissenschaft) usw.

5

Das System lässt sich als herrschende Herrschaft beschreiben. Als solche ist es ein wirkliches, d.h. bewirktes, bewirkendes und verwirkendes Perpetuum Mobile. Seitdem es geworden ist, hält es sich selbst weiter am Laufen, sich um sich selber drehend, sich selbst verifizierend, indem es sein Außerhalb mehr und mehr beseitigt und sich selbst damit necessitiert. Es ist daher ein Totalitarismus – was überhaupt synonym ist zum Begriff herrschender Herrschaft. Totalitarismen leugnen, was sie nicht sind und/ oder expandieren in es hinein, um uneingeschränkte Hegemonien zu werden. Was Totalitarismen anstreben, ist Alleingewalt über die Welten, also Ausmerzung ihres Außerhalb. Totalitarismen sind insofern die Verabsolutierungstendenz von Immanenz. Dass Philosophen ihre größten Freunde sind sowie ihre tiefsten Ideologen, kann insofern nicht weiter überraschen.[3]

6

Das System ist zwar ein Abstraktum, aber ein wirkliches: eines, das in der Welt ist und sie formt sowie be-inhaltet. Es ist trans-personal, weil sein Personal die Menschheit ist, und nicht nur ein einzelnes Wesen. Wäre dieses Manifest offen für naturalisierende Metaphern und ihre Dualismen, ließe sich das System auch zu einem künstlichen Körper oder zu einem Organ aus Stammzellen poetisieren. (Dieses Manifest ist allerdings nicht offen für dergleichen.) Dass „die Menschheit“ das Personal des Systems ist, besagt nunmehr nicht, dass alle, die heute Menschen genannt werden, ständig Personal des Systems wären oder als es agierten. Sondern es besagt, dass es ein Personalmanagement des Systems gibt, welches jene, die – ob im Schlaf und seinen Träumen oder im Wachen mit dessen Träumen, ob im Intimen oder im Öffentlichen, ob mit sich, mit Familie, Freunden oder Fremden – nicht hinreichend als Personal arbeiten, aus seiner Welt verbannt, d.h. in die eine oder andere Art von Tod schickt (beispielsweise in einen der Tode des Menschen und all seine Spielarten eines Verlusts von Wert, Lebenswert und Leben). In dieser Situation aber befinden sich alle Menschen, also alle kultivierten Tiere. Durch sie setzt sich das System um, hält es sich aufrecht und führt es sich fort. Wer sich seinem Personalstatus nicht verweigert, ist dabei notwendig Funktionär des Systems, weil er sich für es auf eine funktionierende Funktion reduziert, um partizipierend, um Partizip zu bleiben. Wer ferner nicht einmal mitbekommen hat, dass er Funktionär ist, wird sein Funktionieren selbstverständlich als Freiheit wahrnehmen und die Funktion, mit der er sich identifiziert, als Axiom seiner Entscheidungen. Diese Selbst- und Fremdreduktion auf eine funktionierende Funktion oder auf systemische Medialität ist bekannt unter dem Namen der Identifikation. Sobald Identifikation geschieht, wird das Personalsein zur Persona, wird eine Selbstontologisierung betrieben, nach welcher davon gesprochen werden kann, dass der entsprechende Mensch System ist. Von außen ist solche Beurteilung auf eine jeweilige Handlung bezogen durchaus treffbar, und vornehmlich auf den Akt der Identifizierung. Dieser Akt jedoch, indem er selbige Handlung als Identität projiziert, verwandelt die Analyse seiner in die Analyse einer Person.

7

Indem Menschen sich mit dem System identifizieren, werden sie also zu ihm: noch nicht, weil sie mitunter oder auch andauernd systemisch handelten, sondern erst, seit sie ihr diesbezügliches Handeln für sich selbst halten. Das System ist also nicht einfach ein mystisches Programm, das sich selbst geschrieben hat und selbst am Laufen hält, sondern ein verselbstständigtes Oeuvre, das laut System-Überlieferung so alt ist wie die Menschheit und ihre Geschichte – wobei diese Geschichte selbst die Verfasserin seiner ist. Auch in diesem jetzigen Moment ist dieses Oeuvre dabei, sich fortzuschreiben: dafür ist sein Personal als Partizipialkonstruktion des Funktionierens, dafür sind seine ontologisierten Funktionäre, d.h. seine Identitäten ihrerseits geschrieben worden. Nun sind diese aber nicht gänzlich fassbar als „Hypnotisierungen“ des Menschen (oder als Kreation des Menschen als metaphysisches Tier), sondern in erster Linie als positive sowie negative Reaktionen auf die identitäre Welt, in welcher sie leben. Denn keine Identität fängt bei Null an oder mit dem Nichts, sondern stets bereits als das Identitätenarrangement, als welches es sich selbst erstmals wahrnimmt – d.h., beispielsweise, als Teil seines Elternhauses. Damit ist das System nicht nur ein Programm, das abgespielt wird; sein Personal, das meist kein Außerhalb seiner kennt, wird von ihm nicht einfach geschrieben, sondern an selbige identitäre, also systemische Welt ausgeliefert, um sich mit dieser identifizieren zu müssen oder unterzugehen: um System zu werden. Somit ist jede Identität Bestätigung des Identifizierens mit der identitären Welt und der identitären Welt selbst sowie damit Verunmöglichung einer Weigerung dessen, d.h. Verunmöglichung alles Nicht-Identitären. Hierin liegt der logische Sinn der anarchischen Idee, dass niemand frei sein könne, bevor alle frei würden.

8

Das System automatisiert also, aber vornehmlich mittels des Zwanges, dass dem Menschen, der kein Automat ist, auch keine menschlichen Bedürfnisse zugestanden werden. Insofern ist es ein materialisierter Idealismus. Wer dagegen den Einflussbereich des „Idealen“ (also von Metaphysik) überhaupt leugnen will, der muss den Menschen leugnen, also das dressierte, hypnotisierte, identitäre Tier sowie dessen Kultur, Zivilisation und Geschichte. Diese dürfen für alles über sie hinaus allerdings nicht geleugnet, sondern müssen im Gegenteil für es bekämpft werden.

9

Das System perpetuiert sich also, indem es jenem außerhalb seiner selbst keine Überlebenschancen übriglässt. Deshalb muss die Materialisierung seiner absoluten Immanenz auch totalitär sein; anders überlebte es nicht als System, wäre es nicht System. Es funktioniert damit so gut, weil die Identifikation mit ihm, seitdem es ist, d.h. herrscht, innerhalb seiner immer schon hegemonialen Immanenz die einzig rationale Option ist. Resistenz gegen den Sieger (den schon Gesiegten, die Definitionshoheit übers Siegen, das System) ist daher nicht nur von Seiten der Ideologie, sondern auch von Seiten der Wirklichkeit aus betrachtet „Pubertät“, „Punk“, Unvernunft oder Überschuss an Lebensenergie, nämlich: Streben, Darüberhinaus, Noch-Nicht, Zukunft – Transzendenz statt Religion; statt religio.[4] Gegen das System zu argumentieren ist demgemäß Kassandrie; gegen es anzukämpfen Don-Quixoterie.

10

Sich sein kurzes Leben mittels eines „Gegen-Idealismus“ zu verderben, ist folglich, gerade seitdem Himmel und Hölle im Außerhalb abgeschafft sind, geradezu eitel: bedenke, dass du sterblich bist und lebe, d.h. mache mit statt dich querzustellen. So wirst du anerkannt und dafür entlohnt, kommst überall durch und hast ein angenehmes Dasein. Alles andere hilft dir so wenig wie allen sonst und verändert genauso wenig wie sein Gegenteil. – So der Gospel der Servilität, des Opportunismus, der Heteronimität, des Identitären. Er ist rational, weil das System ihn und damit sich rationalisiert hat. Als Herrschaft und expandierender Totalitarismus nämlich sorgt es sekündlich dafür, dass es rechtbehält. Das System versichert, verabsolutiert seine Immanenz, indem es sich als Alternativlosigkeit schon fürs Überleben perpetuiert. Wohin es sich aber bewegt, und erfolgreicher denn je seit seinen neuesten Techniken, das ist nach außen und nach vorn, also als Expansion, in die Totalisierung seiner Totalität, mit der einzig möglichen Verlangsamung seiner im absoluten Totalitarismus als gänzlich totalitär gewordener Immanenz.[5]

11

Alles nun, was das Außerhalb theoretisch zu verunmöglichen versucht, ist Ideologie. Ideologie also ist die Theoretisierung systemischer Praxis. Die fortgeschrittenste, zeitgenössische Ideologie ist die postmoderne Theorie: sie verleugnet praktisch das Außerhalb, indem sie alles Außerhalb außerhalb des Innerhalb theoretisch leugnet. Damit verabsolutiert sie die Immanenz als Bestehende im Bestehenden. Während die Leugnung des Außerhalb die Theoretisierung des Systems ist (oder Ideologie), ist die Verleugnung des Außerhalb die Praxis des Systems. Die beiden wären ohne einander weder denk- noch umsetzbar.[6]

12

Das Außerhalb des Systems dagegen ist jenes Potenzial, das Immanenz transzendiert und somit den Totalitarismus herrschender Herrschaft zu beschneiden trachtet. Um dieses Potenzial zu befördern, bedarf es jedoch der Resistenz und Renitenz, des Dissenses und der Dissidenz, kurzum des Kampfes gegen das System. Es bedarf des systematisch Diffamierten, des Trotzes, des Versagens, Verneinens und Verweigerns von Identität. Diss-idenz ist also die einzig hinreichende Gegnerschaft zum personalisierten System, nämlich zu seinen Ident-itäten. Solche kann sich aber nur entwickeln aufgrund der bewussten, erfahrenen, durchwollten statt willigen Entschiedenheit des Einzelnen – welche das System zur Gefahr und also zum Feind erklärt. Sein Personal wird demgemäß, wann immer es solchem Einzelnen begegnet, die eigene Arbeit darin sehen, seinen Arbeit- und Lohngeber zu beschützen, also das Einzelne zu tilgen und es bestenfalls zu liquidieren, d.h. es zu verflüssigen in den eigenen blutigen Blutkreislauf, in das planetare Delta seines Mainstream. Widerstände auszulöschen, Immanenz zu immunisieren, ist damit die negative Beschäftigung der Systemfunktionäre; die positive ist, Immanenz weiterhin am Laufen zu halten sowie intern zu perfektionieren.

13

Dissidenz indessen muss Widerstand sein gegen die weitere Evolution des Systems: nicht zuletzt gegen die Polis-, d.h. Identitäts-Politiken, welche makroskopisch v.a. als Märkte und Nationalstaaten institutionalisiert sind und mikroskopisch als verschiedentlich konkretisierte Kollektivitäten. Dissidenz aber ist nicht Pubertät als prinzipieller oder gar identitätsbildender und damit rasch verendender Trotz, sondern vielmehr endloser Trotz aufgrund der Hoffnungslosigkeit des Kampfes, also die ständige Pubertät der Aufklärung gegen die ewige Unmündigkeits(v)erklärung des Systems. Dissidenz ist dabei utopisch, weil sie in ihrem nächsten Umfeld erlebt, dass utopische, nämlich utopisierende Zweisamkeiten bereits möglich sind. Deren Ausleben als transzendierendes Leben allerdings wird von totalitaristischer Immanenz konstant verunmöglicht – weshalb Utopia heute auch nur als Fluchtpunkt, Exilität und Asyl, als Höhle, Insel und Burg fortbestehen kann. Selbst als solche, als besagtes Umfeld, ist Utopia aber nur erreichbar mittels eines utopischen Willens und seiner entschiedenen Taten, d.h. mittels Dissidenz, welche eine Ethik des Körpers und eine Politik der Bedürfnisse ist. Utopia wäre demgemäß eine Welt, welche – statt tiefe, volle, offene, inspirative, starke und sensible Individuen wie überhaupt Lebewesen zu eliminieren – diesen vielmehr die Macht über sich selbst und ihr Miteinander überließe; eine Welt also, in welcher das Emanzipieren vom System weiter und weiter, eigens und kooperativ, im Größten wie im Kleinsten betrieben würde. Utopie, kurzum, wäre letztlich die radikale Alternative einer Befreiung zu sich und zu einem freundlichen und freundschaftlich verbundenen endlich bejahbaren vielfältigen Dasein. Dessen Gegenteil aber ist die sich selbst verabsolutierende Immanenz, ist der egoistisch-kollektivistische, kompetitiv-antagonistische, agonistisch-gleichschaltende, mörderische, verunmöglichende, vollends entfremdete Totalitarismus des Systems, welcher im Kapitalismus seine effizienteste Methode gefunden hat.

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Das System ist ein Kriegszustand und der Kapitalismus sein dynamischer, beschleunigender, asymmetrischer guerre pour la guerre. Damit ist Kapitalismus das Entwicklungsmoment, das sich selbst weiterentwickelt, die effizialisierteste Methodik des Systems, weil die stete Effizialisierung noch seiner Effizialisierungen. Der Kapitalismus ist folglich die bislang höchste Form des Totalitarismus, weil er in alle Richtungen und alle Dimensionen zugleich expandiert: aus diesem Grund auch lautet sein Leitmotto Wachstum. Der Kapitalismus aber muss wachsen, weil sein Kapital akkumulieren muss: Kapital ist das vermutlich erste Mittel des Totalitarismus, das nicht nur so blind und abstrakt, sondern auch so universal und unlimitiert ist wie dieser selbst. Mit dem Kapitalismus ist das System nicht mehr nur ein Perpetuum Mobile, nicht mehr nur durch sich selbst beweglich, sondern gleichsam in der Notwendigkeit, sich auszudehnen und sich selbst zu überholen. Die Techniken des Systems sowie seine Technologien wurden demgemäß erst mit dem Kapitalismus radikal weiterentwickelt. Die Reduktion der Distanzen, welcher der Handel bedarf und welche vom Schiffsbau (Conquista, Kolonialismus und Merkantilismus) über die Eisenbahn (Industrialisierung und KZ, go west und go east) bis in die zeitgenössischen Explosionen von Kommunikation und Information (Neokolonialismus und Outsourcing) führt, wären undenkbar gewesen ohne das Wachstumsprinzip des Kapitalismus und die Effizialisierungsimperative des Kapitals. Das Ausmaß des kapitalistischen Totalitarisierungsgrades ist damit angedeutet schon im allgemein verwendeten Wort Globalisierung.

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Es gibt daher kein Exil mehr außer das innere: nicht zuletzt deshalb liegt die letzte Hoffnung im anti-identitären, dissidenten Individuum. Es gibt überhaupt keine Fluchtmöglichkeiten mehr, nur noch Migrationen von einem Gesamtkapitalisten (Engels) zum nächsten. Dieser globalisierte, also planetare Totalitarismus, diese systematisch verabsolutierte Immanenz des Systems nun ist bekannt unter dem Namen Markt. Es ist der Markt, der entscheidet, unter welchen Umständen ein jedes Lebewesen sich sein Leben zu verdienen hat. So verdienen sich manche Lebewesen – beispielsweise sogenannte „Nutztiere“ – ihre Lebensspanne einzig damit, dass sie zuletzt geschlachtet, d.h. ermordet werden. Mit 1989 als narrativem Endpunkt der Geschichte (als finalem Spektakel) ist allerdings nicht „nur“ die Welt, ihr Leben und ihre Natur ans Kapital verpachtet, sondern auch deren gemeinsame Zukunft. Apokalpyse wird damit zum Modus Vivendi einer ökonomistisch diktierten Politik kurzfristiger exzessiver Profite. Das System war nie so effizient totalitär wie im globalen Markt des zeitgenössischen Kapitalismus. Die monotheistischen Religionen versuchten, ihre Macht auf das Nachleben auszudehnen, um ihre Herrschaft zu sichern, blieben aber verunsichert, weil ihre Metaphysiken auf der Erde nicht verwirklichbar sind. Der Kapitalismus dagegen ist bereits die Versicherung des Systems als systematische Praxis seiner Verleugnung der Zukunft: Umweltzerstörung ist nur eine dieser verleugnenden Praxen. Dass sich durch sie das System versichert, zeigt nicht nur auf, wohin wir uns alle auf dem Weg befinden, sondern v.a. wer und was wir bereits geworden sind.

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Totalitarismus könnte beschrieben werden als Versuch, sich alternativlos zu machen. Dass sich in Deutschland, dem heutigen EU-Imperialisten, ausgerechnet die erstarkende Rechte als Alternative bezeichnen kann, ist damit augenfälliger Beweis für das Ausmaß des kapitalistisch Totalitären, das planetar ist. Es hätte Nazideutschland und den Holocaust ohne die Reduktion der Distanzen und die gleichzeitige Zentralisierung der Herrschaft, d.h. ohne Markt und Staat, ohne Kapital, ohne den Fortschritt der Technologien und Techniken des Systems, ohne den Volksempfänger und die neuesten Logistiken des Fordismus usw. nicht gegeben. Insofern dürfte es nicht übertrieben sein – selbst nur mit Blick auf die kapitalistischen Nebenprodukte (vom Internet bis zu den Waffensystemen, gemeinsam vom Militär entwickelt) –, unsere Dekaden nach dem „Ende der Geschichte“ als solche zu begreifen, die erstmals wirklich gen Apokalypse steuern. Fukushima dient Fukuyama somit als Bestätigung: was inzwischen zur Enthüllung (ápokálypsis) voranschreitet ist, was das System von Anbeginn antrieb.

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Dass die ganze Menschheit in Richtung ihrer eigenen Verunmöglichung wirkt ist nur zu verstehen dadurch, dass sie als Totalität wenig mehr ist als die totalitäre Gesamtheit an Zahnrädern, welche ihrerseits das Produkt des selbstperpetuierenden Systems ist. Dessen verabsolutierte Immanenz herrschender Herrschaft wird von keinem Personal und keiner Funktion jemals mehr transzendiert. Die bestehende Tendenz ist unwidersprüchlich, weil unwidersprochen: der Kapitalismus wird das System in den Abgrund hinein beschleunigen, bis das System, mystisch wie es ist, in seine Ursprünge zurückfindet, also in den Anfang oder eher in das Ende von Zivilisation überhaupt. Die Postmoderne war insofern womöglich nur der hilflose Versuch, sich vor diesem verwirklichten Wahnsinn ohne Fluchtmöglichkeit in eine idealistische Welt zu flüchten, in welcher vom Overkill nur noch ein Symbol, ein Simulacrum übrigbleibt, und in welcher der Totalitarismus in sich bereits die Utopie bereithält für jene, die Texte lesen und Sprache verstehen können – in welcher die verabsolutierte Immanenz kurzum bereits das Transzendieren selbst ist. Dies aber war das wohl letzte Refugium der Linken, doch jedenfalls eines, in welchem sie sich bereitwillig verlor.

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Damit ist nachvollziehbar, warum im Besonderen die Identitäten jener Generationen, welche nach 1989 geboren sind, in der Identifikation mit dem Aggressor aufgehen (und untergehen): die Linke selbst existiert kaum mehr jenseits des Systems – wenn sie es denn je tat. Sie ist mit Sicherheit keine Alternative zur proklamierten Alternativlosigkeit des Bestehenden; sie selbst ist Bestand, und vielleicht sein wichtigstes Standbein. Anders gesagt: sie hat ihre Prüfung bestanden und ist indifferent geworden, also gleichgültig sowie unterschiedlos gegenüber dem Rest. Es bleibt damit allen, die ihr Leben nicht als Kampf und beinahe Opfer, zumindest nicht als selten glückliche, isolierte, ständig unterwanderte Überanstrengung erleiden möchten, wenig anderes übrig, als sich restlos mit dem System zu identifizieren und zu seinem Personal zu werden. Dies ist die für Identitäten rationale Vorgehensweise, welche die meisten demgemäß auch praktizieren – die kapitalistische Ökonomie legt nichts näher als das. Kurz: wer anerkannt werden und erfolgreich sein möchte, wer ein angenehmes und positives Leben leben will, das befördert statt verhindert wird, der muss zum Funktionär des Systems werden. Wer Anteil haben will an seinen Reichtümern, der muss teilhaben an seiner totalitären Totalität, der muss deren Immanenz weiter verabsolutieren und sie als einzige und beste Erde für sein Wachstum und seine Arbeit wahrnehmen: sonst wird er niemals auch nur eine Frucht seines Säens ernten können. Dies freilich ist nichts Neues; es ist das System. Der Kapitalismus ist lediglich effizienter darin, es umzusetzen.

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Folglich ist, was als die große Entdeckung Foucaults gilt, ebenso steinalt: dass Herrschaft nicht nur beschränke, sondern auch instandsetze, dass sie nicht nur restriktiv sei, sondern auch konstruktiv – kurz: dass sie konstitutiv sei. Auch nun wenn Theorie, dem System meist verschworen, es selten selbst verstand, funktionierte Herrschaft immer schon so: wer von ihr beherrscht ist, der darf herrschen. Wer nicht zu transzendieren versucht, sondern immanent bleibt, der wird von Immanenz dafür belohnt, der steigt innerhalb zu hohen Würden auf. Erneut, das System findet im Kapitalismus nur eine Effizialisierung dessen: wer im großen Trust des Kapitalismus, als Kompartiment seiner Kompanie, für die Profite des Kapitals, kurzum wer immanent neuert, innovativ wird, kreativ, den empfängt man global mit offenen Armen: denn er bringt das System weiter, er verbessert es, konzentriert, expandiert und perfektioniert es.

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Die Effekte der entfremdeten Arbeit durch die früheren Stadien des Kapitalismus und deren ökonomische Umwälzungen müssen hier nicht nochmals aufgelistet werden; genügend Aufklärung ist über sie zu finden, sofern danach gesucht wird, v.a. dank den marxistischen Strömungen der Nachkriegszeit. Was hier näher in den Blickwinkel kommen soll, ist derweil die letzte der kapitalistischen Revolutionen, die vierte, die digitale, die immaterielle, weil diese nicht nur neue Rekorde der Effizialisierung des Systems bricht, sondern weil in ihr die Differenz zwischen Person und Personal, Funktion und Funktionär, System und Mensch gänzlich ausgelöscht wird. Mit anderen Worten: die letzte politische, d.h. größer angelegte Hoffnung, die der Dissidenz, ist nun unter direktem Beschuss, weil nunmehr ganze Identitäten kapitalistisch produziert werden, die letzten Distanzen zum System sich also auflösen. Dass die Linke dies weiter mit Identitäts- und Polispolitik zu „bekämpfen“ versucht, ist hinreichendes Zeugnis ihres partizipativen Status, ja, ihrer nicht zu unterschätzenden Rolle fürs System.

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Resümieren wir zunächst, was vielerorts nachlesbar ist. Aufgrund der Sättigung in den bestehenden Kapitalakkumulationen des Industriellen musste der Kapitalismus in den 1970ern seine Ausbeutungsradien expandieren. Weil die Staaten des Zentrums zu dieser Zeit keynesianisch geprägt waren, musste durch sie, mit Umweg über die höheren Bildungsanstalten, die ökonomische Expansion ausgeübt werden: bekannt ist die hierfür verbreitete ökonomistische Ideologie unter dem Namen Neoliberalismus, welche man nach Experimenten in Südamerika und Asien auch in Europa umsetzte. In den Peripherien waren dafür neben der Regierung des militärisch am Leben gehaltenen Imperiums USA (Washington Consensus) vornehmlich die vormalig keynesianischen Institutionen Weltbank, WTO und IWF zuständig – letzterer spätestens seit der Finanzkrise dann auch direkt in und mit der EU. Der Neoliberalismus hat dabei nicht nur den Graben zwischen Zentrum und Peripherie vertieft (Strukturanpassungsprogramme im globalen Süden gen „Liberalisierung“), sondern – mit seiner Liquidierung des Sozialstaats, der Zerschlagung von Gewerkschaften und Betriebsräten, der Privatisierung der öffentlichen Hand, der Umverteilung von unten nach oben bzw. der Austrocknung der Mittelschichten – den Manchesterkapitalismus, d.h. die Prekarisierung und Pauperisierung wieder reimportiert in seine Heimat Europa. Dabei ist der Neoliberalismus, entgegen gewöhnlicher Interpretation, keine bloße Reaktion, die lediglich zurück vor die ökonomischen Einsichten der beiden Weltkriege führte – auch wenn er die Erstarkung der klassischen Rechten sowie allgemein Militarismus, Rassismus und Nationalismus begünstigt. Vielmehr ist er vor allem eine weitere kapitalistische Flucht nach vorn, nämlich eine Deregulierung der gesamten Gesellschaft – am Finanzsektor und seinem hemmungslosen Wachstum ist diese Deregulierung nur am deutlichsten ablesbar. Was dies bedeutet, ist eine allgemeine Ökonomisierung und Finanzialisierung des Sozialen, Alltäglichen und Intimen; es bedeutet die Ersetzung der Staaten als makropolitische organisatorische Mittelpunkte durch mikropolitische Logiken und Praktiken nicht nur der Märkte, sondern durchaus des (globalen) Marktes. Die damit einhergehende Horizontalisierung von Herrschaft, ihr Personalwerden noch der Person, die Funktionwerdung der Funktionäre, diese Übertragung des Politischen in die Hände des Marktes wurde allerdings von oben, d.h. klassisch hierarchisch, nämlich von Staaten, Medien, Bildung und ihren Institutionen eingeleitet.

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Im Markt nun ist der Kriegszustand des Systems endgültig von der Gewalt in den Krieg aller gegen alle übergegangen – mit „Ausnahme“ alter metaphysischer und neuerer interessegeleiteter immanenter Kartellisierungen (welche nicht anders funktionieren). All dies musste geschehen, um dem System die Effizialisierung seiner Effizialisierung, um der Immanenz ihre Absolutheit, um dem Kapital seine Akkumulation aufrechtzuerhalten. Dergestalt nämlich ist Totalitarismus definierbar: um sich aufrechtzuerhalten, muss er expandieren. Entsprechend hat der Neoliberalismus nicht nur die aktuale Gefahr des Faschismus verschärft, sondern die Tiefenfaschisierung des Kapitalismus begonnen. Seit den 1990ern geht er demgemäß über in das Regime, das er vorbereitet hat: in eine Ökonomie der Kommunikation und Information, des Immateriellen und Digitalen, der Identitäten und der Schulden, kurz: in den postmodernen Kapitalismus, ins nächste Stadium des Systems, in einen totalen Totalitarismus.

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Heute ist nicht mehr nur von der Internalisierung des Systems zu sprechen, nicht mehr nur von seiner Sozialisation, sondern überhaupt von der Liquidierung der Distanzen zwischen ihm und seinen Funktionären: die Horizontalisierung der Hierarchien hat herrschende Herrschaft vollends austauschbar gemacht mit dem neuesten Personal, nicht nur mit Marktsubjekten, sondern mit Marktidentitäten. Der höchste Entwicklungsstand des zeitgenössischen Kapitalismus ist so zusammengefasst in dem Wort Identitätsökonomie. Dass dieses Wort in gewissem Sinn eine Generalbeschreibung des Systems liefert, ist schon ablesbar in den Etymologien seiner beiden Bestandteile, die von Anbeginn aufeinander verwiesen.[7]

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Die Identitätsökonomie steht zunächst in direktem Zusammenhang mit den angesprochenen Akkumulationsengpässen des Kapitals. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte sind nicht nur neue Ressourcen und Techniken für Kapital und den Kapitalismus emergiert, sondern v.a. neue Identifikationsobligationen gegenüber dem System von unten. Die absichtlich produzierte (äußerst lukrative) Krisenanfälligkeit sowie die Transformation von Schulden in handelbare Werte formt und formiert nicht nur die Arbeit der Menschen im Job, sondern ebenso ihre Arbeit an sich selbst, also ihre Identitäten auch jenseits offizieller Fabriken. Während Kapital angehäufte Arbeit ist, sind Schulden die künftig zu verrichtende Arbeit für Schuldner, oder Verträge über Arbeitsverhältnisse des Privaten und Öffentlichen der Zukunft. Damit wird die gesamte Persönlichkeit des Personals, mitsamt aller bewussten und unbewussten Reflexionen über Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten, über Hoffnungen und Befürchtungen von Systemimperativen durchfasert. Weil das Emphatische der Zukunft für die Person aber Offenheit statt Erwartbarkeit und Geschlossenheit bedeutet, Möglichkeit und Alternative, Befreiung und Veränderung, deshalb ist der Verkauf der Zukunft – den Schulden sowie die Angst vor Verschuldung und Krise beinhalten – der Verkauf überhaupt von eigenem Handlungsspielraum. Besagter Verkauf ist im Effekt somit jener von Entscheidungen und Initiative, von Person und Persönlichkeit und ihrer Wirklichkeits- und Ich-Konstruktion sowie allgemeiner von gesellschaftlicher Besserung und Utopie. Verkauft ist nämlich nicht nur die Zukunft einzelner Personen (sich nicht zuletzt verdeutlichend in der Obligation des „lebenslangen Lernens“, also des lebenslangen Justierens auf gesellschaftliche Nachfrage), sondern jene ganzer Völker, was spätestens offenkundig wurde mit den marktaffizierten Staatsschuldenkrisen in Südeuropa und ihrer Übernahme durch den Markt und seine Repräsentanten. Dass das Narrativ vom Ende der Geschichte und die Einführung der Schulden- und Krisendiktatur im identitätsökonomischen Kapitalismus des Immateriellen zusammenfallen, ist somit nur die zeitgenössische Zusammenführung von Überbau und Basis.

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Der Neoliberalismus enthob die Zentren also ihrer auf den Straßen erkämpften Sozialstandards und organisierte die Selbstüberantwortung der Gesellschaft an einen Markt, welcher aus Schulden mehr Schulden bzw. mehr Gewinne ausbeutet. Insbesondere dieser Markt, jener der Finanzen, hat die Welt bekanntlich global in eine extreme Konzentration von Kapital und damit von Macht geführt und dies nicht zuletzt, indem versplittertes Vermögen in Fonds monopolisiert und institutionalisiert wurde. Eine Rückkehr des Sozialstaats ist somit nicht möglich in den derzeitigen Verhältnissen; der Staat überhaupt ist wenig anderes als eine Vertretung der nationalen Wirtschaftszweige wie überregional der kapitalistisch-kompetitiven Logik eines raise to the bottom (Standortdebatte). Seine heute bestehende Konzentration von Macht kontrolliert aber nicht nur Staaten, sondern auch ihr verstreutes Personal noch effizienter als früher – u.a. wie gesagt, indem dafür gesorgt ist, dass Krisen, von den Mächtigen produziert (z.B. unter Mithilfe der FED), nicht diese selbst, sondern die bereits Ohnmächtigen konsumieren: nämlich deren Psychen, Beziehungen, Aktivititäten, Selbstverständnisse und Leben. Es ist also nicht nur so, dass neben Schulden und Krisen das wichtigste neue Akkumulationsmaterial jenes der Identitäten ist; sondern die drei sind erst zusammen die Postmodernisierung des Kapitalismus.

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Die Ausbeutung im identitären Sektor nun ist vielschichtig. Zunächst einmal beruhte das gesamte System schon immer auf ihm – mittlerweile ist er nur zusätzlich entdeckt worden auch als rentabler Zweig des Kapitalismus; und nicht mehr lediglich verstanden als Grund und Boden, in dem das System fundiert und aus dem es sich nährt. Als rentabler Zweig aber gehört er sogar zu den ertragreichsten (wenngleich nicht tragfähigsten) Sektoren, die der Kapitalismus jemals entwickelte. Die vierte kapitalistische Revolution wälzt das Bestehende heute dahingehend um, dass die immaterielle Arbeit der Identitäten die tiefste Ausbeutung erfährt – nämlich, indem sie nicht nur produziert, ohne dafür bezahlt zu werden, sondern indem sie in ihrer bisherigen Freizeit, in ihrem zu Hause, in ihrem Privatleben diese Produktion exorziert; indem sie nicht nur die PR, die Werbung, den Vertrieb ihrer Produkte übernimmt, sondern zugleich deren Konsumption. Diese Annäherung von Arbeit und Kapital, Käufer und Verkäufer, Angebot und Nachfrage etc. nun findet vollständig zu sich in der Produktivkraft-Kommodität der schon erwähnten Marktidentität. Dies ist der eigentliche Sinn der vierten kapitalistischen Revolution, der Mikropolitisierung von herrschender Herrschaft, des Personalwerdens der Personen: die nächste Vertiefung der Identifizierung mit dem System, die Totalisierung des Totalitarismus, die Verabsolutierung von Immanenz: die Tilgung des Transzendierens von innen, die Beseitigung der Dissidenz.

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Nicht umsonst also leben wir bereits in einer augmented reality: das Digitale beseitigt die letzten Hindernisse und setzt die Ideologie direkt ein in die Lücken der systemisch produzierten Wirklichkeit. Was mit dem Internet augenscheinlich wird ist die totale Entgrenzung von Immanenz: postmoderne Philosophen wie Deleuze gelten nicht von ungefähr als Pioniere von Hyperlink und Vernetzung. Je mehr aber alle angeschlossen sind, desto mehr auch eingeschlossen; desto weniger Außerhalb gibt es. Die Entfremdung der Menschen von sich selbst durch ihre eigenen Erfindungen, welche sich nach den offiziell religiösen Fetischen durch Geld und schließlich durch Kapital in Universalien materialisiert hat, findet im Digitalen ihre vorläufige Perfektion. Zugleich ist das Internet weniger eine inhaltliche als vor allem eine formale Ideologie: die totale Medialität ist zugleich die vollständige Negation von Distanz und die absolute Erfassung, die nächste totalitäre Inklusion in systemische Immanenz, das erste planetare Aufgehen in Totalität. Die utilitaristische Strategie einer zeitweisen Verdrängung älterer verwirklichter Metaphysiken (wie Herkunft, Abstammung, Geburt) ist dabei lediglich die Verdrängung von Faktoren, die nicht vollends in Totalität aufgehen, sondern in der Kirche der Immanenz eine Sekte der Sub-Immanenz bilden. Etwa die Legende vom Tellerwäscher zum Millionär dient damit nicht nur als Ideologie einer Wanderung von der Peripherie ins Zentrum, sondern vor allem als Köder des Zentrums, der die Grenzen der Peripherien ideologisch einbegreift. Gleichermaßen ist die proklamierte Alternativlosigkeit des Bestehenden (TINA) – zu welcher sowohl die Erzählung der besten aller möglichen Welten mitsamt Ende der Geschichte und Ideologie der Ideologie gehört wie auch die klassische Naturalisierung bestehender weiterhin nicht ausblendbarer struktureller Gewalten – eine theoretische Spur der praktizierten Instrumentalisierung von Vergangenheit und Zukunft für das totalitäre Jetzt der Immanenz. Was der Kapitalismus in Reinform beispielsweise nicht mehr erlaubt, ist den König von Gottes Gnaden, weil Kapital keinen Gott neben sich zulässt; was er nicht erlaubt, ist etwa den faulen Adeligen, den sozialen Parasiten, den verschwenderisch-dekadenten Erben. Kapital nämlich fordert nicht nur Loyalität ein, sondern Arbeit: Arbeit 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Die Purifikation des Funktionierens, des Leistens, von Opportunismus und Konformismus, geschah kurzum erst durch die „Rationalisierungen“ des Kapitals – d.h. durch seine Säuberungsaktionen all dem gegenüber, was den Dienst an ihm ablenkt. Jener Säuberungsaktion fiel zuletzt sogar der homo oeconomicus als zu starre, zu konservative, zu rationale und damit zu distanzierte, zu unproduktive, zu wenig immanente Illusion anheim: ersetzt wurde sie von der Marktidentität. Dies alles bedeutet aber nicht, dass es keine Nepotismen mehr gebe, keinen Aberglauben oder keine nicht-monetäre Autorität – sondern, ganz im Gegenteil, dass diese nichts länger sind als Personalstellen der Immanenz, dass sie ihres transzendierenden Moments bereinigt, dass sie von diesem in Funktion hinein abstrahiert wurden und werden: genau darin schließlich besteht der heutige Akkumulationsüberschuss der Identitätsökonomie. Und genau darin besteht der Profit der Vernetzung von Immanenz: in der Entgrenzung des Systems, des mikroskopisch und zugleich omnipräsent gewordenen Panopticons, der mikropolitischen Arbeit der Marktidentitäten.

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Die Immanenz muss totalitär werden, das ist ihre innere Selbstbewegung als Systemtotalität. Was ihr am meisten hilft, einschließender, umfassender, expandierender zu werden, sind die surplus values der Identitätsökonomie. Immanente Pluralität, immanente Heterogenität, immanente Idiosynkrasien, immanente Diversifikation sind ihr produktivstes Wachstumsrezept, um innerhalb, in sich selbst und für sich bunte Effekte zu erzielen, die sich gegenseitig stimulieren und immanente Synergien entwickeln. Dies endlich ist, wie das Perpetuum Mobile der Immanenz, des Systems funktioniert. Von oben, klassisch zur Beschleunigung gebracht, wurden dafür im späten Neoliberalismus flache Hierarchien, Flexibilität, „Eigenverantwortlichkeit“ (also verantwortliches Handeln im Sinne des Kapitals, d.h. Handeln gegen alle Eigenheit und Selbstständigkeit) und vor allem das Kreativmanagement und die immaterielle Arbeit eingeführt. Die Trennlinie zwischen Haushalt und Markt wurde, dem Begriff der Öko-nomie wieder gerecht werdend, so endlich aufgelöst: nicht nur lebt man heute dort, wo der Kapitalist einen hinbeordert, sondern die Ausbeutung findet nun primär zu Hause statt (home office), und zwar (im Gegensatz zur patriarchalen Hausarbeit) inbegriffen in die Bilanzen des Kapitals. Demgemäß werden die alten Diskriminierungen tendenziell umstrukturiert, sodass auch Frauen Geld verdienen, arbeiten, Karriere machen sollen (wobei die alten Aufgaben nicht gleichermaßen neuverteilt werden). Die Identitätspolitik der Linken ergänzt die immanente „Gleichstellung“ der Identitätsökonomie hier als eine ihrer innovativsten immanent-externen Dienstleister[8]: Frauen, Immigranten, Xenosexuelle etc. sollen in Vorstände, in Ministerien, ins Militär. Der Kapitalismus ist schließlich umso effizienter, je mehr er ausbeuten kann; Marktidentitäten sind ihm für Mehrwert schlichtweg hilfreicher als essentialistische; ganze Kollektive auszuschließen wäre ihm dagegen kontraproduktiv im wörtlichen Sinn. Die postmodern verabsolutierte Immanenz des Systems diskriminiert also mehr zwischen Funktion und Nicht-Funktion oder Identität und Dissidenz als zwischen verschiedenem Personal. Sofern die Differenz, die Heterogenität, die Devianz innerhalb bleibt, immanent stattfindet, befördert das System sie sogar, weil es nur so beschleunigt weiterentwickelt, perfektioniert, effizialisiert werden, weil es nur so die eigene Beschleunigung beschleunigen kann. Deutlich wird dies vor allem dort, wo der Kapitalismus diskriminiert: er diskriminiert nämlich allen voran Alte, Kranke, Behinderte sowie Frauen (weil sie Mütter werden können). Am allermeisten aber diskriminiert er solche, die sich gegen seine „Arbeitsethik“, gegen seinen Leistungsimperativ, gegen seine Chancen„gerechtigkeit“ wehren: die Dissidenzen und die unbeabsichtigt Dysfunktionalen also, zusammengefasst in den Armen. Was systemisch nämlich als Nicht-Leistung oder Anti-Leistung (Hinderung, Verlangsamung, Absenz, Widerstand usw.) interpretiert wird, ist ein Transzendieren totalitärer Immanenz: direkt bestraft mit dem Entzug der Lebensgrundlagen.

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Wer dagegen ein partizipierender Leistungsträger ist, produktives Personal, Humankapital, ein immanenter Neuerer, Kreativer, Künstler, Revolutionierer, Unternehm(end)er, der wird subventioniert, mit Mitteln versehen, befördert und gefördert. Die Horizontalisierung des Herrschens, die Postmodernisierung des Kapitalismus brachte dem System so eine Beschleunigungsbeschleunigung, die es nie zuvor erreichte. Seine „offene Gesellschaft“ ist insofern als inkludierende, integrierende, einschließende zu verstehen: als solche, die den Status der Ausnahme, der Exklusivität, der Distanz nicht mehr akzeptiert. Kapital als neurotisch akkumulatives Liquid, als perfekter Mechanismus, um das Perpetuum Mobile zu totalisieren, ist damit besonders gut geeignet, um die Fantasien und Ideologien der hyperaktiven Immanenz anzuzapfen, um also systemische Energien zu Synergien des Systems zu fusionieren. Kapitalismus als impliziter Totalitarismus, als dynamische Technik und Technologie der Beschleunigung des Perpetuums, als Expansion, Akkumulation, Wachstum der Immanenz, kann sich wie kein vorheriges System des Systems anschließen an die Stimmungen, an die Psychen und Herzen der Menschen: Todestrieb und Lustprinzip sind endlich vereint in ihm. Das Prinzip der Immanenz spricht dabei die ganze Zeit für sich selbst: wer nach ihm, wer immanent funktioniert, hat alle Freiheiten, alle Macht, alle Medien. Genauer: das Immanenzprinzip funktioniert durch den Einzelnen hindurch als eine Art Doublespeak – Zentralisierung ist immanente Dezentralisierung, Replikation ist immanenter Individualismus, Gleichschaltung ist immanente Pluralität, Beihilfe zur Euthanasie ist immanente Entwicklung (s. Entwicklungsländer), Krieg ist immanenter Frieden sowie die Befriedigung und Befriedung des Immanenten, Sklaverei ist immanente Freiheit usw. usf. Das systemische Perpetuum hat sich selbst immer schon nach diesem Prinzip in Bewegung gehalten, doch wird es seit dem Kapitalismus noch weiter und weiter beschleunigt – dies ist die Beschleunigung der Beschleunigung, die Effizialisierung der Effizialisierung, der guerre pour la guerre, welche abstrahiert verwirklicht werden durch Kapital, durch die abstrakte Leitwährung einer wirklichen Abstraktheit (des Systems), konkret mittlerweile durch das Humankapital von Marktidentitäten.

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Was dergestalt an- und eingeschlossen ist an und in der Immanenz ist nicht nur das Jetzt, sondern auch die Zukunft und die Vergangenheit von Einzelnen wie der Gesamtgesellschaft. Mit dem postmodernen Kapitalismus, dem Erzeugnis v.a. der neoliberalen Deregulierungen (als Krisen- und Schuldenmaximierern), ist die Arbeit der Identitäten, letztlich übereinstimmend mit der Funktionsweise des Systems, mit kapitalistischer Akkumulation gleichzusetzen. Die neue Identitätsökonomie besteht nun v.a. aus dem Informations-, Kreativitäts- und Kommunikationssektor. Das transkapitalistische Ergebnis dessen ist die Formierung und Neuformatierung des Systempersonals. Mit der wirtschaftlichen Postmoderne definiert der Informationssektor den Möglichkeitenhorizont des Personals, indem er das Rohmaterial der Wirklichkeitskonstruktion liefert; der Kreativitätssektor redekliniert Denken, Fühlen und Vorstellen desselben; während der Kommunikationssektor die Beziehungen der Personen reguliert, sowohl die zu sich selbst wie die zu anderen. Damit aber sind Identitäten vollständig angeschlossen; Differenz ist inkludiert und Distanz beseitigt; die Welt kapitalisiert. Was hierbei zu Produktivkräften des Systems wird sind die bislang aus kapitalistischer Perspektive unterausgebeuteten Vitalitäten des Menschen: d.h. Affekte, Spontanitäten, Intimitäten, überhaupt immanente Differenzierungen. Kurz, in der Identitätsökonomie des postmodernen Kapitalismus werden jene Reserven des Personals utilisiert, die bislang noch zu transzendieren vermochten: es geschieht die Instrumentalisierung selbst jener raren Vernunft und jenes Außervernünftigen, welche bislang nicht instrumentell waren. Die Inflation von Ich-AGs und Entrepreneurship markiert diese Wende: inkludiert wird nun all das, was bislang dagegen stand – Hipster, Retro, vegane Restaurants und Bioketten sind die Produkte solcher produktivitätssteigernder Integration. Die kapitalistischen Portfolios werden erweitert und die Kreation neuer Profitnischen ist den Profis überlassen, also jenen, die im Kreativen erfahren sind: den Künstlern, die, obzwar innovativstes Personal, bislang vom Kapitalismus marginalisiert worden waren. Absolute Immanenz, hiermit wahrhaft totalitär, wird sich solche groben Fehler, solche Ineffizienzen, solche Räume für Transzendenz von nun an nicht mehr leisten.

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Der postmoderne Kapitalismus wurde neben den Diktaten des Neoliberalismus durch Kolonialisierung, Imperialismus und Globalisierung sowie durch das kapitalistische Akkumulations-, also Beschleunigungs- und Wachstumsgesetz neuer Techniken und Technologien eingeleitet. Entscheidend für seine momentanen Effizialisierungen sind seine Fertigkeiten des Kopierens: der industrielle Sektor scheint in Zukunft von 3D-Druckern und anderen Maschinen ersetzt zu werden; das Internet mit seinen Netzwerken, auf denen man seine Inhalte teilen und vervielfältigen kann, wird womöglich der Arbeitsplatz der Zukunft. Gerade der Computer mit seiner Tastenkombination strg-c ist eine Abkürzung des Produktionsprozesses, die keine Automatisierung der Vergangenheit hervorbrachte. Die bisherigen Akteure, heute Funktionen – Marktidentitäten – sind inzwischen kaum mehr als Zugehörigkeiten zu verschiedenen Clouds und Crowds, als Kompartimente in einem Meer aus Strömungen und Schwärmen, als „liberalisiertes“, liquidiertes, dezentralisiertes, hochflexibles Humankapital. Insofern sind die herdeninstinktiven, computerisierten Finanzmärkte nicht länger, wenn sie es denn je waren, getrennt von der Realwirtschaft oder der Lebenswelt Einzelner; vielmehr ist auch die digitalisierte Privatwelt stets bereits veröffentlicht, ausgebeutet und geupgradet auf die neueste Immanenz. Der postmoderne, posthumane Traum vom Menschen ohne Geschichte, ohne Körper, ohne Autonomie oder gar Genie, ohne Bewusstsein und ohne Präsenz ist damit dabei, Wirklichkeit zu werden. Die Horizontalisierung der Herrschaft und ihre Gleichschaltung der Menschen ist bereits eine massive Wirklichkeit, womit sich endlich der in der Tat fließende Übergang von totalitär verabsolutierter Immanenz zum Faschismus offenbart – denn postmoderner Kapitalismus ist in sich schon faschistoid. Die Identitätsökonomie ist eine faschistoide Wirtschaftsweise, welche die Masse als Schwarm ausbeutet – über ihr omnipräsentes, alles-erreichendes digitales Netzwerk. Beispielsweise das Crowdfunding erlebt nicht von ungefähr, sondern abgedeckt von der systemischen Tendenz, gerade seine ganz und gar nicht schmerzhafte Geburt. Gleiches gilt für die mit ihm verbundenen Start-Ups wie für alle anderen Innovationen der vierten kapitalistischen Revolution. Der Finanzmarkt ist keine Ausnahme darin, Megaprofite und -effekte durch die Deregulierung der Massenpsychologie und ihrer Instrumente zu produzieren. Deren verwirklichte Metaphysiken sind derweil nicht nur toxische Papiere, sondern Performanzen, die andauernd kapitalistische Werte wie überhaupt systemischen Mehrwert erzeugen – der Markt ist nicht beschränkt auf den stock market. Auch ist der Finanzmarkt nicht allein darin, allen seinen Atomen Zugang zu verschaffen zu Anhäufungen, Mehrungen, Konzentrationen von Liquidität, indem ein jedes immanentes Atom seinen Anteil hat (Aktie) und Teiler wird einer Summe an totalitärem Ganzen. Vielmehr ist dies die Funktionsweise nicht nur des Kapitalismus, dessen Angebot, Nachfrage und Werbung, dessen gesamte Warenwirtschaft stets auf Masse und nicht auf dem Individuum basierten, sondern überhaupt des Systems, d.h. der herrschenden Herrschaft als Integrale. Der postmoderne Kapitalismus ist damit eine Zusammenlegung faschistoider und kapitalistischer Logiken, einer monistischen Ideologie und einer immanenten Praxologie, die schließlich beschrieben werden kann als Metonymisierung des Einzelnen mit dem System. Der Mensch ist als Metonymie dazu aufgefordert, aufzugehen als Identität in der Masse, welche sich in Schwärmen organisiert. Die einzige Kraft, die sich dem verweigern kann, wäre nur noch das entschiedene, selbstbewusste, resistente Individuum, d.h. die Dissidenz.

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Der faschistoide Kapitalismus der Identitätsökonomie, welcher seine eigenen Grenzen liberalisiert und seine Regeln dereguliert hat, ist nicht mehr auf Nationalökonomien, Staaten oder einzelne Völker angewiesen. Daraus erst aber ergibt sich das Potenzial globaler Faschisierung. Der faschistoide Kapitalismus wird sich, nicht zuletzt zur kreativen Destruktion seiner eigenen Produktivkräfte, einen Pluralismus an Nationalismen, Nazismen und Chauvinismen durchaus leisten können – befreit vom eher hinderlichen Fixum des einzelnen Staates, so sehr ein jeder auch Imperium zu sein versucht. Die Auflösung der Distanzen gerade zwischen globalem Markt und lokalem Staat, welche sich aus einem globalen deregulierten Markt selbst ergeben musste und welche ihrerseits von Staaten exorziert wurde, wird exemplarisch greifbar in der Zusammenarbeit von Privatwirtschaft (Suchmaschinen, sozialen Netzwerken sowie weiteren medialen Dienstleistern) und Geheimdiensten insbesondere im Internet. Die Zukunft des Modells Staat ist insofern vorgezeichnet: wenn er in seiner Ausdehnung fortexistiert, dann vor allem als Polizist und Nachtwächter des Kapitals. Für den Faschismus bedeutet dies allerdings nicht die Lösung von seinen Bünden (fascio), sondern die Erlösung von deren Restriktion durch tradierte Horizonte. Der neue Bund schließlich ist eine Multitude, ein sich spontan konzentrierender Mob, ein Schwarm der Masse, der seine neuen Technologien zu nutzen weiß. Die alten Medien übrigens spielen in der Fütterung solcher postmoderner Bünde nach wie vor und trotz neuer Informations- und Kommunikationspfade die entscheidende Rolle: das Kapital hält seine Fasci so wie früher zusammen im Sinne seiner Entwicklungsrichtungen.

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Die erneut exponentiell wachsende klassische Rechte ist neben den von der bestehenden Immanenz abgeleiteten Symptomen Presse und Parlament (Selbstauslieferung der Sozialdemokratie/ „dritter Weg“) also den analysierten Prozessen des postmodernen Kapitalismus zu verdanken sowie den Folgen des Neoliberalismus (Prekarisierung mitsamt Krisen- und Schuldenökonomie). Zu letzteren führte nicht zuletzt die Spekulation mit Zukünften, aus welchen der Finanzmarkt sein Wachstum bezieht. Erneut muss hier allerdings betont werden, dass dies inhärent war bereits im Kapitalismus und damit in der bislang effizientesten Avantgarde des Systems: Kapital agiert per definitionem nicht nachhaltig, sondern der maximalen Profitrate gemäß. Anders gesagt: die kurzfristigen überausbeuterischen Gewinnspannen, die auf dem Altar des totalitären, immanenten Jetzt alle Zukunft opfern, sind nicht erst dem deregulierten Finanzsektor, sondern den wesentlich allgemeineren Mechanismen des Kapitalismus zu verdanken. Der Finanzsektor ist nur aggressiver und offener in seinen Taktiken und spekuliert demgemäß direkt auf die Katastrophe, womit er sein nicht nur metaphysisches, sondern auch apokalyptisches und damit chiliastisches Erbe bereits heute demaskiert. Dieser Chiliasmus gehört nämlich selbst zur Verabsolutierung von Immanenz und zu ihrem Totalitarismus. Was die Konsequenzen sind, ist dabei vollständig einerlei. Zukunft, gerade als Transzendenz, gibt es nicht mehr – sie ist bereits verkauft und damit immanent. Das System ist ein Perpetuum Mobile, dessen Expansionsmuster eine Beschleunigung ist, welche in sich selbst keine Limits kennt. Das einzige Limit für sie wird somit der Planet sein oder die Menschheit, sofern nicht eine radikale, globale sowie hinreichend einflussreiche Unterminierung des Systems stattfindet. Von dieser aber fehlt bis zum jetzigen Zeitpunkt jedes auch nur geringste Anzeichen.

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Denn die Dissidenzen sind kaum und zudem isoliert. Die Linke selbst trägt die Hauptverantwortung für die Abstumpfung aller Waffen gegen das System. Der Westen ferner hat dafür gesorgt, dass der Osten, wie fern er auch sei, seine Modelle der Effizialisierung weiter effizialisiert, wenn er selbst es nicht mehr kann. Politische Zuversicht ist seither nur zugänglich für eine der Spielarten linker Dogmen-Anachronismen, z.B. für den Marxisten – oder aber für jene, die sich offen als kapitalistisch, als liberalistisch oder als rechts bekennen (bzw., im Unverständnis der eigentlichen Bedeutung des eigenen Labels, als „konservativ“). Die einzige Zuflucht für echte Alternativen ist inzwischen deshalb der Rückzug in mikroskopische Versuche von Utopie. Nur sind wir Dissidenzen zu wenige, oder, besser gesagt: wir sind allein und ohnmächtig.

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Die letzte Aussicht politischer Radikalität wäre somit zwar ein Angriff auf systemische Immanenz, v.a. auf die bestehenden Marktpolitiken und ihre chiliastisch-totalitären Evidenzen. Doch die allerletzte nüchterne, entzauberte Hoffnung dessen liegt de facto kaum noch woanders als in Manifesten wie dem vorliegenden und ist demgemäß nicht vorhanden in den Augen der Welt.

Quellen

Für ein Verständnis der Basis waren entscheidend:
Das Werk von Robert Kurz und von Maurizio Lazzarato sowie John Grays False Dawn: The Delusions of Global Capitalism und insbesondere Detlef Hartmann: Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht.

Für ein Verständnis des Überbaus waren wichtig:

Neben Marxismus, Kritischer Theorie und Poststrukturalismus (hier v.a. der Prä-Poststrukturalist Nietzsche für Metaphysik; Vulgär-Marx für die Reziprozitäts-Relation Basis – Überbau; Adorno für die Beschädigung, das falsche und Integrale der Gesellschaft; Foucault für Mikropolitik und Macht) Jaron Lanier: Who owns the future? sowie, ausschlaggebend, Camille de Toledo: Archimondain Jolipunk; confessions d’un jeune homme à contretemps.

Guy Debords La société du Spectacle ist zwar nicht in den vorliegenden Text eingeflossen, beinhaltet aber zahlreiche parallele Analysen und ist eines der wenigen (marxistischen) Werke, welches Dissidenz nicht die Freude am Lesen verdirbt.

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[1] Damit wird sich an keinerlei Vorstellung von Natur oder Naturrecht angeschlossen, auch nicht ans Oxymoron einer „menschlichen Natur“, sondern explizit nur über das gesprochen, was innerhalb des Menschlichen ist: also als Gedächtnis, Erinnerung, Geschichte (d.h. als notwendiger „Zirkelschluss“). Derweil das sogenannte Tierreich, das Anorganische und alles andere, das aus Menschenperspektive, sobald es über diese hinaus ausgedehnt wird, Ursprungsmetaphysik ist, soll hier keinerlei Behandlung finden. Dergleichen wäre, wenn überhaupt, so der Stoff solcher Kunst, die im vollständig Ungewissen lebt. „Das Menschliche“ als etymologische Generalrelativierung wird weiter unten insofern verstanden als Reduktion des Metaphysischen auf die Beschränktheit des Menschen oder als Verbleiben in menschlichen Horizonten. Die Tötung von Menschen wie der mögliche Tod des Menschen dagegen finden ihre theoretische Parallele in einer aggressiven wie illusionären Auflösung menschlicher Beschränktheiten: in metaphysischer Ideologie.

[2] Überhaupt sind dergleichen „Fundierungs“aussagen prinzipiell metaphysisch und daher fern von hier vertretenen Positionen.

[3] Philosophie ist – verschwistert mit Polis-Politik; die gemeinsame Mutter: Athen – die Sublimierung von Religion bzw. deren Rückübersetzung in den Mythos, welcher die erste metaphysische Ideologie war: Philosophie ist Rationalisierung von Mythos. Es ist nun nicht so, dass Philosophie heutzutage tot wäre oder nicht mehr die Königin der Wissenschaften oder gar gänzlich aus der Welt geschafft. Vielmehr setzt sie sich derart uneingeschränkt in den Leben um, dass sie gänzliche Praxis geworden ist, eine Theorie also, die keinen Abstand mehr zu sich selbst kennt. Das System ist somit „Weltgeist“; die Philosophie nur dessen Enzyklopädie.

[4] Das lateinische religio (Bindung einer Sache) hat insofern nicht ohne semantischen Hintergrund eine aktuale Verbindung zum italienischen fascio (Bund/ Bündel). Wogegen die Aufklärung als „Religion“ anschrieb war stets die Verabsolutierung von Immanenz und die absolute Bindung oder der Distanzverlust als größte Gefahren für alles Transzendieren – nicht-dialektische Aufklärung war, so verstanden, bereits anti-faschistische Theorie.

[5] Wo wir das Telos, das Ende oder die Ewigkeit des Systems schon skizziert haben, welche in ihm angelegt sind, dies noch ein letztes Mal als abermalige Notiz zu seiner Emergenz: es soll keine Aussage darüber getroffen werden, wie es von der „Natur“ zum System oder zum Menschen kam, noch wer oder was dafür verantwortlich sei, noch (ob) was aus wem entstanden ist, z.B. das System aus einem „ersten“ Widerstand oder der „erste“ Widerstand aus dem System oder beide gleichzeitig oder vollends anderes. Darüber ist keine Aussage zu treffen, weil es außerhalb des Menschlichen liegt. Innerhalb des Menschlichen aber liegen sowohl das System wie der Widerstand gegen es – davon einzig wird hier ausgegangen. (Logisch derweil, also naheliegend für den menschlichen Geist – innerhalb des menschlichen Horizontes von Erkenntnisfähigkeit – wäre zum Beispiel, dass mit der Routine werdenden Wiederholung des Angleichens als leichtestem Widerstand der Zug des Opportunismus entstand, welcher, als Geburt von Kultur, kultiviert, eingesickert, bleibend und Beziehung geworden, nunmehr zur Identität mit ihrer Lebensphilosophie des Heteronomismus wurde; die zunächst unfreiwilligen Nicht-Funktionierenden bildeten mit der Zeit eine interne Gegenkultur und bald bewusste Widerstände und Transzendenzmomente. So könnte eine Hypothese lauten.

[6] Idealismus und Materialismus als immanente Philosophien sind daher zweimal dieselbe Theorie: dies als kürzest mögliche Erwiderung auf die Kritiken der antiquierten Linken an der postmodernisierten – beide denken monistisch, beide f.g. „hegelianisch“.

[7] Vgl. Identität (lat. idem) als Distanzverlust – Familie (lat. famulus) – Gesetz des Hauses (altgr. oikos und nómos), s. R. Stirner: Erster Versuch von Radikalverantwortlichkeit, v.a. E.I.3. Wie unausweichlich daher die Bekämpfung des Patriarchats wäre für die Bekämpfung des Systems und seiner Identitäten ist kurzum unbestreitbar.

[8] Die zeitgenössische Linke kann überhaupt als externe Dienstleisterin des postmodernen Kapitalismus oder der vierten kapitalistischen Revolution beschrieben werden; so wie die marxistisch-leninistisch-stalinistische Linke ihrer Zeit der zweiten industriellen Revolution auch in „rückständigen“ „unterentwickelten“ Ländern zur Vormacht verhalf.

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