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Katapult

Ich bin ein Höhlenmensch geworden – nun, auch, auch, seitdem mich die Beziehung umgibt, in die zu rennen als Leichtestes blieb!? Wie soll ich, wo ich mit dem Rücken an der Wand bin vor den Verpflichtungen, vor dem Obligatorischen dieser Gesellschaft und ihren Menschen – wie soll ich? Wie soll ich keine Angst haben, wo sie sich immer wieder bestätigt, wobei ich den Schmerz nur noch wegwischen kann von meinen Oberflächen, als sei er bloß dort, als klappte es. Wie soll ich nicht zum Säufer werden, wo ich mich nicht mehr beruhigen kann, seit ich keine Argumente mehr habe, die gegen die Paranoia sprechen? Wie soll ich, wo ich immer wieder gezwungen werde, mich auszuliefern in die Scherenhände, wie soll ich da den ersten Duft des Sommerregens im März in mich lassen, bis er mich ausfüllt? Wie soll ich, was am wichtigsten ist, so noch leben, wie soll ich wieder zum Wichtigen kommen? Wie soll ich wirklich sein, wo ich nur noch entfremdet werde, wohin ich auch muss? Wie soll ich gegen die Phrasen wieder Sprache wachsen lassen, Poesie, wie soll ich mich aus den Verhärtungen lösen, die am einfachsten scheinen, die am tödlichsten sind? Wie soll ich die Anstrengung auf mich nehmen, und es ist Anstrengung, wo ich mir nicht zugelassen bin, dich wirklich vor mir zu sehen, Geliebte, dich immer wieder zu sehen, zu entdecken, dich, dein Gesicht, deinen zärtlichen Körper, dich zu erspüren, dich voll und ganz wahrzunehmen als dich, dich aktiv zuzulassen, dich zu begrüßen mit offenen verletzlichen Armen, zusammen mit dir zu sein, wirklich zusammen, mit dir – wo mir schon die Orientierung in mir fehlt, und vollends, wo ich mich verstecke und nicht wiederfinde aus Furcht, dass sie mich wieder zerschlagen wie eine Fliege, die doch nur fliegen wollte? Wie soll ich schreiben, mich schreiben, wie ich es immer tat, wo ich gehetzt bin, wo ein Berg auf mich wartet, der, trüge ich ihn nicht stündlich ab, mich bald begrübe unter sich? Wie soll ich schreiben, seit mir nicht nur die Zeit fehlt, sondern alle innere Freiheit sich fortstahl, fort von einem Innenleben, meinem, das nur noch den Peitschenschlag hört, und schon, wenn die Peitsche erst geschwungen wird, schon beim täuschenden Windhauch, zusammenzuckt, zu Boden wirft, wegjagt. – Wir alle sind gehetzte Tiere. Gehetzte Tiere, weil der Mensch dem Menschen, und nicht nur ihm, ein Jagdhund wurde, ein konditionierter Jagdhund, der das Rudel zusammentreibt, einkreist, manchmals, aus Lust, der Willkür der Regel gehorchend, wem durch den Hals beißt. Nein, so sind wir nicht, Geliebte, nein, aber wir haben kaum Zeit, vor lauter Flüchten vor denen, vor Menschen, im Krankenbett nach ihnen, im angestrengten Verheilen der Wunden, im einander Verbinden zuweilen, vor lauter bloßem Klarkommen – noch uns zu ändern, zu hören, zu lesen. Im Dauerkampf gegen die Abstumpfung, gegen das Einrasten, der uns voll in Anspruch nimmt – wann sollten wir uns um uns noch kümmern, wann, darum, was zählt? Wir wollen uns, wir wollen uns lieben, wir wollen zueinander und wir wissen, Geliebte, wir brauchen einander, oder, zumindest, ich brauche dich, – doch wann kommt die Zeit, die es uns erlaubt, unser Wollen zu können, die uns nicht krümmt, verkürzt, verkleinert, entleert noch länger? Wir lieben einander, doch wie wieder fähig werden zur Liebe? Ich würde gern aus der Flucht heraus, ich würde gern aus dem Bau ohne Todesgeflatter im Herzen, ich würde gern sehen, wo noch Erreichbares liegt, ich würde so vieles so gern, und weiß nicht mehr, was, nicht einmal das, inzwischen. Ich würde… ich Würde? Ich würde gern nüchtern unnüchtern sein, berührt sein von Schönheit, die hilflos von innen herausragt nach Außen, – nur kurz. Ich würde gern ohne Sucht – ohne Kippen, ohne Sex, ohne Schnaps als Süchte, ich würde so gern ohne Angst, so gern. Ich würde gern mehr vertrauen, Geliebte, ich würde so gern, ohne Angst. Ich würde so gern Gewisses fertigstellen, und Ungewisses anfangen, ich würde gern schreiben und schreiben, ich würde gern Neues erschreiben, ich würde gern heraus aus dem Rad, ich würde gern raus, und in mich herein, wieder: herein in mich. Ich würde gern das Lesen Erlernen von Neuem: unakademisch lesen! Prosa, Gedichte, Dramen lesen! Ich würde gern, wie früher, Stolzes lesen, und mich mit aufrichten daran, statt mich klein zu fühlen und die Augen davor zu verbinden, weil es mir zu viel verlangt, weil es mir zu viel ist, zu viel. Ich würde gern in Radikales hineinrennen wieder, explosiv, ich würde gern mehr wagen, ohne verletzt zu werden absichtlich von ihnen, ich würde gern spontan sein, endlich wieder. Zu lange bin ich nicht aufgeblüht! – zu lang hab ich mich nicht erhoben. Zu lange, zu lange, ich muss jetzt etwas tun dagegen, nicht von nun an, sondern jetzt, jetzt, ich, ich schreibe, liebe, denke ein wenig sogar, ich suche, ich suche wieder, wenn auch nur nach Worten. Meine… Suche… vieles, viel muss ich finden, um mich zu füllen, um Leere zu verscheuchen. Ich will mich nicht mehr ablenken lassen, – ich will ins Wichtige wieder! Ich will fliegen, ich will ein Vogel sein, der nicht mehr zurückscheucht vor Vogelscheuchen, vor tödlichem Scheuchen. Ich will zu dir fliegen und von dir fort, ich will fliegen mit dir und alleine, ich will nicht mehr fallen, ich werde das Fliegen erlernen. Wie, wie? – Ich baue mir etwas, ein Katapult, ein großes, und hoffe, es schießt mich weit genug, sodass ich es kann, Fliegen, bevor ich irgendwo aufkomme. Ich will nicht mehr ausweichen: ich will leben. Ich hoffe, ich werde es, – hoffe ich? Ich will hoffen. Ich will mein Augenlicht zurück, und ich will etwas sehen! Ich will, ja, auch daran, an das Gezwitscher von Vögeln glauben. An andere Menschen. An gute Erinnerungen – ich will mich erinnern, lichtdurchflutet erinnern. Ich will wieder nehmen, und dem anderen dabei ins Gesicht blicken. Ich will es spüren, wenn ich gebe. Geliebte, ich will dich kennenlernen. Und mich. Und keine Angst mehr, wäre das möglich!?! Ich… will keine Angst mehr. Aber vor allem will ich: mich und dich. Wir werden wieder. Wie sonst? Wir werden zusammen, Geliebte. Wir wollen uns. Ich baue mir ein Katapult aus meinem notorisch ungenügenden Nest, und lerne fliegen, und ich lerne, mich nicht töten zu lassen von Tödlichem, von tödlichen Vogelscheuchen, und wir werden zusammen fliegen. Man verscheucht mich nicht mehr weg von mir – noch von dir. Ja, man stößt uns. Es schmerzt. Die Angst. Ich falle. Ich breite meine Flügel aus. Ich will wieder lernen. Ich werde lernen

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