Ästhetik, Existenzialismus, Literatur

Gewalt

Ich spüre meinen Schädel. Meinen Kiefer. Die knöchernen Platten, die sich seit dem Kindheitsalter verhärteten. (Darin seither die Erhöhung der Temperatur für mein köchelndes Hirn. Liquidierung.) Den Zusammenfall der Wangenhaut. Das Versteck der Augen. Das Versteck, das Besteck ist, Verstecke zu entstecken und getrennt voneinander aufzustellen: ins Gesicht der Sonne. Nur die Ohren sind fort in unserem Spüren: wir sind ohrenlos. Der Eingang der Trommelfelle ist vernäht. Unsere Lider hängen taub umher. Die Haare liegen trocken, fremd. Unsere Schläfen sind verkeilt, aber sie schmerzen noch nicht. Der Nacken zittert immer. Kurz: unser Kopf ist verkopft. Wir sind Existenzialisten. Wir glauben nicht ans Phänomen. Wir müssten trotz allem schwindeln – hielten wir uns für fest. Wir halten uns nicht. Wir hielten nie – nichts zurück. Wir sind Aufgehende, unser Fleisch eine Blüte. So fühlt es sich an im Rücken. Aber wir sehen nicht hinter uns: wir wissen, dass dort der Abgrund gründelt. Wir sind zu grundlos, um noch den Abgrund zu spüren. Wir spüren nicht, wir spuren nicht, wir sind zu zergangen, um je zu vergehen. Wir sterben schon. Immer. Wir sterben zu Staub, doch sterben wir stets über Asche hinaus. Wir sind grau und das Grauen. Wir sind die Morgen aus Gräue. Wir haben keine Heimat. Wir kamen nach der Fäulnis. Nur unsere Stimmen sind sehmig geblieben. Wir nagen am Knust unsres Körpers, der leer ist. Hunger war uns die Fremde. Nur Freunde kannten wir nicht, sonst alles. Heute ist Freundschaft uns Brandmal und Gastmahl des Herzens. Und wir sind herzlos. Ein Loch haust uns unter den Rippen. Wir füllen nicht länger das Fass ohne Boden. Wir sind wie Trinker trocknen Humors. Bloß trinken wir nicht. Bloß Blöße blasiert uns. Kommt mit uns – oder bleibt in den Höhlen. Doch glaubt nicht an Licht. Es gibt es nicht. Uns gibt es.

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