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In der Vorhölle: Mitglied der reichen Peripherie.

Aus: ,,Sie gibt Dir ein Lächeln“ (Drama und Spielen mit Publikum), 2. Akt, Szene gegen Ende.

Personen:
Finn
Mia
Kira
(von ,,Mia“ gespielt)

Szene: Mia spielt dem Publikum das Innenleben ihrer jüngeren, sehr guten Freundin Kira vor, kurz bevor diese sich umgebracht hat. Finn kommt hinzu und geht auf sie ein (und spielt für ,,Kira“ Mia).

(…)

Mia: Wenn du den Zug verlassen hast, den Bus, in dem sie saß: Sie nahm dich ganz eng ins Auge – ergriff den letzten Augenblick, in dem du sie sehen würdest – man sieht sich immer nur einmal. Sie nimmt dich ins Auge und grinst, sehr breit, und hofft, daß du für sie auf der Stufe hältst, vielleicht verblüfft, und die Drucktür sich schließt und nicht mehr zu öffnen ist; du deinen Ausstieg verpasst, und deinen blöden Termin. Ich weiß nicht, ob das denn jemals passierte. Sie gibt dir ein Lächeln. – Also ecce, das ist lateinisch für „seht“ – ich wünschte, ich hätte kein Abitur. Ecce: das ist Kira.

(…) Ja, Finn, fast meine Liebe, geh‘ doch bitte von der Bühne, Kira war allein.

Finn geht ab. Mia verwuschelt sich zu Kira.

Kira: Ich bin so allein. Sie lacht. Ja, das ist schon lange nichts neues und es gefällt mir. Ich sitze so in einem Viertel, bin selber nichts Ganzes, das läge mir fern. Da geht der Kiez vorbei, der da spricht mich an (sie macht den Mann mit tiefster Stimme nach): „ Duuu, Solltest du nicht in der Schule sein?“ Kira hustet. Ich: „ich habe Semesterferien.“ – Jaha (sie blickt dem imaginären doch sehr wirklichen Mann hinterher, der weggeht) – ich bin erst siebzehn, jap. Also G8, G7 bald – gefiel mir fast: schneller raus aus den zwölf Kreisen der Vorhölle, doch bloß, um eher Häftlingin im ersten Höllenkreis zu werden. Eine Frau mit Kinderwagen (wieder nachmachen): „Ach, Sie sind doch noch ein Kind, warum rauchen Sie?!“ – „Weil ich nie eines sein durfte. Madame, lassen Sie alle Hoffnung fahren!“ – „Und betrunken ist das Ding auch noch, so früh am Morgen.“ – Sie lässt alle Hoffnung fahren und fährt mit dem Kinderwagen davon … „Madame, ihr Kind ist keine Hoffnung, das war so nicht gemeint! – Am wenigsten das Ihre!“, rufe ich ihr hinterher. Ha! Einen Mittelfinger streckt die junge Mutter nach mir aus, fast emanzipiert, würde ich das nennen, wollte sie das. … Ich sitze hier also, geflogenes Obst konnte ich frühstücken, warm hatte ich es, ein sauberes, ein gutes Klo konnte ich besuchen, rasieren hätte ich mich können, mit einer frischen Klinge – wenn ich so etwas täte. Was in Europa Mode ist und aus Bangladesch kommt, zog ich an. Ich rauche hier im Wedding und niemand denkt: die gibt das Geld doch nur für Drogen aus. – Sofort hat man mich klassifiziert. Meiner trotz Elend noch erbärmlich weichen Haut wegen machen die Älteren es zwar falsch, denken: Kind, das heißt: ohne Scham, ja ganz unverschämt zu diskriminieren, noch nicht gelogen mündig. Die jüngeren rasierten Linken da: die sind effizienter. Denken: Studentin, nicht arm sondern faul, hat es nicht nötig, sondern macht sich attraktiv, für den Penis, ja, es funktioniert! – So, jetzt wissen Sie also viel zu viel Nichts über mich! Deswegen denke ich jetzt an mich, nur an mich, über mich nach, nur für mich, das geht fast niemanden etwas an.

Sie denkt eine Weile über sich nach. Finn geht vor der Bühne vorbei.(…)
Finn will abgehen, doch erblickt seinen Blick auf Kira, blickt sie dann länger an. Dann stürzt er unvermittelt auf die Bühne, stolpert und fällt vor Kira nieder.

Finn (hat schnell Tränen in den Augen): Kira! Kira, du lebst ja, jetzt lebst du ja –

Kira: – … Finn, Finn?! Was machst du hier im Wedding? Du bist doch mit Sofia in Mia, ähm, ach mit Mia in …

Finn: Ja, war ich auch und du, du hast … du hast dann, währenddessen …

Er beginnt zu Schluchzen.

Kira: Ach ja, ja, ich habe dann wohl, habe mich dann wohl …

Finn: … Es ist ja erlaubt, es ist ja okay, aber ich will es nicht, du hättest nicht, wir liebten doch, du, du hast nicht, kannst du nicht – tu’s nicht!

Kira: Ja, du. Bitte geh‘ doch wieder. Ich wäre gern allein.

Finn: – Aber sag mir bloß, warum hast du dich dann?

Kira lächelt.

Kira: Finn, das weißt du. Weil ich zu schwach gegen alle die war, die mir so gerne wehtaten und das sind alle. Weil ich Mitglied der reichen Peripherie bin und schon Spanien und Griechenland sich aus den richtigen Gründen umbringen, vor den Augen meiner reichen Peripherie. Weil ich zu schwach war, immer schon um das Alles auszuhalten. Weil ich nicht drüber konnte, jedenfalls an einem Tag dann viel zu wenig. – Finn, bitte geh‘ doch jetzt. Jetzt geh‘! In Dialogen verrate ich mich doch! Sie grinst schief.

Finn: Ja … Ähm …

Kira: Ach, nein bleib! Ich bin ja dann da runter gesprungen und hätte mir gewünscht, nocheinmal – klar wie Dotter ist’s Klischee – ja mit Mia zu sprechen. Mit Dir nicht dann. Du bist doch noch so sehr wie ein Geschlecht gewesen, damals …

Finn: Das tut mir weh.

Kira: Entschuldige … vielleicht ja jetzt nicht mehr?

Finn: Nein.

Kira: Gut. Aber ich spiele ja jenen Tag. Und an jenem wünschte ich mir, noch einmal mit Mia zu sein. Spielst Du sie, bitte? Du bist doch Schauspieler für die da. Bist du’s bitte hier jetzt einmal für mich? Finn – der September 2013 mit dir war schön …

Finn (muss lächeln): Da waren wir uns wirklich nah, nicht? Beinahe, bei Bier.

Kira: Ja. Wir hätten wirklich auch zu Liebe finden können. (Sie widerspricht sich selbst:) Nein. Ich liebte auch Dich.

Kurzes Päuschen.

Finn: … Ich liebte dich auch.

Beide lächeln. Dann sprechen sie unisono und verfreundschaftet feindlich-gesotten zum Publikum:

Beide: Freundschaftlich, wir meinen es freundschaftlich.

Sie lachen etwas, füreinander.

Kira (verschmitzt): – Also wirklich, ist mit Dir hier nichts hetero auf der Bühne hinzubekommen?

Finn: Nein, nicht mehr, mit dir etwa?

Kira: . … … – Also spielst Du mir Mia?

Finn: Ja klar.

Kira (lächelt so dankbar): Ja, danke, danke. Du bist Mia.

Finn ist Mia.

Kira: Ja. Also so wäre das vielleicht gewesen, eine Stunde vor meinem Sprung, hätten wir uns gegenüber gesessen:

… – Kannst du? Kannst Du? Kannst du mich berühren? Streck‘ deine Finger aus. (Sie haucht einige Male, als ob sie spreche.) Versteh‘ mich nicht! Versteh‘ mich nicht! Auch nicht, wenn ich dich bitte! Ich glaube, du kannst nur tun, was ich möchte, wenn … ? – nein, ich meine – du kannst mich nur treffen, wenn du mich nicht verstehst. Versteh‘ mich nichtmal! Nur so glaube ich deinen Fingern, sollten sie gleich tatsächlich kommen. Oder nicht gleich! In Stunden! Wenn alle ihrer Kette nach Hause gefolgt sind: das Publikum. Lass‘ alle erkalten! Lass‘ dich erkalten. Lass‘ mich erkalten. Dann sickere in mich ein wie ein Eiszapfen abtaut, vom warmen Regen. – Iss‘ Deine Wörter auf! Iss‘ meine Wörter auf! Verdau‘ nicht – Nervöse Bulimie – zittere!
Wir haben uns alle zu erbrechen.
Wir brechen alle einander zu. Was bist du mir wert! – Unsere Freundschaft hängt an Reiß-zwecken; wir verbrennen gemaserte Rahmen, krank. Krank reißen wir einander zu Zwecken zusammen! Reiß‘ mich langsam – zieh mich zäh‘ zu Pech – deinem Pech, das ich bin, wenn du jetzt – warum nicht jetzt?! Jetzt! – weil es egal ist, könnte es gehen! – (sie redet ruhiger, ruhiger …) … gib mir deine Finger. Vergiss‘ daß ich frage. Ich fand nie etwas besseres als die Frage … „Ja“ in Ruhe und „gib‘ her!“ sind … – ich bin die Einsamkeit! und alles zäh wie Pech! mit Federn bürste ich Blut unter die Fingernägel – Kannst Du? Kannst du mich berühren? Streck‘ deine Finger aus. Deine Zunge ist eine Trauerweide. Meine Zunge ist eine Küchenschabe. Sie spricht so recht viel Unsinn! Wie die Schabe trägt sie einen Namen, sie trägt einen Namen, wie die Schabe den der Küche – unfreiwillig! den der Küche; einem Ort, der ihr nichts sagt; bloß Nahrung und Geschmack. Meine Zunge – hat verstanden, daß du verstehst. Wäre ich nicht so ruhig (sie trinkt Wein – vorher beschriebenes indiskretes Requisitenspiel –, in kleinen, langsamen Schlücken, ohne abzusetzen, ruhig, atmet hörbar ins Glas) – stürzte ich meine Schabe auf deine Trauerweide – und machte Kratzgeräusche wie über Parkett – schlüge Rillen und zupfte wie Regenwürmer: die Sätze, die ich niemals hören kann. Niemals hätte ich Gehör für dich, wenn du mir etwas sagtest, das ich verstünde. Eine Stunde noch – dann ist wieder alles geschehen. Das ganze Elend: ihnen allen Ellipse, meine Epilepsie – du kannst? Kannst du? Kannst du mich berühren? Streck‘ –
Kira quietscht und zerquetscht sich die Augen und die Stirn, fährt sich durch die Haare; sucht sich zu ent-anstrengen.
Mia will sie dann endlich anfassen, saß Kira vorher als Bejahung gegenüber.

Kira: Nein, Mia, das reicht schon. Ich habe sprechen dürfen darüber, wie schwer es war, selbst mit Dir. So schwer, überhaupt irgendwie zu leben. Es ist niemand da, es ist niemand da. Bloß Mörder und die Ermordeten schaffen zu Viel nicht. – Finn … ich gehe jetzt nocheinmal weinen.

Das letzte sagt sie mit dem Rücken schon zum Publikum und geht sehr leichten sogar federnden Schritts von der Bühne. Sie weint im Off, unhörbar. Finn raucht nervös. Nach einer ganzen Zigarette – hier soll wirklich sehr langweilend pausiert werden – kommt sie wieder, geht an den Bühnenrand und bringt sich um. Springt zum Beispiel runter, meinetwegen kann mensch das noch ein bisschen expliziter machen. Finn raucht daraufhin extrem irritiert, geschmerzt und ist am zerbrechen und hält sich an der Zigarette fest. (…)

Standard
Politik

Eine Polemik gegen Rechte wie Linke und für herrschaftsfeindliche Politik

von Rob Stirner

lichtung

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

Werch ein illtum

(Ernst Jandl)

 

„Unter den Bärten aber – und das war die eigentliche Entdeckung, die K. machte – schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig hinuntersah.“

(aus Franz Kafka, Der Proceß, Zweites Kapitel)

 

Dies ist eine Beendigung des Kadergewissens. Dies schreibt eine, die von Rechten und wohl auch vom kläglichen Rest „der Mitte“ als linksradikal bezeichnet würde. Dies schreibt eine, die Herrschaft und Gewalt bedingungslos bekämpft, d.h. im Speziellen heutzutage v.a. Kapitalismus und Faschismus mit ihren Staaten und Märkten; d.h. u.a. Sexismus, Speziesismus, Rassismus; d.h. die Figuren der Familie (famulus) und die Mechanismen transzendenter wie immanenter Religionen, also die Mechanismen des Verselbstständigten, der politischen Perseverationen, der ideologischen, doch handfesten Gespenster; d.h. letztlich die Bedingungen und Funktionsweisen von Poleis, von Gruppen, Klassen, Kulturen – in den direktesten wie in den abstraktesten Formen. Kurz, es ist ersichtlich: was bekämpft wird, ist in der Mehrzahl und kann nicht einfach „aufgezählt“ werden. Vielmehr muss die „Linksradikale“ sich, in ihrer notwendigen Radikalisierung, auch und vor allem gegen die Praxen, Theoreme und Theorien der Linken wehren, welche ihrerseits rechts sind, was hier so viel heißt wie: herrschaftlich, gewaltvoll, ideologisch. Die vorliegende Streitschrift begehrt daher auf insbesondere gegen die kollektivistisch-identitären, d.h. die heteronomistisch-opportunistischen gemeinsamen Nenner von Links wie Rechts – aufbegehrt wird dabei utopisch, gen Utopie, gen Dürfen und Können, als Utopisierungsversuch. Aufbegehrt wird somit, weil Herrschaft herrscht, und dies totaler denn je; aufbegehrt wird von Seiten der Dissidenz, der Paria, der Outcasts; von Seiten der Ohnmächtigen, der Flüchtenden[1], der verlorenen Posten – der entschieden Differenten und entschiedenen Differenzen. Das Bedürfnis und Ziel dieser Streitschrift ist derweil ein positives: sie will Schaffung von Diaspora, von Gastfreundschaft im Exil, von Freundschaft und Freundlichkeit trotz allem und gegen das meiste; Schaffung von Gründen fürs Weiter des Gegen, fürs Weiterkämpfen, von (auch sich selbst) aufklärendem Widerstand, von Radikalitäten. Ja, letztlich will dieses „Pamphlet“ und braucht seine Autorin nicht nur eine bessere Welt, sondern eine Welt, die so gut ist wie möglich. Alles andere, alles, das weniger will, wäre in der gegenwärtigen Tendenz des Systems auch weniger als hinreichend, nämlich mehr als tödlich.

Polemik als deskriptiver Stil

Dabei ist polemisch, was kommt, weil es adäquat ist mit dem, was es beschreibt. Zunächst polemisch nämlich ist die a- und antagonistische Welt, in welcher wir leben. Primär, weit diesem Text hier vorauseilend, ist der tägliche Kriegszustand der Leistungs- und Lohngesellschaft polemisch (kriegerisch), der Kriegszustand kapitalistischer Logik, welche ihre eigenen Prämissen täglich aufs Neue reproduziert. Ihre Konklusion war stets schon mörderisch, nimmt nunmehr aber zusätzlich immer sichtbarer global-suizidale Ausmaße an. Krieg (polemos) allerdings wurde nicht vom Kapitalismus erfunden. Dieser führte ihn nur, mit seiner mikro- und makroskopischen Behandlungsmethode, in jedes Atom gleichermaßen wie in den menschlichen Gesellschaftskörper als Totale ein, als Totale, welche alles durchzieht – vom abseitigsten Refugium bis in die „internationalen Beziehungen“, in die tiefste Tiefe und weiteste Weite also, von der privaten Intimität bis in die öffentlich zugängliche Wüste und Verwüstung. Kurzum, der Krieg wurde effizialisiert vom Kapitalismus, bis die beiden leistungsstark genug wurden, jeweils mit oder auch ohne den anderen die ganze Erde zu verschlingen. Dabei gab es Krieg selbst im Intimen der Personen und in den Wüsten des Planeten schon sehr lange bevor sich hinreichend entfremdet wurde, um eine fixe Idee wie das Kapital zum Universal-Diktator über Wert und Unwert zu machen. Nun soll hier keine Genealogie oder irgendeine anderweitige Ursprungsforschung folgen. Dass Krieg nicht auf Kapitalismus reduziert werden kann erklärt eher schon, warum das zu Kritisierende sich nicht derart einkreisen lässt, wie einige Linke das gerne vormachen. Es erklärt, dass besagter Kreis einer ist, in welchem die Linke selbst gefangen sitzt – ein Kreis kurzum, dessen Durchmesser linke Axiome so sehr durchschneidet wie rechte.

 „Die Mitte“ und die Kultur

Dass derweil jener, welcher sich scheinbar im Gegensatz dazu für unpolitisch hält, am tiefsten der flachsten Ideologie verfallen ist, schon mit seinem „Axiom“, es gäbe so etwas wie eine politikfreie Sphäre, muss nicht weiter elaboriert werden. Ebenso ist keine ausführliche Beschäftigung mehr nötig um festzustellen, dass „die Mitte“ so wenig unideologisch ist und so sehr rechts und extrem wie die wirtschaftliche Rechte – erstere als Grundlagenverteidigerin des Herrschenden, vom Patriarchat über die Kriege aller gegen alle bis zu ihren Institutionen der Toleranz (nur) gegenüber dem Bestehenden, welche „Diskriminierung“ im wörtlichen Sinn ausmerzen wollen, also Unterschiede jedweder Art; letztere als „libertäre“ Dammbrecherin für die nächste faschistische Flut. Vor allem aber soll sich hier nicht aufgehalten werden damit, mehr als zu erwähnen, dass „die Mitte“ zusammen mit den Marktfundamentalisten (Wirtschaftsrechten) das Todesurteil unseres Planeten oder zumindest jenes seiner menschenmöglichen Bewohnbarkeit unterschreibt, nämlich indem sie ihr gesamtes Selbstverständnis und damit sich selbst in den Kapitalismus legt – wodurch gerade besagte sich so extremfrei gebende „Mitte“ den endgültigen Verkauf von „Kultur“ und „Zivilisation“ fatalisiert, insbesondere aber die Verhöhnung ihrer eigenen Moral und aller Rechtsstandards mittels globalisierter Praxen: bei gleichzeitig wachsenden technischen Vernichtungspotenzialen. Kurz, die internationale Hypokrasie der Mitten, der totalitaristische Fundamentalismus der kapitalistischen Avantgarden und die strukturelle Fanatisierung der Peripherien (ihr Rückfall in Religion) sind ein und dasselbe Phänomen – ein Kampf nicht der Kulturen, sondern die Kapitulation emphatischer Kultur überhaupt, nämlich ihre Kapitalisierung und damit ihre Konfiszierung. Kultur ist in der Folge bestenfalls noch die zweite Seite der Doppelzüngigkeit, der Eskapismus vollends verkehrter Welt(-sicht), die ästhetisierend-anästhesierende Begleitmusik zur Apocalypse now, die systematische Unbedarftheit im Angesicht der mit Sicherheit kommenden, weil sich bereits auswirkenden Katastrophe. Im schlimmsten Fall aber ist Kultur außerdem Entwicklungshelfer statt Hemmnis der gesellschaftlichen Tendenz, die gruppennarzisstisch-todestriebliche Legitimation des vorwärtsschreitenden Chiliamus, der sich feuerfest glaubende Brandstifter in globalen Verhältnissen der Dürre. Doch hat diese „Mitte“ dergleichen und damit Verbundenes noch nie durchschaut, womit sie stets verliebt war in den Hofnarren der jeweiligen Tyrannis, heute aber in das Unterhaltungsprogramm der untergehenden Titanic. „Die Mitte“ ist und war stets nicht nur ein kapitalistisches Produkt, sondern zugleich das Fundament der kapitalistischen bzw. einer älteren (kulturidentitären) Rechten. Zu dieser „Mitte“ zählen, um endlich alle Missverständnisse auszuräumen, neben gemäßigten Christoblaten die ganze (einstmals existierende) Sozialdemokratie inklusive Gewerkschaften und Keynesianismus, die „Linksliberalen“, Parteiökologen sowie alle sonstigen „Reformer“ (wozu in Deutschland z.B. auch die Mitte-Fraktions-Parlamentarier „Der Linken“ zählen, wie spätestens auf Landesebene ersichtlich wird). Dass Wählen mitsamt der restlichen Republikformalia damit nicht als Politik im radikalen Sinn missverstanden werden sollte, liegt auf der Hand: das Urnenvotum wird allerhöchstens noch Reaktionäres verzögern, während die ökonomischen Beschleunigungen in den Abgrund überhaupt parallel zu demokratischen Kulten und demgemäß von ihnen unberührt vonstattengehen.

Die einzigartige Bedeutung der Linken[2] fürs System

Die Linke ist die fürs Gesamtsystem nicht unerlässliche, jedoch hilfreiche Ergänzung, zunächst als solche der Rechten sowie, wenn ihre Theorien durchgekommen und durchgesickert sind, als jene des restlichen Gesellschaftskörpers, nächstens aber der Mitte. Denn was weder die Rechte als mörderisches Feindbild haben kann[3] noch die Mitte[4], das ist der heimliche Sündenbock und das offene Angriffsziel der Linken. Zum einen ist es die irreduzible Andersartigkeit (beschrieben von ihr als „Individualismus“, „Monade“, „Eiland“, „Robinsonade“, „Bürgerlichkeit“), zum anderen die Dissidenz, d.h. der alleinstehende erfahrene selbstbewusste entschiedene unassimilierbare Widerstand (von ihr denunziert als „elitär“, „privilegiert“, auch als „unpolitisch“ oder gleich als verschiedentlich „Böses“). Nichts nämlich hasst die Linke (der Zoowärter bzw. Tierarzt des zoon politikon) so sehr wie Singularitäten, Ausnahmen, Einsamkeiten, Außenseiter, Privatpersonen, Eigenbrötler (idiotes). Das Feindbild der Linken ist demgemäß immer die Minderheit („we are the 99 %“). Dies entspringt theoretisch dem Grundirrtum, der Herrschaft personalisiert und die Mächtigsten für mächtiger als Herrschaft hält[5], praktisch aber dem Linken-Votum für die Polis, also für die Trägerin von Herrschaft selbst.

Damit wäre die Linke die perfide, die Mitte die naive, die Rechte die logisch-logistische Beseitigung der Dissidenz, des hartnäckigen Singulars, der renitenten Resistenz und radikalpolitischen Akteurin. Diese Rolle nimmt die Linke aber nicht ohne arbeitsteiligen Hintergrund ein; sie tut damit, was sie am besten kann, d.h. worauf sie sich spezialisiert hat. Die Rechten nämlich (und auch ihre Mitte-Stellvertreter) sind und können nur gegen Identitäten bzw. ihre Identitätsprojektionen eingestellt sein: sie vernichten, in jedem Sinne zwingend reduktionistisch, andere Ethnien, Geschlechter, Wirtschaftssubjekte, Lebensmodelle. Damit vernichten sie Dissidenz zwar gleichsam mörderisch, aber eben nur indirekt, nämlich nicht als Dissidenz, sondern z.B., im Falle von Wirtschaftsrechten, als nicht Zahlfähiges und damit zu beseitigendes Nicht-Wertes. Die Linken indessen sind die eigentlichen Revolutionierer der Ideologie: ihnen, als Intellektuelle, ist das bloße Umsetzen oder Wiederholen nicht genug. Sie müssen, was ist, vielmehr theoretisch verfeinern, vertiefen, verkomplizieren, sublimieren; sie müssen ihren Spaß daran haben; sie müssen sich ein Spiel daraus machen. Sie also sind es, die dazu dienen, die Anti-Identitäten, die Dissidenzen, die Gruppenlosigkeit, die überall Anderen als solche zu kennzeichnen und zum Verstummen zu bringen – etwa indem selbige ihrer Intelligibilität beraubt oder schlicht geleugnet werden (mehr dazu gleich). Beide aber, Linke wie Rechte, sind Kollektivisten; und beide sind sie nicht zuletzt dem Kapitalismus bedeutsam – die einen als Konservierer der Verhältnisse, die anderen als (zunächst theoretische) Weiterentwickler ihrer. Dank beider erst ist der Kapitalismus-Kollektivismus damit flexibel, nämlich identitär genug, um unaufhaltsam weiter zu expandieren; Links und Rechts sind dialektische Produkte, welche das Angebot an Identitäten gemeinsam einander vervollständigen. Die Rechten sind dabei einfach zu falsifizieren oder zu verneinen: es lässt sich schlicht abstreiten, dass die „menschliche Natur“ egoistisch sei oder dass Juden gierig oder Moslems faul bzw. islamistisch seien etc. etc. – Rechte stellen lediglich meist einseitige unterkomplexe nicht einmal alberne Thesen auf. Linke dagegen haben Theorie; sie haben Dialektik. Sie sind die Eingeschworenen, deren Dogmatik ein komplexes, lückenloses und allesbegründendes System bildet, das äußerst feinmaschig und intern interdependent ist: vollends eine komplette Identität eben. Kurz, Linke sind Kainsmalverteiler („du hast deine Schwester getötet, indem du desertiert bist!“). Sie suchen den Schuldigen am liebsten in den eigenen Reihen.

So werden, in neueren Perversionen der Macht von Links, Aussätzigen-Ausweise verteilt, die den Judenstern-Distributionen der Rechten nicht umsonst analog sind: z.B., indem die Kritikerin des US-Imperiums als Anti-Amerikanerin „entlarvt“ wird (vor Trump…); indem die Stellung gegen die gleichgeschaltete Medienlandschaft als Pegida-Populismus „aufgedeckt“ wird; indem die Antikapitalistin als Verschwörungstheoretikerin „durchschaut“ wird; indem Kritik sowohl am Monotheismus wie an Israel oder allgemein am Zionismus als antisemitisch „entpuppt“ wird; usw., usf. Es geht der Linken dabei stets um die generalisierend-essentialisierende Verunglimpfung jener, die sich nicht dem eigenen Weltbild zurechtschneidern. Anders gesagt: es geht immer darum, die heimliche Eigentlichkeit eines Bösen bloßzustellen, das seinerseits von böser Absicht verdeckt werde; es geht um „Psychoanalyse“, um Pathologisierung. Letztlich also geht es damit um Exorzismus. Die Linke Denunziationspraxis „Der da, das ist ein Kain!“ wird aber nicht nur willkürlich an Ausreißer oder Außenseiter verteilt, sondern auch strukturell denen aufgebürdet, die am radikalsten das Bestehende attackieren. Das Selbstverständnis des Linken nämlich ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – v.a. insofern er sich diese Geschichte selbst ausgedacht hat, während seine Geschichtsphilosophie doch von der Reaktion gestohlen ist. Besagte richtige Seite aber ist, gerade für die Linke, eben die Seite einer Polis, einer Mehrheit, einer Identität, womit das blutige Spiel der Rechten mitgespielt wird, nämlich als Spielpartner, als Antagonist auf dem Schlachtfeld, über welches seinerseits gegenseitiges Einvernehmen besteht – statt als Hinterfragung der Spielregeln oder von Regeln allgemein. Wer Kain ist, ist damit Kain für die Linke, weil er auf der falschen Seite steht, nämlich gegen die Geschichte, gegen die Gesellschaft, gegen die Tendenz und die Geschichte, gegen seine eigene Integration. Wer nicht nur marginalisiert wird, sondern wer nicht Teil werden will des Zentrums der Macht, gilt der Linken, die selbst Polis-Politikerin ist, sofort als verdächtig: „da muss etwas Anderes dahinterstecken; niemand würde auf Macht freiwillig verzichten; hier steckt doch das Rechte drin“, denkt der Linke übergangslos. Wer sich nicht integriert in den linken Himmel, kann kein anderer sein als der Teufel – und der Teufel ist allein, der Teufel ist ein Einzelgänger, ein Idiot, ein Individualist: das Schreckgespenst aller linken Gespenster, die international herumgehen.

Demgemäß wird auch (die Stimme der stimmenlosen Kollektive für sich in Anspruch nehmend, für die Ermächtigung der Subalternen, der Nur-Noch-Nicht-Mächtigen) das „identitär Privilegierte“ per se und ohne Differenzierung angegriffen, weil es am wenigsten in seinem spezifischen Identitätskampf und am ehesten universell, also radikal-ethisch, denken und handeln kann – d.h. weil es sich entscheiden kann zu seinem Kampf, weil es eine Entschiedenheit über Machtgewinnung hinaus ist. Die Linke wird damit die Verfolgung entschiedenen Widerstands und der Versuch, ihn zu zerschlagen – eben, indem sie nicht einmal das Gute, sondern schlicht das Ausstehende für sich annektiert hat und es seither theoretisch kolonisiert, elementar beanspruchend, ein Raubbau am Potenzial des Politischen.

Weniger scherzhaft gesagt als es klingt, und mehr schon schmerzhaft muss daher ergänzt werden: Linke sind Universitäter. Arbeiter*innen[6] können insofern, beim besten Willen, keine Linken sein – das ist eine simple, nicht nur faktische, sondern auch apriorische Feststellung.[7] Arbeiter*innen mögen die Reichen berechtigter-, „die Ausländer“ unberechtigerweise hassen, sie mögen irrational-thesenhaft oder rational-analytisch das System hassen, doch werden sie damit nicht zu kanonisch gebildeten Theoriekorpussen, was Linke stets sind. Vielmehr bleiben sie Erfahrende und daheraus Denkende, d.h. keine Belesenen, keine Fußnoten, sondern politische Empiriker. Aus selbigem Grund auch sind Arbeiter*innen weniger entfremdet als Intellektuelle[8] und damit offener für Neues, Anderes, Besonderes – wie im Extremfall für Dissidenz. Als selbst spürbar existenziell Betroffene sind sie empfänglicher für die existenzielle Not, zu der sich aus persönlicher (die Persönlichkeit betreffender) Notwendigkeit entschieden wurde. Worte wie Würde, Rückgrat, Stolz sind daher gemeinsamer Wortschatz von Arbeiter*innen und Dissidenz, während die Linke sich als wissenschaftliche Berührungslosigkeit mit sich selbst hütet, Gefühle, die keine Affekte sind, zu nahe an sich heranzulassen. „Idealismus“ denn hat sie gar gänzlich zur philosophischen Strömung banalisiert, „Authentizität“ als ontologische Unmöglichkeit stigmatisiert – um nur zwei Beispiele zu nennen. Überhaupt sind Arbeiter*innen und Dissidenz, ohne daher zwangsläufig metaphysisch zu werden, induktiver, als die ganze Gesellschafts- und Geisteswissenschaftlichkeit der Linken zusammengenommen. Die Linken wollen Philosophen, Theorien, Systeme verstehen, meist epistemologistisch, d.h. sie verstehen eben um des Verstehens selbst willen. Was aber derart lückenlos durchexerzierbar ist, dass es wirklich durch und durch als verstanden gefühlt werden kann, muss, und das ist eine hermeneutische Zwangssituation, seine besitzergreifenden Spuren hinterlassen: der Linke wird damit, was er liest: seine Identität ist die einer Philosophie, aus Theoremen; eine Systematik, die „objektiv“, wissbar, mitteilbar ist; die in Kollektiven verhandelt werden kann, zwischen Texten und Paraphrasen aus Mündern. Dissidenzen und Arbeiter*innen hingegen wollen verstehen, um das Verstandene nicht zu sein, um sich desto bewusster von ihm zu unterscheiden, abzuspalten; sie machen sich keinen Götzen aus dem Verstandenen, ja, sie sind gegen es, um Raum darüber hinaus zu haben für eigenes Tun, wozu auch Denken zählt, wie überhaupt Freizeit. Analyse und Abstraktion von Dissidenz und Arbeiter*in ist damit nicht Verstehen einer Quelle, sondern Verständnis einer Wirklichkeit, also eines Wirkzusammenhangs vor sich, in sich, um sich; es ist ein Verständnis davon, wie Gesellschaft funktioniert; und damit ein negatives und negierendes Verständnis. Während Arbeiter*innen, u.a. weil sie Zeitungen lesen und weitere Gottesdienste betreiben, derweil dennoch rechts sein können (thesenhaft), bleibt ihnen die Karriere als Kainsmalverteiler und Universitäter doch versperrt. Die Rolle, Dissidenz zu erspüren und auszuliefern liegt originär nicht bei ihnen, sondern bei den Linken. Rechte dann übernähmen, was f.g. nicht nötig ist, im Notfall auch die physische Ekrasierung dieser wirklich „absoluten“ (radikalen) Minderheit.

Linke und Rechte als Polis-Mehrheiten gegen die Entschiedenheit von Dissidenzen, Idiot*innen, Barbar*innen

„Links“ und „Rechts“ gehen bekanntlich schon historisch, nicht nur intrinsisch, gemeinsam auf die Verteilung, Aufteilung, Organisation von Mehrheiten zurück, nämlich auf das Parlament – Rechte sind konservativ, bewahrend; Linke sind progressiv, sie wollen fortschreiten (in denselben alten Bahnen, um sich nicht zu langweilen; sie wollen etwas sehen). Auch die offiziellen Minderheiten der Parlamente wie des Außerparlamentarischen nun sind eigentlich Mehrheiten, nämlich Gruppen, Identitäten, was allein daran schon ersichtlich wird, dass sie von herrschender Gewalt (z.B. Staaten) beschützt werden können. Radikale Minderheiten dagegen sind radikal „minder“, also quantitativ am wenigsten, genauer: sie sind jene vereinsamten Dissidenzen als entschiedenermaßen entschiedenes Gegnen zur Herrschaft, für welche sich keine Vertretung, keine Identitätspolitik, kein Minderheitenschutz, keine Diskriminierungsstelle einsetzt, noch weniger aber eine Schule wie der Poststrukturalismus oder der Postkolonialismus oder gar eines ihrer Fächer – etwa die Gender Studies.[9] Diese mögen Identitäten schützen (z.B., besonders intersektional, die schwarze Transgender mit Migrationshintergrund als working class heroine), aber niemals Dissidenzen, welche sich, wie immer sie auch gesellschaftlich essentialisiert werden mögen, stattdessen bewusst entscheiden, gegen diese und andere Gewalttaten und damit gegen Gewalt schlechthin, also Herrschaft vorzugehen – theoretisch und praktisch und ohne Lager-Gewissen, d.h. so umfassend wie möglich. Jene Dissidenzen nun sind die ersten und einzigen politischen Akteurinnen, d.h. sie sind politisches (Selbst-)Bewusstsein und (selbst-)bewusste Politik, während Gruppen per definitionem unbewusst bleiben müssen (auch Schwarmintelligenz ist kein Bewusstsein). Aus exakt diesem Grund wird Dissidenz vom linken wie rechten, kurzum vom rechtlichen Herrschaftlichen und den herrschaftlichen Rechtfertigungen als „unpolitisch“ gebrandmarkt, wovon schon die Rede war. Was dies aber besagt, ist wörtlich zu verstehen: Dissidenz gehört keiner Polis an, ergo sei sie unpolitisch. Daher übrigens sind Dissidenzen auch die „Idioten“ (idiotes) jener Gesellschaft (polis), in der sie zu leben gezwungen sind – als idiotes aber sind sie nur die innenpolitische Symmetrie zu den Barbaren (bárbaroi) „draußen vor der Tür“ (Borchert). Dies wiederum besagt nichts anderes als dass Dissidenzen die Barbaren (die Unverständlichen, die Stammler) des Inneren sind, oder eben: die Nestbeschmutzer, die relativ Vogelfreien. Ausgerechnet Dissidenz, d.i. die existenzielle Entschiedenheit für Utopie, kann also von der Rechten als links[10] und von der Linken als unpolitisch vergessen bzw. verdrängt werden – und dies, weil der Politikbegriff von Links wie von Rechts gleichermaßen entfremdet nicht einer der Einzelnen, sondern jener der Polis ist, der Metro-pole, der ummauerten Massen-Stadt, der Identitäts-Burg (polis). Liberalistisch-rechtstaatlich institutionalisiert wird selbige denn zum Parlamentarismus demokratistischer Wehrhaftigkeit. Exakt in der Polis als Politik aber liegt auch der historisch nachweisbare gewaltvolle und herrschaftliche Robespierrismus linker Bewegungen gegen diese. Das so oft beklagte Scheitern von Revolutionen ist hierin – im Revolutionsverständnis selbst – zu suchen und zu finden.

Demokratie – die Herrschaft der Zugehörigen zur Polis

Europa ist als befestigte Insel dem Ideal griechischer Demokratie-Stadtstaaten (poleis) damit näher als allgemein angenommen oder behauptet. Der demos seiner Demokratie ist so sehr priviligiertes, v.a. patriarchales (früher männliches) Bürgertum und so xenophob wie jener des klassischen Athen –  dem vielgerühmten kulturell-politischen Ursprung Europas. „Politik“ auch theoretisch auf Herrschaft, Gewalt, Macht und ihre Repräsentanzen herabzuinstitutionalisieren ist kurzum nur die Folge einer Politik einzig für die Polis, wie sie seit der Antike weltweit praktiziert wird. Diese Polis mag sich zunächst als Kaiser- und Königreiche sowie Kirchen abstrahiert haben und später, mit dem Kapitalismus, über Staaten, Märkte und ihre Bündnisse. Entscheidend ist und war für die Polis die Zugehörigkeit zu ihr, ob zur Scholle des Lehnsherrn oder zur Klasse der Besitzenden, ob zum deutschen Volk oder zur kapitalistischen Folklore – ob letzteres auf der Angebotsseite als Humankapital und Manager der eigenen Ressourcen, oder auf der Nachfrageseite als homo oeconomicus bzw. Marktidentität. Im Kapitalismus wird dabei nicht nur keine Differenz geduldet, sondern darüber hinaus einzig der Einsatz zusätzlich für das Bestehende und seine Weiterentwicklungen erlaubt. Anders gesagt: wer nichts im Sinne der Herrschaft leistet, wird im Kapitalismus zum Tode verurteilt – zum Tode v.a. durch Armut. Seine Demokratien teilen dabei nur noch seine Gewalten unter verschiedenen Funktionären und Posten auf, die allesamt depersonalisiert werden, sofern sie nicht als Demagogen (Volks-Führer) fungieren. Sie sind als nationalstaatliche Demokratien an ihre Nationalökonomien wie international ans konzentrierte Kapital gebunden und kümmern sich, damit Recht und Ordnung für die Verträge eben mit dem Kapital aufrechterhalten bleiben, wenn überhaupt, dann um Fleisch und Spiele – beispielsweise um die Stellvertreterspiele des Wahltheaters. Selbst aber wenn es jemals eine De-facto-Demokratie gegeben hätte (der Begriff Postdemokratie ist irreführend), sind Demokratien, von Anbeginn und bis heute unverändert, de jure nicht dazu da, alle Menschen oder auch nur alle Identitäten (von Tieren oder der Umwelt zu schweigen) zu vertreten. Noch im Idealfall, also im ernsthaft direktdemokratischen, ermächtigen sie, und das ist eben per definitionem ihre Aufgabe, nur den Demos, welcher sich seinerseits lediglich gegenüber seiner Polis verantwortlich zeigt; wenn denn überhaupt. Ein Beispiel hierzu. Wie im klassischen Athen, wo nie die Ekklesia, sondern immer der Rhetor letztlich haftbar gemacht werden konnte, haben so auch die demokratistischen Siegermächte nach dem 2. Weltkrieg den Führer vom Himmel fallen lassen, um das Mitläufertum zum Bagatelldelikt zu euphemisieren (bzw. andersherum), womit sie die Banalität der Reichsgutbürger nicht im Ansatz begriffen – bzw. zu gut begriffen, um ihre Nürnberger Rechtsprechung gleichermaßen, wie nach den Maßgaben der Rechtstaatlichkeit billig gewesen wäre, auf die eigenen Vergehen anzuwenden. Die Nähe überhaupt nicht nur von Sparta und Rom, sondern auch des geschichtlichen Metanarrativs Athen (und damit z.B. der US-amerikanischen Demokratie) zum nationalsozialistischen Germania hätte so nicht derart leicht übergangen werden können. Denn Demokratien sind stets nepotistische Partikularismen, lediglich eine andere Form der Herrschaft als z.B. die Monarchie (weshalb es ganz selbstverständlich auch konstitutionelle Monarchien geben kann): noch liberalistische Idealisten sind damit nichts Anderes als (teils unbewusste) Ideologen. Während der Demos-Souverän zwar überall nur Dekoration ist – was spätestens offenkundig wird, wenn er sich ausnahmsweise einmal gegen den Marktwillen entscheidet –, hat er doch qua Souveränität die wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Klasse seiner Polis, weshalb die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Standorts nicht zuletzt verheißt, das eigene Votum gegen das anderer Demoi aufzuwerten. Dergleichen bedeutet schließlich konkret, dass der Arbeiter für seinen ganz persönlichen Ausbeuter und damit, agonistisch wie alles innerhalb und zwischen Demokratien, gegen die anderen bzw. gegen Internationalität stimmen muss, sofern er guter Demokrat und keine streikende Barrikade ist. Das „eigene“ Votum wird so zum Votum der speziellen Nationalökonomie jener Nation, welcher der Wähler angehört – worin das eigentliche Wahlgeheimnis besteht; nämlich das Wahlgeheimnis aller Wahlberechtigten einer jeden Polis. Wenn aber die Polis schwächelt, nicht zuletzt ihr „Sozial“produkt, dann wird auch ihr Demos von den Interessevertretern der Medien einvernehmlich zensiert. Die Reaktion darauf ist, was spätestens die „Ent“kolonisierungen des 20. Jahrhunderts bewiesen, die mediale Strategie des Terrorismus[11]: erst, wenn Mitglieder hegemonialer Poleis sterben, wird die sogenannte Öffentlichkeit auf sonst wettbewerbsunfähige, d.h. auf barbarische Demoi aufmerksam. Barbaren sind jene, die nicht gehört werden, und lediglich mit Gewalt kommen sie (wenngleich öffentlich anerkannt weiterhin nur als Unmenschen) ins phalanxbefestigte Polis-Bewusstsein westlicher Demokratien. Dass Demokratien freie und offene Gesellschaften seien, ist damit Grundideologem des Liberalismus – schon das Wort, seine Geschichte und Wirklichkeit widerlegen es. Demokratie ist nicht frei von Herrschaft, nicht offen für alle, nicht einmal intern durchlässig für ihre Tellerwäscher, sondern sie ist die Herrschaft des Demos, also die Gewalt der Polis (: demo-kratía).

Ob nun die Masse schlechthin, ob die Gemeinschaft der Leistungsträger, ob das Volk, die Arbeiter oder aber eine Arbeitsteilung verschiedener Identitäten, ob ein Pluralismus der Poleis die Polis darstellen soll – ob nun links oder rechts, ob der faschistische, der kapitalistische, der völkische, der marxistische oder der postmoderne (identitätspolitische) Zukunftswunsch: selbst die „Utopien“ verbleiben in Politikverständnissen der Polis sowie der Herrschaft. Polis und Herrschaft aber sind voneinander untrennbare Kategorien; Polis und Polemos gehören zusammen. Gewalt und Macht mögen noch, sehr beschränkt, vom Einzelnen ausgehen; Herrschaft und Krieg dagegen können nur durch eine Polis wirken.

Der neueste Anarchismus als Ausnahmefall der Linken und Alternative zur Demokratie? Oder als Verbannung der Distanz und identitäre Anonymität?

Herrschaft (archía) und Gewalt (kratós) sind als austauschbare Begriffe deutbar. Daraus könnte sich ergeben, dass An-archie eine Alternative zur Demo-kratie zu sein vermöchte. Hierfür wiederum müsste Anarchie aber auf den Demos und damit auf die Zugehörigkeit zur Polis verzichten können. Allerdings gehen Links und Rechts in ihrem Politikverständnis wie gesehen auf die jeweilige Polis zurück und damit auf politische Identitäten – und auch der Anarchismus gilt als linke Theorie. Auf der anderen Seite ist er die wohl einzige linke Theorie, die explizit anti-politisch ist, und, beispielsweise in seiner Vertreterin Emma Goldman, zudem gegen die Phänomene der Majorität. Als Alternative zum klassisch Politischen schlägt er jedoch kaum etwas vor, das über Polis hinausginge. Ohne ihn abschreiben zu wollen, muss dahingehend erläutert werden, inwiefern seine vitalistischen Masse-, Tat-, Bewegungs- und „Spontanitäts“lehren ebenso, wenn auch anders, ins Polis-Politische verflochten sind wie z.B. die Marxisten mit ihrem Proletariat. Gerade bezüglich Masse, Tat, Bewegung und Spontanität lässt sich mitunter sogar eine gewisse Nähe zur faschistischen Theorie konstatieren. Mit diesen „Vitalismen“ nämlich wird ein Distanzverlust eingeführt, der exemplarisch für faschistische Theorie ist und der seinerseits Widerstand, entschieden-kämpferische Differenz verunmöglicht, indem er das Identitäre nicht nur gegen außen (andere Poleis) absichert, sondern auch nach innen, d.h. gegenüber Reflexion, Zurücktreten, Abstand, Innehalten, Hinterfragung und Zweifel, kurz: gegenüber bewusster Resistenz und Renitenz.

Denn so wenig auch – im Gegensatz zu anderen – in den anarchistischen Poleis Dogmen die Hirne beherrschen, so sehr regiert doch der Kultus die Herzen. Er kann ein gefährlich inhaltsneutraler Aktivismus werden, ein Ismus der Aktivität, des bloßen z.B. sogenannten direkten Tuns (direct action), eine Propaganda der Tat und eine Tat der Propaganda, eine fetischisierte Praxis, eine Praxis „an sich“. Statt An-archie wäre solcher Anarchismus also eine Art kultische Herrschaft der Situation, und damit eine Herrschaft auch des gesellschaftlichen Fundiertseins von Situationen überhaupt (denn durchs Sich-Fallen-Lassen in eine Strömung entkommt noch niemand dem nur scheinbar hintergründigen Koordinatensystem, durch welches diese Strömung fließt). Mit der Auslöschung des Willens als Aufgehen im Tun, im Mittel als Selbstzweck (Gewalt), in der Bewegung als Bewegungspartikel, in der Masse, in ihrem Unbeschränkt-Hemmungslosen bezeugen die verwirklichten faschistischen „Revolutionen“ der Geschichte einen blinden Vitalismus und eine intuitionistische Spontanität, die nicht nur in den Begriffen Parallelen aufweisen zum Syndikalismus z.B. eines Georges Sorels, der sowohl Mussolinis wichtigster Lehrmeister war wie vielverehrter Theoretiker des Anarchismus. Die quasi-neurotische Fixierung einiger Anarchisten auf das offensichtlich Fixe, auf den Staat als regelrecht einzig vorstellbarer Herrscher, hat gewiss ihren Anteil an dieser Verehrung ebenso wie an libertären Ideologien, die mit der vermeintlichen Freiheit vom Staat und dem daheraus sogenannten freien Markt Freiheit selbst realisiert sehen wollen. Gerade der über plump „exegetischen Gehorsam“ hinausgehende, aus ihm in den eigenen, ebenso gesellschaftlich produzierten Affekt- und Expressionshaushalt entfliehende berüchtigte Sadismus etwa der Konzentrationslager (oder aber der Wehrmacht gegen den Osten) ist, was Tat um der Tat willen, ekstatisch in die Situation gesogen, von eigens formulierten willentlichen Zielen entbunden, umgesetzt potenziell darstellt: der Kultus schrankenloser Brutalität, der nur scheinbar Staat und Gesetz transzendiert, während er überhaupt bloß möglich ist in den Schattenregionen eben von Rechtssystemen. Gleichermaßen zu deuten ist, um bei Sorel zu bleiben, die Dramatisierung, also Literarisierung des Krieges, seine ideologische Transformation in eine Tragödie, in ein schicksalsbestimmtes Höchstes des Menschen, aus welcher die Heroisierung der Militanz wider die Dekadenz des fin de siècle folgte, der wiederum die Jugend Europas im Ersten Weltkrieg beinahe ausnahmslos von Rechts bis Links erlag – wortwörtlich. Solche Dramatisierung nämlich, die parallel geht mit jener von revolutionärer Gewalt, ist nur „auf die Bühne“ zu bringen mittels der Interessen der Rüstungsindustrie und anderer kapitalistisch exponierter Wirtschaftszweige, welche am effektivsten von ihren Staaten vertreten werden, die stets gleichsam Polizisten und Nachtwächter sind, wie sozial oder demokratisch sie sich auch geben.

Die Organisierung der Masse mittels ihrer eigenen Organhaftigkeit gewissermaßen „natur“wüchsig aus sich selbst zu verwirklichen jedenfalls – wie sowohl sogenannte (Post-)Anarchisten wie Faschisten es wünschen – ist mit Sicherheit die zeitweilige Löschung der Differenz zwischen Tun und Täter, zwischen Subjekt und Prädikat. Sie ist die Verbannung der Distanz selbst als Verbot einer Rückkehr aus der identitären Anonymität, die ihrerseits nichts Anderes amorph verkörpert als die Verbannung von Selbstverantwortlichkeit überhaupt. Diese Verbannung denn ist auch nicht von ungefähr die geteilte Symbolik des Uniformierens linker zeitgenössischer Bewegungen (die sich v.a. als Masken vereinen) sowie faschistischer Bünde der 1920er und 30er Jahre. Damit fehlt in beiden praktizistischen Praxen affektiver Identität mit den Scheuklappen und Determinismen systematisch-systemischer Lehre auch die Theorie als vor gleitendem Anschluss schützende Komplexität und als explizit renitenter Standpunkt mit seinen kämpferischen Konsequenzen.

Postmodernisierung des Kapitalismus – die Linke und die beweglichen Techniken

Derweil ausgerechnet die eben getätigte Aussage über Theorie kann von vielen Linkshegelianismen dank der „Synthese“ oder Identität von Subjekt und Objekt kaum mehr gelten; am wenigsten aber für ihre postmodernen und poststrukturalistischen Abwandlungen, welche zur Ontologisierung jener Identität auf die vitalistischen Philosophien Bergsons, Nietzsches und Heideggers zurückgreifen (wenn nicht gleich auf Sorel oder gar Carl Schmitt). Die Zusammenarbeit eines solchen Synthese-Faschistoids mit den neoliberalen und verhaltensökonomischen Effizialisierungen denn hat in die Postmodernisierung des Kapitalismus geführt: das Subjekt (homo oeconomicus) wurde dergestalt durch Identität ersetzt. Identität aber ist die Basis allen Kapitals (Anerkanntseins als Wert), die Leitwährung und damit die universelle Kommodifizierung des Lebens wie seiner Wesen – sie ist somit Entfremdung. Gesellschaftlich-historisch gesprochen: so wenig die „Klasse“ als Spezialfall ihrer zum Klassenlosen, so wenig deren Diktatur zum Verein freier Menschen, so wenig der Staat zum Anarchischen, so wenig Gewalt zum Frieden führen kann, so wenig ist Identität als ihr Oberbegriff eine Fakultät, die zur Emanzipation oder zum Herrschaftslosen überzuleiten vermag.[12]

Im postmodernisierten Kapitalismus nun wird der rationale egoistische Wirtschaftsakteur ausgetauscht mit der wesentlich lebensnaheren fluiden, flexiblen, deregulierten Aktivismus-Identität. Diese bewegt, dezentralisiert, abstrahiert das Kapital und seine Effekte über den Globus und verwandelt das Soziale vollends zur frei tauschbaren Währung, zur frei konvertierbaren Verwertungseinheit[13], zur gänzlich (zweck-)entfremdeten Perpetuierung in den Warenströmen, zum Kommerz-Kult des Events, Spektakels und Happenings – welches den Massen die Affekte konditioniert durch pseudo-spontane Kollektivausbrüche, durch Aktivierung der passiven Zustände und durch „Frei“setzung unterdrückt-verdrängter Reservate. Die Aktivismus-Identität als postmodernes Mikrokapital aber leitet als besonders funktionierende Einheit des hypermobilen (Finanz-)Kapitals ihre kreativen und emotionalen Ressourcen in die Adrenalin-Schmelztiegel herdeninstinktiver Risiko-Ekstasen um, welche Blasen aufblasen mit Lebensluft, mit Atem, der nicht ihr eigener ist, selbst wenn er ihnen, den institutionell rauschhaften Anlegern, z.B. als Schuldpapierschein, mit angehört. Besagte Parallelwelt des hypermobilen Finanzkapitals wiederum wäre undenkbar ohne vermeintlich horizontale, „rhizomatische“ (Deleuze/ Guattari), hierarchisch flache Internet- und IT-Strukturen, welche ihrerseits, ähnlich der kultischen Herrschaft der Situation und ihres Koordinatensystems, zumindest jenseits der Geldgeber auch nur Medien, Transportwege, „natur“wüchsige Formen, Verteilungsapparate, Vermittler und Mittel, kurz: neutral ob des jeweiligen Inhalts sind. Die Hoffnung der Linken, v.a. der für das Kreativmanagement und das kapitalistische Design so wichtigen Hippiekultur (wozu Yoga, Zen, mehrstellige Logik, Selbstfindung usw. gehören), ging hier also zweifach ins Netz, nämlich ins Netz der Herrschaft: zum einen kann die Linke, solange sie sich als Polis-Politikerin begreift, d.h. als Bewegungs-, Massen-, Identitäts- und Aktivismus-Theorie und -Praxis, vom Internet zwar die „situationistische“ Diktatur ihres jeweiligen Demos erwarten, nicht aber irgendeine herrschaftsfreie Gesellschaft; zum anderen ist die bloße Vorstellung, mit einer neuen Technik (wozu nicht nur Technologien zählen, sondern z.B. auch innovative Organisationsmodi), ohne Veränderung des Bewusstseins, welche ihrerseits nie indirekt wie nebenbei erfolgen wird, die Welt radikal zu verändern, Beihilfe zum Selbstmord nicht zuletzt durch den Kapitalismus und seinen Hauptabsorptionsmechanismus der Verwertungen des Werts, deren erste stets die Verwertbarkeit des Werts ist.

Der Kapitalismus muss schließlich nur verwerten, was Neues an Technik sich nützlich machen will (er sponsort auch die meiste) – und schon ist sie assimiliert. Das Nützliche überhaupt ist leicht verkäuflich. Technischer Widerstand ist zwecklos, denn er ist kommerzialisierbar, insofern er sich an eine Kaufkraft anschließen kann, d.h. an ein Sozialprodukt, an die Rohstoffe einer Menge, an ihre Identität und deren Arbeit. Theorien der Bewegung der Bewegung willen derweil kommen der Selbstperpetuierung des herrschenden Systems sehr gelegen; daher auch sind sie so in Mode.

Identität – die theologische Abstraktion der Polis

Dabei sind die spontanen inhaltsneutralen Aktivismen nicht identitätslos, im Gegenteil: die jeweilige Masse ist ihr Tun innerhalb der entsprechenden Situation mit deren Koordinatensystem als Identität, welche damit so abstrakt ist wie jede Identität, ob Nation, Rasse, Geschlecht etc. Sie ist eben nur anonyme Identität oder, besser, identitäre Anonymität (d.h.: Schwarm, Menge – durchaus mathematisch verstandene Menge).[14] Der marxistische Versuch der wissenschaftlichen Objektivierung von Identität hat daran selbstverständlich nichts verändert – der Versuch blieb Versuch und linke, also Universitäter-Theorie. Das Proletariat als revolutionäre Klasse ist ein Heilskonzept, das geschichtlich widerlegt werden musste durch den Faschismus, und zwar gerade weil es nicht nur auf dieselbe Fraktion setzte wie dieser, sondern weil es überhaupt auf eine Fraktion setzte, auf eine Bewegung, auf Masse. Schließlich bedarf es keines Tyrannen, um die Masse zu „unterdrücken“; vielmehr ist Masse selbst schon Tyrannis, Entfremdung von Utopie, herrschaftliche Fundierung: sie im Eigentlichen ist stets in power – wer immer auch gerade in charge ist. Die Verelendung der Arbeiter hat demgemäß in ihr verelendetes Gemüt geführt und jeder Zusammenbruch der Wirtschaft in eine Expansion kapitalistischer Ratio bei gleichzeitiger auch anderweitiger Rechtsextremisierung, während der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital sich längst entlarvt hat als bloßes nicht einmal dialektisches Vexierbild kapitalistischer Akkumulation. Kapital ist bekanntlich die Anhäufung von Arbeit, doch das Proletariat andersherum ist auch nicht mehr als Humankapital (angebotsorientiert) und ein durch Werbung, Medien, Job, Schule, Eltern, kurz: ein im und als Apparat konstituiertes Subjektkapital (nachfrageorientiert). Der Arbeiter arbeitet für den Kapitalisten, der Kapitalist fürs Kapital, das Kapital für den Kapitalismus; sie alle haben im Effekt denselben abstrakten theologisch angehauchten (omnipräsenten, omnipotenten, unsichtbaren) „Chef“. Identität also ist überall leer, irrational, reine Zugehörigkeit, tiefste Sklaverei und gerade als verwissenschaftlichte stets die Ideologie einer Polis wie ihres Schlachtrufs: TINA!

Anarchokapitalismus als postmoderner Faschismus

Wenn die kapitalistisch qua Konkurrenz militarisierten Massen, die stets Angehörige einer Polis sind, ihre „situationale“ Diktatur nicht nur gegen die Nachbarpolis, sondern gegen die Differenz selbst starten, dann haben wir den Umschwung von Rechts nach Rechts, vom rechtstaatlich fixierten in den aktivistisch verflüssigten Totalitarismus, wobei letzterer den Kapitalismus noch organischer, „natur“wüchsiger, lebendig-mörderischer, vitalistisch-genozidaler umsetzt als ersterer. Es wird zu schnell gehen, um die Frage noch beantworten zu können, doch stellen wir sie trotzdem: wie schnell wird ein Flash-Mob (der Mob mobbt) zu einer Bewegung; wie schnell steckt eine Bewegung ein Land, einen Kontinent an; wie schnell wird der Flash des Mobs zum postmodernen Blitzkrieg? Die technischen Mittel des Managements, der Identitätspolitik, der universellen Medien wie der explizit herrschaftlichen sind mittlerweile grenzenlos. Es gab nie einen so massiven Distanzverlust wie das Internet, nie eine so globalisierte und zugleich mikroskopische (kundenorientierte) „Liberalisierung“ und „Deregulierung“ der Grenzen zwischen den Differenzen; auch keine tiefere Auflösung von Differenz zwischen Herrschaft und Beherrschten. Die faschistoide Potenz unserer Zeit, ihrer Willenlosigkeit der Macht gemäß, in der alle Herrschende sind, also von Herrschaft Instrumentalisierte, Unterworfene, ist somit ins Unermessliche gesteigert. Dass die kulturidentitäre Rechte im Wachsen begriffen ist, darf da nicht weiter verwundern – die Mittel dazu hat sie in der Hand, nicht zuletzt von der Linken wie überhaupt von den Innovativen, Kreativen, „Revolutionären“, den Künstlern und Wissenschaftlern beschenkt. Die Vermassung der Menschheit ist als Internet also bereits installiert; es kann schon länger eine beliebige Software eingesetzt werden. Momentan ist es die der emotionalen Identifizierung mit dem System, in deren Taskleiste das Programm des vorauseilenden Gehorsams aktiviert ist (indem mittels Massenspeicherungen der kommunikativen Identitätsprodukte sowohl der Überwachungsstaat wie die Humankapital-Akkreditierungsstellen ganz offiziell mit den Portfolios besonders verdienstvoller oder aber zu disziplinierender immaterieller Arbeiter beliefert werden – Lieferungen, die zu den profitabelsten Gütern der Informationsökonomie gehören). Ein Anarchismus der vitalistischen Massen-, Tat-, Bewegungs- und Spontanitätslehren darf und muss also getrost als Anarchokapitalismus bezeichnet werden, der unter dem Begriff des postmodernen Faschismus treffend analysiert wäre. Auch solche linke Theorie muss damit als (besonders postmoderne) Polis-Politik zurückgewiesen werden – ein Identitäts-Demos ist und bleibt Problem, nicht Lösung für herrschaftsfeindliche Aspirationen.

Denn keine Identitätspolitik kann hier eine Ausnahme bilden. Das postmodernisierte kapitalistische System ist auch nicht bedroht, sondern vor allem gefestigt gerade von Partizipationsbewegungen der Benachteiligten: hier erst gibt es Expansion, nämlich Innovation, neuen Markt. Was endlich verstanden werden muss ist, dass der Kapitalismus ebenso wie der Faschismus – und die Vermengung dieser beiden ist die Integrale unserer Gesellschaftsordnung – Systeme sind, die sich über das bloße Mitmachen primär konstituieren. Gerade im postmodernisierten Faschismus spielt der Einzelne mit seinen Hintergründen (im Gegensatz gerade zum Nationalsozialismus) idealiter keine Rolle mehr; vielmehr ist exakt die Auslöschung von Separation gerade sein Telos (was durchaus mit immanenten Idiosynkrasien einhergehen kann). Der Kapitalismus selbst hat keinerlei Problem mit der Frau in Führungspositionen, der selbstorganisierten Bürgerlichkeit schwarzer Communities, der Schwulenbar oder dem veganen Café – ganz im Gegenteil sind sie intern bleibende Amplifizierungen, die dem Kapital erst Nische um Nische kreieren, damit es sich akkumuliere; sie sind es, die seinen Vormarsch in die Outskirts, die die Bewegungslinien seines Totalitarismus überhaupt erst ermöglichen.

Identitätspolitik war schon immer das Problem statt die Lösung. Inzwischen aber, wo das System ein global-integrales wurde, ist sie mehr als das: sie ist die Beschleunigung des Apparats durch Erfindung neuer Zahnradarten. Schließlich ist Kapitalismus selbst (auch wenn er nie ohne Archaismen funktionieren könnte) die Perfektion, weil stetige Perfektionierung des Opportunismus- und Konformismusprinzips: wer kapitalistischer Funktionär ist (ob einfacher Produzent, PR-Experte, BWL-Professor, Start-Up-Artist, Medienmogul, Manager, Spekulant oder Aktionär), d.h. wer funktioniert, der wird dafür belohnt (an unterster Stelle: mit Lohn). Wer hingegen nicht Teil ist und gar wer nicht Teil sein will dieser abstrakten Familie, welche sich ums Wachstum ihrer selbst kümmert, der muss im Endeffekt – schlicht verhungern. Dies ist das erste und wichtigste aller Marktgesetze, die selbstverständlich allesamt vom Menschen geschrieben wurden: wie alle Gesetze.

Zur Alternative jenseits von Links und Rechts – anarchische Politik der Dissidenz

Was gebraucht würde, wäre damit, wie gesehen, ein existenziell verändertes Bewusstsein über einen Demos hinaus, der an seiner Polis klebt. Alles sonst wäre keine Alternative, sondern Kollaboration nicht zuletzt der praktischen Enthüllung, Entschleierung, Offenbarung des Kapitalismus, welche, wörtlich genommen, apokalyptische sind. Ein Demos über Polis hinaus aber, radikal politisches Selbstbewusstsein, kann in der totalitären Dystopie unserer Zeit kaum etwas anderes sein als Dissidenz. Dissidenz, der Barbarin des Innern, ist – im Gegensatz zu hegemonialen[15] ebenso wie subalternen Poleis[16] – Herrschaft unerträglich, während jede Polis mindestens intern herrschaftlich funktionieren muss, selbst als „diskriminierte“, marginalisierte oder auch als „spontane“ „direkter Tat“. Dissidente Utopie ist damit, nicht zuletzt aufgrund ihrer Hypersensibilität gegen Gewalt, eine Anti-Polis; dissidente Utopie ist Anarchie (nicht Anarchismus), Herrschaftslosigkeit ohne z.B. Bakunins Rückfälle oder andere Effekte von Ismen. Sie will daher auch keine „Bewegungen“, sondern eher schon Kooperation als Mittel sowie Freundschaft als Zweck, die zusammen v.a. eins tun: Widerstand leisten. Die einzige Autorität in ihr aber darf – gegen alle neolinken Morde des Autors – je die Autorin selbst sein, also die Autorität über sich selbst und die eigenen Erzeugnisse. Dissidenzen sind folglich, im Gegensatz zur Linken, keine Wissenschaftler*innen und keine kulturisierbaren Künstler*innen, noch weniger aber Führerfiguren und Funktionär*innen, auch nicht uniforme Atome gesichtsloser identitärer Anonymitäten (und selbstredend am wenigsten selbstoptimierende ICH-AGs oder Manager ihrer eigenen Kreativitätsressourcen) – oder gar eine besonders dialektische Mixtur all dessen. Auch äußern Dissidenzen nichts so Indifferentes wie „politische Meinungen“ oder andere variable Display-Performanzen. Vielmehr schon sind sie jeweils politische Existenz, welche nicht angelesen, sondern analytisch abgeleitet ist aus dem eigens Erlittenen. Deshalb bleiben sie auch im Widerstand ihr ganzes Leben lang: der Widerstand sind sie; sie müssen Widerstand leisten, um nicht liquidiert zu werden; ihre Radikalisierung ist die Konsequenz der aus der ständigen Frontstellung wachsenden, sich emanzipierenden Persönlichkeit (und vice versa). Sie sind damit entschiedenermaßen im strukturellen „Nachteil“, im allerorten allzeit Verunmöglichtwerden, in der radikalen Minderheit. Anders gesagt: sie sind Märtyrer schon, um als sie selbst am Leben zu bleiben. Die Distanz nicht nur zur hegemonialen Polis, sondern zum Prinzip Polis selbst, ist dem System aber am gefährlichsten und deshalb von ihm am radikalsten bekämpft, was allein daran schon ersichtlich wird, dass Dissidenz kaum irgendwo existiert.

Aus diesen Gründen, eben als politische Existenzialistinnen, können Dissidenzen ferner nur eine fundierte Furcht bekommen nicht nur vor der physisch-praktischen Gewalt der Rechten, sondern insbesondere vor der psychologisch-theoretischen der Linken, d.h. vor der gleichgeschalteten Szene der Akademiker, um es auszusprechen: vor Poststrukturalisten, Postkolonialisten, (Post-)Marxisten, „kritischen“ Theoretikern (1.-3. Generation, to be continued) usw. usf. Dessentwegen auch sind Dissidenzen voller Negativurteil und gleichermaßen voller Fluchtimpuls, wenn sie die ewig wiederkehrenden ideologischen Thesen aus allen Mündern hören, die sich gegenseitig demokratistisch absichern, während selbige Hegemonie eine jede ahndet und verfolgt, die nicht ins geschlossene Weltbild passt. Denn von niemandem wird Dissidenz so in die Flucht gebannt wie von den anstudierten Zensurmechanismen, von höheren Dogmenwürden, stipulierten Notwendigkeiten bzw. Unmöglichkeiten, wie vom Hoheitsgebiet des in Lesekreisen konform angelesenen guten Gewissens, kurz: wie von „den Linken“ (die sich selbst so betiteln) – welche, bevor sie Hegel oder Marx oder Adorno oder Foucault oder Butler etc. geworden sind, übrigens meist keinerlei Interesse oder Verständnis von bzw. für Politik hatten.[17]

Gegen Rechte wie Linke zu sein also ist notwendige Folge jener Radikalisierung gegen Herrschaft, welche Dissidenz existenziell bestimmt – solche Radikalisierung ist gleichermaßen Verantwortung Utopia gegenüber. Einen Beitrag zur Entwicklung eines dissidenten „Demos“ aber versuchte dieses Pamphlet, diese Polemik gegen den Blitzkriegszustand des Bestehenden zu erarbeiten – eine Arbeit gegen Entfremdung, die als Politik gegen die Antipolitik der Polis zu verstehen ist, als polemischer Pazifismus gegen deren systematisch-systemische Gewalten.

Die wichtigsten weiterhelfenden Hintergründe für diese Polemik lieferten:

Grubel, Alexander (2012) Die Griechen. Kultur und Geschichte in archaischer und klassischer Zeit, Wiesbaden: marixverlag.

Hartmann, Detlef (2015) Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans endloser „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht, Berlin: Assoziation A.

Kurz, Robert (2002) Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, München: Ullstein Verlag.

Lanier, Jaron (2014) Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt, Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg.

Newman, Saul (2016) Postanarchism, Cambridge: Polity Press.

Rancière, Jacques (2012) La haine de la démocratie, Berlin: August Verlag.

Sternhell, Zeev (u.a.) (1999) Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel zu Mussolini, Hamburg: Hamburger Edition.

Stirner, Max (2011) Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart: Reclam.

Toledo, Camille de (2005) Goodbye Tristesse. Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen, Berlin: Tropen Verlag.

***

[1] Die Reduktion des öffentlich anerkannten Flüchtlingsstatus auf geographische Migration ist bezeichnendes Ideologem auch der linken Verharmlosung insbesondere der westlichen Misere.

[2] Die Linke, gegen die zu schreiben sein wird, ist untrennbar verbunden mit dem akademischen System, mit dessen Systematismus sowie Systemismus. Pazifistische, altruistische, utopische etc. frühere politische Idealismen werden von solcher Linken bekämpft und sind andersherum nicht oder nur teilweise getroffen von der harschen Kritik des Vorliegenden; überhaupt kommen sie verschiedentlich diachron vor oder synchron neben (den übrigens parlamentarischen Separationsvorstellungen von) Links und Rechts. Deshalb auch ist es angebracht, gegen „die Linke“ überhaupt zu schreiben: sie identifiziert sich gerade als Linke unbedingt mit dem Linkssein und ist damit ein und dieselbe Kirche wie die Rechte, lediglich mit mehr oder weniger verschiedenen Päpsten, Kirchen, Heiligtümern, Dogmen und Göttern.

[3] Außer essentialisiert z.B. als „Jude“, „Zigeuner“, fahrendes Volkloses, Migrant, Schmarotzer, Überflüssiger, Armer usw.

[4] Außer personalisiert und damit verharmlost als schwarzes Schaf, verlorener Sohn, Freak, Exzentriker; oder eben als Unruhestifter, Wutbürger, Extremist, Fanatiker, Sektierer, Krimineller usw.

[5] Dieser Irrtum ist nicht aufhebbar, indem Herrschaft postmodernisiert, poststrukturalisiert oder, besonders „dialektisch“, anarchisiert wird. (Es ist weiterhin kaum nötig zu erwähnen, dass selbigem Irrtum die gewöhnliche Verschwörungstheorie im Extrem verfällt – womit ihre Schreckgespenster der Wirklichkeit diese tatsächlich verniedlichen. – „Lügenpresse“ ist exakt deshalb ein Unwort, weil es ein Pleonasmus bleibt. „Fake news“ und co. dagegen sind nur die von der „Lügenpresse“ verbreitete Inversion ihrer selbst, also letztlich derselbe Pleonasmus.)

[6] Unter Arbeiter*innen werden hier auch Angestellte, Beamte, blue und white collar workers etc. verstanden; darüber hinaus ist es heute möglich, prekarisierte Selbstständige mit einzubeziehen in den Begriff. Z.B. Sozialarbeiter oder Ärzte ohne Grenzen könnten außerdem als Arbeiter gezählt werden: im Gegensatz zur Linken geht es ihnen durchaus um das Einzelschicksal, welches stets (nicht als Schicksal, sondern als Einzelnes) der Boden von Politik über Polis hinaus bleiben muss.

[7] Z.B. wenn Arbeiter*innen anfingen, Marxist*innen zu sein, hörten sie damit auf, Arbeiter*innen zu sein; „poststrukturalistische Arbeiter*innen“ gar klängen vollends wie satirische Parodien, von ahnungslosen Linken zur Hoffnung gemacht auf endlich-unendliche Totalentlassung der eigenen Verantwortung.

[8] Intellektuelle sind links oder dissident, f.g. ersteres. Rechte dagegen können der Definition der Autorin nach nie Intellektuelle sein, auch wenn sie libertäre allgemeingebildete wissbegierige „kosmopolitische“ hochintelligente Elitestudenten aus Harvard oder sonstwoher sind. Denn das Intellektuelle hat mit einem Umgehen mit Komplexität zu tun, was mehr ist als die Kompliziertheiten der Mathematik, des Managements, der Finanzbranche, der „analytischen Philosophie“ usw., welche durchaus von Rechten, v.a. von Unternehmern, Wirtschaftsrechten und klügeren Kulturidentitären bearbeitet werden.

Die tiefste Entfremdung aber ist immer eine intellektuelle; die Entfremdung der Rechten bleibt damit so eindimensional wie die rechten Lehren selbst. Derweil der Unterschied zwischen einem unpolitischen Akademiker und einem Linken ist lediglich, dass Letzterer immerhin ein ansatzweises Bewusstsein für Herrschaft hat, wenn auch nur ein angelesenes und damit kanonisches, also herrschaftliches sowie herrschendes. Als Fußnoten (Akademiker) stützen sich Linke andersherum auf Bestehendes, womit dieses sie andersherum auch unterstützt: so sind sie nie allein, andauernd eingespannt, immer Teil einer Community, stets Universitäter.

[9] Diese Fußnote braucht nicht gelesen zu werden. – Der Poststrukturalismus könnte in zwei Hauptrichtungen aufgegliedert werden, die letztlich insofern ein Kreis bleiben, als sie aus denselben Axiomen erwachsen und ins Becken des Anti-Utopischen münden, das der Status Quo ist: in die sekundärliterarischen Mythiker der Identitätspolitik, die hegelianisch-anerkennungstheoretisch orientiert sind, und in die eigentlichen Pioniere, die Mystiker eines (Diskursgott-)Monismus, deren prominentester Vertreter Derrida ist, welcher mit seiner Écriture, Différance, Spur usw. die Saussuresche anti-metaphysische Sprachwissenschaft in Philosophie zurückgezwängt hat. (Indem darin Bedeutung nicht per se nur ein Verweis fort von seiner Leerstelle ist, sondern in sich die ganze „Schrift“ berge, das ganze Universum geradezu, sind auch die Postmodernen, die schließlich von Anbeginn Hegelianer waren, mit der dialektischen Methode auf Umwegen beglückt, um so die beste aller möglichen Welten schon jetzt anwesend zu wissen – womit sie nur noch „entdeckt“, dekonstruiert und performiert werden müsse innerhalb ihres und durch ihren eigenen Widerspruch; ganz, als müssten nur die Augen aufgemacht, die Perspektiven verändert werden. – So wenig, so viel zu viel als hoffentlich harmloser Parenthesenbeitrag zum Universitäter-Geplänkel; verzeihung!)

[10] Das „Linke“ als „Unpolitisches“ wird dabei von Rechten gerne als jenseits der „Realpolitik“ aufgefasst.

[11] Dieser Gedanke ist u.a. entnommen Bruce Hoffman (2001).

[12] An dieser Stelle ist ein Wort zum „Privileg“ der Identitätslosen angebracht, ein Wort also zum Begriff Privileg selbst, zu einem der Diskriminierungsmodelle neuerer Linker, die dekonstruiert gehören. Es soll nun nicht gesagt sein, dass ein identitäres Privileg Dissidenz nicht verhältnismäßig schützen könnte (z.B. wenn Dissidenz (noch) nicht pauperisiert oder psychopathologisiert usw. wäre). Sondern was gesagt sein soll ist, dass Privilegien, die stets an Identitäten geknüpft sind, nicht durch affirmative Identitätspolitik bekämpft werden können, sondern nur durch entschiedenen Kampf gerade gegen eine solche Politik – welcher denn bald existenzielle Betroffenheit würde. Dass es womöglich erst Parvenues des Privilegs ermöglicht ist, sich auch gegen die eigene Identität zu entscheiden, würde erklären, weshalb neuere Linke den Verunglimpfungs-Term „Privileg“ so inflationär und omnipräsent gebrauchen: eben um radikale Entschiedenheit gegen das System zu zensieren.

[13] Diesen und nur diesen Sinn hat das Wort „Freiheit“ im Liberalismus – durchaus „Freiheit zu“: Freiheit zur Partizipation, Freiheit zur Funktion, Freiheit fürs System.

[14] Besagtes Koordinatensystem derweil, dies nur am Rande, wird in der Tat meist justiert von den Mächtigen zu ihrem Nutzen.

[15] Für welche de facto Rechte sind und der rechte Flügel der Mitte.

[16] Für welche Linke sind und der linke Flügel der Mitte.

[17] Dass kaum, dass die Universität beginnt, die Anfälligen links werden, sich anders kleiden, einen neuen Duktus zulegen, ist schon genug Beweis des intellektualisierten Opportunismus der Akademikerkaste; mit dem Arbeitsleben (statt Arbeiterleben) denn werden die einst so Linken allesamt wieder zu auch offiziell Bürgerlichen, zu Eltern der nächsten Akademikerkinder usw., und der Kreis schließt sich.

Von Rob Stirner

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