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Kap

Sie sammelt Spucke. Und dann? Dann sieht man ihr nicht an, was sie schon ist. Dann zerbricht sie sich den Kopf über das schon; sie zerbricht sich den Kopf. Sie hält sich an einem Knopf an ihrem Pollunder fest. Sie knirscht mit den Zähnen; sammelt Blut in den Fingern; drückt die erste Zigarette auf ihrer Zunge aus. Bäh! Und dann? Dann weint sie ein bisschen, denn es ist so kalt – ihre Fingerspitzen sind wie Eis, es tut richtig weh. Genügsam blättert sie in einem Wörterbuch, das sie in der Hosentasche hatte. Sie fährt mit dem linken Zeigefinger über die Regeln für das & dass und ist überrascht, dass die Regel auch an ihren Sätzen funktioniert. Sie weint ein bisschen stärker, denn das Schiff am Kap fährt ab. Sie steht am Kap, an der Spitze, vor der Ostsee. Der übergroße Kreuzer fährt aus der Bucht; der Buchthafen ist klein – der Kreuzer muss dicht am Kap vorbei; dicht an ihr. Sie hält viele Gluckser und Schluchzer zurück; bis die Kreuzerspitze sich durch die Buchtwellen vor ihr gräbt und die Schiffshupe bläst. Der Wind peitscht sich ab, an der großen Schiffsfassade; spritzt achtlos zurück, nach hinten, ans Kap; ihr gegen die kalten Tränen auf dem Gesicht. Sie geistert herum in sich, sucht. Findet nichts, hört auf und beißt die Zähne zusammen; erträgt Wind und das harte Gischtnieseln; der Pollunder saugt sich voll; verarbeitet die Gischt.

Wo stehst du? fragt sie sich selbst, denn sie hat verstanden, daß die meiste Zeit niemand neben ihr steht und ihr Fragen stellen kann. Außerdem stellen andere die Fragen meistens schlechter als man selbst, hören unaufmerksamer auf die Antwort, würgen ihren Wörterstrom ab, wenn sie anfangen muss zu würgen, vor ihren eigenen Antworten. Auf den Kreuzerbalkonen leuchten die Funzeln; einzelne lehnen sich beim schlechten Nachtwetter über die Ballustrade; einzelne rauchen ihre Zigarette über dem Wasser; beobachten ihre Fahrt. Sie kreischt verschämt; wendet den Kopf ab; hat sie einer von den Rauchern gesehen? – Nicht nur Raucher; auch Menschen, die Gischt atmen. Ich kann nicht, sagt sie sich selbst; steht fest da; aufrecht festgefroren; aber noch agil in den Zehen, die sie unterm dichten Schuhwerk anspannt und entspannt. Sie verlässt das Kap; genug. Genug! Genug! Sie würde gerne zusammenbrechen; den Rücken dreht sie bucklig dem Kreuzer zu; geht mit langsamen geraden Schritten nicht auf die Fugen der Wellenbrecher zu; sondern zurück zum Auto.

Sie dreht das Radio weg; dreht die Musik laut. Verkuschelt sich im kalten Sitz, schließt die Augen, hört das Regenprasseln auf die Windschutzscheibe. Windschutzscheibe. Richtet sich den Spiegel; erhascht die Lichter des Kreuzers; sieht den Schein um die roten Strahler am Heck. Sie kann sich nicht ausstehen, wenn sie ruhig dasitzt und dem Kreuzer beim Wegfahren zusieht; dreht die Musik lauter, will unaufmerksam sein, wenn sie das Bewusstsein ihrer selbst verliert. Sie dreht die Musik wieder leiser; dreht sie aus; zieht ihr Handy aus der Hosentasche, wählt eine Nummer aus dem Gedächtnis.

Hallo?
Ach hallo … Schön, daß du jetzt grade anrufst. Ich wandere gerade, also – eine Nachtwanderung. Kalt hier die Umgebung, jetzt bin ich hier seit vorgestern, ich sage mal so – kein Ankommen in Sicht. Naja – wie geht’s Dir?

Nicht so …

Nicht so? o. Nicht so – wie denn?

Sie schweigt. Die andere Seite auch.

Und … eine gute Idee? Hältst du es immer noch für eine gute Idee? Urlaub von dir selbst?

Wie? O – hm. Also das gestaltet sich natürlich doch etwas schwieriger als ich dachte, und … ich … will und kann eigentlich nicht groß darüber reden – du verstehst – liegt in der Natur der Sache.

Der Angerufene oder die Angerufene auf der anderen Seite denkt: Schwierig … ich moderiere. Ich lasse mein Ich nur moderieren. Meine Eindrücke sind nicht meine; das Alles ist nicht mehr mir; ich kann kaum …; ich springe hoch, an alle Seile, die sich zufällig an mir herunterlassen – bücke mich, hebe die untere Spitze an meiner Kniekehle auf; halte mich fest und beobachte; halte aber nicht allzu fest. Ich ich ist schwierig; ich will wenig davon hören. Ich breche meine Routinen, freiwillig, biete mir alles an, noch bevor ich den ersten Gedanken dazu gefasst habe, was ich jetzt machen will; würge alles Intime ab, von außen wie von innen; schmiede Pläne, unglaublich komplexe – lasse da Gedanken strömen! Schaue meine konvexen Wangen nicht mehr länger als einen Augenblick im Spiegel an; nehme mich an. Nehme mich an.

Verstehe … Ich kann auch nicht weiter reden. Sie legt auf und denkt noch einige Momente an den Anderen oder die Andere im Ausland; an dessen oder ihre kleine große Welt.
Sie lässt den zittrigen Motor an und reißt das Navikabel aus dem Zigarettenanzünder. Den Weg hinunter in die Bucht findet sie; daß Navi war nur für die Landstraßen hierher. Sie parkt unten in der Bucht; steigt aus und liest im Licht ihres Nokia-Handys den Fährenfahrplan. Das Nokia sagt: 19:11. Die eine Nachtfähre geht um 22:00. Keine krumme Zahl! Sie freut sich noch darüber. Verständlich, wenn am Tag bloß eine Fähre fährt und alle drei Tage eine bei Nacht – braucht es nicht wie bei Bussen und Zügen eine hektische und krumme Zeit zu sein, zu der abgelegt wird. Sie wartet im Auto; freut sich, den ungewöhnlichen dritten Tag für die Nachtfähre erwischt zu haben; ungeplant.

Um halb 8 kann sie die hellen Strahler der Fähre schon sehen; zehn Minuten später sie sie auch. Sie muss sich mit dem Kreuzer abgestimmt haben. Die Fähre legt an und sie legt sie schnell den Rückwärtsgang ein, als sie merkt, dass sie den übergesetzten Autos die Spur versperrt – ihr schwarzer Opel macht einen Schlenker nach hinten, auf dem grauen Rollsplitt. Als alle unten sind, fährt sie als Erste und noch als Einzige auf; ist überrascht, die Einzige zu sein; überpünktlich, verglichen mit den Anderen, die doch noch kommen müssten. Für eine Autofährenüberfahrt käme ich schon um halb 8; pünktlich – wie noch nie in meinem Leben. Sie rollt auf die Rampe mit der Schranke; eine ältere Frau mit Warnweste winkt und wartet geduldig, bis das Fenster unten ist. Dann gibt sie ihr ein schönes Moin, Moin; – fast vom Wind verschluckt, fragt sie wie es geht.

Lange Fahrt, sehr müde; danke, aber wirklich, daß sie fragen.

Haben Sie ein Onlineticket – oder telefonisch … weiß ja auch nicht.

Sie findet die letzte Phrase amüsant, gemessen am innegehabten Beruf ihres Gegenübers.

Nein, nein. Ich möchte ganz spontan nach København.

Ah! Sie sind Däne? Geht’s nach haus?

Ich bin kein Däne; hatte ein paar Kurse, mir selbst gegeben.

Sie ruft das alles in den Wind und findet das schön befremdlich.

Aber es geht nach Hause! Also ein Ticket bitte! Nur Hinfahrt!

Gut! Aber gern. So wird’s natürlich etwas teurer; wenn einer spontan nach Hause will … Obwohl das ja eigentlich nicht so sein sollte … Daß es das teurer macht – Sie verstehen.

Sie reicht ihr ein langes Billet und leuchtet ihr mit der Taschenlampe, auf den Geldbeutel. Ich verstehe … 439,90€. Sie hat es bar, tatsächlich, auch für sie war das überraschend. Wieso? Achso. Das war Geld, das ihre Ex-Freundin ihr gerne hatte schulden wollen; für die Nachhilfe für ihren Sohn. Sie Ex-Freundin zu nennen, im Kopf, – befremdet sie auf mehr als eine Weise; denn, ja, sie waren befreundet, nicht ex, und überdies lag ihre feste Beziehung so weit zurück …

Zehn Euro und zehn Cent zurück! Gute Fahrt!

Sie tippt sich an die Wollmütze; die Schranke öffnet sich. Ihr fällt ein violettes Licht in die Augen, das vorher die Schranke verdeckt hatte. Sie findet den ersten Gang und rollt auf die Parkfläche.

DUTY-FREE – was sie erst ohne nachzudenken für den Namen der Fähre hielt und sich darüber freute, entpuppt sich als winziges Lädchen mitsamt fest angestelltem Verkäufer. Sie findet ein paar gute dänische DVD’s, wüsste aber nicht, wann sie diese jemals anschauen würde; möchte eigentlich bloß in der Gegenwart sein. Sie möchte ihr Geld jetzt loswerden, nachdem sie einen Blick darauf hat werfen müssen; kauft sich eine große Toblerone und eine Schachtel Look Silver, zum Vollpreis, die Fähre steht noch vor ihrer Reise in „internationale Gewässer“. Im schmalen Bordcafé gibt sie für einen schwarzen Kaffee und ein Käsebrötchen die doppelte Rechnung als Trinkgeld. Sie stellt sich, wie man das so tut, an die Reeling draußen; denkt darüber nach, was man eben so tut. Der Kaffee ist sehr gut, wie das? Sie ist wirklich überrascht und raucht gerne eine Look dazu und blickt hin zum Kap, auf dem sie vorhin – inzwischen war das schon wieder „vorhin“ … – gestanden war. Die Schrankenfrau gesellt sich zu ihr und bittet sie um eine Zigarette. Sie gibt sie gerne, denn die Schrankenfrau hätte für eine Zigarette nicht unbedingt sie bitten müssen.

Es sieht so aus, als reisen wir heute Abend nur mit Ihnen. Schon halb zehn und niemand auf der Kapplatte.

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Existenzialismus

Grauer Star

Grau-sam vergrault im Erwachen. Ich sehe mich um. Pans Gel verschachtelt die Räume, verschachtelt kahle Gedärme grauen Betons, Panel um Panel achteln wir Bäume, zimmern uns Wärme, dort in den Rauten, wo man einst fror. Ich trete zum Fenster, sehe hinaus, plädiere – weiß, unweiß, weiß nicht, an wen: „vergesst mir das Essen des Lichts nicht, wenn den Morgen das Grauen befällt, vorm aschgrauen Grinsen der Sonne. Öffnet mein Wehr vorm chromgrauen Meer, denn nicht umsonst, Freunde, machte ich kehrt in der Kerze.“ Ich träume: wo Mehl mir noch Zier ist, da tiefen die Falten das Alter, da schlafen die Schläfen meliert. Altern ist grau. Asche ist grau. Doch fahren wir fort. Wohin?, weit weg nur, in Regen vielleicht, ich mag ihn ja sehr, in Wolken hinein, hinein in ihr Grau, weg aus dem Schlafsaal des Hostels, weg nur vom grauen Gebäck. Ich sehe mich spiegeln. Die Rüstung aus Knochen unter der Haut deiner Stirn will nicht mehr Christ sein, sage ich mir, die Lampionaugen des Jungen aus Sommer träumen von Räumen, wo Mühlen grauesten Pfeffers das Nießen ins Hirn hineinmahlen – wo sich bretonisch das Astloch einhölt. Doch immer noch kriechen von Böden die Schatten wie Würmer aus Äpfeln mir in den Mund, und ich denke, ich singe, vertone den Staub, köpfe die Knospen vom klebrigen Kleeblatt und juck mir den Kopf voll kratziger Haare. Denn das Hirn schlief mir ein.
Ein Bild an der Wand. Rothkos Lungen aus Farbe im Dunkel der Körbe. Ich weoß: wir Eingesperrten. Wir Gefängnisse. Und immer noch atmen wir, die Grenzen sind hingeschmiert, wir dürfen immer noch leben, gegen das Grau – sind immer im Dürfen. Aber –
Water, Lou. I need water! Ich lausche: „Wir kennen einander“, sagt der Ast zum gemahlenen Stein in den Häusern, „was alles täte ich bloß, dich wieder zu sehn!“. – Doch ein Sakko weht, verlassen, dort, beim Ballustradengemeißel darunter, jenseits des frierenden Flusses. Flugzeug an Flugzeug verbirgt sich, stählern im Stahlgrau des Himmels, und Hupen wellen den Tag. Depression ist im Winter ein Park, ein Park im Winter ist sie. Und ich sehe da Möwen ohne das Meer, ein Meer an Möwen ohne die See, ein Meer aus Möwen in Luft, ohne ihr Salz – eine siedende Siedlung im Himmel. Und ich streichle mir meinen Brustkorb, den man mir mitgab zum tödlichen Picknick des Lebens – und gebe mich auf.
keine wende also am ende, gefangenheit bloß, wer fängt hier wen, wer fing mich denn bloß, wer fing mich an, wann fing ich an, fing ich denn an? – das grauen des schreibens zwischen tintenzerklecksen und blancopapier, worein nun noch schreiben, schreiben in hitzige wüsten, schreiben in körnigen sand – wer ist der wind? ES GIBT KEINEN WIND, ES GIBT KEINEN HIMMEL, ES GIBT KEIN KIND, die wüsten sind fern. und grau steh ich hier im fenster des morgens, weiß nicht, ob ich sehne, und nag mir am nagel, suchend nach resten von essen aus anderen leben, essen, das mehr als graues gebäck ist.

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