Autoparodie, Existenzialismus, Kunst, Philosophie

Kreis, Wüste, Schale

Es gibt Mauern, die konnte ich nie überwinden. Ich bleibe drin – lasse das gute Wetter draußen. Die Größe der Stadt hat mich nervös gemacht, zusammen mit meinem Überschuss an Energie. Energie! Nach der Scheidung, vor Zuleika hatte ich sie im Kreis laufen lassen, und niemanden in diesen hineingelassen. Das war erwachsen, das war Ansprüche aufheben, allen Mut verabschieden: totale Kapitulation. Wo es schon keine Ausgänge gibt und keinen Ertrag auf irgendeinem Fleckchen – wieso nicht gleich stehen bleiben? In den Sterbestuhl legen, etwas Morphium in die Venen und – ruhig werden. Die Verliebtheit hat diesem Kreis ein Leck verpasst. Jetzt braucht Energie wieder eine Richtung. Sie will, dass ich ihr einen Kanal baue, um wieder so intensiv, so extrem, so implosiv zu werden wie früher. Ich war nie ganz kompromisslos, doch gab es immer Stellen, an denen ich nicht locker ließ – ganz fest saß oder hing oder klammerte ich in deren Schluchten.

Indes, die Scheidung hatte ihre Gründe.

Sagte ich es schon? Mir fehlte es nie an Energie – nur daran, sie sinnvoll zu investieren. Sie in ein Ziel zu stecken und zu stecken, bis es platze, wäre ein Leichtes gewesen, hätte ich an eins glauben können. Aber ich kann nicht. Es gibt kein Exil. Es gibt nur die Wüste und die Fata Morgana. Sie im Blick, lässt sich hoffen, morden und glücklich sein – im trauten Heim. Aber für die Spiegelungen des Nichts bin ich erblindet; Halluzinationen hat man mir verweigert. Dabei bräuchte ich nur irgendeine Schale, in die ich mein Blut nicht umsonst werfen muss.

Früher waren es die Körper von Frauen: war es die gesellschaftlich bezeugte, gezeugte Liebe. Das Blut war mein Ernst und mein Sperma und meine Zärtlichkeit. Es war mein sexistisches Geben. Aber so einfach ist es nicht und nicht mehr. Schon vor der Scheidung nicht. Ich wüsste weder, wie noch einmal lieben, noch, wen ernsthaft ernst nehmen. Und obwohl beide mir fast identisch sind, fehlen sie mir doch unabhängig voneinander: die Liebe und die Kompetenz, die Kapazität, die Fähigkeit, nicht nur ernst zu sein, sondern ernst zu nehmen. Dass mir das Nehmen derart verwehrt ist, liegt am Diebstahl, den man beging an mir.

Ich sage: kein All, kein Meer, kein See – kein Teich, kein Eimer – eine Schale reichte mir! (Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich glaube es. Wie wissen, was nie eintrat? Wie es schon vorher des Raumes verweisen?

– – Nie.) Eine Schale, nicht einmal gefüllt – ich bin kein Verdurstender, ich muss nichts in mich reinzwingen – nur raus aus mir!

– Nein. Das alles ist nicht dramatisch. Bloß nicht leicht. Und nicht kleidbar in dieses Sprachkostüm, das immer nach nichts aussieht oder zu bunt ist und zu antiquiert.

Und doch, es muss sein: wenn wenigstens die Nähte der Narben platzen könnten, um mich zu entlassen in etwas, das bedeutend war, vielleicht wieder werden kann. Aber was einmal verspielt ist, holt der Ernst nicht mehr ein. Herr Ernst, seine Miene eine Mine, die nie hochgeht.

Wo waren wir? Bei der Schale. Eine leere Schale. Man muss sie mir nicht schenken, nicht hinhalten, ich kann um sie kämpfen oder nach ihr jagen. Doch bräuchte ich eine Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sie gibt – irgendwo. Und die habe ich nicht. Nur Wüste.

Ob ich mir aus dem Sand und meinem Speichel eine töpfern könne? Das ist es ja, was Schreiben versucht. Wir scheitern immer nur die längste Zeit.

(Liegend in der Schale unsres Horizonts.

Es gibt Mauern, die kann kaum wer überwinden.)

 

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Aus der Erzählung Scheidung.

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