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Ich muss mich darauf beschränken, an der Schranke zu stehen: mensch, fühlt sich das richtig an.

Einfach ist das so, daß der, von dem ich abhänge, gebietet. Doch bin ich diejenige, die Lust daran entwickelt, immer weiter zu verbieten, zwar im Sinn desjenigen, von dem ich abhänge, doch nicht geschrieben geregelt. Ungeschrieben regle ich, wovon ich meinen muss, geschrieben sei dieses auch geregelt, doch reicht das Gefühl. Die ungeschriebene Regel, ich könne und dürfe meinen eigenen Verstand nicht benutzen, das ist die wichtigste, ich höre auf sie, schreibe sie fort, mit viel Genuß.

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Spiegelsturm

Die Zukunft muss befreit werden von diesem Spiegel, der vor sie gestellt wurde von der Vergangenheit.

Spiegel sind die Tafeln, die am vollsten beschrieben sind. Tabula rasa ist nur mit Tafeln möglich. Zukunft liegt hinter Tabula rasa, hinter den Tafeln, über die Spiegel hinaus. Zukunft ist der Frühling, der uns entgegenwuchert; wir sind das Licht ihrer grünen Explosion: wir sind die Orientierung der Hoffnung.

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Fehler

Erst sagte sie mit traurig-schöner, melancholisch-dankbarer Stimme:

»Du bist jemand, vor dem ich Fehler machen kann.«

Dann zogen sich ihre Augenbrauen zusammen ins Dunkle und sie sprach tiefverärgert und böse:

»Du bist jemand, vor dem ich Fehler machen kann!«

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Das Jahr der Sitzengebliebenen

Jetzt streng wiederholen, was streng wiederholen? – Die Prüfung, die Prüfung allein und nichts als die Prüfung. Es ist falsch gelebt worden, falsch, falsch, Zeugnis ablegen, jetzt Zeugnis ablegen, unglaublich langsam, mein entzündetes Jahr lang.

Ob ich schaffe, ob ich es schaffe, ist fragwürdig, würdig dem Unglauben, dem Misstrauensvotum des Systems gegen mich. Jetzt runter, ganz runter mit dem Kopf, der ganze Schädel nach unten gedrückt, von der schweren Bestrafung, langsam, die gestohlene Zeit.

Zeig‘ Wiedergeburt, zeig‘, daß ich schon getauft war, immer immer schon getauft, nicht gekauft, in Freiheit, in Freiheit wie immer, wie immer schon weiter gehörig zum Ganzen, ich war immer ganz, nein, bin nie sitzengeblieben, auch jetzt noch nicht, gleichwohl ich das bin.

Jetzt streng wiederholen, was streng wiederholen? – Die Prüfung, die Prüfung allein und nichts als die Prüfung.

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ENTSCHIEDEN, Politik

Manifest einer Dissidenz im 21. Jahrhundert

von Rob Stirner

Der einzige Grund für die folgende „Theorie“ ist die Unaushaltbarkeit der alltäglichen globalen Praxis sowie die Notwendigkeit, sie hinter uns zu lassen.

1

Die Ideologie der Ideologie ist, dass es keine Ideologien mehr gebe. Sie ist stets älter als angenommen. Konditional für sie bleibt die Dämonisierung bestimmter Vergangenheiten (oder überhaupt die Behauptung, sie seien schon vergangen) sowie der Glaube an stattgefundenen Fortschritt. Letzterer ist spätestens seit dem vorläufigen Sieg des Kapitalismus dort angelangt, dass er die beste aller möglichen Welten für bereits erreicht hält. Dieses Erreichen ist das behauptete Anlangen in einem Bestehenden, welches das Offene oder die Öffnung selbst sei – in einer toleranten liberalen freiheitlichen dynamischen pluralistischen etc. Gesellschaft, die nun nur noch verteidigt werden müsse gegen Feinde von außen und innen. Die Ideologie der Ideologie ist die wesentliche Ideologie des Kapitalismus seit dem Schwarzen Freitag und ineins übersetzbar mit der Proklamation von Alternativlosigkeit.

2

Einige Beispiele aus Deutschland zu geben ist hier angeraten, weil besagte Ideologie der Ideologie ihre narrative Wiege von den Alliierten gezimmert bekam aus der teutonischen Eiche der Nazis. So ist es zum Beispiel einzig mit dem Selbstverständnis, in der besten aller möglichen Welten angekommen zu sein, möglich, vom Fall „der Mauer“ und von selbigem Geschehen als von einer „Wende“ zu sprechen; auch kann nur so jede frühere Verstrickung in Stasi-Aktivitäten zelebrös-drakonisch geahndet werden, während zeitgenössischen Geheimdiensten die Stasi als mitleiderregend schlecht ausgerüsteter Dilettantenverein ohne nennenswerte Befugnisse erscheinen muss. Darüber hinaus ist es nur mittels desselben Selbstverständnisses möglich, Nazideutschland, den Holocaust oder Hitler zum absoluten Ausnahmefall zu deklarieren und sich so von diesem scheinzudistanzieren – in einer Zeit, die den industriellen Massenmord, den Weltkrieg gegen den Terrorismus oder die für die Banalität des Bösen unhintergehbare division of responsibilities täglich aufs Neue planetar reproduziert.

3

Der Kapitalismus hat also vorläufig gesiegt, und der Sieger schreibt die Geschichte. Historisch bestätigt zu werden bedeutet nichts anderes, als von Herrschaft sein Führungs-Zeugnis entgegenzunehmen. Was historisch siegt ist bislang stets das Mächtigste, d.h. die effizienteste systematische Gewalt oder die neueste Kriegführung. So und nur so ist zu verstehen, dass der Kapitalismus vorläufig gesiegt hat. Er ist allerdings nicht nur die neueste Kriegführung, sondern ein Krieg, der geführt wird, um Krieg weiter zu effizialisieren, und damit ist er per definitionem une guerre pour la guerre, also Krieg für die Ausdehnung, Vertiefung und Beschleunigung des Kriegswesens. Vornehmlich ist er deshalb zuständig für die Totalisierung des Totums Kapital und für den Totalitarismus seiner selbst. Der Krieg gegen Bedürfnis, Körper, Leben und Möglichkeit ist jedoch keine Erfindung des Kapitalismus, sondern vielmehr ist Kapitalismus Erfindung jenes Krieges. Kapitalismus scheint derweil nicht nur dessen aktuelles Stadium, sondern auch sein letztes. Wie nahe wir damit schon am oder wie sehr im Spätkapitalismus sind, ist nicht mit Gewissheit sagbar. Sagbar ist lediglich, dass nach dem Spätkapitalismus wenige (wenn überhaupt irgendwelche) menschlichen Bedürfnisse, Körper, Leben und Möglichkeiten übrigbleiben. Die postmoderne Rede vom Transhumanen findet darin ihre irdische Wurzel. Die Erde wird transhumanisiert sein ab dem Moment, in dem der Mensch sie genug kapitalistisch bearbeitet hat, um selbst nicht mehr auf ihr leben zu können.

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Der Krieg, von dem hier die Rede ist, der Krieg, der letztlich den Kapitalismus erfand, begann laut Überlieferung mit dem, was wir Kultur zu taufen erzogen sind.[1] Jener Krieg oder Kriegszustand nun, den die Archäologie, zurecht oder zu Unrecht, bis auf die Grundsteine der Zivilisation zurückführt, wird im Folgenden schlicht System genannt und als solches expliziert. Um vom System zu sprechen, ist zwar eine gewisse Abstraktion zu leisten, dies aber lediglich, weil das System selbst als abstrahierende Aktivität gefasst werden muss. All dies klingt genauso mystisch, wie es auch funktioniert: unter dem System wird der Mensch zum hypnotisierten Tier. Ja, „der Mensch“ wäre, falls von Interesse, in vielerlei Hinsicht definierbar gerade als „hypnotisiertes Tier“ – weshalb es u.U. auch gerechtfertigt sein kann, über einen solchen Menschen hinauszukommen. Dafür wiederum müsste das System überwunden werden, das sich zwar trans-subjektiv und trans-personal selbst perpetuiert, aber deshalb noch nicht „das Subjekt“ oder „die Person“, geschweigedenn „das Individuum“ oder „das Einzelne“ fundiert.[2] Denn es gibt durchaus Nicht-System, und dieses ist gerade oder ausschließlich in Persönlichkeit, Individuum, Einzelnem, nämlich in Bewusstheit, Entschiedenheit und Willen zu finden, die womöglich auf den Körper und seine Bedürfnisse zurückgehen, jedenfalls kaum auf Sprache, Logik, Idealismus, Geist(-eswissenschaft) usw.

5

Das System lässt sich als herrschende Herrschaft beschreiben. Als solche ist es ein wirkliches, d.h. bewirktes, bewirkendes und verwirkendes Perpetuum Mobile. Seitdem es geworden ist, hält es sich selbst weiter am Laufen, sich um sich selber drehend, sich selbst verifizierend, indem es sein Außerhalb mehr und mehr beseitigt und sich selbst damit necessitiert. Es ist daher ein Totalitarismus – was überhaupt synonym ist zum Begriff herrschender Herrschaft. Totalitarismen leugnen, was sie nicht sind und/ oder expandieren in es hinein, um uneingeschränkte Hegemonien zu werden. Was Totalitarismen anstreben, ist Alleingewalt über die Welten, also Ausmerzung ihres Außerhalb. Totalitarismen sind insofern die Verabsolutierungstendenz von Immanenz. Dass Philosophen ihre größten Freunde sind sowie ihre tiefsten Ideologen, kann insofern nicht weiter überraschen.[3]

6

Das System ist zwar ein Abstraktum, aber ein wirkliches: eines, das in der Welt ist und sie formt sowie be-inhaltet. Es ist trans-personal, weil sein Personal die Menschheit ist, und nicht nur ein einzelnes Wesen. Wäre dieses Manifest offen für naturalisierende Metaphern und ihre Dualismen, ließe sich das System auch zu einem künstlichen Körper oder zu einem Organ aus Stammzellen poetisieren. (Dieses Manifest ist allerdings nicht offen für dergleichen.) Dass „die Menschheit“ das Personal des Systems ist, besagt nunmehr nicht, dass alle, die heute Menschen genannt werden, ständig Personal des Systems wären oder als es agierten. Sondern es besagt, dass es ein Personalmanagement des Systems gibt, welches jene, die – ob im Schlaf und seinen Träumen oder im Wachen mit dessen Träumen, ob im Intimen oder im Öffentlichen, ob mit sich, mit Familie, Freunden oder Fremden – nicht hinreichend als Personal arbeiten, aus seiner Welt verbannt, d.h. in die eine oder andere Art von Tod schickt (beispielsweise in einen der Tode des Menschen und all seine Spielarten eines Verlusts von Wert, Lebenswert und Leben). In dieser Situation aber befinden sich alle Menschen, also alle kultivierten Tiere. Durch sie setzt sich das System um, hält es sich aufrecht und führt es sich fort. Wer sich seinem Personalstatus nicht verweigert, ist dabei notwendig Funktionär des Systems, weil er sich für es auf eine funktionierende Funktion reduziert, um partizipierend, um Partizip zu bleiben. Wer ferner nicht einmal mitbekommen hat, dass er Funktionär ist, wird sein Funktionieren selbstverständlich als Freiheit wahrnehmen und die Funktion, mit der er sich identifiziert, als Axiom seiner Entscheidungen. Diese Selbst- und Fremdreduktion auf eine funktionierende Funktion oder auf systemische Medialität ist bekannt unter dem Namen der Identifikation. Sobald Identifikation geschieht, wird das Personalsein zur Persona, wird eine Selbstontologisierung betrieben, nach welcher davon gesprochen werden kann, dass der entsprechende Mensch System ist. Von außen ist solche Beurteilung auf eine jeweilige Handlung bezogen durchaus treffbar, und vornehmlich auf den Akt der Identifizierung. Dieser Akt jedoch, indem er selbige Handlung als Identität projiziert, verwandelt die Analyse seiner in die Analyse einer Person.

7

Indem Menschen sich mit dem System identifizieren, werden sie also zu ihm: noch nicht, weil sie mitunter oder auch andauernd systemisch handelten, sondern erst, seit sie ihr diesbezügliches Handeln für sich selbst halten. Das System ist also nicht einfach ein mystisches Programm, das sich selbst geschrieben hat und selbst am Laufen hält, sondern ein verselbstständigtes Oeuvre, das laut System-Überlieferung so alt ist wie die Menschheit und ihre Geschichte – wobei diese Geschichte selbst die Verfasserin seiner ist. Auch in diesem jetzigen Moment ist dieses Oeuvre dabei, sich fortzuschreiben: dafür ist sein Personal als Partizipialkonstruktion des Funktionierens, dafür sind seine ontologisierten Funktionäre, d.h. seine Identitäten ihrerseits geschrieben worden. Nun sind diese aber nicht gänzlich fassbar als „Hypnotisierungen“ des Menschen (oder als Kreation des Menschen als metaphysisches Tier), sondern in erster Linie als positive sowie negative Reaktionen auf die identitäre Welt, in welcher sie leben. Denn keine Identität fängt bei Null an oder mit dem Nichts, sondern stets bereits als das Identitätenarrangement, als welches es sich selbst erstmals wahrnimmt – d.h., beispielsweise, als Teil seines Elternhauses. Damit ist das System nicht nur ein Programm, das abgespielt wird; sein Personal, das meist kein Außerhalb seiner kennt, wird von ihm nicht einfach geschrieben, sondern an selbige identitäre, also systemische Welt ausgeliefert, um sich mit dieser identifizieren zu müssen oder unterzugehen: um System zu werden. Somit ist jede Identität Bestätigung des Identifizierens mit der identitären Welt und der identitären Welt selbst sowie damit Verunmöglichung einer Weigerung dessen, d.h. Verunmöglichung alles Nicht-Identitären. Hierin liegt der logische Sinn der anarchischen Idee, dass niemand frei sein könne, bevor alle frei würden.

8

Das System automatisiert also, aber vornehmlich mittels des Zwanges, dass dem Menschen, der kein Automat ist, auch keine menschlichen Bedürfnisse zugestanden werden. Insofern ist es ein materialisierter Idealismus. Wer dagegen den Einflussbereich des „Idealen“ (also von Metaphysik) überhaupt leugnen will, der muss den Menschen leugnen, also das dressierte, hypnotisierte, identitäre Tier sowie dessen Kultur, Zivilisation und Geschichte. Diese dürfen für alles über sie hinaus allerdings nicht geleugnet, sondern müssen im Gegenteil für es bekämpft werden.

9

Das System perpetuiert sich also, indem es jenem außerhalb seiner selbst keine Überlebenschancen übriglässt. Deshalb muss die Materialisierung seiner absoluten Immanenz auch totalitär sein; anders überlebte es nicht als System, wäre es nicht System. Es funktioniert damit so gut, weil die Identifikation mit ihm, seitdem es ist, d.h. herrscht, innerhalb seiner immer schon hegemonialen Immanenz die einzig rationale Option ist. Resistenz gegen den Sieger (den schon Gesiegten, die Definitionshoheit übers Siegen, das System) ist daher nicht nur von Seiten der Ideologie, sondern auch von Seiten der Wirklichkeit aus betrachtet „Pubertät“, „Punk“, Unvernunft oder Überschuss an Lebensenergie, nämlich: Streben, Darüberhinaus, Noch-Nicht, Zukunft – Transzendenz statt Religion; statt religio.[4] Gegen das System zu argumentieren ist demgemäß Kassandrie; gegen es anzukämpfen Don-Quixoterie.

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Sich sein kurzes Leben mittels eines „Gegen-Idealismus“ zu verderben, ist folglich, gerade seitdem Himmel und Hölle im Außerhalb abgeschafft sind, geradezu eitel: bedenke, dass du sterblich bist und lebe, d.h. mache mit statt dich querzustellen. So wirst du anerkannt und dafür entlohnt, kommst überall durch und hast ein angenehmes Dasein. Alles andere hilft dir so wenig wie allen sonst und verändert genauso wenig wie sein Gegenteil. – So der Gospel der Servilität, des Opportunismus, der Heteronimität, des Identitären. Er ist rational, weil das System ihn und damit sich rationalisiert hat. Als Herrschaft und expandierender Totalitarismus nämlich sorgt es sekündlich dafür, dass es rechtbehält. Das System versichert, verabsolutiert seine Immanenz, indem es sich als Alternativlosigkeit schon fürs Überleben perpetuiert. Wohin es sich aber bewegt, und erfolgreicher denn je seit seinen neuesten Techniken, das ist nach außen und nach vorn, also als Expansion, in die Totalisierung seiner Totalität, mit der einzig möglichen Verlangsamung seiner im absoluten Totalitarismus als gänzlich totalitär gewordener Immanenz.[5]

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Alles nun, was das Außerhalb theoretisch zu verunmöglichen versucht, ist Ideologie. Ideologie also ist die Theoretisierung systemischer Praxis. Die fortgeschrittenste, zeitgenössische Ideologie ist die postmoderne Theorie: sie verleugnet praktisch das Außerhalb, indem sie alles Außerhalb außerhalb des Innerhalb theoretisch leugnet. Damit verabsolutiert sie die Immanenz als Bestehende im Bestehenden. Während die Leugnung des Außerhalb die Theoretisierung des Systems ist (oder Ideologie), ist die Verleugnung des Außerhalb die Praxis des Systems. Die beiden wären ohne einander weder denk- noch umsetzbar.[6]

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Das Außerhalb des Systems dagegen ist jenes Potenzial, das Immanenz transzendiert und somit den Totalitarismus herrschender Herrschaft zu beschneiden trachtet. Um dieses Potenzial zu befördern, bedarf es jedoch der Resistenz und Renitenz, des Dissenses und der Dissidenz, kurzum des Kampfes gegen das System. Es bedarf des systematisch Diffamierten, des Trotzes, des Versagens, Verneinens und Verweigerns von Identität. Diss-idenz ist also die einzig hinreichende Gegnerschaft zum personalisierten System, nämlich zu seinen Ident-itäten. Solche kann sich aber nur entwickeln aufgrund der bewussten, erfahrenen, durchwollten statt willigen Entschiedenheit des Einzelnen – welche das System zur Gefahr und also zum Feind erklärt. Sein Personal wird demgemäß, wann immer es solchem Einzelnen begegnet, die eigene Arbeit darin sehen, seinen Arbeit- und Lohngeber zu beschützen, also das Einzelne zu tilgen und es bestenfalls zu liquidieren, d.h. es zu verflüssigen in den eigenen blutigen Blutkreislauf, in das planetare Delta seines Mainstream. Widerstände auszulöschen, Immanenz zu immunisieren, ist damit die negative Beschäftigung der Systemfunktionäre; die positive ist, Immanenz weiterhin am Laufen zu halten sowie intern zu perfektionieren.

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Dissidenz indessen muss Widerstand sein gegen die weitere Evolution des Systems: nicht zuletzt gegen die Polis-, d.h. Identitäts-Politiken, welche makroskopisch v.a. als Märkte und Nationalstaaten institutionalisiert sind und mikroskopisch als verschiedentlich konkretisierte Kollektivitäten. Dissidenz aber ist nicht Pubertät als prinzipieller oder gar identitätsbildender und damit rasch verendender Trotz, sondern vielmehr endloser Trotz aufgrund der Hoffnungslosigkeit des Kampfes, also die ständige Pubertät der Aufklärung gegen die ewige Unmündigkeits(v)erklärung des Systems. Dissidenz ist dabei utopisch, weil sie in ihrem nächsten Umfeld erlebt, dass utopische, nämlich utopisierende Zweisamkeiten bereits möglich sind. Deren Ausleben als transzendierendes Leben allerdings wird von totalitaristischer Immanenz konstant verunmöglicht – weshalb Utopia heute auch nur als Fluchtpunkt, Exilität und Asyl, als Höhle, Insel und Burg fortbestehen kann. Selbst als solche, als besagtes Umfeld, ist Utopia aber nur erreichbar mittels eines utopischen Willens und seiner entschiedenen Taten, d.h. mittels Dissidenz, welche eine Ethik des Körpers und eine Politik der Bedürfnisse ist. Utopia wäre demgemäß eine Welt, welche – statt tiefe, volle, offene, inspirative, starke und sensible Individuen wie überhaupt Lebewesen zu eliminieren – diesen vielmehr die Macht über sich selbst und ihr Miteinander überließe; eine Welt also, in welcher das Emanzipieren vom System weiter und weiter, eigens und kooperativ, im Größten wie im Kleinsten betrieben würde. Utopie, kurzum, wäre letztlich die radikale Alternative einer Befreiung zu sich und zu einem freundlichen und freundschaftlich verbundenen endlich bejahbaren vielfältigen Dasein. Dessen Gegenteil aber ist die sich selbst verabsolutierende Immanenz, ist der egoistisch-kollektivistische, kompetitiv-antagonistische, agonistisch-gleichschaltende, mörderische, verunmöglichende, vollends entfremdete Totalitarismus des Systems, welcher im Kapitalismus seine effizienteste Methode gefunden hat.

14

Das System ist ein Kriegszustand und der Kapitalismus sein dynamischer, beschleunigender, asymmetrischer guerre pour la guerre. Damit ist Kapitalismus das Entwicklungsmoment, das sich selbst weiterentwickelt, die effizialisierteste Methodik des Systems, weil die stete Effizialisierung noch seiner Effizialisierungen. Der Kapitalismus ist folglich die bislang höchste Form des Totalitarismus, weil er in alle Richtungen und alle Dimensionen zugleich expandiert: aus diesem Grund auch lautet sein Leitmotto Wachstum. Der Kapitalismus aber muss wachsen, weil sein Kapital akkumulieren muss: Kapital ist das vermutlich erste Mittel des Totalitarismus, das nicht nur so blind und abstrakt, sondern auch so universal und unlimitiert ist wie dieser selbst. Mit dem Kapitalismus ist das System nicht mehr nur ein Perpetuum Mobile, nicht mehr nur durch sich selbst beweglich, sondern gleichsam in der Notwendigkeit, sich auszudehnen und sich selbst zu überholen. Die Techniken des Systems sowie seine Technologien wurden demgemäß erst mit dem Kapitalismus radikal weiterentwickelt. Die Reduktion der Distanzen, welcher der Handel bedarf und welche vom Schiffsbau (Conquista, Kolonialismus und Merkantilismus) über die Eisenbahn (Industrialisierung und KZ, go west und go east) bis in die zeitgenössischen Explosionen von Kommunikation und Information (Neokolonialismus und Outsourcing) führt, wären undenkbar gewesen ohne das Wachstumsprinzip des Kapitalismus und die Effizialisierungsimperative des Kapitals. Das Ausmaß des kapitalistischen Totalitarisierungsgrades ist damit angedeutet schon im allgemein verwendeten Wort Globalisierung.

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Es gibt daher kein Exil mehr außer das innere: nicht zuletzt deshalb liegt die letzte Hoffnung im anti-identitären, dissidenten Individuum. Es gibt überhaupt keine Fluchtmöglichkeiten mehr, nur noch Migrationen von einem Gesamtkapitalisten (Engels) zum nächsten. Dieser globalisierte, also planetare Totalitarismus, diese systematisch verabsolutierte Immanenz des Systems nun ist bekannt unter dem Namen Markt. Es ist der Markt, der entscheidet, unter welchen Umständen ein jedes Lebewesen sich sein Leben zu verdienen hat. So verdienen sich manche Lebewesen – beispielsweise sogenannte „Nutztiere“ – ihre Lebensspanne einzig damit, dass sie zuletzt geschlachtet, d.h. ermordet werden. Mit 1989 als narrativem Endpunkt der Geschichte (als finalem Spektakel) ist allerdings nicht „nur“ die Welt, ihr Leben und ihre Natur ans Kapital verpachtet, sondern auch deren gemeinsame Zukunft. Apokalpyse wird damit zum Modus Vivendi einer ökonomistisch diktierten Politik kurzfristiger exzessiver Profite. Das System war nie so effizient totalitär wie im globalen Markt des zeitgenössischen Kapitalismus. Die monotheistischen Religionen versuchten, ihre Macht auf das Nachleben auszudehnen, um ihre Herrschaft zu sichern, blieben aber verunsichert, weil ihre Metaphysiken auf der Erde nicht verwirklichbar sind. Der Kapitalismus dagegen ist bereits die Versicherung des Systems als systematische Praxis seiner Verleugnung der Zukunft: Umweltzerstörung ist nur eine dieser verleugnenden Praxen. Dass sich durch sie das System versichert, zeigt nicht nur auf, wohin wir uns alle auf dem Weg befinden, sondern v.a. wer und was wir bereits geworden sind.

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Totalitarismus könnte beschrieben werden als Versuch, sich alternativlos zu machen. Dass sich in Deutschland, dem heutigen EU-Imperialisten, ausgerechnet die erstarkende Rechte als Alternative bezeichnen kann, ist damit augenfälliger Beweis für das Ausmaß des kapitalistisch Totalitären, das planetar ist. Es hätte Nazideutschland und den Holocaust ohne die Reduktion der Distanzen und die gleichzeitige Zentralisierung der Herrschaft, d.h. ohne Markt und Staat, ohne Kapital, ohne den Fortschritt der Technologien und Techniken des Systems, ohne den Volksempfänger und die neuesten Logistiken des Fordismus usw. nicht gegeben. Insofern dürfte es nicht übertrieben sein – selbst nur mit Blick auf die kapitalistischen Nebenprodukte (vom Internet bis zu den Waffensystemen, gemeinsam vom Militär entwickelt) –, unsere Dekaden nach dem „Ende der Geschichte“ als solche zu begreifen, die erstmals wirklich gen Apokalypse steuern. Fukushima dient Fukuyama somit als Bestätigung: was inzwischen zur Enthüllung (ápokálypsis) voranschreitet ist, was das System von Anbeginn antrieb.

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Dass die ganze Menschheit in Richtung ihrer eigenen Verunmöglichung wirkt ist nur zu verstehen dadurch, dass sie als Totalität wenig mehr ist als die totalitäre Gesamtheit an Zahnrädern, welche ihrerseits das Produkt des selbstperpetuierenden Systems ist. Dessen verabsolutierte Immanenz herrschender Herrschaft wird von keinem Personal und keiner Funktion jemals mehr transzendiert. Die bestehende Tendenz ist unwidersprüchlich, weil unwidersprochen: der Kapitalismus wird das System in den Abgrund hinein beschleunigen, bis das System, mystisch wie es ist, in seine Ursprünge zurückfindet, also in den Anfang oder eher in das Ende von Zivilisation überhaupt. Die Postmoderne war insofern womöglich nur der hilflose Versuch, sich vor diesem verwirklichten Wahnsinn ohne Fluchtmöglichkeit in eine idealistische Welt zu flüchten, in welcher vom Overkill nur noch ein Symbol, ein Simulacrum übrigbleibt, und in welcher der Totalitarismus in sich bereits die Utopie bereithält für jene, die Texte lesen und Sprache verstehen können – in welcher die verabsolutierte Immanenz kurzum bereits das Transzendieren selbst ist. Dies aber war das wohl letzte Refugium der Linken, doch jedenfalls eines, in welchem sie sich bereitwillig verlor.

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Damit ist nachvollziehbar, warum im Besonderen die Identitäten jener Generationen, welche nach 1989 geboren sind, in der Identifikation mit dem Aggressor aufgehen (und untergehen): die Linke selbst existiert kaum mehr jenseits des Systems – wenn sie es denn je tat. Sie ist mit Sicherheit keine Alternative zur proklamierten Alternativlosigkeit des Bestehenden; sie selbst ist Bestand, und vielleicht sein wichtigstes Standbein. Anders gesagt: sie hat ihre Prüfung bestanden und ist indifferent geworden, also gleichgültig sowie unterschiedlos gegenüber dem Rest. Es bleibt damit allen, die ihr Leben nicht als Kampf und beinahe Opfer, zumindest nicht als selten glückliche, isolierte, ständig unterwanderte Überanstrengung erleiden möchten, wenig anderes übrig, als sich restlos mit dem System zu identifizieren und zu seinem Personal zu werden. Dies ist die für Identitäten rationale Vorgehensweise, welche die meisten demgemäß auch praktizieren – die kapitalistische Ökonomie legt nichts näher als das. Kurz: wer anerkannt werden und erfolgreich sein möchte, wer ein angenehmes und positives Leben leben will, das befördert statt verhindert wird, der muss zum Funktionär des Systems werden. Wer Anteil haben will an seinen Reichtümern, der muss teilhaben an seiner totalitären Totalität, der muss deren Immanenz weiter verabsolutieren und sie als einzige und beste Erde für sein Wachstum und seine Arbeit wahrnehmen: sonst wird er niemals auch nur eine Frucht seines Säens ernten können. Dies freilich ist nichts Neues; es ist das System. Der Kapitalismus ist lediglich effizienter darin, es umzusetzen.

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Folglich ist, was als die große Entdeckung Foucaults gilt, ebenso steinalt: dass Herrschaft nicht nur beschränke, sondern auch instandsetze, dass sie nicht nur restriktiv sei, sondern auch konstruktiv – kurz: dass sie konstitutiv sei. Auch nun wenn Theorie, dem System meist verschworen, es selten selbst verstand, funktionierte Herrschaft immer schon so: wer von ihr beherrscht ist, der darf herrschen. Wer nicht zu transzendieren versucht, sondern immanent bleibt, der wird von Immanenz dafür belohnt, der steigt innerhalb zu hohen Würden auf. Erneut, das System findet im Kapitalismus nur eine Effizialisierung dessen: wer im großen Trust des Kapitalismus, als Kompartiment seiner Kompanie, für die Profite des Kapitals, kurzum wer immanent neuert, innovativ wird, kreativ, den empfängt man global mit offenen Armen: denn er bringt das System weiter, er verbessert es, konzentriert, expandiert und perfektioniert es.

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Die Effekte der entfremdeten Arbeit durch die früheren Stadien des Kapitalismus und deren ökonomische Umwälzungen müssen hier nicht nochmals aufgelistet werden; genügend Aufklärung ist über sie zu finden, sofern danach gesucht wird, v.a. dank den marxistischen Strömungen der Nachkriegszeit. Was hier näher in den Blickwinkel kommen soll, ist derweil die letzte der kapitalistischen Revolutionen, die vierte, die digitale, die immaterielle, weil diese nicht nur neue Rekorde der Effizialisierung des Systems bricht, sondern weil in ihr die Differenz zwischen Person und Personal, Funktion und Funktionär, System und Mensch gänzlich ausgelöscht wird. Mit anderen Worten: die letzte politische, d.h. größer angelegte Hoffnung, die der Dissidenz, ist nun unter direktem Beschuss, weil nunmehr ganze Identitäten kapitalistisch produziert werden, die letzten Distanzen zum System sich also auflösen. Dass die Linke dies weiter mit Identitäts- und Polispolitik zu „bekämpfen“ versucht, ist hinreichendes Zeugnis ihres partizipativen Status, ja, ihrer nicht zu unterschätzenden Rolle fürs System.

21

Resümieren wir zunächst, was vielerorts nachlesbar ist. Aufgrund der Sättigung in den bestehenden Kapitalakkumulationen des Industriellen musste der Kapitalismus in den 1970ern seine Ausbeutungsradien expandieren. Weil die Staaten des Zentrums zu dieser Zeit keynesianisch geprägt waren, musste durch sie, mit Umweg über die höheren Bildungsanstalten, die ökonomische Expansion ausgeübt werden: bekannt ist die hierfür verbreitete ökonomistische Ideologie unter dem Namen Neoliberalismus, welche man nach Experimenten in Südamerika und Asien auch in Europa umsetzte. In den Peripherien waren dafür neben der Regierung des militärisch am Leben gehaltenen Imperiums USA (Washington Consensus) vornehmlich die vormalig keynesianischen Institutionen Weltbank, WTO und IWF zuständig – letzterer spätestens seit der Finanzkrise dann auch direkt in und mit der EU. Der Neoliberalismus hat dabei nicht nur den Graben zwischen Zentrum und Peripherie vertieft (Strukturanpassungsprogramme im globalen Süden gen „Liberalisierung“), sondern – mit seiner Liquidierung des Sozialstaats, der Zerschlagung von Gewerkschaften und Betriebsräten, der Privatisierung der öffentlichen Hand, der Umverteilung von unten nach oben bzw. der Austrocknung der Mittelschichten – den Manchesterkapitalismus, d.h. die Prekarisierung und Pauperisierung wieder reimportiert in seine Heimat Europa. Dabei ist der Neoliberalismus, entgegen gewöhnlicher Interpretation, keine bloße Reaktion, die lediglich zurück vor die ökonomischen Einsichten der beiden Weltkriege führte – auch wenn er die Erstarkung der klassischen Rechten sowie allgemein Militarismus, Rassismus und Nationalismus begünstigt. Vielmehr ist er vor allem eine weitere kapitalistische Flucht nach vorn, nämlich eine Deregulierung der gesamten Gesellschaft – am Finanzsektor und seinem hemmungslosen Wachstum ist diese Deregulierung nur am deutlichsten ablesbar. Was dies bedeutet, ist eine allgemeine Ökonomisierung und Finanzialisierung des Sozialen, Alltäglichen und Intimen; es bedeutet die Ersetzung der Staaten als makropolitische organisatorische Mittelpunkte durch mikropolitische Logiken und Praktiken nicht nur der Märkte, sondern durchaus des (globalen) Marktes. Die damit einhergehende Horizontalisierung von Herrschaft, ihr Personalwerden noch der Person, die Funktionwerdung der Funktionäre, diese Übertragung des Politischen in die Hände des Marktes wurde allerdings von oben, d.h. klassisch hierarchisch, nämlich von Staaten, Medien, Bildung und ihren Institutionen eingeleitet.

22

Im Markt nun ist der Kriegszustand des Systems endgültig von der Gewalt in den Krieg aller gegen alle übergegangen – mit „Ausnahme“ alter metaphysischer und neuerer interessegeleiteter immanenter Kartellisierungen (welche nicht anders funktionieren). All dies musste geschehen, um dem System die Effizialisierung seiner Effizialisierung, um der Immanenz ihre Absolutheit, um dem Kapital seine Akkumulation aufrechtzuerhalten. Dergestalt nämlich ist Totalitarismus definierbar: um sich aufrechtzuerhalten, muss er expandieren. Entsprechend hat der Neoliberalismus nicht nur die aktuale Gefahr des Faschismus verschärft, sondern die Tiefenfaschisierung des Kapitalismus begonnen. Seit den 1990ern geht er demgemäß über in das Regime, das er vorbereitet hat: in eine Ökonomie der Kommunikation und Information, des Immateriellen und Digitalen, der Identitäten und der Schulden, kurz: in den postmodernen Kapitalismus, ins nächste Stadium des Systems, in einen totalen Totalitarismus.

23

Heute ist nicht mehr nur von der Internalisierung des Systems zu sprechen, nicht mehr nur von seiner Sozialisation, sondern überhaupt von der Liquidierung der Distanzen zwischen ihm und seinen Funktionären: die Horizontalisierung der Hierarchien hat herrschende Herrschaft vollends austauschbar gemacht mit dem neuesten Personal, nicht nur mit Marktsubjekten, sondern mit Marktidentitäten. Der höchste Entwicklungsstand des zeitgenössischen Kapitalismus ist so zusammengefasst in dem Wort Identitätsökonomie. Dass dieses Wort in gewissem Sinn eine Generalbeschreibung des Systems liefert, ist schon ablesbar in den Etymologien seiner beiden Bestandteile, die von Anbeginn aufeinander verwiesen.[7]

24

Die Identitätsökonomie steht zunächst in direktem Zusammenhang mit den angesprochenen Akkumulationsengpässen des Kapitals. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte sind nicht nur neue Ressourcen und Techniken für Kapital und den Kapitalismus emergiert, sondern v.a. neue Identifikationsobligationen gegenüber dem System von unten. Die absichtlich produzierte (äußerst lukrative) Krisenanfälligkeit sowie die Transformation von Schulden in handelbare Werte formt und formiert nicht nur die Arbeit der Menschen im Job, sondern ebenso ihre Arbeit an sich selbst, also ihre Identitäten auch jenseits offizieller Fabriken. Während Kapital angehäufte Arbeit ist, sind Schulden die künftig zu verrichtende Arbeit für Schuldner, oder Verträge über Arbeitsverhältnisse des Privaten und Öffentlichen der Zukunft. Damit wird die gesamte Persönlichkeit des Personals, mitsamt aller bewussten und unbewussten Reflexionen über Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten, über Hoffnungen und Befürchtungen von Systemimperativen durchfasert. Weil das Emphatische der Zukunft für die Person aber Offenheit statt Erwartbarkeit und Geschlossenheit bedeutet, Möglichkeit und Alternative, Befreiung und Veränderung, deshalb ist der Verkauf der Zukunft – den Schulden sowie die Angst vor Verschuldung und Krise beinhalten – der Verkauf überhaupt von eigenem Handlungsspielraum. Besagter Verkauf ist im Effekt somit jener von Entscheidungen und Initiative, von Person und Persönlichkeit und ihrer Wirklichkeits- und Ich-Konstruktion sowie allgemeiner von gesellschaftlicher Besserung und Utopie. Verkauft ist nämlich nicht nur die Zukunft einzelner Personen (sich nicht zuletzt verdeutlichend in der Obligation des „lebenslangen Lernens“, also des lebenslangen Justierens auf gesellschaftliche Nachfrage), sondern jene ganzer Völker, was spätestens offenkundig wurde mit den marktaffizierten Staatsschuldenkrisen in Südeuropa und ihrer Übernahme durch den Markt und seine Repräsentanten. Dass das Narrativ vom Ende der Geschichte und die Einführung der Schulden- und Krisendiktatur im identitätsökonomischen Kapitalismus des Immateriellen zusammenfallen, ist somit nur die zeitgenössische Zusammenführung von Überbau und Basis.

25

Der Neoliberalismus enthob die Zentren also ihrer auf den Straßen erkämpften Sozialstandards und organisierte die Selbstüberantwortung der Gesellschaft an einen Markt, welcher aus Schulden mehr Schulden bzw. mehr Gewinne ausbeutet. Insbesondere dieser Markt, jener der Finanzen, hat die Welt bekanntlich global in eine extreme Konzentration von Kapital und damit von Macht geführt und dies nicht zuletzt, indem versplittertes Vermögen in Fonds monopolisiert und institutionalisiert wurde. Eine Rückkehr des Sozialstaats ist somit nicht möglich in den derzeitigen Verhältnissen; der Staat überhaupt ist wenig anderes als eine Vertretung der nationalen Wirtschaftszweige wie überregional der kapitalistisch-kompetitiven Logik eines raise to the bottom (Standortdebatte). Seine heute bestehende Konzentration von Macht kontrolliert aber nicht nur Staaten, sondern auch ihr verstreutes Personal noch effizienter als früher – u.a. wie gesagt, indem dafür gesorgt ist, dass Krisen, von den Mächtigen produziert (z.B. unter Mithilfe der FED), nicht diese selbst, sondern die bereits Ohnmächtigen konsumieren: nämlich deren Psychen, Beziehungen, Aktivititäten, Selbstverständnisse und Leben. Es ist also nicht nur so, dass neben Schulden und Krisen das wichtigste neue Akkumulationsmaterial jenes der Identitäten ist; sondern die drei sind erst zusammen die Postmodernisierung des Kapitalismus.

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Die Ausbeutung im identitären Sektor nun ist vielschichtig. Zunächst einmal beruhte das gesamte System schon immer auf ihm – mittlerweile ist er nur zusätzlich entdeckt worden auch als rentabler Zweig des Kapitalismus; und nicht mehr lediglich verstanden als Grund und Boden, in dem das System fundiert und aus dem es sich nährt. Als rentabler Zweig aber gehört er sogar zu den ertragreichsten (wenngleich nicht tragfähigsten) Sektoren, die der Kapitalismus jemals entwickelte. Die vierte kapitalistische Revolution wälzt das Bestehende heute dahingehend um, dass die immaterielle Arbeit der Identitäten die tiefste Ausbeutung erfährt – nämlich, indem sie nicht nur produziert, ohne dafür bezahlt zu werden, sondern indem sie in ihrer bisherigen Freizeit, in ihrem zu Hause, in ihrem Privatleben diese Produktion exorziert; indem sie nicht nur die PR, die Werbung, den Vertrieb ihrer Produkte übernimmt, sondern zugleich deren Konsumption. Diese Annäherung von Arbeit und Kapital, Käufer und Verkäufer, Angebot und Nachfrage etc. nun findet vollständig zu sich in der Produktivkraft-Kommodität der schon erwähnten Marktidentität. Dies ist der eigentliche Sinn der vierten kapitalistischen Revolution, der Mikropolitisierung von herrschender Herrschaft, des Personalwerdens der Personen: die nächste Vertiefung der Identifizierung mit dem System, die Totalisierung des Totalitarismus, die Verabsolutierung von Immanenz: die Tilgung des Transzendierens von innen, die Beseitigung der Dissidenz.

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Nicht umsonst also leben wir bereits in einer augmented reality: das Digitale beseitigt die letzten Hindernisse und setzt die Ideologie direkt ein in die Lücken der systemisch produzierten Wirklichkeit. Was mit dem Internet augenscheinlich wird ist die totale Entgrenzung von Immanenz: postmoderne Philosophen wie Deleuze gelten nicht von ungefähr als Pioniere von Hyperlink und Vernetzung. Je mehr aber alle angeschlossen sind, desto mehr auch eingeschlossen; desto weniger Außerhalb gibt es. Die Entfremdung der Menschen von sich selbst durch ihre eigenen Erfindungen, welche sich nach den offiziell religiösen Fetischen durch Geld und schließlich durch Kapital in Universalien materialisiert hat, findet im Digitalen ihre vorläufige Perfektion. Zugleich ist das Internet weniger eine inhaltliche als vor allem eine formale Ideologie: die totale Medialität ist zugleich die vollständige Negation von Distanz und die absolute Erfassung, die nächste totalitäre Inklusion in systemische Immanenz, das erste planetare Aufgehen in Totalität. Die utilitaristische Strategie einer zeitweisen Verdrängung älterer verwirklichter Metaphysiken (wie Herkunft, Abstammung, Geburt) ist dabei lediglich die Verdrängung von Faktoren, die nicht vollends in Totalität aufgehen, sondern in der Kirche der Immanenz eine Sekte der Sub-Immanenz bilden. Etwa die Legende vom Tellerwäscher zum Millionär dient damit nicht nur als Ideologie einer Wanderung von der Peripherie ins Zentrum, sondern vor allem als Köder des Zentrums, der die Grenzen der Peripherien ideologisch einbegreift. Gleichermaßen ist die proklamierte Alternativlosigkeit des Bestehenden (TINA) – zu welcher sowohl die Erzählung der besten aller möglichen Welten mitsamt Ende der Geschichte und Ideologie der Ideologie gehört wie auch die klassische Naturalisierung bestehender weiterhin nicht ausblendbarer struktureller Gewalten – eine theoretische Spur der praktizierten Instrumentalisierung von Vergangenheit und Zukunft für das totalitäre Jetzt der Immanenz. Was der Kapitalismus in Reinform beispielsweise nicht mehr erlaubt, ist den König von Gottes Gnaden, weil Kapital keinen Gott neben sich zulässt; was er nicht erlaubt, ist etwa den faulen Adeligen, den sozialen Parasiten, den verschwenderisch-dekadenten Erben. Kapital nämlich fordert nicht nur Loyalität ein, sondern Arbeit: Arbeit 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Die Purifikation des Funktionierens, des Leistens, von Opportunismus und Konformismus, geschah kurzum erst durch die „Rationalisierungen“ des Kapitals – d.h. durch seine Säuberungsaktionen all dem gegenüber, was den Dienst an ihm ablenkt. Jener Säuberungsaktion fiel zuletzt sogar der homo oeconomicus als zu starre, zu konservative, zu rationale und damit zu distanzierte, zu unproduktive, zu wenig immanente Illusion anheim: ersetzt wurde sie von der Marktidentität. Dies alles bedeutet aber nicht, dass es keine Nepotismen mehr gebe, keinen Aberglauben oder keine nicht-monetäre Autorität – sondern, ganz im Gegenteil, dass diese nichts länger sind als Personalstellen der Immanenz, dass sie ihres transzendierenden Moments bereinigt, dass sie von diesem in Funktion hinein abstrahiert wurden und werden: genau darin schließlich besteht der heutige Akkumulationsüberschuss der Identitätsökonomie. Und genau darin besteht der Profit der Vernetzung von Immanenz: in der Entgrenzung des Systems, des mikroskopisch und zugleich omnipräsent gewordenen Panopticons, der mikropolitischen Arbeit der Marktidentitäten.

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Die Immanenz muss totalitär werden, das ist ihre innere Selbstbewegung als Systemtotalität. Was ihr am meisten hilft, einschließender, umfassender, expandierender zu werden, sind die surplus values der Identitätsökonomie. Immanente Pluralität, immanente Heterogenität, immanente Idiosynkrasien, immanente Diversifikation sind ihr produktivstes Wachstumsrezept, um innerhalb, in sich selbst und für sich bunte Effekte zu erzielen, die sich gegenseitig stimulieren und immanente Synergien entwickeln. Dies endlich ist, wie das Perpetuum Mobile der Immanenz, des Systems funktioniert. Von oben, klassisch zur Beschleunigung gebracht, wurden dafür im späten Neoliberalismus flache Hierarchien, Flexibilität, „Eigenverantwortlichkeit“ (also verantwortliches Handeln im Sinne des Kapitals, d.h. Handeln gegen alle Eigenheit und Selbstständigkeit) und vor allem das Kreativmanagement und die immaterielle Arbeit eingeführt. Die Trennlinie zwischen Haushalt und Markt wurde, dem Begriff der Öko-nomie wieder gerecht werdend, so endlich aufgelöst: nicht nur lebt man heute dort, wo der Kapitalist einen hinbeordert, sondern die Ausbeutung findet nun primär zu Hause statt (home office), und zwar (im Gegensatz zur patriarchalen Hausarbeit) inbegriffen in die Bilanzen des Kapitals. Demgemäß werden die alten Diskriminierungen tendenziell umstrukturiert, sodass auch Frauen Geld verdienen, arbeiten, Karriere machen sollen (wobei die alten Aufgaben nicht gleichermaßen neuverteilt werden). Die Identitätspolitik der Linken ergänzt die immanente „Gleichstellung“ der Identitätsökonomie hier als eine ihrer innovativsten immanent-externen Dienstleister[8]: Frauen, Immigranten, Xenosexuelle etc. sollen in Vorstände, in Ministerien, ins Militär. Der Kapitalismus ist schließlich umso effizienter, je mehr er ausbeuten kann; Marktidentitäten sind ihm für Mehrwert schlichtweg hilfreicher als essentialistische; ganze Kollektive auszuschließen wäre ihm dagegen kontraproduktiv im wörtlichen Sinn. Die postmodern verabsolutierte Immanenz des Systems diskriminiert also mehr zwischen Funktion und Nicht-Funktion oder Identität und Dissidenz als zwischen verschiedenem Personal. Sofern die Differenz, die Heterogenität, die Devianz innerhalb bleibt, immanent stattfindet, befördert das System sie sogar, weil es nur so beschleunigt weiterentwickelt, perfektioniert, effizialisiert werden, weil es nur so die eigene Beschleunigung beschleunigen kann. Deutlich wird dies vor allem dort, wo der Kapitalismus diskriminiert: er diskriminiert nämlich allen voran Alte, Kranke, Behinderte sowie Frauen (weil sie Mütter werden können). Am allermeisten aber diskriminiert er solche, die sich gegen seine „Arbeitsethik“, gegen seinen Leistungsimperativ, gegen seine Chancen„gerechtigkeit“ wehren: die Dissidenzen und die unbeabsichtigt Dysfunktionalen also, zusammengefasst in den Armen. Was systemisch nämlich als Nicht-Leistung oder Anti-Leistung (Hinderung, Verlangsamung, Absenz, Widerstand usw.) interpretiert wird, ist ein Transzendieren totalitärer Immanenz: direkt bestraft mit dem Entzug der Lebensgrundlagen.

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Wer dagegen ein partizipierender Leistungsträger ist, produktives Personal, Humankapital, ein immanenter Neuerer, Kreativer, Künstler, Revolutionierer, Unternehm(end)er, der wird subventioniert, mit Mitteln versehen, befördert und gefördert. Die Horizontalisierung des Herrschens, die Postmodernisierung des Kapitalismus brachte dem System so eine Beschleunigungsbeschleunigung, die es nie zuvor erreichte. Seine „offene Gesellschaft“ ist insofern als inkludierende, integrierende, einschließende zu verstehen: als solche, die den Status der Ausnahme, der Exklusivität, der Distanz nicht mehr akzeptiert. Kapital als neurotisch akkumulatives Liquid, als perfekter Mechanismus, um das Perpetuum Mobile zu totalisieren, ist damit besonders gut geeignet, um die Fantasien und Ideologien der hyperaktiven Immanenz anzuzapfen, um also systemische Energien zu Synergien des Systems zu fusionieren. Kapitalismus als impliziter Totalitarismus, als dynamische Technik und Technologie der Beschleunigung des Perpetuums, als Expansion, Akkumulation, Wachstum der Immanenz, kann sich wie kein vorheriges System des Systems anschließen an die Stimmungen, an die Psychen und Herzen der Menschen: Todestrieb und Lustprinzip sind endlich vereint in ihm. Das Prinzip der Immanenz spricht dabei die ganze Zeit für sich selbst: wer nach ihm, wer immanent funktioniert, hat alle Freiheiten, alle Macht, alle Medien. Genauer: das Immanenzprinzip funktioniert durch den Einzelnen hindurch als eine Art Doublespeak – Zentralisierung ist immanente Dezentralisierung, Replikation ist immanenter Individualismus, Gleichschaltung ist immanente Pluralität, Beihilfe zur Euthanasie ist immanente Entwicklung (s. Entwicklungsländer), Krieg ist immanenter Frieden sowie die Befriedigung und Befriedung des Immanenten, Sklaverei ist immanente Freiheit usw. usf. Das systemische Perpetuum hat sich selbst immer schon nach diesem Prinzip in Bewegung gehalten, doch wird es seit dem Kapitalismus noch weiter und weiter beschleunigt – dies ist die Beschleunigung der Beschleunigung, die Effizialisierung der Effizialisierung, der guerre pour la guerre, welche abstrahiert verwirklicht werden durch Kapital, durch die abstrakte Leitwährung einer wirklichen Abstraktheit (des Systems), konkret mittlerweile durch das Humankapital von Marktidentitäten.

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Was dergestalt an- und eingeschlossen ist an und in der Immanenz ist nicht nur das Jetzt, sondern auch die Zukunft und die Vergangenheit von Einzelnen wie der Gesamtgesellschaft. Mit dem postmodernen Kapitalismus, dem Erzeugnis v.a. der neoliberalen Deregulierungen (als Krisen- und Schuldenmaximierern), ist die Arbeit der Identitäten, letztlich übereinstimmend mit der Funktionsweise des Systems, mit kapitalistischer Akkumulation gleichzusetzen. Die neue Identitätsökonomie besteht nun v.a. aus dem Informations-, Kreativitäts- und Kommunikationssektor. Das transkapitalistische Ergebnis dessen ist die Formierung und Neuformatierung des Systempersonals. Mit der wirtschaftlichen Postmoderne definiert der Informationssektor den Möglichkeitenhorizont des Personals, indem er das Rohmaterial der Wirklichkeitskonstruktion liefert; der Kreativitätssektor redekliniert Denken, Fühlen und Vorstellen desselben; während der Kommunikationssektor die Beziehungen der Personen reguliert, sowohl die zu sich selbst wie die zu anderen. Damit aber sind Identitäten vollständig angeschlossen; Differenz ist inkludiert und Distanz beseitigt; die Welt kapitalisiert. Was hierbei zu Produktivkräften des Systems wird sind die bislang aus kapitalistischer Perspektive unterausgebeuteten Vitalitäten des Menschen: d.h. Affekte, Spontanitäten, Intimitäten, überhaupt immanente Differenzierungen. Kurz, in der Identitätsökonomie des postmodernen Kapitalismus werden jene Reserven des Personals utilisiert, die bislang noch zu transzendieren vermochten: es geschieht die Instrumentalisierung selbst jener raren Vernunft und jenes Außervernünftigen, welche bislang nicht instrumentell waren. Die Inflation von Ich-AGs und Entrepreneurship markiert diese Wende: inkludiert wird nun all das, was bislang dagegen stand – Hipster, Retro, vegane Restaurants und Bioketten sind die Produkte solcher produktivitätssteigernder Integration. Die kapitalistischen Portfolios werden erweitert und die Kreation neuer Profitnischen ist den Profis überlassen, also jenen, die im Kreativen erfahren sind: den Künstlern, die, obzwar innovativstes Personal, bislang vom Kapitalismus marginalisiert worden waren. Absolute Immanenz, hiermit wahrhaft totalitär, wird sich solche groben Fehler, solche Ineffizienzen, solche Räume für Transzendenz von nun an nicht mehr leisten.

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Der postmoderne Kapitalismus wurde neben den Diktaten des Neoliberalismus durch Kolonialisierung, Imperialismus und Globalisierung sowie durch das kapitalistische Akkumulations-, also Beschleunigungs- und Wachstumsgesetz neuer Techniken und Technologien eingeleitet. Entscheidend für seine momentanen Effizialisierungen sind seine Fertigkeiten des Kopierens: der industrielle Sektor scheint in Zukunft von 3D-Druckern und anderen Maschinen ersetzt zu werden; das Internet mit seinen Netzwerken, auf denen man seine Inhalte teilen und vervielfältigen kann, wird womöglich der Arbeitsplatz der Zukunft. Gerade der Computer mit seiner Tastenkombination strg-c ist eine Abkürzung des Produktionsprozesses, die keine Automatisierung der Vergangenheit hervorbrachte. Die bisherigen Akteure, heute Funktionen – Marktidentitäten – sind inzwischen kaum mehr als Zugehörigkeiten zu verschiedenen Clouds und Crowds, als Kompartimente in einem Meer aus Strömungen und Schwärmen, als „liberalisiertes“, liquidiertes, dezentralisiertes, hochflexibles Humankapital. Insofern sind die herdeninstinktiven, computerisierten Finanzmärkte nicht länger, wenn sie es denn je waren, getrennt von der Realwirtschaft oder der Lebenswelt Einzelner; vielmehr ist auch die digitalisierte Privatwelt stets bereits veröffentlicht, ausgebeutet und geupgradet auf die neueste Immanenz. Der postmoderne, posthumane Traum vom Menschen ohne Geschichte, ohne Körper, ohne Autonomie oder gar Genie, ohne Bewusstsein und ohne Präsenz ist damit dabei, Wirklichkeit zu werden. Die Horizontalisierung der Herrschaft und ihre Gleichschaltung der Menschen ist bereits eine massive Wirklichkeit, womit sich endlich der in der Tat fließende Übergang von totalitär verabsolutierter Immanenz zum Faschismus offenbart – denn postmoderner Kapitalismus ist in sich schon faschistoid. Die Identitätsökonomie ist eine faschistoide Wirtschaftsweise, welche die Masse als Schwarm ausbeutet – über ihr omnipräsentes, alles-erreichendes digitales Netzwerk. Beispielsweise das Crowdfunding erlebt nicht von ungefähr, sondern abgedeckt von der systemischen Tendenz, gerade seine ganz und gar nicht schmerzhafte Geburt. Gleiches gilt für die mit ihm verbundenen Start-Ups wie für alle anderen Innovationen der vierten kapitalistischen Revolution. Der Finanzmarkt ist keine Ausnahme darin, Megaprofite und -effekte durch die Deregulierung der Massenpsychologie und ihrer Instrumente zu produzieren. Deren verwirklichte Metaphysiken sind derweil nicht nur toxische Papiere, sondern Performanzen, die andauernd kapitalistische Werte wie überhaupt systemischen Mehrwert erzeugen – der Markt ist nicht beschränkt auf den stock market. Auch ist der Finanzmarkt nicht allein darin, allen seinen Atomen Zugang zu verschaffen zu Anhäufungen, Mehrungen, Konzentrationen von Liquidität, indem ein jedes immanentes Atom seinen Anteil hat (Aktie) und Teiler wird einer Summe an totalitärem Ganzen. Vielmehr ist dies die Funktionsweise nicht nur des Kapitalismus, dessen Angebot, Nachfrage und Werbung, dessen gesamte Warenwirtschaft stets auf Masse und nicht auf dem Individuum basierten, sondern überhaupt des Systems, d.h. der herrschenden Herrschaft als Integrale. Der postmoderne Kapitalismus ist damit eine Zusammenlegung faschistoider und kapitalistischer Logiken, einer monistischen Ideologie und einer immanenten Praxologie, die schließlich beschrieben werden kann als Metonymisierung des Einzelnen mit dem System. Der Mensch ist als Metonymie dazu aufgefordert, aufzugehen als Identität in der Masse, welche sich in Schwärmen organisiert. Die einzige Kraft, die sich dem verweigern kann, wäre nur noch das entschiedene, selbstbewusste, resistente Individuum, d.h. die Dissidenz.

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Der faschistoide Kapitalismus der Identitätsökonomie, welcher seine eigenen Grenzen liberalisiert und seine Regeln dereguliert hat, ist nicht mehr auf Nationalökonomien, Staaten oder einzelne Völker angewiesen. Daraus erst aber ergibt sich das Potenzial globaler Faschisierung. Der faschistoide Kapitalismus wird sich, nicht zuletzt zur kreativen Destruktion seiner eigenen Produktivkräfte, einen Pluralismus an Nationalismen, Nazismen und Chauvinismen durchaus leisten können – befreit vom eher hinderlichen Fixum des einzelnen Staates, so sehr ein jeder auch Imperium zu sein versucht. Die Auflösung der Distanzen gerade zwischen globalem Markt und lokalem Staat, welche sich aus einem globalen deregulierten Markt selbst ergeben musste und welche ihrerseits von Staaten exorziert wurde, wird exemplarisch greifbar in der Zusammenarbeit von Privatwirtschaft (Suchmaschinen, sozialen Netzwerken sowie weiteren medialen Dienstleistern) und Geheimdiensten insbesondere im Internet. Die Zukunft des Modells Staat ist insofern vorgezeichnet: wenn er in seiner Ausdehnung fortexistiert, dann vor allem als Polizist und Nachtwächter des Kapitals. Für den Faschismus bedeutet dies allerdings nicht die Lösung von seinen Bünden (fascio), sondern die Erlösung von deren Restriktion durch tradierte Horizonte. Der neue Bund schließlich ist eine Multitude, ein sich spontan konzentrierender Mob, ein Schwarm der Masse, der seine neuen Technologien zu nutzen weiß. Die alten Medien übrigens spielen in der Fütterung solcher postmoderner Bünde nach wie vor und trotz neuer Informations- und Kommunikationspfade die entscheidende Rolle: das Kapital hält seine Fasci so wie früher zusammen im Sinne seiner Entwicklungsrichtungen.

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Die erneut exponentiell wachsende klassische Rechte ist neben den von der bestehenden Immanenz abgeleiteten Symptomen Presse und Parlament (Selbstauslieferung der Sozialdemokratie/ „dritter Weg“) also den analysierten Prozessen des postmodernen Kapitalismus zu verdanken sowie den Folgen des Neoliberalismus (Prekarisierung mitsamt Krisen- und Schuldenökonomie). Zu letzteren führte nicht zuletzt die Spekulation mit Zukünften, aus welchen der Finanzmarkt sein Wachstum bezieht. Erneut muss hier allerdings betont werden, dass dies inhärent war bereits im Kapitalismus und damit in der bislang effizientesten Avantgarde des Systems: Kapital agiert per definitionem nicht nachhaltig, sondern der maximalen Profitrate gemäß. Anders gesagt: die kurzfristigen überausbeuterischen Gewinnspannen, die auf dem Altar des totalitären, immanenten Jetzt alle Zukunft opfern, sind nicht erst dem deregulierten Finanzsektor, sondern den wesentlich allgemeineren Mechanismen des Kapitalismus zu verdanken. Der Finanzsektor ist nur aggressiver und offener in seinen Taktiken und spekuliert demgemäß direkt auf die Katastrophe, womit er sein nicht nur metaphysisches, sondern auch apokalyptisches und damit chiliastisches Erbe bereits heute demaskiert. Dieser Chiliasmus gehört nämlich selbst zur Verabsolutierung von Immanenz und zu ihrem Totalitarismus. Was die Konsequenzen sind, ist dabei vollständig einerlei. Zukunft, gerade als Transzendenz, gibt es nicht mehr – sie ist bereits verkauft und damit immanent. Das System ist ein Perpetuum Mobile, dessen Expansionsmuster eine Beschleunigung ist, welche in sich selbst keine Limits kennt. Das einzige Limit für sie wird somit der Planet sein oder die Menschheit, sofern nicht eine radikale, globale sowie hinreichend einflussreiche Unterminierung des Systems stattfindet. Von dieser aber fehlt bis zum jetzigen Zeitpunkt jedes auch nur geringste Anzeichen.

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Denn die Dissidenzen sind kaum und zudem isoliert. Die Linke selbst trägt die Hauptverantwortung für die Abstumpfung aller Waffen gegen das System. Der Westen ferner hat dafür gesorgt, dass der Osten, wie fern er auch sei, seine Modelle der Effizialisierung weiter effizialisiert, wenn er selbst es nicht mehr kann. Politische Zuversicht ist seither nur zugänglich für eine der Spielarten linker Dogmen-Anachronismen, z.B. für den Marxisten – oder aber für jene, die sich offen als kapitalistisch, als liberalistisch oder als rechts bekennen (bzw., im Unverständnis der eigentlichen Bedeutung des eigenen Labels, als „konservativ“). Die einzige Zuflucht für echte Alternativen ist inzwischen deshalb der Rückzug in mikroskopische Versuche von Utopie. Nur sind wir Dissidenzen zu wenige, oder, besser gesagt: wir sind allein und ohnmächtig.

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Die letzte Aussicht politischer Radikalität wäre somit zwar ein Angriff auf systemische Immanenz, v.a. auf die bestehenden Marktpolitiken und ihre chiliastisch-totalitären Evidenzen. Doch die allerletzte nüchterne, entzauberte Hoffnung dessen liegt de facto kaum noch woanders als in Manifesten wie dem vorliegenden und ist demgemäß nicht vorhanden in den Augen der Welt.

Quellen

Für ein Verständnis der Basis waren entscheidend:
Das Werk von Robert Kurz und von Maurizio Lazzarato sowie John Grays False Dawn: The Delusions of Global Capitalism und insbesondere Detlef Hartmann: Krisen Kämpfe Kriege. Alan Greenspans „Tsunami“ – eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht.

Für ein Verständnis des Überbaus waren wichtig:

Neben Marxismus, Kritischer Theorie und Poststrukturalismus (hier v.a. der Prä-Poststrukturalist Nietzsche für Metaphysik; Vulgär-Marx für die Reziprozitäts-Relation Basis – Überbau; Adorno für die Beschädigung, das falsche und Integrale der Gesellschaft; Foucault für Mikropolitik und Macht) Jaron Lanier: Who owns the future? sowie, ausschlaggebend, Camille de Toledo: Archimondain Jolipunk; confessions d’un jeune homme à contretemps.

Guy Debords La société du Spectacle ist zwar nicht in den vorliegenden Text eingeflossen, beinhaltet aber zahlreiche parallele Analysen und ist eines der wenigen (marxistischen) Werke, welches Dissidenz nicht die Freude am Lesen verdirbt.

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[1] Damit wird sich an keinerlei Vorstellung von Natur oder Naturrecht angeschlossen, auch nicht ans Oxymoron einer „menschlichen Natur“, sondern explizit nur über das gesprochen, was innerhalb des Menschlichen ist: also als Gedächtnis, Erinnerung, Geschichte (d.h. als notwendiger „Zirkelschluss“). Derweil das sogenannte Tierreich, das Anorganische und alles andere, das aus Menschenperspektive, sobald es über diese hinaus ausgedehnt wird, Ursprungsmetaphysik ist, soll hier keinerlei Behandlung finden. Dergleichen wäre, wenn überhaupt, so der Stoff solcher Kunst, die im vollständig Ungewissen lebt. „Das Menschliche“ als etymologische Generalrelativierung wird weiter unten insofern verstanden als Reduktion des Metaphysischen auf die Beschränktheit des Menschen oder als Verbleiben in menschlichen Horizonten. Die Tötung von Menschen wie der mögliche Tod des Menschen dagegen finden ihre theoretische Parallele in einer aggressiven wie illusionären Auflösung menschlicher Beschränktheiten: in metaphysischer Ideologie.

[2] Überhaupt sind dergleichen „Fundierungs“aussagen prinzipiell metaphysisch und daher fern von hier vertretenen Positionen.

[3] Philosophie ist – verschwistert mit Polis-Politik; die gemeinsame Mutter: Athen – die Sublimierung von Religion bzw. deren Rückübersetzung in den Mythos, welcher die erste metaphysische Ideologie war: Philosophie ist Rationalisierung von Mythos. Es ist nun nicht so, dass Philosophie heutzutage tot wäre oder nicht mehr die Königin der Wissenschaften oder gar gänzlich aus der Welt geschafft. Vielmehr setzt sie sich derart uneingeschränkt in den Leben um, dass sie gänzliche Praxis geworden ist, eine Theorie also, die keinen Abstand mehr zu sich selbst kennt. Das System ist somit „Weltgeist“; die Philosophie nur dessen Enzyklopädie.

[4] Das lateinische religio (Bindung einer Sache) hat insofern nicht ohne semantischen Hintergrund eine aktuale Verbindung zum italienischen fascio (Bund/ Bündel). Wogegen die Aufklärung als „Religion“ anschrieb war stets die Verabsolutierung von Immanenz und die absolute Bindung oder der Distanzverlust als größte Gefahren für alles Transzendieren – nicht-dialektische Aufklärung war, so verstanden, bereits anti-faschistische Theorie.

[5] Wo wir das Telos, das Ende oder die Ewigkeit des Systems schon skizziert haben, welche in ihm angelegt sind, dies noch ein letztes Mal als abermalige Notiz zu seiner Emergenz: es soll keine Aussage darüber getroffen werden, wie es von der „Natur“ zum System oder zum Menschen kam, noch wer oder was dafür verantwortlich sei, noch (ob) was aus wem entstanden ist, z.B. das System aus einem „ersten“ Widerstand oder der „erste“ Widerstand aus dem System oder beide gleichzeitig oder vollends anderes. Darüber ist keine Aussage zu treffen, weil es außerhalb des Menschlichen liegt. Innerhalb des Menschlichen aber liegen sowohl das System wie der Widerstand gegen es – davon einzig wird hier ausgegangen. (Logisch derweil, also naheliegend für den menschlichen Geist – innerhalb des menschlichen Horizontes von Erkenntnisfähigkeit – wäre zum Beispiel, dass mit der Routine werdenden Wiederholung des Angleichens als leichtestem Widerstand der Zug des Opportunismus entstand, welcher, als Geburt von Kultur, kultiviert, eingesickert, bleibend und Beziehung geworden, nunmehr zur Identität mit ihrer Lebensphilosophie des Heteronomismus wurde; die zunächst unfreiwilligen Nicht-Funktionierenden bildeten mit der Zeit eine interne Gegenkultur und bald bewusste Widerstände und Transzendenzmomente. So könnte eine Hypothese lauten.

[6] Idealismus und Materialismus als immanente Philosophien sind daher zweimal dieselbe Theorie: dies als kürzest mögliche Erwiderung auf die Kritiken der antiquierten Linken an der postmodernisierten – beide denken monistisch, beide f.g. „hegelianisch“.

[7] Vgl. Identität (lat. idem) als Distanzverlust – Familie (lat. famulus) – Gesetz des Hauses (altgr. oikos und nómos), s. R. Stirner: Erster Versuch von Radikalverantwortlichkeit, v.a. E.I.3. Wie unausweichlich daher die Bekämpfung des Patriarchats wäre für die Bekämpfung des Systems und seiner Identitäten ist kurzum unbestreitbar.

[8] Die zeitgenössische Linke kann überhaupt als externe Dienstleisterin des postmodernen Kapitalismus oder der vierten kapitalistischen Revolution beschrieben werden; so wie die marxistisch-leninistisch-stalinistische Linke ihrer Zeit der zweiten industriellen Revolution auch in „rückständigen“ „unterentwickelten“ Ländern zur Vormacht verhalf.

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Wir sind so froh, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh über diese Welt.“

B: „Ich bin so froh, von der Welt, in der ich lebe, beglaubigt zu bekommen, dass sie die beste aller möglichen Welten ist.“

C: „Ich bin so froh, dass mir die Zeit, in der ich lebe, erklärt, warum sie allen früheren Zeiten voraus ist.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass Gott bewiesen ist, weil in der Bibel steht, dass er existiert.“

B: „Ich bin so froh, dass die Presse mir die Wahrheit näherbringt, dass das Wort Lügenpresse eine Lüge ist.“

C: „Ja, ich bin so froh. So froh, dass mir alle Presse, von Welt bis taz, erklärt, dass das Wort Lügenpresse eine Lüge ist.“

A: „Auch ich bin so froh. Ich bin so froh, dass mir die Presse erklärt hat, dass sie nicht lügt, und dass sie mir erklärt hat, was rechts ist, und dass sie mir erklärt hat, dass das Wort Lügenpresse rechts ist und eine Lüge.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass der Westen mir sagt, dass der Osten das Böse ist.“
B: „Ich bin so froh, dass der Westen mir sagt, dass im Abendland die Freiheit wohnt.“
C: „Ich bin so froh, dass der Westen von sich selbst als vom Abendland spricht.“

A: „Ich bin so froh, dass die Presse im Westen aufklärt, wie verlogen die Presse im Osten ist.“

B: „Ich bin so froh, dass ich der Presse im Westen glauben kann, weil sie mir erklärt, wie unglaubwürdig die Presse im Osten ist.“

C: „Ich bin so froh, dass wir nicht mehr in den alten Lagern denken.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass es keinen kalten Krieg mehr gibt.“

B: „Ich bin so froh, dass die Atomwaffen den Frieden gebracht haben.“

C: „Ich bin so froh, nicht in der Achse des Bösen zu leben.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dort zu leben, wo die Sicht auf die Welt nicht nur eine Sicht ist, sondern objektiv.“

B: „Wirklich, wir können alle so froh sein. Auch darüber bin ich so froh!“

C: „Ich bin so froh, dass es nur noch Wohlstandsprobleme gibt.“

A: „Ich bin so froh über die Erfindung des Konzeptes first world problem in der Ersten Welt.“

B: „Ich bin so froh, dass es keine Klassen mehr gibt, sondern nur noch Milieus.“

C: „Ich bin so froh, dass es heute überhaupt nichts mehr gibt, wogegen ich mich noch auflehnen müsste.“
A: „Ich bin so froh, dass Hegel recht behielt und dass es keinen Punk mehr gibt, sondern nur noch Kunst, die spielen will.“

B: „Ich bin so froh, dass ich nach dem Ende der Geschichte lebe.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

C: „Ich bin so froh, dass wir alle so froh sind!“

A: „Ich bin so froh, dass wir alle so froh sind, denn das bedeutet, dass die Frohnatur die Natur selbst ist.“

B: „Ich bin so froh, dass wir objektiv froh sind.“

C: „Ich bin so froh, dass ich bin wie ihr, froh, natürlich und objektiv.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, so froh, dass ich wir bin.“

B: „Ich bin so froh, so froh, dass ihr wir seid.“

C: „Ich bin so froh, so froh, dass wir wir sind, denn damit haben wir uns uns selbst bewiesen.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass bei uns alles pluralistisch ist.“

B: „Ich bin auch so froh, dass bei uns alles pluralistisch ist.“

C: „Ich bin so froh, dass ihr es genauso seht wie ich, nämlich dass bei uns alles pluralistisch ist.“

A: „Oh ja! Oh, oh, oh, ich bin SO FROH, dass ich seit den Alliierten entnazifiziert bin.“

A, B, C: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind.“

B: „Ich bin auch so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind.“

C: „Ich bin auch so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind.“

A: „Aber ich bin auch so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind!“

B: „Aber ich bin auch so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind!“

C: „Aber ich bin auch so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind!“

Y kommt hinzu.

Y: „Ich auch.“

A, B, C: „Warum hast du nur zwei Worte gesagt?“
Y: „Ich wollte damit nicht ausdrücken, dass ich abweiche. Nein. Das wäre eine Verschwörungstheorie oder ein Terrorismus oder beides. Nein. Ich bin nämlich auch so froh, dass wir nicht mehr gleichgeschaltet sind. So froh bin ich. So froh!“

A: „Ich auch.“

B: „Ich auch.“
C: „Ich auch.“

A, B, C, Y: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass es so viele Meinungen gibt.“

B: „Ich bin so froh, dass wir so pluralistisch sind.“

C: „Ich bin so froh, dass mir die Presse, die mir erklärt hat, dass sie nicht lügt, außerdem erklärt hat, dass bei uns alles pluralistisch und divers und heterogen ist.“

A: „Ich bin so froh, dass mir die heutigen Institutionen erklären, wie gut sie sind, indem sie erklären, wie böse die alten Institutionen waren.“

Y: „So froh sind wir. So froh.“

A, B, C, Y: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh, dass die Alliierten die Guten sind, denn wir sind inzwischen Alliierte.“

B: „Ich bin so froh, dass seit den Alliierten die Gleichschaltung entnazifiziert ist.“

Y: „So froh ist unser Wir. So froh.“

C: „Ich bin so froh, dass unsere Gesellschaft so offen ist, dass sie sogar zugibt, wie offen sie ist.“

Y: „Und sie macht nicht einmal einen Hehl daraus. So froh bin ich darüber! So froh!“

A, B, C, Y: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

A: „Ich bin so froh über die Erfindung des Zirkelschlusses.“

Y: „So froh bin ich. So froh über die Erfindung des kollektiven Narzissmus.“

B: „Ich bin so froh über selektive Wahrnehmung.“
Y: „So froh bin ich. So froh darüber, dass selektive Wahrnehmung natürlich ist, also notwendig, also gut.“

C: „Ich bin so froh, dass ich wir bin.“

A: „Und dass wir wir sind.“

B: „Und dass wir gut sind.“
C: „Und dass wir natürlich sind.“

Y: „Und dass wir objektiv sind.“

A, B, C, Y: „So froh. Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

Z tritt hinzu.

Z: „Aber auch ich bin so froh!“

A, B, C, Y: „So froh über diese Welt?“

Z: „Ja! So froh bin ich über diese Welt. So froh sind wir über diese Welt.“

Y: „So froh sind wir. So froh.“

A, B, C, Y, Z: „Wir sind so froh. Wir sind so froh, dass unser Wir uns sagt, dass Freiheit und Menschlichkeit bei uns gesiegt haben.“

usw.

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