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14.12.17 – 03:46

Zwischen Haut und Fingernagel wird das Getrocknete meines Rückens lagern. Ich musste bohren. Denn mein Rücken blutet schon wieder, unter die Nägel geschoben mal wieder, bis ich sie mir das nächste Mal schneide, und wann wird das sein, in einer Woche? Bohren mit den Nägeln, den kleinen Messern auf den Fingern. Bohren wie nach Öl, doch nach mir, im eigenen Körper, tiefer in ihn hinein, die Löcher werden wie Schwimmringe, Halt im eigenen Blut, ich zeige mit meinem Finger auf meine Wunden, in sie hinein, durchpule Oberfläche, Fläche um Fläche unter die Fingernägel, Inseln Bluts tauchen auf, Bohrinseln, und als tränken sie, saugen gierig meine Fingerspitzen. Bohren muss ich „in mich“, denn ist nicht so, dass ich einfach meine Haut abziehen könnte, als sei ein neuer Körper darunter schon gewachsen, und nur noch eingeschlossen in einem erstarrten Kokon, als sei da schon Zukunft, nein. Ich kann nicht den Vorhang fallen lassen meiner Haut, ich muss mich freibohren, punktuell, mühsam, wie ein Wurm durch einen Apfel auf der Suche nach dem Kern. Es gibt viele Oberflächen, ich habe schon viele passiert, sie kleben nun, unterm Nagelbett, schlafen in Ruhe, die Nägel-Messer sind Decken, und die Oberflächen, sie fangen immer schon zu stinken an, zwischen Händewaschneurose und Händewaschritus, da stinkt es schon, bereits wenn ich die Hände trockne, und eigentlich vergeht er nie, der Gestank nach, vor, in der Oberfläche, den Oberflächen, die mich bevölkern wie Misteln einen Baum, und da denkt man noch, was für ein schöner Baum, wie schön er grünt, dabei ist er tot, das Grün ist Mord und türmt sich auf ihm, mörderisches Grün, türmender Mord, es hat ihn ausgezehrt, den Baum, die ganzen Oberflächen, das ganze Grün. Doch sind sie rot bei mir: und Misteln wachsen mir in den Fingern, doch die Finger sind Nägel, die bohren, sie wollen nichts befestigen und aufhängen, sie wollen wissen, ob da nicht doch noch was kommt, sie sind relativ unersättlich, relativ, eine rotgrüne, fast eine große Koalition, doch meine Hemden sind weiß. Sie bleiben weiß, weil mich niemand kennt, wie sollten sie auch, ich bin ja besser geworden, gut wollten sie mich nicht, „mich“ nahmen sie mir nicht ab, das wäre ihnen auch zu viel gewesen, oder zu schwer, oder zu wenig Abwechslung, das nervt sie schließlich, wenn Dinge gleich bleiben, Vertrauen, das nervt sie, wenn etwas ernst gemeint ist, das ganze Prinzipien-Konsequenz-Haltungs-Ding, das nervt sie einfach, oder nein, das langweilt sie, das finden sie ganz furchtbar unkreativ, da schwillt ihr scheiß Schwanz für eine Millisekunde zu lang ab, das ist ihnen nicht proaktiv genug, den Machos der Sublimation, das ekelt sie daher auch, denn sie ekelt an, was die Lust absinken lässt, und wenn es nur winzig kurz ist, aber das ekelt sie an, also spritzen sie auch nie ab, das würde die Lust regelrecht bis in Ewigkeit töten, da geht es nicht sofort weiter danach, es muss ein ständiges reguliertes Steifbleiben sein, dann grienen sie und erfreuen sich am Maschinengewehr, die Unterschwelligen. Sie riechen nicht! Doch auch mein Hemd ist selten in etwas gebadet, nur gewaschen, kein Schweiß, kein Blut kommt da dran, ich bohre und pule in „mich“ hinein nämlich nur nachts, während draußen der Lärm etwas abebbt, und überall die roten Augen aufscheinen, fiese Glühantennen zur Abschreckung in Höhen, die den Boden unter den Füßen entziehen wie einem Süchtigen, dann durchstoße ich meine Misteln und finde nicht einmal den toten Baumstamm, sondern nichts, nur immer weiter Blut, immer mehr dieses Wühlens in einem Kompartiment meiner selbst, schon schmerzhaft, aber das ist nicht der Punkt, es ist der Vektor, ich bin kein Masochist, ich kann mich nur nicht mehr herausziehen aus dem eigenen Körper mit dem Finger, weil ich nie im Eigenen ankam, ich kann mich nie ausziehen, das ist es, auch wenn ich ganz nackt dastehe, ich fühle mich immer noch so zugezogen, angezogen wie eine Mumie, im Sarg, gefertigt aus Misteln –

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Politik

Notizen gegen den Intersektionalismus

von Rob Stirner

  1. Der Intersektionalismus dreht sich – in den USA geboren, in seinen sich selbst disziplinierenden Spielarten auf Staaten wie die USA beschränkt (England, Südafrika, Frankreich usw.) –, bürger-rechtlich innerhalb der liberalistischen Ideologien des Pluralismus, Multikulturalismus, Kosmopolitismus, nur um Diskriminierung statt um die viel tiefergreifende, nämlich endgültige, irreversible, chiliastische kapitalistische Produktion der Konsumption der Lebewesen wie ihrer Grundbedingungen, insbesondere aber der identitätsfernen und hegemonial entwerteten.
  2. Selbst noch gegen Diskriminierung hat der Intersektionalismus nur falsche Problemlösungen: er reduziert Unterdrückte auf Identitäten, dabei war es stets das Identitäre, das die Unterdrückung bewerkstelligte.
  3. Damit invertiert er lediglich die Diskriminierung – und diskriminiert ausgerechnet gegen Aussagen des Leids, also gegen Verletzlichkeit (bestimmter Menschen der „falschen“ Identität).
  4. Dies tut er, indem er eine Hierarchie oder vielmehr eine Vergleichbarkeit und einen Wettbewerb des Leidens aufstellt: so gebe es „privilegiertes“ und „unprivilegiertes Leiden“. Die Sprachlosigkeit des Leidens, das zumeist ein politisch-ökonomisches ist, wird intersektional also weiter vertieft – das Leiden etwa eines „weißen heterosexuellen Mannes“, ob er sich so identifiziert oder nicht, wird schlicht verleugnet. Auf die Sprachlosigkeit des Leidens wird also zusätzlich seine Zensur gesattelt.
  5. Damit ist der Intersektionalismus nicht nur seinerseits diskriminierend, sondern auch seinerseits exklusiv: ausgerechnet die Leiden der Identitätslosen, d.h. vornehmlich der Tiere, der Psychopathologisierten und der Dissidenzen, werden ausgeschlossen.
  6. Seine spezifische Diskriminierung bestimmter Identitäten stattdessen fetischisiert der Intersektionalismus. Weil er eine nicht-konkrete ebenso wie nicht-betroffene Theorie ist, muss er sich, wie einst der Marxismus sein Proletariat, sein revolutionäres Subjekt außerhalb seiner selbst konstruieren; und weil er außerdem akademisch ist, muss er dieses Subjekt bürokratisieren und quantifizieren, d.h. des Individuellen entheben und zu einem Nenner in Statistik oder Wahrscheinlichkeit umdeklinieren. Im Unterschied zum Marxismus allerdings hat sein revolutionäres Subjekt schon in der Theorie nichts Revolutionäres, weil es – sogar betontermaßen – keinerlei Universalität hat, sondern nur die Borniertheit einer bestimmten Gruppe, die teilhaben will.
  7. Was so am explizitesten und gleichsam am schmerzlichsten ausgeschlossen wird, ist bewusste, entschiedene, autonome, moralische etc. Widerständigkeit, Gegenaktion, Transzendenz und Utopie, kurzum Dissidenz, also die einzige Größe, die über die Identitätspolitiken und -ökonomien hinausginge und damit die letzte antipolitische Hoffnung als letzte Radikalität – ein Ausschluss, der überall schon immer stattfand, von Mitte über Links bis Rechts, und der in die Resignation und Hoffnungslosigkeit aller politischen Veränderung geführt hat.
  8. Besagte Dissidenz wird zudem darauf reduziert, „Privileg“ zu sein, als sei etwa „eine schwarze Lesbe“ nicht dazu fähig, über die Bekämpfung von Rassismus und Homophobie hinaus eine universale Ethik und universal emanzipatorische Aktion zu vertreten; als sei, kurzum, niemand mehr als seine (oder ihre, etc.) jeweilige „Identität“. Streng genommen könnte so etwa kein Weißer gegen Rassismus sein, und die Unterdrückten wären auf sich selbst zurückgeworfen und wieder zum Verstummen gezwungen wie seit je.
  9. Der Intersektionalismus verleugnet dergestalt überhaupt Radikalität ebenso wie Solidarität (unter den Ausgebeuteten, Leidenden, Unterdrückten usw.), unterstützt stattdessen das Grundproblem des Identitären und will nur alle gleichermaßen partizipieren lassen, statt das, woran zu partizipieren sei, umzustürzen. Kurzum: der Intersektionalismus ist Teilgebiet des integralen Systems totalitärer Immanenz.
  10. Deutlich wird selbiges, erneut, gerade in der inflationären Verwendung der Diskreditierung „privilegiert“. Was der Intersektionalismus mit diesem Wort ironischerweise reproduziert, ist das Anschließen an die allgemeine liberalistische Zelebrierung des Westens, derzufolge es für die meisten im Westen selbst keine wirkliche Armut gebe (im Vergleich…) und kurzum kein wirkliches Leiden. (– Auf Postmodern-Links sagt man das so: „Du beschwerst dich? Das ist doch nichts, du bist privilegiert, sei still.“ Auf Mitte so: „Wir können dankbar sein, dass es uns derart gut geht, sieh dich doch andernorts um.“ Auf Rechts so: „Unsere Ökonomie ist besser, wir sind besser, die Anderen leben auf unsere Kosten.“ –) Das Grundproblem im Westen sei auch laut Intersektionalismus kurzum nicht das politisch-ökonomische, sich globalisiert habende System, sondern die Diskriminierung lediglich gegen Minderheiten. Was damit vollends seines Problemcharakters beraubt wird, ist die Ökonomie selbst oder der Kapitalismus. Wenn allgemein behauptet wird, das eigentlich Schrecklichste sei nicht die Totalität in ihrer umfassenden Gesamtheit, sondern spezifische Diskriminierungsformen, so wird dem Ganzen seine wichtigste Apologie geliefert: dass es im Grunde, von einigen internen Fehlern abgesehen, ganz gut sei.
  1. Dies wiederum unterstützt von Neuem die Diskriminierung gegen Dissidenz, d.h. gegen großflächigere Hoffnung selbst als Radikalität. Unter wessen Bann nämlich alle ausnahmslos stehen, ist der forcierte Opportunismus kapitalistischer Logik – jener Opportunismus, der alle Identitäten unter dem einen Dach kapitalistischer Totalität versammelt, d.h. sie in es hinein partikularisiert. Kapitalistischem Opportunismus allerdings sich möglichst zur Wehr zu setzen, ihn anzugreifen, wo es nur geht (statt integral zu verfahren), ist heute die wichtigste Aktion für alle Lebewesen wie ihre Grundbedingungen. Was somit ausstünde, stünde Besseres aus, wäre nicht eine Abschaffung des „Privilegs“, sondern seine Universalisierung. Erst unter seinem Vorzeichen nämlich lässt sich aufs Ganze konzentrieren, ohne welches keine Partikularisierung, vom Rassismus über den Antisemitismus bis zum Sexismus usf., verstanden werden kann. Das Ganze aber ist seit jeher die verselbstständigte Identitätspolitik des Gewaltkomplexes herrschender Herrschaft.

PS 1: Das Leiden der Dissidenz ist ein Leiden an jener Totalität – es ist ständig und allgegenwärtig. Wenn Dissidenz aber nicht ein Minimum an forciertem Opportunismus selbst praktiziert, wird sie, wie alle, ihr Privileg durchaus verlieren: wer nicht arbeitet, wer kein Geld hat, darf auch nichts essen, darf auch nicht leben, muss sterben. Nicht sterben zu müssen und doch ständig zu leiden, ist somit das gesellschaftlich verschickte Schicksal an Dissidenz. Es, das Leiden der Hoffnungen, zu verleugnen, kleinzureden oder zu belächeln, ist daher nicht nur bösartig, sondern Identifizierung mit dem Status Quo in seiner Gesamtheit. Dieser Schuld macht sich der Intersektionalismus schuldig – diesem Konformismus konformiert er sich. Zumindest, sofern er die Entscheidung zwischen Opportunismus (Identität) und Dissidenz nicht mit in sich aufnimmt – und wie sollte er, funktioniert er doch identitär statt dissident.

PS 2: Das Problem ist nicht nur der Weiße, sondern es ist Rasse, Ethnie, Volksgruppe. Das Problem ist nicht nur der Mann, sondern es ist das Patriarchat. Das Problem sind nicht einzelne Partikularisierungen der Arbeitsteilung von Totalität, sondern das Problem ist – die Totalität. Sie ist totalitär (total) und totalitaristisch (totalisierend). Das Problem kurzum ist Herrschaft, deren bislang effizientestes, weil zum Zweck an sich selbst gewordenes Mittel das Kapital ist. Mit ihm hat sich eine neue, wesentlich homogenisierte globale Totalität herausgebildet: der Kapitalismus. Dieser ist nicht der Grund allen Übels – aber die heute effizienteste und weiter expandierende Ausformung dessen.

PS 3: Ein nicht-identitärer Intersektionalismus müsste, weil er alle Diskriminierung wie Schlimmeres (Massenmord des Hungers, nicht zuletzt als kapitalistischer Rassismus) und damit auch deren wichtigste Ursachen zu behandeln hätte, selbst Totalität untersuchen – schon, um nicht in die Identitätsfalle mit ihr zu treten. Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Diskriminierung gegen Alter, Behinderung, Dissidenz, Tiere usw. könnten nur adäquat und damit radikal untersucht werden, wenn sie in den Kontext von a) Herrschaft (auch Gewalt und Ideologie) und b) Kapitalismus gestellt würden. Ohne diese Kontextualisierung kann keine dieser Kategorien oder ihre eigentliche Wirkungsweise wirklich verstanden werden; der liberalistisch-akademische „Differenzierungs“imperativ ist ein falsches Bewusstsein von Differenz (falscher Konkretion) in einer Totalität totalitärer Gleichschaltung. Es muss darum gehen, gemeinsam die gemeinsame Unterdrückung zu analysieren und zu bekämpfen – und wo sie nicht gemeinsam ist, sich miteinander zu solidarisieren.

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