Ethik, Ironismus

Ben.

[ein kurzer für mich witziger Entwurf eines fiktionalen Charakters, basierend auf einer „realen Person“ (das ist was?).]

Ben ist lang und sitzt immer mit einem Knick im Bauch krumm im Stuhl, mit den Händen im Schoß. Er hat einen milden fast bubenhaften Haarschnitt, ist 30 und hat schon graue Strähnen im braunen Haar und Bart. Er trägt Kapuzenpullis und hüftknochenlange Mäntel und gerne Komplementärfarben. Eigentlich sieht er aber recht durchschnittlich aus. Ben lebt in und pendelt zwischen Berlin und Wien ( – „der Hölle für Polys!“ (Polyamore)). Er lebt als freier Informatiker oft prekär. Er sucht sich seine Jobs nach ihrer Ethik aus und hat deswegen wenig Geld. Er wurde als Frau geboren und wird von seinen Eltern akzeptiert. Für seine finanzelle Lage suchte er jedoch nie Hilfe. In seiner Freizeit stellt er sich mit „Refugees welcome“ Schildern vor Asylbewerberheime; dort hat er ein breites Grinsen auf. Er wiederholt oft dasselbe Ideal: Wenn sich irgendwo hundert Menschen treffen würden, die wirklich etwas verändern wollen – dann wüssten wir doch davon und es würde sich etwas verändern! Wo finde ich diese Menschen? – Er hat einen leichten schwarzen Humor, der mit viel Lachen daherkommt: „For the second part of my life I want to be a dictator!“ Er hat einige wenige gute Freunde & eine Freundin, Amanda, in die er resigniert verliebt ist. Er möchte polyamor leben, sie sitzt in einer monogamen Beziehung. Wenn Ben diskutiert, so ist er manchmal ein sehr guter Zuhörer, dann wieder aber auch sehr unstet und reißt das Wort an sich; – das schwächt er dann ab, über einen Witz. So sagt er: „3 … 2 … 1 – it’s my turn!“ Neue Menschen lernt er zum einen mit Neugierde, zum Anderen mit Widerwillen kennen. Um nicht immer wieder dieselbe Geschichte wiederholen zu müssen, verschweigt er noch offenen Menschen oft seine Transsexualität. Sonst hat er sie oft schon fast vergessen. Auch für seinen Beruf muss er reisen – ethische Projekte (z.B. eine Internetplattform, über die man dafür sorgen kann, daß eine Idee unpatentierbar wird) sind selten und weit verteilt. Nach einer längeren Reise kommt er vielleicht zurück und Amanda erzählt ihm, sie habe da 100 denkende Menschen gefunden. Sie träfen sich in einem Festsaal. Endlos begeistert besucht Ben die Veranstaltung der 100; Amanda begleitet ihn. Doch er muss feststellen, dass binnen kürzester Zeit wieder Manifeste durch den Raum fliegen. Und nach einigen Stunden einigt man sich doch darauf, Repräsentanten zu wählen, die wiederum ihre eigene Meinung an der der Mehrheit glattschleifen. Wieder entstehen Machtspiele und alle Mechanismen der Massenpsychologie. Ben bleibt fast bis zum Schluss & versucht Räson in die Gruppe zu bekommen. Am Ausgang wird über Geschlechterrollen debattiert, nur über die Begriffe Mann/Frau. Ben fällt ein: Es gibt auch noch andere Geschlechter. Die Gruppe: Wie? Bist du etwa … umoperiert? Ben: … Zufälligerweise ja. Die Gruppe gluckst. Ben rennt wütend raus. Draußen küsst ihn Amanda und sagt: Du bist schön. Ich möchte eine Beziehung mit Dir. So wäre für Ben ein persönliches Ideal eingetreten, aber jedes Politische zerbrochen.

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Kunst, Literatur, Postmodrig

Im Norden des Körpers

Schüttelfrost als Suche im nähesten Umkreis, immer noch trockenere Eishände, den Kopf zwischen den Scheuklappenschultern, weiter durch die Grelle des Morgens. (Warum sind die Straßen sandig?) Die Schritte stumm stellen, dem Konzert aus schmerzenden Muskeln lauschen (der Bauch so voll: woher?), die blaublütigen Fingerspitzen zucken in Zeitlupe, während der Ellbogen eine Tür aufdrückt, Cafégeruch lädt ein?, stößt fort?, keine Kraft zur Entscheidung. Ein Getränk bestellen im Vorbeigehen (sind Beine Fluch oder Segen, die Fernhalter vom nassen, vom rauen, vom wärmenden Boden?), Bohrinsel Bistrotisch ignorieren, Inselsuche.

Sitzend.

Dieses Café: Heimat – Rettung – Grab – Pause – Schicksal – Zögern. Jedenfalls: kein Schritt wagbar im Grellen: nicht mehr. Das Tütchen aufreißen, den Zucker verfolgen im Schlitz, verfolgen mit Augen. Raffinerie auf der Insel, dann Pompeji, Tee sabbert aus seiner Tasse. Die Kellnerin nuschelt, es tut ihr irgendwie leid, Zucken schultert mir Mut. Schultern Zucken über dem Zucker, es sind meine. Verteilter Schmerz, jede Zelle streckt eine Hand aus ihrer Membran, auf der Suche nach Schlaf, Schlaf… Schlaf. „Wo bleibt der Regen, der mir mit Unsicht die Brille verhügelt?“ Doch – nicht allein im Café; nicht umzingelt; zu kleine Scheiben verbannen die Grelle. Zwei ältere Damen, die Falten im Kaffee gespiegelt, das Alter, geröstet, gemahlen, – hängen geblieben: im Filter der Haut. „Die Adern in meinen Händen dünn geworden, magersüchtig, versteckt in ihren Betten, unter organischen Decken.“ (Das Hirn klopft nur sacht an meinen Schädel.) Der Tisch wackelt, die Insel, ihr Himmel wäre mein Kopf. Warum, wohin, seit wann deportieren wir unsere Hoffnung? (Ängste sind kurzsichtig.) Hätte ich einen Stift zur Hand, ich lackierte mir die Nägel. Sand, Zucker zwischen den Fugen: das knistert. (Wie kommt mir mein Stonehengegebiss in den Sinn, in den Mund?) Die Zeit zieht jedem die Zähne. „Ein Nagel, der aufwachte, der aus dem Bett stieg, der demonstrierte“ – alles drückt man zurück in die Federn, die nicht mehr fliegen können. Und im Bett liegt der Sand zerstreut… (ANGST) Womit noch zudecken? Mit Blumen. Die Erde ist nicht einmal nass hier, wann regnet es? Bedenken, die Zunge zu verbrennen, am – Tee? (Ist das da Tee? Er ist so kalt.) Wie kann der Knöchel des Daumens derart stehen bleiben in Luft? (Wie kann irgendetwas stehen?) Ich sitze im Café, ich liege im Bett, in Sand, Zucker, Asche, Grelle, Risse: wohin? (Eine Scherzfrage des Geistes, der Geist wurde, Gespenst, der Witze nicht mehr versteht, der Sprache davonrinnt.) Zermahlene Zähne, gesiebt durch den Filter der Häute, gezuckerte Venen, blutlos, ganz Insel geworden –. Zögern, Schicksal, Pause, Grab, Rettung, Heimat, Zögern, Schicksal, Pause, Grab. Gezuckerte Venen.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Postmodrig

9. Januar (2014) […]

Morgennacht

du solltest immer genau das tun, was du gerade kannst; du weißt es nicht; du solltest immer genau das tun, was du gerade willst; du weißt es nicht; du solltest immer genau irgendetwas tun; du kannst es nicht; du solltest versuchen; du kannst es nicht; du darfst auch nichts tun; du kannst nicht dürfen; ich liebe dich; – danke

müde rasseln die leiber, vorzüglich schachmatt gesetzt, gelegt, gestellt, ist da eine stelle frei in dem amerikanischen vollwertrestaurant?, doch kalt ist mein zimmer, ich sollte mir danken für den quadratmeter luft, den ich mir baggerte, danke, kafkas schloss ist aufzuschließen, ich habe die schlüssel, doch welcher?, eine heizung allein inmitten der kälte, nicht einmal wände, die ihr in den rücken fallen, eine heizung allein inmitten der weite des raumes, eine heizung, die heizt, ein mensch, müde rasseln die leiber.

Scheiben sind angelaufen, ich lief sie an, schlafwandelnd, und küsste den tauwind direkt vor dem glas, synekdochen als denkmittel, das buch über der kante, mein selbstporträt, nur darum ernst genug, nietzsche mit partyhut, daten sind abgelaufen, ich lief sie ab, staffellauf pflicht, dauerlauf vorsicht, es geht weiter, es muss weiter gehen, „es“ ist der name des lebens, „es“ muss gar nichts, „es“ regnet und „es“ ist gut, aber „es“ muss nichts, wir sind nur manchmal aufgelaufen, ich lief uns auf, die wunden und löcher und maschen, ich lief mich auf, schlafwandelnd, küssend den tauwind, nur indirekt, der vor dem glas ein pendel anleint, das schwindelt, hin und wieder und her, und die ärmel sind immer zu kurz für das mondbein, hände zittern mir aus dem futter, futter ist nie genug da, kein vorrat reichte je aus, winterschlaf ist zu teuer, und weiter, es war lange keine leichtigkeit im sein, und weiter, und weiter auf dem pendel das gleichgewicht halten, das gewicht halten, das gewicht spüren, es ist wieder leichtigkeit im sein, hin und wieder und her, „es“ ist der name des lebens.

Es ist gut, dass schuhe keine augen haben?, es ist gut, „es“ ist der name des webens, das sohle und quartier wieder ineinander quartiert: schnürsenkel die enkel des klettverschlusses in den augen der kinder, die wachsen, die ihr klettensein verlieren oder verteilen, transferieren, die ihre widerhaken verhärten, nicht mehr kleben, die zu heften beginnen, zu bohren beginnen, die mit dem gin trinken anfangen, wenn sie nicht ganz verderben, die derb werden, wenn sie nicht ganz verderben, die das fangen lernen anfangen und sich fangen lassen, wenn sie nicht ganz verderben, die das „wenn“ lernen, die das weben als schmerz kennen, die sich fortquartieren, die sich in ihr quantum einquartieren, die den schmerz lernen, die sich falsche geschichten erzählen, die noch immer kinder sind, es ist ok, schuhe als augen, die uns die füße schonen, augen behindern das fortkommen, fortkommen wovon?, vom verderben, es ist ok, „es“ ist der name des webens.

 

[aus NUR LEBEN]

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Kunst, Literatur, Politik

Wohin, w/Weg?

Ich rieche die Seife, die zwischen meinen Fingern sitzt, blasig. Wer wäscht sich gründlich die Hände? Wir sind immer nur voll von Gestern. Damit soll Schluss sein.

Kaum sind die Äcker bedeckt. Schwarz liegen sie da, als absorbierten sie den Himmel. Himmel, Vögel, Bäume, Böden, Horizonte – Landschaft und graue Stadt: was soll noch darüber geschrieben werden? Den Bestsellern gehöre Fantasia. Marktwirtschaft! Lass dir Utopia schmecken. Ich bin auch nicht mehr sauer. Selbst bitter kaum mehr.

Ich habe Kippen gekauft – zünde mir zwei an. Zum ersten Mal ein gutes Gewissen. Ich fahr mir durchs Haar und tätschel den Funken Stolz, der sich der Schläfe entwindet.

Eine Raststätte später. Ich halte erneut an, schlafe zwei Stunden. Nackenschmerzen wecken mich auf. Es ist kalt. Kristalle bedecken die Scheiben. Als ich mir einen Kaffee hole, sehe ich, dass Flocken fallen. Es dämmert.

Ich „hole“ mir nicht bloß den Kaffee. Das ist euphemistisch. Ich muss ihn auch bezahlen. Ich brauche Geld. Unterstützung oder Erbe oder „Arbeit“.

Ich brauche meinen Pass und meinen Führerschein.

Ich kann genau so viel hinter mir lassen, wie man mir erlaubt. Der Umfang der Polterkugel steht in ihren Büchern. Nur Luke war je lucky. Frei sein wie ein Vogel? Vogelfreiheit. Ich zerquetsche die Glut auf der Karosserie, sobald der nächste Stängel brennt.

Wer hat mir das Feuer geklaut? Ich wende den Blick ab von der Werbetafel.

(Ich hab es nicht verloren.)

Ein Auto zerfährt meine Spuren. Ich folge ihm mit den Augen, nicke ein. Winterschlaf der Gerechten.

Manchmal, wenn es die Nacht durch schneit, sieht man keine Straßen mehr am nächsten Morgen. Frühaufsteher und Räumfahrzeuge sind nötig, um an Ziele zu erinnern. Ewig-alte Routen durchstoßen Jungfräulichkeit. Ich hasse das Wort. In wessen Dienst steht die Dämmerung?

(So viele etwas schwachsinnige Fragen, ja, was kann ich dafür, dass mir die Sinne geschwächt wurden? Man erzog mich katholisch.)

Die Lichter sind glitschig auf der ängstlichen Fahrbahn. Wie entkommt man der Sprache seiner Mutter?

Wie entkommt man?

Will ich es?

Wenn mein Hass nur so konstant, so durchfühlt wäre wie gerade.

Vielleicht wollte ich wieder leben?

Vielleicht wollte ich wieder lieben, mein Gott. Vielleicht auch endlich nicht mehr. Vielleicht könnte ich wollen, ohne zu brauchen.

Ampel. Alles rot ringsher. Ich fahre die Scheibe herunter; sie klemmt erst. Mein Finger knipst einen Zapfen vom Außenspiegel. Könnten wir auch Bräuche so abbrechen. Alles Gebrauchte. Alles Brauchen.

Könnten wir?

Hinter mir hupt es. Die Ampel steht grell im eigenen Grün.

 

[aus WEG – ein Abreisetagebuch]

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Autoparodie, Inspirierendes, Ironismus, Literatur, Lust(-iges) & eROTik

aus „Meinen Einsamkeiten“

Es ist ein schöner Herbstabend im Frühling, wir haben es Winter, und der Schnee, der dieses Jahr nicht fiel, schmilzt noch immer, hört ihm also nicht zu. Es ist, es ist, es ist, außerdem, es ist ein rotes Restaurant, um mich herum, sozusagen. Aber es isr, es ist eine Brasserie. Vielleicht korrigiere ich mich auch in Zukunft. Um mich: die Wände gepolstert mit dem Licht der Straßenlaternen, kein Klischeelicht (deshalb behaglich, sagten Augen einmal). Ich bin mit einem Menschen, ich scheine ihn sehr tollwütig zu lieben, weshalb ich ruhig bin, sein kann, jetzt, wo er hier ist. Er, dieser Mensch, er hat die einzige Nase dieser Welt, die keine Lächerlichkeit ist, ich finde vieles lächerlich, eben aß ich die erste, und es wird sich herausstellen, ich tue es jetzt schon, die einzig schmackhafte Olive. Das fesche Mediteranenbukett, ein wenig bitter, etwas salzig, mit Nusspartien im Hintergrund, steht vor uns. Die Geschichte beginnt schon, mich zu langweilen, aber ich bin stärker als das Lustprinzip, ich bin stärker als das, was ich nicht will, ich schreibe fürder, noch eine Weile, so soll es sein. Die Olive war überdurchschnittlich nur in dem Bukett vor mir, genereller gesprochen indes mäßig, so ist es mit dem meisten. Hingegen, Nase und Olive haben eine ähnliche Farbe, vor allem im Wein, der unter den Kinnladen zweifelt. Meiner ist delikat, nicht so jener, der mir gegenüber auf einem Bein steht. Ähnlich die Nase dessen, unter dem er liegt im Glas, Mensch, meine Grammatik, ich durfte sie zwei Mal probieren, also, die Nase, und ich zähle nur bis jetzt, wer weiß, was noch passiert heute abend, ich greife vor, das geschah schon. Jenes Teelicht vor uns, vor Nasen und Kinnen, ist ein wenig ein Feigling, das haben wir gemein, ich meine uns alle, mit der Ausnahme des Lesers. Der kann keiner sein, und strengte er sich noch so an, denn er existiert nicht für mich. Während die Leserin durchaus als Feigling fungieren kann, sonst hätten die anderen Oliven vielleicht geschmeckt, aber über Geschmack sollte man sich streiten, das ist köstlich, köstlich wie nur eine Nase in der Welt. Vor dem Fenster laufen ulkige Figuren, sagen die Leute draußen, sie sprechen ein wenig anders, und müssen wohl die Kellner meinen, ich fühle mich nicht angesprochen, sitzend. Soeben habe ich mir den Kern der Ausnahmeolive ins Knopfloch gesteckt, das ich lange suchen musste, bevor ich es nicht fand. Der Mensch mir gegenüber hat auch ein Loch, eines, das ihn unterscheidet, meine ich, ich meine, manche glauben das. Dies nur, weil manche Leser, nichtexistierend, kein Detail verpassen wollen. Ich kann solche nicht ausstehen, sie seien unmöglich, hätten nun andere geschrieben, aber nein, Sie sind wunderbar möglich, ohne Wunder, und das ist ein Verbrechen in dieser Welt, Sie, Leser. Die letzte Olive, kommt mir in den apprehensiven Sinn, könnte ein Popel sein in der Ausnahmenase, ein Ausnahmepopel. Ich war schon satt, aber das macht mir wieder Appettit, mir geht es immer so, ich weiß nicht, weshalb, welch kümmerliche Frage, nur Geranien mögen sie winseln, und andere Unterblumen, doch sie stinken, wie der Rotwein vor mir, er ist delikat, das ist ihr Privileg. Um genau zu sein, jeder Rotwein stinkt, aber dafür kann ich auch nichts, wie für so manches, na ja, „na ja“ hat der Mund unter der Ausnahmenase jetzt gesagt, das bezieht sich wohl auf die Geschichte, die ich ihm, oder vielmehr, den Ohren etwas weiter oben erzähle. Ich weiß nicht, ob er unsere Geschichte hier meinte, ich bin da skeptisch, vermutlich eher deren Subtext, oder wie man dergleichen nennt, fragt mich. Das Wachs im Feiglingswindlicht zischt, ich rate, es will uns etwas sagen, es beleuchtet die Nüstern der Olivennase, und meine, jener gegenüber, sie ist ein besonders ästhetischer Knubbel, und beherbergt meine größten Schätze, ich hatte noch keine Gelegenheit, sie zu ergründen. „Na ja“, sagt der Mund erneut, oder ich wiederhole es nur, dergleichen kann man nie wissen, Derrida, der Geschichtsonkel, packt die Gespenster aus, während jener na-ja-Mund wirkt wie eine beschämte Kaffeebohne, „unerhörte Metapher“, sagt er nun, aber das stimmt nicht, die Ohren hören gut, in ihnen stecken wenig wunderliche Hörgeräte, sie hören nämlich gut, denn sie hören gut, das war dreifache Bejahung, jetzt wird’s kompliziert, also fahren wir fort. Die Ohren können nicht gut hören, wegen den Hörgerätschaften. Als werde er geröstet, verzieht sich der Kaffeebohnenmund, als Rost dient das Feiglingsteelicht, ich hasse lange Worte, aber nur, wenn ich ein kaugummikauendes Känguru bin, was andauernd vorkommt. Wie schade. Ferner, ich hasse Hüpfen, der Alliteration wegen, Weitsprung. Es ist aber auch möglich, dass ich alles, was ich liebe, hasse, mindestens ebenso sehr, denn 34 ist eine magische Hängebrücke, zwischen dem Festland 33 und der Insel 35, wie ich einst herausfand, dabei suchte ich gar nicht, das ist ein alter Trick, ich weiß nicht. Die Ausnahmenase rümpft sich, eine athletische Hochleistung, solch Sonderliches sah ich nie, vor allem freitags, die Nase bleibt indes anders, deshalb liebe ich sie, das war ein schwerer Wert mit viel Bouket, wir brauchen eine Karaffe. „Na ja“, spricht die Kaffeebohne, das heißt, ich glaube, ich bin da stehen geblieben, war ja auch Zeit, um eine Pause einzulegen, dabei sitze ich, derselbe Witz, und wieder nicht gemerkt, Sie?, nun, was entscheidend ist, wie ich schon beschrieb, dergleichen nenne ich von nun an ein schlechtes Wortspiel, „mir wird auch schon schlecht, ich glaube, die Oliven waren es, schlecht eben, und die Welt ist es sowieso“, sagt ein Mund, ihr könnt euch aussuchen, welcher, das Gesagte passt zu uns beiden, ich meine, der Sonne und dem Mond, das war etwas hoch gegriffen, schlechtes Wortspiel, „erzähl was Neues“, ergänzt die Kaffeebohne, sie ist gut darin. Der Feigling zittert wie eh und je, was, wer, wo, wann sind denn eh und je, das ist wichtig, ich schweige dazu, sollen sie sich selbst erklären, wieso auch. Ein Deshalbdessert gäbe mir jetzt nämlich den Rest, wie immer, wovon den Rest, Fragen sind langweilig, wie ein Stein im Auge des Gesteinigten, streichen wir das wie, und das wir gleich mit, Streichen ist Konzeptkunst. „Wie viele Schichten hat eine Geschichte?“, frage ich plötzlich, aber nicht mich, das hat mich jetzt aber gar nicht überrascht, vielleicht, weil es eine neue Frage ist; das war, was man arrogant nennt. Die Bohne lispelt übrigens ein bisschen, schön, ein wenig wie Gischt, venusesk, ich schließe darin, in dem Lispeln die Augen und vergesse meine eigenen Lider, was schließlich so ist, als sähe ich wieder, man kann nie entkommen, wieso auch. In der Bohne mahlen die Zähne, nur ihr Gehäuse ist braun, ich meine die Lippen, weiches Gehäuse, entschuldigung, das war erotisch, ich muss kurz aufs Klo, man darf das ja nicht in der Öffentlichkeit machen. Ich freue mich schon auf den Sex in der Kirche, lasst uns den Lendenschurz heben, ich meine den Jesu, dann haben wir eine Orthogonale vom Kreuz weg, einen Kreuzweg, seit Christus. Die Ausnahmenase schnaubt, ich esse die zweite Olive, die schmeckt, sie schoss aus den Nüstern, wie in einem Actionfilm, nur weniger realistisch. Über der Bohne, irgendwo, sitzen die Augen, deren Weiß bei meinem Gegenüber, er ist ein Mensch, das könnte sich als fundamental erweisen, aus Versehen beige ist, eine französische Farbe. Man kennt sie, man erkennt sie, wenn man ein teigiges Baguette aus dem Ofen zieht, und es bricht, in dessen Mitte, da, da, da, da, da, da griemt lüstern das Beige. Ja, ich weiß, langsam nimmt der Mensch, dessen Knie an meinen reiben wie mein Herz an meinen Rippen, nur ohne den Schmerz, Gestalt an, hätte er sie nicht längst, ihr Tölpel, oder wie man das schreibt. Selbiges tut mir freilich auch leid, selbstverständlich, was, weiß ich auch nicht so genau, welch eine Frage, vielleicht mehrere. Ich habe für dergleichen nur Kopfschütteln übrig, meine Nase Verachtung, dann wölbt sie sich bedrohlich, Häretikerin, fast wäre sie mir abgefallen, das war knapp, ich muss in Zukunft schlechter aufpassen, auch hasse ich Oliven, außer Popel. „Sie gleichen Indonesen!“, schreit ein Rassist neben uns, wo kam der denn her?, saß wohl schon ewig dort und tat so, als sei er zivilisiert, welch ein Normalfall, ich sah ihn bis jetzt nicht, so gehe ich seit heute mit ihnen um, denn das hilft in der Tat genauso wenig. Wie in der Theorie! Ich nicke negierend und spucke ihm einen Kern ins Auge, er schreit schon wieder, man kann es welchen wie ihm auch nicht recht machen, so rechts man schon zu sein versucht, dabei versuchte ich nichts, und alles, bis morgen. An dieser Stelle will ich vorschlagen, man setze den Rassisten in meine Metapher mit dem Sehorgan der Gesteinigten, das gibt ein Bild! Aber zurück, zurück von den Zurückgebliebenen. Der Wein ist ausgetrunken, müffelt nur noch ein wenig vor sich her, ich will ihm sein eines Bein absägen, das erinnert mich an Otto Dix, „mir fehlen die Worte“, sage ich, „Fehlen ist ein Euphemismus“. Die Kaffeebohne spielt mit dem Feuer, doch der Feigling geht, er geht aus, er zieht sich aus, aus dem Raum, fort, als Rauch, oder Diskonebel, der Club ist im zweiten Stock, der an unserem Tisch lehnt, wie der erste, wir humpeln beide, das erinnert an den Einen, kennt ihr nicht. Ein Tropfen war doch noch im Glas, ein Widerling, ich habe ihn gerade wieder ausgespuckt, zusammen mit dem Kern, das waren anderthalb Referenzen, den Rest vergaß ich, vorgestern vielleicht. Dieses Grün in dem Beige gegenüber!, es gruselt wie die Sonne durch die Wasseralgen der Karibik, wo ich nie war, also was ich sagen will die ganze Zeit, das alles, das alles ist unbeschreiblich. Schade, jetzt habe ich die Pointe verraten, ich bin aber auch ungeschickt, so lange schon kannte ich sie nicht, und dann platze ich einfach so heraus damit, das ist widerwertig, ja, wie mein Herz, aua, es rächt sich, das meinte ich, nein, Fehlinterpretation, es war der Rassist, wir befinden uns in einer Straßenschlacht, das ging ja schnell, ich habe also gewonnen, aus Glück natürlich, nein, danke, keinen Wein mehr, Betrunkene können nicht laufen. Die Haare neben den Algen sind ganz hervorragend, ich meine hinter den Ohren, und kurz wie ein kleiner Finger beim Schlafwandeln, warum auch nicht, ich weiß nicht, ich bin kein Friseur und schlafe schlecht, wie die durchschnittliche Olive, ganz genau, wir liegen immer daneben, selbst beim Sex, ein schlechtes Wortspiel schon wieder, „schlecht wie die Welt“, und da zittert die Kaffeebohne wie bislang der Feigling, vielleicht war das Teelicht auch wütend, ich würde ihm alles zutrauen, wie niemandem, dafür unterschätze ich jeden genug, außer mich, ich, ich, ich, ich bin Genie, die Knie an meinen malmen, es ist Zeit für die Kirche, warum lassen sie die nachts nicht offen, nun werden wir einbrechen müssen, das gefällt mir, das ist Anstiftung zum Gesetzesbruch. Vielleicht sollten wir auch hier, am Tisch Liebe machen, aber das tue ich ja schon andauernd mit der Hand am Stift auf dem Block. Wir rufen den Kellner, bezahlen nicht, und gehen.

Hörgeräte fallen aus Ohren, Algen brennen im Wasser, Bohnen platzen Schreie heraus in die Hitze, Knie reiben weniger, erschöpftes Zittern, Beige verblasst. Zuletzt atmet nur noch die Ausnahmenase. In der Kirche, nach dem Sex, löst sich Jesus vom Kreuz, um den Lendenschurz zu wechseln, morgen könnte Sonntag sein, da macht das Leiden wieder Spaß. Oder er kommt auf uns zu; umarmt uns; und verlässt das untergehende Kirchenschiff: ein Traum wird wahr. Wir schlafen auf dem Altar, als der Dämmer beginnt.

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Ästhetik, Kunst, Literatur, Skeptizismen, Uncategorized

Zweifelszüngeln (1/2-heartedly deciphered)

Wir. Kunst. Wir.

Wir haben verstanden: Kunst ist nicht einmal das kleinere Übel (nur das abstraktere). Aber wir suchen Flucht im Museum. Wir sind Atheisten, weil wir um Gott wissen. Wir lächeln misanthropisch, seit unser Humor unter den Messern der heutig-ewigen Dystopie verblutet ist. Wir sind ehrlich ironisch. Wen wir mögen, den lieben wir auch: wir lieben und mögen viel, weil wir wenige, die Wenigen mögen und lieben. Uns ist kalt, da wir nur Fackeln sein können. Die Urnen sind voll von uns, doch wir gehen lebendig durchs Zombieland. Uns ist herbstlich zumute, wenn der Sommer uns einpfercht. Wir glauben nicht an die Schönheit der Blüten, und köpfen niemanden; haben keine Vasen. Unsere Archive sind leer: Kunst muss obdachlos sein, um Kunst zu bleiben, zu werden. Wir schlafen mit der Nacht statt während ihr. Wir kämpfen, rauchend, gegen die Geschwüre des Krebses (des Krebsens). Wir sind krebslos (unser Glaube), haben keine Scheren, kein Besteck, wir denken mit den Fingern: wir schreiben. Wir schreiben Bruch-Stücke.

Wir. Wir sind das salzige Krokant einer anderen Erde. Wir sind Poeten, ob ihr uns so nennen wollt oder nicht (auch, weil ihr uns nicht so nennen wollt). Wir sind über alle Ränder angefüllt mit Mangel: wir tragen an dieser Last nicht, wir fallen mit dem, was wir fallen lassen. Wir sind abgesägte Schienen, die glühen, wir sind verfahren, man verfährt sich mit uns. Wir sind aus gutem Grund; den kein Fundament betoniert. Wir horchen nicht, weil wir nicht ganz taub sind.

Wir. Wir sind restvoll rastlos. Wir setzen Punkte sarkastisch, hypotaktisch, wir sind zu bewegt fürs Setzen. Wir essen viel oder gar nicht, und beides; unsere Mitten sind extrem. Unsere Dichtung? Gespreizt. Unser Kern ist aufgesprungen, und springt nun umher, nicht konzentrisch – wir sind Ex-Zentriker. Wir sind zu sehr Literaten, um die Täuschung Wahrheit interessant zu finden (um zu finden. Wir sind zu interessant, keine Literaten zu sein. Wir –)

Kurz und böse: wir. Wir verlieren die Fäden nicht. Wir streifen sie von uns: wir ent-fesseln uns.

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Ethik, Inspirierendes, Pamphlete, Politik, Religion, Skeptizismen

Weiße Rosen. (Lesbare Denkmäler)

Sophie Scholl

„Nach einer längeren Debatte waren wir schließlich der übereinstimmenden Meinung, daß der christliche Mensch Gott mehr als dem Staate verpflichtet sei.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

„Beim Anblick der stillen Großartigkeit dieser Berge und ihrer Schönheit wollen einem die Gründe, die die Menschen für ihre unheilvollen Taten vorbringen, lächerlich und verrückt erscheinen, und man bekommt den Eindruck, sie wären gar nicht mehr Herr über sich und ihre Taten, sondern würden von einer bösen Macht getrieben. Denselben Eindruck hatte ich, wenn ich den großen Fabriksaal überblickte und die hundert Menschen an den Maschinen stehen sah, als gehorchten sie, selbst ahnungslos und unbewußt darunter leidend, einer Macht, die sie zwar selbst erschaffen, dann aber zu ihrem Tyrannen erhoben hatten.“

Brief an den Vater, 22. September 1942

„ (…) immer wieder schwankend, müder werdend, nicht mehr sein wollend, so daß ich mir nichts anderes wünsche als Nicht-Sein, oder als nur eine Ackerkrume zu sein, oder ein Stückchen einer Baumrinde. Aber schon dieser oft überwältigende Wunsch  ist wieder schlecht, denn er entspringt ja nur der Müdigkeit.“

Brief an Fritz Hartnagel, 22. Mai 1940

„Es ist der Kampf, den ich selbst führe, den Du auch haben wirst, nicht zurückzusinken ins Wohlbehagen, in Herdenwärme, ins Spießbürgertum.“

Brief an Fritz Hartnagel, 10. November 1940

„Ich wünsche Dir sehr, daß Du diesen Krieg und diese Zeit überstehst, ohne ihr Geschöpf zu werden. Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Brief an Fritz Hartnagel, 16. Mai 1940

„Weiß ich denn, ob ich morgen früh noch lebe? Eine Bombe könnte uns heute nacht alle vernichten. Und dann würde meine Schuld nicht kleiner, als wenn ich mit der Erde und den Sternen zusammen untergehen würde. – Das weiß ich alles.“

Tagebucheintrag, 9. August 1942

(*)

Hans Scholl

„Ich muß meinen Weg gehen und gehe ihn gerne. Denn es kommt mir ja nicht darauf an, vielen Gefahren und Verlockungen aus dem Weg zu gehen, sondern es soll mir wahrhaftig nur darauf ankommen, die Dinge richtig und in aller Ruhe richtig zu erkennen. Doch bis dahin werden noch viele Stürme über das Dach meines Hauses brausen und es erschüttern. Ich will indessen meine Lampe anzünden, und wenn sie auch flackert und auszulöschen droht, so wird doch ihr Licht rot und warm und manchem einsamen Wanderer ein Wegweiser sein.“

Brief an Rose Nägele, 8. August 1941

„Ihr glaubt vielleicht, man müßte weiser und reifer aus dem Kriege zurückkehren. Dies ist nur bei ganz wenigen Menschen der Fall. Ich glaube, ich war vor diesem Wahnsinn innerlicher und aufnahmebereiter. Der Krieg wirft uns weit zurück. Man glaubt es nicht, wie lächerlich der Mensch geworden ist. Wir verlassen den Operationssaal, drinnen stirbt einer, und wir rauchen eine Zigarette.“

Brief an Inge, 1. August 1940

„Unsere Kompanie wurde vom Kriegsgericht dem OKW der Meuterei wegen gemeldet. Es entwickelt sich in unseren Reihe ein Denunziantentum abscheulichster Art. (…) Ich hatte nicht erwartet, daß die Masse auf die geringsten Drohungen so reagiert. Aber ich habe vieles gelernt.“

Brief an die Eltern, 12. Februar 1941

(*)

Christoph Probst

„Mein Leben war in der letzten Zeit recht doppelseitig, ich hatte einerseits unter einer geradezu beängstigenden wochenlangen Müdigkeitswelle zu leiden, so daß die wachen Stunden recht beschränkt waren. Dazwischen aber war ich recht tätig – medizinisch, russisch, lesenderweise, einkaufenderweise u.s.w. Es war dies geradezu notwendig, da mir in Mußestunden eine stille Verzweiflung ans Herz kroch. Aber eben eine „positive“ Verzweiflung, wenn man das sagen kann, denn sie erzeugte nicht Resignation, sondern Tätigkeit und Intensität.“

Brief an die Schwester Angelika, 4. Juli 1942 (95)

„Einmal muß das Menschliche hoch emporgehalten werden, dann wird es eines Tages wieder zum Durchbruch kommen. Wir müssen dieses Nein riskieren gegen eine Macht, die nicht nur alles Andersdenkende ausrotten will, die sich anmaßend über das Innerste und Heiligste des Menschen stellt. Wir müssen es tun um des Lebens willen, diese Verantwortung kann uns keiner abnehmen.“

1942, zit. n. Bernhard Knoop

(*)

Willi Graf

„Schwer ist es, daß man solchen Problemen immer allein gegenüber steht, kein anderer Mensch kann einem die Last von den Schultern nehmen. Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung. Für uns aber ist die Pflicht, dem Zweifel zu begegnen und irgendwann eine eindeutige Richtung einzuschlagen. (…)“

Brief an Anneliese, 6. Juni 1942

„Hast du schon einmal gesehen und verglichen, daß für viele Menschen diese Probleme, die uns bewegen, so gar nicht erregend wirken? Es gibt zwar Unterschiede in dieser Stabilität: Die einen besitzen tatsächlich die Weisheit, die ihnen Ruhe bringt, die anderen aber finden es zu anstrengend, sich damit herumzuschlagen und geben sich mit kleinen Fortschritten in ihrem persönlichen Leben zufrieden. Oft kann man sich wünschen, doch zu diesen „Zufriedenen“ gezählt zu werden, es wäre doch so einfach. Aber wir finden diesen Weg nicht, wenn wir uns auch noch so unempfindlich machen.“

Brief an Anneliese 25. Juni 1942

(*)

Alexander Schmorell

„Mein Haß gegen diese Menschen, und mit ihnen auch gegen dieses Land, wächst von Tag zu Tag. Wenn das so weiter geht, bin ich doch neugierig, wohin das kommen soll.“

Brief an Angelika Probst, 13.Juni 1937

„Sie sind froh und glücklich, wenn sie nach fremden Regeln leben dürfen, auf fremde Befehle gehorchen dürfen, um selber nicht denken zu brauchen, der Masse nachzugehen, folgend, ihrem Herdentrieb, um nicht zu irren.“ Die zweite, sehr viel kleinere Gruppe von Menschen nannte Alexander Schmorell die „Auserwählten,  (…) die es können, Neues uns Eigenartiges zu schaffen, die sich die Lebensregeln selbst zusammenstellen können und auch tapfer genug sind nach ihnen zu leben und die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937, zit. n. Christiane Moll

„Denn nichts ist schöner, als die Freiheit des Gedankens und die Selbständigkeit des eigenen Willens, wenn man sie nicht fürchtet. Hier versucht man, uns sie zu rauben und sie uns vergessen zu machen oder sich von ihr zu trennen, aber das wird ihnen nicht gelingen.“

Brief an Angelika Probst, 1. Mai 1937

„Wie schön ist es dann, sich in ein solches Blütenmeer zu werfen, den dahin ziehenden Wolken nachzuschauen und von Vergangenheit und Zukunft träumen zu können. Aber solche Schönheiten verstehen die Menschen hier gar nicht; bei ihnen heißt es Tempo, Tempo, schuften, schuften, um einige Habseligkeiten zu erwerben, um nicht zuspät zu kommen. Ist das der Sinn des Lebens? Hier in Deutschland scheinbar schon, und deshalb hat hier das Leben auch keinen Sinn.“

Brief an Angelika Probst, 27. Juni 1937

„Was ich getan habe, habe ich nicht unbewußt getan, sondern ich habe sogar damit gerechnet, daß ich im Ermittlungsfalle mein Leben verlieren könnte. Über das alles habe ich mich einfach hinweggesetzt, weil mir meine innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat höher gestanden ist.“

Gestapo-Verhörprotokoll, 1943

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Ethik, Ironismus, Literatur, Politik, Skeptizismen

Der Störenfried

Wir gaben ihm Stellung und feuerten ihn an. Das hätten wir nicht von ihm gedacht! Er war immer der alle Zurückhaltende gewesen: der, der Dich am Ärmel fasste und leise fest sagte:

Jetzt ist aber mal gut. Lass „gut“ sein (– du verstehst es nicht). Vom vielen Verstehen bei Kerzenlicht waren seine Äuglein schlecht und wir ihm mächtig und böse geworden! Da nahm uns einer den Frack, – nein schlimmer! – die Uniform ab! Da hielt uns einer zum Besten – verständig; verglich uns mit selbigem (gegen sein eigenes Licht); – hielt uns nicht offen, daß unter der Uniform noch etwas sei!

Das ging uns zu weit!

Wir wurden still. Akzeptierten; gaben Hoffnung. Einer fing an, seine Buchtipps zu lesen.

Doch einmal, – doch, doch, doch. Uns war es ja klar gewesen; – da stand er umzingelt; irgendwie hatten wir’s geschafft. Da zählte kein vorher. – Der Oberst hatte abgezählt, in der Umkleide: wer los müsse. Der Schwächste, der Hänfling – ein gewaltiger Mitläufer –, sollte an die Front. Wir nahmen den friedlichen Störenfried bei seiner Ethik. Von ihm verlangten wir das Volontariat, zum Schutze des Hänflings.

Und laut fiel er leise an der Front. Wir glaubten ihm im Graben und klaubten plappernd (und lachend und rauchend) seine klappernden Knochen in den Feuerpausen auf.

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Ethik, Politik

Gut zu sein bedarf’s nicht wenig – vor allem Besserung.

„Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie.“

„Keine Schneeflocke in der Lawine wird sich je verantwortlich fühlen.“

– Stanislaw Jerzy Lec

Irgendwann, in jedem System, in dem man lebt, am Ende jedes Zusammenhangs, steht man selbst.

Ist man darin nun weniger Mörder, wenn man zusammen mit anderen gemordet hat? Kann man etwa Dreiviertel-Mörder sein? Ist man einer zu 20, zu 2, zu 0,2%? Zählt man Mörder in rationalen Zahlen oder gleich in reellen?

Ist man kein Mörder, wenn man mit einer Maschine tötet? Ist man keiner, wenn die Maschine kompliziert ist, wenn man sie nicht durchschaut, nie baute oder entworf, sie jedoch bedient wie im Schlaf, um das Resultat im Klaren? Ist man kein Mörder, wenn die Maschine so groß ist wie die ganze Welt, wenn sie jenseits des eigenen Blickfeldes den Mord ausübt, wenn mit jedem Mord ein Geldstück oder ein Lebens-Mittel aus ihr fällt, in den eigenen Schoß? Ist man keiner, wenn man die Maschine in die Wiege gelegt bekommt, wenn man mit ihr aufwächst, von Klein auf lernt, sie zu bedienen, wenn sie zur Gewöhnung wird, zur Normalität, zum Lebensunterhalt?

Ist man kein Mörder, wenn die Maschine Maschinerie ist, System, wenn die Maschine Kapitalismus heißt, wenn sie Angebot und Nachfrage, wenn sie Globalisierung oder Konsumgesellschaft oder Marktwirtschaft genannt wird?

Nun, die eigentliche Frage ist doch: wer von uns Mördern will noch Lügner werden?

Erst, wessen Gewissen eben nicht „gut“, da entfernt wirksam ist, erst bei jenem, der sich für Ehrlichkeit entscheidet, der vor Schmerz überläuft, fängt die Anstrengung an. (Doch auch bei ihm muss es vergebens bleiben, aufs Vergeben zu setzen, wenn das Opfer schon starb.) Wie also kann ich mein Gewissen, jetzt, wo es nicht mehr gut ist, sondern adäquat, aufrechterhalten?: Wie komme ich mit dem zurecht, was ich bislang war? Wie lässt sich das System beseitigen, sodass zumindest die Zukunft anders wird; wie besser? Letztlich: wie kann ich mich verhalten, bis es so weit ist?

Weder bin ich in der Lage, noch möchte ich die Denkarbeit abnehmen, weil ein jeder, der irgendeine Integrität besitzen will, sein Leben als ethisches an dieser Stelle von Grund auf überdenken muss. Meine Einstiegsüberlegungen sollen nur folgen, um zu zeigen, dass es nicht ausschließlich bei Fragezeichen bleiben darf.

Die Vergangenheit ist insofern eine tote Zeit, als sie absolut ist: gänzlich unabhängig von allen lebenden Entitäten, jenseits allen Werdens und Wandelns, nicht mehr veränderbar. Folglich lässt sich ihr logisch lediglich akzeptierend begegnen; Bereuen ist nur zu begrüßen, wenn es uns in der Gegenwart beeinflusst, als Flucht vor dem Geschehenen in den Fortschritt treibt. Damit das Sich-Stellen aber tatsächlich ein Nach-vorne-Drängen wird, muss Widerwillen gegen das entstehen, was man derzeit ist: an dieser Stelle kommen Selbstreflexion und ihr Selbsthass ins Spiel, der das in uns bekämpft, was nicht wir sein wollen, was uns abstößt, der also, trotz missverständlicher Wortwahl, das Selbst verteidigt gegen das im Ich, das gegen einen selbst wie andere steht, idealiter als treibende Kraft der ethischen Dialektik, des Progresses an sich.

Je ähnlicher wir unserer Vergangenheit sind, desto weniger haben wir uns bewegt in unserem Leben, desto weniger wurden wir, desto mehr sind wir noch unbewusst und unbedacht – Fremdeigentum, extern, heteronom, da jeder so beginnt. Je näher man an diesem Ausgangsstadium bleibt, desto unaushaltbarer ist das Sich-Stellen, desto unwahrscheinlicher, dass man erkennt, wie überholenswert „man“ ist – desto ferner strebt man, sofern man es doch tut; je größer der Abstand aber wird, desto leichter fällt das Akzeptieren, weil umso mehr Entwicklung stattfand. Dies ist der einzige Weg, mit der eigenen, schlechten Vergangenheit klar zu kommen, ohne vor dem Schlechten an sich oder dem eigenen Jetzt die Sinne zu verschließen oder sein Gewissen völlig über Bord zu werfen. Was getan ward, bleibt getan, wird nie legitimiert sein, ist Faktum; wir können es nur ertragen, da wir besser wurden, besser werden, ohne je damit aufhören zu dürfen. Und wahrhaftige Schuld, die wir auf uns laden, ist letztlich vor allem ein schweres Gewicht für die Entscheidungen unserer Zukunft.

Den gleichen Weg muss gehen, wer das System beseitigen will: es ist bloß dadurch, dass wir an ihm partizipieren, Teil sind und Profiteur, ja, dass wir zwischen uns und ihm nicht unterscheiden können: es ist nicht lediglich in uns – wir sind es. Die Zukunft aber kann nur besser werden, wenn wir in der Gegenwart die Vergangenheit hinter uns lassen; Zukunft hat nur, wer oder was fort schreitet aus dieser Vergangenheit. Aus unserem alten Ich muss ein neues Selbst werden, das vom System befreit wurde und nun gegen es arbeitet. Ersteres kann geschehen durch das Prinzip Zweifel, letzteres muss mit ihm fortgeführt werden. Nur er durchschaut das Opportunistische in uns, nur er legt es frei, obwohl bzw. weil dabei zutage tritt, dass wir weiter nicht viel sind. Aus dieser Erkenntnis entsteht Angst, Furcht vor dem Loch in uns, dem Toten, der Statik des Übernommenen, ein Verschließen, Verstecken davor, die Hast fort von sich, das Fortlaufen von den Spiegeln: diese existenzielle Angst kann einzig ignoriert werden vom Zweifel, der ohne Rücksicht bloßstellt, da er dazu fähig ist, unabhängig von uns zu werden. Wenn er sich einmal ernsthaft in einem Menschen eingenistet hat, entkommt ihm niemand mehr; keine Ausreden, keine Ablenkungen helfen, dem eigenen Nichts weiterhin nicht begegnen zu müssen. Die Aversion gegen alles Fremde in anderem Sinne, nämlich Unbekannte, Unsichere indes ist dabei der Mauerbau ums eigene Nichts, das man bedroht sieht, weil alles Externe, einmal eingelassen, man selbst würde, unverhinderbar, so wie es bislang auch geschah: je weniger man Eigenes ist, desto größer wird die Angst vor dem Fremden.

Nun hat man immer eine Wahl, so schlecht sie auch sein mag – z.B. nach Afrika auswandern und dort mitsterben, Eremit werden oder Suizid begehenen. Alles dies exkludiert uns als Schuldige aber nicht aus dem Ganzen, entzieht uns nicht unserer Verantwortung diesem gegenüber, denn nicht nur wir tun Schlechtes: die Aufgabe, den Zweifel zu streuen, hat jeder, der Maschinerie und Automatismus in sich, in allen und allem beseitigen möchte, sowohl, bis es so weit ist, als auch darüber hinaus: die Skepsis ist der chaotische Virus Freiheit im System. Er wird letztlich auch jede gewichtige Tat so verändern, dass sie nicht mehr zu bereinigen ist vom Gedanken: die ethische Kausalität lässt sich dadurch nicht länger übersehen. Erst mit der Bewusstwerdung dessen, was wir sind bzw. dass wir nicht(s) sind, vermögen wir das zu werden, was wir sein wollen. Empathie und Sensibilität nun können sich zu neuen Normen wandeln, sie erweitern uns zur Welt, wir werden sie, ihre Gefühle, ihr Schmerz – aus Kausalität folgt endlich wahrgenommene Schuld. Jene wiederum lässt den Selbsthass wachsen, dieses Gefühl der Schande: er ist absolut rational motiviert; er spürt, dass wir nicht gut sind, und er macht uns besser. Das Wissen um beides mag mit Arroganz verwechselt werden, doch es ist Faktum, es ist Schutzschild des Gewissens oder dessen Geburt; wenn man den Gedanken nicht zuließe, in der Lage zu sein, besser als andere zu werden, könnte man nicht mehr hinreichend gegen das vorgehen, was in einem und anderen, früher, heute und in Zukunft System ist, un-eigen, schlecht, kurzum: hassenswert, weil es keine bedeutende Unterscheidung mehr gäbe zwischen richtig und falsch – dieser Hass ist die Bedingung der folgerichtigen Liebe.

Zweifel, Selbsthass, Sensibilität, Empathie, Schmerz und Arroganz greifen also die Wurzeln an, sind radikal und folglich nachhaltig, flächendeckend, konsequent: falls zielgerichtet, so auch zum Handeln geeignet, als Ethos. Der Zweifel führt zu der Erkenntnis, dass man System ist und damit blind für dessen Schandtaten, er befreit ins Individuum, in die Freiheit der Möglichkeiten, ins Denken und in geweitete Horizonte; er ist Herausforderung des Verstandes und er übersieht nicht, er antizipiert noch die letzte detaillierte Unwahrscheinlichkeit. Der Selbsthass stachelt uns an zur Veränderung, kann nicht ertragen, dass man nichts, wenig, schlecht ist, bleibt Perfektionist, unzufrieden mit uns. Sensibilität und Empathie sind die stets beweglichen, wandelbaren, zukunftsfähigen, aber nie rückgratlosen, konformistischen, „flexibel-elastischen“ Normen, denn sie sind in uns, sie sind wir; sie erweitern zur Welt, lassen fühlen, was schlecht ist, dass in uns die Pflicht liegt, auch anderen ein Selbst zu ermöglichen. Der Schmerz als Reaktion lässt einen nicht mehr los, er nimmt einen mit, begleitet, überall hin, zu jeder (Schand-)Tat, die er zu verhindern trachtet. Die moralische „Arroganz“ letztlich bringt die notwendige Gewissheit mit sich, dass besser zu sein als andere nicht das (moralisch) Falsche, sondern genau das Richtige ist – wie überhaupt, dass wir es können, womit wir erst in der Lage sind, das Schlechte ihm gebührend zu behandeln: weil bessere Alternativen von ihm unterminiert werden. Die Götterdämmerung, das böse Schicksal der internalisierten Gottwesen, das Aufblühen des Individuums dieser Art hätte ergo, der nordischen Mythologie entlehnt (seien wir so absurd wie wir sein müssen), eine bessere Welt zur Folge. So ließe sich im Jetzt das ehemalige Ich ertragen, je mehr es vergangen wäre, eben durch Wachstum; das System unterminieren, indem wir zu uns würden; produktive Besserung herbeiführen, da unsere Normen uns weder in Gedanken, noch in der Tat verlassen könnten; und das Gewissen aufrechterhalten, weil es seine Arbeit zu verweigern nicht mehr fähig wäre.

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Ethik, Politik

An DIE MÖRDER UNTER UNS, an – ALLE

„Wo wir uns finden, hat verkehrte Konjunktur

uns fett gemacht. Dank Leid und Kummer satt,

schlug mästend Elend an als freien Marktes Kur;

und selbst auf unsre Sünden gab’s Rabatt. (…)“

(aus „Das Unsre“ von Günter Grass)

„Our lives begin to end the day we become silent about things that matter.“

(Martin Luther King)

Einer von neun Menschen auf der Welt leidet an Unterernährung.

Im Jahr 2014.

Das sind 805 Millionen Menschen.1 Oder 10 Mal Deutschlands Bevölkerung – wäre Deutschland ein „Platz an der Sonne“2, wären „Deutsche“ nicht „implizit“ mehr wert.

Zwei Milliarden Menschen hungern weltweit „unerkannt“3 – d. h. auch oder insbesondere ignoriert. Und selbst, wer den Hunger seiner Jugend überlebt und keine irreversiblen Schäden davon trägt, wächst hinein in die Armut und die wirtschaftliche Stagnation seines Landes, die das Hungerproblem mitschafft, in beiden Sinnen4. Im Jahr 2006 starben jeden Tag 100.000 Menschen allein an Unterernährung und ihren Folgen5 – ein Tatbestand, für den wir nie Zeuge, aber stetig Täter waren. Die globale Situation hat sich die letzten acht Jahre nicht maßgeblich verändert6. 100.000 Menschen, seien es ein paar 1000 mehr oder weniger7, werden täglich von und für uns ermordet, genauer: von unserem und für unseren Gleichmut: für unseren Status Quo, für das System, in dem wir leben, an dem wir partizipieren, das wir verteidigen, von dem wir profitieren. 100.000 Menschen, das hieße: alle 60 Tage ein kapitalistischer Holocaust, was keine Polemik, sondern schlichte, bittere Realität ist. Welche Berechtigung hat der Konjunktiv, den wir eben verwendeten? Bloß eine, die das herrschende System mit legitimierte. Bloß die.

Massenmord bleibt Massenmord

Es gibt drei qualitative ethisch-moralische Unterschiede von Bedeutung zwischen den heutigen Deutschen und jenen zwischen 1933 und 45, und alle drei beweisen, dass wir in größerer Erklärungsnot sind, als unsere Urgroßväter aus Nazideutschland je waren – der einzigen Not, die wir (ich spreche hier von allen, die des Prekären hold sind) haben – ganz ohne sie zu kennen.

Zum Ersten nehmen heute alle an dieser Gesellschaft, am relativen Wohlstand, am Massenkonsummord teil, die meisten am Geld-für-sich-arbeiten-lassen ihrer Kreditinstitute, während damals zwar jeder (in gewissem Grade) Mitwisser, beinahe jeder Mitläufer, aber definitiv nicht jeder Täter war: wenigstens handelte man noch als Opportunist im Auftrag eines verbrecherischen Staates statt als Nutznießer eines solchen Wirtschaftssystems.

Zum Zweiten ist die Ausrede, welche sich während der Nürnberger Prozesse großer Beliebtheit erfreute – derzufolge die eigenen Verbrechen ein anderer tun würde, wenn nicht man selbst – in der Nachfragelogik unseres kapitalistischen Systems im Gegensatz zum Hierachieverständnis des Faschismus nicht mehr im Mindesten tragbar – so etwas wie „Unschuldige“ gibt es nicht.

Zum Dritten schließlich wäre in unseren Tagen ein Ausklinken aus dieser Gesellschaft oder ihr scharfes Kritisieren nicht halb so folgenreich und nachteilhaft wie zur Zeit des Dritten Reiches, was unsere Schuld, und dieser Begriff ist, wenn irgendwo, dann hier angebracht, ins wahrhaft Unermessliche steigert.

Das Neue am Holocaust war indes nicht etwa die „Qualität“ der Taten – denn bürokratistisch-administrativer, industrialisierter Massenmord ohne Gewissensregung hatte seine Ursprünge bereits im Kolonialismus –, sondern die pure Quantität, die unfassbare Menge ermordeter Menschen. Auch aus diesem Grund ist jeder Vergleich mit heutigen Verbrechen, die ähnlich viele Menschenleben kosten, nicht nur berechtigt, sondern eine ethische Pflicht, da man das Ausmaß des zeitgenössischen Schreckens wie der Schuld augenscheinlich nicht anders bewusst machen kann. Aimé Césaire schrieb jedoch außerdem, dass nicht in dieser Unvorstellbarkeit der „Quantität“ das Problem der Bewältigung der Shoah liegt und lag, sondern in einem anderen, einem normativen Umstand: „[Was man Hitler im Grunde nicht verzeiht ist] (…), dass [der Holocaust] nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass er das Verbrechen gegen den weißen Menschen ist, dass er die Demütigung des Weißen ist und die Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa (…).“ Offensichtlich gilt diese Unterscheidung zwischen dem Wert des Weißen und jenem des Rests der Welt nach wie vor, nur interessieren sich derzeit noch weniger für „Farbige“ als damals für Juden – am allerwenigsten die „Alliierten“. Eine wortwörtlichere Umsetzung der „Blut-gegen-Ware-Verhandlungen“, ein produktiverer industrieller Massenmord lässt sich letztlich nur noch im Kapitalismus etablieren, wo der Ethos absolut unethisch ist, wo es tatsächlich um nichts anderes mehr geht als um das, was sich finanziell lohnt. Doch „keiner fällt den Mördern ins Wort“ (Celan, Wolfsbohne). Wieso nicht?

Wenn wir also heute, alle 60 Tage, ganz ohne Konzentrationslager, doch mit Hilfe der unsichtbaren Hand des Marktes, einen Leichenberg auftürmen, der Auschwitz noch übersteigt; und wenn der Vergleich zwischen einem Leichenberg aus Afrikanern, Lateinamerikanern und Asiaten mit einem aus Juden dank offensichtlichen Fundamentalrassismen kollektiv, aber vor allem elitär verurteilt, untersagt, zensiert und unter Strafe gestellt wird – wie können wir dann noch glauben, Kapitalismus sei eine gesellschaftliche Praxis, die gerechter oder gerechtfertigter sei als irgendeine Art des Faschismus?

Wir können daran glauben, denn:

Eichmanns gibt es viele.

Hannah Arendt attestierte Adolf Eichmann, womöglich der Schlüsselfigur des Holocaust, demjenigen, der die Deportationen kontrollierte, in ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“8 den „Schutzwall“ „mangelndes Vorstellungsvermögen“, „schiere Gedankenlosigkeit“ (nicht Dummheit!) und „Realitätsferne“ – gesammelte Merkmale, die auf alle mir heute bekannten Menschen ebenso zutreffen, denn Eichmanns gibt es viele. Es ist in der Tat die Unfähigkeit, sich mit den Resultaten der eigenen Handlungen in Verbindung zu setzen, zu kombinieren, ja, überhaupt zu realisieren, was man tut, die vor allen sogenannten „bösen Triebe[n]“ zum Unrecht auf der Welt führt.

Wenn man den Schweiß der Kinderarbeit in konventioneller Schokolade schmeckte, jene Bauern in seinem Schrank hängen sähe, die einem die Kleider strickten, oder beim Fleischessen den brennenden Durst erodierter Regionen erlitt – so wüsste man, wie viel Blut an den eigenen Händen klebt, was man anrichtet, welcher Mörder man ist. Doch haben wir die Folgen unseres Handelns, all die Agonie outgesourct. Wir hören noch Statistiken sterbender Menschen, doch fühlen wir nichts. Die geographische Trennung zwischen uns und unseren Opfern löst den Sichtkontakt auf, das ist gewollt. Aber nicht den Zusammenhang.

Immunität des gutbürgerlichen Mörders

Der einzige Grund, warum wir für all das nicht vor Gericht stehen, ist, dass es keine hörbare Klage gibt, da keine Kläger in unseren Breiten existieren – man lässt sie erst gar nicht über unsere Grenzen (mit Green Card fällt es schon schwerer, den Kapitalismus anzuprangern). Dennoch sind wir alle schuldig (ja, schuldig, wir sind es, sofern das Wort irgendeinen Sinn ergibt), weder besonders, noch zuletzt die Gesetzgebenden. Wir alle, wir Anonymen, „sie“ sagen nichts, „weil sie sich selbst belastet fühl(t)en“ (Arendt). Auch heute trägt „kein Faktor so wirksam zur Beruhigung [des] Gewissens bei[] wie die schlichte Tatsache“, dass sich „weit und breit niemand[], absolut niemand[] entdecken“ lässt, dem die allgemeine Tätermoral auf- oder missfiele oder der dagegen die Stimme erhöbe – obwohl das „bloße Wort bereits“ eine gute Tat wäre. Dieses Faktum mag daran liegen, dass „die Stimme des Gewissen in [uns] genauso [spricht] wie die Stimme der Gesellschaft, die uns [umgibt]“. Wie damals haben sich nur „Ausnahmen (…) so etwas wie ein normales Empfinden bewahrt“, welche sich, als die „sehr wenige[n] Menschen, die imstande sind, wirklich begangenes Unrecht einzusehen“, also sich „schuldig [] zu fühlen“, inzwischen „absolut darüber klar [sind], dass ihre eigene Schockreaktion von ihren Nachbarn nicht mehr geteilt [wird]“.

Wie damals wird man die Frage „Galgen oder Orden“ stellen, wenn die Nach-Dritte-Welt-Kriegszeit dämmert, was wohl nie der Fall sein wird – wenn doch, so gäbe es, gleich dem Nach-Hitler-Deutschland, keine Verhaftungen „mangels Bewusstseins der Gesetzwidrigkeit“. Noch in der Tat: wir können der Wirklichkeit nicht „ins Gesicht (…) sehen, weil das eigene Verbrechen aus ihm nicht mehr wegzudenken ist“. So trainiert man uns von klein auf, die Realität nicht zu realisieren, den industriellen Massenmord für Normalität zu halten, an ihm teilzunehmen. Und genau dies ist der Grund, weshalb wir es tun.

Auch dass die „moralische Verantwortung desjenigen, der das Opfer dem Tode ausliefert, (…) nicht geringer ist und sogar größer sein kann als die Verantwortung dessen, der das Opfer mit eigenen Händen tötet“, wie eine der Prämissen der Gerichtsbarkeit jedes Naziverbrechers lautete, ist exakt auf uns – die „gutbürgerliche[n] Mörder“, nämlich die „Helfershelfer“ (Konsumenten und Besitzende) „uniformierter [oder uniformer] Mörder“ (Unternehmen, Banken und Börsen) – anwendbar. Eine gerechte Gerichtsinstanz, uns betreffend, käme zum selben Schluss wie die Richter im Urteil Eichmanns über diesen, denn offensichtlich ist „jedermann geschehen“, was jenem im Dritten Reich „geschah“, nämlich anonymisiertes Mitmorden zum eigenen Vorteil, und zwar im Schutze und in den Grenzen des herrschenden Systems: „Die gegenständlichen Verbrechen sind (…) Massenverbrechen, nicht nur, was die Zahl der Opfer anlangt, sondern auch in bezug auf die Anzahl der Mittäter, so dass die Nähe oder Entfernung des einen oder des anderen dieser vielen Verbrecher zu dem Manne [oder zum Um-/Zustand], der tatsächlich das Opfer tötet, überhaupt keinen Einfluss auf den Umfang der Verantwortlichkeit haben kann. Das Verantwortlichkeitsausmaß wächst vielmehr im allgemeinen, je mehr man sich von demjenigen [oder dem] entfernt, der die Mordwaffe mit seinen Händen in Bewegung setzt.“ Unsere Schuld nimmt demnach von Neuem an Dimension zu; ja, wir haben sogar noch die letzten „Hände des Mörders“ – die es im Nationalsozialismus noch gab – entfernt und durch die invisble hand, durch ein Dahinsiechen, durch Krankheit und Unterernährung und Ausbeutung, durch ein kannibalistisches System ersetzt.

Lösung der Gewissensfrage

Ein Naturgewissen existiert nicht. Wenn überhaupt, so verfügen wir bloß über ein gespaltenes, das Doppelmoral zur allgemeinen Ethik erklärt – die „Inkonsequenz“, die dabei zutage tritt, fällt niemandem auf, weil wir sie nicht sehen, nicht „sehen woll[]en“ (Arendt), weil wir blind sind. Es gibt keine Schuld bei uns zu erlösen, weil wir niemals welche fühlten – wir werden zur kollektiven Schuldunfähigkeit des Realen erzogen, sie ist per Normalisierung sozialisiert.

Dazu gehört ferner, dass man vor allem anderen Unrecht den Hunger in der Welt, den einer Milliarde Menschen, das Resultat der Ungleichverteilung, des eigenen Wohlstands als unausweichlich und alternativlos darstellt, als schon immer da gewesen. So leicht unterwirft man sich, wie Erich Fromm es formulierte9, einer anonymen, internalisierten Autorität, „der Geschichte“ oder „der Natur“, die einem die Verantwortung abnimmt. Dies aber ist die Bedingung, die es uns „beinahe unmöglich mach[t]“, uns unserer „Untaten bewusst zu werden“.

Es bedarf einer totalitären Doppelmoral, um als Mörder einen Diebstahl oder eine materielle Beschädigung, den zu tiefen Ausschnitt seiner Tochter oder die Befehlsverweigerung eines Schülers zu verurteilen (– und dennoch wird es gemacht). Denn wie sollte überhaupt irgendwer von uns (Partizipanten) urteilen dürfen, wenn noch der Richter schuldig ist – geschweigedenn über solche Kleingeistereien? Und wer will mir erzählen, er habe irgendeinen ernsthaften moralischen Wert, wenn ihm jene hier aufgezählten Gedanken noch nie gekommen sind, wenn moralische Integrität oder gar Authentizität unbekannt ist? Ja, wie soll man einer solchen Person irgendeine Art von Respekt zollen, völlig einerlei, in welcher Position sie sich befindet?

Nur durch das Fehlen jeglicher Empathie, jeglicher sogenannter Menschlichkeit, jegliches Verantwortungsbewusstseins ist es möglich, als Ausbeuter, Unterdrücker und Mörder (als Konsument, Teilhaber, Funktionierender) sein jetziges Leben unbedacht weiterzuleben. Tatsächlich kann lediglich, wer gewissenlos ist, sich noch für irgendetwas anderes interessieren, für anderes eintreten, beten, klagen, weinen, leiden als für dieses normalisierte Kollektivmassenmorden des Durchschnittsmenschen Ich, Du, meine Familie & Freunde. Gerade die Unfähigkeit, ethisch denken, handeln, leben zu wollen, gerade diese Unauffindbarkeit eines intakten Gewissens aber machen den Psychopathen aus, sie sind seine Definition. Selbst wenn wir uns also vor Gericht verantworten müssten: der psychologische Bericht lautete „nicht zurechnungsfähig“. Und wir landeten nicht im Gefängnis, sondern in der Psychatrie – wobei man sich fragen muss, wer uns behandeln sollte!

So stellt sich noch dem letzten übrig gebliebenen Ethikum, der über seinen „Mit“menschen zerbrochen ist, die Frage, wie man in einer, verzeiht mir das Wort, kranken Welt gesund bleiben will. Wie möchte man es, wenn noch das Lächeln der Freunde ungeachtet des Zustands dieser Erde, der Resultat ist, im Raum steht, ihn entzwei reißt, wie soll man nicht zwischen diesen Widersprüchen psychisch, moralisch, körperlich zerfleischt werden? Wie will man die Pflicht jedes Humanisten (und Antispeziesisten), das Mitleiden aufrechterhalten, wenn man allein steht und sich keiner interessiert, wenn einem die Kraft entzogen wird von Konformismus und Achselzucken rings umher? Kurz, wie will man diese „furchtbare[] Banalität des Bösen“ aushalten, geschweigedenn bekämpfen, „vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert“? – wie diese „Grausamkeit der Gedankenlosigkeit“ (Nietzsche)?

Wie also kommen oder kamen wir anderen – Gleichen –, die den Widerspruch und das unendliche Leid nicht fühlen, zur „Lösung des Gewissensproblems“, wie Arendt es ausdrückt? Sie selbst beantwortete diese Frage damit, dass es das eigentliche Kennzeichen industriellen Massenmordes sei, „dass diese Verbrechen sich innerhalb einer legalen Ordnung“ vollziehen. So war es damals: so ist es heute. Die Demokratie – zuallerletzt unsere Schönwetterdemokratie – wird nie dafür sorgen, dass sich an alldem irgendetwas ändert; ja, sie wird es immer legitimieren. Schließlich repräsentiert sie noch diesen Typen Mensch, diesen normalen Psychopathen und seine „Pilatussche Zufriedenheit“ (vgl. Arendt) – die eben von der Entscheidung des ganzen Volkes gedeckt ist. Selbst wenn man drückebergerisch, „systemimmanent“ an besseren Partizipationsmöglichkeiten herumdoktorte – nicht diese oder ihre Unauffindbarkeit sind das Problem, sondern die Menschen, die sie benutzen, wir, die (abendländischen, industrialisierten) Völker, unsere „Wertegemeinschaft“.

Wir sourcten also das Leid aus, damit es nicht mehr offen sichtlich war, sodass wir uns weigern konnten, zu realisieren. Gedanken- und Empathielosigkeit, Ursachen wie Folgen dieser Handlungen, führten zum vollständigen Verlust jedes Verantwortungsbewusstseins. Daraus entstand ein Gewissen, das mit der Stimme der Gesellschaft und mit zwei Zungen sprach, wobei diese von den Verbrechen profitierte. Eine Doppelmoral emergierte, die systemkonforme Prämissen als solche überhaupt nicht mehr durchschaute, die ihre Argumentation mitten auf der Strecke (bleibend) begann – statt zu Beginn. Unter Schuldigen schließlich, in der Situation, die wir zum Status Quo erklärten, deckte man sich gegenseitig, schon aus eigenem Interesse: keine der fadenscheinigen Ausreden, dieser schlechten Erfindungen, entlarvte man. Durch die Normalisierung, von Kind auf betrieben, und die Behauptung der Alternativlosigkeit des Grauens wurde die Schuldunfähigkeit (a-)sozialisiert, somit erblich und quasi unsterblich. Dies ist die traurige Kausalkette, welche – das ethische, denkende, fühlende Wesen Mensch liquidierend – die Lösung der Gewissensfrage resümiert.

Integrität fordert Radikalität

Wer aufhört, wer aufhorcht in dieser Welt, der muss aufhören, beenden, was bislang war, der kann die Schreie nicht länger ignorieren. Wie Gustav Landauer muss er ausrufen: „Die Welt ist ohne Sprache. Sprachlos würde auch, wer sie verstünde.“ Wir werden bis ans Ende unseres Lebens schuldig, Täter bleiben, daran ist nichts mehr zu ändern. Aber wer nicht weiter morden und dabei zusehen, wer kein Psychopath mehr sein will, wer für seine Kinder anderes vorhat, der muss jetzt beginnen, damit aufzuhören, der muss alle Energie, alles Geld, alle Ideen, alle Zeit, alle Kraft in dieses eine radikale Ziel der Beseitigung unseres Systems stecken und sich wie alle anderen als dessen funktionsfähigen Teil für immer abschaffen.

4http://de.wfp.org/hunger, entnommen am 12.12.2014

6 2006 waren es statt 805 856 Millionen Menschen, die permanent schwerstens unterernährt waren (vgl. ebd.). Diese leichte Verbesserung wird relativiert durch die massiven Hungerkrisen, die vor allem durch die Spekulation der Finanzmärkte und deren Kollaps ausgelöst wurden.

7Sprechen wir nicht erst von den betroffensten Regionen, für die keine (oder keine zuverlässigen) Daten bereit stehen.

8Wir werden im Folgenden aus diesem Werk zitieren. Für exakte Seitenangaben bestimmer Textstellen, auch der anderen Quellen, bitte nachfragen.

9In Fear of Freedom.

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