Kunst, Literatur, Politik

Wohin, w/Weg?

Ich rieche die Seife, die zwischen meinen Fingern sitzt, blasig. Wer wäscht sich gründlich die Hände? Wir sind immer nur voll von Gestern. Damit soll Schluss sein.

Kaum sind die Äcker bedeckt. Schwarz liegen sie da, als absorbierten sie den Himmel. Himmel, Vögel, Bäume, Böden, Horizonte – Landschaft und graue Stadt: was soll noch darüber geschrieben werden? Den Bestsellern gehöre Fantasia. Marktwirtschaft! Lass dir Utopia schmecken. Ich bin auch nicht mehr sauer. Selbst bitter kaum mehr.

Ich habe Kippen gekauft – zünde mir zwei an. Zum ersten Mal ein gutes Gewissen. Ich fahr mir durchs Haar und tätschel den Funken Stolz, der sich der Schläfe entwindet.

Eine Raststätte später. Ich halte erneut an, schlafe zwei Stunden. Nackenschmerzen wecken mich auf. Es ist kalt. Kristalle bedecken die Scheiben. Als ich mir einen Kaffee hole, sehe ich, dass Flocken fallen. Es dämmert.

Ich „hole“ mir nicht bloß den Kaffee. Das ist euphemistisch. Ich muss ihn auch bezahlen. Ich brauche Geld. Unterstützung oder Erbe oder „Arbeit“.

Ich brauche meinen Pass und meinen Führerschein.

Ich kann genau so viel hinter mir lassen, wie man mir erlaubt. Der Umfang der Polterkugel steht in ihren Büchern. Nur Luke war je lucky. Frei sein wie ein Vogel? Vogelfreiheit. Ich zerquetsche die Glut auf der Karosserie, sobald der nächste Stängel brennt.

Wer hat mir das Feuer geklaut? Ich wende den Blick ab von der Werbetafel.

(Ich hab es nicht verloren.)

Ein Auto zerfährt meine Spuren. Ich folge ihm mit den Augen, nicke ein. Winterschlaf der Gerechten.

Manchmal, wenn es die Nacht durch schneit, sieht man keine Straßen mehr am nächsten Morgen. Frühaufsteher und Räumfahrzeuge sind nötig, um an Ziele zu erinnern. Ewig-alte Routen durchstoßen Jungfräulichkeit. Ich hasse das Wort. In wessen Dienst steht die Dämmerung?

(So viele etwas schwachsinnige Fragen, ja, was kann ich dafür, dass mir die Sinne geschwächt wurden? Man erzog mich katholisch.)

Die Lichter sind glitschig auf der ängstlichen Fahrbahn. Wie entkommt man der Sprache seiner Mutter?

Wie entkommt man?

Will ich es?

Wenn mein Hass nur so konstant, so durchfühlt wäre wie gerade.

Vielleicht wollte ich wieder leben?

Vielleicht wollte ich wieder lieben, mein Gott. Vielleicht auch endlich nicht mehr. Vielleicht könnte ich wollen, ohne zu brauchen.

Ampel. Alles rot ringsher. Ich fahre die Scheibe herunter; sie klemmt erst. Mein Finger knipst einen Zapfen vom Außenspiegel. Könnten wir auch Bräuche so abbrechen. Alles Gebrauchte. Alles Brauchen.

Könnten wir?

Hinter mir hupt es. Die Ampel steht grell im eigenen Grün.

 

[aus WEG – ein Abreisetagebuch]

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